Ein Milliardenbudget aus Teheran und aus dem Verbrechen
Die Studie beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen wie Handelsregistern, Gerichtsakten, Behördendokumenten, Forschungsarbeiten und Medienberichten. Den Rahmen bilden Zahlen der US-Finanzaufsicht: Das Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) bezifferte im Oktober 2024 die jährlichen Zuwendungen des Iran an die Hisbollah mit 700 Millionen US-Dollar. Da US-Behörden das Gesamtbudget der Organisation auf über eine Milliarde US-Dollar schätzen, ergibt sich daraus, dass die Hisbollah etwa 30 Prozent ihrer Mittel aus illegalen Aktivitäten rund um den Globus generiert: Geldwäsche in Europa, Drogenhandel in Lateinamerika, Afrika und Europa, Handel mit Blutdiamanten in Afrika und Ölschmuggel im Nahen Osten.
Die militärische Niederlage gegen Israel 2024, westliche Sanktionen gegen den Iran, der politische Umbruch im Libanon und der Sturz des Assad-Regimes in Syrien haben die Einnahmen der Organisation erheblich geschmälert. Mit dem Ende des Assad-Regimes brachen zudem die Erlöse aus dem Captagon-Geschäft weg, das Syrien zeitweise in einen Narko-Staat verwandelt hatte. Als Reaktion versucht die Hisbollah der Studie zufolge, ihre Beteiligung am europäischen Drogenhandel auszubauen, um die Verluste möglichst rasch zu kompensieren.
Ein österreichischer Fall illustriert die Dimension: 2021 zerschlugen die Behörden ein Netzwerk, das 30 Tonnen Captagon nach Saudi-Arabien schmuggeln wollte. Als Tarnfirma diente eine Pizzeria in Bürmoos bei Salzburg, geführt von einem libanesisch-österreichischen Staatsbürger. Das im Libanon produzierte Captagon war in Pizzaöfen versteckt, gelangte per Schiff nach Belgien, per Lkw nach Österreich und sollte über italienische Häfen nach Saudi-Arabien verschifft werden. Die Route über Europa wurde gezielt gewählt, weil Saudi-Arabien Waren aus Europa weniger streng kontrolliert als Sendungen direkt aus dem Libanon.
Der analytische Rahmen: Typologien der Geldwäsche
Die Studie ordnet die Finanzoperationen der Hisbollah in die international gebräuchlichen Typologien der Geldwäsche- und Terrorismusfinanzierungsbekämpfung (AML/CFT) ein. Solche Typologien sind Warnsignale für Banken, Händler und Behörden: etwa tägliche Bareinzahlungen knapp unter der Meldeschwelle, gefälschte Handelsrechnungen mit überhöhten Warenwerten oder der Einsatz von Briefkastenfirmen zur Verschleierung der wahren Eigentümer. Die Hisbollah bedient nahezu das gesamte Spektrum: Sie vermischt illegale Erlöse mit regulären Geschäftseinnahmen, nutzt diplomatische Immunität, informelle Hawala-Netzwerke, Bargeldkuriere, hochwertige Güter wie Autos, Uhren, Kunst und Diamanten sowie die Schwächen sogenannter »captured states«, also von politischen Eliten vereinnahmter Staaten wie des Libanon.
Fallstudie Drogenhandel: das Cedar-Netzwerk
Europol stellte 2022 fest, dass die Hisbollah die EU »as a base for fundraising, recruitment and criminal activities« nutzt. Ihre globalen Geschäfte wickelt die Organisation über die Business Affairs Component (BAC) ihrer Auslandssicherheitsorganisation ab, die bereits in den frühen 2000er Jahren Beziehungen zu lateinamerikanischen Drogenkartellen aufbaute und diesen bis heute Geldwäsche als Dienstleistung anbietet. Kokain aus Kolumbien wird in Europa verkauft, mit dem Bargeld werden Luxusautos und Uhren erworben, die nach Westafrika verschifft und dort zu Geld gemacht werden. Die Erlöse fließen in den Libanon und dienen unter anderem dem Waffenkauf für die Hisbollah und ihre Verbündeten in Syrien und im Irak.
