Die Staffel 1 der Akzeptanzkampagne, getragen vom Mernissi-de Gouges Bildungs- und Sozialwerk, der Ibn Rushd-Goethe-Moschee und dem Arbeitskreis Politischer Islam (AK Polis), zeigt vier Motive:
- eine Muslimin, die selbstbestimmt in einer interkulturellen Familie lebt
- ein schwules Paar
- ein Muslim mit einem Glas Rakı
- eine muslimische Lehrerin ohne Kopftuch
Wer die verfügbaren Daten heranzieht, erkennt schnell: Was Kesici hier zur Abweichung von der »islamischen Norm« erklärt, ist das Grundrecht und der Alltag von Musliminnen und Muslimen. Und die Frage, wer diese Norm eigentlich definiert, richtet sich nicht nur an Kesici, sondern an alle Politikerinnen und Politiker, Kirchenfunktionäre, Hochschulen und Institutionen, die ihm und seinem Verband Partnerschaften und Normsetzungsmacht in Deutschland einräumen.
Was Kesici gesagt hat
»Abnormalitäten«!
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 25, 2026
So reagiert Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrates, als das ZDF ihm die vier Motive der Akzeptanzkampagne »Vielfalt im Islam« vorlegt:
(1) eine Muslimin, die selbstbestimmt in einer interkulturellen Familie lebt
(2) ein schwules Paar
(3) ein Muslim mit… pic.twitter.com/vPbIHdc93m
Dem Islamratsvorsitzenden wurden im ZDF-Beitrag die vier Kampagnenmotive vorgelegt. Kesici nennt die Kampagne »sehr schwach«, die ausgewählten Themen »problematisch« – was sein gutes Recht auf eine andere Meinung ist – und behauptet dann jedoch, mit den gezeigten Menschen in ihren Lebenssituationen würden »Abnormalitäten« als normal dargestellt. Zugleich stellt er ohne Beleg in den Raum, die Kampagne sei »staatlich finanziert« (was nicht der Fall ist).
Hervorzuheben ist seine Sicht auf den umfassenden Anspruch der eigenen Deutungshoheit (Minute 13:48): »Ich kann ja nicht für die Muslime sprechen oder sagen, sie sind Muslim oder nicht – sondern ich kann nur sagen, dass das, was dort abgebildet ist, nicht der islamischen Norm entspricht.«1 Damit beansprucht Kesici genau das, was er im selben Satz zurückweist: die Deutungshoheit darüber, welches muslimische Leben legitim ist und welches nicht. Eine Lehrerin ohne Kopftuch, eine selbstbestimmte Ehefrau, ein schwules Paar, ein Glas Rakı – all das fällt nach dieser Lesart aus der »islamischen Norm« heraus. Es lohnt sich, diese Behauptung Motiv für Motiv an der Empirie zu messen.
Religiosität, Fundamentalismus, Islamismus: worüber reden wir?
Um Kesicis Aussage präzise einordnen zu können, hilft eine Unterscheidung, die in der Debatte zu oft verwischt wird. »Religiosität« meint die persönliche Glaubenspraxis: beten oder nicht beten, fasten oder nicht fasten, Kopftuch oder keines – verbunden mit der Akzeptanz, dass andere Gläubige es anders halten. Sie ist grundrechtlich geschützt und steht hier in keiner Weise zur Kritik. »Fundamentalismus« beginnt dort, wo eine bestimmte Auslegung mit Exklusivitätsanspruch auftritt: wo die eigene Lesart für alle Gläubigen als verbindlich behauptet, die eigene sexuelle Orientierung oder Geschlechtersegregation zur Pflicht erklärt, die Selbstbestimmung der Frau nicht anerkannt, Abweichler abgewertet und Abschottung von der Gesellschaft betrieben wird. »Islamismus« schließlich überschreitet die Grenze zur Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung: Er erhebt einen als islamisch verstandenen gesellschaftlichen Ordnungs- und Durchsetzungsanspruch über andere und stellt religiöses Recht über staatliches.
