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Grün-Schwarz in Baden-Würt­tem­berg: Fest­hal­ten am bekennt­nis­ge­bun­de­nen Islam­un­ter­richt mit der Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat

Heute tritt in Baden-Württemberg die neue Landesregierung von Grünen und CDU unter Ministerpräsident Cem Özdemir an. Auf Seite 57 schreibt der Koalitionsvertrag 2026–2031 den bekenntnisgebundenen Islamunterricht fort – samt der 2019 vom Land mitgegründeten Stiftung Sunnitischer Schulrat. Schon Vorgänger Kretschmann nannte das Konstrukt »verfassungsrechtlich auf Kante genäht«. Der eingeschlagene Weg gilt als »neuer Religionsetatismus« (Kreß) und angesichts gesellschaftlicher Pluralisierung und säkularer Mehrheiten als bildungspolitische Sackgasse.

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Heu­te wur­de Cem Özd­emir (Bünd­nis 90/Die Grü­nen) vom Land­tag zum Minis­ter­prä­si­den­ten Baden-Würt­tem­bergs gewählt. Mit dem Amts­an­tritt sei­nes Kabi­netts wird auch der Koali­ti­ons­ver­trag 2026–2031 von Grü­nen und CDU wirk­sam. Özd­emir selbst gehör­te 2018 zu den zehn Erst­un­ter­zeich­nern der »Initia­ti­ve säku­la­rer Islam«, die sich für »die weit­ge­hen­de Tren­nung von Reli­gi­on und Poli­tik« aus­spricht. Die islam­po­li­ti­sche Linie auf Sei­te 57 des Koali­ti­ons­ver­trags trägt jedoch nicht die­se Hand­schrift. Sie folgt viel­mehr dem reli­gi­ons­po­li­ti­schen Pfad eines bekennt­nis­ge­bun­de­nen Reli­gi­ons­un­ter­richts an öffent­li­chen Schu­len, in das der kon­fes­sio­nel­le Islam­un­ter­richt nach­träg­lich ein­ge­passt wird, indem der Staat sich kir­chen­ana­lo­ge Struk­tu­ren auf mus­li­mi­scher Sei­te orga­ni­siert. Auf Sei­te 57 heißt es unter »Kir­chen und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten unter­stüt­zen«:

»Wir unter­stüt­zen den bekennt­nis­ge­bun­de­nen Reli­gi­ons­un­ter­richt und bau­en den isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt wei­ter aus. Dafür set­zen wir die Zusam­men­ar­beit mit der Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat fort und wol­len sie bedarfs­ori­en­tiert per­so­nell stär­ken.«

Im Zen­trum die­ser Fest­le­gung steht eine Kon­struk­ti­on, zu der auch unter dem bis­he­ri­gen Minis­ter­prä­si­den­ten Kret­sch­mann Zwei­fel bestan­den und die als nicht ver­fas­sungs­kon­form gilt.

Die Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat

Das Grund­ge­setz ver­langt in Art. 7 Abs. 3 für den kon­fes­sio­nel­len Reli­gi­ons­un­ter­richt eine Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, mit deren Grund­sät­zen er über­ein­stimmt. Da der sun­ni­ti­sche Islam in Deutsch­land kei­ne kir­chen­ähn­li­che Reprä­sen­ta­ti­on kennt und die eta­blier­ten Ver­bän­de nur Tei­le der Mus­li­me ver­tre­ten, grün­de­te das Land Baden-Würt­tem­berg im Jahr 2019 die Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat – »zum Zwe­cke der Orga­ni­sa­ti­on des Isla­mi­schen Reli­gi­ons­un­ter­richts sun­ni­ti­scher Prä­gung als ordent­li­ches Lehr­fach an den öffent­li­chen Schu­len«. Sie »wirkt als Sur­ro­gat einer sun­ni­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft« (Selbst­dar­stel­lung auf sunnitischer-schulrat.de/die-stiftung). Genau die­se Stif­tung will die neue Lan­des­re­gie­rung fort­füh­ren und per­so­nell aus­bau­en.

