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Zum 25. Jah­res­tag von 9/11: Der Sam­mel­band »25 Years After 9/11 – The Future of the Glo­bal Jiha­di Move­ment« von Colin P. Clar­ke und Cla­ra Broe­kaert (The Sou­fan Cen­ter)

Acht führende Terrorismusforscher ziehen Bilanz über ein Vierteljahrhundert »Global War on Terrorism« und kommen zu einem beunruhigenden Doppelbefund: Die dschihadistische Bewegung ist personell, territorial und finanziell so stark wie nie, während der Westen zeitgleich seine Fähigkeit abbaut, sie überhaupt noch zu beobachten. Die Besprechung stellt die zentralen Thesen und Ergebnisse des Bandes vor.

Inhaltsverzeichnis

Zum 25. Jah­res­tag der Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 hat das New Yor­ker Sou­fan Cen­ter einen Sam­mel­band vor­ge­legt, der den Zustand der glo­ba­len dschi­ha­dis­ti­schen Bewe­gung ver­mes­sen will. Her­aus­ge­ber sind Colin P. Clar­ke, Exe­cu­ti­ve Direc­tor des Sou­fan Cen­ter, und die For­schungs­ana­lys­tin Cla­ra Broe­kaert. Das Vor­wort stammt von Ali Sou­fan, dem frü­he­ren FBI-Ermitt­ler, der die Ver­hö­re nach den Anschlä­gen auf die USS Cole und nach 9/11 führ­te. Die Autoren­lis­te liest sich wie ein Who’s who der ame­ri­ka­ni­schen Ter­ro­ris­mus­for­schung: Bri­an Micha­el Jenk­ins (RAND), Dani­el Byman (Georgetown/CSIS), Don Rass­ler (Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter in West Point), Tri­cia Bacon (Ame­ri­can Uni­ver­si­ty), Ami­ra Jadoon (Clem­son), Assaf Mogha­dam (Reich­man Uni­ver­si­ty), Peter Ber­gen und David Ster­man (New Ame­ri­ca) sowie Aaron Y. Zelin (Washing­ton Insti­tu­te, Grün­der von Jiha­dolo­gy).

Der Dop­pel­be­fund: gewach­se­ne Bewe­gung, schwin­den­de Auf­merk­sam­keit

Den ana­ly­ti­schen Rah­men setzt bereits Sou­fans Vor­wort mit einer ein­zi­gen Zah­len­ge­gen­über­stel­lung: Am 11. Sep­tem­ber 2001 ver­füg­te al-Qai­da über etwa 400 Bewaff­ne­te, davon rund drei Vier­tel in Afgha­ni­stan. Heu­te schätzt das Office of the Direc­tor of Natio­nal Intel­li­gence die welt­wei­te Stär­ke auf 15.000 bis 28.000 Kämp­fer, zuzüg­lich 12.000 bis 18.000 Ange­hö­ri­gen des Isla­mi­schen Staa­tes und sei­ner Able­ger. Die Kraft bei­der Orga­ni­sa­tio­nen lie­ge in der Reso­nanz ihres Nar­ra­tivs, wonach der Wes­ten einen epo­cha­len Krieg gegen den Islam füh­re, unter­stützt von kor­rup­ten Herr­schern in mus­li­mi­schen Län­dern.

Die Her­aus­ge­ber ver­an­kern den Band in einer his­to­ri­schen Par­al­le­le. Die im Mai 2026 ver­öf­fent­lich­te US-Coun­ter­ter­ro­rism-Stra­te­gie, die ers­te seit 2018, führt Kar­tel­le und trans­na­tio­na­le kri­mi­nel­le Ban­den als obers­te Ter­ror­be­dro­hung; die klas­si­schen dschi­ha­dis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ran­gie­ren dahin­ter und wer­den auf eine Hand­voll Grup­pen mit Fähig­keit zu Außen­ope­ra­tio­nen ver­engt. Clar­ke und Broe­kaert erin­nern dar­an, dass die Natio­na­le Sicher­heits­stra­te­gie von 1997 den Ter­ro­ris­mus eben­falls nur am Ran­de erwähn­te, Afgha­ni­stan ledig­lich als Dro­gen­um­schlag­platz führ­te und weder bin Laden noch al-Qai­da nann­te, ein Jahr vor den Bot­schafts­an­schlä­gen in Nai­ro­bi und Dar­essa­lam. Die Leit­fra­ge des Ban­des lau­tet ent­spre­chend, wie groß die Kluft zwi­schen Bedro­hungs­wahr­neh­mung und tat­säch­li­cher Bedro­hungs­la­ge inzwi­schen wie­der gewor­den ist.

