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Ber­li­ner Senat ver­öf­fent­licht Isla­mis­mus-Moni­tor

Die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport unter Iris Spranger (SPD) hat im April 2026 den ersten Islamismus-Monitor veröffentlicht. Das 26-seitige Dokument trägt den Titel »Aktuelle Entwicklungen in Extremismus und Terrorismus« und bildet den Berichtszeitraum von Januar 2024 bis Dezember 2025 ab. Es soll künftig als regelmäßiges Monitoring-Instrument dienen. Der Bericht verbindet eine Lagebeschreibung islamistischer Strömungen in Berlin mit einer Darstellung repressiver wie präventiver Maßnahmen des Staates. Kurz nach Erscheinen kam jedoch Kritik an der fehlenden Benennung konkreter extremistischer Akteure und Strukturen auf. Bleibt diese Leerstelle bestehen, werden die juristischen Risiken faktisch auf Journalisten und Präventionsakteure verlagert. Einer wirksamen Islamismusprävention ist das nicht zuträglich.
Berliner Islamismus-Monitor 2026 (Foto: © Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Berlin)

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Kern­be­fun­de des Isla­mis­mus-Moni­tors

Der Moni­tor kon­sta­tiert eine viel­fäl­ti­ge und dyna­mi­sche isla­mis­ti­sche Sze­ne in Ber­lin, deren Strö­mun­gen bei aller Unter­schied­lich­keit ein gemein­sa­mes Ziel ver­fol­gen: die Errich­tung eines Staats­we­sens nach ver­meint­lich isla­mi­schen Prin­zi­pi­en. Im Bereich der poli­tisch moti­vier­ten Kri­mi­na­li­tät mit reli­giö­ser Ideo­lo­gie (PMK-RI) hat sich das Fall­auf­kom­men im Jahr 2024 gegen­über 2023 auf 477 Fäl­le mehr als ver­dop­pelt; 2025 stieg es wei­ter auf 532 Fäl­le. Beson­ders mar­kant ist der Zuwachs bei Pro­pa­gan­da­de­lik­ten: 2024 ein Anstieg von über 250 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr, 2025 noch­mals plus 105,5 Pro­zent auf 153 Fäl­le. Gleich­zei­tig stie­gen die Ter­ro­ris­mus­de­lik­te von neun (2024) auf 21 Fäl­le im Jahr 2025.

Der Bericht benennt drei zen­tra­le Strö­mun­gen: den sala­fis­ti­schen und jiha­dis­ti­schen Isla­mis­mus, der die ter­ro­ris­ti­sche Bedro­hung domi­niert; gewalt­ori­en­tier­te nicht-sala­fis­ti­sche Grup­pen wie HAMAS (»Isla­mi­sche Wider­stands­be­we­gung«), Hizb Allah (»Par­tei Got­tes«) und Hizb ut-Tah­r­ir (»Par­tei der Befrei­ung«); sowie den lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus, zu des­sen Ver­tre­tern die Mus­lim­bru­der­schaft (MB) und Grup­pen der Mil­lî Görüş-Bewe­gung gezählt wer­den.

Als beson­de­re Bedro­hung iden­ti­fi­ziert der Moni­tor die zuneh­men­de Online-Radi­ka­li­sie­rung von Kin­dern und Jugend­li­chen über Platt­for­men wie Tik­Tok, Insta­gram und You­Tube. Sala­fis­ti­sche Pre­di­ger wie »Abul Baraa« und »Amir al-Kina­ni« errei­chen mit nied­rig­schwel­li­gen Inhal­ten ein brei­tes jun­ges Publi­kum. Die Ber­li­ner Poli­zei reagier­te mit zwei »Nas­heed Action Days« im Juli und Novem­ber 2025, bei denen ins­ge­samt 39 Objek­te durch­sucht wur­den.

