Disclaimer
Im folgenden Beitrag beziehe ich mich bei der »Muslimbruderschaft« vor allem auf Anhänger einer Ideologie – eines Ideengeflechts – und nicht auf faktische Mitglieder einer Organisation. Bezeichnungen wie »muslimbrudernah« oder »MB-Ideologie« stellen eine Meinungsäußerung dar.
Einleitung
Als Florence Bergeaud-Blackler vorhin den Vortrag zu ihrem Buch1 hielt, hatte ich den Eindruck, dass sie Berlin besser kennt als viele von uns. Sie beschreibt die Strategien, gesellschaftliche Koalitionen mit »Ungläubigen« einzugehen, von Unterwanderung, von Täuschung und sogar von Lüge, wenn es darum geht, die eigene Haut in einem feindlichen Umfeld zu retten. So hat es der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi, in seinem Masterplan aufgeschrieben.
Die Muslimbruderschaft-Ideologie birgt enorme Sprengkraft für unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft, insbesondere angesichts der Pluralisierung durch Migrationsbewegungen. Denn sie fördert die Segregation und nicht die Integration. Sie möchte die Demokratie tauglich machen für die Scharia. Sie spielt ein »doppeltes Spiel« von nach außen getragener »Dialogbereitschaft« bei gleichzeitiger radikal-islamischer Gesinnung. Und sie spielt verdeckt: Der muslimische Multifunktionär Ibrahim El-Zayat hat es nach dem Scheitern eines großen Moscheebauprojekts in Berlin einmal öffentlich gesagt: »Die Lösung heißt Geheimhaltung. Solange man es nicht öffentlich macht, kann man jede Moschee bauen, unabhängig davon, wer dahintersteht.«2
Imam Mohamed Sabri und die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS)
Eine der bekanntesten und bei der Politik beliebtesten Moscheen ist die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) und ihr Imam Mohamed Sabri. Er bestreitet, ein Anhänger der Muslimbruderschaft zu sein – was ich auch nie behaupten würde. Sabri bestritt mir gegenüber sogar einmal, dass es eine Muslimbruderschaft in Deutschland überhaupt gebe; das sei eine arabische Angelegenheit außerhalb Europas. Sein Moscheeverein ist in zweierlei Hinsicht interessant. So war in der ersten Fassung der Vereinssatzung nur von sozialer und interkultureller Arbeit die Rede – kein Wort von Religion oder gar Islam. Wer nur diese Satzung las, konnte also nicht einmal ahnen, dass hier eine Moschee geplant wird. Imam Sabri erwidert darauf, dass man das nie geheim gehalten habe; das habe jeder wissen können, und gleich zu Beginn sei die Moschee auch von Politikern und Journalisten besucht worden.
Diese Moscheegründung ist eine sehr symbolhafte, denn sie fand in einer umgewandelten, ehemaligen Kirche statt. Der Moscheeverein hat die Kirche aber nicht selbst gekauft, sondern ein anderer Verein, der »Verband Interkultureller Zentren«, der wiederum Geld aus Katar erhielt. Die NBS hat auf Fragen immer geantwortet, kein Spendengeld aus dem Ausland erhalten zu haben, und das stimmt hinsichtlich Katar auch. Trotzdem hatten wir 2022 das Glück, in einer Recherche von Kontraste, Report München und der ZEIT ein Leak aus Katar zu erhalten. Wir sehen Videos der Qatar Charity, eines sogenannten Wohlfahrtsverbandes, in dem aber nichts ohne die Herrscherfamilie läuft. Sie finanziert weltweit Moscheeprojekte. In einem Video bedankt sich der Imam der Neuköllner Begegnungsstätte für das finanzielle Sponsoring aus Katar, das die Moschee erst möglich gemacht habe. Ich habe vor Jahren Einblick in Geschäftsberichte erhalten. Danach wurde die Immobilie für einen erstaunlich geringen Betrag vom »Verband Interkultureller Zentren (VIZ e. V.)« der Neuköllner Begegnungsstätte überlassen. In dem Verein waren Personen verantwortlich, die ebenfalls in der IGD (Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V., heute: Deutsche Muslimische Gemeinschaft e. V.) Funktionen innehatten – der Gesellschaft, die der Verfassungsschutz als wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft klassifiziert hat.3 So profitiert der Moscheeverein von katarischem Geld, ohne selbst je welches erhalten zu haben.