Die his­to­ri­sche Bilanz: Jenk­ins und Byman

Bri­an Micha­el Jenk­ins eröff­net mit einer als »Blei­stift­skiz­ze« ange­kün­dig­ten, tat­säch­lich weit aus­grei­fen­den Geschich­te des Glo­bal War on Ter­ro­rism, ange­rei­chert um per­sön­li­che Erin­ne­run­gen. Jenk­ins lei­te­te nach dem Anschlag von 1993 die Red-Team-Ana­ly­se für das World Trade Cen­ter; die dar­auf­hin erzwun­ge­nen Eva­ku­ie­rungs­übun­gen und bau­li­chen Ver­bes­se­run­gen tru­gen dazu bei, dass am 11. Sep­tem­ber rund 15.000 Men­schen den Nord­turm in weni­ger als 102 Minu­ten ver­las­sen konn­ten. Sei­ne Bilanz nach 25 Jah­ren: Das pri­mä­re Ziel, wei­te­re Groß­an­schlä­ge auf ame­ri­ka­ni­schem Boden zu ver­hin­dern, wur­de erreicht; Dschi­ha­dis­ten töte­ten in den USA seit 9/11 etwa 120 Men­schen, weni­ger als fünf pro Jahr, und über 80 Pro­zent der Kom­plot­te wur­den ver­ei­telt. Dem ste­hen nach der Rech­nung der Brown Uni­ver­si­ty acht Bil­lio­nen Dol­lar Kos­ten und annä­hernd eine Mil­li­on Tote der Krie­ge gegen­über, dazu das Schei­tern in Afgha­ni­stan und die Iro­nie der syri­schen Ent­wick­lung: Im Novem­ber 2025 emp­fing das Wei­ße Haus einen syri­schen Prä­si­den­ten, der zuvor eine al-Qai­da-Filia­le führ­te und auf den einst zehn Mil­lio­nen Dol­lar Kopf­geld aus­ge­setzt waren.

Dani­el Byman sys­te­ma­ti­siert fünf ana­ly­ti­sche Feh­ler der Nach‑9/11-Ära: die Deu­tung des Anschlags als Vor­bo­te noch grö­ße­rer Atta­cken statt als Aus­rei­ßer; die Unter­schät­zung des­sen, was anhal­ten­der Ver­fol­gungs­druck bewir­ken kann; die Fehl­an­nah­me, jeder unre­gier­te Raum wer­de zum nächs­ten Afgha­ni­stan; die Ver­nach­läs­si­gung der inne­ren Riva­li­tä­ten der Bewe­gung; und die Über­schät­zung der ame­ri­ka­ni­schen Fähig­keit, frem­de Gesell­schaf­ten umzu­bau­en. Sei­ne Schluss­fol­ge­rung lau­tet:

»Mit Blick nach vorn lau­tet die zen­tra­le Leh­re nicht Selbst­zu­frie­den­heit, son­dern Kali­brie­rung.« (»Loo­king for­ward, the cen­tral les­son is not com­pla­cen­cy but cali­bra­ti­on.«)

