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»Abnor­ma­li­tä­ten«! Was der Islam­rats­vor­sit­zen­de Kesi­ci im ZDF zur Norm erklärt – und was die Fak­ten sagen

Im ZDF-Format »Forum am Freitag« vom 8. Mai 2026 bezeichnet der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Burhan Kesici, die vier Motive der Akzeptanzkampagne zur Vielfalt im Islam »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« als »Abnormalitäten«. Die Daten zeigen: Er erklärt damit das real existierende muslimische Leben in Deutschland zur Abweichung. Das wirft Fragen auf – vor allem an jene, die den Islamrat als Repräsentanten »der« Muslime legitimieren. In der Politik beginnt die Klärung bereits: Beim Neuköllner Integrationsdialog im Juni 2026 verortete SPD-Staatssekretär Aziz Bozkurt den Islamratsvorsitzenden »klar im islamistischen Bereich« – und stellte fest: »Kesici ist wie Höcke.« +++ Mit Update nach dem islamistischen CSD-Anschlag +++
»Abnormalitäten«! Was der Islamratsvorsitzende Burhan Kesici im ZDF über die Motive der Akzeptanzkampagne zur Vielfalt im Islam sagt (Bild: Screenshot zdf.de und Collage AK Polis)

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Die Staf­fel 1 der Akzep­tanz­kam­pa­gne, getra­gen vom Mer­nis­si-de Gou­ges Bil­dungs- und Sozi­al­werk, der Ibn Rushd-Goe­the-Moschee und dem Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam (AK Polis), zeigt vier Moti­ve:

  • eine Mus­li­min, die selbst­be­stimmt in einer inter­kul­tu­rel­len Fami­lie lebt
  • ein schwu­les Paar
  • ein Mus­lim mit einem Glas Rakı
  • eine mus­li­mi­sche Leh­re­rin ohne Kopf­tuch

Wer die ver­füg­ba­ren Daten her­an­zieht, erkennt schnell: Was Kesi­ci hier zur Abwei­chung von der »isla­mi­schen Norm« erklärt, ist das Grund­recht und der All­tag von Mus­li­min­nen und Mus­li­men. Und die Fra­ge, wer die­se Norm eigent­lich defi­niert, rich­tet sich nicht nur an Kesi­ci, son­dern an alle Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker, Kir­chen­funk­tio­nä­re, Hoch­schu­len und Insti­tu­tio­nen, die ihm und sei­nem Ver­band Part­ner­schaf­ten und Norm­set­zungs­macht in Deutsch­land ein­räu­men.

Was Kesi­ci gesagt hat

Dem Islam­rats­vor­sit­zen­den wur­den im ZDF-Bei­trag die vier Kam­pa­gnen­mo­ti­ve vor­ge­legt. Kesi­ci nennt die Kam­pa­gne »sehr schwach«, die aus­ge­wähl­ten The­men »pro­ble­ma­tisch« – was sein gutes Recht auf eine ande­re Mei­nung ist – und behaup­tet dann jedoch, mit den gezeig­ten Men­schen in ihren Lebens­si­tua­tio­nen wür­den »Abnor­ma­li­tä­ten« als nor­mal dar­ge­stellt. Zugleich stellt er ohne Beleg in den Raum, die Kam­pa­gne sei »staat­lich finan­ziert« (was nicht der Fall ist).

Her­vor­zu­he­ben ist sei­ne Sicht auf den umfas­sen­den Anspruch der eige­nen Deu­tungs­ho­heit (Minu­te 13:48): »Ich kann ja nicht für die Mus­li­me spre­chen oder sagen, sie sind Mus­lim oder nicht – son­dern ich kann nur sagen, dass das, was dort abge­bil­det ist, nicht der isla­mi­schen Norm ent­spricht.«1 Damit bean­sprucht Kesi­ci genau das, was er im sel­ben Satz zurück­weist: die Deu­tungs­ho­heit dar­über, wel­ches mus­li­mi­sche Leben legi­tim ist und wel­ches nicht. Eine Leh­re­rin ohne Kopf­tuch, eine selbst­be­stimm­te Ehe­frau, ein schwu­les Paar, ein Glas Rakı – all das fällt nach die­ser Les­art aus der »isla­mi­schen Norm« her­aus. Es lohnt sich, die­se Behaup­tung Motiv für Motiv an der Empi­rie zu mes­sen.

Reli­gio­si­tät, Fun­da­men­ta­lis­mus, Isla­mis­mus: wor­über reden wir?

Um Kesi­cis Aus­sa­ge prä­zi­se ein­ord­nen zu kön­nen, hilft eine Unter­schei­dung, die in der Debat­te zu oft ver­wischt wird. »Reli­gio­si­tät« meint die per­sön­li­che Glau­bens­pra­xis: beten oder nicht beten, fas­ten oder nicht fas­ten, Kopf­tuch oder kei­nes – ver­bun­den mit der Akzep­tanz, dass ande­re Gläu­bi­ge es anders hal­ten. Sie ist grund­recht­lich geschützt und steht hier in kei­ner Wei­se zur Kri­tik. »Fun­da­men­ta­lis­mus« beginnt dort, wo eine bestimm­te Aus­le­gung mit Exklu­si­vi­täts­an­spruch auf­tritt: wo die eige­ne Les­art für alle Gläu­bi­gen als ver­bind­lich behaup­tet, die eige­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung oder Geschlech­ter­se­gre­ga­ti­on zur Pflicht erklärt, die Selbst­be­stim­mung der Frau nicht aner­kannt, Abweich­ler abge­wer­tet und Abschot­tung von der Gesell­schaft betrie­ben wird. »Isla­mis­mus« schließ­lich über­schrei­tet die Gren­ze zur Abschaf­fung der frei­heit­lich demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung: Er erhebt einen als isla­misch ver­stan­de­nen gesell­schaft­li­chen Ord­nungs- und Durch­set­zungs­an­spruch über ande­re und stellt reli­giö­ses Recht über staat­li­ches.

