»Der Schutz der Demo­kra­tie in der Tür­kei ist untrenn­bar mit der Ver­tei­di­gung des lai­zis­ti­schen Erbes Ata­türks ver­bun­den«

SPD-Bundestagsabgeordneter Macit Karaahmetoğlu über die Verteidigung der Trennung von Staat und Islam – der laizistischen Errungenschaft Atatürks – und Erdoğans Kampf um den Machterhalt.

In einem Namens­bei­trag für den Arbeits­kreis Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus der SPD (AKSH) macht der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Macit Karaah­me­toğ­lu die Ver­tei­di­gung des lai­zis­ti­schen Staa­tes zum Kern sei­ner Tür­kei-Ana­ly­se. Karaah­me­toğ­lu ist seit Juli 2025 Vor­sit­zen­der des Gesprächs­krei­ses Tür­kei der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Mit­glied im Aus­schuss für die Ange­le­gen­hei­ten der Euro­päi­schen Uni­on und Prä­si­dent der Deutsch-Tür­ki­schen Gesell­schaft. Zwei eng ver­zahn­te Fra­gen prä­gen sei­nen Text: die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on und der Zustand der Demo­kra­tie in der Tür­kei.

Lai­zis­mus als Fun­da­ment – und die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­al­le­le

Die tür­ki­sche Repu­blik, so Karaah­me­toğ­lu, ste­he heu­te unter Erdoğan vor einer »Zer­reiß­pro­be«. Aus­gangs­punkt des Bei­trags ist das Erbe Mus­ta­fa Kemal Ata­türks. Mit der Auf­he­bung des Kali­fats 1924, der Ein­füh­rung der latei­ni­schen Schrift 1928 und der recht­li­chen Gleich­stel­lung von Frau­en habe Ata­türk, schreibt der Abge­ord­ne­te, einen radi­ka­len Bruch mit der Ver­gan­gen­heit voll­zo­gen. Sein Ziel sei die »kon­se­quen­te Tren­nung von Staat und Reli­gi­on« gewe­sen – der Glau­be, so Karaah­me­toğ­lu, »soll­te zur Pri­vat­an­ge­le­gen­heit wer­den«.

Her­vor­zu­he­ben ist die his­to­ri­sche Brü­cke, die er schlägt: Genau die­ses Prin­zip habe die SPD bereits auf ihrem Erfur­ter Par­tei­tag 1891 beschlos­sen. Die Säku­la­ri­tät erscheint bei ihm damit als ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Grund­an­lie­gen mit lan­ger Tra­di­ti­on.

Die 1923 gegrün­de­te SPD-Schwes­ter­par­tei CHP (Cum­hu­ri­y­et Halk Par­ti­si) ver­steht Karaah­me­toğ­lu als Trä­ge­rin die­ses Pro­jekts. Sie hüte bis heu­te die »Sechs Pfei­le« des Kema­lis­mus. Zu die­sen gehö­re »der Lai­zis­mus als zen­tra­ler Pfei­ler«.

»Doch die­ses Fun­da­ment brö­ckelt«

Den Bruch mit die­sem Erbe ver­or­tet Karaah­me­toğ­lu unmiss­ver­ständ­lich beim amtie­ren­den Prä­si­den­ten. »Doch die­ses Fun­da­ment brö­ckelt«, heißt es in sei­nem Bei­trag. Unter Prä­si­dent Erdoğan wer­de »der Ein­fluss der Reli­gi­on auf den Staat sys­te­ma­tisch aus­ge­wei­tet«.

Als Bele­ge nennt Karaah­me­toğ­lu zwei Ent­wick­lun­gen: die Umwand­lung der Hagia Sophia in eine Moschee sowie die – wie er schreibt – »immer stär­ke­re öffent­li­che Prä­senz« von Ver­tre­tern der staat­li­chen Reli­gi­ons­be­hör­de. Für ihn zeigt sich in bei­dem, wie das lai­zis­ti­sche Fun­da­ment wei­ter brö­ckelt.

Die »Okto­pus-Tak­tik« gegen die Oppo­si­ti­on

Den zwei­ten Teil sei­ner Ana­ly­se wid­met Karaah­me­toğ­lu dem Vor­ge­hen gegen die CHP-Füh­rung, das er als »Okto­pus-Tak­tik« der »von Erdoğan instru­men­ta­li­sier­ten Jus­tiz« bezeich­net.