Die Gegen­warts­dia­gno­sen: Soma­lia, Süd­asi­en, Sahel

Das empi­risch dich­tes­te Kapi­tel lie­fert Tri­cia Bacon zu Soma­lia, dem ein­zi­gen Land, in dem sowohl al-Qai­da als auch der Isla­mi­sche Staat netz­werk­kri­ti­sche Able­ger unter­hal­ten. Al-Shaba­ab beschreibt sie als voll­wer­ti­gen Par­al­lel­staat mit Scha­ria-Gerich­ten, deren Urtei­le selbst Regie­rungs­be­am­te frei­wil­lig auf­su­chen, einem Steu­er­ap­pa­rat mit bis zu 200 Mil­lio­nen Dol­lar Jah­res­ein­nah­men samt Quit­tungs­we­sen und einem Geheim­dienst (Amni­yat), der schät­zungs­wei­se 30 Pro­zent der Poli­zei Moga­di­schus unter­wan­dert hat. Für die deut­sche Debat­te rele­vant ist ihre Rekon­struk­ti­on des 2019 ver­ei­tel­ten Kom­plotts, bei dem al-Shaba­ab einen Ope­ra­teur auf den Phil­ip­pi­nen zum Pilo­ten aus­bil­den ließ, um ein Ver­kehrs­flug­zeug in den Bank of Ame­ri­ca Pla­za in Atlan­ta zu steu­ern, aus­drück­lich unter dem von al-Qai­da-Zen­tra­le aus­ge­ge­be­nen Kam­pa­gnen­ban­ner »Jeru­sa­lem Will Never Be Judai­zed«. Der Isla­mi­sche Staat in Soma­lia wie­der­um sei mili­tä­risch mar­gi­nal, über sein al-Kar­rar-Büro jedoch die zen­tra­le Finanz­dreh­schei­be des glo­ba­len IS-Netz­werks; es finan­zier­te unter ande­rem den Abbey-Gate-Anschlag in Kabul 2021 mit. Bacons Kri­tik an der aktu­el­len US-Poli­tik, die Luft­schlä­ge eska­liert und zugleich die AU-Mis­si­on, die Dan­ab-Spe­zi­al­kräf­te und die huma­ni­tä­re Hil­fe defun­diert, mün­det in das Urteil:

»Luft­macht kann die Instru­men­te nicht erset­zen, die tak­ti­schen Druck in stra­te­gi­sche Wir­kung über­set­zen.« (»Air­power ›can­not sub­sti­tu­te for the instru­ments that con­vert tac­ti­cal pres­su­re into stra­te­gic effect‹.«)

Ami­ra Jadoon ana­ly­siert den Afgha­ni­stan-Paki­stan-Kor­ri­dor als inter­ak­ti­ves Öko­sys­tem, in dem zwi­schen­staat­li­che Riva­li­tä­ten (der offe­ne Krieg Paki­stans gegen das Tali­ban-Regime seit Febru­ar 2026, die Indi­en-Paki­stan-Kri­se vom Mai 2025, die porö­se Gren­ze zu Iran, der Wett­lauf um Balochi­stans Roh­stof­fe) die Anpas­sung mili­tan­ter Grup­pen antrei­ben. Ihre wich­tigs­ten Befun­de: Al-Qai­da-Kern und der Regio­nal­ab­le­ger AQIS sei­en fak­tisch zu einem ein­zi­gen, von Tali­ban und Haq­qa­ni-Netz­werk pro­te­gier­ten Netz­werk ver­schmol­zen; die TTP habe durch inzwi­schen über 100 Fusio­nen ihre Reich­wei­te mas­siv aus­ge­baut; und AQIS behand­le die neue Koali­ti­on Itte­had-ul-Muja­hideen Paki­stan in sei­ner Pro­pa­gan­da mitt­ler­wei­le als glo­ba­le Dschi­had-Front gleich­ran­gig mit al-Shaba­ab und JNIM. Ihre War­nung: Die Loka­li­sie­rung des Dschi­ha­dis­mus ist umkehr­bar, und die Regi­on repro­du­ziert exakt jene Bedin­gun­gen, unter denen trans­na­tio­na­ler Ter­ro­ris­mus his­to­risch gedieh.

Assaf Mogha­dam spannt den Bogen von 9/11 zum 7. Okto­ber 2023 und iden­ti­fi­ziert vier kon­ver­gie­ren­de Trends: die Diver­si­fi­zie­rung poli­ti­scher Gewalt nach Akteu­ren, Moti­ven und Tak­ti­ken; die Ver­wi­schung der Gren­zen zwi­schen Ter­ro­ris­mus, Gue­ril­la und Krieg; die Ver­schrän­kung inner­staat­li­cher und zwi­schen­staat­li­cher Kon­flikt­dy­na­mi­ken, vor allem über Stell­ver­tre­ter­krie­ge; und die wach­sen­de Ähn­lich­keit staat­li­cher und nicht­staat­li­cher Kriegs­füh­rung, illus­triert an Hamas’ kom­bi­nier­ter Waf­fen­gat­tungs­tak­tik und Irans an Auf­stän­di­sche erin­nern­der Zer­mür­bungs­stra­te­gie im Krieg von 2026. Sei­ne Poli­tik­emp­feh­lung: Bedro­hun­gen nach Fähig­kei­ten und Ver­hal­ten ord­nen, statt nach über­kom­me­nen Eti­ket­ten wie Coun­ter­ter­ro­rism oder Coun­ter­insur­gen­cy.

