Inhaltsverzeichnis

12er-Kata­log unzu­läs­si­ger Ant­wort­tech­ni­ken der Bun­des­re­gie­rung vor dem Deut­schen Bun­des­tag

Verweise ohne Informationsgehalt, Themenwechsel, Zeitverschiebung, verdeckte Verweigerung: Antworten der Bundesregierung auf parlamentarische Anfragen können das Frage- und Kontrollrecht des Bundestages formal wahren und materiell leerlaufen lassen. Der folgende Katalog beschreibt zwölf solcher unzulässigen Techniken mit Regel und Beispiel, ordnet sie in drei Familien und liefert ein allgemein anwendbares Prüfraster, mit dem sich jede Antwort der Bundesregierung systematisch auswerten lässt. Die 12 Antworttechniken haben sämtlich gemein, dass sie die verfassungsrechtliche Pflicht zur vollständigen und wahrheitsgemäßen Beantwortung missachten.

Inhaltsverzeichnis

Die zwölf Ant­wort­tech­ni­ken im Über­blick

Der Kata­log ist aus beob­ach­te­ten Ant­wort­mus­tern gebil­det und ord­net die zwölf Tech­ni­ken drei Fami­li­en zu:

Fami­lie I: Nicht­be­ant­wor­tung der Form nach. Nr. 1 Über­ge­hen geschlos­se­ner Fra­gen | Nr. 2 Ver­wei­se ohne Infor­ma­ti­ons­ge­halt | Nr. 3 The­men­wech­sel | Nr. 4 Zeit­ver­schie­bung

Fami­lie II: Ver­schleie­rung der Aus­kunfts­la­ge. Nr. 5 Ver­deck­te Ver­wei­ge­rung | Nr. 6 Ver­schlei­er­tes Nicht­wis­sen

Fami­lie III: Irre­füh­ren­de Dar­stel­lung des Mit­ge­teil­ten. Nr. 7 Unge­kenn­zeich­ne­te Fremd­an­ga­ben | Nr. 8 Nicht über­prüf­ba­re Pro­zess­be­haup­tun­gen | Nr. 9 Unbe­leg­te Wer­tun­gen | Nr. 10 Ver­ant­wor­tungs­ver­schie­bung auf Drit­te | Nr. 11 Selek­ti­ve Dar­stel­lung | Nr. 12 Unge­frag­te Ent­las­tungs­dar­stel­lung

Der Kata­log ist nicht abschlie­ßend.

Zweck und Anwen­dungs­be­reich

Der Kata­log kann als Prüfras­ter die­nen, um Ant­wor­ten der Bun­des­re­gie­rung auf Klei­ne und Gro­ße Anfra­gen sowie auf Schrift­li­che und Münd­li­che Fra­gen dar­auf­hin aus­zu­wer­ten, ob sie der ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflicht zur voll­stän­di­gen und wahr­heits­ge­mä­ßen Beant­wor­tung genü­gen (stän­di­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Fra­ge- und Infor­ma­ti­ons­recht aus Arti­kel 38 Absatz 1 Satz 2 und Arti­kel 20 Absatz 2 Satz 2 des Grund­ge­set­zes; vgl. BVerfGE 124, 161; 137, 185). Jede Tech­nik ist mit einer fall­un­ab­hän­gi­gen Regel und einem beleg­ten Bei­spiel beschrie­ben. Die Rechts­fol­ge einer unzu­läs­si­gen Ant­wort ist die Ver­let­zung des Fra­ge- und Infor­ma­ti­ons­rechts. Sie ist in im jewei­li­gen Fall im Organ­streit gel­tend zu machen.

Drei Prüf­schrit­te

Je Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung kön­nen die fol­gen­den drei Prüf­schrit­te ange­wen­det wer­den. Die Mehr­fach­ver­wirk­li­chung meh­re­rer Tech­ni­ken in einer ein­zi­gen Ant­wort hat sich dabei als der Regel­fall her­aus­ge­stellt.

Schritt 1: Liegt über­haupt eine Ant­wort auf die gestell­te Fra­ge vor? Nr. 1 (gar kei­ne Ant­wort), Nr. 2 (Ver­weis statt Ant­wort), Nr. 3 (Ant­wort auf eine ande­re Fra­ge), Nr. 4 (Ant­wort auf eine ande­re Zeit­ebe­ne).