Das 2016 von der US-Drogenbehörde DEA aufgedeckte Cedar-Netzwerk zeigt die Arbeitsteilung im Detail: Der in Beirut ansässige Koordinator Mohamad Noureddine steuerte die Geldflüsse zwischen Europa, Westafrika und dem Libanon. Sein Mittelsmann Hassan Trabulsi sammelte in Belgien und Frankreich das Bargeld aus dem Kokainverkauf ein und nutzte sein Autohaus in Deutschland als Fassade, während ein weiterer Komplize mit Drogengeld Luxusuhren in Deutschland kaufte. Die parallel laufende Operation Cedar führte 2016 zur Festnahme von 16 Hisbollah-Angehörigen in Frankreich, Belgien, Deutschland und Italien; der Ring wusch auf dem Höhepunkt seiner Aktivität rund eine Million Euro pro Woche, überwiegend über Deutschland. Dass diese Strukturen fortbestehen, belegt eine spanische Ermittlung von 2023: Der Dubliner Drogenhändler Thomas »The Boxer« Mullen ließ über einen Mittelsmann eine Million Euro Drogengeld durch die Hisbollah-Finanziers waschen.
Fallstudie Kunst und Diamanten: das Netzwerk des Nazem Ahmad
Der Kunstmarkt mit seiner Diskretion und den subjektiven Bewertungen eignet sich in besonderer Weise für Geldwäsche. Zentrale Figur ist hier der Beiruter Kunsthändler Nazem Said Ahmad, den die USA als bedeutenden Hisbollah-Finanzier und persönlichen Geldgeber des 2024 getöteten Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah einstufen. Seit 2012 erwarb Ahmad Kunstwerke im Wert von mehr als 54 Millionen US-Dollar, darunter Arbeiten von Warhol, Picasso und Basquiat. Rechnungen ließ er auf Tarnfirmen, Familienmitglieder oder Geschäftspartner ausstellen, um seine wirtschaftliche Eigentümerschaft zu verschleiern. Trotz US-Sanktionen seit 2019 schickte sein Netzwerk über ausländische Briefkastenfirmen rund 482 Diamantpakete mit etwa 1546 Karat zur Bewertung an ein US-Prüfinstitut; ein einzelner 45-Karat-Diamant Ahmads wurde 2021 auf 80 Millionen US-Dollar taxiert. Beim Import in den Libanon nutzte das Netzwerk den Einfluss der Hisbollah an den Häfen, um Waren unterbewertet und ohne Abgaben ins Land zu bringen.
Fallstudie Tarnstrukturen: Diplomatenpässe und Scheinwohltätigkeit
Manche Operationen verbergen sich kaum. Der libanesisch-belgische Geschäftsmann Mohammad Ibrahim Bazzi fungierte von 2005 bis 2017 als Honorarkonsul Gambias und importierte über seine belgische Firma jahrelang Treibstoff in das westafrikanische Land. 2018 sanktionierten ihn die USA als zentralen Hisbollah-Finanzier, der der Organisation über Jahre Millionenbeträge aus seinen Geschäftsaktivitäten zukommen ließ.
Daneben dokumentiert die Studie das Wirken von Vereinen, die sich als Wohltätigkeitsorganisationen ausgeben. In Deutschland verbot das Innenministerium unter anderem das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) samt Teilorganisationen, das Al-Mustafa Community Center sowie das Waisenkinderprojekt Libanon e. V., das zwischen 2007 und 2013 4,5 Millionen US-Dollar an die zur Hisbollah gehörende Shahid-Stiftung überwiesen hatte. Nachfolgevereine wurden 2021 ebenfalls verboten. In Österreich lebte ein Hisbollah-Kommandant, der in Syrien gekämpft hatte, jedoch 13 Jahre lang unbehelligt im Land und rekrutierte für die Organisation, bevor er entdeckt und verurteilt wurde.