Peter Ber­gen und David Ster­man ver­fol­gen die Dif­fu­si­on der Droh­nen­kriegs­füh­rung vom ame­ri­ka­ni­schen Qua­si-Mono­pol des Jah­res 2001 zu einem Feld, auf dem Staa­ten, Pri­vat­fir­men und nicht­staat­li­che Akteu­re unun­ter­scheid­bar inein­an­der­grei­fen. Ihre Fall­stu­di­en (die von Erik Prin­ces Fir­ma Vec­tus Glo­bal geflo­ge­ne hai­tia­ni­sche Droh­nen­kam­pa­gne mit über 1.200 Toten, die Droh­nen­pro­gram­me der afgha­ni­schen und paki­sta­ni­schen Tali­ban) zei­gen, dass Adop­ti­ons­mus­ter weni­ger von Tech­no­lo­gie­ver­füg­bar­keit als von poli­ti­schem Kon­text und stra­te­gi­schem Kal­kül abhän­gen. Wer künf­ti­ge Über­ra­schun­gen ver­mei­den wol­le, müs­se genau die­se Kon­tex­te ver­glei­chend ana­ly­sie­ren.

Rass­ler und Zelin: Die Rück­kehr der Über­ra­schung

Don Rass­ler schreibt das Kapi­tel »Fore­sight and Hind­sight« des 9/11-Com­mis­si­on-Report für die Gegen­wart fort. Die Bedro­hung fol­ge einer Sinus­kur­ve: Grup­pen wer­den gefähr­lich, wer­den degra­diert, gera­ten aus dem Blick und rege­ne­rie­ren, wie es der Isla­mi­sche Staat nach dem US-Abzug aus dem Irak 2011 exem­pla­risch vor­führ­te. Rass­ler inven­ta­ri­siert die neu­en Lücken im Früh­warn­sys­tem, von der Re-Silo-Bil­dung der Behör­den über gefähr­de­te Geheim­dienst­part­ner­schaf­ten bis zur aus­ge­dünn­ten aka­de­mi­schen For­schung, und mahnt Inves­ti­tio­nen in genau jene Kapa­zi­tä­ten an, die über bekann­te Bedro­hungs­mus­ter hin­aus­bli­cken.

Aaron Y. Zelin schreibt in sei­nem Kapi­tel: Einer­seits ver­zeich­net das UN-Moni­to­ring-Team für al-Qai­da und Able­ger rund 25.000 poten­zi­el­le Kämp­fer, eine Ver­fünf­zig­fa­chung gegen­über 2001; 85 Pro­zent der IS-Anschlä­ge des Jah­res 2025 ent­fie­len auf Afri­ka; JNIM blo­ckier­te die Treib­stoff­ver­sor­gung Bamakos und töte­te Malis Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter; al-Shaba­ab kes­sel­te Moga­di­schu ein. Ande­rer­seits demon­tie­ren die USA seit 2025 sys­te­ma­tisch ihre Coun­ter­ter­ro­rism-Archi­tek­tur: For­schungs­pro­gram­men (START, Miner­va) wur­den Mit­tel ent­zo­gen, das Natio­nal Coun­ter­ter­ro­rism Cen­ter mas­siv ver­klei­nert und auf Dro­gen­be­kämp­fung umge­wid­met, die Aus­lauf­frist der Sec­tion-702-Befug­nis­se ver­stri­chen. Zelins sagt zur Ero­si­on insti­tu­tio­nel­len Wis­sens:

»Bud­gets las­sen sich in einem ein­zi­gen Haus­halts­zy­klus wie­der­her­stel­len. Wis­sen nicht.« (»Bud­gets can be res­to­red in a sin­gle appro­pria­ti­ons cycle. Know­ledge can­not.«)

