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Ideen, Iden­ti­tä­ten, Insti­tu­tio­nen: Mat­thi­as Base­dau über die Ope­ra­tio­na­li­sie­rung des Reli­gi­ons­be­griffs im »Hand­buch Reli­gi­on in Kon­flik­ten und Frie­dens­pro­zes­sen«

Wer empirisch untersuchen will, wann Religion Gewalt befördert und wann sie Frieden stiftet, braucht zunächst einen präzisen, messbaren Religionsbegriff. Der Friedens- und Konfliktforscher Matthias Basedau zerlegt Religion dafür in drei sozial relevante Hauptdimensionen und zeigt entlang des Forschungsstandes, über welche Mechanismen jede von ihnen auf Frieden oder Gewalt wirken kann. Sein Beitrag ist im ersten Band des von Ines-Jacqueline Werkner herausgegebenen Handbuchs erschienen und liefert zugleich eine Bestandsaufnahme der Datenlücken, an denen die quantitative Forschung bis heute leidet.

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War­um der Reli­gi­ons­be­griff geklärt wer­den muss

Base­dau geht von einem inzwi­schen breit geteil­ten Befund aus: Reli­gi­on bezie­hungs­wei­se reli­giö­se Fak­to­ren ver­hal­ten sich ambi­va­lent zu Frie­den und Gewalt (vgl. App­le­by 2000; Phil­pott 2007). Bestimm­te Merk­ma­le von Reli­gi­on kön­nen zu Frie­den füh­ren oder aber Gewalt her­vor­ru­fen. Die Wir­kung ist bis­wei­len schwach, bis­wei­len stark. Reli­giö­se Dimen­sio­nen und Fak­to­ren sind zudem stets in einen gesell­schaft­li­chen, nicht-reli­giö­sen Kon­text ein­ge­bet­tet, der Stär­ke und Rich­tung der Wir­kung beein­flusst (vgl. Base­dau 2016).

Ob und inwie­weit Reli­gi­on einen Ein­fluss auf Kon­flik­te hat, ist empi­risch umstrit­ten. Oft ist schnell von reli­giö­sen Kon­flik­ten die Rede. Ande­re Beob­ach­ter negie­ren das reli­giö­se Ele­ment sol­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen und ver­wei­sen auf säku­la­re Hin­ter­grün­de. Die­se diver­gie­ren­den Inter­pre­ta­tio­nen führt Base­dau häu­fig auf feh­len­de empi­ri­sche Ana­ly­sen zurück. Einen wei­te­ren Grund sieht er im unkla­ren Reli­gi­ons­be­griff selbst: Reli­gi­on ist als Begriff mehr­deu­tig und wird ver­schie­den defi­niert (vgl. Toft 2007; Weber 1920/21). Für eine empi­ri­sche Ana­ly­se müs­se man daher den Reli­gi­ons­be­griff klä­ren, sei­ne Dimen­sio­nen erfas­sen und auf­zei­gen, wie sich die­se Dimen­sio­nen und Fak­to­ren zu Frie­den und Gewalt ver­hal­ten.

Drei Dimen­sio­nen: Ideen, Iden­ti­tä­ten, Insti­tu­tio­nen

Als Welt­an­schau­ung will Reli­gi­on nach Base­dau die Welt erklä­ren und dem mensch­li­chen Dasein einen Sinn ver­lei­hen (vgl. Rie­se­brodt 2010). Der Unter­schied zu säku­la­ren Anschau­un­gen besteht im Bezug zum Über­sinn­li­chen. Die­ser Bezug ist not­wen­di­ger Bestand­teil jeder Reli­gi­on und kann die Gestalt von Gott, Göt­tern, Geis­tern oder des Jen­seits anneh­men. Der Bezug zur sozia­len Wirk­lich­keit ergibt sich über die Funk­tio­nen der Reli­gi­on für das Indi­vi­du­um und die Gemein­schaft. Die­se sozia­len Funk­tio­nen unter­teilt Base­dau in drei Haupt­di­men­sio­nen.