An die­sem Ras­ter lässt sich das »Abnormalitäten«-Diktum prä­zi­se ver­or­ten. Per­sön­li­che Fröm­mig­keit bleibt davon unbe­rührt; nie­mand ver­langt von Kesi­ci, einen Mann zu hei­ra­ten, Rakı zu trin­ken oder die Ent­schei­dung einer mus­li­mi­schen Leh­re­rin, kein Kopf­tuch zu tra­gen, reli­gi­ös gut­zu­hei­ßen. Das Dik­tum betreibt die klas­si­sche fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ope­ra­ti­on: Eine par­ti­ku­la­re Aus­le­gung wird zur »isla­mi­schen Norm« erklärt, für alle Mus­li­me ver­bind­lich gesetzt, und wer abweicht, wird zur »Abnor­ma­li­tät« erklärt. Isla­mis­tisch rele­vant wird der Vor­gang durch den insti­tu­tio­nel­len Kon­text: Hier spricht der Vor­sit­zen­de eines Ver­bands, der sich »Islam­rat für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land« nennt und an Lehr­stuhl­be­set­zun­gen und der Aus­bil­dung von Reli­gi­ons­lehr­kräf­ten mit­wirkt – der also über genau jene Kanä­le ver­fügt, über die sich eine Norm gesamt­ge­sell­schaft­lich durch­set­zen lässt. Kri­tik dar­an ver­tei­digt die reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Selbst­be­stim­mung der Mus­li­min­nen und Mus­li­me gegen fun­da­men­ta­lis­ti­sche Norm­wäch­ter – und lässt Reli­gio­si­tät selbst unan­ge­tas­tet.

Motiv 1: Die mus­li­mi­sche Leh­re­rin ohne Kopf­tuch – die 70-Pro­zent-Rea­li­tät

Die reprä­sen­ta­ti­ve Stu­die »Mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land 2020« des BAMF-For­schungs­zen­trums, erstellt im Auf­trag der Deut­schen Islam Kon­fe­renz, ist ein­deu­tig: Rund 30 Pro­zent der mus­li­mi­schen Frau­en und Mäd­chen in Deutsch­land tra­gen ein Kopf­tuch – deut­lich über zwei Drit­tel, etwa 70 Pro­zent, tra­gen kei­nes.2 Bei Mäd­chen im Kin­der­gar­ten- und Grund­schul­al­ter liegt der Anteil der Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen unter einem Pro­zent; erst bei den über 65-Jäh­ri­gen bil­det das Kopf­tuch mit 62 Pro­zent die Mehr­heit.3 Die Frau ohne Kopf­tuch ist damit der sta­tis­ti­sche Nor­mal­fall mus­li­mi­schen Frau­en­le­bens in Deutsch­land.

Auf­schluss­reich ist ein wei­te­res Detail der Stu­die: Die meis­ten Mus­li­min­nen, die kein Kopf­tuch tra­gen, geben an, es für die Aus­übung ihres Glau­bens schlicht nicht zu benö­ti­gen. Wer wie Kesi­ci das Motiv einer unver­schlei­er­ten Leh­re­rin zur »Abnor­ma­li­tät« erklärt, erklärt damit die Mehr­heit der mus­li­mi­schen Frau­en in Deutsch­land für abwei­chend und bekräf­tigt exakt jene Ver­schleie­rungs­norm, die isla­mis­ti­sche Akteu­re seit Jah­ren durch­zu­set­zen ver­su­chen. Das Kam­pa­gnen­mo­tiv setzt dem bewusst etwas ent­ge­gen: eine Mus­li­min, die Ver­ant­wor­tung im staat­li­chen Bil­dungs­sys­tem über­nimmt und dort reli­gi­ös-welt­an­schau­lich neu­tral auf­tritt.

Motiv 2: Die inter­kul­tu­rel­le Fami­lie – Selbst­be­stim­mung statt Wäch­ter­rat

Das Grund­ge­setz garan­tiert in Arti­kel 6 die Ehe­frei­heit und in Arti­kel 4 die Reli­gi­ons­frei­heit – ein­schließ­lich der Frei­heit jeder Mus­li­min, ihren Part­ner selbst zu wäh­len, unab­hän­gig von des­sen Reli­gi­on. Zwangs­ver­hei­ra­tung ist in Deutsch­land nach § 237 StGB eine Straf­tat.

Die letz­te ver­füg­ba­re amt­li­che Zäh­lung weist für das Jahr 2012 über 2.000 mus­li­misch-christ­li­che Ehe­schlie­ßun­gen aus, in meh­re­ren Hun­dert Fäl­len war die Frau Mus­li­min. Dass kei­ne neue­ren amt­li­chen Zah­len vor­lie­gen, liegt nicht am Ver­schwin­den des Phä­no­mens, son­dern an der Sta­tis­tik selbst: Das Reli­gi­ons­merk­mal wird bei Ehe­schlie­ßun­gen seit 2014 schlicht nicht mehr erfasst.4

»Abnor­mal« ist an einer Mus­li­min mit nicht-mus­li­mi­schem Ehe­mann also nichts. Abnor­mal im Sin­ne der frei­heit­li­chen Ord­nung ist viel­mehr die Gegen­po­si­ti­on: die Vor­stel­lung, Vater, Onkel oder Brü­der hät­ten über die Part­ner­wahl einer erwach­se­nen Frau zu ent­schei­den. Genau gegen die­ses kol­lek­ti­vis­ti­sche »Ehr«-Verständnis, das in Zwangs­ver­hei­ra­tung und Gewalt mün­den kann, setzt die Akzep­tanz­kam­pa­gne ihr Motiv der selbst­be­stimm­ten Frau.