Die Lage von 2026 erin­ne­re unbe­hag­lich an die in den 1990er Jah­re, als die Bot­schafts­an­schlä­ge von 1998 und der Cole-Anschlag von 2000 als epi­so­dische Tra­gö­di­en ver­bucht wur­den. Zelin plä­diert für einen »sus­tainable flo­or«, eine dau­er­haft finan­zier­te Min­dest­aus­stat­tung anstel­le des nächs­ten Boom-and-Bust-Zyklus, und schließt mit einem Satz, der die Stoß­rich­tung des gan­zen Ban­des klar­macht:

»Es bedeu­tet, wach­sam zu blei­ben, bewusst und mit ver­tret­ba­rem Auf­wand, gegen­über einem Feind, der unse­re Ablen­kung zu sei­ner Stra­te­gie gemacht hat.« (»It means kee­ping watch, deli­bera­te­ly and afford­a­b­ly, on an ene­my that has made a stra­tegy of our dis­trac­tion.«)

Ideo­lo­gie im Band: die Rol­le damals, die Rol­le heu­te und eine auf­fäl­li­ge Leer­stel­le

Der Band ver­han­delt Ideo­lo­gie aus­schließ­lich als Bin­nen­phä­no­men der bewaff­ne­ten Bewe­gung. Das lega­lis­ti­sche Vor­feld im Wes­ten, sei­ne Orga­ni­sa­tio­nen, Moscheen- und Bil­dungs­struk­tu­ren blei­ben weit­ge­hend außer­halb des Unter­su­chungs­rah­mens. Das ist selbst ein Ergeb­nis: Die ver­sam­mel­te ame­ri­ka­ni­sche Ter­ro­ris­mus­for­schung ver­misst zum 25. Jah­res­tag das ideo­lo­gi­sche Hin­ter­land des Dschi­ha­dis­mus im Wes­ten an kei­ner Stel­le.

Umso kla­rer fällt die Grund­satz­be­stim­mung aus, wel­che Rol­le Ideo­lo­gie inner­halb der Bewe­gung spielt. Ali Sou­fan ord­net ihr im Vor­wort den ers­ten Rang zu; Füh­rung, Finan­zen und Ter­ri­to­ri­al­kon­trol­le sei­en dem­ge­gen­über nach­ran­gig: »Ihre Stär­ke speist sich viel­mehr aus der Reso­nanz ihres Nar­ra­tivs, das denk­bar ein­fach ist: Der Wes­ten führt einen epo­cha­len Krieg gegen den Islam selbst, ermög­licht durch kor­rup­te Füh­rer in mus­li­mi­schen Län­dern.« (»Rather, their strength is deri­ved from the reso­nan­ce of their nar­ra­ti­ve, which is rather simp­le: the West is waging an epo­chal war against Islam its­elf, faci­li­ta­ted by cor­rupt lea­ders in Mus­lim count­ries.«) Die Able­ger, so Sou­fan wei­ter, folg­ten dabei klas­si­schen »Manage­ment of Savagery«-Taktiken, indem sie loka­le Kon­flik­te schü­ren und zur Erlan­gung mili­tä­ri­scher Kon­trol­le und poli­ti­schen Ein­flus­ses aus­beu­ten. Rass­ler for­mu­liert den­sel­ben Gedan­ken als Erklä­rung der Sinus­kur­ve: Was jede mili­tä­ri­sche Degra­die­rung über­dau­ert, ist die »anhal­ten­de, ver­streu­te Reso­nanz dschi­ha­dis­ti­scher Ideen und Orga­ni­sa­tio­nen« (»the ongo­ing, disper­sed reso­nan­ce of jiha­di ide­as and orga­niza­ti­ons«).

