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»Anti­se­mi­tis­mus, Ter­ro­ris­mus und poli­ti­scher Islam« von Arno Tausch

Arno Tausch legt mit »Antisemitismus, Terrorismus und politischer Islam. Erkenntnisse aus internationalen Meinungsumfragen« eine quantitativ-empirische Analyse des Verhältnisses von Antisemitismus, Terrorunterstützung und Sympathien für den Politischen Islam vor. Das bei Springer VS erschienene Werk bündelt erstmals in deutscher Sprache zehn Kapitel aus vier Büchern, die der Autor zwischen 2019 und 2021 bei Springer und Palgrave Macmillan auf Englisch publizierte, und ergänzt sie um ein eigenständiges Kapitel zur »Islamizität« als Gegenmodell eines offenen, toleranten Islam.

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Fra­ge­stel­lun­gen

Im Vor­wort begrün­det Tausch den Anlass sei­ner Stu­die mit den Pogro­men, die die Hamas am 7. Okto­ber 2023 in Isra­el ver­üb­te, sowie mit der Wel­le des glo­ba­len Anti­se­mi­tis­mus, die seit­her beob­acht­bar sei. Ange­sichts die­ser Ereig­nis­se sei eine empi­risch ori­en­tier­te Ana­ly­se von Anti­se­mi­tis­mus, Ter­ro­ris­mus und Poli­ti­schem Islam von abso­lu­ter Wich­tig­keit. Der Autor for­mu­liert eine Rei­he von Leit­fra­gen: Wie groß sei in der Regi­on Nah­ost laut ver­läss­li­chen Mei­nungs­um­fra­gen der Anti­se­mi­tis­mus, und wie hoch die Unter­stüt­zung für Orga­ni­sa­tio­nen wie Hamas, His­bol­lah, ISIS/Daesh oder al-Qai­da wirk­lich? Wie ein­sam ste­he der Wes­ten heu­te im Kampf gegen den inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus? Und wel­che Rol­le spie­le die Migra­ti­on für die künf­ti­ge Bedro­hungs­la­ge in Euro­pa?

Tausch posi­tio­niert sich dabei expli­zit gegen das, was er als Ver­harm­lo­sung wahr­nimmt. Die demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit, die poli­ti­schen Par­tei­en, Inter­es­sens­ver­bän­de, Medi­en und NGOs hät­ten – so sei­ne The­se – das Gewalt­po­ten­zi­al, das aus dem Drei­eck Anti­se­mi­tis­mus, Ter­ro­ris­mus und Poli­ti­scher Islam erwach­se, lan­ge Zeit unter­schätzt, klein­ge­re­det oder negiert. Zugleich wen­det er sich gegen einen pau­scha­len Gene­ral­ver­dacht: Das Poten­zi­al der Ter­ror­un­ter­stüt­zung lie­ge in der mus­li­mi­schen Welt glo­bal bei etwa einem Sechs­tel der Gesamt­be­völ­ke­rung. Tausch betont, er habe »über die Jah­re stets klar zwi­schen dem poli­ti­schen Islam und dem Islam der Tole­ranz unter­schie­den«. Pro­ble­me aber, die es gebe, müss­ten »beim Namen genannt wer­den«.

Metho­di­sches Vor­ge­hen

Metho­disch stützt sich Tausch auf die mul­ti­va­ria­te Ana­ly­se gro­ßer inter­na­tio­na­ler Umfra­ge­da­ten. Ver­wen­det wer­den ins­be­son­de­re der World Values Sur­vey, das Arab Baro­me­ter, Erhe­bun­gen des Pew Rese­arch Cen­ter, die ADL-100-Stu­die der Anti-Defa­ma­ti­on League sowie die Daten­bank »Isla­mist Ter­ror Attacks in the World, 1979–2019« der Sci­en­ces Po. Ein­ge­setzt wer­den Fak­to­ren­ana­ly­sen (ins­be­son­de­re die Pro­max-Rota­ti­on), mul­ti­ple OLS-Regres­sio­nen, Zeit­rei­hen­ana­ly­sen und Kuz­nets-Kur­ven-Model­le. Der Autor ver­steht sein Vor­ge­hen als Anwen­dung medi­zi­nisch-sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher For­schungs­lo­gik: vom Hin­ter­grund über die Metho­den und Ergeb­nis­se bis zu den Schluss­fol­ge­run­gen.