Der Stif­tung gehö­ren der­zeit zwei Ver­bän­de an:

  • Lan­des­ver­band der Isla­mi­schen Kul­tur­zen­tren Baden-Würt­tem­berg e. V.
  • Isla­mi­sche Gemein­schaft der Bos­nia­ken in Deutsch­land – Zen­tral­rat e. V.

Der Vor­stand setzt sich aus fünf Per­so­nen zusam­men (Stand: 13. Mai 2026): Emi­na Čor­bo-Mešić (Schul­ent­wick­lungs­pla­ne­rin beim Schul­ver­wal­tungs­amt, Spre­che­rin des Vor­stands), Sey­fi Öğüt­lü (Ver­tre­ter des Lan­des­ver­bands der Isla­mi­schen Kul­tur­zen­tren BW, stell­ver­tre­ten­der Spre­cher), Akın Aslan (Leh­rer an einer Gemein­schafts­schu­le und Lehr­be­auf­trag­ter an der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des), Dr. Bil­al Hodžić (Theo­lo­ge, Ver­tre­ter des Bos­nia­ken-Zen­tral­rats) sowie Prof. Dr. Mer­dan Güneş (Pro­fes­sor für Isla­mi­sche Geis­tes­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Osna­brück). Als bera­ten­de Mit­glie­der des Lan­des sind Dr. Hei­ko Feu­rer (Staats­mi­nis­te­ri­um) und Prof. Dr. habil. Micha­el C. Her­mann (Kul­tus­mi­nis­te­ri­um) benannt. Die Schieds­kom­mis­si­on besteht aus drei Hoch­schul­leh­rern aus ande­ren Bun­des­län­dern: Prof. Dr. Tarek Bad­a­wia (Isla­mi­sche Reli­gi­ons­päd­ago­gik, Uni­ver­si­tät Erlan­gen, Spre­cher), Prof. Dr. Bülent Uçar (Isla­mi­sche Theo­lo­gie und Reli­gi­ons­päd­ago­gik, Uni­ver­si­tät Osna­brück) und Prof. Dr. iur. Osman Isfen (Straf­recht, Straf­pro­zess- und Wirt­schafts­straf­recht, Fern­uni­ver­si­tät Hagen).

Mit Güneş und Uçar stüt­zen sich Vor­stand und Schieds­kom­mis­si­on zen­tral auf aka­de­mi­sches Per­so­nal des Insti­tuts für Isla­mi­sche Theo­lo­gie der Uni­ver­si­tät Osna­brück; wei­te­re Mit­glie­der kom­men aus dem Saar­land, aus Erlan­gen und aus Hagen. Soweit ersicht­lich sind in Baden-Würt­tem­berg nur drei der zehn Per­so­nen ver­or­tet: Öğüt­lü sowie die bei­den Minis­te­ri­ums­ver­tre­ter. Schon die Zusam­men­set­zung der Stif­tung ver­deut­licht, wor­an sich die Kri­tik ent­zün­det: Das »reli­giö­se Gegen­über«, mit dem das Land den kon­fes­sio­nel­len Islam­un­ter­richt abstimmt, hat der Staat selbst geschaf­fen und mit­be­setzt – und sein Per­so­nal stammt über­wie­gend aus Ein­rich­tun­gen außer­halb des Lan­des, nicht aus einer in Baden-Würt­tem­berg gewach­se­nen mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft.

  • Zur Per­son Uçar ist zu ver­mer­ken: Im Febru­ar 2026 mel­de­te der NDR, dass Bülent Uçar als wis­sen­schaft­li­cher Direk­tor des Islam­kol­legs Deutsch­land wegen Betrugs­vor­wür­fen zurück­ge­tre­ten war. Aus der Mel­dung geht her­vor, dass er schon 2024 zurück­ge­tre­ten sei. Ein Ver­fah­ren gegen ihn sei gegen Auf­la­ge einer Zah­lung ein­ge­stellt wor­den, hieß es von der Staats­an­walt­schaft Osna­brück laut NDR im März 2026. Sei­ne Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät Osna­brück nimmt Uçar wei­ter wahr.