Für die Zeit vor 9/11 beschreibt der Band Ideo­lo­gie als orts­ge­bun­den. Byman rekon­stru­iert die afgha­ni­schen Lager als Indok­tri­na­ti­ons­ma­schi­ne: Al-Qai­da nahm Rekru­ten auf, die aus höchst unter­schied­li­chen Moti­ven kamen (Wut auf repres­si­ve Hei­mat­re­gime, Tsche­tsche­ni­en, Kasch­mir, Feind­schaft gegen Isra­el), und konn­te ihnen dort »erklä­ren, dass das von den USA geführ­te Kom­plott gegen die mus­li­mi­sche Welt die Quel­le all die­ser ver­schie­de­nen Pro­ble­me sei« (»explain that the U.S.-led plot against the Mus­lim world was the source of all the­se dif­fe­rent pro­blems«). Die Lager stif­te­ten zudem per­sön­li­che Netz­wer­ke und impli­zi­tes Wis­sen, das sich in vir­tu­el­len Umge­bun­gen kaum repro­du­zie­ren lässt; genau dar­in lag für Byman der Son­der­wert des afgha­ni­schen Rück­zugs­raums gegen­über allen spä­te­ren. Jenk­ins lie­fert die Grün­dungs­tex­te die­ser Pha­se gleich mit: bin Ladens Kriegs­er­klä­rung vom 23. August 1996 mit ihrer reli­giö­sen Rah­mung der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen­prä­senz als schlimms­ter Kata­stro­phe seit dem Tod des Pro­phe­ten und die Fat­wa der »World Isla­mic Front« vom Febru­ar 1998, die die Tötung von Ame­ri­ka­nern, Zivi­lis­ten wie Mili­tärs, zur indi­vi­du­el­len Pflicht erklär­te.

Für die Gegen­wart zeich­net der Band zwei gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen. Im Wes­ten ist die Ideo­lo­gie kör­per­los gewor­den. Jenk­ins beschreibt den Umstieg auf Fern­re­kru­tie­rung und das Online-Maga­zin Inspi­re ab 2010, das reli­giö­se Ermah­nung mit Bom­ben­bau- und Anschlags­an­lei­tun­gen ver­band. Zelin führt die Linie in die Gegen­wart: Die al-Naba-Kam­pa­gne »And Kill Them Whe­re­ver You Find Them« vom Janu­ar 2024 rahmt Anschlä­ge auf west­li­che, jüdi­sche und christ­li­che Zie­le als Ver­gel­tung für Gaza; ihre Logik mate­ria­li­sier­te sich im New-Orleans-Anschlag vom 1. Janu­ar 2025 (14 Tote, al-Naba rekla­mier­te anschlie­ßend die ideo­lo­gi­sche Urhe­ber­schaft unter dem Titel »We Were The­re!«) und im Bon­di-Beach-Anschlag auf eine Cha­nuk­ka-Fei­er im Dezem­ber 2025. Getra­gen wird das von einem Online-Öko­sys­tem aus Cloud-Archi­ven, über Domains sprin­gen­den Web­sei­ten, Dark-Web-Spie­geln und KI-Expe­ri­men­ten der IS-K-Medi­en­stel­le, wäh­rend die gro­ßen Platt­for­men ihre Mode­ra­ti­on zurück­ge­fah­ren haben. In Afri­ka dage­gen ist Ideo­lo­gie wie­der Herr­schafts­pra­xis gewor­den. Bacons Soma­lia-Kapi­tel zeigt, dass al-Shabaabs Legi­ti­mi­tät wesent­lich auf sei­nen Scha­ria-Gerich­ten beruht, die vie­le Soma­lis gera­de wegen ihrer rela­ti­ven Frei­heit vom Clan-Bias des staat­li­chen Sys­tems als legi­tim anse­hen und deren Urtei­le selbst in Regie­rungs­ge­bie­ten frei­wil­lig auf­ge­sucht und befolgt wer­den; die Besteue­rung wird reli­gi­ös als zakat und ushr kodiert. Mate­ri­ell bringt die Bin­dung an al-Qai­da der Grup­pe kaum noch etwas; was sie trägt, sind »Iden­ti­tät, Geschich­te und Ideo­lo­gie« (»iden­ti­ty, histo­ry, and ideo­lo­gy«). Ein Detail ver­dient dabei beson­de­re Auf­merk­sam­keit: Bacon rekon­stru­iert, wie aus den infor­mel­len Scha­ria-Gerich­ten Moga­di­schus die Uni­on isla­mi­scher Gerich­te her­vor­ging, ein gerichts­ba­sier­ter Ord­nungs­is­la­mis­mus, den die Bevöl­ke­rung als Sicher­heits­an­bie­ter begrüß­te, und wie erst die Fehl­schlä­ge der War­lord-Poli­tik Washing­tons und die US-gestütz­te äthio­pi­sche Inva­si­on von 2006 den mili­tan­ten Flü­gel als eigen­stän­di­ge Orga­ni­sa­ti­on frei­setz­ten. Die Pas­sa­ge liest sich als Fall­stu­die dazu, wie ein lega­lis­tisch auf­tre­ten­der Isla­mis­mus unter Inter­ven­ti­ons­druck in eine Dschi­had-Miliz umschla­gen kann.

