Inhaltsverzeichnis

Bassam Tibis »Euro-Islam«: Die Euro­päi­sie­rung des Islam als Aus­weg aus dem Zivi­li­sa­ti­ons­kon­flikt

Im Jahr 2009 legte der syrisch-deutsche Sozial- und Politikwissenschaftler Bassam Tibi sein seit Anfang der 1990er Jahre entwickeltes Konzept des Euro-Islam erstmals als Buch in deutscher Sprache vor, geschrieben an der Cornell University und in der Endfassung in Yale. Er begründet darin, warum die Integration muslimischer Zuwanderer aus seiner Sicht die Ablösung von Schari'a und Djihad voraussetzt, und stellt Europa vor eine Wahl: Integration der Muslime als europäische Bürger oder Verfestigung islamischer Enklaven. Bleibenden Wert hat das Buch, weil es mit den fünf Elementen des Euro-Islam einen präzisen Maßstab formuliert, an dem sich jede Islampolitik und jeder muslimische Reformanspruch bis heute messen lassen.

Inhaltsverzeichnis

Ein Ver­mächt­nis­buch mit pro­gram­ma­ti­schem Mot­to

Bassam Tibi eröff­net das Buch mit einem Zitat aus einem Arbeits­pa­pier der Isla­mi­schen Welt­li­ga von 1993, das den Auf­bau isla­mi­scher Zen­tren in Euro­pa und die För­de­rung der Scha­ri’a als Richt­schnur für die dort leben­den Mus­li­me ver­langt (S. 7). Gegen die­se Agen­da setzt er sei­ne Visi­on: die Euro­päi­sie­rung des Islam zu einem Euro-Islam. Das Buch ver­steht er als Fort­set­zung sei­ner Schrift »Die isla­mi­sche Her­aus­for­de­rung« von 2007 und zugleich als Abschluss sei­nes Den­kens über den Gegen­stand; par­al­lel zum Erschei­nen schied er aus dem Uni­ver­si­täts­dienst aus (S. 16). Ver­legt wur­de der Band 2009 in Darm­stadt von der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft (WBG). Das Buch ist die aus­ge­ar­bei­te­te Sum­me einer fast zwei Jahr­zehn­te wäh­ren­den Begriffs­ar­beit und zugleich ihre aus­führ­lichs­te Fas­sung.

Die Aus­gangs­dia­gno­se der Vor­re­de lau­tet: Euro­pa ist zum Haupt­ziel isla­mi­scher Migra­ti­on gewor­den, die Zahl der Mus­li­me in West­eu­ro­pa hat sich seit 1950 mehr als ver­fünf­und­zwan­zig­facht. Das zen­tra­le Pro­blem sieht Tibi aller­dings jen­seits der Sta­tis­tik. Mus­li­me kämen häu­fig als Muh­ad­ji­run nach Euro­pa; Hid­jra bedeu­te im Islam mehr als Migra­ti­on, sie sei an die Ver­brei­tung des Islam durch Da’­wa gebun­den (S. 8). Ohne eine Reli­gi­ons­re­form gera­te die­se Welt­an­schau­ung eines mis­sio­na­ri­schen Uni­ver­sa­lis­mus in einen Wer­te­kon­flikt mit dem Modell der west­li­chen Gesell­schaft, den das Buch durch­gän­gig als Zivi­li­sa­ti­ons­kon­flikt bezeich­net. Von einem »Kul­tur­kampf« will Tibi die­sen Kon­flikt strikt unter­schie­den wis­sen.