Der Neuköllner Begegnungsstätte mit ihrem Imam Mohamed Sabri ist es auf diese Weise gelungen, sich vollständig in das politische Gefüge der deutschen Hauptstadt einzubinden. Leider betrifft das auch die Partei, in deren Zentrale wir uns heute hier eingefunden haben. Ich kenne Sozialdemokraten, die die Partei verlassen haben, als der damalige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) dem Imam Sabri für seine Integrationsarbeit sogar den Verdienstorden des Landes Berlin verlieh.4 Das empfanden viele säkulare Muslime als Affront. Ein Fanal aber war folgende Begebenheit: Wir hatten es mit dem bis dato schlimmsten islamistischen Anschlag zu tun – auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Mit Hilfe auch der Kirchen gelang es, dass der damalige Regierende Bürgermeister Michael Müller sich nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt mit mehreren vom Verfassungsschutz beobachteten Vereinen am Anschlagsort zu einer Gedenkveranstaltung versammelte. Der Tenor eines der Imame war ganz im Sinne des Politischen Islam, dieser Terror habe nichts mit dem Islam zu tun. Das wäre etwa so, als wenn Christen behaupteten, die Kreuzzüge hätten nichts mit dem Christentum zu tun. Die Veranstaltung war wie aus dem Bilderbuch der MB-Ideologie und des islamistischen Lobbyismus.
Offizialquelle Berliner Verfassungsschutzbericht: Fehlanzeige
Dabei schien es vor fünfzehn Jahren noch so, dass Berlins Inlandsgeheimdienst die legalistischen Islamisten ernst nahm und das Geflecht aus mehreren Vereinen auch öffentlich benannte. Eine Quizfrage: Welcher dieser Akteure steht heutzutage noch im Verfassungsschutzbericht der deutschen Hauptstadt? Check!
Keiner!
Obwohl sich nichts geändert hat an inhaltlicher Ausrichtung und im Großen und Ganzen der personellen Zusammensetzung. Teilweise ist dies auf juristische Klagen zurückzuführen: Die Vereine bestreiten, zum MB-Geflecht zu gehören, und sagen, sie stünden vollends hinter der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Obwohl wir in einem Rechercheverbund aus Kontraste, Report München und ZEIT 2022 eine flächendeckende und bislang unbekannte Finanzierung zahlreicher Moscheevereine durch Katar offengelegt haben. Obwohl nach dem 7. Oktober 2023 einzelne personelle Überschneidungen zur Szene der Terrorleugner und sogar zum politischen Arm der Hamas in Deutschland aktenkundig sind. Dabei hat das Verwaltungsgericht dem Berliner Verfassungsschutz klar den Weg gewiesen, unter welchen Umständen die Vereine genannt werden dürfen. Der Dienst müsse erst die Funktion der NBS »im Gefüge des legalistischen Islamismus« klarstellen, also sichere Belege über finanzielle und personelle Verbindungen öffentlich benennen. Genau die hatten wir in unserer Berichterstattung größtenteils lange zuvor recherchiert und öffentlich gemacht. Aber offenbar bestand in der Berliner Senatskanzlei kein politischer Wille, den juristischen Kampf entsprechend fortzusetzen. So wurden am Ende gleich sämtliche Vereine dieses Geflechts aus dem Bericht des Verfassungsschutzes getilgt. Das hat den Akteuren des Politischen Islam in Berlin volle Rückendeckung gegeben. Denn es macht die aktuelle Berichterstattung schwieriger, weil die Offizialquelle Verfassungsschutzbericht ausfällt.
Zur Entlastung Berlins möchte ich am Ende jedoch festhalten: Vermutlich ist es in anderen Städten auch nicht viel besser. Denken wir an einen durchaus bekannten Politiker namens Olaf Scholz, der als Regierender Bürgermeister in Hamburg einen Staatsvertrag mit dem Schura-Rat abschloss – inklusive des mittlerweile verbotenen Islamischen Zentrums Hamburg (IZH), dem Zentrum des iranischen Mullah-Regimes in Deutschland. Oder an die Zusammenarbeit verschiedener Münchener SPD-Oberbürgermeister mit Benjamin Idriz, der jahrelang vom Verfassungsschutz als Teil des Muslimbruderschaft-Geflechts beobachtet wurde, aber seit Langem in keinem veröffentlichten Bericht mehr auftaucht. Nicht unerwähnt bleiben darf auch die persönliche Werbung von Frank-Walter Steinmeier für das Netzwerk Islamic Relief. Er dürfte wissen – jedenfalls weiß es die Bundesregierung –, dass von Islamic Relief Deutschland (IRD) und Islamic Relief Worldwide (IRW) »signifikante personelle Verbindungen zur Muslimbruderschaft oder ihr nahestehende Organisationen« bestehen.5 In Israel und Dubai ist die Organisation als Terrorfinanzierer verboten. Die Organisation bestreitet – und das erwähne ich an dieser Stelle ausdrücklich – jegliche Unterstützung oder Finanzierung von Terror.
Die Liste ist zu lang, um sie hier fortzusetzen. Trotzdem ist Berlin speziell: Das Ineinandergreifen von Lobbyismus und Geheimstrategien des Politischen Islam traf auf eine gleichzeitige öffentliche Unterwerfung der Politik aus einer falsch verstandenen Toleranz.