Motiv 3: Das schwu­le Paar – glei­che Wür­de, glei­che Rech­te

Homo­se­xu­el­le Mus­li­min­nen und Mus­li­me leben in Deutsch­land wie in jeder ande­ren Gesell­schaft. Seit 2017 steht die Ehe in Deutsch­land gleich­ge­schlecht­li­chen Paa­ren offen; Arti­kel 3 des Grund­ge­set­zes garan­tiert die Gleich­heit vor dem Gesetz, das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz schützt vor Dis­kri­mi­nie­rung wegen der sexu­el­len Iden­ti­tät. Wer ein schwu­les Paar als »Abnor­ma­li­tät« bezeich­net, spricht damit vie­len Men­schen in der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty – und der Gesell­schaft ins­ge­samt – die glei­che Wür­de ab.

Wie weit Kesi­ci dabei geht, benann­te auf Insta­gram der Lei­ter der Akzep­tanz­kam­pa­gne, Tugay Saraç: Der Islam­rats­vor­sit­zen­de stellt die Lebens­rea­li­tät von Homo­se­xu­el­len und Quee­ren in eine Rei­he mit Obdach­lo­sig­keit, Alko­ho­lis­mus und Gewalt an Frau­en; die Dar­stel­lung eines mus­li­mi­schen homo­se­xu­el­len Paa­res nennt Kesi­ci eine Pro­vo­ka­ti­on. Sexu­el­le Iden­ti­tät wird hier mit sozia­len Not­la­gen, einer Sucht­krank­heit und Gewalt­de­lik­ten gleich­ge­setzt – eine Her­ab­wür­di­gung, die im ZDF-Bei­trag nach­hör­bar ist.5

Saraç ver­weist zu Recht dar­auf, dass offen homo­se­xu­ell leben­de Men­schen in bestimm­ten mus­li­mi­schen Milieus mas­si­ver Ableh­nung bis hin zu Mob­bing und Bedro­hung aus­ge­setzt sind – exem­pla­risch doku­men­tiert am Fall des Ber­li­ner Leh­rers Oziel Iná­cio-Stech an der Carl-Bol­le-Grund­schu­le.6 Kesi­cis Ein­las­sung illus­triert damit, woher die­ser Norm­druck sei­ne ver­band­li­che Rücken­de­ckung bezieht. Bemer­kens­wert auch hier der Kon­trast: Wäh­rend die Akzep­tanz­kam­pa­gne betont, nie­man­dem das Mus­lim­sein abzu­spre­chen, erklärt der Islam­rats­vor­sit­zen­de sexu­ell selbst­be­stimm­tes Leben kur­zer­hand für unver­ein­bar mit der »isla­mi­schen Norm« – deren Defi­ni­ti­on er für sich rekla­miert.

Motiv 4: Das Glas Rakı – geleb­te Pra­xis von Istan­bul bis Ber­lin

Auch beim The­ma Alko­hol zeigt die Empi­rie ein ande­res Bild: Nach der erwähn­ten BAMF-Stu­die hal­ten sich rund 70 Pro­zent der mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­an­ge­hö­ri­gen an isla­mi­sche Geträn­ke- und Spei­se­vor­schrif­ten – im Umkehr­schluss tut dies fast ein Drit­tel nicht oder nur teil­wei­se. Wer den Blick in mus­li­misch gepräg­te Län­der selbst rich­tet, erkennt, wie wenig das Motiv mit »Abnor­ma­li­tät« zu tun hat.

Wohl kaum irgend­wo wird das deut­li­cher als in der Tür­kei, dem Her­kunfts­land der größ­ten mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty in Deutsch­land: Rakı wird dort seit Gene­ra­tio­nen ganz selbst­ver­ständ­lich als Natio­nal­ge­tränk zu Meze, Fisch und gesel­li­gen Aben­den getrun­ken – über Jahr­zehn­te sogar pro­du­ziert und ver­trie­ben unter staat­li­chem Mono­pol. Und die Tür­kei ist ein bedeu­ten­des Bier­brau­er­land: Die Braue­rei­grup­pe Ana­do­lu Efes, 1969 gegrün­det und seit den 1980er Jah­ren tür­ki­scher Markt­füh­rer, zählt zu den zehn größ­ten Braue­rei­grup­pen der Welt und ist die Num­mer fünf in Euro­pa.7 Ein Welt­kon­zern die­ser Grö­ßen­ord­nung ent­steht nicht in einer Gesell­schaft, in der Alko­hol­kon­sum ein abnor­ma­les Phä­no­men wäre.

Ähn­li­ches gilt für ande­re Regio­nen auf der Welt. Zum Bei­spiel zäh­len Marok­ko und Tune­si­en zu den tra­di­ti­ons­rei­chen Wein­an­bau­re­gio­nen. Allein Marok­ko pro­du­ziert jähr­lich rund 400.000 Hek­to­li­ter Wein auf etwa 12.000 Hekt­ar Anbau­flä­che; zusam­men mit Tune­si­en, Alge­ri­en, Ägyp­ten, Jor­da­ni­en und dem Liba­non sum­miert sich die Wein­pro­duk­ti­on ara­bi­scher Län­der auf rund 1,3 Mil­lio­nen Hek­to­li­ter im Jahr – der weit­aus größ­te Teil davon wird im Inland kon­su­miert.8 Der Genuss von Alko­hol hat in vie­len mus­li­misch gepräg­ten Gesell­schaf­ten schlicht eine lan­ge Tra­di­ti­on – genau dar­auf ver­weist auch Pro­jekt­lei­ter Tugay Saraç, wenn er sagt, mus­li­mi­sche Iden­ti­tät las­se sich nicht auf ein rigi­des Alko­hol­ver­bot redu­zie­ren, wie es isla­mis­ti­sche Grup­pen ver­lan­gen.

