Frage: Die Muslimbruderschaft hat seit den 1960er-Jahren, ausgehend von München, auch in Deutschland ihre Zelte aufgeschlagen. Seit langem schon ist sie ein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes, der ihre Moscheen und Institute dem nicht-gewalttätigen, politisch-religiösen Extremismus zuordnet. Was ist ihr Ziel?
Florence Bergeaud-Blackler: Der Frèrismus, wie ich die Muslimbruderschaft nenne, ist die Ideologie, die die Muslimbrüder vor hundert Jahren zunächst in Ägypten, dann in der muslimischen Sphäre und schließlich im Westen entwickelt haben. Er ist dabei, aktiv die demokratischen Gesellschaften im Sinne eines fundamentalistischen Islam umzubauen.
Eine gut gebildete muslimische Elite arbeitet mit den – teils unwissenden – Eliten Europas daran, ein islamisches Gesellschaftssystem aufzubauen. Ein modernes Kalifat, eine langsame kulturelle Transformation. Es ist ein Eliteprojekt.
Die Menschen auf den Straßen Europas spüren diesen Wandel, wenn sie darüber sprechen, gelten sie jedoch als Rassisten und Islamfeinde. Wenn der Frèrismus weiterwächst, dann liegt das daran, dass er nicht weiter untersucht wird. Und daran, dass Katar, die Türkei und die EU weiterhin ihre Projekte finanzieren. Sie sind es, die in den Zielgesellschaften islamistische Räume öffnen, helfen, die Landschaft und die Sprache im Sinne der Muslimbrüder zu verändern, islamkompatibel und schließlich islamkonform zu machen.
Keine Organisation sagt von sich, sie gehöre zur Muslimbruderschaft. Wie erkennt man sie?
Florence Bergeaud-Blackler: Es sind informelle Netzwerke, die sich mit Themen wie Inklusion, Antirassismus und Islamfeindlichkeit befassen und personelle Verflechtungen mit den zentralen Organisationen wie der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft in Berlin oder dem Dachverband Föderation der islamischen Organisationen in Europa aufweisen. Ein weitgespanntes, internationales Netz aus Stiftungen, Vereinen, Moscheen, Wohnheimen, EU-geförderten Projekten, einflussreichen Gelehrten, Tiktok-Influencern und Fatwa-Instituten. […]
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