Der Selbstauflösung gingen über Jahre hinweg unabhängige Recherchen von Carsten Frerk, Sigrid Herrmann und weiteren, mediale Berichterstattung sowie parlamentarische Nachfragen voraus. Hinweise auf personelle und organisatorische Überschneidungen einzelner CLAIM-Mitgliedsorganisationen mit Akteuren aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft wurden wiederholt thematisiert, ohne dass es zu einer transparenten öffentlichen Klärung kam. Zivilgesellschaftliche Akteure forderten eine kritischere Prüfung staatlich geförderter Kooperationsformate, insbesondere dort, wo es um Extremismusprävention und Antidiskriminierungsarbeit geht. Parallel dazu wuchs der Druck aus Politik und Ministerien.
Zur Selbstauflösung der CLAIM-Allianz [1] reposten wir die Recherche von Carsten Frerk auf YouTube mit dem Vortrag vom 12.9.2025 im Willy-Brandt-Haus: https://t.co/Wf95RNaBU0
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) November 24, 2025
👉 Beigetragen haben die jahrelangen, unabhängigen Recherchen von Frerk, Sigrid Herrmann u.v.m. über… https://t.co/LpYxhy1NdT
Im Jahr 2025 verstärkte sich der öffentliche und behördliche Druck deutlich. Im Juli 2025 wurde bekannt, dass die Berliner SPD-Abgeordneten Martin Matz und Alexander Freier-Winterwerb eine parlamentarische Anfrage an den Senat in Berlin zu möglichen Kontakten von CLAIM-Mitgliedsorganisationen zu islamistischen Netzwerken gerichtet hatten. Die Antwort der Landesverwaltung verwies auf den geheimhaltungsbedürftigen Charakter der Erkenntnisse des Berliner Verfassungsschutzes.
Maßgebliche Wirkung hatte die Antwort der Bundesregierung vom 30. Oktober 2025 (BT-Drucksache 21/2482). Darin heißt es, zu CLAIM-»Mitgliedsorganisationen« lägen beim Verfassungsschutz »vereinzelt Erkenntnisse unterschiedlicher Intensität, Wertigkeit und Aktualität« vor; eine Weiterförderung werde überprüft.
Die CLAIM-Strukturen wurden über Jahre hinweg mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert. Die Finanzierung erfolgte u. a. im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben!« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Nach öffentlich zugänglichen Angaben beliefen sich die Zuwendungen aus Bundes- und Landesmitteln auf mehrere hunderttausend Euro pro Jahr; hinzu kamen projektbezogene Förderungen weiterer Behörden. Das Bundesfamilienministerium zahlte 2023 rund 600.000 Euro, weitere Behörden steuerten zusammen rund 500.000 Euro bei. Für das Jahr 2024 stellt die Berliner Sozialverwaltung unter Senatorin Cansel Kiziltepe (SPD) 166.108 Euro bereit. Zwischen 2020 und 2023 arbeitete die CLAIM-Allianz mit der Berliner Innenverwaltung zusammen. Diese Kooperation wurde später beendet; eine öffentliche Begründung ist nicht bekannt.
Internationaler Kontext: Kurswechsel in den USA
In die Phase der verschärften Prüfung fiel zudem ein internationaler Kurswechsel – zuerst in Texas und sodann auf Bundesebene der USA. Im November leitete US-Präsident Donald Trump per Executive Order ein Verfahren zur Einstufung von Teilen der Muslimbruderschaft als ausländische Terrororganisation ein. Dieser lange erwartete Schritt erhöht auch in Europa den politischen Druck, staatlich geförderte Kooperationsformate auf mögliche MB-Bezüge zu überprüfen.
Bemerkenswert ist dieser Kurswechsel auch deshalb, weil in der Entstehungsphase der CLAIM-Allianz noch eine Förderung von Vernetzungsaktivitäten durch das US-Außenministerium mit dortigen Akteuren aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft erfolgte, nach Angaben des FBI.
Laut der öffentlichen Mitteilung auf der CLAIM-Website dient die Selbstauflösung der Allianz dem Schutz der CLAIM gGmbH. Zugleich wird angekündigt, den »engen Austausch mit den betroffenen Communities« fortzuführen und eine community-basierte Arbeitsweise beizubehalten. Die Selbstauflösung markiert damit das Ende einer Organisationsform, nicht jedoch das Ende der CLAIM-Strukturen insgesamt.
Vor diesem Hintergrund bleiben für die weitere Bewertung insbesondere drei Fragen relevant:
- In welcher Form und mit welchen Partnern setzt die CLAIM gGmbH ihre Arbeit künftig fort?
- Sind Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft weiterhin eingebunden?
- Erfüllen Struktur, Praxis und Partnerwahl die Voraussetzungen für Gemeinnützigkeit und staatliche Förderfähigkeit?