An diesem Raster lässt sich das »Abnormalitäten«-Diktum präzise verorten. Persönliche Frömmigkeit bleibt davon unberührt; niemand verlangt von Kesici, einen Mann zu heiraten, Rakı zu trinken oder die Entscheidung einer muslimischen Lehrerin, kein Kopftuch zu tragen, religiös gutzuheißen. Das Diktum betreibt die klassische fundamentalistische Operation: Eine partikulare Auslegung wird zur »islamischen Norm« erklärt, für alle Muslime verbindlich gesetzt, und wer abweicht, wird zur »Abnormalität« erklärt. Islamistisch relevant wird der Vorgang durch den institutionellen Kontext: Hier spricht der Vorsitzende eines Verbands, der sich »Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland« nennt und an Lehrstuhlbesetzungen und der Ausbildung von Religionslehrkräften mitwirkt – der also über genau jene Kanäle verfügt, über die sich eine Norm gesamtgesellschaftlich durchsetzen lässt. Kritik daran verteidigt die religiös-weltanschauliche Selbstbestimmung der Musliminnen und Muslime gegen fundamentalistische Normwächter – und lässt Religiosität selbst unangetastet.
Motiv 1: Die muslimische Lehrerin ohne Kopftuch – die 70-Prozent-Realität
Die repräsentative Studie »Muslimisches Leben in Deutschland 2020« des BAMF-Forschungszentrums, erstellt im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, ist eindeutig: Rund 30 Prozent der muslimischen Frauen und Mädchen in Deutschland tragen ein Kopftuch – deutlich über zwei Drittel, etwa 70 Prozent, tragen keines.2 Bei Mädchen im Kindergarten- und Grundschulalter liegt der Anteil der Kopftuchträgerinnen unter einem Prozent; erst bei den über 65-Jährigen bildet das Kopftuch mit 62 Prozent die Mehrheit.3 Die Frau ohne Kopftuch ist damit der statistische Normalfall muslimischen Frauenlebens in Deutschland.
Aufschlussreich ist ein weiteres Detail der Studie: Die meisten Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, geben an, es für die Ausübung ihres Glaubens schlicht nicht zu benötigen. Wer wie Kesici das Motiv einer unverschleierten Lehrerin zur »Abnormalität« erklärt, erklärt damit die Mehrheit der muslimischen Frauen in Deutschland für abweichend und bekräftigt exakt jene Verschleierungsnorm, die islamistische Akteure seit Jahren durchzusetzen versuchen. Das Kampagnenmotiv setzt dem bewusst etwas entgegen: eine Muslimin, die Verantwortung im staatlichen Bildungssystem übernimmt und dort religiös-weltanschaulich neutral auftritt.
Motiv 2: Die interkulturelle Familie – Selbstbestimmung statt Wächterrat
Das Grundgesetz garantiert in Artikel 6 die Ehefreiheit und in Artikel 4 die Religionsfreiheit – einschließlich der Freiheit jeder Muslimin, ihren Partner selbst zu wählen, unabhängig von dessen Religion. Zwangsverheiratung ist in Deutschland nach § 237 StGB eine Straftat.
Die letzte verfügbare amtliche Zählung weist für das Jahr 2012 über 2.000 muslimisch-christliche Eheschließungen aus, in mehreren Hundert Fällen war die Frau Muslimin. Dass keine neueren amtlichen Zahlen vorliegen, liegt nicht am Verschwinden des Phänomens, sondern an der Statistik selbst: Das Religionsmerkmal wird bei Eheschließungen seit 2014 schlicht nicht mehr erfasst.4
»Abnormal« ist an einer Muslimin mit nicht-muslimischem Ehemann also nichts. Abnormal im Sinne der freiheitlichen Ordnung ist vielmehr die Gegenposition: die Vorstellung, Vater, Onkel oder Brüder hätten über die Partnerwahl einer erwachsenen Frau zu entscheiden. Genau gegen dieses kollektivistische »Ehr«-Verständnis, das in Zwangsverheiratung und Gewalt münden kann, setzt die Akzeptanzkampagne ihr Motiv der selbstbestimmten Frau.
