Zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 hat das New Yorker Soufan Center einen Sammelband vorgelegt, der den Zustand der globalen dschihadistischen Bewegung vermessen will. Herausgeber sind Colin P. Clarke, Executive Director des Soufan Center, und die Forschungsanalystin Clara Broekaert. Das Vorwort stammt von Ali Soufan, dem früheren FBI-Ermittler, der die Verhöre nach den Anschlägen auf die USS Cole und nach 9/11 führte. Die Autorenliste liest sich wie ein Who’s who der amerikanischen Terrorismusforschung: Brian Michael Jenkins (RAND), Daniel Byman (Georgetown/CSIS), Don Rassler (Combating Terrorism Center in West Point), Tricia Bacon (American University), Amira Jadoon (Clemson), Assaf Moghadam (Reichman University), Peter Bergen und David Sterman (New America) sowie Aaron Y. Zelin (Washington Institute, Gründer von Jihadology).
Der Doppelbefund: gewachsene Bewegung, schwindende Aufmerksamkeit
Den analytischen Rahmen setzt bereits Soufans Vorwort mit einer einzigen Zahlengegenüberstellung: Am 11. September 2001 verfügte al-Qaida über etwa 400 Bewaffnete, davon rund drei Viertel in Afghanistan. Heute schätzt das Office of the Director of National Intelligence die weltweite Stärke auf 15.000 bis 28.000 Kämpfer, zuzüglich 12.000 bis 18.000 Angehörigen des Islamischen Staates und seiner Ableger. Die Kraft beider Organisationen liege in der Resonanz ihres Narrativs, wonach der Westen einen epochalen Krieg gegen den Islam führe, unterstützt von korrupten Herrschern in muslimischen Ländern.
Die Herausgeber verankern den Band in einer historischen Parallele. Die im Mai 2026 veröffentlichte US-Counterterrorism-Strategie, die erste seit 2018, führt Kartelle und transnationale kriminelle Banden als oberste Terrorbedrohung; die klassischen dschihadistischen Organisationen rangieren dahinter und werden auf eine Handvoll Gruppen mit Fähigkeit zu Außenoperationen verengt. Clarke und Broekaert erinnern daran, dass die Nationale Sicherheitsstrategie von 1997 den Terrorismus ebenfalls nur am Rande erwähnte, Afghanistan lediglich als Drogenumschlagplatz führte und weder bin Laden noch al-Qaida nannte, ein Jahr vor den Botschaftsanschlägen in Nairobi und Daressalam. Die Leitfrage des Bandes lautet entsprechend, wie groß die Kluft zwischen Bedrohungswahrnehmung und tatsächlicher Bedrohungslage inzwischen wieder geworden ist.
Die historische Bilanz: Jenkins und Byman
Brian Michael Jenkins eröffnet mit einer als »Bleistiftskizze« angekündigten, tatsächlich weit ausgreifenden Geschichte des Global War on Terrorism, angereichert um persönliche Erinnerungen. Jenkins leitete nach dem Anschlag von 1993 die Red-Team-Analyse für das World Trade Center; die daraufhin erzwungenen Evakuierungsübungen und baulichen Verbesserungen trugen dazu bei, dass am 11. September rund 15.000 Menschen den Nordturm in weniger als 102 Minuten verlassen konnten. Seine Bilanz nach 25 Jahren: Das primäre Ziel, weitere Großanschläge auf amerikanischem Boden zu verhindern, wurde erreicht; Dschihadisten töteten in den USA seit 9/11 etwa 120 Menschen, weniger als fünf pro Jahr, und über 80 Prozent der Komplotte wurden vereitelt. Dem stehen nach der Rechnung der Brown University acht Billionen Dollar Kosten und annähernd eine Million Tote der Kriege gegenüber, dazu das Scheitern in Afghanistan und die Ironie der syrischen Entwicklung: Im November 2025 empfing das Weiße Haus einen syrischen Präsidenten, der zuvor eine al-Qaida-Filiale führte und auf den einst zehn Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt waren.