Schritt 2: Ist eine feh­len­de oder unvoll­stän­di­ge Ant­wort als sol­che dekla­riert? Nr. 5 (Nicht-sagen-Wol­len ohne fra­ge­be­zo­ge­ne Begrün­dung), Nr. 6 (Nicht-Wis­sen ohne Offen­le­gung).

Schritt 3: Ist das Mit­ge­teil­te belast­bar? Nr. 7 (Quel­le der Aus­sa­ge), Nr. 8 (Über­prüf­bar­keit der Aus­sa­ge), Nr. 9 (Wer­tun­gen in der Aus­sa­ge), Nr. 10 (Zuschrei­bun­gen an Drit­te), Nr. 11 (Aus­wahl der Aus­sa­gen), Nr. 12 (Hin­zu­fü­gung nicht erfrag­ter Aus­sa­gen).

Der Aus­gangs­fall

Der Kata­log wur­de aus den Mus­tern der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge »Bun­des­mit­tel für die Orga­ni­sa­ti­on ›Isla­mic Reli­ef Deutsch­land e. V.‹ und mög­li­che Mit­tel­ab­flüs­se an isla­mis­ti­sche bzw. ter­ro­ris­ti­sche Struk­tu­ren in Syri­en« (Druck­sa­che 21/6719) gebil­det. Die Ant­wort wur­de am 9. Juli 2026 mit Schrei­ben des Aus­wär­ti­gen Amts über­mit­telt (Druck­sa­che 21/7057). Vgl. Syn­op­se zur Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung zu Isla­mic Reli­ef (Drs. 21/7057) und bekann­ten Sach­ver­hal­ten

Das Aus­wär­ti­ge Amt (AA) för­der­te von 2013 bis 2020 mit rund 15,2 Mil­lio­nen Euro Pro­jek­te des Ver­eins Isla­mic Reli­ef Deutsch­land e. V. (IRD), einer Orga­ni­sa­ti­on, deren Nähe zur isla­mis­ti­schen Mus­lim­bru­der­schaft (MB) das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (BfV) fest­ge­stellt hat­te. Der Bun­des­rech­nungs­hof (BRH) stell­te in zwei Prü­fungs­mit­tei­lun­gen von Dezem­ber 2019 schwer­wie­gen­de Män­gel der För­der­ent­schei­dun­gen und des Prüf­ver­fah­rens fest; die Berich­te wur­den erst im Febru­ar 2026 nach mehr­jäh­ri­ger Kla­ge in geschwärz­ter Fas­sung frei. Zitiert wer­den die­se Berich­te im Fol­gen­den als Teil 1 (Eig­nung von IRD als Zuwen­dungs­emp­fän­ger, 10. Dezem­ber 2019) und Teil 2 (zuwen­dungs­recht­li­ches Ver­fah­ren, 17. Dezem­ber 2019), jeweils mit der Text­zif­fer (Tz.) der geschwärz­ten Fas­sung.

Das Fra­ge­be­dürf­nis des Bun­des­ta­ges setz­te im Janu­ar 2017 ein und zieht sich seit­dem durch drei Wahl­pe­ri­oden und über Abge­ord­ne­te drei­er Frak­tio­nen (Bünd­nis 90/Die Grü­nen, FDP und AfD).

Der 12er-Kata­log

Nr. 1: Über­ge­hen geschlos­se­ner Fra­gen (Fami­lie I)

Regel: Ja/N­ein-Fra­gen sind mit Ja oder Nein zu beant­wor­ten, ein­schließ­lich der Fol­ge­fra­gen. Sam­mel­ant­wor­ten, die Teil­fra­gen unbe­ant­wor­tet las­sen, sind unzu­läs­sig.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Ja/N­ein-Fra­ge, ob das AA über Mit­tel­ver­wen­dun­gen in extre­mis­tisch kon­trol­lier­ten Gebie­ten infor­miert war, blieb samt der Fol­ge­fra­gen nach Zeit­punkt, Kon­se­quen­zen und Grün­den in einer Sam­mel­ant­wort voll­stän­dig unbe­ant­wor­tet: kein Ja/Nein, kein Zeit­punkt, kei­ne Kon­se­quenz, kei­ne Begrün­dung. Die Sam­mel­be­ant­wor­tung in Druck­sa­che 21/7057 (»Die Fra­gen 5 bis 6b wer­den zusam­men beant­wor­tet«) war hier das for­ma­le Vehi­kel des Über­ge­hens. Zu berich­ten gewe­sen wäre ins­be­son­de­re die haus­in­ter­ne War­nung des zustän­di­gen Län­der­re­fe­rats vom Okto­ber 2018 und deren doku­men­tier­te Fol­gen­lo­sig­keit. Die­ser Vor­gang stammt aus den Akten des Aus­wär­ti­gen Amts und wur­de auf dem Kla­ge­we­ge offen­ge­legt; er ist im Prüf­be­richt des Bun­des­rech­nungs­ho­fes doku­men­tiert (Teil 1, Text­zif­fer 3.5.1.3). Kennt­nis der eige­nen Akten muss vor­aus­ge­setzt wer­den.