Grund­le­gend ist für ihn die Tren­nung von Islam und Isla­mis­mus. Die Isla­mis­ten bil­de­ten eine Min­der­heit, die jedoch über die wich­tigs­ten Res­sour­cen der Pro­pa­gan­da, Mobi­li­sie­rung und Rekru­tie­rung ver­fü­ge und die Dia­spo­ra als Hin­ter­land instru­men­ta­li­sie­re (S. 8, 79). Bei­de Sei­ten hät­ten eine Bring­schuld: Mus­li­me müss­ten die säku­la­re Iden­ti­tät Euro­pas aner­ken­nen und sich von Scha­ri’a und Dji­had tren­nen, Euro­pä­er müss­ten Eth­ni­zi­tät auf­ge­ben und das Ver­spre­chen des abs­trak­ten Citoy­en ein­lö­sen, damit Mus­li­me »Citi­zens of the Heart« wer­den kön­nen (S. 13). Als Alter­na­ti­ven für West­eu­ro­pa benennt die Vor­re­de das his­to­ri­sche Modell von Cor­do­ba und ein Koso­vo-Sze­na­rio reli­gio­ni­sier­ter Gewalt (S. 14). Zur Illus­tra­ti­on der Gegen­wart dient unter ande­rem das Urteil einer Frank­fur­ter Rich­te­rin, die 2007 unter Beru­fung auf frem­de Sit­ten die Züch­ti­gung einer mus­li­mi­schen Ehe­frau juris­tisch tole­rier­te (S. 10).

Kapi­tel I: Die west­li­che Gesell­schaft im Zivi­li­sa­ti­ons­kon­flikt

Das ers­te Kapi­tel wen­det sich gegen die Tabui­sie­rung des Kon­flikts in der euro­päi­schen Öffent­lich­keit. Tibi rekon­stru­iert die Geschich­te der isla­mi­schen Expan­si­on nach Euro­pa in zwei Wel­len, von Süd­wes­ten seit 711 über Spa­ni­en und von Süd­os­ten seit 1453 über Kon­stan­ti­no­pel, und hält fest, dass der Islam heu­te eine neue Qua­li­tät erreicht habe: Er ste­he als Dia­spo­ra mit­ten in Euro­pa und län­ger an kei­ner Außen­gren­ze (S. 29 ff.). Der Anspruch des Isla­mis­mus auf eine »Rück­kehr der Geschich­te« zie­le dar­auf, die frü­he­re Domi­nanz des Islam wie­der­her­zu­stel­len; dem stellt Tibi die Fra­ge ent­ge­gen, ob Euro­pa den Islam euro­päi­siert oder ob Scha­ri’a-Isla­mis­ten Euro­pa isla­mi­sie­ren (S. 33 ff., 56).

Bemer­kens­wert ist die begriff­li­che Arbeit des Kapi­tels. Trotz aller inne­ren Viel­falt exis­tie­re ein Kern-Islam, und für des­sen Neu­deu­tung stün­den vier legi­ti­me Wege offen: die Inter­pre­ta­ti­on des Koran­tex­tes (tafsir), die freie Deu­tung (ta’­wil), das freie Den­ken unab­hän­gig vom Text (idj­ti­had) und die stark umstrit­te­ne His­to­ri­sie­rung des Tex­tes (S. 43). Als Basis­kon­sens einer euro-isla­mi­schen Wer­te­ori­en­tie­rung nennt Tibi Lai­zi­tät, säku­la­re Demo­kra­tie, indi­vi­du­el­le Men­schen­rech­te, säku­la­re Tole­ranz, Zivil­ge­sell­schaft und einen Plu­ra­lis­mus mit ver­bind­li­chen Spiel­re­geln (S. 44). Scharf kri­ti­siert er die in der Dia­spo­ra ver­brei­te­te Täu­schungs­pra­xis des iham gegen­über Nicht­mus­li­men (S. 45) sowie die 1928 von Hasan al-Ban­na gegrün­de­te Mus­lim­bru­der­schaft als ers­te fun­da­men­ta­lis­ti­sche Bewe­gung des Islam, auf die sich der heu­ti­ge Dji­ha­dis­mus zurück­füh­ren las­se (S. 46).

Brei­ten Raum nimmt die Debat­te um Moschee­bau­ten ein. Am Bei­spiel einer kolos­sa­len, meist leer ste­hen­den Moschee nahe dem Flug­ha­fen von Kua­la Lum­pur und der Köl­ner Groß­mo­schee fragt Tibi, ob sol­che Bau­ten der Reli­gi­ons­aus­übung die­nen oder sym­bo­li­sche Domi­nanz demons­trie­ren; bei Moscheen mit dem Namen Fateh (Erobe­rer), wie in Pforz­heim und Bre­men, sieht er die »Gren­ze der Tole­ranz erreicht« (S. 59 ff.). Sein Bekennt­nis zu Euro­pa begrün­det er mit Max Hork­hei­mer, bei dem er in Frank­furt stu­dier­te: Die west­li­che Gesell­schaft sei eine »Insel« im »Oze­an der Gewalt­herr­schaft«, deren Ver­tei­di­gung Recht und Pflicht jedes Den­ken­den sei (S. 54 f.).

