Fragestellungen
Im Vorwort begründet Tausch den Anlass seiner Studie mit den Pogromen, die die Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel verübte, sowie mit der Welle des globalen Antisemitismus, die seither beobachtbar sei. Angesichts dieser Ereignisse sei eine empirisch orientierte Analyse von Antisemitismus, Terrorismus und Politischem Islam von absoluter Wichtigkeit. Der Autor formuliert eine Reihe von Leitfragen: Wie groß sei in der Region Nahost laut verlässlichen Meinungsumfragen der Antisemitismus, und wie hoch die Unterstützung für Organisationen wie Hamas, Hisbollah, ISIS/Daesh oder al-Qaida wirklich? Wie einsam stehe der Westen heute im Kampf gegen den internationalen Terrorismus? Und welche Rolle spiele die Migration für die künftige Bedrohungslage in Europa?
Tausch positioniert sich dabei explizit gegen das, was er als Verharmlosung wahrnimmt. Die demokratische Öffentlichkeit, die politischen Parteien, Interessensverbände, Medien und NGOs hätten – so seine These – das Gewaltpotenzial, das aus dem Dreieck Antisemitismus, Terrorismus und Politischer Islam erwachse, lange Zeit unterschätzt, kleingeredet oder negiert. Zugleich wendet er sich gegen einen pauschalen Generalverdacht: Das Potenzial der Terrorunterstützung liege in der muslimischen Welt global bei etwa einem Sechstel der Gesamtbevölkerung. Tausch betont, er habe »über die Jahre stets klar zwischen dem politischen Islam und dem Islam der Toleranz unterschieden«. Probleme aber, die es gebe, müssten »beim Namen genannt werden«.
Methodisches Vorgehen
Methodisch stützt sich Tausch auf die multivariate Analyse großer internationaler Umfragedaten. Verwendet werden insbesondere der World Values Survey, das Arab Barometer, Erhebungen des Pew Research Center, die ADL-100-Studie der Anti-Defamation League sowie die Datenbank »Islamist Terror Attacks in the World, 1979–2019« der Sciences Po. Eingesetzt werden Faktorenanalysen (insbesondere die Promax-Rotation), multiple OLS-Regressionen, Zeitreihenanalysen und Kuznets-Kurven-Modelle. Der Autor versteht sein Vorgehen als Anwendung medizinisch-sozialwissenschaftlicher Forschungslogik: vom Hintergrund über die Methoden und Ergebnisse bis zu den Schlussfolgerungen.
Tausch grenzt seinen Ansatz gegenüber der vom Pew Research Center vertretenen Lesart ab. Während Pew gemäß dem Befund von 2014 betone, dass »nur wenige Muslime« Selbstmordattentate für gerechtfertigt hielten, rechnet Tausch diese »wenigen« in absolute Zahlen um und kommt auf eine bevölkerungsgewichtete Größenordnung, die der Gesamtbevölkerung Nigerias oder Bangladeschs entspreche. Der Befund von Pew werde durch diese Umrechnung in seinem politischen Gehalt verändert, ohne dass die zugrunde liegenden Prozentwerte bestritten würden.