Daniel Byman systematisiert fünf analytische Fehler der Nach‑9/11-Ära: die Deutung des Anschlags als Vorbote noch größerer Attacken statt als Ausreißer; die Unterschätzung dessen, was anhaltender Verfolgungsdruck bewirken kann; die Fehlannahme, jeder unregierte Raum werde zum nächsten Afghanistan; die Vernachlässigung der inneren Rivalitäten der Bewegung; und die Überschätzung der amerikanischen Fähigkeit, fremde Gesellschaften umzubauen. Seine Schlussfolgerung lautet:
»Mit Blick nach vorn lautet die zentrale Lehre nicht Selbstzufriedenheit, sondern Kalibrierung.« (»Looking forward, the central lesson is not complacency but calibration.«)
Die Gegenwartsdiagnosen: Somalia, Südasien, Sahel
Das empirisch dichteste Kapitel liefert Tricia Bacon zu Somalia, dem einzigen Land, in dem sowohl al-Qaida als auch der Islamische Staat netzwerkkritische Ableger unterhalten. Al-Shabaab beschreibt sie als vollwertigen Parallelstaat mit Scharia-Gerichten, deren Urteile selbst Regierungsbeamte freiwillig aufsuchen, einem Steuerapparat mit bis zu 200 Millionen Dollar Jahreseinnahmen samt Quittungswesen und einem Geheimdienst (Amniyat), der schätzungsweise 30 Prozent der Polizei Mogadischus unterwandert hat. Für die deutsche Debatte relevant ist ihre Rekonstruktion des 2019 vereitelten Komplotts, bei dem al-Shabaab einen Operateur auf den Philippinen zum Piloten ausbilden ließ, um ein Verkehrsflugzeug in den Bank of America Plaza in Atlanta zu steuern, ausdrücklich unter dem von al-Qaida-Zentrale ausgegebenen Kampagnenbanner »Jerusalem Will Never Be Judaized«. Der Islamische Staat in Somalia wiederum sei militärisch marginal, über sein al-Karrar-Büro jedoch die zentrale Finanzdrehscheibe des globalen IS-Netzwerks; es finanzierte unter anderem den Abbey-Gate-Anschlag in Kabul 2021 mit. Bacons Kritik an der aktuellen US-Politik, die Luftschläge eskaliert und zugleich die AU-Mission, die Danab-Spezialkräfte und die humanitäre Hilfe defundiert, mündet in das Urteil:
»Luftmacht kann die Instrumente nicht ersetzen, die taktischen Druck in strategische Wirkung übersetzen.« (»Airpower ›cannot substitute for the instruments that convert tactical pressure into strategic effect‹.«)
Amira Jadoon analysiert den Afghanistan-Pakistan-Korridor als interaktives Ökosystem, in dem zwischenstaatliche Rivalitäten (der offene Krieg Pakistans gegen das Taliban-Regime seit Februar 2026, die Indien-Pakistan-Krise vom Mai 2025, die poröse Grenze zu Iran, der Wettlauf um Balochistans Rohstoffe) die Anpassung militanter Gruppen antreiben. Ihre wichtigsten Befunde: Al-Qaida-Kern und der Regionalableger AQIS seien faktisch zu einem einzigen, von Taliban und Haqqani-Netzwerk protegierten Netzwerk verschmolzen; die TTP habe durch inzwischen über 100 Fusionen ihre Reichweite massiv ausgebaut; und AQIS behandle die neue Koalition Ittehad-ul-Mujahideen Pakistan in seiner Propaganda mittlerweile als globale Dschihad-Front gleichrangig mit al-Shabaab und JNIM. Ihre Warnung: Die Lokalisierung des Dschihadismus ist umkehrbar, und die Region reproduziert exakt jene Bedingungen, unter denen transnationaler Terrorismus historisch gedieh.