Tausch grenzt sei­nen Ansatz gegen­über der vom Pew Rese­arch Cen­ter ver­tre­te­nen Les­art ab. Wäh­rend Pew gemäß dem Befund von 2014 beto­ne, dass »nur weni­ge Mus­li­me« Selbst­mord­at­ten­ta­te für gerecht­fer­tigt hiel­ten, rech­net Tausch die­se »weni­gen« in abso­lu­te Zah­len um und kommt auf eine bevöl­ke­rungs­ge­wich­te­te Grö­ßen­ord­nung, die der Gesamt­be­völ­ke­rung Nige­ri­as oder Ban­gla­deschs ent­spre­che. Der Befund von Pew wer­de durch die­se Umrech­nung in sei­nem poli­ti­schen Gehalt ver­än­dert, ohne dass die zugrun­de lie­gen­den Pro­zent­wer­te bestrit­ten wür­den.

Zen­tra­le Befun­de zur Ter­ror­un­ter­stüt­zung

Den empi­ri­schen Kern der Stu­die bil­det die Quan­ti­fi­zie­rung der Unter­stüt­zung für ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen und Selbst­mord­at­ten­ta­te in der mus­li­mi­schen Welt. Auf der Basis von Pew-Daten für elf Län­der, die rund 42 Pro­zent der glo­ba­len mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rung abde­cken, ermit­telt Tausch einen bevöl­ke­rungs­ge­wich­te­ten Durch­schnitt von 17,38 Pro­zent impli­zi­ter ISIS-Sym­pa­thie (gemes­sen als Mit­tel­wert der Unter­stüt­zung für Hamas, His­bol­lah, Tali­ban, al-Qai­da und der Recht­fer­ti­gung von Selbst­mord­at­ten­ta­ten). Die direk­te Unter­stüt­zung für ISIS/ISIL/Daesh bezif­fert er auf rund 8,3 Pro­zent der Mus­li­me welt­weit. Unter syri­schen Flücht­lin­gen lie­ge die ISIS-Sym­pa­thie­quo­te bei 18 Pro­zent, der Wunsch nach einem theo­kra­ti­schen Staat bei 30 Pro­zent. Aus die­sen Grö­ßen­ord­nun­gen lei­tet der Autor die The­se eines bevor­ste­hen­den »lan­gen asym­me­tri­schen Krie­ges gegen den Wes­ten« ab. Zur Ver­deut­li­chung wählt er einen his­to­ri­schen Ver­gleich: Bereits ein win­zi­ger Anteil akti­ver Ter­ror­sym­pa­thie kön­ne zu schwer­wie­gen­den asym­me­tri­schen Kon­flik­ten füh­ren. In Nord­ir­land habe die akti­ve Unter­stüt­zung der IRA bei etwa 7,4 Pro­zent der nord­irisch-katho­li­schen Bevöl­ke­rung gele­gen, den­noch sei zur Bekämp­fung des Auf­stands der Ein­satz von 20 000 bri­ti­schen Sol­da­ten erfor­der­lich gewe­sen. Dem­ge­gen­über schätzt Tausch die glo­ba­le Zahl der Ter­ror­sym­pa­thi­san­ten in der mus­li­mi­schen Welt auf rund 330 Mil­lio­nen Men­schen, davon allein über 20 Mil­lio­nen Daesh-Sym­pa­thi­san­ten in der ara­bi­schen Welt.