Motiv 3: Das schwule Paar – gleiche Würde, gleiche Rechte
Homosexuelle Musliminnen und Muslime leben in Deutschland wie in jeder anderen Gesellschaft. Seit 2017 steht die Ehe in Deutschland gleichgeschlechtlichen Paaren offen; Artikel 3 des Grundgesetzes garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt vor Diskriminierung wegen der sexuellen Identität. Wer ein schwules Paar als »Abnormalität« bezeichnet, spricht damit vielen Menschen in der muslimischen Community – und der Gesellschaft insgesamt – die gleiche Würde ab.
Wie weit Kesici dabei geht, benannte auf Instagram der Leiter der Akzeptanzkampagne, Tugay Saraç: Der Islamratsvorsitzende stellt die Lebensrealität von Homosexuellen und Queeren in eine Reihe mit Obdachlosigkeit, Alkoholismus und Gewalt an Frauen; die Darstellung eines muslimischen homosexuellen Paares nennt Kesici eine Provokation. Sexuelle Identität wird hier mit sozialen Notlagen, einer Suchtkrankheit und Gewaltdelikten gleichgesetzt – eine Herabwürdigung, die im ZDF-Beitrag nachhörbar ist.5
Saraç verweist zu Recht darauf, dass offen homosexuell lebende Menschen in bestimmten muslimischen Milieus massiver Ablehnung bis hin zu Mobbing und Bedrohung ausgesetzt sind – exemplarisch dokumentiert am Fall des Berliner Lehrers Oziel Inácio-Stech an der Carl-Bolle-Grundschule.6 Kesicis Einlassung illustriert damit, woher dieser Normdruck seine verbandliche Rückendeckung bezieht. Bemerkenswert auch hier der Kontrast: Während die Akzeptanzkampagne betont, niemandem das Muslimsein abzusprechen, erklärt der Islamratsvorsitzende sexuell selbstbestimmtes Leben kurzerhand für unvereinbar mit der »islamischen Norm« – deren Definition er für sich reklamiert.
Motiv 4: Das Glas Rakı – gelebte Praxis von Istanbul bis Berlin
Auch beim Thema Alkohol zeigt die Empirie ein anderes Bild: Nach der erwähnten BAMF-Studie halten sich rund 70 Prozent der muslimischen Religionsangehörigen an islamische Getränke- und Speisevorschriften – im Umkehrschluss tut dies fast ein Drittel nicht oder nur teilweise. Wer den Blick in muslimisch geprägte Länder selbst richtet, erkennt, wie wenig das Motiv mit »Abnormalität« zu tun hat.
Wohl kaum irgendwo wird das deutlicher als in der Türkei, dem Herkunftsland der größten muslimischen Community in Deutschland: Rakı wird dort seit Generationen ganz selbstverständlich als Nationalgetränk zu Meze, Fisch und geselligen Abenden getrunken – über Jahrzehnte sogar produziert und vertrieben unter staatlichem Monopol. Und die Türkei ist ein bedeutendes Bierbrauerland: Die Brauereigruppe Anadolu Efes, 1969 gegründet und seit den 1980er Jahren türkischer Marktführer, zählt zu den zehn größten Brauereigruppen der Welt und ist die Nummer fünf in Europa.7 Ein Weltkonzern dieser Größenordnung entsteht nicht in einer Gesellschaft, in der Alkoholkonsum ein abnormales Phänomen wäre.
Ähnliches gilt für andere Regionen auf der Welt. Zum Beispiel zählen Marokko und Tunesien zu den traditionsreichen Weinanbauregionen. Allein Marokko produziert jährlich rund 400.000 Hektoliter Wein auf etwa 12.000 Hektar Anbaufläche; zusammen mit Tunesien, Algerien, Ägypten, Jordanien und dem Libanon summiert sich die Weinproduktion arabischer Länder auf rund 1,3 Millionen Hektoliter im Jahr – der weitaus größte Teil davon wird im Inland konsumiert.8 Der Genuss von Alkohol hat in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften schlicht eine lange Tradition – genau darauf verweist auch Projektleiter Tugay Saraç, wenn er sagt, muslimische Identität lasse sich nicht auf ein rigides Alkoholverbot reduzieren, wie es islamistische Gruppen verlangen.