Ers­tens hand­lungs­an­lei­ten­de Ideen: Aus Welt­erklä­rung und Sinn­stif­tung einer Reli­gi­on fol­gen Hand­lungs­im­pe­ra­ti­ve bezie­hungs­wei­se eine Sozi­al­mo­ral bezüg­lich des dies­sei­ti­gen Han­delns. Sol­che Ideen bezie­hen sich auf die reli­giö­se Pra­xis und eben­so auf welt­li­ches zwi­schen­mensch­li­ches Ver­hal­ten, etwa hin­sicht­lich der Aus­übung töd­li­cher Gewalt, des Ehe­bruchs, des Respekts vor Pri­vat­ei­gen­tum oder der Loya­li­tät gegen­über der welt­li­chen Obrig­keit. Die hohe Ver­bind­lich­keit, die sich aus dem meist gött­li­chen Ursprung speist, ver­stärkt in der Regel die sozia­le Bedeu­tung reli­giö­ser Ideen.

Zwei­tens Grup­pen­iden­ti­tä­ten: Gemein­sa­me Glau­bens­vor­stel­lun­gen und ‑prak­ti­ken kon­sti­tu­ie­ren die Zuge­hö­rig­keit zu einer Grup­pe. Die­se Grup­pen­iden­ti­tä­ten funk­tio­nie­ren ähn­lich wie ande­re, bei­spiels­wei­se eth­ni­sche Zuge­hö­rig­kei­ten. Men­schen ten­die­ren dazu, ihre eige­ne Grup­pe posi­ti­ver als ande­re Grup­pen ein­zu­schät­zen, mit ent­spre­chen­den nega­ti­ven Hand­lungs­wahr­schein­lich­kei­ten gegen­über den Mit­glie­dern ande­rer Grup­pen (vgl. Taj­fel und Tur­ner 1986). Die Zuge­hö­rig­keit kann sozia­le Kon­flik­te auch unab­hän­gig von kon­kre­ten Glau­bens­in­hal­ten beein­flus­sen, dürf­te in der Pra­xis aber oft gemein­sam mit sol­chen Inhal­ten wir­ken.

Drit­tens Insti­tu­tio­nen: Eine Grup­pe von Men­schen mit glei­chen Glau­bens­vor­stel­lun­gen wird aller Vor­aus­sicht nach auch Insti­tu­tio­nen aus­bil­den. Zunächst bil­den sich Orga­ni­sa­tio­nen ein­zel­ner Glau­bens­ge­mein­schaf­ten mit eige­nen Hier­ar­chien, Res­sour­cen, Per­so­nal und Regeln her­aus. In einem wei­te­ren Schritt ent­ste­hen Insti­tu­tio­nen, die das Ver­hält­nis zwi­schen ver­schie­de­nen orga­ni­sier­ten reli­giö­sen Grup­pen regeln. Das kön­nen inter­re­li­giö­se Netz­wer­ke sein, eben­so staat­li­che Geset­ze und Behör­den, die das Zusam­men­le­ben der Grup­pen näher bestim­men.

Moti­ve und Gele­gen­hei­ten als Schar­nier zum Kon­flikt

Alle drei Dimen­sio­nen kön­nen bei ent­spre­chen­der Aus­prä­gung mit Frie­den oder Gewalt ver­bun­den wer­den. Gemein­schaft­li­ches fried­li­ches Han­deln und Gewalt­kon­flik­te zwi­schen Grup­pen begreift Base­dau als spe­zi­fi­sche For­men kol­lek­ti­ven Han­delns. Unter Gewalt ver­steht er einen gewalt­sam aus­ge­tra­ge­nen Kon­flikt zwi­schen Grup­pen, unter Frie­den ein fried­fer­ti­ges kol­lek­ti­ves Ver­hal­ten im Sin­ne des nega­ti­ven Frie­dens. Um kol­lek­ti­ves Han­deln zu ver­wirk­li­chen, müs­sen sowohl Moti­ve als auch Gele­gen­hei­ten oder Mög­lich­kei­ten bestehen, die­ses Ver­hal­ten zu rea­li­sie­ren (vgl. Col­lier und Hoeff­ler 2004; Lich­bach 1998). Reli­giö­se Dimen­sio­nen kön­nen neben nicht-reli­giö­sen Kon­text­fak­to­ren so aus­ge­prägt sein, dass sie Akteu­re zu bestimm­ten Hand­lun­gen moti­vie­ren oder dass sie Mög­lich­kei­ten für gewalt­sa­mes kol­lek­ti­ves Han­deln eröff­nen.