Fallstudie Kryptowährungen: Stablecoins auf dem Tron-Netzwerk
Die Hisbollah diversifiziert ihre Finanzierung zunehmend in den digitalen Raum. Sie setzt vor allem auf den Stablecoin Tether (USDT) im Tron-Netzwerk, dessen Nachverfolgung den Strafverfolgungsbehörden schwerer fällt als jene von Bitcoin. Ein Schlüsselakteur ist der in Syrien tätige Hawala-Betreiber Tawfiq Muhammad Said al-Law, der der Hisbollah digitale Wallets für Erlöse aus Rohstoffgeschäften der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) bereitstellte. Im Mai 2023 beschlagnahmte die israelische Behörde für Terrorismusfinanzierungsbekämpfung 1,7 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen aus 40 von al-Law kontrollierten Wallets. Es war die erste Beschlagnahme von Kryptowährungen der Hisbollah überhaupt und zugleich ein Beleg dafür, dass ein staatlicher Akteur, der Iran, digitale Währungen zur Finanzierung der Organisation einsetzt.
Die Hürden der Bekämpfung
Die Studie benennt vier zentrale Hindernisse. Erstens die uneinheitliche Terrorlistung: Die EU stuft seit 2013 lediglich den »militärischen Flügel« der Hisbollah als terroristisch ein. Länder wie Deutschland, die Niederlande, das Vereinigte Königreich und einige weitere europäische Staaten listen die Gesamtorganisation, Frankreich hält an der Trennung fest. In der Realität sind beide Flügel eng verflochten und zentral gesteuert; die niederländischen Nachrichtendienste kamen bereits 2004 zu dem Schluss, dass ein gemeinsamer Koordinationsrat beide Bereiche kontrolliert. Spenden an den »politischen Flügel« bleiben in vielen Ländern legal, und Ermittler stehen vor der kaum lösbaren Aufgabe nachzuweisen, dass gesammelte Gelder dem militärischen Arm zufließen.
Zweitens die strukturellen Grenzen der Geldwäschebekämpfung: Nach Angaben des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung wird weltweit weniger als ein Prozent des gewaschenen Geldes beschlagnahmt. Kriminelle Netzwerke übernehmen neue Technologien schneller als die Behörden. Die 2023 angekündigte EU-Geldwäschebehörde AMLA und die EU-Geldwäscheverordnung von 2024 sollen hier Abhilfe schaffen.
Drittens das »schwarze Loch« Libanon: Sobald Gelder das Land erreichen, sind sie praktisch unauffindbar. Die Hisbollah kontrolliert Teile der staatlichen Institutionen einschließlich des Zugriffs auf die Zentralbank, das Bankgeheimnis wurde erst 2025 gelockert, unregulierte Wechselstuben operieren weiter. Die Financial Action Task Force (FATF) setzte den Libanon im Oktober 2024 auf ihre graue Liste, die EU-Kommission schlug im Juni 2025 eine Einstufung als Hochrisikoland vor.
Viertens die Grenzen von Sanktionen: Zahlreiche Finanziers bleiben unsanktioniert oder weichen nach einer Listung schlicht auf verbundene Firmen aus. Als ermutigendes Gegenbeispiel nennt die Studie die britische Sanktionierung Nazem Ahmads 2023, bei der London erstmals sein innerstaatliches Antiterror-Instrumentarium gegen einen Hisbollah-Finanzier einsetzte.
Schlussfolgerungen der Studie
Khatib plädiert für eine einheitliche EU-Listung der Gesamtorganisation, mehr Transparenz bei wirtschaftlichen Eigentümern, schärfere Kontrolle sogenannter Gatekeeper wie Anwälte, Buchhalter und Kunsthändler, den Aufbau eigener Blockchain-Forensik bei den zuständigen Behörden sowie vertiefte transatlantische Kooperation nach dem Vorbild der bestehenden Law Enforcement Coordination Group von USA und Europol. Langfristig führt aus ihrer Sicht kein Weg an Governance-Reformen im Libanon vorbei, denn die Verankerung der Hisbollah in den dortigen Staatsstrukturen verschafft der Organisation Schutz und Ressourcen zugleich.
Kontext: Der libanesische Staat als Zahlmeister der Hisbollah
Wie eng die Finanzarchitektur der Hisbollah mit dem libanesischen Staat verwoben ist, unterstreicht ergänzend eine im Juli 2026 erschienene Analyse von Jacques Neriah für das Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs. Danach wälzt die Hisbollah zentrale Kosten ihres Kriegsapparats systematisch auf die öffentliche Hand des Libanon ab. Im Mittelpunkt steht der Rat für den Südlibanon (Majlis al-Janoub), ein 1970 geschaffener staatlicher Fonds zur raschen Hilfe für die vom Konflikt mit Israel betroffenen Gebiete. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 kontrolliert die mit der Hisbollah verbündete Amal-Bewegung von Parlamentspräsident Nabih Berri diese Einrichtung. Innerhalb der Allianz beider Parteien besteht laut Neriah eine klare Arbeitsteilung: Die Hisbollah dominiert den militärischen Apparat, Amal die Vereinnahmung und Verteilung staatlicher Verwaltungsressourcen.