Er zeich­net die jün­ge­re Vor­ge­schich­te nach: Im Mai 2023 ver­liert der dama­li­ge CHP-Vor­sit­zen­de Kemal Kılı­ç­da­roğ­lu erneut gegen Erdoğan; im Novem­ber 2023 wird Özgür Özel in einer Kampf­kan­di­da­tur an die Spit­ze der Par­tei gewählt, getra­gen auch vom popu­lä­ren Istan­bu­ler Ober­bür­ger­meis­ter Ekrem İmam­oğlu. Bei den Kom­mu­nal­wah­len 2024 folgt ein his­to­ri­scher Sieg: Die CHP wird erst­mals seit 1977 wie­der stärks­te Kraft im Land und ver­drängt Erdoğans AKP – zum ers­ten Mal seit deren Grün­dung – auf den zwei­ten Platz. Ein poli­ti­scher Wan­del scheint für Karaah­me­toğ­lu »immer greif­ba­rer«.

Dann folgt, was er den »gro­ßen Knall« nennt: die Fest­nah­me İmam­oğlus im März 2025 unter, wie der Abge­ord­ne­te es for­mu­liert, »offen­kun­dig poli­tisch moti­vier­ten Vor­wür­fen«, ver­bun­den mit der Aberken­nung sei­nes Uni­ver­si­täts­ab­schlus­ses. Zuletzt habe ein Gericht den bereits drei Jah­re zurück­lie­gen­den CHP-Par­tei­tag von 2023 annul­liert und damit die Abset­zung des Par­tei­chefs Özel ver­fügt. Das Kal­kül dahin­ter beschreibt Karaah­me­toğ­lu dras­tisch: Der Prä­si­dent ver­su­che, »der Oppo­si­ti­on auch noch den letz­ten Zahn zu zie­hen«.

Das Bekennt­nis: Demo­kra­tie und Lai­zis­mus als eine Front

In sei­nem zen­tra­len State­ment bün­delt der Abge­ord­ne­te Säku­la­ri­tät, Demo­kra­tie und Soli­da­ri­tät zu einer ein­zi­gen poli­ti­schen Aus­sa­ge. Ziel des Vor­ge­hens gegen die CHP sei es, so Karaah­me­toğ­lu, »die demo­kra­ti­sche Oppo­si­ti­on immer und immer wie­der zu ent­haup­ten« – und zwar, um »den Macht­er­halt des Appa­ra­tes Erdoğan zu sichern«.

Dar­aus zieht er die Kon­se­quenz, die dem Bei­trag sei­ne Über­schrift gibt:

»Der Schutz der Demo­kra­tie in der Tür­kei ist
untrenn­bar mit der Ver­tei­di­gung
des lai­zis­ti­schen Erbes Ata­türks ver­bun­den.«

Macit Karaah­me­toğ­lu MdB (SPD)

Sein Bei­trag mün­det in ein kla­res Bekennt­nis: »Wir ste­hen des­halb soli­da­risch an der Sei­te unse­rer Freun­de in der CHP.« Die­se Soli­da­ri­tät sei bereits prak­tisch gewor­den – durch den Besuch einer hoch­ran­gi­gen SPD-Dele­ga­ti­on in der CHP-Par­tei­zen­tra­le in Anka­ra, an dem unter ande­rem der Juso-Vor­sit­zen­de Phil­ipp Tür­mer, die Vize­prä­si­den­tin des Euro­päi­schen Par­la­ments Kata­ri­na Bar­ley, der Abge­ord­ne­te Ser­dar Yük­sel und der stell­ver­tre­ten­de SPD-Bun­des­vor­sit­zen­de Alex­an­der Schweit­zer teil­nah­men.

Für die Debat­te um den Poli­ti­schen Islam ist der Bei­trag aus einem Grund auf­schluss­reich: Hier argu­men­tiert ein sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Abge­ord­ne­ter in aller Klar­heit für die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on und deu­tet die Aus­höh­lung des Säku­la­ris­mus zugleich als demo­kra­tie­theo­re­ti­sches Pro­blem. Für ihn steht und fällt die Demo­kra­tie in der Tür­kei mit dem lai­zis­ti­schen Staats­ver­ständ­nis.


  • Macit Karaah­me­toğ­lu: »Die Repu­blik am Schei­de­weg: Ata­türks Erbe unter Beschuss«. In: AKSH-News­let­ter 3/26 (Arbeits­kreis Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus der SPD), S. 1–2. Online ver­füg­bar unter: LINK