Ein Vermächtnisbuch mit programmatischem Motto
Bassam Tibi eröffnet das Buch mit einem Zitat aus einem Arbeitspapier der Islamischen Weltliga von 1993, das den Aufbau islamischer Zentren in Europa und die Förderung der Schari’a als Richtschnur für die dort lebenden Muslime verlangt (S. 7). Gegen diese Agenda setzt er seine Vision: die Europäisierung des Islam zu einem Euro-Islam. Das Buch versteht er als Fortsetzung seiner Schrift »Die islamische Herausforderung« von 2007 und zugleich als Abschluss seines Denkens über den Gegenstand; parallel zum Erscheinen schied er aus dem Universitätsdienst aus (S. 16). Verlegt wurde der Band 2009 in Darmstadt von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG). Das Buch ist die ausgearbeitete Summe einer fast zwei Jahrzehnte währenden Begriffsarbeit und zugleich ihre ausführlichste Fassung.
Die Ausgangsdiagnose der Vorrede lautet: Europa ist zum Hauptziel islamischer Migration geworden, die Zahl der Muslime in Westeuropa hat sich seit 1950 mehr als verfünfundzwanzigfacht. Das zentrale Problem sieht Tibi allerdings jenseits der Statistik. Muslime kämen häufig als Muhadjirun nach Europa; Hidjra bedeute im Islam mehr als Migration, sie sei an die Verbreitung des Islam durch Da’wa gebunden (S. 8). Ohne eine Religionsreform gerate diese Weltanschauung eines missionarischen Universalismus in einen Wertekonflikt mit dem Modell der westlichen Gesellschaft, den das Buch durchgängig als Zivilisationskonflikt bezeichnet. Von einem »Kulturkampf« will Tibi diesen Konflikt strikt unterschieden wissen.
Grundlegend ist für ihn die Trennung von Islam und Islamismus. Die Islamisten bildeten eine Minderheit, die jedoch über die wichtigsten Ressourcen der Propaganda, Mobilisierung und Rekrutierung verfüge und die Diaspora als Hinterland instrumentalisiere (S. 8, 79). Beide Seiten hätten eine Bringschuld: Muslime müssten die säkulare Identität Europas anerkennen und sich von Schari’a und Djihad trennen, Europäer müssten Ethnizität aufgeben und das Versprechen des abstrakten Citoyen einlösen, damit Muslime »Citizens of the Heart« werden können (S. 13). Als Alternativen für Westeuropa benennt die Vorrede das historische Modell von Cordoba und ein Kosovo-Szenario religionisierter Gewalt (S. 14). Zur Illustration der Gegenwart dient unter anderem das Urteil einer Frankfurter Richterin, die 2007 unter Berufung auf fremde Sitten die Züchtigung einer muslimischen Ehefrau juristisch tolerierte (S. 10).
Kapitel I: Die westliche Gesellschaft im Zivilisationskonflikt
Das erste Kapitel wendet sich gegen die Tabuisierung des Konflikts in der europäischen Öffentlichkeit. Tibi rekonstruiert die Geschichte der islamischen Expansion nach Europa in zwei Wellen, von Südwesten seit 711 über Spanien und von Südosten seit 1453 über Konstantinopel, und hält fest, dass der Islam heute eine neue Qualität erreicht habe: Er stehe als Diaspora mitten in Europa und länger an keiner Außengrenze (S. 29 ff.). Der Anspruch des Islamismus auf eine »Rückkehr der Geschichte« ziele darauf, die frühere Dominanz des Islam wiederherzustellen; dem stellt Tibi die Frage entgegen, ob Europa den Islam europäisiert oder ob Schari’a-Islamisten Europa islamisieren (S. 33 ff., 56).
Bemerkenswert ist die begriffliche Arbeit des Kapitels. Trotz aller inneren Vielfalt existiere ein Kern-Islam, und für dessen Neudeutung stünden vier legitime Wege offen: die Interpretation des Korantextes (tafsir), die freie Deutung (ta’wil), das freie Denken unabhängig vom Text (idjtihad) und die stark umstrittene Historisierung des Textes (S. 43). Als Basiskonsens einer euro-islamischen Werteorientierung nennt Tibi Laizität, säkulare Demokratie, individuelle Menschenrechte, säkulare Toleranz, Zivilgesellschaft und einen Pluralismus mit verbindlichen Spielregeln (S. 44). Scharf kritisiert er die in der Diaspora verbreitete Täuschungspraxis des iham gegenüber Nichtmuslimen (S. 45) sowie die 1928 von Hasan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft als erste fundamentalistische Bewegung des Islam, auf die sich der heutige Djihadismus zurückführen lasse (S. 46).