Gra­fik: Sozia­le Funk­tio­nen von Reli­gi­on und ihr Ver­hält­nis zu Gewalt und Frie­den nach Base­dau (2024)

Reli­giö­se Ideen: von Gewalt­auf­ru­fen bis zur Wirt­schafts­ethik

Reli­giö­se Ideen umfas­sen Wer­te, Nor­men und Gebo­te, die in Hei­li­gen Schrif­ten, Fat­was oder ande­ren reli­giö­sen Doku­men­ten fixiert sind. Ihre Anwen­dung bedarf situa­tiv häu­fig der Aus­le­gung. Akteu­re mögen zudem auf­grund reli­giö­ser Ideen han­deln, die mit offi­zi­el­len Aus­le­gun­gen und Tex­ten nichts zu tun haben. Ent­schei­dend ist ledig­lich, dass der Bezug zum Über­na­tür­li­chen die Hand­lung anlei­tet. Damit wir­ken reli­giö­se Ideen vor allem auf die Moti­ve von Akteu­ren. Wir­kungs­mäch­tig wer­den sie erst, wenn ihre Inter­pre­ten auf Reso­nanz sto­ßen: Eli­ten müs­sen über Glaub­wür­dig­keit ver­fü­gen oder an bereits vor­han­de­ne Über­zeu­gun­gen anknüp­fen kön­nen (vgl. De Juan 2009). Reli­gi­ös begrün­de­te Hand­lungs­an­lei­tun­gen haben häu­fig einen hohen Ver­bind­lich­keits­cha­rak­ter und sind auf­grund der mut­maß­lich gött­li­chen Her­kunft kaum ver­han­del­bar. Das mag sie grund­sätz­lich als kon­flikt­an­fäl­lig kenn­zeich­nen. So sind im Nah­ost­kon­flikt die Ter­ri­to­ri­al­an­sprü­che reli­gi­ös über­höht und daher nur schwer einem Kom­pro­miss zuführ­bar (vgl. Hass­ner 2009). Frei­lich gilt der hohe Ver­bind­lich­keits­cha­rak­ter auch für reli­gi­ös inspi­rier­te Frie­dens­ge­bo­te, wes­we­gen Base­dau eine ein­sei­ti­ge Gewalt­wir­kung für wenig halt­bar hält.

Ange­sichts der Viel­zahl reli­giö­ser Ideen schlägt er eine wei­te­re Des­agg­re­gie­rung in drei Sub­di­men­sio­nen vor. Ideen zu Frie­den und Gewalt: In den Hei­li­gen Schrif­ten der meis­ten reli­giö­sen Tra­di­tio­nen gibt es Zita­te, die Gewalt oder Frie­den stüt­zen kön­nen (vgl. App­le­by 2000; Koop­mans et al. 2021). Frie­dens- und Lie­bes­ge­bo­te fin­den sich weit über die abra­ha­mi­ti­schen Reli­gio­nen hin­aus. Gewalt­tä­ti­ges Han­deln gilt als Sün­de wider Gott. Zugleich ent­hal­ten Tho­ra, Bibel und Koran gut nach­ge­wie­se­ne Gewalt­auf­ru­fe (vgl. Koop­mans et al. 2021): Bis­wei­len müs­sen Häre­ti­ker, Ket­zer und Rene­ga­ten bestraft wer­den, Ungläu­bi­ge sind mit dem Schwert zu bekeh­ren, »Zau­be­rer und Hexen« dür­fen nicht am Leben gelas­sen wer­den. Für dies­sei­ti­ge Gewalt­ta­ten win­ken jen­sei­ti­ge Beloh­nun­gen in Form von Fest­mäh­lern nach dem Tod in der Schlacht (Wal­hal­la) oder des Zugangs zu Jung­frau­en nach dem Mär­ty­rer­tod.

Ideen gegen­über ande­ren Glau­bens­vor­stel­lun­gen und ‑gemein­schaf­ten: Die Tole­ranz gegen­über ande­ren Glau­bens­rich­tun­gen und ihren Ange­hö­ri­gen spielt eine wich­ti­ge Rol­le (vgl. Schie­der 2014; Hoff­mann et al. 2020). Wer Un- oder Anders­gläu­bi­ge nicht als gleich­wer­tig akzep­tiert, wird mit ihnen wahr­schein­lich in Kon­flikt gera­ten. Der All­ge­mein­gül­tig­keits­an­spruch eines Glau­bens scheint beson­ders geeig­net, Kon­flik­te mit ande­ren Glau­bens­sys­te­men her­bei­zu­füh­ren. Im deutsch­spra­chi­gen Raum führ­ten Autoren wie Jan Ass­mann, Micha Brum­lik, Peter Slo­ter­di­jk und Rolf Schie­der eine leb­haf­te Debat­te über die Gewalt­nei­gung des Mono­the­is­mus (vgl. zusam­men­fas­send Schie­der 2014). Mono­the­is­mus dürf­te nach Base­dau Gewalt mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit för­dern, ohne sie zwangs­läu­fig her­vor­zu­ru­fen. Beson­ders gefähr­lich erscheint es, wenn die Mis­sio­nie­rung der gesam­ten Mensch­heit das Ziel ist. Reli­giö­se Tole­ranz wird welt­weit von der Mehr­zahl der reli­giö­sen Eli­ten gefor­dert und ist für Base­dau in jedem Fall »eine Kar­di­nal­tu­gend des Frie­dens«.