    In einer ande­ren Sache hat­te der Publi­zist und Jurist Murat Kay­man in einem Gast­bei­trag für den »Spie­gel« (»Anti­se­mi­tis­mus: Juden­hass gehört unter deut­schen Mus­li­men zur Brauch­tums­pfle­ge«, Novem­ber 2023) Fra­gen an Uçar gerich­tet: Am Mor­gen des 7. Okto­ber 2023, »als die deut­sche Öffent­lich­keit bereits ent­setzt die ein­tref­fen­den Nach­rich­ten vom Ter­rorüber­fall der Hamas ver­folg­te«, habe Uçar sei­nen Insta­gram-Fol­lo­wern noch einen »Guten Mor­gen« mit Zwin­ke­re­mo­ji gewünscht, »kom­bi­niert mit einem Video von fei­ern­den, tan­zen­den jüdi­schen Män­nern«. Den Bei­trag habe Uçar zwar bald wie­der gelöscht; eine öffent­li­che Erklä­rung habe es laut Kay­man bis zur Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Bei­trags aber nicht gege­ben. Uçar wies die Vor­wür­fe gegen­über dem Evan­ge­li­schen Pres­se­dienst (epd) zurück: Er habe das Video zeit­lich vor den Anschlä­gen gepos­tet, sei »mei­len­weit« davon ent­fernt, Juden zu dis­kri­mi­nie­ren oder anzu­f­ein­den, und behielt sich juris­ti­sche Schrit­te gegen Kay­man vor. Bei­de Vor­gän­ge fal­len in den Zeit­raum vor dem heu­ti­gen Amts­an­tritt der Lan­des­re­gie­rung Özd­emir, in dem die Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat fort­ge­führt und per­so­nell aus­ge­baut wer­den soll.

»Ver­fas­sungs­recht­lich auf Kan­te genäht« – Minis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann

Wie hei­kel die Kon­struk­ti­on ist, hat die Lan­des­re­gie­rung selbst ein­ge­räumt. Im Jahr 2021 ver­tei­dig­te der dama­li­ge Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) die Stif­tung als »Über­gangs­in­stru­ment«, das aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den nötig sei, um den Reli­gi­ons­un­ter­richt über­haupt fort­füh­ren zu kön­nen – und ergänz­te: »Natür­lich ist das ver­fas­sungs­recht­lich schon alles auf Kan­te genäht.«

Anlass war ein Kon­flikt: Im Mai 2021 hat­te die Stif­tung dem Frei­bur­ger Islam­wis­sen­schaft­ler Abdel-Hakim Ourghi die Lehr­erlaub­nis für die Aus­bil­dung isla­mi­scher Reli­gi­ons­lehr­kräf­te ver­wei­gert. Ourghi unter­rich­te­te damals seit rund zehn Jah­ren am Fach­be­reich Isla­mi­sche Theologie/Religionspädagogik an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Frei­burg und galt damals – wie heu­te – als bun­des­weit wich­ti­ge Stim­me eines libe­ra­len, reform­ori­en­tier­ten Islam­ver­ständ­nis­ses.

Die Stif­tung Sun­ni­ti­scher Schul­rat begrün­de­te die Ableh­nung for­mal mit feh­len­der Qua­li­fi­ka­ti­on; Ourghi habe kein Lehr­amts­stu­di­um der Isla­mi­schen Reli­gi­ons­päd­ago­gik vor­zu­wei­sen, was bis vor weni­gen Jah­ren in Deutsch­land auch kaum mög­lich war. Ourghi selbst und meh­re­re Kom­men­ta­to­ren, dar­un­ter die Frank­fur­ter Islam­wis­sen­schaft­le­rin Susan­ne Schrö­ter, sahen den Vor­gang anders: Hier wer­de ver­sucht, eine libe­ra­le Stim­me aus der Reli­gi­ons­leh­rer­aus­bil­dung her­aus­zu­drän­gen. Der Fall fand inter­na­tio­na­le Beach­tung; das US-Außen­mi­nis­te­ri­um nahm ihn in sei­nen Report on Inter­na­ti­onal Reli­gious Free­dom für 2021 auf und zitier­te den Vor­wurf, die Stif­tung ver­su­che, »eine pro­mi­nen­te Stim­me libe­ra­ler Isla­m­in­ter­pre­ta­ti­on zum Schwei­gen zu brin­gen«. Der Kon­flikt zeig­te exem­pla­risch das Struk­tur­pro­blem: Genau die Fra­ge, wer im Namen wel­cher Islam-Aus­le­gung an staat­li­chen Schu­len aus­bil­den darf, wird über ein staat­lich kon­stru­ier­tes Gegen­über ent­schie­den, des­sen Per­so­nal­aus­wahl wie­der­um vom Staat mit­ver­ant­wor­tet wird.

