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Chris­ti­ne Schirr­ma­cher: Islam­kri­tik, Isla­mo­pho­bie, Mus­lim­feind­lich­keit oder anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus?

In einem Aufsatz in der »Zeitschrift für Religion und Weltanschauung« (3/2022) analysiert die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher zentrale Begriffe und Argumentationslinien der deutschen Debatte über Islamkritik, Islamophobie, Muslimfeindlichkeit und insbesondere die These vom »antimuslimischen Rassismus« (AMR). Ihr Beitrag beschreibt die Entstehung und Entwicklung dieser Begriffe und geht der Frage nach, welche theoretischen Annahmen und Deutungsmuster ihnen zugrunde liegen.

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Unschär­fen und Grund­an­nah­men des AMR-Kon­zepts

Schirr­ma­cher zeigt die Gene­se der Begrif­fe »Islam­kri­tik« und »Isla­mo­pho­bie« auf und beschreibt, wie in den letz­ten Jah­ren der Begriff »anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus« eta­bliert wur­de. Sie weist dar­auf hin, dass Befür­wor­ter des AMR-Kon­zepts die­ses teils als »Theo­rie des anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus« dar­stel­len, kri­ti­sche Nach­fra­gen jedoch häu­fig nicht sys­te­ma­tisch beant­wor­ten. Sie schreibt: »Eine kri­ti­sche Über­prü­fung der prä­sen­tier­ten The­sen wird unmög­lich gemacht, wenn eine kri­ti­sche Über­prü­fung ledig­lich einen erneu­ten Ras­sis­mus­vor­wurf auf sich zieht.«

Schirr­ma­cher beob­ach­tet, dass Kri­tik an metho­di­schen oder begriff­li­chen Schwä­chen des Kon­zepts AMR oft als Aus­druck der­je­ni­gen Macht­struk­tu­ren inter­pre­tiert wer­de, die AMR zu kri­ti­sie­ren bean­spru­che. Dadurch ent­ste­he eine argu­men­ta­ti­ve Situa­ti­on, in der Kri­tik am Kon­zept selbst als Beleg für Ras­sis­mus gel­te.

Feh­len­de Unter­schei­dung zwi­schen Ideo­lo­gie-Kri­tik und Men­schen-Feind­lich­keit

Ein zen­tra­les Pro­blem sieht Schirr­ma­cher in der feh­len­den Trenn­schär­fe des AMR-Kon­zepts zwi­schen Islam­kri­tik und Mus­li­men­feind­lich­keit. Bei­de Kate­go­rien wür­den oft gleich­ge­setzt. Sie ver­weist unter ande­rem auf Posi­tio­nen, nach denen selbst men­schen­recht­lich oder auf­klä­re­risch moti­vier­te Ideo­lo­gie- und Reli­gi­ons­kri­tik als Aus­druck men­schen­feind­li­cher und anti­mus­li­mi­scher Ste­reo­ty­pe ver­stan­den wer­de.

Dies füh­re fak­tisch zu einem Kri­tik­ver­bot, das aus­schließ­lich den Islam betref­fe, wäh­rend Kri­tik an ande­ren Reli­gio­nen aus­drück­lich zuge­las­sen sei. Schirr­ma­cher stellt daher die Fra­ge, war­um theo­lo­gi­sche oder gesell­schaft­li­che Aspek­te des Islam nicht kri­tisch erör­tert wer­den dür­fen, ohne dass dies als ras­sis­tisch ein­ge­stuft wird.

Homo­ge­ni­sie­rung und Essen­tia­li­sie­rung gesell­schaft­li­cher Grup­pen

Schirr­ma­cher kri­ti­siert zudem, dass Ver­tre­ter des AMR-Kon­zepts häu­fig gene­ra­li­sie­ren­de Aus­sa­gen über die »wei­ße Mehr­heits­ge­sell­schaft« tref­fen, ihr bestimm­te unver­än­der­li­che Merk­ma­le zuschrei­ben und sie damit selbst in homo­ge­ner Wei­se dar­stel­len. Gleich­zei­tig rüg­ten die­sel­ben Akteu­re pau­scha­le Zuschrei­bun­gen gegen­über Mus­li­men.

Sie ver­weist auf Wider­sprü­che, die ent­ste­hen, wenn das AMR-Kon­zept einer­seits die Viel­falt mus­li­mi­scher Lebens­wirk­lich­kei­ten betont, ande­rer­seits jedoch selbst mit Gesamt­zu­schrei­bun­gen gegen­über gro­ßen Bevöl­ke­rungs­grup­pen ope­riert.