Das Motiv behauptet nicht, Alkohol sei islamisch geboten. Es zeigt lediglich, dass es diese Muslime gibt – in großer Zahl, in Berlin wie in Istanbul, Casablanca und Tunis. Sie zur »Abnormalität« zu erklären bedeutet, einen erheblichen Teil der muslimischen Welt aus dem legitimen muslimischen Spektrum auszuschließen.
Wen vertritt Kesici?
Der Islamrat organisiert nach eigener Auskunft rund 400 Moscheegemeinden sowie über 1.000 weitere Einrichtungen. Sein größter Mitgliedsverband ist die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG).9 Das Bundesamt für Verfassungsschutz stellt in seiner Publikation »Islamismus in Deutschland« unmissverständlich fest: »Die IGMG ist aktuell die größte islamistische Organisation in Deutschland.«10 Niedersachsen weist mit dem Verfassungsschutzbericht 2025 darauf hin:
»Die Milli Görüs-Bewegung strebt nach der Einführung einer islamistischen Gesellschaftsordnung und lehnt westliche Systeme demokratischer Prägung als ›nichtige Systeme‹ entschieden ab, sodass sie eine gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebung […] ist. […] In Deutschland ist die IGMG mit verschiedenen islamischen Organisationen und Dachverbänden verflochten. Verbindungen bestehen z. B. zur Schura Niedersachsen. Die IGMG bestreitet, eine Form des Islams zu propagieren, die gegen die politisch-gesellschaftliche Integration der in der Bundesrepublik lebenden Menschen türkischer Herkunft gerichtet ist. Auffällig ist aber, dass die IGMG ihren Anhängern ein alle Lebensbereiche umfassendes Dienstleistungsangebot macht: Mit Korankursen, Hausaufgabenbetreuung, Ferienlagern, Sportaktivitäten sowie u. a. einer Wallfahrtsorganisation, einem Vertrieb für religiöse Literatur, einem muslimischen Sozialwerk, einem Bestattungsfonds und Handelsgesellschaften für den Im- und Export von Lebensmitteln bindet die IGMG ihre Anhänger an sich.«11
Wie dieses Programm aussieht, wird auch in der bislang umfassendsten öffentlichen Studie zur IGMG beschrieben, 2023 vorgelegt von Heiko Heinisch, Hüseyin Çiçek und Jan-Markus Vömel für die österreichische Dokumentationsstelle Politischer Islam:
»Als transnationale Organisation ist die IGMG heute bestrebt, abhängig von den jeweiligen rechtlichen Möglichkeiten in allen Ländern, in denen sie aktiv ist, in kleinen Schritten separate Sphären zu schaffen, die eine ›rein islamische‹ Lebensweise ermöglichen, also letztlich Räume, in denen nach einer eigenen normativen Ordnung gelebt werden kann. Ihr aktuelles Hauptanliegen stellt ehemalige Elemente einer politisch-islamischen Utopie in den Hintergrund und kreist vor allem um die Sorge vor einem als bedrohlich empfundenen Verlust der eigenen Kultur und Religion in einer nicht-islamischen Umgebung. Damit einher geht eine Abwertung der übrigen Gesellschaft und anderer Lebensentwürfe. Ihre Aktivitäten zielen daher auch darauf, die sie umgebende Gesellschaft langfristig zu transformieren, indem versucht wird, in die Gesellschaft hineinzuwirken und inner-organisatorischen Normen auch nach außen Geltung zu verschaffen. Die Gesellschaft soll langfristig für islamistische Normvorstellungen empfänglich gemacht werden und etwa Geschlechtertrennung, Alkoholverbot und Speisegebote (bislang vornehmlich in Schulen und Kantinen) nicht nur akzeptieren, sondern praktizieren. Insofern folgt die IGMG auch weiterhin jenen Konzepten, die islamistische Vordenker entworfen haben.«12
Kesicis »Abnormalitäten«-Diktum im ZDF fügt sich nahtlos in dieses Programm: Es ist der Versuch, eine homogene Norm über eine tatsächlich plurale Gesellschaft zu legen.