Zentrale Befunde zur Terrorunterstützung
Den empirischen Kern der Studie bildet die Quantifizierung der Unterstützung für terroristische Organisationen und Selbstmordattentate in der muslimischen Welt. Auf der Basis von Pew-Daten für elf Länder, die rund 42 Prozent der globalen muslimischen Bevölkerung abdecken, ermittelt Tausch einen bevölkerungsgewichteten Durchschnitt von 17,38 Prozent impliziter ISIS-Sympathie (gemessen als Mittelwert der Unterstützung für Hamas, Hisbollah, Taliban, al-Qaida und der Rechtfertigung von Selbstmordattentaten). Die direkte Unterstützung für ISIS/ISIL/Daesh beziffert er auf rund 8,3 Prozent der Muslime weltweit. Unter syrischen Flüchtlingen liege die ISIS-Sympathiequote bei 18 Prozent, der Wunsch nach einem theokratischen Staat bei 30 Prozent. Aus diesen Größenordnungen leitet der Autor die These eines bevorstehenden »langen asymmetrischen Krieges gegen den Westen« ab. Zur Verdeutlichung wählt er einen historischen Vergleich: Bereits ein winziger Anteil aktiver Terrorsympathie könne zu schwerwiegenden asymmetrischen Konflikten führen. In Nordirland habe die aktive Unterstützung der IRA bei etwa 7,4 Prozent der nordirisch-katholischen Bevölkerung gelegen, dennoch sei zur Bekämpfung des Aufstands der Einsatz von 20 000 britischen Soldaten erforderlich gewesen. Demgegenüber schätzt Tausch die globale Zahl der Terrorsympathisanten in der muslimischen Welt auf rund 330 Millionen Menschen, davon allein über 20 Millionen Daesh-Sympathisanten in der arabischen Welt.
Antisemitismus als globales Phänomen
Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der vergleichend-empirischen Analyse des Antisemitismus. Tausch wertet die ADL-100-Studie sowie den World Values Survey aus. Global gesehen gebe es mehr als eine Milliarde Antisemiten, im Nahen Osten und Nordafrika liege der Anteil bei 74 Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung. In mehreren EU-Staaten – Belgien, Deutschland, Italien, Spanien – liege der Prozentsatz antisemitisch eingestellter Muslime bei über 50 Prozent, in Frankreich bei 49 Prozent. Der Autor formuliert die These, dass der Antisemitismus der sogenannten »gemäßigten Islamisten« die Verbreitung der Ideologie des brutalen Terrorismus erst ermöglicht und »sogar in Mode gebracht« habe. In Anlehnung an Kaplan und Small (2006) hält er zudem fest, es gebe keinen Antizionismus ohne Antisemitismus. Die multivariate Regressionsanalyse zeige, dass Antisemitismus mehr als 66 Prozent der weltweiten negativen Einstellungen gegenüber dem Staat Israel erkläre. Als gesellschaftliche Faktoren, die Antisemitismus statistisch begünstigen, identifiziert Tausch unter anderem patriarchale Strukturen, restriktive Geschlechternormen, eingeschränkte Beschäftigungsmöglichkeiten von Frauen und religiöses Engagement im theokratischen Sinne.
Geschlechternormen und Terrorismus
Eine eigenständige These der Studie verbindet beide Stränge: Tausch arbeitet die »allgegenwärtigen repressiven Geschlechternormen« als »Haupttreiber von Einstellungen, die Terrorismus begünstigen« heraus. Die multivariate OLS-Regression und die Faktorenanalyse ergäben eindeutige Zusammenhänge zwischen der Befürwortung von Selbstmordattentaten und einer Reihe weiterer Einstellungen: der Akzeptanz von Ehrenmorden an Frauen, der Todesstrafe für Apostaten, dem Versuch der religiösen Lebensführung nach Hadith und Sunna, der Befürwortung von Scharia-Körperstrafen wie Auspeitschen und dem Abhacken der Hände, sowie der Häufigkeit der Koranlektüre in einem Umfeld restriktiver islamistischer Sozialnormen. Der liberale Islam, so folgert Tausch, sei deshalb »eine Frage des Überlebens auf unserem Globus«.