Assaf Moghadam spannt den Bogen von 9/11 zum 7. Oktober 2023 und identifiziert vier konvergierende Trends: die Diversifizierung politischer Gewalt nach Akteuren, Motiven und Taktiken; die Verwischung der Grenzen zwischen Terrorismus, Guerilla und Krieg; die Verschränkung innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Konfliktdynamiken, vor allem über Stellvertreterkriege; und die wachsende Ähnlichkeit staatlicher und nichtstaatlicher Kriegsführung, illustriert an Hamas’ kombinierter Waffengattungstaktik und Irans an Aufständische erinnernder Zermürbungsstrategie im Krieg von 2026. Seine Politikempfehlung: Bedrohungen nach Fähigkeiten und Verhalten ordnen, statt nach überkommenen Etiketten wie Counterterrorism oder Counterinsurgency.
Peter Bergen und David Sterman verfolgen die Diffusion der Drohnenkriegsführung vom amerikanischen Quasi-Monopol des Jahres 2001 zu einem Feld, auf dem Staaten, Privatfirmen und nichtstaatliche Akteure ununterscheidbar ineinandergreifen. Ihre Fallstudien (die von Erik Princes Firma Vectus Global geflogene haitianische Drohnenkampagne mit über 1.200 Toten, die Drohnenprogramme der afghanischen und pakistanischen Taliban) zeigen, dass Adoptionsmuster weniger von Technologieverfügbarkeit als von politischem Kontext und strategischem Kalkül abhängen. Wer künftige Überraschungen vermeiden wolle, müsse genau diese Kontexte vergleichend analysieren.
Rassler und Zelin: Die Rückkehr der Überraschung
Don Rassler schreibt das Kapitel »Foresight and Hindsight« des 9/11-Commission-Report für die Gegenwart fort. Die Bedrohung folge einer Sinuskurve: Gruppen werden gefährlich, werden degradiert, geraten aus dem Blick und regenerieren, wie es der Islamische Staat nach dem US-Abzug aus dem Irak 2011 exemplarisch vorführte. Rassler inventarisiert die neuen Lücken im Frühwarnsystem, von der Re-Silo-Bildung der Behörden über gefährdete Geheimdienstpartnerschaften bis zur ausgedünnten akademischen Forschung, und mahnt Investitionen in genau jene Kapazitäten an, die über bekannte Bedrohungsmuster hinausblicken.
Aaron Y. Zelin schreibt in seinem Kapitel: Einerseits verzeichnet das UN-Monitoring-Team für al-Qaida und Ableger rund 25.000 potenzielle Kämpfer, eine Verfünfzigfachung gegenüber 2001; 85 Prozent der IS-Anschläge des Jahres 2025 entfielen auf Afrika; JNIM blockierte die Treibstoffversorgung Bamakos und tötete Malis Verteidigungsminister; al-Shabaab kesselte Mogadischu ein. Andererseits demontieren die USA seit 2025 systematisch ihre Counterterrorism-Architektur: Forschungsprogrammen (START, Minerva) wurden Mittel entzogen, das National Counterterrorism Center massiv verkleinert und auf Drogenbekämpfung umgewidmet, die Auslauffrist der Section-702-Befugnisse verstrichen. Zelins sagt zur Erosion institutionellen Wissens:
»Budgets lassen sich in einem einzigen Haushaltszyklus wiederherstellen. Wissen nicht.« (»Budgets can be restored in a single appropriations cycle. Knowledge cannot.«)
Die Lage von 2026 erinnere unbehaglich an die in den 1990er Jahre, als die Botschaftsanschläge von 1998 und der Cole-Anschlag von 2000 als episodische Tragödien verbucht wurden. Zelin plädiert für einen »sustainable floor«, eine dauerhaft finanzierte Mindestausstattung anstelle des nächsten Boom-and-Bust-Zyklus, und schließt mit einem Satz, der die Stoßrichtung des ganzen Bandes klarmacht:
»Es bedeutet, wachsam zu bleiben, bewusst und mit vertretbarem Aufwand, gegenüber einem Feind, der unsere Ablenkung zu seiner Strategie gemacht hat.« (»It means keeping watch, deliberately and affordably, on an enemy that has made a strategy of our distraction.«)
Ideologie im Band: die Rolle damals, die Rolle heute und eine auffällige Leerstelle
Der Band verhandelt Ideologie ausschließlich als Binnenphänomen der bewaffneten Bewegung. Das legalistische Vorfeld im Westen, seine Organisationen, Moscheen- und Bildungsstrukturen bleiben weitgehend außerhalb des Untersuchungsrahmens. Das ist selbst ein Ergebnis: Die versammelte amerikanische Terrorismusforschung vermisst zum 25. Jahrestag das ideologische Hinterland des Dschihadismus im Westen an keiner Stelle.