Ideen gegen­über der Gesell­schafts­ord­nung wir­ken nur indi­rekt auf Frie­den oder Gewalt. Bezüg­lich der poli­ti­schen Ord­nung kön­nen reli­giö­se Ideen quie­tis­tisch, dezi­diert poli­tisch oder sys­tem­stüt­zend sein. Die Prä­fe­renz für eine Theo­kra­tie dürf­te Kon­flik­te mit säku­la­ren Kräf­ten her­aus­for­dern. Umge­kehrt kann eine lai­zis­ti­sche Staats­ord­nung den Wider­spruch reli­gi­ös ori­en­tier­ter Kräf­te her­vor­ru­fen. Eine auf das Jen­seits kon­zen­trier­te Hal­tung oder das Got­tes­gna­den­tum hat zunächst wahr­schein­lich eine befrie­den­de Wir­kung, weil sie Legi­ti­mi­tät und Sta­bi­li­tät von Herr­schaft erhö­hen kann. Wer­den Regime gestützt, die in ande­ren Berei­chen sys­te­ma­tisch Unfrie­den schü­ren, so wird die­se Hal­tung zur Kon­flik­t­ur­sa­che. Umge­kehrt wird die Unter­stüt­zung für die Demo­kra­tie oder ande­re For­men legi­ti­mer Herr­schaft zur Frie­dens­ur­sa­che. Ähn­lich kon­text­ab­hän­gig ist die Wir­kung reli­giö­ser Ideen zur Wirt­schafts­ord­nung. Bereits Max Weber (1920/21) ver­such­te, durch bestimm­te Merk­ma­le des Pro­tes­tan­tis­mus den grö­ße­ren wirt­schaft­li­chen Erfolg pro­tes­tan­ti­scher Län­der zu erklä­ren. Der Bil­dungs­af­fi­ni­tät des Kon­fu­zia­nis­mus wird ein Anteil am wirt­schaft­li­chen Auf­stieg asia­ti­scher Staa­ten beschei­nigt. Umge­kehrt wur­den Zins- und Wucher­ver­bo­te wie im Islam oder frü­he­ren Chris­ten­tum zu Ent­wick­lungs­hemm­nis­sen, die zudem reli­giö­se Min­der­hei­ten in Beru­fe trie­ben, wel­che Vor­wand blu­ti­ger Ver­fol­gung waren. Reli­gi­ös inspi­rier­ter Fata­lis­mus hemmt die öko­no­mi­sche Eigen­in­itia­ti­ve. Mäßi­gung bei der bio­lo­gi­schen Repro­duk­ti­on und Fort­schrit­te bei der Krank­heits­vor­sor­ge, etwa Imp­fun­gen, kön­nen mit schein­bar gött­li­chen Nor­men kol­li­die­ren. Als Resul­tat kommt es zu Ent­wick­lungs­pro­ble­men, die gewalt­sa­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen in und zwi­schen Gesell­schaf­ten wahr­schein­li­cher machen. Pro­spe­ri­tät hat ihre Kehr­sei­te: Wirt­schaft­lich und tech­no­lo­gisch ent­wi­ckel­te Staa­ten haben häu­fig schwä­che­re Län­der atta­ckiert, unter­jocht und aus­ge­beu­tet.

Reli­giö­se Grup­pen­iden­ti­tä­ten: Demo­gra­fie als Kon­flikt­fak­tor

Auch die Iden­ti­täts­di­men­si­on glie­dert Base­dau in drei Sub­di­men­sio­nen: die Anzahl und das rela­ti­ve Grö­ßen­ver­hält­nis ver­schie­de­ner reli­giö­ser Grup­pen, das Ver­hält­nis reli­giö­ser Grup­pen­gren­zen zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Dif­fe­ren­zen sowie die Ver­än­de­rung die­ser demo­gra­fi­schen Struk­tu­ren. Grund­sätz­lich ist in Rech­nung zu stel­len, wie sali­ent, also wie bedeut­sam, die Grup­pen­iden­ti­tä­ten im Ver­gleich zu ande­ren Iden­ti­tä­ten aus­ge­prägt sind.