Kapi­tel II: Die Visi­on von der Euro­päi­sie­rung des Islam

Das zwei­te Kapi­tel ent­fal­tet das Kon­zept selbst. Tibi schil­dert zunächst die demo­gra­phi­sche Dyna­mik des Mit­tel­meer­raums, des­sen süd­li­che Bevöl­ke­rung bis 2050 auf 600 Mil­lio­nen Mus­li­me anwach­sen wer­de, und die Eth­ni­sie­rung der Dia­spo­ra, die er in den Pari­ser Ban­lieues wie in Ber­lin-Kreuz­berg beob­ach­tet (S. 69 ff., 77). Gegen die von Isla­mis­ten ver­brei­te­te Wahr­neh­mung, die Inte­gra­ti­on zie­le auf eine Chris­tia­ni­sie­rung der Mus­li­me, setzt er zwei his­to­ri­sche Fest­stel­lun­gen: Seit der Renais­sance sei Euro­pa in sei­ner Wer­te­ori­en­tie­rung säku­lar bestimmt; mit dem Zivi­li­sa­ti­ons­for­scher Les­lie Lip­son beschreibt er die­sen Wech­sel als Weg »von Jeru­sa­lem nach Athen« (S. 77). Und der hel­le­ni­sier­te isla­mi­sche Ratio­na­lis­mus eines Ibn Ruschd habe an die­sem Rich­tungs­wech­sel selbst Anteil gehabt, denn Aris­to­te­les sei über Cor­do­ba nach Euro­pa zurück­ge­kehrt (S. 78).

Die Ent­ste­hung der Idee erzählt Tibi auto­bio­gra­phisch: 1982 beob­ach­te­te er in Dakar, wie Afri­ka­ner den Islam mit ihren Lokal­kul­tu­ren in Ein­klang gebracht, also afri­ka­ni­siert hat­ten, und frag­te sich, ob ana­log eine euro­päi­sche Vari­an­te des Islam mög­lich sei (S. 88 f.). Aus­for­mu­liert wur­de das Kon­zept Anfang der 1990er Jah­re in Paris; dort ent­stand 1992 sein Auf­satz »Les con­di­ti­ons d’u­ne ›Euro-Islam‹«, und Tibi betont, es sei kein Zufall, dass sein Kon­zept in Frank­reich ent­stan­den und geför­dert wor­den ist (S. 83). Den Inhalt des Euro-Islam bestimmt er anschlie­ßend in fünf Punk­ten: ers­tens der Ein­bau von Lai­zi­tät bezie­hungs­wei­se Säku­la­ri­tät in das isla­mi­sche Den­ken, wobei er mit Dani­el Bell insti­tu­tio­nel­le Säku­la­ri­sie­rung von kul­tu­rel­ler Pro­fa­ni­sie­rung unter­schei­det; zwei­tens die Ver­bin­dung von Lai­zi­tät und säku­la­rer Tole­ranz; drit­tens ein reli­giö­ser und kul­tu­rel­ler Plu­ra­lis­mus, der Rela­ti­vis­mus wie Neo­ab­so­lu­tis­mus abweist; vier­tens die säku­la­re Demo­kra­tie; fünf­tens die Zivil­ge­sell­schaft, die Reli­gi­on als Pri­vat­sa­che ein­ord­net (S. 93 f.). Das TIME Maga­zi­ne zitie­rend spitzt er die Optio­nen zu: »Euro-Islam oder Ghet­toi­sie­rung der isla­mi­schen Min­der­heit« (S. 87).

Poli­tisch zieht Tibi das fran­zö­si­sche Modell dem deut­schen vor. Der Rechts­staat dür­fe gegen­über sei­nen Fein­den kei­ne welt­an­schau­li­che Neu­tra­li­tät pfle­gen und sol­le den Euro-Islam gegen reform- und inte­gra­ti­ons­feind­li­che Kräf­te aktiv för­dern (S. 41, 100 ff.). Die »Char­ta« des Zen­tral­rats der Mus­li­me lehnt er ab, weil sie über die Rhe­to­rik des Bekennt­nis­ses zum Grund­ge­setz hin­aus der Scha­ri’a ver­pflich­tet blei­be (S. 102). Zur eige­nen Rol­le in der deut­schen Leit­kul­tur­de­bat­te von 2000 erklärt er, den Begriff »Leit­kul­tur« fort­an zuguns­ten von »Wer­te­ori­en­tie­rung« auf­zu­ge­ben (S. 92 f.).