Rück­fall hin­ter Wei­mar – Die ver­fas­sungs­recht­li­che Kri­tik

Aus dem Bei­rat des Insti­tuts für Welt­an­schau­ungs­recht (ifw) hat Hart­mut Kreß in sei­nem Werk Reli­gi­ons­un­ter­richt oder Ethik­un­ter­richt? (Nomos 2022, S. 170–173) den Kon­flikt des baden-würt­tem­ber­gi­schen Vor­ge­hens mit der Ver­fas­sung auf­ge­zeigt. Sei­ne zen­tra­len Ein­wän­de lau­ten zusam­men­ge­fasst:

Ers­tens unter­lau­fe der säku­la­re Staat die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on, wenn er von sich aus eine Stif­tung errich­te und sie per­so­nell isla­misch beset­ze. Kreß spricht von einem »neu­en Reli­gi­ons­eta­tis­mus«, einem Durch­griff des Staa­tes auf den Bin­nen­raum einer Reli­gi­on.

Zwei­tens reprä­sen­tier­ten die in die Stif­tung beru­fe­nen Ver­bän­de »kei­nes­wegs eine über­wie­gen­de Anzahl oder ein brei­te­res Spek­trum der Bevöl­ke­rung mus­li­mi­scher Her­kunft«. Teil­wei­se stün­den ver­gleich­ba­re Ver­bän­de unter dem Ein­fluss aus­län­di­scher Staa­ten – nament­lich der Tür­kei – oder sei­en wegen extre­mer Stand­punk­te oder ihrer Distanz zu indi­vi­du­el­len Grund­rech­ten belas­tet. Durch die staat­li­che Aus­wahl der Stif­tungs­mit­glie­der wir­ke der Staat in den mus­li­misch-reli­giö­sen Bin­nen­be­reich hin­ein und ver­let­ze die kol­lek­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Mus­li­me.

Drit­tens wer­de den Mus­li­men eine christ­lich-kirch­li­che Struk­tur auf­ge­zwun­gen, die ihnen his­to­risch und bin­nen­re­li­gi­ös fern­lie­ge. Es hand­le sich um den Ver­such, »Zuwan­de­rungs­re­li­gio­nen staats­kir­chen­recht­lich zu ver­pflich­ten«.

Vier­tens lie­ge dar­in ein Rück­fall hin­ter Art. 137 WRV (über Art. 140 GG fort­gel­tend), der 1919 das lan­des­herr­li­che Kir­chen­re­gi­ment been­det hat­te. Kreß: »Para­do­xer­wei­se wird jetzt – ca. hun­dert Jah­re spä­ter – in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land das Para­dig­ma des lan­des­herr­li­chen Kir­chen­re­gi­ments reak­ti­viert, indem der Staat es auf den mus­li­mi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teil anwen­det.« Es hand­le sich um »eine his­to­risch erklär­ba­re deut­sche Nai­vi­tät«: Meh­re­re Lan­des­re­gie­run­gen sei­en reli­gi­ös tätig gewor­den, hät­ten »über« die mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung ent­schie­den und »für« sie einen bekennt­nis­haf­ten Reli­gi­ons­un­ter­richt geschaf­fen.