Das Motiv behaup­tet nicht, Alko­hol sei isla­misch gebo­ten. Es zeigt ledig­lich, dass es die­se Mus­li­me gibt – in gro­ßer Zahl, in Ber­lin wie in Istan­bul, Casa­blan­ca und Tunis. Sie zur »Abnor­ma­li­tät« zu erklä­ren bedeu­tet, einen erheb­li­chen Teil der mus­li­mi­schen Welt aus dem legi­ti­men mus­li­mi­schen Spek­trum aus­zu­schlie­ßen.

Wen ver­tritt Kesi­ci?

Der Islam­rat orga­ni­siert nach eige­ner Aus­kunft rund 400 Moschee­ge­mein­den sowie über 1.000 wei­te­re Ein­rich­tun­gen. Sein größ­ter Mit­glieds­ver­band ist die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG).9 Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz stellt in sei­ner Publi­ka­ti­on »Isla­mis­mus in Deutsch­land« unmiss­ver­ständ­lich fest: »Die IGMG ist aktu­ell die größ­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land.«10 Nie­der­sach­sen weist mit dem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2025 dar­auf hin:

»Die Mil­li Görüs-Bewe­gung strebt nach der Ein­füh­rung einer isla­mis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung und lehnt west­li­che Sys­te­me demo­kra­ti­scher Prä­gung als ›nich­ti­ge Sys­te­me‹ ent­schie­den ab, sodass sie eine gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung gerich­te­te Bestre­bung […] ist. […] In Deutsch­land ist die IGMG mit ver­schie­de­nen isla­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Dach­ver­bän­den ver­floch­ten. Ver­bin­dun­gen bestehen z. B. zur Schura Nie­der­sach­sen. Die IGMG bestrei­tet, eine Form des Islams zu pro­pa­gie­ren, die gegen die poli­tisch-gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on der in der Bun­des­re­pu­blik leben­den Men­schen tür­ki­scher Her­kunft gerich­tet ist. Auf­fäl­lig ist aber, dass die IGMG ihren Anhän­gern ein alle Lebens­be­rei­che umfas­sen­des Dienst­leis­tungs­an­ge­bot macht: Mit Korankur­sen, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung, Feri­en­la­gern, Sport­ak­ti­vi­tä­ten sowie u. a. einer Wall­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on, einem Ver­trieb für reli­giö­se Lite­ra­tur, einem mus­li­mi­schen Sozi­al­werk, einem Bestat­tungs­fonds und Han­dels­ge­sell­schaf­ten für den Im- und Export von Lebens­mit­teln bin­det die IGMG ihre Anhän­ger an sich.«11

Wie die­ses Pro­gramm aus­sieht, wird auch in der bis­lang umfas­sends­ten öffent­li­chen Stu­die zur IGMG beschrie­ben, 2023 vor­ge­legt von Hei­ko Hei­nisch, Hüsey­in Çiçek und Jan-Mar­kus Vömel für die öster­rei­chi­sche Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam:

»Als trans­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on ist die IGMG heu­te bestrebt, abhän­gig von den jewei­li­gen recht­li­chen Mög­lich­kei­ten in allen Län­dern, in denen sie aktiv ist, in klei­nen Schrit­ten sepa­ra­te Sphä­ren zu schaf­fen, die eine ›rein isla­mi­sche‹ Lebens­wei­se ermög­li­chen, also letzt­lich Räu­me, in denen nach einer eige­nen nor­ma­ti­ven Ord­nung gelebt wer­den kann. Ihr aktu­el­les Haupt­an­lie­gen stellt ehe­ma­li­ge Ele­men­te einer poli­tisch-isla­mi­schen Uto­pie in den Hin­ter­grund und kreist vor allem um die Sor­ge vor einem als bedroh­lich emp­fun­de­nen Ver­lust der eige­nen Kul­tur und Reli­gi­on in einer nicht-isla­mi­schen Umge­bung. Damit ein­her geht eine Abwer­tung der übri­gen Gesell­schaft und ande­rer Lebens­ent­wür­fe. Ihre Akti­vi­tä­ten zie­len daher auch dar­auf, die sie umge­ben­de Gesell­schaft lang­fris­tig zu trans­for­mie­ren, indem ver­sucht wird, in die Gesell­schaft hin­ein­zu­wir­ken und inner-orga­ni­sa­to­ri­schen Nor­men auch nach außen Gel­tung zu ver­schaf­fen. Die Gesell­schaft soll lang­fris­tig für isla­mis­ti­sche Norm­vor­stel­lun­gen emp­fäng­lich gemacht wer­den und etwa Geschlech­ter­tren­nung, Alko­hol­ver­bot und Spei­se­ge­bo­te (bis­lang vor­nehm­lich in Schu­len und Kan­ti­nen) nicht nur akzep­tie­ren, son­dern prak­ti­zie­ren. Inso­fern folgt die IGMG auch wei­ter­hin jenen Kon­zep­ten, die isla­mis­ti­sche Vor­den­ker ent­wor­fen haben.«12

Kesi­cis »Abnormalitäten«-Diktum im ZDF fügt sich naht­los in die­ses Pro­gramm: Es ist der Ver­such, eine homo­ge­ne Norm über eine tat­säch­lich plu­ra­le Gesell­schaft zu legen.