Abs­trakt hohe Ter­ror­ge­fahr – Jüdi­sches Leben in Ber­lin im Faden­kreuz

Der Moni­tor stellt unmiss­ver­ständ­lich fest, dass eine »abs­trakt hohe Gefähr­dungs­la­ge im Bereich des isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus« besteht, die sich ins­be­son­de­re auf »wei­che Zie­le« wie öffent­li­che Fes­te und Ver­an­stal­tun­gen bezieht. Als Haupt­stadt sowie als Zen­trum jüdi­schen Lebens in Deutsch­land ste­he Ber­lin im Faden­kreuz. Hin­wei­se auf ter­ro­ris­ti­sche Akti­vi­tä­ten der HAMAS außer­halb ihres Kern­rau­mes in Gaza unter­mau­ern die­se Ein­schät­zung: Anfang Okto­ber 2025 wur­den in Ber­lin drei mut­maß­li­che HAMAS-»Auslandsoperateure« fest­ge­nom­men, die Anschlä­ge auf jüdi­sche Ein­rich­tun­gen in Deutsch­land geplant haben sol­len. Bei Durch­su­chun­gen wur­den Lang­waf­fen, Pis­to­len und gro­ße Men­gen Muni­ti­on sicher­ge­stellt.

In der Jüdi­schen All­ge­mei­nen ord­ne­te der Redak­teur Ima­nu­el Mar­cus die Befun­de aus der Per­spek­ti­ve der jüdi­schen Gemein­schaft ein. Ber­lin ste­he als Zen­trum jüdi­schen Lebens beson­ders im Faden­kreuz isla­mis­ti­scher Bedro­hun­gen. Dass ins­be­son­de­re »wei­che Zie­le« gefähr­det sei­en, unter­strei­che die unmit­tel­ba­re Rele­vanz des Moni­tors für die Sicher­heits­la­ge jüdi­scher Ein­rich­tun­gen und Ver­an­stal­tun­gen in der Haupt­stadt. Die Fest­nah­men mach­ten deut­lich, dass es sich längst nicht mehr um eine abs­trak­te, son­dern um eine sehr kon­kre­te Bedro­hungs­la­ge han­de­le.

Zäsur 7. Okto­ber und anhal­ten­de Aus­wir­kun­gen

Der Ter­ror­an­griff der HAMAS auf Isra­el am 7. Okto­ber 2023 und sei­ne Fol­gen stel­len laut dem Moni­tor auch für Ber­lin eine Zäsur dar. Trotz des kurz dar­auf ver­häng­ten Betä­ti­gungs­ver­bots set­zen HAMAS-Anhän­ger ihre Akti­vi­tä­ten fort, ins­be­son­de­re im Rah­men des »Ver­ei­nig­te Paläs­ti­nen­si­sche Natio­nal­ko­mi­tee« (VPNK), unter des­sen Dach anti­is­rae­li­sche Ver­samm­lun­gen statt­fin­den, bei denen es zu anti­se­mi­ti­schen Straf­ta­ten kommt. Die Stim­mung in der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty Ber­lins sei »noch immer als emo­tio­na­li­siert und auf­ge­la­den« zu beschrei­ben. Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen nutz­ten Ber­lin zudem unver­än­dert zur Gewin­nung finan­zi­el­ler Res­sour­cen für Waf­fen, Aus­bil­dung und Pro­pa­gan­da.

Isla­mis­mus­exper­tin Herr­mann: Feh­len­de Benen­nung kon­kre­ter Struk­tu­ren

Die Isla­mis­mus­exper­tin Sig­rid Herr­mann kri­ti­sier­te den Moni­tor unmit­tel­bar nach des­sen Ver­öf­fent­li­chung auf der Platt­form X (ehe­mals Twit­ter) in mehr­fa­cher Hin­sicht. Die Publi­ka­ti­on fol­ge zwei pro­ble­ma­ti­schen Trends: »Zuord­nungs­fä­hi­ge Struk­tu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft nicht zu benen­nen und die Effek­ti­vi­tät der eige­nen Maß­nah­men zur Dera­di­ka­li­sie­rung und Prä­ven­ti­on nicht zu quan­ti­fi­zie­ren. Bei­des ist nicht hilf­reich, will man Isla­mis­mus wirk­sam bekämp­fen.«

Dar­über hin­aus bemän­gel­te Herr­mann, dass der Moni­tor die Rol­le soge­nann­ter zivil­ge­sell­schaft­li­cher Akteu­re unkri­tisch her­vor­he­be: »Auch wird trotz frag­li­chen Erfol­ges die Wich­tig­keit ›zivil­ge­sell­schaft­li­cher Akteu­re‹ betont. Dass es sich dabei oft um Dienst­leis­ter han­delt, wird so ver­schlei­ert und auch nicht kri­tisch betrach­tet, dass die­se Dienst­leis­ter lega­lis­ti­sche Akteu­re ein­bin­den und legi­ti­mie­ren.«