Nr. 2: Ver­wei­se ohne Infor­ma­ti­ons­ge­halt (Fami­lie I)

Regel: Ein Ver­weis auf frü­he­re Druck­sa­chen ist nur zuläs­sig, wenn die Fund­stel­le die erfrag­te Infor­ma­ti­on voll­stän­dig und für den erfrag­ten Zeit­raum ent­hält. Der Kern­in­halt soll­te gleich­wohl in der Ant­wort selbst wie­der­ge­ge­ben wer­den. Ver­weis­ket­ten, die mit einer Leer­stel­le enden, sind aus­ge­schlos­sen.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Fünf der neun Ant­wor­ten der Druck­sa­che 21/7057 bestehen ganz oder über­wie­gend aus Ver­wei­sen auf frü­he­re Druck­sa­chen, vier­mal trotz aus­drück­li­chen Aus­füh­rungs­er­su­chens der Fra­ge­stel­ler. Här­tes­ter Fall ist die Fra­ge nach wei­te­ren För­der­mit­tel­emp­fän­gern mit Mus­lim­bru­der­schaft-Bezug: Das Aus­wär­ti­ge Amt bil­de­te eine Ver­weis­ket­te über zwei wei­te­re Druck­sa­chen (21/5840, 21/5406), die in einem Doku­ment endet, das die erfrag­te Auf­schlüs­se­lung nach Jahr und Emp­fän­ger an kei­ner Stel­le ent­hält.

Nr. 3: The­men­wech­sel (Fami­lie I)

Regel: Es ist die gestell­te Fra­ge zu beant­wor­ten.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Fra­ge nach den Kennt­nis­sen der Bun­des­re­gie­rung über Mus­lim­bru­der­schaft-Ver­bin­dun­gen des Mit­tel­emp­fän­gers wur­de mit Aus­füh­run­gen zur Prü­fung der Aus­ga­ben­be­le­ge (Ver­wen­dungs­nach­weis­prü­fung) beant­wor­tet, die Orga­ni­sa­ti­ons­ver­bin­dun­gen nicht zum Gegen­stand hat. Die Fra­ge nach einer mög­li­chen indi­rek­ten Ter­ror­fi­nan­zie­rung wur­de mit der­sel­ben Beleg­prü­fung beant­wor­tet, obwohl Mit­tel zweck­ent­spre­chend ver­wen­det und den­noch ter­ro­ris­ti­schen Struk­tu­ren zugu­te­ge­kom­men sein kön­nen, etwa über Abga­ben und Ein­trei­bun­gen durch De-fac­to-Macht­ha­ber im Pro­jekt­ge­biet. Auch ein zwei­ter nega­ti­ver Wir­kungs­pfad bleibt uner­wähnt: die nicht inten­dier­te Stär­kung kari­ta­ti­ver Struk­tu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft, vor der eine Stel­le im AA laut frei­ge­klag­tem BRH-Bericht haus­in­tern gewarnt hat­te (Teil 1, Tz. 3.5.1.3).