Namens­schild Bur­han Kesi­cis als »Almanya İsl­am Kon­seyi Baş­kanı« (Vor­sit­zen­der des Islam­rats Deutsch­land) mit dem Logo der IGMG. (Screen­shot: instagram.com/kesiciburhan)

Doch ist dies nicht neu. Vor über zwan­zig Jah­ren notier­te bereits die taz: Bur­han Kesi­ci sei Ver­wal­tungs­rats­vor­sit­zen­der der Isla­mi­schen Föde­ra­tion Ber­lin (IFB), »die als Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on der isla­mis­ti­schen Mil­li Görüs gilt« – jenes Trä­gers mit damals zwölf Moscheen, der an Ber­li­ner Schu­len Reli­gi­ons­un­ter­richt anbie­tet.13

Heu­te ist Kesi­ci an Gre­mi­en und For­ma­ten mit erheb­li­cher gesell­schafts­po­li­ti­scher Gestal­tungs­macht betei­ligt. In Nord­rhein-West­fa­len ist er Mit­glied im »Kon­fes­sio­nel­len Bei­rat für Isla­mi­sche Theo­lo­gie«14 der Isla­misch-Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Müns­ter. In die­sem Uni­ver­si­täts­bei­rat wirkt er Stand Juli 2026 in sei­nen Funk­tio­nen als »Vor­sit­zen­der des Islam­rats für die BRD (IRD) und Leh­rer für den isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt« mit.

Über den Islam­rat ist er im Koor­di­nie­rungs­rat der Mus­li­me (KRM) ver­tre­ten, der von man­chen staat­li­chen und kirch­li­chen Stel­len als Koope­ra­ti­ons­part­ner legi­ti­miert wird: Die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz führt Spit­zen­ge­sprä­che, und die staat­li­che Deut­sche Islam Kon­fe­renz (DIK) prä­sen­tiert Kesi­ci auf der amt­li­chen Web­site noch aus der Zeit des CSU-Innen­mi­nis­ters Horst See­ho­fer als Dia­log­part­ner, der die Abstim­mung mit dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um als »ver­trau­ens­voll und kon­struk­tiv« wür­digt.15

Was »Abnor­ma­li­tät« bedeu­tet, wo die »isla­mi­sche Norm« Gesetz ist

Kesi­cis Voka­bel ver­dient einen zwei­ten Blick über Ber­lin und Deutsch­land hin­aus – dar­auf, was aus dem Eti­kett »Abnor­ma­li­tät« folgt: Län­der wie Afgha­ni­stan, Paki­stan, Iran, Sau­di-Ara­bi­en, Jemen und Mau­re­ta­ni­en kri­mi­na­li­sie­ren ein­ver­nehm­li­che gleich­ge­schlecht­li­che Hand­lun­gen. Für die übri­gen Moti­ve gilt Ent­spre­chen­des: Im Iran erzwingt die Sit­ten­po­li­zei den Hid­schab; der Tod Jina Mah­sa Ami­nis 2022 mach­te welt­weit sicht­bar, was der Ver­stoß gegen die Ver­schleie­rungs­norm kos­ten kann; in Afgha­ni­stan ver­ord­nen die Tali­ban Voll­ver­schleie­rung und schlie­ßen Mäd­chen von Schul­bil­dung aus. Und in zahl­rei­chen Staa­ten bleibt einer Mus­li­min die Ehe mit einem Nicht-Mus­lim recht­lich ver­wehrt; Tune­si­en hob die­ses Ver­bot 2017 auf und belegt damit, dass sol­che Nor­men nicht unab­än­der­lich sind und über sie poli­tisch ent­schie­den wird. Die vom Islam­rats­vor­sit­zen­den ange­führ­te »isla­mi­sche Norm« ist also das Ergeb­nis poli­ti­scher Macht­ver­hält­nis­se. Wo isla­mis­ti­sche Kräf­te sie staat­lich durch­set­zen, wird aus dem Wort »Abnor­ma­li­tät« Ver­fol­gung. In die­sem Bedeu­tungs­kon­text sehen Betrof­fe­ne Kesi­cis Wort­wahl. Sie über­nimmt eine Kate­go­rie, mit der »abnor­ma­les« Leben ver­folgt wird, und trägt sie in eine Gesell­schaft nach Deutsch­land, deren Grund­ge­setz genau die­se Lebens­ent­wür­fe schützt. Die vier Moti­ve der Akzep­tanz­kam­pa­gne zei­gen Frei­hei­ten, die sich Mil­lio­nen Men­schen in repres­si­ven Gesell­schaf­ten wie Afgha­ni­stan, Paki­stan, Iran, Sau­di-Ara­bi­en, Jemen und Mau­re­ta­ni­en erst noch erkämp­fen müs­sen – und die in Deutsch­land jeder Mus­li­min und jedem Mus­lim bereits zuste­hen.

»Klar im isla­mis­ti­schen Bereich« – Ein­ord­nung durch SPD-Staats­se­kre­tär

Beim »Neu­köll­ner Dia­log für Inte­gra­ti­on« im Juni 2026 im dor­ti­gen Rat­haus kam der Sach­ver­halt in aller Klar­heit zur Spra­che. Unter dem Titel »Mus­lim­bru­der­schaft in Ber­lin – Stra­te­gien des Poli­ti­schen Islam erken­nen, Frei­heit und Demo­kra­tie stär­ken« dis­ku­tier­ten nach der Eröff­nung durch Bezirks­bür­ger­meis­ter Mar­tin Hikel (SPD) und einem Vor­trag des Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­lis­ten Sascha Ada­mek über das Ideen­ge­flecht der Mus­lim­bru­der­schaft in Ber­lin der SPD-Staats­se­kre­tär Aziz Bozk­urt, der CDU-Bezirks­stadt­rat Han­nes Reh­feldt, die Moschee­grün­de­rin Sey­ran Ateş und Ada­mek gemein­sam mit Bür­ge­rin­nen und Bür­gern.