Herr­mann for­mu­lier­te schließ­lich eine grund­le­gen­de Kri­tik an der poli­ti­schen Funk­ti­on der Prä­ven­ti­ons­ar­beit: »Der Sinn der Ver­ga­be öffent­li­cher Mit­tel ist nicht, der Poli­tik Akti­vi­täts­be­stä­ti­gun­gen zu lie­fern oder Fei­gen­blät­ter zu finan­zie­ren für den poli­ti­schen Unwil­len, isla­mis­ti­sche Netz­wer­ke wie das der MB in Ber­lin auf­zu­bre­chen.« Die­se Ein­schät­zung wiegt beson­ders schwer ange­sichts der Tat­sa­che, dass der Moni­tor zwar die Mus­lim­bru­der­schaft als lega­lis­ti­schen Akteur erwähnt, deren kon­kre­te orga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tu­ren und Zuord­nun­gen in Ber­lin jedoch nicht benennt.

Demo­kra­tie­lot­sin Coe­nen: Ent­kon­kre­ti­sie­rung gefähr­det Prä­ven­ti­on

Nina Coe­nen, Vor­sit­zen­de des Ver­eins Demo­kra­tie­lot­sen e. V., unter­zog den Moni­tor einem auf­schluss­rei­chen Ver­gleich mit frü­he­ren amt­li­chen Publi­ka­tio­nen. Auf Face­book schreibt sie, dass sich gegen­über der Hand­rei­chung des Lan­des­ver­fas­sungs­schut­zes »Akti­vi­tä­ten isla­mis­ti­scher Akteu­re im Zusam­men­hang mit der Flücht­lings­si­tua­ti­on« aus dem Jahr 2016 eine fort­schrei­ten­de Ent­kon­kre­ti­sie­rung zei­ge: »Zwi­schen bei­den Ver­öf­fent­li­chun­gen lie­gen nur zehn Jah­re. In die­ser Zeit hat sich die öffent­li­che Dar­stel­lung des lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus in Ber­lin deut­lich ent­kon­kre­ti­siert.«

Wäh­rend 2016 etwa die Isla­mi­sche Gemein­schaft in Deutsch­land (IGD) und ihr Umfeld ein­schließ­lich kon­kre­ter Moschee­ge­mein­den noch nament­lich benannt wor­den sei­en, feh­le im aktu­el­len Moni­tor selbst die Erwäh­nung der Deut­schen Mus­li­mi­sche Gemein­schaft – DMG (Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der IGD): »Die Namens­nen­nun­gen ver­schwin­den zuguns­ten abs­trak­ter all­ge­mei­ner Fest­stel­lun­gen. Das redu­ziert Trans­pa­renz und erschwert die Prä­ven­ti­ons­ar­beit, weil Bezugs­punk­te feh­len und sich die Struk­tu­ren schwie­ri­ger ein­ord­nen las­sen.«

Coe­nen mach­te die prak­ti­schen Kon­se­quen­zen die­ses Defi­zits deut­lich: »Men­schen, die dort arbei­ten, wo Prä­ven­ti­on gebraucht wird, in Schu­len, Flücht­lings­hei­men, Frei­zeit­ein­rich­tun­gen, NGOs etc. hilft es nicht nur zu wis­sen, wer die Mus­lim­bru­der­schaft ist, son­dern auch in wel­chen Ber­li­ner Moscheen sich womög­lich ihre Anhän­ger tref­fen.« Die­se Argu­men­ta­ti­on unter­streicht, dass ein Moni­to­ring-Instru­ment, das auf die Benen­nung kon­kre­ter Akteu­re und Struk­tu­ren in wei­ten Tei­len ver­zich­tet, für die­je­ni­gen, die vor Ort Prä­ven­ti­ons­ar­beit leis­ten, nur ein­ge­schränkt nutz­bar ist.