Fünf­tens sei­en auch die staat­lich erhoff­ten Effek­te – Ein­däm­mung des Ein­flus­ses von pro­ble­ma­ti­schen Moschee­ge­mein­den, Extre­mis­mus­prä­ven­ti­on, Inte­gra­ti­on – kei­nes­wegs gesi­chert.

Dem Hilfs­ar­gu­ment, das Stif­tungs­mo­dell sei zumin­dest »ver­fas­sungs­nä­her« als ande­re Lösungs­an­sät­ze, hält Kreß ent­ge­gen, dass dies schon des­halb leer­lau­fe, weil ver­fas­sungs­kon­for­me Alter­na­ti­ven ver­füg­bar und kon­kret rea­li­sier­bar sei­en: ein staat­lich ver­ant­wor­te­ter, reli­gi­ons­kund­lich-neu­tra­ler Islam­kun­de­un­ter­richt; ein obli­ga­to­ri­scher Ethik- bzw. Reli­gi­ons­kun­de­un­ter­richt für alle; oder die in Art. 7 Abs. 3 GG aus­drück­lich vor­ge­se­he­ne Ein­rich­tung bekennt­nis­frei­er Schu­len. Kei­ne die­ser Optio­nen wird im Koali­ti­ons­ver­trag erwo­gen.

Pfad­t­reue in eine Sack­gas­se

Der kon­fes­sio­nel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt befin­det sich nicht nur in Baden-Würt­tem­berg, son­dern bun­des­weit in einer tie­fen Struk­tur­kri­se; in man­chen Regio­nen steht er fak­tisch vor dem Aus. Sin­ken­de Zah­len kon­fes­sio­nell gebun­de­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler, unge­lös­te Pro­ble­me des Islam­un­ter­richts und impro­vi­sier­te – teils ver­fas­sungs­recht­lich hoch pro­ble­ma­ti­sche – Ersatz­kon­struk­tio­nen zei­gen, dass ein schlich­tes »Wei­ter so« nicht mehr trägt. Die­se Dia­gno­se wird längst nicht nur von säku­la­ren Ver­bän­den wie dem Zen­tral­rat der Kon­fes­si­ons­frei­en ver­tre­ten, son­dern fin­det Rück­halt in reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­schen Befun­den, gewerk­schaft­li­chen Stim­men und der Fach­li­te­ra­tur. Gesell­schafts­po­li­tisch, inte­gra­ti­ons­po­li­tisch und nicht zuletzt fis­ka­lisch spre­chen gewich­ti­ge Grün­de dafür, den kon­fes­sio­nell getrenn­ten Unter­richt durch ein gemein­sa­mes, welt­an­schau­lich neu­tra­les Fach für alle zu erset­zen.

Auch im Hin­blick auf gesell­schaft­li­chen Mehr­hei­ten ist der ein­ge­schla­ge­ne Weg eine Sack­gas­se: Eine Umfra­ge des Markt­for­schungs­in­sti­tuts GfK (2022) belegt, dass 72 Pro­zent der Deut­schen sich für einen Ethik­un­ter­richt für alle aus­spre­chen – mit Mehr­hei­ten in allen Kon­fes­sio­nen (57 Pro­zent der Katho­li­ken, 67 Pro­zent der Evan­ge­li­schen, 60 Pro­zent der Mus­li­me, 86 Pro­zent der Kon­fes­si­ons­frei­en). Säku­la­re Mehr­hei­ten quer durch die reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Milieus ste­hen einem Modell gegen­über, das sich nur mit staat­li­cher För­de­rung und ver­fas­sungs­recht­lich kon­flikt­i­ven Hilfs­kon­struk­tio­nen auf­recht­erhal­ten lässt. Mit der Fest­le­gung auf Sei­te 57 des Koali­ti­ons­ver­tra­ges scheint die Lan­des­re­gie­rung Özd­emir den­noch eine Pfad­ab­hän­gig­keit fort­set­zen zu wol­len, die ver­füg­ba­re neu­tra­le und kos­ten­güns­ti­ge­re Alter­na­ti­ven unge­nutzt lässt.