Doch ist dies nicht neu. Vor über zwanzig Jahren notierte bereits die taz: Burhan Kesici sei Verwaltungsratsvorsitzender der Islamischen Föderation Berlin (IFB), »die als Tarnorganisation der islamistischen Milli Görüs gilt« – jenes Trägers mit damals zwölf Moscheen, der an Berliner Schulen Religionsunterricht anbietet.13
Heute ist Kesici an Gremien und Formaten mit erheblicher gesellschaftspolitischer Gestaltungsmacht beteiligt. In Nordrhein-Westfalen ist er Mitglied im »Konfessionellen Beirat für Islamische Theologie«14 der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. In diesem Universitätsbeirat wirkt er Stand Juli 2026 in seinen Funktionen als »Vorsitzender des Islamrats für die BRD (IRD) und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht« mit.
Über den Islamrat ist er im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) vertreten, der von manchen staatlichen und kirchlichen Stellen als Kooperationspartner legitimiert wird: Die Deutsche Bischofskonferenz führt Spitzengespräche, und die staatliche Deutsche Islam Konferenz (DIK) präsentiert Kesici auf der amtlichen Website noch aus der Zeit des CSU-Innenministers Horst Seehofer als Dialogpartner, der die Abstimmung mit dem Bundesinnenministerium als »vertrauensvoll und konstruktiv« würdigt.15
Was »Abnormalität« bedeutet, wo die »islamische Norm« Gesetz ist
Kesicis Vokabel verdient einen zweiten Blick über Berlin und Deutschland hinaus – darauf, was aus dem Etikett »Abnormalität« folgt: Länder wie Afghanistan, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien, Jemen und Mauretanien kriminalisieren einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen. Für die übrigen Motive gilt Entsprechendes: Im Iran erzwingt die Sittenpolizei den Hidschab; der Tod Jina Mahsa Aminis 2022 machte weltweit sichtbar, was der Verstoß gegen die Verschleierungsnorm kosten kann; in Afghanistan verordnen die Taliban Vollverschleierung und schließen Mädchen von Schulbildung aus. Und in zahlreichen Staaten bleibt einer Muslimin die Ehe mit einem Nicht-Muslim rechtlich verwehrt; Tunesien hob dieses Verbot 2017 auf und belegt damit, dass solche Normen nicht unabänderlich sind und über sie politisch entschieden wird. Die vom Islamratsvorsitzenden angeführte »islamische Norm« ist also das Ergebnis politischer Machtverhältnisse. Wo islamistische Kräfte sie staatlich durchsetzen, wird aus dem Wort »Abnormalität« Verfolgung. In diesem Bedeutungskontext sehen Betroffene Kesicis Wortwahl. Sie übernimmt eine Kategorie, mit der »abnormales« Leben verfolgt wird, und trägt sie in eine Gesellschaft nach Deutschland, deren Grundgesetz genau diese Lebensentwürfe schützt. Die vier Motive der Akzeptanzkampagne zeigen Freiheiten, die sich Millionen Menschen in repressiven Gesellschaften wie Afghanistan, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien, Jemen und Mauretanien erst noch erkämpfen müssen – und die in Deutschland jeder Muslimin und jedem Muslim bereits zustehen.
»Klar im islamistischen Bereich« – Einordnung durch SPD-Staatssekretär
Beim »Neuköllner Dialog für Integration« im Juni 2026 im dortigen Rathaus kam der Sachverhalt in aller Klarheit zur Sprache. Unter dem Titel »Muslimbruderschaft in Berlin – Strategien des Politischen Islam erkennen, Freiheit und Demokratie stärken« diskutierten nach der Eröffnung durch Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) und einem Vortrag des Investigativjournalisten Sascha Adamek über das Ideengeflecht der Muslimbruderschaft in Berlin der SPD-Staatssekretär Aziz Bozkurt, der CDU-Bezirksstadtrat Hannes Rehfeldt, die Moscheegründerin Seyran Ateş und Adamek gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern.