Ein­ord­nung: Zwi­schen Lage­bild und poli­ti­scher Vor­sicht

Die Erstel­lung und Ver­öf­fent­li­chung des Isla­mis­mus-Moni­tors ist als Fort­schritt zu bewer­ten. Die Ber­li­ner Lan­des­re­gie­rung aus CDU und SPD hat­te sich dar­auf im Koali­ti­ons­ver­trag geei­nigt. Der Bericht lie­fert eine aktu­el­le Bestands­auf­nah­me der isla­mis­ti­schen Bedro­hungs­la­ge in Ber­lin. Die daten­ge­stütz­te Dar­stel­lung der PMK-Ent­wick­lung, die Benen­nung kon­kre­ter Straf­ver­fah­ren – dar­un­ter der ver­such­te Mord am Holo­caust-Mahn­mal im Febru­ar 2025 und die Anschlags­pla­nung eines rus­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen – sowie die Dar­stel­lung ver­eins­recht­li­cher Maß­nah­men doku­men­tie­ren ein brei­tes Instru­men­ta­ri­um der Behör­den.

Die von Herr­mann und Coe­nen vor­ge­brach­te Kri­tik trifft jedoch ein rele­van­tes Defi­zit: Die Publi­ka­ti­on benennt den lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus als Phä­no­men, unter­lässt es aber, kon­kre­te, zuord­nungs­fä­hi­ge Struk­tu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft und ande­rer extre­mis­ti­scher Bestre­bun­gen in Ber­lin zu iden­ti­fi­zie­ren. Gera­de der Ver­gleich mit der Hand­rei­chung aus dem Jahr 2016, den Coe­nen zieht, macht eine rück­läu­fi­ge Bereit­schaft zur kon­kre­ten Akteurs­be­nen­nung sicht­bar. Dies ist umso bemer­kens­wer­ter, als der Moni­tor selbst auf die beson­de­re Rele­vanz des lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus hin­weist, der »jen­seits der Straf­bar­keit die Dis­kur­se inner­halb der mus­li­mi­schen Gemein­schaf­ten polarisier[e] und eine ins­ge­samt des­in­te­gra­ti­ve Wir­kung entfalt[e]«. Somit ver­la­gert der Ber­li­ner Senat die juris­ti­schen Risi­ken fak­tisch auf Jour­na­lis­ten und Prä­ven­ti­ons­ak­teu­re. Die­ses Risi­ko wer­den dau­er­haft nur weni­ge tra­gen wol­len und kön­nen. Letzt­lich ver­wei­gert sich der Staat sei­ner Rol­le als pri­vi­le­gier­te Quel­le. Der Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on und der Isla­mis­mus­be­kämp­fung dient das nur unzu­rei­chend.

Auch bei der Dar­stel­lung der staat­li­chen Maß­nah­men bleibt der Bericht unkon­kret in ent­schei­den­den Punk­ten. Es wer­den die Lan­des­ko­or­di­nie­rungs­stel­le Radi­ka­li­sie­rungs­prä­ven­ti­on und staat­li­che För­der­pro­gram­me beschrie­ben und teil­wei­se die Höhe der auf­ge­wen­de­ten Steu­er­gel­der bezif­fert, jedoch wer­den kei­ne Erfolgs­in­di­ka­to­ren benannt oder gar quan­ti­fi­ziert. Ein Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se bis­he­ri­ger staat­li­cher Maß­nah­men fehlt im Bericht. Dies lässt die Fra­ge offen, ob die Instru­men­te und ein­ge­setz­ten Mit­tel die gewünsch­te Wir­kung ent­fal­ten – ein Punkt, den der Senat bald­mög­lichst nach­lie­fern soll­te.

Ins­ge­samt dürf­te der Moni­tor das Bewusst­sein für die viel­schich­ti­ge isla­mis­ti­sche Bedro­hungs­la­ge in der Haupt­stadt schär­fen und ist des­halb zu begrü­ßen. Ob er aber auch für die Arbeit von Jour­na­lis­ten und Prä­ven­ti­ons­ak­teu­ren einen prak­ti­schen Nut­zen ent­fal­tet, wird davon abhän­gen, inwie­weit künf­ti­ge Aus­ga­ben die benann­ten Lücken – kon­kre­te Akteurs­be­nen­nung und mess­ba­re Wir­kungs­in­di­ka­to­ren – schlie­ßen.


Senats­ver­wal­tung für Inne­res und Sport Ber­lin (2026): Isla­mis­mus-Moni­tor. Aktu­el­le Ent­wick­lun­gen in Extre­mis­mus und Ter­ro­ris­mus. Ber­lin. Berichts­zeit­raum: Janu­ar 2024 bis Dezem­ber 2025. Als PDF abruf­bar: LINK (archi­viert)