Islamizität als Gegenmodell
Das im deutschsprachigen Band neu hinzugefügte siebte Kapitel widmet sich dem Konzept der »Islamizität« nach Hossein Askari als positivem Gegenentwurf. Tausch verbindet Karl Poppers Modell der offenen Gesellschaft mit Askaris Index der Islamizität, der den Islam als »regelbasierte Religion« versteht und misst, in welchem Ausmaß eine Gesellschaft koranisch verbürgte Prinzipien wie Gerechtigkeit, Bildungsförderung und Korruptionsbekämpfung tatsächlich umsetzt. Bemerkenswert sei, dass kein muslimisches Mehrheitsland im untersuchten Sample von 77 Staaten über dem globalen Durchschnitt des Index der offenen Gesellschaft liege; am besten platziert seien Kasachstan unter den muslimischen Mehrheitsländern und Katar unter den arabischen Staaten. Die Entwicklung gesellschaftlicher Toleranz erkläre rund 69 Prozent der Varianz im Islamizitätsindex – ein Befund, den Tausch als empirische Bestätigung dafür liest, dass eine an koranischen Prinzipien orientierte Gesellschaft strukturell mit den Mustern einer offenen, toleranten Zivilgesellschaft konvergiere. Als Schlüssel zur Bekämpfung des Islamismus identifiziert er insbesondere die Reform der arabischen Hochschulbildung.
Terrorismus, Politischer Islam und Migration in Westeuropa
Das abschließende elfte Kapitel widmet sich der westeuropäischen Lage. Auf Basis der Sciences-Po-Datenbank stellt Tausch fest, dass zwischen 1979 und 2019 in Westeuropa 755 Menschen bei islamistischen Terroranschlägen ums Leben gekommen seien – 0,45 Prozent der weltweit 167 095 Opfer islamistischen Terrors in diesem Zeitraum. Die Hauptverantwortlichen seien al-Qaida und ISIL, auf die zusammen 66 Prozent der Opfer entfielen. Mittels Spektralanalyse und Kreuzkorrelationen prognostiziert Tausch einen Elfjahreszyklus islamistischer terroristischer Aktivität, dessen nächster Höhepunkt 2026/2027 zu erwarten sei.
Mit Blick auf das Migrationspotenzial bestätigt der Autor zunächst einen Befund von Falco und Rotondi: Der islamistische Radikalismus sei unter potenziellen Migranten aus der arabischen Welt in den Westen geringer als in der jeweiligen Gesamtbevölkerung. Dennoch sei dieser Radikalismus groß genug, um ein ernsthaftes Sicherheitsproblem darzustellen. Die Promax-Faktoranalyse auf Basis von 19 Items aus dem Arabischen Barometer erkläre mehr als 50 Prozent der Gesamtvarianz und zeige, dass die Unterstützung für die Türkei unter Erdogan und für den Iran unter dem Mullah-Regime heute die wichtigsten Säulen des Politischen Islam seien. Im konstruierten Index »Überwindung des politischen Islam« schneiden Marokko und Tunesien am besten, Irak und Sudan am schlechtesten ab. Unter den potenziellen Migrantenströmen seien diejenigen nach Spanien und Italien am stärksten frei vom Politischen Islam, während potenzielle Migranten in die USA und nach Kanada stärker von dessen Mustern beeinflusst seien.
Schlussfolgerung des Autors
Tausch resümiert, dass eine zentrale Schwierigkeit im Umgang mit dem islamistischen Terrorismus in Europa nach wie vor eine »gewisse Unfähigkeit der politischen und intellektuellen Eliten« sei, die Dinge beim Namen zu nennen. Sein Buch versteht sich ausdrücklich als »warnende Stimme« im deutschsprachigen Raum, die zugleich Hoffnung auf einen toleranten, liberalen und weltoffenen Islam – etwa nach dem Modell Askaris – zum Ausdruck bringt. Reformen im arabischen Hochschulwesen seien der Schlüssel zur gleichzeitigen Bekämpfung von Islamismus und Antisemitismus.