Anti­se­mi­tis­mus als glo­ba­les Phä­no­men

Ein zwei­ter Schwer­punkt liegt auf der ver­glei­chend-empi­ri­schen Ana­ly­se des Anti­se­mi­tis­mus. Tausch wer­tet die ADL-100-Stu­die sowie den World Values Sur­vey aus. Glo­bal gese­hen gebe es mehr als eine Mil­li­ar­de Anti­se­mi­ten, im Nahen Osten und Nord­afri­ka lie­ge der Anteil bei 74 Pro­zent der dor­ti­gen Gesamt­be­völ­ke­rung. In meh­re­ren EU-Staa­ten – Bel­gi­en, Deutsch­land, Ita­li­en, Spa­ni­en – lie­ge der Pro­zent­satz anti­se­mi­tisch ein­ge­stell­ter Mus­li­me bei über 50 Pro­zent, in Frank­reich bei 49 Pro­zent. Der Autor for­mu­liert die The­se, dass der Anti­se­mi­tis­mus der soge­nann­ten »gemä­ßig­ten Isla­mis­ten« die Ver­brei­tung der Ideo­lo­gie des bru­ta­len Ter­ro­ris­mus erst ermög­licht und »sogar in Mode gebracht« habe. In Anleh­nung an Kaplan und Small (2006) hält er zudem fest, es gebe kei­nen Anti­zio­nis­mus ohne Anti­se­mi­tis­mus. Die mul­ti­va­ria­te Regres­si­ons­ana­ly­se zei­ge, dass Anti­se­mi­tis­mus mehr als 66 Pro­zent der welt­wei­ten nega­ti­ven Ein­stel­lun­gen gegen­über dem Staat Isra­el erklä­re. Als gesell­schaft­li­che Fak­to­ren, die Anti­se­mi­tis­mus sta­tis­tisch begüns­ti­gen, iden­ti­fi­ziert Tausch unter ande­rem patri­ar­cha­le Struk­tu­ren, restrik­ti­ve Geschlech­ter­nor­men, ein­ge­schränk­te Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten von Frau­en und reli­giö­ses Enga­ge­ment im theo­kra­ti­schen Sin­ne.

Geschlech­ter­nor­men und Ter­ro­ris­mus

Eine eigen­stän­di­ge The­se der Stu­die ver­bin­det bei­de Strän­ge: Tausch arbei­tet die »all­ge­gen­wär­ti­gen repres­si­ven Geschlech­ter­nor­men« als »Haupt­trei­ber von Ein­stel­lun­gen, die Ter­ro­ris­mus begüns­ti­gen« her­aus. Die mul­ti­va­ria­te OLS-Regres­si­on und die Fak­to­ren­ana­ly­se ergä­ben ein­deu­ti­ge Zusam­men­hän­ge zwi­schen der Befür­wor­tung von Selbst­mord­at­ten­ta­ten und einer Rei­he wei­te­rer Ein­stel­lun­gen: der Akzep­tanz von Ehren­mor­den an Frau­en, der Todes­stra­fe für Apo­sta­ten, dem Ver­such der reli­giö­sen Lebens­füh­rung nach Hadith und Sun­na, der Befür­wor­tung von Scha­ria-Kör­per­stra­fen wie Aus­peit­schen und dem Abha­cken der Hän­de, sowie der Häu­fig­keit der Koran­lek­tü­re in einem Umfeld restrik­ti­ver isla­mis­ti­scher Sozi­al­nor­men. Der libe­ra­le Islam, so fol­gert Tausch, sei des­halb »eine Fra­ge des Über­le­bens auf unse­rem Glo­bus«.