Nr. 4: Zeit­ver­schie­bung (Fami­lie I; Son­der­fall von Nr. 3 mit eige­nem Dia­gno­se­wert)

Regel: Zukunfts­fra­gen sind mit Anga­ben zur Zukunft zu beant­wor­ten. Der erfrag­te Zeit­raum ist voll­stän­dig abzu­de­cken, ein­schließ­lich ande­rer Res­sorts und ver­bun­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen, soweit erfragt.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Zukunfts­fra­ge, ob die Bun­des­re­gie­rung die Zusam­men­ar­beit mit dem Emp­fän­ger zu been­den plant, wur­de mit der Ver­gan­gen­heits­an­ga­be beant­wor­tet, seit 2020 gebe es kei­ne För­der­zu­sa­gen. Die Pla­nungs­fra­ge, die Fra­ge nach ver­wand­ten Orga­ni­sa­tio­nen und das »wenn nein, war­um nicht« blie­ben offen, wäh­rend die Mit­glied­schaft des Emp­fän­gers im Koor­di­nie­rungs­aus­schuss Huma­ni­tä­re Hil­fe der Bun­des­re­gie­rung fort­be­stand. Bei der Fra­ge nach den Gesamt­zah­lun­gen fehl­ten die Jah­re 2021 bis 2025 sowie die Zah­lun­gen ande­rer Res­sorts (Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung: 965.040 Euro; Drs. 19/23023).

Nr. 5: Ver­deck­te Ver­wei­ge­rung (Fami­lie II)

Regel: Wird eine Aus­kunft ganz oder teil­wei­se nicht erteilt, ist dies aus­drück­lich zu erklä­ren und fra­ge­be­zo­gen zu begrün­den. Vor­ran­gig ist eine ein­ge­stuf­te Beant­wor­tung über die Geheim­schutz­stel­le des Deut­schen Bun­des­ta­ges als mil­de­res Mit­tel zu prü­fen.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Meh­re­re Teil­fra­gen wur­den über­gan­gen, ohne dass ein Ver­wei­ge­rungs­grund benannt wur­de. Bei der Fra­ge nach wei­te­ren mus­lim­bru­der­schafts­na­hen För­der­mit­tel­emp­fän­gern wur­de die Staats­wohl-Begrün­dung ledig­lich über die Ver­weis­ket­te inkor­po­riert; eine fra­ge­be­zo­ge­ne Begrün­dung fehl­te. Es gab kei­ne erkenn­ba­re Prü­fung der Geheim­schutz­stel­le als mil­de­res Mit­tel.

Nr. 6: Ver­schlei­er­tes Nicht­wis­sen (Fami­lie II)

Regel: Lie­gen erfrag­te Infor­ma­tio­nen nicht vor oder wer­den sie nicht erfasst, ist genau das mit­zu­tei­len: Nicht­wis­sen darf weder hin­ter Ver­wei­sen noch hin­ter einer Staats­wohl-Beru­fung ver­bor­gen wer­den.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Ant­wort teil­te nicht mit, dass die erfrag­ten Daten zu mus­lim­bru­der­schafts­na­hen För­der­mit­tel­emp­fän­gern nach eige­ner Aus­kunft der Bun­des­re­gie­rung nicht sys­te­ma­tisch erho­ben oder vor­ge­hal­ten wer­den (Drs. 21/5406), statt­des­sen ver­wies sie auf eine Fund­stel­len­ket­te. Eben­so wenig teil­te sie mit, dass eine beleg­te Begrün­dung für die Fort­set­zung der För­de­rung nach Akten­la­ge nicht exis­tiert (nach dem BRH blei­ben die maß­geb­li­chen Grün­de »im Dun­keln«, Teil 1, Tz. 3.3), statt­des­sen wich sie auf Ver­fah­rens­be­schrei­bun­gen aus.

Nr. 7: Unge­kenn­zeich­ne­te Fremd­an­ga­ben (Fami­lie III)

Regel: Anga­ben Drit­ter, ins­be­son­de­re des Zuwen­dungs­emp­fän­gers oder aus des­sen Berichts­sys­te­men, sind als sol­che zu kenn­zeich­nen, mit Quel­le und Veri­fi­ka­ti­ons­sta­tus.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Ant­wort trug per­so­nen­ge­naue Begüns­tig­ten­zah­len (»min­des­tens 2.453.843 hilfs­be­dürf­ti­ge Per­so­nen erreicht« und wei­te­re) ohne Quel­len­an­ga­be im Indi­ka­tiv als eige­ne Fest­stel­lung vor, obwohl die Aus­ga­ben­be­le­ge der Letzt­emp­fän­ger den prü­fen­den Stel­len nie vor­la­gen und sich das AA nach Bewer­tung des BRH »viel zu sehr« auf eine vom Emp­fän­ger selbst betrie­be­ne Daten­bank stütz­te (Teil 2, Tz. 5.3). Die »mindestens«-Angabe behaup­te­te eine gesi­cher­te Unter­gren­ze, die die doku­men­tier­te Prüf­la­ge nicht her­gab.