Die vier Motive der Akzeptanzkampagne standen während der Dialogveranstaltung auf großen Rollups im Rathaussaal, der SPD-Staatssekretär hielt mit Blick auf die Bilder fest: »Aber das ist völlig die Normalität, auch in Neukölln, in vielen Haushalten« – Bozkurt spricht sogar von »90 oder 95 Prozent aller Haushalte«, in denen diese Lebensrealität normal sei.
Als Seyran Ateş darauf hinwies, dass der Islamratsvorsitzende diese »90 oder 95 Prozent aller Haushalte« im ZDF als »Abnormalität« bezeichnet hatte, bat sie Bozkurt um eine Einordnung Kesicis. Bozkurt antwortete und verortete den Islamratsvorsitzenden »klar im islamistischen Bereich«.
Für Ateş leistet die Akzeptanzkampagne genau das, worum es bei dem Neuköllner Integrationsdialog ging: den Hinweis auf eine Normalität, die sie aus der eigenen Familie kennt – »Leute haben gebetet, nicht gebetet, Kopftuch getragen, nicht getragen, Rakı getrunken oder nicht«.
Und auf Kesicis Aussage, man würde »Abnormalität als normal darstellen« – so, wie wenn man Obdachlosigkeit und Alkoholismus als normal darstellen würde –, und dies in ausgrenzender, abwertender Weise über oftmals angegriffene Menschengruppen vorgetragen, ging der SPD-Staatssekretär auf maximale Distanz zum Islamratsvorsitzenden, mit der Feststellung:16
»Kesici ist wie Höcke.«
Aziz Bozkurt (SPD)
über den Islamratsvorsitzenden Burhan Kesici
Damit stellt der SPD-Staatssekretär den Islamratsvorsitzenden auf eine Stufe mit Björn Höcke, dem Vorsitzenden des vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften AfD-Landesverbands Thüringen, der für gruppenbezogen menschenfeindliche Äußerungen bekannt ist. Der Vergleich trifft den Kern: Beide werten öffentlich ganze Menschengruppen ab – Höcke Migranten und Muslime, Kesici homosexuelle Menschen, Frauen ohne Kopftuch und säkulare Muslime. Die bittere Pointe: Die Muslime, deren Leben Kesici zur »Abnormalität« erklärt, gehören zu denselben, denen Rechtsextremisten die Zugehörigkeit zu Deutschland absprechen.
Abschließend hob Ateş noch einen weiteren zentralen Punkt hervor: »Diese Normalität wird als ›Abnormalität‹ bezeichnet von jemandem, der darüber entscheidet, welcher Religionsunterricht abgehalten wird.«
»Aber wieso wird er dann von der Politik herangezogen für Religionsunterricht?
Seyran Ateş
Ist das Religion?«
über den Islamratsvorsitzenden Burhan Kesici
Diese Doppelfrage von Seyran Ateş vom Neuköllner Integrationsdialog steht seither unbeantwortet im Raum.
»Abnormalitäten«! Im ZDF bezeichnet der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Burhan Kesici, die vier Motive der Akzeptanzkampagne zur Vielfalt im Islam »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« als »Abnormalitäten«.
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) July 24, 2026
Die Daten zeigen: Er erklärt damit das real… pic.twitter.com/6x0qlgzTSw
Klärung und Trennung: Fragen an die verantwortliche Politik
Zusammengefasst lässt sich fragen: Wie lange noch wollen Teile der Politik, der muslimischen Gemeinschaft, der Kirchen und der Medien diesen Verband als Partner legitimieren? Ein Funktionär, der die Lebensrealität von muslimischen Frauen, interreligiösen Familien, queeren Muslimen und säkular lebenden Gläubigen öffentlich zu »Abnormalitäten« erklärt, wirkt bis heute über staatliche und gesellschaftliche Beteiligung beispielsweise an der universitären Ausbildung von Islam-Lehrkräften, Religionspädagogen und Theologen in NRW mit. Das ist ein Strukturproblem. Über den Fall hinaus stellen sich die folgenden Fragen an die verantwortlichen Akteure:
- Teilen Sie die Auffassung des Islamratsvorsitzenden, dass eine Lehrerin ohne Kopftuch, eine selbstbestimmte interreligiöse Ehe, ein schwules Paar und liberale muslimische Lebensführung »Abnormalitäten« darstellen? Falls nein: Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
- Nach welchen Kriterien prüfen Sie, ob Kooperationspartner des Staates die Gleichberechtigung von Frauen, die Rechte homosexueller Menschen und die religiös-weltanschauliche Selbstbestimmung des Individuums vorbehaltlos anerkennen – und wie stellen Sie sicher, dass Verbände mit dominierendem Einfluss einer vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestuften Organisation keine Normsetzungsmacht über Universitäten, Schulen und weitere gesellschaftspolitische Bereiche erhalten?