Kapi­tel III: Der Euro-Islam ist kei­ne Scha­ri’a für Euro­pa

Das drit­te Kapi­tel lie­fert die rechts­his­to­ri­sche Fun­die­rung. Im Koran bezeich­ne Scha­ri’a eine Mora­li­tät, wie Sure 45, Vers 18 zei­ge: »und wir haben einen Weg/Ritus fest­ge­legt, so fol­ge ihm« (S. 116). Das isla­mi­sche Rechts­sys­tem sei erst im 8. Jahr­hun­dert von Sakral­ju­ris­ten auf der Grund­la­ge ihrer Koran­inter­pre­ta­ti­on kon­stru­iert wor­den, es sei nie kodi­fi­ziert und zer­fal­le im Sun­na-Islam in vier Rechts­schu­len mit je ver­schie­de­nen Deu­tun­gen (S. 123 f.). Die Ver­wi­schung der Unter­schei­dung zwi­schen Figh, dem mensch­lich Gedach­ten, und Scha­ri’a, dem gött­lich Offen­bar­ten, habe eine Ver­gött­li­chung des Rechts bewirkt: Wer wider­spricht, ris­kie­re durch Tak­fir den Aus­schluss aus der Umma und den Tod. Tibi fol­gert, jedem Ruf nach Anwen­dung der Scha­ri’a woh­ne Will­kür und Dik­ta­tur inne (S. 124).

Von die­ser tra­di­tio­nel­len Scha­ri’a unter­schei­det er die zeit­ge­nös­si­sche »Scha­ri’a­ti­sie­rung des Islam«, eine Neu­erfin­dung der Tra­di­ti­on durch den Isla­mis­mus, die er von Aceh über den Sudan bis in den Iran ver­folgt und deren kör­per­li­che Hudud-Stra­fen er nach euro­päi­schen Maß­stä­ben bar­ba­risch nennt (S. 114). Für Euro­pa zieht das Kapi­tel eine kla­re Linie: Als Mora­li­tät kön­ne die Scha­ri’a in der Dia­spo­ra Platz fin­den, als recht­li­che Dok­trin im Rah­men eines dua­len Rechts­sys­tems nie­mals, denn Recht sei für alle gleich (S. 117, 122). Die For­de­run­gen des Erz­bi­schofs von Can­ter­bu­ry und des höchs­ten bri­ti­schen Rich­ters von 2008, Scha­ri’a-Ele­men­te in Groß­bri­tan­ni­en zuzu­las­sen, die­nen ihm als Beleg dafür, wie weit die Bereit­schaft zur Selbst­preis­ga­be rei­che (S. 12, 109). Die neue Sakral­ju­ris­pru­denz der Min­der­heit (Figh al-Aqa­li­y­yat) hält er für vor­be­las­tet durch Dop­pel­stan­dards, weil sie Rech­te für mus­li­mi­sche Min­der­hei­ten for­de­re, die die isla­mi­sche Rechts­tra­di­ti­on nicht­mus­li­mi­schen Min­der­hei­ten nie gewährt habe (S. 115).

Kapi­tel IV: Dji­had für Euro­pa?

Das Schluss­ka­pi­tel behan­delt das Ver­hält­nis von Reli­gi­on und Gewalt. Tibi unter­schei­det den klas­si­schen Dji­had als regel­ge­bun­de­nes Kriegs­mus­ter der isla­mi­schen Expan­si­on vom Dji­ha­dis­mus als irre­gu­lä­rem Krieg ohne Regeln, den er als Erfin­dung von Tra­di­ti­on im 20. Jahr­hun­dert beschreibt (S. 145 f.). Als Kron­zeu­gen zitiert er Sayy­id Qutb, für den der isla­mi­sche Dji­had das Ziel ver­folgt, die Welt­re­vo­lu­ti­on zu ver­wirk­li­chen und Frie­den erst nach der Durch­set­zung der isla­mi­schen Ord­nung ein­tre­ten zu las­sen (S. 145). Die Aus­ein­an­der­set­zung um die Regens­bur­ger Vor­le­sung Bene­dikts XVI. von 2006 dient als Gegen­warts­bei­spiel: Den Vor­wurf des tür­ki­schen Reli­gi­ons­be­hör­den­chefs, wer die gewalt­sa­me Ver­brei­tung des Islam behaup­te, betrei­be ein Feind­bild, weist Tibi unter Beru­fung auf die his­to­ri­sche For­schung zurück (S. 74, 146 f.).