Bemer­kens­wert ist fer­ner, dass der Band eine inner­is­la­mis­ti­sche Kon­kur­renz der Erfolgs­mo­del­le doku­men­tiert, ohne sie begriff­lich als Isla­mis­mus-Debat­te zu füh­ren. Zelin liest die IS-Pro­pa­gan­da als Zeug­nis wach­sen­der Ner­vo­si­tät, weil »die Tali­ban, Jama’at Nus­rat al-Islam wal-Mus­li­min (JNIM) und Damas­kus jeweils riva­li­sie­ren­de Model­le isla­mis­ti­schen Erfolgs vor­füh­ren« (»as the Tali­ban, Jama’at Nus­rat al-Islam wal-Mus­li­min (JNIM), and Damas­cus each demons­tra­te rival models of Isla­mist suc­cess«). Der IS reagiert mit pre­digt­ar­ti­gen Durch­hal­te-Edi­to­ri­als, die den Sieg not­falls ins Jen­seits ver­schie­ben, mit Angrif­fen auf mode­ra­te Gelehr­te und mit Schel­te für die Welt­lich­keit und Fuß­ball­be­geis­te­rung der Mus­li­me; für Zelin Anzei­chen der Sor­ge, »das Argu­ment im eige­nen Milieu zu ver­lie­ren«. Jenk­ins beschreibt spie­gel­bild­lich den HTS-Weg vom al-Qai­da-Able­ger zur aner­kann­ten Regie­rung: Bruch mit al-Qai­da 2016, bewusst tech­no­kra­ti­sche­re Herr­schaft anstel­le eines Kali­fats, Delis­ting durch die USA im Juli 2025, Hand­schlag im Wei­ßen Haus im Novem­ber 2025. Bacon ergänzt, dass al-Shaba­ab die­ses »Syria model« geprüft und ver­wor­fen hat: Die Grup­pe fei­er­te den Sturz Assads, lob­te »die sun­ni­ti­schen Kräf­te« Syri­ens und ver­mied zugleich jede nament­li­che Bil­li­gung von al-Sha­raa und sei­ner Orga­ni­sa­ti­on. Die Fra­ge, wo Dschi­ha­dis­mus endet und regie­rungs­fä­hi­ger Isla­mis­mus beginnt, wird im Band also prak­tisch ver­han­delt, an Damas­kus, Kabul und Jilib.

Jadoon zeigt dar­über hin­aus, dass inzwi­schen auch Staa­ten auf dem ideo­lo­gi­schen Feld ope­rie­ren. Paki­stan eti­ket­tier­te die TTP im Juli 2024 amt­lich als »Fit­na al-Kha­wa­rij«, um ihr über den Rück­griff auf die früh­is­la­mi­sche Geschich­te die dschi­ha­dis­ti­sche Legi­ti­mi­tät abzu­spre­chen, und die belut­schi­schen Grup­pen im Mai 2025 als »Fit­na al-Hin­du­stan«; bei­de Bewe­gun­gen pass­ten ihre Pro­pa­gan­da umge­hend an. IS‑K wie­der­um führt einen regel­rech­ten Tak­fir-Publi­ka­ti­ons­krieg gegen Tali­ban und TTP, mit einem 80-sei­ti­gen Pasch­to-Pam­phlet gegen Tali­ban-Füh­rer Hiba­tul­lah (»The Creed of Mul­lah Hiba­tul­lah«) und der Abqua­li­fi­zie­rung der TTP als »pseu­do-isla­misch«. Mogha­dam schließ­lich ver­misst die ideo­lo­gi­schen Rän­der im Wes­ten: die Kreuz­kon­ta­mi­na­ti­on der Milieus (»salad bar ideo­lo­gies«, »White Jihad« als Kon­ver­genz rechts­extre­mer und dschi­ha­dis­ti­scher Ele­men­te), ideo­lo­gisch weit­ge­hend agnos­ti­sche Gewalt (Incels, nihi­lis­ti­scher Extre­mis­mus), die Main­strea­mi­sie­rung dschi­ha­dis­ti­scher Ver­satz­stü­cke, exem­pla­risch am Tik­Tok-Moment von 2023, als Nut­zer bin Ladens »Let­ter to Ame­ri­ca« Sym­pa­thien ent­ge­gen­brach­ten, sowie den Schub für anti-zio­nis­ti­sche Ideo­lo­gie nach dem 7. Okto­ber, hin­ter deren Fas­sa­de bei nähe­rem Hin­se­hen regel­mä­ßig klas­si­sche anti­se­mi­ti­sche Tro­pen ste­hen; der Anstieg anti­jü­di­scher Gewalt setz­te bereits vor Beginn der israe­li­schen Boden­ope­ra­ti­on ein.