Beim Grö­ßen­ver­hält­nis steht als Kau­sal­me­cha­nis­mus die Gele­gen­heit bezie­hungs­wei­se die Kapa­zi­tät im Mit­tel­punkt. Das Motiv tritt hier zurück. Neben der sel­te­nen Homo­ge­ni­tät gilt eine star­ke Frag­men­tie­rung in der Regel als wenig kon­flikt­an­fäl­lig, da es schwe­rer sein dürf­te, vie­le klei­ne Grup­pen gemein­sam zu mobi­li­sie­ren. Dem­ge­gen­über fällt Mobi­li­sie­rung leich­ter, wenn es sich um weni­ge sowie gro­ße Grup­pen han­delt, also etwa bei der Pola­ri­sie­rung von zwei etwa gleich gro­ßen Grup­pen oder der Domi­nanz einer Grup­pe. Die empi­ri­schen Ergeb­nis­se quan­ti­ta­ti­ver Stu­di­en sind jedoch unein­deu­tig. Zu Frak­tio­na­li­sie­rung und Pola­ri­sie­rung gibt es kei­ne ein­deu­ti­gen Befun­de (vgl. Fearon und Lai­tin 2003; Mon­tal­vo und Rey­nal-Que­rol 2005). Nur die Domi­nanz scheint mehr oder weni­ger regel­mä­ßig Kon­flik­te zu beför­dern (vgl. Col­lier und Hoeff­ler 2004; Base­dau et al. 2016).

Eine wich­ti­ge Rol­le spielt das Ver­hält­nis reli­giö­ser Grup­pen­un­ter­schie­de zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Dif­fe­ren­zen. Reli­giö­se Dif­fe­ren­zen kön­nen gedämpft wer­den, wenn sie quer zu ande­ren Unter­schie­den lie­gen (soge­nann­te Cross-Cut­ting Cleava­ges). Pro­ble­ma­tisch erscheint es umge­kehrt, wenn reli­giö­se Dif­fe­ren­zen par­al­lel zu eth­ni­schen oder regio­na­len Gren­zen ver­lau­fen und sich die Grup­pen zudem öko­no­misch unter­schei­den (vgl. u. a. Ste­wart 2008). Unter­su­chun­gen zei­gen, dass par­al­lel ver­lau­fen­de reli­giö­se und ande­re gesell­schaft­li­che Gren­zen die Risi­ken inter­ner Gewalt­kon­flik­te ver­stär­ken (vgl. Gub­ler und Sel­way 2012; Base­dau et al. 2016).

Die drit­te Sub­di­men­si­on bil­det die Dyna­mik der reli­giö­sen Demo­gra­fie. Die demo­gra­fi­sche Struk­tur der Iden­ti­täts­grup­pen bleibt über Migra­ti­on, Ster­be- und Geburts­ra­ten sowie durch Bekeh­run­gen und Über­trit­te in Bewe­gung. Dies kann unter Umstän­den kon­flikt­an­fäl­li­ge Iden­ti­täts­struk­tu­ren ent­schär­fen. Wahr­schein­li­cher ist aber, dass stär­ke­re Ver­än­de­run­gen der reli­giö­sen Iden­ti­täts­struk­tur für mehr Unru­he sor­gen. Ins­be­son­de­re auf Sei­ten der schrump­fen­den Grup­pen kön­nen sich Bedro­hungs­wahr­neh­mun­gen bil­den. Das Gefühl der Bedro­hung kann zur prä­ven­ti­ven Gewalt­an­wen­dung moti­vie­ren, und inter­es­sier­te Eli­ten kön­nen sol­che latent vor­han­de­nen Bedro­hungs­ge­füh­le instru­men­ta­li­sie­ren. Dar­aus fol­gen­de Abwehr­re­ak­tio­nen erzeu­gen wie­der­um Gegen­re­ak­tio­nen und kön­nen in unheil­vol­le Eska­la­ti­ons­spi­ra­len füh­ren.