In den Schluss­fol­ge­run­gen zitiert er den syri­schen Völ­ker­recht­ler Nad­jib al-Arma­na­zi, nach des­sen klas­si­scher Stu­die von 1930 für die isla­mi­sche Rechts­tra­di­ti­on der Krieg die Regel und der Frie­de ein befris­te­ter Waf­fen­still­stand ist; die­se Ein­schät­zung gel­te man­gels einer Reform des Rechts­ver­ständ­nis­ses bis heu­te (S. 171 f.). Die Mus­li­me der Dia­spo­ra sei­en des­halb dop­pelt her­aus­ge­for­dert: die alte Dji­had-Welt­an­schau­ung auf­zu­ge­ben und sich vom Dji­ha­dis­mus zu distan­zie­ren. Der Schluss­satz bün­delt das Pro­gramm des Buches: »Der Euro-Islam, als ein Islam ohne Scha­ri’a und ohne Dji­had«, sei eine Brü­cke, weil er eine kul­tur­über­grei­fen­de Mora­li­tät zulas­se (S. 174).

Kurz­be­wer­tung

Die Stär­ke des Buches liegt in sei­ner begriff­li­chen Dis­zi­plin. Die Unter­schei­dun­gen zwi­schen Islam und Isla­mis­mus, Zivi­li­sa­ti­ons­kon­flikt und »Kampf der Kul­tu­ren«, Figh und Scha­ri’a, Dji­had und Dji­ha­dis­mus geben der oft­mals auf­ge­heiz­ten Debat­te ein ana­ly­ti­sches Gerüst, das bis heu­te trägt. Tibi argu­men­tiert als reli­giö­ser Mus­lim und Hork­hei­mer-Schü­ler zugleich, was sei­ner Ver­tei­di­gung des säku­la­ren Euro­pa beson­de­re Glaub­wür­dig­keit ver­leiht. Die fünf Ele­men­te des Euro-Islam bil­den einen prä­zi­sen, über­prüf­ba­ren Kri­te­ri­en­ka­ta­log für jede Islam­po­li­tik.

Die Wir­kungs­ge­schich­te hat dem Buch eine bit­te­re Poin­te hin­zu­ge­fügt: 2016 erklär­te Tibi sein Kon­zept für geschei­tert. In einem Gespräch mit Chris­ti­an Röther vom Deutsch­land­funk fass­te er es im sel­ben Jahr noch­mals bün­dig zusam­men (»Euro­päi­scher Islam heißt Beja­hung der säku­la­ren Demo­kra­tie«), nann­te die Tren­nung von Reli­gi­on und Poli­tik, die indi­vi­du­el­len Men­schen­rech­te samt Glau­bens­frei­heit und den Plu­ra­lis­mus der Reli­gio­nen als Kern­ele­men­te und bekräf­tig­te, für einen »Bür­ger des Her­zens« ste­he das säku­la­re Recht des Staa­tes über dem reli­giö­sen Recht. Den­noch hielt er die Idee publi­zis­tisch am Leben: 2020 erschien beim Ibi­dem-Ver­lag eine erwei­ter­te Neu­aus­ga­be unter dem Titel »Euro-Islam statt Isla­mis­mus«.

Die Lek­tü­re lohnt. Denn das Buch macht klar, wor­an der Euro-Islam nach dem Maß­stab sei­nes Urhe­bers zu mes­sen wäre.


Bassam Tibi: »Euro-Islam – Die Lösung eines Zivi­li­sa­ti­ons­kon­flik­tes«. Darm­stadt (WBG), 2009, ISBN 978–3‑534–22059‑5