Vor die­sem Befund gewinnt die Kri­tik der Her­aus­ge­ber an der aktu­el­len US-Poli­tik ihr Gewicht. Die Coun­ter­ter­ro­rism-Stra­te­gie von 2026 pau­scha­li­siert alle Dera­di­ka­li­sie­rungs­pro­gram­me als Vor­wand für Macht­miss­brauch, und »nicht-kine­ti­sche Ant­wor­ten auf ter­ro­ris­ti­sche Bedro­hun­gen wer­den im Doku­ment voll­stän­dig aus­ge­spart, obwohl Ideo­lo­gie als Gra­vi­ta­ti­ons­zen­trum ter­ro­ris­ti­scher Grup­pen beschrie­ben wird« (»Non-kine­tic respon­ses to ter­ro­rist thre­ats are esche­wed enti­re­ly in the docu­ment, even as ideo­lo­gy is descri­bed as the cen­ter of gra­vi­ty for ter­ro­rist groups«). Byman hält dem einen häu­fig über­se­he­nen Erfolgs­fak­tor der ver­gan­ge­nen 25 Jah­re ent­ge­gen: die wei­test­ge­hen­de Immu­ni­tät der ame­ri­ka­ni­schen Mus­li­me gegen die Ideo­lo­gie. Aus einer Popu­la­ti­on von rund vier Mil­lio­nen wur­den zwi­schen 2001 und 2020 ins­ge­samt 142 Per­so­nen wegen dschi­ha­dis­ti­scher Anschlags­pla­nung oder ‑aus­füh­rung fest­ge­nom­men, im Schnitt weni­ger als acht pro Jahr, und vie­le der erfolg­rei­chen Ermitt­lun­gen began­nen mit Hin­wei­sen aus der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty selbst.

Kurz­be­wer­tung

Der Band ist die der­zeit wohl kom­pak­tes­te und hoch­ka­rä­tigs­te Bestands­auf­nah­me des glo­ba­len Dschi­ha­dis­mus zum 25. Jah­res­tag. Sei­ne Stär­ke liegt in der Ver­bin­dung von his­to­ri­scher Selbst­kri­tik (Jenk­ins, Byman, Rass­ler) mit empi­risch gesät­tig­ten Regio­nal­ana­ly­sen (Bacon, Jadoon, Zelin), die durch­ge­hend auf Pri­mär­quel­len wie UN-Moni­to­ring-Berich­ten, Gerichts­ak­ten und dschi­ha­dis­ti­scher Eigen­pro­pa­gan­da beru­hen. Die Kapi­tel sind poin­tiert geschrie­ben, umfang­reich belegt und auch ein­zeln mit Gewinn les­bar. Beson­ders wert­voll für die deut­sche und euro­päi­sche Debat­te sind die Befun­de zur Umkehr­bar­keit der Loka­li­sie­rung, zur Rol­le Afri­kas als neu­em Epi­zen­trum und zur Ero­si­on west­li­cher Ana­ly­se­fä­hig­keit; sie las­sen sich unmit­tel­bar auf die deut­sche Prio­ri­tä­ten­set­zung über­tra­gen.


Colin P. Clar­ke / Cla­ra Broe­kaert (Hrsg.): »25 Years After 9/11 – The Future of the Glo­bal Jiha­di Move­ment«. New York (The Sou­fan Cen­ter), 2026, ISBN 979–8‑9974824–1‑1 (Paper­back), PDF zum Down­load. Mit Bei­trä­gen von Ali Sou­fan, Bri­an Micha­el Jenk­ins, Dani­el Byman, Don Rass­ler, Tri­cia Bacon, Ami­ra Jadoon, Assaf Mogha­dam, Peter Ber­gen, David Ster­man und Aaron Y. Zelin.