Reli­giö­se Insti­tu­tio­nen: Kapa­zi­tät, Hier­ar­chie, Staats­nä­he

Insti­tu­tio­nen wir­ken nach Base­dau vor­nehm­lich über die Gele­gen­heit bezie­hungs­wei­se Kapa­zi­tät, da sie Akteu­re befä­hi­gen, Orga­ni­sa­tio­nen für ihre Zie­le zu nut­zen. Inso­fern ent­schei­den sie über die Stär­ke des Ein­flus­ses und weni­ger über des­sen Rich­tung. Rele­vanz für Moti­ve haben sie ins­be­son­de­re dann, wenn sie bestimm­te Grup­pen benach­tei­li­gen. Base­dau unter­schei­det drei Typen.

Intra­re­li­giö­se Insti­tu­tio­nen sind die Geset­ze und Orga­ni­sa­tio­nen, die sich ein­zel­ne Glau­bens­ge­mein­schaf­ten geben, also die Aus­bil­dung einer Ver­wal­tung, einer Hier­ar­chie und von Sub­or­ga­ni­sa­tio­nen, etwa in der katho­li­schen Kir­che oder den evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen. Gut funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­tio­nen haben mehr Kapa­zi­tä­ten, kön­nen daher effek­ti­ver mobi­li­sie­ren und sind in gewalt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen bes­ser gerüs­tet. Die Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen von Glau­bens­ge­mein­schaf­ten sind mög­li­cher­wei­se Rekru­tie­rungs­pools für bewaff­ne­te Grup­pen (vgl. Base­dau und De Juan 2008). Die Hier­ar­chie in Insti­tu­tio­nen kann Eska­la­ti­ons­dy­na­mi­ken eben­falls beein­flus­sen: Streng hier­ar­chi­sche Orga­ni­sa­tio­nen könn­ten weni­ger gewalt­an­fäl­lig sein, weil sie mehr Kon­trol­le über ihre Gläu­bi­gen und rang­nied­ri­gen Geist­li­chen haben (vgl. Hasen­cle­ver und De Juan 2007). In der feh­len­den Hier­ar­chie wird ein Grund für die rela­ti­ve Gewalt­an­fäl­lig­keit des zeit­ge­nös­si­schen sun­ni­ti­schen Islam gese­hen, wäh­rend der schii­ti­sche Islam weit­aus hier­ar­chi­scher orga­ni­siert ist. Die Gewalt- oder Frie­dens­wir­kung hängt jedoch von der Hal­tung an der Spit­ze der Hier­ar­chie ab: Der Auf­ruf zum ers­ten Kreuz­zug durch Papst Urban II. zeigt, dass Gewalt­auf­ru­fe von der Spit­ze einer ein­fluss­rei­chen Insti­tu­ti­on ver­hee­ren­de Fol­gen haben kön­nen. Pro­ble­ma­tisch erscheint zudem die Nähe reli­giö­ser Orga­ni­sa­tio­nen zur Poli­tik (vgl. De Juan 2009). So pfleg­ten in den Bal­kan-Krie­gen die ser­bisch-ortho­do­xen Pries­ter eine beson­de­re Nähe zu Slo­bo­dan Miloše­vić und des­sen groß­ser­bi­scher Ideo­lo­gie (vgl. Toft 2007). Der Man­gel an Neu­tra­li­tät lässt reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen als mög­li­che Ver­mitt­ler aus­schei­den. Umge­kehrt kön­nen reli­giö­se Insti­tu­tio­nen Frie­den expli­zit för­dern: Die katho­li­sche Lai­en­or­ga­ni­sa­ti­on San­t’E­gi­dio hat sich einen Namen als Ver­mitt­ler in Kon­flik­ten gemacht (vgl. Wein­gardt 2007).

Inter­re­li­giö­se Insti­tu­tio­nen regeln die Bezie­hun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Glau­bens­ge­mein­schaf­ten. Dem Frie­den wenig zuträg­lich dürf­ten Zusam­men­schlüs­se sein, die extre­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen über Län­der­gren­zen hin­weg ver­bin­den. Die Koope­ra­ti­on isla­mis­tisch-mili­tan­ter Orga­ni­sa­tio­nen im Rah­men von al-Qai­da oder dem Isla­mi­schen Staat hat die Viru­lenz isla­mis­ti­scher Gewalt erhöht. Neben ver­stärk­ten Kapa­zi­tä­ten kann der ideel­le Aus­tausch auch Moti­ve zur Gewalt­an­wen­dung erhö­hen. Gene­rell haben Netz­wer­ke einen Ver­stär­ker­ef­fekt. Die Wir­kung auf Gewalt oder Frie­den wird durch die dar­in domi­nie­ren­den Ideen bestimmt. Inter­re­li­giö­se Dia­lo­ge sind das Gegen­teil extre­mis­ti­scher Netz­wer­ke: Tref­fen sich reli­giö­se Eli­ten und ein­fa­che Gläu­bi­ge zum fried­fer­ti­gen Aus­tausch, kön­nen wech­sel­sei­ti­ge Vor­ur­tei­le abge­baut und koope­ra­ti­ve Bezie­hun­gen auf­ge­baut wer­den (vgl. Hasen­cle­ver und De Juan 2007; Smock 2006). Ihre Wir­kung soll­te gleich­wohl rea­lis­tisch ein­ge­schätzt wer­den. Base­dau nennt sie »ein ers­ter, not­wen­di­ger Schritt zum Frie­den, kein All­heil­mit­tel«.