Lösungsvorschläge
Was könnten die Lösungsvorschläge sein? Ich schließe mich dabei weitgehend meinen Vorrednerinnen und Vorrednern an und möchte ergänzen: Der systematische und wohl politisch motivierte Rückzug des Berliner Verfassungsschutzes vom Thema legalistischer Islamismus muss angesichts der zunehmenden Radikalisierung auf unseren Straßen dringend rückgängig gemacht werden. Über Berlin hinaus wäre es zu begrüßen, wenn die Befugnisse des Verfassungsschutzes auf die Finanzermittlungen ausgeweitet werden.
Die Bundesregierung sollte dringend das versprochene Dokumentationszentrum Politischer Islam in die Tat umsetzen, um dem Problem auch wissenschaftlich adäquat zu begegnen. Ansatzpunkte gibt es genug: Zum Beispiel die Fatwa der International Union of Muslim Scholars in Doha/Dublin vom März 2025, die alle Muslime zum Dschihad gegen Israel und seine Verbündeten auffordert.6 Denn von dieser Terrorfatwa könnten sich immerhin Gläubige von rund 1.700 sunnitischen Moscheen in Deutschland angesprochen fühlen. Auch die jüngsten Aussagen des Chefs der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, müssen deutsche Sicherheitsbehörden alarmieren: Er billigte den Terror der Hamas als legitimen Widerstand und fordert mit anderen Gelehrten die Muslime der ganzen Welt auf, mit allen Mitteln gegen die »zionistischen Besatzer« zu mobilisieren.7 Diyanet steht in Deutschland der DITIB vor – mit allein 960 Moscheen.
Prioritär sollte Berlin – wie auch der Bund und andere Länder – seine Förderprogramme überprüfen und etwa Maßnahmen gegen den sogenannten »antimuslimischen Rassismus« abschaffen. Denn damit ist es einigen Akteuren des Politischen Islam gelungen, an Millionen von Euro deutscher Steuermittel zu gelangen – für angebliche Demokratieförder- oder Integrationsprogramme. Dabei geht es ausdrücklich nicht um die tatsächlich vorhandene Muslimenfeindlichkeit, gegen die selbstverständlich gesellschaftlich und politisch vorgegangen werden muss. Ebenso wenig darum, dass selbstverständlich die private Religionsausübung von Muslimen geachtet und geschützt werden muss. Aber es muss zum Beispiel ein Ende haben, dass Berlin dem Emirat Katar bei der Finanzierung des Islamismus Konkurrenz macht.
Zum Autor

Sascha Adamek ist investigativer Journalist und Filmemacher. Er produzierte zahlreiche Beiträge für die ARD-Politikmagazine Monitor und Kontraste und ist Autor mehrerer Bücher, darunter »Scharia-Kapitalismus: Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst« (Econ, 2017). Sein neues Buch: »Unterwanderung. Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch« (LMV, 2026)
Für Anregungen, Kritik oder Hinweise ist er über seine Webseite erreichbar: Sascha-Adamek.de
Endnoten
- Florence Bergeaud-Blackler: Kalifat nach Plan. Frérismus und seine Netzwerke in Europa (= INÂRAH Monografien: Schriften zur Islamgeschichte und zum Koran, Band 4), Schiler & Mücke, Tübingen 2025. ↩︎
- Ian Johnson: Die vierte Moschee: Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus, Klett-Cotta, Stuttgart 2011, S. 279. ↩︎
- Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV): Verfassungsschutzbericht 2024, Berlin, 10.06.2025.
Online verfügbar unter: LINK (Abruf: 10.09.2025), S. 245. ↩︎ - Evelyn Finger: Kirchen: Fauler Friede. In: Die Zeit. 28. Dezember 2017. Online verfügbar unter: LINK (Abruf: 10.09.2025) ↩︎
- Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion »Ausmaß ausländischer Einflussnahme auf Religionsgemeinschaften, religiöse Vereine und sonstige religiöse Organisationen«, Drucksache 19/9415 vom 15.04.2019, Online verfügbar unter: LINK (Abruf: 10.09.2025), S. 11. ↩︎
- Stefan Laurin: Islamverbände schweigen zu Terror-Fatwa. Internationale Muslim-Organisation ruft zum heiligen Krieg gegen Israel auf. In: Humanistischer Pressedienst (hpd), 15. Mai 2025. Online verfügbar unter: LINK (Abruf: 10.09.2025) ↩︎
- Lennart Pfahler: DITIB – Bundesinnenministerium setzt türkischem Moscheeverband ein Ultimatum. In: Die WELT, 8. September 2025. Online verfügbar unter: LINK (Abruf: 10.09.2025) ↩︎