Umso klarer fällt die Grundsatzbestimmung aus, welche Rolle Ideologie innerhalb der Bewegung spielt. Ali Soufan ordnet ihr im Vorwort den ersten Rang zu; Führung, Finanzen und Territorialkontrolle seien demgegenüber nachrangig: »Ihre Stärke speist sich vielmehr aus der Resonanz ihres Narrativs, das denkbar einfach ist: Der Westen führt einen epochalen Krieg gegen den Islam selbst, ermöglicht durch korrupte Führer in muslimischen Ländern.« (»Rather, their strength is derived from the resonance of their narrative, which is rather simple: the West is waging an epochal war against Islam itself, facilitated by corrupt leaders in Muslim countries.«) Die Ableger, so Soufan weiter, folgten dabei klassischen »Management of Savagery«-Taktiken, indem sie lokale Konflikte schüren und zur Erlangung militärischer Kontrolle und politischen Einflusses ausbeuten. Rassler formuliert denselben Gedanken als Erklärung der Sinuskurve: Was jede militärische Degradierung überdauert, ist die »anhaltende, verstreute Resonanz dschihadistischer Ideen und Organisationen« (»the ongoing, dispersed resonance of jihadi ideas and organizations«).
Für die Zeit vor 9/11 beschreibt der Band Ideologie als ortsgebunden. Byman rekonstruiert die afghanischen Lager als Indoktrinationsmaschine: Al-Qaida nahm Rekruten auf, die aus höchst unterschiedlichen Motiven kamen (Wut auf repressive Heimatregime, Tschetschenien, Kaschmir, Feindschaft gegen Israel), und konnte ihnen dort »erklären, dass das von den USA geführte Komplott gegen die muslimische Welt die Quelle all dieser verschiedenen Probleme sei« (»explain that the U.S.-led plot against the Muslim world was the source of all these different problems«). Die Lager stifteten zudem persönliche Netzwerke und implizites Wissen, das sich in virtuellen Umgebungen kaum reproduzieren lässt; genau darin lag für Byman der Sonderwert des afghanischen Rückzugsraums gegenüber allen späteren. Jenkins liefert die Gründungstexte dieser Phase gleich mit: bin Ladens Kriegserklärung vom 23. August 1996 mit ihrer religiösen Rahmung der amerikanischen Truppenpräsenz als schlimmster Katastrophe seit dem Tod des Propheten und die Fatwa der »World Islamic Front« vom Februar 1998, die die Tötung von Amerikanern, Zivilisten wie Militärs, zur individuellen Pflicht erklärte.