Die vier Moti­ve der Akzep­tanz­kam­pa­gne stan­den wäh­rend der Dia­log­ver­an­stal­tung auf gro­ßen Rol­lups im Rat­haus­saal, der SPD-Staats­se­kre­tär hielt mit Blick auf die Bil­der fest: »Aber das ist völ­lig die Nor­ma­li­tät, auch in Neu­kölln, in vie­len Haus­hal­ten« – Bozk­urt spricht sogar von »90 oder 95 Pro­zent aller Haus­hal­te«, in denen die­se Lebens­rea­li­tät nor­mal sei.

Als Sey­ran Ateş dar­auf hin­wies, dass der Islam­rats­vor­sit­zen­de die­se »90 oder 95 Pro­zent aller Haus­hal­te« im ZDF als »Abnor­ma­li­tät« bezeich­net hat­te, bat sie Bozk­urt um eine Ein­ord­nung Kesi­cis. Bozk­urt ant­wor­te­te und ver­or­te­te den Islam­rats­vor­sit­zen­den »klar im isla­mis­ti­schen Bereich«.

Für Ateş leis­tet die Akzep­tanz­kam­pa­gne genau das, wor­um es bei dem Neu­köll­ner Inte­gra­ti­ons­dia­log ging: den Hin­weis auf eine Nor­ma­li­tät, die sie aus der eige­nen Fami­lie kennt – »Leu­te haben gebe­tet, nicht gebe­tet, Kopf­tuch getra­gen, nicht getra­gen, Rakı getrun­ken oder nicht«.

Und auf Kesi­cis Aus­sa­ge, man wür­de »Abnor­ma­li­tät als nor­mal dar­stel­len« – so, wie wenn man Obdach­lo­sig­keit und Alko­ho­lis­mus als nor­mal dar­stel­len wür­de –, und dies in aus­gren­zen­der, abwer­ten­der Wei­se über oft­mals ange­grif­fe­ne Men­schen­grup­pen vor­ge­tra­gen, ging der SPD-Staats­se­kre­tär auf maxi­ma­le Distanz zum Islam­rats­vor­sit­zen­den, mit der Fest­stel­lung:16

»Kesi­ci ist wie Höcke.«

Aziz Bozk­urt (SPD)
über den Islam­rats­vor­sit­zen­den Bur­han Kesi­ci

Damit stellt der SPD-Staats­se­kre­tär den Islam­rats­vor­sit­zen­den auf eine Stu­fe mit Björn Höcke, dem Vor­sit­zen­den des vom Ver­fas­sungs­schutz als rechts­extre­mis­tisch ein­ge­stuf­ten AfD-Lan­des­ver­bands Thü­rin­gen, der für grup­pen­be­zo­gen men­schen­feind­li­che Äuße­run­gen bekannt ist. Der Ver­gleich trifft den Kern: Bei­de wer­ten öffent­lich gan­ze Men­schen­grup­pen ab – Höcke Migran­ten und Mus­li­me, Kesi­ci homo­se­xu­el­le Men­schen, Frau­en ohne Kopf­tuch und säku­la­re Mus­li­me. Die bit­te­re Poin­te: Die Mus­li­me, deren Leben Kesi­ci zur »Abnor­ma­li­tät« erklärt, gehö­ren zu den­sel­ben, denen Rechts­extre­mis­ten die Zuge­hö­rig­keit zu Deutsch­land abspre­chen.

Abschlie­ßend hob Ateş noch einen wei­te­ren zen­tra­len Punkt her­vor: »Die­se Nor­ma­li­tät wird als ›Abnor­ma­li­tät‹ bezeich­net von jeman­dem, der dar­über ent­schei­det, wel­cher Reli­gi­ons­un­ter­richt abge­hal­ten wird.«

»Aber wie­so wird er dann von der Poli­tik her­an­ge­zo­gen für Reli­gi­ons­un­ter­richt?
Ist das Reli­gi­on?«

Sey­ran Ateş
über den Islam­rats­vor­sit­zen­den Bur­han Kesi­ci

Die­se Dop­pel­fra­ge von Sey­ran Ateş vom Neu­köll­ner Inte­gra­ti­ons­dia­log steht seit­her unbe­ant­wor­tet im Raum.

Klä­rung und Tren­nung: Fra­gen an die ver­ant­wort­li­che Poli­tik

Zusam­men­ge­fasst lässt sich fra­gen: Wie lan­ge noch wol­len Tei­le der Poli­tik, der mus­li­mi­schen Gemein­schaft, der Kir­chen und der Medi­en die­sen Ver­band als Part­ner legi­ti­mie­ren? Ein Funk­tio­när, der die Lebens­rea­li­tät von mus­li­mi­schen Frau­en, inter­re­li­giö­sen Fami­li­en, quee­ren Mus­li­men und säku­lar leben­den Gläu­bi­gen öffent­lich zu »Abnor­ma­li­tä­ten« erklärt, wirkt bis heu­te über staat­li­che und gesell­schaft­li­che Betei­li­gung bei­spiels­wei­se an der uni­ver­si­tä­ren Aus­bil­dung von Islam-Lehr­kräf­ten, Reli­gi­ons­päd­ago­gen und Theo­lo­gen in NRW mit. Das ist ein Struk­tur­pro­blem. Über den Fall hin­aus stel­len sich die fol­gen­den Fra­gen an die ver­ant­wort­li­chen Akteu­re:

  1. Tei­len Sie die Auf­fas­sung des Islam­rats­vor­sit­zen­den, dass eine Leh­re­rin ohne Kopf­tuch, eine selbst­be­stimm­te inter­re­li­giö­se Ehe, ein schwu­les Paar und libe­ra­le mus­li­mi­sche Lebens­füh­rung »Abnor­ma­li­tä­ten« dar­stel­len? Falls nein: Wel­che Kon­se­quen­zen zie­hen Sie dar­aus?
  2. Nach wel­chen Kri­te­ri­en prü­fen Sie, ob Koope­ra­ti­ons­part­ner des Staa­tes die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en, die Rech­te homo­se­xu­el­ler Men­schen und die reli­gi­ös-welt­an­schau­li­che Selbst­be­stim­mung des Indi­vi­du­ums vor­be­halt­los aner­ken­nen – und wie stel­len Sie sicher, dass Ver­bän­de mit domi­nie­ren­dem Ein­fluss einer vom Ver­fas­sungs­schutz als isla­mis­tisch ein­ge­stuf­ten Orga­ni­sa­ti­on kei­ne Norm­set­zungs­macht über Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len und wei­te­re gesell­schafts­po­li­ti­sche Berei­che erhal­ten?

Update vom 1. August 2026: Kesi­ci bekräf­tigt im Deutsch­land­funk sei­ne »Abnormalitäten«-Rhetorik und gibt umfas­sen­de Ehren­er­klä­rung für die Mil­lî Görüş

Nach dem isla­mis­ti­schen Anschlag auf den Ber­li­ner CSD vom 25. Juli 2026 und der nach­fol­gen­den Debat­te zu Homo­pho­bie und Que­er­feind­lich­keit stell­te sich Bur­han Kesi­ci am 1. August 2026 im Deutsch­land­funk den Fra­gen zu sei­nen ZDF-Äuße­run­gen.17 Das Inter­view bestä­tigt die oben getrof­fe­ne Ana­ly­se in aller Klar­heit. Auf die Ein­gangs­fra­ge, war­um er Homo­se­xu­el­le für abnor­mal hal­te, ant­wor­te­te der Islam­rats­vor­sit­zen­de: »Die Theo­lo­gie erlaubt bestimm­te Sachen und ver­bie­tet bestimm­te Sachen. Und alles, was sozu­sa­gen ver­bo­ten ist, ist abnor­mal. Das ist ein theo­lo­gi­scher Fach­be­griff.« Auf Nach­fra­ge schob er die Unter­schei­dung nach: »Wir bezeich­nen nicht die Homo­se­xu­el­len als abnor­mal, son­dern den Akt als abnor­mal.« Ob dar­in bereits eine Dis­kri­mi­nie­rung lie­ge, ver­nein­te Kesi­ci.

Sei­ne im ZDF getrof­fe­ne Auf­zäh­lung bestritt er im Inter­view rund­her­aus. Der Mode­ra­tor hielt ihm vor, er habe Homo­se­xua­li­tät in eine Rei­he mit Obdach­lo­sig­keit, Alko­ho­lis­mus und Gewalt an Frau­en gestellt, und füg­te hin­zu, er habe den Bei­trag am Vor­abend noch ein­mal gese­hen. Kesi­ci ant­wor­te­te: »Nein, das habe ich nicht gemacht, son­dern ich habe nur ver­sucht, Bei­spie­le für Nor­ma­li­tät und Abnor­ma­li­tät dar­zu­stel­len.« Der ZDF-Bei­trag ist über End­no­te 1 nach­prüf­bar und wider­legt das Kesi­cis Behaup­tung.

Nach sei­nem eige­nen Anteil an homo­pho­ben Gewalt­ta­ten gefragt, räum­te Kesi­ci all­ge­mein ein, jede Äuße­rung kön­ne »Wir­kung mit sich brin­gen«, ver­wies auf die »Har­mo­nie«, die sei­ne Gemein­den in die Gesell­schaft trü­gen, und ver­or­te­te Radi­ka­li­sie­rung grund­sätz­lich außer­halb der Ver­bands­struk­tu­ren: Radi­ka­li­sier­te hät­ten »kei­ne Gemein­de­bin­dung«. Auf die hypo­the­ti­sche Fra­ge, was er einem gläu­bi­gen Schü­ler sagen wür­de, der sich als homo­se­xu­ell anver­traut, berich­te­te er von Rat­su­chen­den, deren Brü­der »homo­se­xu­ell gewor­den« sei­en; sein Rat habe gelau­tet, die Bezie­hung zum Bru­der auf­recht­zu­er­hal­ten. Homo­se­xua­li­tät erscheint in die­ser For­mu­lie­rung als Vor­gang, der jeman­dem wider­fährt oder began­gen wird, und Akzep­tanz als fami­liä­re Bewäl­ti­gungs­auf­ga­be.

Für den größ­ten Mit­glieds­ver­band des Islam­rats gab Kesi­ci eine umfas­sen­de Ehren­er­klä­rung ab. Zur Isla­mi­schen Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG), die das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz als größ­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land führt (sie­he oben), sag­te er: »Mil­lî Görüş ist nicht radi­kal, Mil­lî Görüş ist nicht pro­ble­ma­tisch und macht auch sehr gute Arbeit.« Die Ein­stu­fung durch den Ver­fas­sungs­schutz wisch­te er bei­sei­te: »Das sind so ande­re Mei­nun­gen«.