Davon zu unter­schei­den sind staat­li­che Insti­tu­tio­nen zu reli­giö­sen Grup­pen und Ange­le­gen­hei­ten. Theo­kra­ti­sche oder qua­si-theo­kra­ti­sche Regime machen sich die reli­giö­sen Hand­lungs­an­lei­tun­gen einer Glau­bens­rich­tung zu eigen, was sie mit reli­giö­sen Min­der­hei­ten oder säku­lar-lai­zis­ti­schen Kräf­ten in Kon­flikt brin­gen kann. Die Gefahr reli­giö­ser Dis­kri­mi­nie­rung durch staat­li­che Rege­lun­gen besteht unab­hän­gig von der Theo­kra­tie (vgl. Fox 2018). Man­che Staa­ten haben Staats­kir­chen, über­neh­men den Steu­er­ein­zug für bestimm­te Gemein­schaf­ten, leis­ten groß­zü­gi­ge Zah­lun­gen an bestimm­te Grup­pen und gewäh­ren ihnen einen Zugang zur Ein­fluss­nah­me im Bil­dungs­sys­tem, der ande­ren Glau­bens­ge­mein­schaf­ten ver­wehrt bleibt. Staat­li­che Rege­lun­gen kön­nen so weit gehen, dass sie den Staats- und Regie­rungs­chefs eine bestimm­te Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit vor­schrei­ben. Die förm­li­che oder auch nur fak­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung erhöht die Wahr­schein­lich­keit eines Auf­be­geh­rens benach­tei­lig­ter Grup­pen (vgl. Gurr 1970). Ähn­lich wie bei eth­ni­schen Grup­pen führt Dis­kri­mi­nie­rung oder deren Wahr­neh­mung zur Erhö­hung des Gewalt­ri­si­kos (vgl. Akbaba und Tay­das 2011; Base­dau et al. 2016). Im Ide­al­fall för­dert der Staat das fried­li­che Zusam­men­le­ben aller Glau­bens­ge­mein­schaf­ten. Vor­aus­set­zung ist deren Gleich­be­hand­lung. Gera­de wenn das Zusam­men­le­ben in der Ver­gan­gen­heit span­nungs­reich war, kön­nen poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen so gestal­tet wer­den, dass sie das Mit­ein­an­der aktiv anlei­ten. Neben staat­li­cher För­de­rung inter­re­li­giö­ser Dia­lo­ge kön­nen kon­kor­danz­de­mo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen, die auf Kon­sens und Reprä­sen­ta­ti­on set­zen, allen Grup­pen Zugang zur Macht garan­tie­ren (vgl. Lij­phart 2008; Horo­witz 2000). Ein Bei­spiel mit Schwä­chen ist der Liba­non nach dem Ende des Bür­ger­krie­ges, wo christ­li­che, sun­ni­ti­sche, schii­ti­sche und dru­si­sche Grup­pen fest­ge­leg­te Quo­ten für den Macht­zu­gang haben. Auch in Län­dern wie Nige­ria, Nord­ir­land oder Bos­ni­en gibt es Insti­tu­tio­nen, die das Zusam­men­le­ben reli­giö­ser Grup­pen in ähn­li­cher Form fried­lich regeln sol­len (vgl. Lij­phart 2008).