Einordnung im Werkzusammenhang
Der vorliegende Band ist keine eigenständige Neuveröffentlichung, sondern bündelt erstmals in deutscher Sprache zentrale Befunde, die Tausch zuvor in einer Reihe englischsprachiger Monographien bei Springer und Palgrave Macmillan vorgelegt hatte. Sechs der zehn übersetzten Kapitel stammen aus dem mit Leonid Grinin und Andrey Korotayev verfassten Werk Islamism, Arab Spring, and the Future of Democracy. World System and World Values Perspectives (Springer, 2019), das in der MENA- und Islamismusforschung breit rezipiert wird und unter anderem im Vestnik RUDN. International Relations (2019) ausführlich besprochen wurde. Weitere Kapitel gehen auf Islamism, Crisis and Democratization (mit Hussein Solomon, Springer, 2020), The Future of the Gulf Region (Springer, 2021) sowie Directions in International Terrorism (Palgrave Macmillan, 2021, hg. von Hussein Solomon) zurück. Ergänzend zum hier besprochenen Band ist auf das frei zugängliche Open-Access-Werk Political Islam and Religiously Motivated Political Extremism. An International Comparison (Springer Briefs in Political Science, 2023; https://doi.org/10.1007/978–3‑031–24854‑2) hinzuweisen, das Tauschs Befunde zum Politischen Islam in kompakter englischer Form präsentiert. Tauschs wissenschaftliches Profil weist insgesamt mehrere Tausend Zitationen aus, der weit überwiegende Teil davon entfällt auf die englischsprachigen Originalpublikationen.
Kurzbewertung
Tauschs Studie ist eines der wenigen deutschsprachigen Werke, das versucht, die Diskussion über Politischen Islam, Antisemitismus und Terrorismus konsequent auf eine quantitativ-empirische Grundlage zu stellen. Die Stärke des Buches liegt in der breiten Datenbasis: World Values Survey, Arab Barometer, Pew, ADL und die Sciences-Po-Terrorismus-Datenbank werden in einer Tiefe ausgewertet, die in der einschlägigen deutschsprachigen Literatur selten erreicht wird. Besonders verdienstvoll ist die explizite Verbindung zwischen Geschlechternormen, religiösen Einstellungen und Terrorbefürwortung – ein Befund, der in der politischen Debatte über Prävention und Integration zumeist nur am Rand behandelt wird. Auch das Konzept der »Islamizität« nach Askari, das im deutschsprachigen Raum bislang kaum rezipiert worden ist, stellt eine analytisch produktive Ergänzung dar, weil es einen positiven, im Islam selbst verankerten Maßstab für die Beurteilung gesellschaftlicher Entwicklungen liefert.
Kritisch anzumerken ist, dass das Buch eine Sammlung übersetzter Kapitel aus mehreren Vorgängerwerken darstellt; die Verbindungslinien zwischen den Kapiteln werden durch das Vorwort und die Kapitelzusammenfassungen geleistet, eine durchgehend neu konzipierte Argumentation ersetzt das aber nicht vollständig. Inhaltliche Wiederholungen lassen sich an mehreren Stellen erkennen. Die multivariate Methodik – Faktorenanalysen, OLS-Regressionen, Kuznets-Kurven – setzt zudem ein gewisses statistisches Vorverständnis voraus; allgemeinverständliche Zusammenfassungen helfen, gleichwohl bleibt die Lektüre für statistisch ungeübte Leser stellenweise anspruchsvoll. Methodisch diskussionswürdig ist ferner die Verwendung von Pew-Daten aus dem mittleren letzten Jahrzehnt für aktuelle Lagebeurteilungen; Tausch selbst weist auf die Datenlage hin, doch die Aktualität einzelner Befunde ist je nach Land unterschiedlich gut belegt.
Insgesamt ist das Buch ein materialreicher empirischer Beitrag zu einer Debatte, die im deutschsprachigen Raum häufig stärker normativ als datengestützt geführt wird. Es schließt eine Lücke insofern, als es zentrale Befunde der internationalen quantitativen Islamismusforschung erstmals zusammenhängend in deutscher Sprache verfügbar macht.

Arno Tausch: Antisemitismus, Terrorismus und politischer Islam. Erkenntnisse aus internationalen Meinungsumfragen. Springer VS, Wiesbaden, 2024. 388 Seiten. ISBN: 978‑3‑658‑44096‑1 (Softcover); ISBN: 978‑3‑658‑44097‑8 (eBook). DOI: https://doi.org/10.1007/978–3‑658–44097‑8