Update vom 1. August 2026: Kesici bekräftigt im Deutschlandfunk seine »Abnormalitäten«-Rhetorik und gibt umfassende Ehrenerklärung für die Millî Görüş
Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD vom 25. Juli 2026 und der nachfolgenden Debatte zu Homophobie und Queerfeindlichkeit stellte sich Burhan Kesici am 1. August 2026 im Deutschlandfunk den Fragen zu seinen ZDF-Äußerungen.17 Das Interview bestätigt die oben getroffene Analyse in aller Klarheit. Auf die Eingangsfrage, warum er Homosexuelle für abnormal halte, antwortete der Islamratsvorsitzende: »Die Theologie erlaubt bestimmte Sachen und verbietet bestimmte Sachen. Und alles, was sozusagen verboten ist, ist abnormal. Das ist ein theologischer Fachbegriff.« Auf Nachfrage schob er die Unterscheidung nach: »Wir bezeichnen nicht die Homosexuellen als abnormal, sondern den Akt als abnormal.« Ob darin bereits eine Diskriminierung liege, verneinte Kesici.
Seine im ZDF getroffene Aufzählung bestritt er im Interview rundheraus. Der Moderator hielt ihm vor, er habe Homosexualität in eine Reihe mit Obdachlosigkeit, Alkoholismus und Gewalt an Frauen gestellt, und fügte hinzu, er habe den Beitrag am Vorabend noch einmal gesehen. Kesici antwortete: »Nein, das habe ich nicht gemacht, sondern ich habe nur versucht, Beispiele für Normalität und Abnormalität darzustellen.« Der ZDF-Beitrag ist über Endnote 1 nachprüfbar und widerlegt das Kesicis Behauptung.
Nach seinem eigenen Anteil an homophoben Gewalttaten gefragt, räumte Kesici allgemein ein, jede Äußerung könne »Wirkung mit sich bringen«, verwies auf die »Harmonie«, die seine Gemeinden in die Gesellschaft trügen, und verortete Radikalisierung grundsätzlich außerhalb der Verbandsstrukturen: Radikalisierte hätten »keine Gemeindebindung«. Auf die hypothetische Frage, was er einem gläubigen Schüler sagen würde, der sich als homosexuell anvertraut, berichtete er von Ratsuchenden, deren Brüder »homosexuell geworden« seien; sein Rat habe gelautet, die Beziehung zum Bruder aufrechtzuerhalten. Homosexualität erscheint in dieser Formulierung als Vorgang, der jemandem widerfährt oder begangen wird, und Akzeptanz als familiäre Bewältigungsaufgabe.
Für den größten Mitgliedsverband des Islamrats gab Kesici eine umfassende Ehrenerklärung ab. Zur Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die das Bundesamt für Verfassungsschutz als größte islamistische Organisation in Deutschland führt (siehe oben), sagte er: »Millî Görüş ist nicht radikal, Millî Görüş ist nicht problematisch und macht auch sehr gute Arbeit.« Die Einstufung durch den Verfassungsschutz wischte er beiseite: »Das sind so andere Meinungen«.