Nr. 8: Nicht über­prüf­ba­re Pro­zess­be­haup­tun­gen (Fami­lie III)

Regel: Behaup­tun­gen über Prüf‑, Ände­rungs- oder Umset­zungs­vor­gän­ge sind mit Akteur, Datum und Fund­stel­le zu ver­se­hen. Nicht fal­si­fi­zier­ba­re Pro­zess­pro­sa ent­fällt.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die Ant­wort auf die Kon­se­quen­zen­fra­ge bestand im Kern aus Pro­zess­be­haup­tun­gen ohne jedes über­prüf­ba­re Merk­mal (»Die dar­in ent­hal­te­nen Vor­wür­fe wur­den geprüft«, die Erkennt­nis­se sei­en »in die Wei­ter­ent­wick­lung … ein­ge­flos­sen«): kein han­deln­des Refe­rat, kein Datum, kein Erlass, kei­ne Fund­stel­le. Das Par­la­ment konn­te die Behaup­tung weder veri­fi­zie­ren noch fal­si­fi­zie­ren. Der BRH hat­te eine inhalts­glei­che frü­he­re Zusa­ge des AA bereits als nicht ein­ge­hal­ten bewer­tet (Teil 1, Tz. 3.7.3). Abgren­zung zu Nr. 9: Dort geht es um unbe­leg­te Wer­tun­gen, hier um schein­bar tat­sa­chen­för­mi­ge, aber merk­mals­lo­se Vor­gangs­be­haup­tun­gen.

Nr. 9: Unbe­leg­te Wer­tun­gen (Fami­lie III)

Regel: Wer­ten­de Zuschrei­bun­gen nur, wenn die zugrun­de lie­gen­de Tat­sa­chen­ba­sis in der Ant­wort benannt und akten­mä­ßig belegt ist.

Bei­spie­le aus dem Aus­gangs­fall, je Wer­tung: »umfäng­lich« (für den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch mit dem BMI): Das BMI bestä­tig­te gegen­über dem BRH die Gesprä­che, »nicht jedoch die Zustim­mung« zur För­de­rung (Teil 1, Tz. 0.2). »Ein­zi­ge Mög­lich­keit« (für die För­de­rung des Emp­fän­gers): Die Ant­wort behaup­tet, die För­de­rung habe »im Pro­jekt­ge­biet die ein­zi­ge Mög­lich­keit« dar­ge­stellt, »lebens­ret­ten­de Gesund­heits­ver­sor­gung für die von den bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen betrof­fe­nen Men­schen zu leis­ten«. Der Bun­des­rech­nungs­hof hat die­se Dar­stel­lung geprüft und ver­wor­fen: Das AA för­der­te zeit­gleich Pro­jek­te von Cari­tas, Mal­te­ser Inter­na­tio­nal und Ärz­te der Welt in der syri­schen Gesund­heits­ver­sor­gung; die Aus­sa­ge fin­det sich in kei­nem der Antrags­prü­fungs­ver­mer­ke und in kei­ner Pro­jekt­ak­te und »scheint nach­ge­scho­ben« (Teil 1, Tz. 3.5.1.4, 3.7.1). »Qua­li­täts­sie­gel« (für eine EU-Zer­ti­fi­zie­rung des Emp­fän­gers): Die Zer­ti­fi­zie­rung »hat kei­nen Ein­fluss auf die Wei­sungs­la­ge zu den ver­fas­sungs­schutz­recht­li­chen Erkennt­nis­sen« (Teil 1, Tz. 3.7.1). »Deut­lich umfas­sen­der« (für heu­ti­ge Prüf­an­for­de­run­gen): ohne eine ein­zi­ge benann­te Fund­stel­le, wäh­rend Kon­trol­le und Erfas­sung nach Drs. 21/5406 wei­ter­hin feh­len.