Breiten Raum nimmt die Debatte um Moscheebauten ein. Am Beispiel einer kolossalen, meist leer stehenden Moschee nahe dem Flughafen von Kuala Lumpur und der Kölner Großmoschee fragt Tibi, ob solche Bauten der Religionsausübung dienen oder symbolische Dominanz demonstrieren; bei Moscheen mit dem Namen Fateh (Eroberer), wie in Pforzheim und Bremen, sieht er die »Grenze der Toleranz erreicht« (S. 59 ff.). Sein Bekenntnis zu Europa begründet er mit Max Horkheimer, bei dem er in Frankfurt studierte: Die westliche Gesellschaft sei eine »Insel« im »Ozean der Gewaltherrschaft«, deren Verteidigung Recht und Pflicht jedes Denkenden sei (S. 54 f.).
Kapitel II: Die Vision von der Europäisierung des Islam
Das zweite Kapitel entfaltet das Konzept selbst. Tibi schildert zunächst die demographische Dynamik des Mittelmeerraums, dessen südliche Bevölkerung bis 2050 auf 600 Millionen Muslime anwachsen werde, und die Ethnisierung der Diaspora, die er in den Pariser Banlieues wie in Berlin-Kreuzberg beobachtet (S. 69 ff., 77). Gegen die von Islamisten verbreitete Wahrnehmung, die Integration ziele auf eine Christianisierung der Muslime, setzt er zwei historische Feststellungen: Seit der Renaissance sei Europa in seiner Werteorientierung säkular bestimmt; mit dem Zivilisationsforscher Leslie Lipson beschreibt er diesen Wechsel als Weg »von Jerusalem nach Athen« (S. 77). Und der hellenisierte islamische Rationalismus eines Ibn Ruschd habe an diesem Richtungswechsel selbst Anteil gehabt, denn Aristoteles sei über Cordoba nach Europa zurückgekehrt (S. 78).
Die Entstehung der Idee erzählt Tibi autobiographisch: 1982 beobachtete er in Dakar, wie Afrikaner den Islam mit ihren Lokalkulturen in Einklang gebracht, also afrikanisiert hatten, und fragte sich, ob analog eine europäische Variante des Islam möglich sei (S. 88 f.). Ausformuliert wurde das Konzept Anfang der 1990er Jahre in Paris; dort entstand 1992 sein Aufsatz »Les conditions d’une ›Euro-Islam‹«, und Tibi betont, es sei kein Zufall, dass sein Konzept in Frankreich entstanden und gefördert worden ist (S. 83). Den Inhalt des Euro-Islam bestimmt er anschließend in fünf Punkten: erstens der Einbau von Laizität beziehungsweise Säkularität in das islamische Denken, wobei er mit Daniel Bell institutionelle Säkularisierung von kultureller Profanisierung unterscheidet; zweitens die Verbindung von Laizität und säkularer Toleranz; drittens ein religiöser und kultureller Pluralismus, der Relativismus wie Neoabsolutismus abweist; viertens die säkulare Demokratie; fünftens die Zivilgesellschaft, die Religion als Privatsache einordnet (S. 93 f.). Das TIME Magazine zitierend spitzt er die Optionen zu: »Euro-Islam oder Ghettoisierung der islamischen Minderheit« (S. 87).
Politisch zieht Tibi das französische Modell dem deutschen vor. Der Rechtsstaat dürfe gegenüber seinen Feinden keine weltanschauliche Neutralität pflegen und solle den Euro-Islam gegen reform- und integrationsfeindliche Kräfte aktiv fördern (S. 41, 100 ff.). Die »Charta« des Zentralrats der Muslime lehnt er ab, weil sie über die Rhetorik des Bekenntnisses zum Grundgesetz hinaus der Schari’a verpflichtet bleibe (S. 102). Zur eigenen Rolle in der deutschen Leitkulturdebatte von 2000 erklärt er, den Begriff »Leitkultur« fortan zugunsten von »Werteorientierung« aufzugeben (S. 92 f.).
Kapitel III: Der Euro-Islam ist keine Schari’a für Europa
Das dritte Kapitel liefert die rechtshistorische Fundierung. Im Koran bezeichne Schari’a eine Moralität, wie Sure 45, Vers 18 zeige: »und wir haben einen Weg/Ritus festgelegt, so folge ihm« (S. 116). Das islamische Rechtssystem sei erst im 8. Jahrhundert von Sakraljuristen auf der Grundlage ihrer Koraninterpretation konstruiert worden, es sei nie kodifiziert und zerfalle im Sunna-Islam in vier Rechtsschulen mit je verschiedenen Deutungen (S. 123 f.). Die Verwischung der Unterscheidung zwischen Figh, dem menschlich Gedachten, und Schari’a, dem göttlich Offenbarten, habe eine Vergöttlichung des Rechts bewirkt: Wer widerspricht, riskiere durch Takfir den Ausschluss aus der Umma und den Tod. Tibi folgert, jedem Ruf nach Anwendung der Schari’a wohne Willkür und Diktatur inne (S. 124).