Für die Gegenwart zeichnet der Band zwei gegenläufige Entwicklungen. Im Westen ist die Ideologie körperlos geworden. Jenkins beschreibt den Umstieg auf Fernrekrutierung und das Online-Magazin Inspire ab 2010, das religiöse Ermahnung mit Bombenbau- und Anschlagsanleitungen verband. Zelin führt die Linie in die Gegenwart: Die al-Naba-Kampagne »And Kill Them Wherever You Find Them« vom Januar 2024 rahmt Anschläge auf westliche, jüdische und christliche Ziele als Vergeltung für Gaza; ihre Logik materialisierte sich im New-Orleans-Anschlag vom 1. Januar 2025 (14 Tote, al-Naba reklamierte anschließend die ideologische Urheberschaft unter dem Titel »We Were There!«) und im Bondi-Beach-Anschlag auf eine Chanukka-Feier im Dezember 2025. Getragen wird das von einem Online-Ökosystem aus Cloud-Archiven, über Domains springenden Webseiten, Dark-Web-Spiegeln und KI-Experimenten der IS-K-Medienstelle, während die großen Plattformen ihre Moderation zurückgefahren haben. In Afrika dagegen ist Ideologie wieder Herrschaftspraxis geworden. Bacons Somalia-Kapitel zeigt, dass al-Shabaabs Legitimität wesentlich auf seinen Scharia-Gerichten beruht, die viele Somalis gerade wegen ihrer relativen Freiheit vom Clan-Bias des staatlichen Systems als legitim ansehen und deren Urteile selbst in Regierungsgebieten freiwillig aufgesucht und befolgt werden; die Besteuerung wird religiös als zakat und ushr kodiert. Materiell bringt die Bindung an al-Qaida der Gruppe kaum noch etwas; was sie trägt, sind »Identität, Geschichte und Ideologie« (»identity, history, and ideology«). Ein Detail verdient dabei besondere Aufmerksamkeit: Bacon rekonstruiert, wie aus den informellen Scharia-Gerichten Mogadischus die Union islamischer Gerichte hervorging, ein gerichtsbasierter Ordnungsislamismus, den die Bevölkerung als Sicherheitsanbieter begrüßte, und wie erst die Fehlschläge der Warlord-Politik Washingtons und die US-gestützte äthiopische Invasion von 2006 den militanten Flügel als eigenständige Organisation freisetzten. Die Passage liest sich als Fallstudie dazu, wie ein legalistisch auftretender Islamismus unter Interventionsdruck in eine Dschihad-Miliz umschlagen kann.
Bemerkenswert ist ferner, dass der Band eine innerislamistische Konkurrenz der Erfolgsmodelle dokumentiert, ohne sie begrifflich als Islamismus-Debatte zu führen. Zelin liest die IS-Propaganda als Zeugnis wachsender Nervosität, weil »die Taliban, Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) und Damaskus jeweils rivalisierende Modelle islamistischen Erfolgs vorführen« (»as the Taliban, Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), and Damascus each demonstrate rival models of Islamist success«). Der IS reagiert mit predigtartigen Durchhalte-Editorials, die den Sieg notfalls ins Jenseits verschieben, mit Angriffen auf moderate Gelehrte und mit Schelte für die Weltlichkeit und Fußballbegeisterung der Muslime; für Zelin Anzeichen der Sorge, »das Argument im eigenen Milieu zu verlieren«. Jenkins beschreibt spiegelbildlich den HTS-Weg vom al-Qaida-Ableger zur anerkannten Regierung: Bruch mit al-Qaida 2016, bewusst technokratischere Herrschaft anstelle eines Kalifats, Delisting durch die USA im Juli 2025, Handschlag im Weißen Haus im November 2025. Bacon ergänzt, dass al-Shabaab dieses »Syria model« geprüft und verworfen hat: Die Gruppe feierte den Sturz Assads, lobte »die sunnitischen Kräfte« Syriens und vermied zugleich jede namentliche Billigung von al-Sharaa und seiner Organisation. Die Frage, wo Dschihadismus endet und regierungsfähiger Islamismus beginnt, wird im Band also praktisch verhandelt, an Damaskus, Kabul und Jilib.