Her­aus­for­de­run­gen für die Frie­dens- und Kon­flikt­for­schung

Die empi­ri­sche Iden­ti­fi­zie­rung gewalt­för­dern­der und frie­dens­stif­ten­der reli­giö­ser Fak­to­ren kann nach Base­dau für Stra­te­gien der Kon­flikt­be­ar­bei­tung und ‑ver­mei­dung genutzt wer­den. Als ers­te Her­aus­for­de­rung nennt er die Not­wen­dig­keit, die kon­zep­tio­nel­le Des­agg­re­gie­rung des Reli­gi­ons­be­griffs samt der Bin­nen­be­zie­hun­gen der Sub­di­men­sio­nen kon­kret zu expli­zie­ren und zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren (vgl. u. a. Base­dau 2016). Zu reli­giö­sen Iden­ti­täts­struk­tu­ren lie­gen die meis­ten gene­ra­li­sie­ren­den empi­ri­schen Unter­su­chun­gen vor. Die­se beschränk­ten sich bis vor weni­gen Jah­ren noch auf ein­fa­che demo­gra­fi­sche Fak­to­ren. Viel­ver­spre­chend sind Unter­su­chun­gen zu Cross-Cut­ting Cleava­ges, die dazu bei­tra­gen kön­nen, Gegen­sät­ze zu ent­schär­fen (vgl. Gub­ler und Sel­way 2012). Die Ver­än­de­run­gen der reli­giö­sen Demo­gra­fie haben bis­lang weni­ge quan­ti­fi­zie­ren­de Unter­su­chun­gen inspi­riert. Ver­läss­li­che Daten feh­len. Daten­lü­cken bestehen auch bei reli­giö­sen Insti­tu­tio­nen. Wäh­rend es Daten zur Dis­kri­mi­nie­rung reli­giö­ser Grup­pen und zur dar­aus fol­gen­den Unzu­frie­den­heit gibt (vgl. Fox 2018; Akbaba und Tay­das 2011; Base­dau et al. 2016), sind sys­te­ma­tisch ver­glei­chen­de Infor­ma­tio­nen zu inter­re­li­giö­sen Netz­wer­ken oder der orga­ni­sa­to­ri­schen Stär­ke reli­giö­ser Gemein­schaf­ten kaum ver­füg­bar. Zu inklu­si­ven staat­li­chen Rege­lun­gen exis­tie­ren jen­seits gut doku­men­tier­ter Ein­zel­fäl­le wie dem Liba­non weni­ge Infor­ma­tio­nen (vgl. Rosi­ny 2013). Wenig über­ra­schend sind die For­schungs­lü­cken bei reli­giö­sen Ideen. Eini­ge weni­ge Stu­di­en bezie­hen Gewalt­auf­ru­fe oder ‑legi­ti­mie­run­gen in ihre quan­ti­ta­ti­ven Unter­su­chun­gen mit ein (vgl. Base­dau et al. 2016). Es meh­ren sich immer­hin die Unter­su­chun­gen zu Aus­wir­kun­gen eines exklu­si­ven Mono­the­is­mus auf Dis­kri­mi­nie­rung (vgl. Hoff­mann et al. 2020) oder zu Gewalt­in­hal­ten (vgl. Koop­mans et al. 2021). Die Aus­wir­kun­gen spe­zi­fi­scher Über­zeu­gun­gen reli­giö­ser Eli­ten sind bis­lang kaum Gegen­stand län­der­über­grei­fen­der Stu­di­en. Eine sys­te­ma­ti­sche Umfra­ge­for­schung exis­tiert erst seit weni­gen Jah­ren (vgl. Men­chik 2016).

Zuletzt besteht eine Her­aus­for­de­rung in der Erfas­sung des kom­ple­xen Ver­hält­nis­ses reli­giö­ser Sub­di­men­sio­nen unter­ein­an­der und ihrer Bezie­hung zum nicht-reli­giö­sen Kon­text, der immer mit­ge­dacht wer­den muss. Ange­sichts nicht-linea­rer Wech­sel­wir­kun­gen erfor­dert dies wei­te­re kon­zep­tio­nel­le Arbeit und stellt erhöh­te Anfor­de­run­gen an For­schungs­de­signs, um Pro­ble­men wie Wech­sel­wir­kun­gen oder kon­di­tio­na­len Effek­ten gerecht zu wer­den. Ver­mut­lich ver­langt die Kom­ple­xi­tät die Anwen­dung fort­ge­schrit­te­ner quan­ti­ta­ti­ver Ansät­ze und eben­so die Nut­zung kon­fi­gu­ra­ti­ver Metho­den und For­schungs­de­signs, die meh­re­re Metho­den sinn­voll mit­ein­an­der ver­knüp­fen.

Lite­ra­tur

Die­ses Lite­ra­tur­ver­zeich­nis des bespro­che­nen Bei­trags ist beschränkt auf die oben zitier­ten Titel.

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