Isla­mi­zi­tät als Gegen­mo­dell

Das im deutsch­spra­chi­gen Band neu hin­zu­ge­füg­te sieb­te Kapi­tel wid­met sich dem Kon­zept der »Isla­mi­zi­tät« nach Hos­sein Aska­ri als posi­ti­vem Gegen­ent­wurf. Tausch ver­bin­det Karl Pop­pers Modell der offe­nen Gesell­schaft mit Aska­ris Index der Isla­mi­zi­tät, der den Islam als »regel­ba­sier­te Reli­gi­on« ver­steht und misst, in wel­chem Aus­maß eine Gesell­schaft kora­nisch ver­bürg­te Prin­zi­pi­en wie Gerech­tig­keit, Bil­dungs­för­de­rung und Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung tat­säch­lich umsetzt. Bemer­kens­wert sei, dass kein mus­li­mi­sches Mehr­heits­land im unter­such­ten Sam­ple von 77 Staa­ten über dem glo­ba­len Durch­schnitt des Index der offe­nen Gesell­schaft lie­ge; am bes­ten plat­ziert sei­en Kasach­stan unter den mus­li­mi­schen Mehr­heits­län­dern und Katar unter den ara­bi­schen Staa­ten. Die Ent­wick­lung gesell­schaft­li­cher Tole­ranz erklä­re rund 69 Pro­zent der Vari­anz im Isla­mi­zi­täts­in­dex – ein Befund, den Tausch als empi­ri­sche Bestä­ti­gung dafür liest, dass eine an kora­ni­schen Prin­zi­pi­en ori­en­tier­te Gesell­schaft struk­tu­rell mit den Mus­tern einer offe­nen, tole­ran­ten Zivil­ge­sell­schaft kon­ver­gie­re. Als Schlüs­sel zur Bekämp­fung des Isla­mis­mus iden­ti­fi­ziert er ins­be­son­de­re die Reform der ara­bi­schen Hoch­schul­bil­dung.

Ter­ro­ris­mus, Poli­ti­scher Islam und Migra­ti­on in West­eu­ro­pa

Das abschlie­ßen­de elf­te Kapi­tel wid­met sich der west­eu­ro­päi­schen Lage. Auf Basis der Sci­en­ces-Po-Daten­bank stellt Tausch fest, dass zwi­schen 1979 und 2019 in West­eu­ro­pa 755 Men­schen bei isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlä­gen ums Leben gekom­men sei­en – 0,45 Pro­zent der welt­weit 167 095 Opfer isla­mis­ti­schen Ter­rors in die­sem Zeit­raum. Die Haupt­ver­ant­wort­li­chen sei­en al-Qai­da und ISIL, auf die zusam­men 66 Pro­zent der Opfer ent­fie­len. Mit­tels Spek­tral­ana­ly­se und Kreuz­kor­re­la­tio­nen pro­gnos­ti­ziert Tausch einen Elf­jah­res­zy­klus isla­mis­ti­scher ter­ro­ris­ti­scher Akti­vi­tät, des­sen nächs­ter Höhe­punkt 2026/2027 zu erwar­ten sei.

Mit Blick auf das Migra­ti­ons­po­ten­zi­al bestä­tigt der Autor zunächst einen Befund von Fal­co und Roton­di: Der isla­mis­ti­sche Radi­ka­lis­mus sei unter poten­zi­el­len Migran­ten aus der ara­bi­schen Welt in den Wes­ten gerin­ger als in der jewei­li­gen Gesamt­be­völ­ke­rung. Den­noch sei die­ser Radi­ka­lis­mus groß genug, um ein ernst­haf­tes Sicher­heits­pro­blem dar­zu­stel­len. Die Pro­max-Fak­tor­ana­ly­se auf Basis von 19 Items aus dem Ara­bi­schen Baro­me­ter erklä­re mehr als 50 Pro­zent der Gesamt­va­ri­anz und zei­ge, dass die Unter­stüt­zung für die Tür­kei unter Erdo­gan und für den Iran unter dem Mul­lah-Regime heu­te die wich­tigs­ten Säu­len des Poli­ti­schen Islam sei­en. Im kon­stru­ier­ten Index »Über­win­dung des poli­ti­schen Islam« schnei­den Marok­ko und Tune­si­en am bes­ten, Irak und Sudan am schlech­tes­ten ab. Unter den poten­zi­el­len Migran­ten­strö­men sei­en die­je­ni­gen nach Spa­ni­en und Ita­li­en am stärks­ten frei vom Poli­ti­schen Islam, wäh­rend poten­zi­el­le Migran­ten in die USA und nach Kana­da stär­ker von des­sen Mus­tern beein­flusst sei­en.