Jadoon zeigt darüber hinaus, dass inzwischen auch Staaten auf dem ideologischen Feld operieren. Pakistan etikettierte die TTP im Juli 2024 amtlich als »Fitna al-Khawarij«, um ihr über den Rückgriff auf die frühislamische Geschichte die dschihadistische Legitimität abzusprechen, und die belutschischen Gruppen im Mai 2025 als »Fitna al-Hindustan«; beide Bewegungen passten ihre Propaganda umgehend an. IS‑K wiederum führt einen regelrechten Takfir-Publikationskrieg gegen Taliban und TTP, mit einem 80-seitigen Paschto-Pamphlet gegen Taliban-Führer Hibatullah (»The Creed of Mullah Hibatullah«) und der Abqualifizierung der TTP als »pseudo-islamisch«. Moghadam schließlich vermisst die ideologischen Ränder im Westen: die Kreuzkontamination der Milieus (»salad bar ideologies«, »White Jihad« als Konvergenz rechtsextremer und dschihadistischer Elemente), ideologisch weitgehend agnostische Gewalt (Incels, nihilistischer Extremismus), die Mainstreamisierung dschihadistischer Versatzstücke, exemplarisch am TikTok-Moment von 2023, als Nutzer bin Ladens »Letter to America« Sympathien entgegenbrachten, sowie den Schub für anti-zionistische Ideologie nach dem 7. Oktober, hinter deren Fassade bei näherem Hinsehen regelmäßig klassische antisemitische Tropen stehen; der Anstieg antijüdischer Gewalt setzte bereits vor Beginn der israelischen Bodenoperation ein.
Vor diesem Befund gewinnt die Kritik der Herausgeber an der aktuellen US-Politik ihr Gewicht. Die Counterterrorism-Strategie von 2026 pauschalisiert alle Deradikalisierungsprogramme als Vorwand für Machtmissbrauch, und »nicht-kinetische Antworten auf terroristische Bedrohungen werden im Dokument vollständig ausgespart, obwohl Ideologie als Gravitationszentrum terroristischer Gruppen beschrieben wird« (»Non-kinetic responses to terrorist threats are eschewed entirely in the document, even as ideology is described as the center of gravity for terrorist groups«). Byman hält dem einen häufig übersehenen Erfolgsfaktor der vergangenen 25 Jahre entgegen: die weitestgehende Immunität der amerikanischen Muslime gegen die Ideologie. Aus einer Population von rund vier Millionen wurden zwischen 2001 und 2020 insgesamt 142 Personen wegen dschihadistischer Anschlagsplanung oder ‑ausführung festgenommen, im Schnitt weniger als acht pro Jahr, und viele der erfolgreichen Ermittlungen begannen mit Hinweisen aus der muslimischen Community selbst.
Kurzbewertung
Der Band ist die derzeit wohl kompakteste und hochkarätigste Bestandsaufnahme des globalen Dschihadismus zum 25. Jahrestag. Seine Stärke liegt in der Verbindung von historischer Selbstkritik (Jenkins, Byman, Rassler) mit empirisch gesättigten Regionalanalysen (Bacon, Jadoon, Zelin), die durchgehend auf Primärquellen wie UN-Monitoring-Berichten, Gerichtsakten und dschihadistischer Eigenpropaganda beruhen. Die Kapitel sind pointiert geschrieben, umfangreich belegt und auch einzeln mit Gewinn lesbar. Besonders wertvoll für die deutsche und europäische Debatte sind die Befunde zur Umkehrbarkeit der Lokalisierung, zur Rolle Afrikas als neuem Epizentrum und zur Erosion westlicher Analysefähigkeit; sie lassen sich unmittelbar auf die deutsche Prioritätensetzung übertragen.

Colin P. Clarke / Clara Broekaert (Hrsg.): »25 Years After 9/11 – The Future of the Global Jihadi Movement«. New York (The Soufan Center), 2026, ISBN 979–8‑9974824–1‑1 (Paperback), PDF zum Download. Mit Beiträgen von Ali Soufan, Brian Michael Jenkins, Daniel Byman, Don Rassler, Tricia Bacon, Amira Jadoon, Assaf Moghadam, Peter Bergen, David Sterman und Aaron Y. Zelin.