Von dieser traditionellen Schari’a unterscheidet er die zeitgenössische »Schari’atisierung des Islam«, eine Neuerfindung der Tradition durch den Islamismus, die er von Aceh über den Sudan bis in den Iran verfolgt und deren körperliche Hudud-Strafen er nach europäischen Maßstäben barbarisch nennt (S. 114). Für Europa zieht das Kapitel eine klare Linie: Als Moralität könne die Schari’a in der Diaspora Platz finden, als rechtliche Doktrin im Rahmen eines dualen Rechtssystems niemals, denn Recht sei für alle gleich (S. 117, 122). Die Forderungen des Erzbischofs von Canterbury und des höchsten britischen Richters von 2008, Schari’a-Elemente in Großbritannien zuzulassen, dienen ihm als Beleg dafür, wie weit die Bereitschaft zur Selbstpreisgabe reiche (S. 12, 109). Die neue Sakraljurisprudenz der Minderheit (Figh al-Aqaliyyat) hält er für vorbelastet durch Doppelstandards, weil sie Rechte für muslimische Minderheiten fordere, die die islamische Rechtstradition nichtmuslimischen Minderheiten nie gewährt habe (S. 115).
Kapitel IV: Djihad für Europa?
Das Schlusskapitel behandelt das Verhältnis von Religion und Gewalt. Tibi unterscheidet den klassischen Djihad als regelgebundenes Kriegsmuster der islamischen Expansion vom Djihadismus als irregulärem Krieg ohne Regeln, den er als Erfindung von Tradition im 20. Jahrhundert beschreibt (S. 145 f.). Als Kronzeugen zitiert er Sayyid Qutb, für den der islamische Djihad das Ziel verfolgt, die Weltrevolution zu verwirklichen und Frieden erst nach der Durchsetzung der islamischen Ordnung eintreten zu lassen (S. 145). Die Auseinandersetzung um die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. von 2006 dient als Gegenwartsbeispiel: Den Vorwurf des türkischen Religionsbehördenchefs, wer die gewaltsame Verbreitung des Islam behaupte, betreibe ein Feindbild, weist Tibi unter Berufung auf die historische Forschung zurück (S. 74, 146 f.).
In den Schlussfolgerungen zitiert er den syrischen Völkerrechtler Nadjib al-Armanazi, nach dessen klassischer Studie von 1930 für die islamische Rechtstradition der Krieg die Regel und der Friede ein befristeter Waffenstillstand ist; diese Einschätzung gelte mangels einer Reform des Rechtsverständnisses bis heute (S. 171 f.). Die Muslime der Diaspora seien deshalb doppelt herausgefordert: die alte Djihad-Weltanschauung aufzugeben und sich vom Djihadismus zu distanzieren. Der Schlusssatz bündelt das Programm des Buches: »Der Euro-Islam, als ein Islam ohne Schari’a und ohne Djihad«, sei eine Brücke, weil er eine kulturübergreifende Moralität zulasse (S. 174).
Kurzbewertung
Die Stärke des Buches liegt in seiner begrifflichen Disziplin. Die Unterscheidungen zwischen Islam und Islamismus, Zivilisationskonflikt und »Kampf der Kulturen«, Figh und Schari’a, Djihad und Djihadismus geben der oftmals aufgeheizten Debatte ein analytisches Gerüst, das bis heute trägt. Tibi argumentiert als religiöser Muslim und Horkheimer-Schüler zugleich, was seiner Verteidigung des säkularen Europa besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Die fünf Elemente des Euro-Islam bilden einen präzisen, überprüfbaren Kriterienkatalog für jede Islampolitik.
Die Wirkungsgeschichte hat dem Buch eine bittere Pointe hinzugefügt: 2016 erklärte Tibi sein Konzept für gescheitert. In einem Gespräch mit Christian Röther vom Deutschlandfunk fasste er es im selben Jahr nochmals bündig zusammen (»Europäischer Islam heißt Bejahung der säkularen Demokratie«), nannte die Trennung von Religion und Politik, die individuellen Menschenrechte samt Glaubensfreiheit und den Pluralismus der Religionen als Kernelemente und bekräftigte, für einen »Bürger des Herzens« stehe das säkulare Recht des Staates über dem religiösen Recht. Dennoch hielt er die Idee publizistisch am Leben: 2020 erschien beim Ibidem-Verlag eine erweiterte Neuausgabe unter dem Titel »Euro-Islam statt Islamismus«.
Die Lektüre lohnt. Denn das Buch macht klar, woran der Euro-Islam nach dem Maßstab seines Urhebers zu messen wäre.

Bassam Tibi: »Euro-Islam – Die Lösung eines Zivilisationskonfliktes«. Darmstadt (WBG), 2009, ISBN 978–3‑534–22059‑5