Der Behaup­tung, »abnor­mal« sei ein theo­lo­gi­scher Fach­be­griff, wider­sprach noch am sel­ben Tag der Mit­grün­der der Alham­bra-Gesell­schaft Eren Güver­cin öffent­lich auf X.18 Einen sol­chen Begriff gebe es in der isla­mi­schen Theo­lo­gie »schlicht nicht«. »Abnor­mal« sei »kei­ne theo­lo­gi­sche Kate­go­rie, son­dern eine per­sön­li­che Abwer­tung – sei­ne und die sei­ner Orga­ni­sa­ti­on. Sie hin­ter einem theo­lo­gi­schen Gewand zu ver­ste­cken, ändert dar­an nichts. Es ist ein rhe­to­ri­scher Trick, kein Argu­ment.«

Mit dem DLF-Inter­view liegt nach dem ZDF-Auf­tritt eine zwei­te aus­führ­li­che Selbst­aus­kunft des Islam­rats­vor­sit­zen­den vor. Sie doku­men­tiert die Abwer­tung quee­ren Lebens im theo­lo­gi­schen Gewand, das Bestrei­ten einer nach­hör­ba­ren eige­nen Aus­sa­ge und eine umfas­sen­de Ehren­er­klä­rung für eine vom Ver­fas­sungs­schutz als isla­mis­tisch ein­ge­stuf­te Orga­ni­sa­ti­on. Die oben gestell­ten Fra­gen an die ver­ant­wort­li­che Poli­tik haben an Dring­lich­keit gewon­nen. Eine Ant­wort steht wei­ter­hin aus.


End­no­ten

  1. Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam (8. Mai 2026): Zur Akzep­tanz­kam­pa­gne »Viel­falt im Islam« im ZDF »Forum am Frei­tag« vom 8. Mai 2026. Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎
  2. Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (28. April 2021): BAMF-For­schungs­zen­trum: Neue Stu­die »Mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land 2020« zeigt mehr Viel­falt. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  3. Kat­rin Pfün­del / Anja Stichs / Kers­tin Tanis (28. April 2021): Mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land 2020. For­schungs­be­richt 38. In: Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  4. For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid) (17. März 2020): Gebur­ten­zah­len von Kin­dern mus­li­mi­scher Mütter/Väter. Doku­men­ta­ti­on der amt­li­chen Daten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts zum Reli­gi­ons­merk­mal bei Gebur­ten und Ehe­schlie­ßun­gen bis 2012 sowie zur Ein­stel­lung der Erfas­sung ab 2014. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  5. Tugay Saraç (8. Mai 2026): State­ment des Kam­pa­gnen­lei­ters zur Äuße­rung des Islam­rats­vor­sit­zen­den im ZDF »Forum am Frei­tag«. In: Insta­gram. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  6. Ibn Rushd-Goe­the-Moschee (6. März 2026): »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min« – Akzep­tanz­kam­pa­gne für Viel­falt und Selbst­be­stim­mung im Islam gestar­tet. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  7. Ana­do­lu Group (2026): Beer Group. Ana­do­lu Efes – Europe’s 5th and the world’s 10th lar­gest bre­wer. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  8. Qantara.de (30. April 2008): Alko­hol­kon­sum in der isla­mi­schen Welt. Begehr­tes Teu­fels­zeug. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  9. Islam­rat für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Juli 2026): Über uns. Online ver­füg­bar unter: archi­viert ↩︎
  10. Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (11. April 2025): Isla­mis­mus in Deutsch­land. Ideo­lo­gie, Strö­mun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen. Hier: S. 27. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  11. Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam (12. Juni 2026): Nie­der­sach­sen führt die »Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­li Görüş« (IGMG) nach über zehn Jah­ren wie­der im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt. Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎
  12. Hei­ko Hei­nisch / Hüsey­in Çiçek / Jan-Mar­kus Vömel: »Die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş – Geschich­te, Ideo­lo­gie, Orga­ni­sa­ti­on und gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on«. Wien (Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam), 2023. Hier: S. 230. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  13. taz. die tages­zei­tung (22. Febru­ar 2005): Betr.: Bur­han Kesi­ci. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  14. Uni­ver­si­tät Müns­ter, Isla­misch-Theo­lo­gi­sche Fakul­tät (Juli 2026): Gre­mi­en. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  15. Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) / Deut­sche Islam Kon­fe­renz (19. Mai 2020): »Eine wich­ti­ge und posi­ti­ve Erfah­rung« – Inter­view mit Bur­han Kesi­ci. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert); Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz (5. Dezem­ber 2025): Begeg­nung zwi­schen Deut­scher Bischofs­kon­fe­renz und Koor­di­na­ti­ons­rat der Mus­li­me. Pres­se­mel­dung. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎
  16. Aziz Bozk­urt in: You­Tube-Auf­zeich­nung vom 19. Juni 2026: »Mus­lim­bru­der­schaft in Ber­lin – Stra­te­gien des Poli­ti­schen Islam erken­nen, Frei­heit und Demo­kra­tie stär­ken«. Hier ab Minu­te 40:38. Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎
  17. Deutsch­land­funk (1. August 2026): Homo­pho­bie unter Mus­li­men. Inter­view mit Bur­han Kesi­ci, Vor­sit­zen­der Islam­rat. Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎
  18. Eren Güver­cin (1. August 2026): Bei­trag auf X zum Deutsch­land­funk-Inter­view des Islam­rats­vor­sit­zen­den. In: X. Online ver­füg­bar unter: LINK (archi­viert) ↩︎