Nr. 10: Ver­ant­wor­tungs­ver­schie­bung auf Drit­te (Fami­lie III)

Regel: Die Mit­wir­kung ande­rer Stel­len darf nur dar­ge­stellt wer­den, wie sie doku­men­tiert ist und eine Mit­ver­ant­wor­tung Drit­ter darf nicht sug­ge­riert wer­den, wo die eige­ne Allein­ver­ant­wor­tung besteht.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die För­der­ent­schei­dung wur­de als Ergeb­nis eines »umfäng­li­chen Infor­ma­ti­ons­aus­tauschs mit dem BMI« dar­ge­stellt; die­se Dar­stel­lung ist objek­tiv geeig­net, den Ein­druck einer mit­prü­fen­den oder mit­tra­gen­den zwei­ten Instanz zu erwe­cken; ob dies bezweckt war, wird hier nicht behaup­tet. Das BMI hat jeden­falls gegen­über dem BRH nur die Gesprä­che bestä­tigt, »nicht jedoch die Zustim­mung« (Teil 1, Tz. 0.2). Wegen des Res­sort­prin­zips (Arti­kel 65 Satz 2 des Grund­ge­set­zes) war das AA für die För­der­ent­schei­dung ohne­hin allein ver­ant­wort­lich (Teil 1, Tz. 3.7.1).

Nr. 11: Selek­ti­ve Dar­stel­lung (Fami­lie III)

Regel: Aus­sa­gen, die amt­li­chen Fest­stel­lun­gen wider­spre­chen, sind nur mit Offen­le­gung des Wider­spruchs und Begrün­dung der abwei­chen­den Bewer­tung zuläs­sig. Zudem ist die Wie­der­ga­be aus­schließ­lich ent­las­ten­der Umstän­de bei Ver­schwei­gen ein­schlä­gi­ger belas­ten­der amt­li­cher Fest­stel­lun­gen irre­füh­rend.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Die drei­fach wie­der­hol­te Aus­sa­ge, es sei­en »kei­ne Hin­wei­se für eine zweck­wid­ri­ge Ver­wen­dung« fest­ge­stellt wor­den, stand neben den uner­wähn­ten BRH-Fest­stel­lun­gen »zahl­rei­cher Ver­stö­ße« gegen das Zuwen­dungs­recht mit Rück­for­de­run­gen von rund 155.000 Euro zuzüg­lich Zin­sen (Teil 2, Tz. 0.6, 5.3). Kei­ne der belas­ten­den Kern­fest­stel­lun­gen des BRH (Ver­stoß gegen die eige­ne Wei­sungs­la­ge, Akten­ver­nich­tung im Jahr des För­der­be­ginns, igno­rier­te haus­in­ter­ne War­nung, »Blindflug«-Befund, ein unge­klär­ter Bar­geld­trans­fer über 240.000 Euro in die Tür­kei) wur­de erwähnt, obwohl aus­drück­lich nach den Kon­se­quen­zen aus die­sen Berich­ten gefragt war.

Nr. 12: Unge­frag­te Ent­las­tungs­dar­stel­lung (Fami­lie III)

Regel: Nicht erfrag­te Dar­stel­lun­gen dür­fen die Beant­wor­tung der gestell­ten Fra­gen weder erset­zen noch ver­kür­zen. Ent­las­ten­des ist zuläs­sig, aber zusätz­lich zur Ant­wort und den­sel­ben Beleg­an­for­de­run­gen unter­wor­fen.

Bei­spiel aus dem Aus­gangs­fall: Der Beant­wor­tung wur­de ein detail­lier­tes, nicht erfrag­tes Zah­len­werk über die angeb­li­che huma­ni­tä­re Wir­kung der Pro­jek­te vor­an­ge­stellt (rund ein Drit­tel des Ant­wort­um­fangs); sein Gegen­stand, der huma­ni­tä­re Ertrag, war ein ande­rer als die erfrag­ten Gegen­stän­de (Mit­tel­ver­bleib, Kennt­nis­se, Maß­nah­men, Kon­se­quen­zen). Zwei Ant­wor­ten ver­wie­sen auf die­se Vor­be­mer­kung zurück; dort trat nicht erfrag­tes ent­las­ten­des Mate­ri­al an die Stel­le erfrag­ter Anga­ben. Ob damit eine Ablen­kungs­wir­kung erzielt wur­de oder beab­sich­tigt war, lässt sich dem Text nicht ent­neh­men und wird hier nicht behaup­tet; fest­ge­stellt wird die objek­ti­ve Struk­tur, die mit Nr. 7 (unge­kenn­zeich­ne­te Her­kunft der Zah­len) und Nr. 11 (Aus­las­sung belas­ten­der Fest­stel­lun­gen) zusam­men­trifft.