Über diese Schiene erhalten die Familien getöteter Hisbollah-Kämpfer laut der Analyse eine staatliche Entschädigung von 20.000 US-Dollar pro Gefallenem, während der Fonds zugleich den Wiederaufbau jener Ortschaften finanziert, in denen die Organisation ihre militärische Infrastruktur unterhält. Ein ähnliches Muster beschreibt Neriah im Gesundheitswesen: Verwundete Kämpfer werden fast ausschließlich in Spitälern des hisbollah-eigenen Netzwerks der Islamischen Gesundheitsvereinigung (Al-Haya al-Sihhiyah al-Islamiyah) behandelt, etwa im Al-Rasoul-al-A’zam-Spital in den südlichen Vororten Beiruts. Die Kosten trägt über Deckungsverträge und Direktiven des seit Jahren von der Hisbollah und ihren Verbündeten besetzten Gesundheitsministeriums der libanesische Steuerzahler. Die Organisation schont auf diese Weise ihre eigenen Reserven samt der iranischen Subventionen und tritt gegenüber ihrer Basis als großzügige Versorgerin auf.
Neriahs Befund fügt sich nahtlos in das Bild, das die DPI-Studie vom »captured state« Libanon zeichnet: Die Verankerung der Organisation in den staatlichen Strukturen verschafft ihr über die Abschirmung von Finanzströmen hinaus einen direkten Zugriff auf öffentliche Mittel. Der Staat, der die Hisbollah zur Entwaffnung bewegen will, finanziert damit zugleich die Versorgung ihrer Kämpfer.
Rezeption
Die Veröffentlichung stieß auf ein breites Medienecho. Lina Khatib stellte die Studie Mitte April gemeinsam mit dem stellvertretenden DPI-Direktor Ferdinand Haberl bei einem Pressegespräch in Wien vor. Nahezu alle österreichischen Tageszeitungen berichteten online und in ihren Printausgaben, der ORF griff das Thema in der »ZIB 13« und im Ö1-Mittagsjournal auf. Im Zentrum der Berichterstattung standen das weitreichende Finanzierungsnetzwerk der Organisation, ihre Nutzung Europas als Drehscheibe und die Frage nach einer vollständigen Terrorlistung durch die EU. In den Wochen darauf folgten internationale Medien, darunter mehrere aus dem Nahen Osten, etwa L’Orient-Le Jour, This is Beirut und die Jerusalem Post sowie Radio France Internationale.
Lina Khatib (April 2026): The Financial Operations of Hezbollah in Europe. Study Report 9 der Dokumentationsstelle Politischer Islam. Online verfügbar unter: LINK
Jacques Neriah (16. Juli 2026): How Hizbullah Uses Lebanon to Finance Its War Machine. In: Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs. Online verfügbar unter: LINK
ORF (Ö1 Mittagsjournal) (17. April 2026): Hisbollah finanziert sich zu einem Drittel aus Europa. Online verfügbar unter: LINK
Der Standard (16. April 2026): Wie die Hisbollah in Europa Gelder lukriert. Online verfügbar unter: LINK
Die Presse (16. April 2026): Drogen, Diamanten und Kartelle: Das Netz der Hisbollah in Europa. Online verfügbar unter: LINK
Kurier (16. April 2026): Drogen, Spenden, Geldwäsche: Das Finanznetzwerk der Hisbollah. Online verfügbar unter: LINK
The Beiruter (20. April 2026): The money machine. Online verfügbar unter: LINK
The Jerusalem Post (23. April 2026): Hezbollah’s financial operations in Europe serve as major terror lifeline. Online verfügbar unter: LINK
Radio France Internationale (30. April 2026): »Le Hezbollah entretient des liens avec des réseaux criminels à travers toute l’Europe«. Online verfügbar unter: LINK