Empi­ri­sche Fra­gen und metho­di­sche Gren­zen

Wei­ter­hin pro­ble­ma­ti­siert Schirr­ma­cher, dass die Häu­fig­keit mus­li­men­feind­li­cher Ein­stel­lun­gen in Deutsch­land im Rah­men des AMR-Kon­zepts teils über­schätzt wer­de. Es feh­le bei Ver­tre­tern des AMR ins­ge­samt eine Erläu­te­rung, wel­ches Aus­maß das ras­sis­ti­sche Spre­chen über Mus­li­me in der Gesell­schaft hat: Ver­tre­ter des AMR behaup­ten nicht sel­ten, dass der Ras­sis­mus die Gesell­schaft als Gan­zes prä­ge und vor­herr­schend sei. Als Bei­spiel nennt sie die Rezep­ti­on der »Leip­zi­ger Mit­te-Stu­di­en«, deren Aus­sa­ge­kraft auf­grund sug­ges­ti­ver Fra­ge­stel­lun­gen und metho­di­scher Unschär­fen kri­tisch zu dis­ku­tiert sei.

Sie hebt her­vor, dass empi­ri­sche Unter­su­chun­gen eher auf einen deut­lich gerin­ge­ren Anteil ras­sis­ti­scher Ein­stel­lun­gen hin­deu­ten als von AMR-Befür­wor­tern ange­nom­men. Wei­ter­füh­rend wären in die­sem Zusam­men­hang Erhe­bun­gen, ob etwa in den Schu­len Kin­der mus­li­mi­scher Eltern eher benach­tei­ligt wer­den als Kin­der von Zuwan­de­rern mit ande­ren kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Hin­ter­grün­den. Sie for­mu­liert die Fra­ge: »Sind hin­du­is­ti­sche und bud­dhis­ti­sche Kin­der aus Indi­en und Sri Lan­ka, katho­li­sche Perua­ner und ira­ki­sche Chris­ten weni­ger von Vor­ur­tei­len betrof­fen?«

Ins­ge­samt sieht sie in der AMR-Debat­te eine feh­len­de Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen von Vor­ur­tei­len oder Feind­se­lig­keit. So wür­den Per­so­nen und Tex­te ent­we­der rund­her­aus als ras­sis­tisch bezeich­net oder blie­ben gänz­lich uner­wähnt: Es gebe kei­ne Abstu­fun­gen und kei­ne Ambi­va­len­zen;  viel­mehr wer­de ein holz­schnitt­ar­ti­ges Schwarz-Weiß-Bild gezeich­net: »Wenn alles ras­sis­tisch ist, besteht das Risi­ko, dass nichts mehr ras­sis­tisch ist.«

Die Rol­le inter­na­tio­na­ler Ent­wick­lun­gen

Schirr­ma­cher weist dar­auf hin, dass die Wahr­neh­mun­gen des Islam in Euro­pa nicht von Ent­wick­lun­gen in isla­misch gepräg­ten Regio­nen abge­löst betrach­tet wer­den kön­nen. Die seit den 1970er Jah­ren zuneh­men­de Isla­mi­sie­rung und Fun­da­men­ta­li­sie­rung in Tei­len des Nahen Ostens habe Aus­wir­kun­gen auch auf euro­päi­sche Debat­ten. For­de­run­gen wie etwa Aus­nah­men beim Sport­un­ter­richt oder bestimm­te Spei­se­vor­schrif­ten sei­en in Euro­pa oft­mals expli­zit mit reli­giö­sen Argu­men­ten begrün­det wor­den. Sie stellt die Fra­ge, wie über sol­che Phä­no­me­ne ange­mes­sen gespro­chen wer­den soll, wenn das AMR-Kon­zept Kri­tik dar­an pau­schal als ras­sis­tisch bewer­tet.

Dis­kurs­ver­wei­ge­rung als Heil­mit­tel des Ras­sis­mus?

Im Kapi­tel »Dis­kurs­ver­wei­ge­rung als Heil­mit­tel des Ras­sis­mus?« for­mu­liert sie fünf wesent­lich Fra­gen:

  • »Eine Schuld­zu­schrei­bung des Ras­sis­mus, sobald Aus­sa­gen über Kul­tu­ren getrof­fen wer­den, kommt einem Sprech­ver­bot gleich und damit auch einer Dis­kurs­ver­wei­ge­rung: War­um soll­te nicht anhand des Kata­logs der All­ge­mei­nen Men­schen­rech­te fest­ge­stellt wer­den dür­fen, dass in man­chen Staa­ten und Kul­tu­ren die­se Men­schen­rech­te in grö­ße­rem Maß Rea­li­tät sind als in ande­ren?
  • War­um soll­ten die­se Unter­schie­de im Hin­blick auf das Men­schen­recht auf sexu­el­le Selbst­be­stim­mung, Reli­gi­ons­frei­heit, freie Mei­nungs­äu­ße­rung oder Rechts­staat­lich­keit nicht benannt wer­den dür­fen?
  • Mit wel­chen Argu­men­ten kann bestrit­ten wer­den, dass der welt­weit agie­ren­de isla­mis­ti­sche Extre­mis­mus reli­giö­se Begrün­dun­gen für welt­wei­te Ter­ror­an­schlä­ge anführt?
  • Dass die tra­di­tio­nel­le isla­mi­sche Theo­lo­gie und Rechts­wis­sen­schaft die recht­li­che Benach­tei­li­gung von Frau­en recht­fer­tigt, die trotz akti­ver Frau­en­be­we­gun­gen in allen isla­misch gepräg­ten Staa­ten über das scha­ria­ge­präg­te Zivil­recht Rea­li­tät ist?
  • Dass ein poli­ti­scher Islam in ver­schie­de­nen Aus­prä­gun­gen und Orga­ni­sa­ti­ons­for­men exis­tiert, der ein isla­mi­sches Staats­we­sen errich­ten will und eine Demo­kra­tie mit unab­hän­gi­ger Jus­tiz, Gewal­ten­tei­lung und Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en und von Nicht­mus­li­men ablehnt?«

Feh­len­de Lösungs­an­sät­ze und nor­ma­ti­ve Ambi­va­len­zen

Schirr­ma­cher hält fest, dass kon­kre­te Lösungs­vor­schlä­ge zur Über­win­dung des AMR von den Prot­ago­nis­ten die­ses Kon­zepts kaum benannt wer­den; hier und da sei­en in der AMR-Lite­ra­tur For­de­run­gen ein­ge­streut, die als umfas­sen­de Gesell­schafts­kri­tik oder als Hin­weis auf struk­tu­rel­le Umsturz­be­dar­fe gele­sen wer­den könn­ten. Sie fragt daher, ob eine sol­che umfas­sen­de Dia­gno­se der Rea­li­tät ent­spricht oder ob dadurch eher neue Pola­ri­sie­run­gen ent­ste­hen, und ob die west­li­chen Gesell­schaf­ten nach dem AMR-Kon­zept über­haupt etwas an denen ihr unter­stell­ten Ras­sis­mus ändern könn­ten oder ob es ledig­lich um Schuld­zu­wei­sun­gen geht, da ihr im AMR-Kon­zept Ras­sis­mus als unver­än­der­li­ches Merk­mal zuge­schrie­ben wer­de.

Fazit: Not­wen­dig­keit von Dif­fe­ren­zie­rung und gesell­schaft­li­cher Offen­heit

Im Schluss­ka­pi­tel hebt Schirr­ma­cher her­vor, dass in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft weder pau­scha­le Ver­däch­ti­gun­gen noch Sprech­ver­bo­te zu einem bes­se­ren gesell­schaft­li­chen Mit­ein­an­der bei­tra­gen. Mus­li­men­feind­lich­keit müs­se klar benannt und ent­schlos­sen bekämpft wer­den, jedoch ohne Kate­go­rien, die Kri­tik ver­un­mög­li­chen:

»Demo­kra­tie braucht die Bereit­schaft zum kri­ti­schen Dis­kurs über Miss­stän­de und Fehl­ent­wick­lun­gen in der (ehe­ma­li­gen) Her­kunfts- wie in der Auf­nah­me­ge­sell­schaft sowie über die Not­wen­dig­keit einer Ver­söh­nung der tra­di­tio­nel­len isla­mi­schen Theo­lo­gie mit den Grund­la­gen des säku­la­ren Rechts­staats. Kul­tu­rel­le Aus­hand­lungs­pro­zes­se zwi­schen Säku­la­ris­mus und Reli­gio­si­tät im öffent­li­chen Raum sowie dem Ver­hält­nis von Staat und Reli­gi­on sind gefragt. Es ist uner­läss­lich, gang­ba­re Wege zu fin­den zwi­schen der Zurück­wei­sung von men­schen- und mus­lim­feind­li­chen Hal­tun­gen, von Hass, Ver­ach­tung und Dis­kri­mi­nie­rung auf der einen Sei­te und Mei­nungs­frei­heit sowie der Offen­heit, auch schwie­ri­ge The­men wie Zwangs­ehen oder reli­gi­ös moti­vier­te Gewalt gesell­schaft­lich breit erör­tern zu kön­nen, auf der ande­ren Sei­te. Pau­scha­le Ras­sis­mus­vor­wür­fe zu erhe­ben, anstatt kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge zur Zusam­men­füh­rung der Gesell­schaft zu machen, spal­tet eben­so wie die Abwer­tung und Dis­kri­mi­nie­rung von Mus­li­men.«