Der Behauptung, »abnormal« sei ein theologischer Fachbegriff, widersprach noch am selben Tag der Mitgründer der Alhambra-Gesellschaft Eren Güvercin öffentlich auf X.18 Einen solchen Begriff gebe es in der islamischen Theologie »schlicht nicht«. »Abnormal« sei »keine theologische Kategorie, sondern eine persönliche Abwertung – seine und die seiner Organisation. Sie hinter einem theologischen Gewand zu verstecken, ändert daran nichts. Es ist ein rhetorischer Trick, kein Argument.«
Mit dem DLF-Interview liegt nach dem ZDF-Auftritt eine zweite ausführliche Selbstauskunft des Islamratsvorsitzenden vor. Sie dokumentiert die Abwertung queeren Lebens im theologischen Gewand, das Bestreiten einer nachhörbaren eigenen Aussage und eine umfassende Ehrenerklärung für eine vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestufte Organisation. Die oben gestellten Fragen an die verantwortliche Politik haben an Dringlichkeit gewonnen. Eine Antwort steht weiterhin aus.
Endnoten
- Arbeitskreis Politischer Islam (8. Mai 2026): Zur Akzeptanzkampagne »Vielfalt im Islam« im ZDF »Forum am Freitag« vom 8. Mai 2026. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (28. April 2021): BAMF-Forschungszentrum: Neue Studie »Muslimisches Leben in Deutschland 2020« zeigt mehr Vielfalt. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Katrin Pfündel / Anja Stichs / Kerstin Tanis (28. April 2021): Muslimisches Leben in Deutschland 2020. Forschungsbericht 38. In: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) (17. März 2020): Geburtenzahlen von Kindern muslimischer Mütter/Väter. Dokumentation der amtlichen Daten des Statistischen Bundesamts zum Religionsmerkmal bei Geburten und Eheschließungen bis 2012 sowie zur Einstellung der Erfassung ab 2014. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Tugay Saraç (8. Mai 2026): Statement des Kampagnenleiters zur Äußerung des Islamratsvorsitzenden im ZDF »Forum am Freitag«. In: Instagram. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Ibn Rushd-Goethe-Moschee (6. März 2026): »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« – Akzeptanzkampagne für Vielfalt und Selbstbestimmung im Islam gestartet. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Anadolu Group (2026): Beer Group. Anadolu Efes – Europe’s 5th and the world’s 10th largest brewer. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Qantara.de (30. April 2008): Alkoholkonsum in der islamischen Welt. Begehrtes Teufelszeug. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (Juli 2026): Über uns. Online verfügbar unter: archiviert ↩︎
- Bundesamt für Verfassungsschutz (11. April 2025): Islamismus in Deutschland. Ideologie, Strömungen und Organisationen. Hier: S. 27. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Arbeitskreis Politischer Islam (12. Juni 2026): Niedersachsen führt die »Islamische Gemeinschaft Milli Görüş« (IGMG) nach über zehn Jahren wieder im Verfassungsschutzbericht. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Heiko Heinisch / Hüseyin Çiçek / Jan-Markus Vömel: »Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş – Geschichte, Ideologie, Organisation und gegenwärtige Situation«. Wien (Dokumentationsstelle Politischer Islam), 2023. Hier: S. 230. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- taz. die tageszeitung (22. Februar 2005): Betr.: Burhan Kesici. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Universität Münster, Islamisch-Theologische Fakultät (Juli 2026): Gremien. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) / Deutsche Islam Konferenz (19. Mai 2020): »Eine wichtige und positive Erfahrung« – Interview mit Burhan Kesici. Online verfügbar unter: LINK (archiviert); Deutsche Bischofskonferenz (5. Dezember 2025): Begegnung zwischen Deutscher Bischofskonferenz und Koordinationsrat der Muslime. Pressemeldung. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Aziz Bozkurt in: YouTube-Aufzeichnung vom 19. Juni 2026: »Muslimbruderschaft in Berlin – Strategien des Politischen Islam erkennen, Freiheit und Demokratie stärken«. Hier ab Minute 40:38. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Deutschlandfunk (1. August 2026): Homophobie unter Muslimen. Interview mit Burhan Kesici, Vorsitzender Islamrat. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Eren Güvercin (1. August 2026): Beitrag auf X zum Deutschlandfunk-Interview des Islamratsvorsitzenden. In: X. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