Schluss­fol­ge­rung des Autors

Tausch resü­miert, dass eine zen­tra­le Schwie­rig­keit im Umgang mit dem isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus in Euro­pa nach wie vor eine »gewis­se Unfä­hig­keit der poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Eli­ten« sei, die Din­ge beim Namen zu nen­nen. Sein Buch ver­steht sich aus­drück­lich als »war­nen­de Stim­me« im deutsch­spra­chi­gen Raum, die zugleich Hoff­nung auf einen tole­ran­ten, libe­ra­len und welt­of­fe­nen Islam – etwa nach dem Modell Aska­ris – zum Aus­druck bringt. Refor­men im ara­bi­schen Hoch­schul­we­sen sei­en der Schlüs­sel zur gleich­zei­ti­gen Bekämp­fung von Isla­mis­mus und Anti­se­mi­tis­mus.

Ein­ord­nung im Werk­zu­sam­men­hang

Der vor­lie­gen­de Band ist kei­ne eigen­stän­di­ge Neu­ver­öf­fent­li­chung, son­dern bün­delt erst­mals in deut­scher Spra­che zen­tra­le Befun­de, die Tausch zuvor in einer Rei­he eng­lisch­spra­chi­ger Mono­gra­phien bei Sprin­ger und Pal­gra­ve Macmil­lan vor­ge­legt hat­te. Sechs der zehn über­setz­ten Kapi­tel stam­men aus dem mit Leo­nid Gri­nin und Andrey Koro­tayev ver­fass­ten Werk Isla­mism, Arab Spring, and the Future of Demo­cra­cy. World Sys­tem and World Values Per­spec­ti­ves (Sprin­ger, 2019), das in der MENA- und Isla­mis­mus­for­schung breit rezi­piert wird und unter ande­rem im Ves­t­nik RUDN. Inter­na­tio­nal Rela­ti­ons (2019) aus­führ­lich bespro­chen wur­de. Wei­te­re Kapi­tel gehen auf Isla­mism, Cri­sis and Demo­cra­tiza­ti­on (mit Hus­sein Solo­mon, Sprin­ger, 2020), The Future of the Gulf Regi­on (Sprin­ger, 2021) sowie Direc­tions in Inter­na­tio­nal Ter­ro­rism (Pal­gra­ve Macmil­lan, 2021, hg. von Hus­sein Solo­mon) zurück. Ergän­zend zum hier bespro­che­nen Band ist auf das frei zugäng­li­che Open-Access-Werk Poli­ti­cal Islam and Reli­gious­ly Moti­va­ted Poli­ti­cal Extre­mism. An Inter­na­tio­nal Com­pa­ri­son (Sprin­ger Briefs in Poli­ti­cal Sci­ence, 2023; https://doi.org/10.1007/978–3‑031–24854‑2) hin­zu­wei­sen, das Tauschs Befun­de zum Poli­ti­schen Islam in kom­pak­ter eng­li­scher Form prä­sen­tiert. Tauschs wis­sen­schaft­li­ches Pro­fil weist ins­ge­samt meh­re­re Tau­send Zita­tio­nen aus, der weit über­wie­gen­de Teil davon ent­fällt auf die eng­lisch­spra­chi­gen Ori­gi­nal­pu­bli­ka­tio­nen.

Kurz­be­wer­tung

Tauschs Stu­die ist eines der weni­gen deutsch­spra­chi­gen Wer­ke, das ver­sucht, die Dis­kus­si­on über Poli­ti­schen Islam, Anti­se­mi­tis­mus und Ter­ro­ris­mus kon­se­quent auf eine quan­ti­ta­tiv-empi­ri­sche Grund­la­ge zu stel­len. Die Stär­ke des Buches liegt in der brei­ten Daten­ba­sis: World Values Sur­vey, Arab Baro­me­ter, Pew, ADL und die Sci­en­ces-Po-Ter­ro­ris­mus-Daten­bank wer­den in einer Tie­fe aus­ge­wer­tet, die in der ein­schlä­gi­gen deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur sel­ten erreicht wird. Beson­ders ver­dienst­voll ist die expli­zi­te Ver­bin­dung zwi­schen Geschlech­ter­nor­men, reli­giö­sen Ein­stel­lun­gen und Ter­ror­be­für­wor­tung – ein Befund, der in der poli­ti­schen Debat­te über Prä­ven­ti­on und Inte­gra­ti­on zumeist nur am Rand behan­delt wird. Auch das Kon­zept der »Isla­mi­zi­tät« nach Aska­ri, das im deutsch­spra­chi­gen Raum bis­lang kaum rezi­piert wor­den ist, stellt eine ana­ly­tisch pro­duk­ti­ve Ergän­zung dar, weil es einen posi­ti­ven, im Islam selbst ver­an­ker­ten Maß­stab für die Beur­tei­lung gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen lie­fert.

Kri­tisch anzu­mer­ken ist, dass das Buch eine Samm­lung über­setz­ter Kapi­tel aus meh­re­ren Vor­gän­ger­wer­ken dar­stellt; die Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen den Kapi­teln wer­den durch das Vor­wort und die Kapi­tel­zu­sam­men­fas­sun­gen geleis­tet, eine durch­ge­hend neu kon­zi­pier­te Argu­men­ta­ti­on ersetzt das aber nicht voll­stän­dig. Inhalt­li­che Wie­der­ho­lun­gen las­sen sich an meh­re­ren Stel­len erken­nen. Die mul­ti­va­ria­te Metho­dik – Fak­to­ren­ana­ly­sen, OLS-Regres­sio­nen, Kuz­nets-Kur­ven – setzt zudem ein gewis­ses sta­tis­ti­sches Vor­ver­ständ­nis vor­aus; all­ge­mein­ver­ständ­li­che Zusam­men­fas­sun­gen hel­fen, gleich­wohl bleibt die Lek­tü­re für sta­tis­tisch unge­üb­te Leser stel­len­wei­se anspruchs­voll. Metho­disch dis­kus­si­ons­wür­dig ist fer­ner die Ver­wen­dung von Pew-Daten aus dem mitt­le­ren letz­ten Jahr­zehnt für aktu­el­le Lage­be­ur­tei­lun­gen; Tausch selbst weist auf die Daten­la­ge hin, doch die Aktua­li­tät ein­zel­ner Befun­de ist je nach Land unter­schied­lich gut belegt.

Ins­ge­samt ist das Buch ein mate­ri­al­rei­cher empi­ri­scher Bei­trag zu einer Debat­te, die im deutsch­spra­chi­gen Raum häu­fig stär­ker nor­ma­tiv als daten­ge­stützt geführt wird. Es schließt eine Lücke inso­fern, als es zen­tra­le Befun­de der inter­na­tio­na­len quan­ti­ta­ti­ven Isla­mis­mus­for­schung erst­mals zusam­men­hän­gend in deut­scher Spra­che ver­füg­bar macht.


Arno Tausch: Anti­se­mi­tis­mus, Ter­ro­ris­mus und poli­ti­scher Islam. Erkennt­nis­se aus inter­na­tio­na­len Mei­nungs­um­fra­gen. Sprin­ger VS, Wies­ba­den, 2024. 388 Sei­ten. ISBN: 978‑3‑658‑44096‑1 (Soft­co­ver); ISBN: 978‑3‑658‑44097‑8 (eBook). DOI: https://doi.org/10.1007/978–3‑658–44097‑8