Der auf Sicherheitsthemen spezialisierte Journalist Florian Flade veröffentlichte am 11. September 2021 auf seinem Blog »Verschlusssache« eine ausführliche Rekonstruktion der deutschen Spuren der Anschläge vom 11. September 2001. Sein Ausgangspunkt: Drei der vier Todespiloten, Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah, gehörten zur »Hamburger Zelle«. Deren Kern bildete eine Wohngemeinschaft in der Hamburger Marienstraße 54, in die im November 1998 auch Said Bahaji einzog und in der zeitweise Atta, Ramzi Binalshibh und al-Shehhi lebten. Die Gruppe hatte nach Flades Darstellung zunächst erwogen, in den Kaukasus zu ziehen, und gelangte schließlich in die Ausbildungslager von Al-Qaida in Afghanistan.
Flades zentrale Feststellung lautet: Deutsche Sicherheitsbehörden kannten das Umfeld der späteren Attentäter, eine öffentliche Aufarbeitung möglicher Versäumnisse hat es jedoch nie gegeben. In den Vereinigten Staaten nahm 2002 die »National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States« ihre Arbeit auf und legte im Juli 2004 einen 567 Seiten starken Abschlussbericht vor, der auch die Aktivitäten der Zelle in Deutschland behandelt. In der Bundesrepublik befasste sich lediglich der BND-Untersuchungsausschuss des Bundestages von 2006 bis 2009 mit angrenzenden Fragen. Er untersuchte die Zeit nach den Anschlägen, etwa die Rolle des Bundesnachrichtendienstes im Irakkrieg und bei den CIA-Verschleppungsflügen. Die Erkenntnislage der deutschen Behörden vor dem 11. September 2001 blieb auf jeder parlamentarischen Ebene unbeleuchtet.
Dabei dokumentiert Flade, wie dicht die Behörden zeitweise an der Zelle dran waren. Das Bundesamt für Verfassungsschutz startete 1997 die Operation »Zartheit« zur Überwachung des Hamburger Predigers Mohammed Haydar Zammar, der als Anwerber für Al-Qaida galt und in der Al-Quds-Moschee verkehrte, dem Treffpunkt auch der späteren Attentäter. Am 17. Februar 1999 hörten die Verfassungsschützer ein Telefonat an Zammars Anschluss mit: Ein Anrufer erhielt die Auskunft, Zammar halte sich in Hamburg-Harburg bei »Mohammed, Ramzi und Said« auf, also offenbar in der Wohnung in der Marienstraße 54. Dem Hinweis ging der Dienst nach Flades Recherchen nicht weiter nach, weil er damals als wenig relevant galt.
Auch das Bundeskriminalamt hatte früh Berührungspunkte. Im September 1998 nahmen deutsche Ermittler in München den Sudanesen Mamduh Mahmud Salim fest, einen Mitbegründer und Finanzier des Al-Qaida-Netzwerks, der an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde und dort eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Eine Kontospur führte zu einem deutsch-syrischen Geschäftsmann in Hamburg, der wiederum mit Zammar in Verbindung gestanden haben soll. Für Festnahmen reichten die gesammelten Erkenntnisse dem Generalbundesanwalt nicht aus.
Flade benennt dafür auch strukturelle Gründe. Die Prioritäten der Sicherheitsbehörden lagen in den 1990er Jahren bei Rechtsextremismus, RAF-Nachfolgestrukturen sowie palästinensischem und kurdischem Extremismus; Deutschland galt in Bezug auf Dschihadisten als Rückzugsraum, das Gefahrenpotenzial wurde unterschätzt. Hinzu kam die Rechtslage: Der heutige § 129b Strafgesetzbuch, der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und deren Unterstützung unter Strafe stellt, existierte noch nicht. Nach damals herrschender Auffassung war eine Strafbarkeit an inländische Organisationen gebunden, sodass die Unterstützung von Al-Qaida im Ausland vielfach folgenlos blieb. Inzwischen ist bereits die Absicht strafbar, sich im Ausland terroristisch ausbilden zu lassen.
Nach den Anschlägen richtete das Bundeskriminalamt mit der Besonderen Aufbauorganisation »USA« seine bis heute größte Sonderkommission ein, in der zeitweise über 600 Ermittler arbeiteten und die allein im ersten Monat mehr als 8.500 Hinweise bearbeitete. Das bislang einzige rechtskräftige Urteil gegen einen Helfer der Attentäter erging in Deutschland: Das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg verurteilte Mounir el-Motassadeq im Januar 2007 zu 15 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen, entsprechend der Zahl der getöteten Passagiere der vier entführten Maschinen. Ein erstes Urteil von Februar 2003 wegen Beihilfe zum Mord in 3.066 Fällen hatte der Bundesgerichtshof aufgehoben. El-Motassadeq wurde am 15. Oktober 2018 nach Marokko abgeschoben und darf bis 2064 nicht nach Deutschland einreisen. Ein Nachspiel hatte die Haftentlassung für die Justiz selbst: Weil die Hamburger Justizverwaltung dem Verurteilten 7.194,43 Euro von seinem Häftlingskonto auszahlte, ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen eines Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz; das Verfahren endete 2019 mit Strafbefehlen gegen mehrere Beamte der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel.
Der mutmaßliche Logistiker der Zelle, der 1975 in Haselünne geborene Said Bahaji, entzog sich der Strafverfolgung. Er flog am 3. September 2001 von Hamburg über Istanbul nach Karachi und verschwand anschließend in der Region Quetta. Zielfahnder des Bundeskriminalamts suchten ihn 2005 gemeinsam mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI erfolglos in den Stammesgebieten. 2009 fand die pakistanische Armee in Waziristan seinen deutschen Pass, 2011 berichtete ein in Pakistan festgenommener Hamburger Islamist den Ermittlern, Bahaji lebe dort unter dem Kampfnamen »Zuhair al-Maghribi« und arbeite für die Propagandaabteilung As-Sahab. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen inzwischen davon aus, dass Bahaji im September 2013 im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ums Leben kam, wohl bei einem Drohnenangriff. Zur Fahndung ausgeschrieben ist er beim Bundeskriminalamt bis heute.
Zammar wiederum wurde im Oktober 2001 in Casablanca festgenommen, von der CIA nach Syrien verschleppt und dort in einem Foltergefängnis in Damaskus inhaftiert. Nach seiner Freilassung schloss er sich dem sogenannten Islamischen Staat an, wurde im April 2018 von kurdischen Kräften gefangen genommen und saß nach Flades Stand von 2021 in Nordsyrien ein; amerikanische Stellen hatten demnach Interesse bekundet, ihn in den Vereinigten Staaten vor Gericht zu stellen.
Flades Bilanz zum Jahrestag fällt nüchtern aus: Hinweise auf die Gefahr existierten, sie blieben ohne Konsequenz, und die Frage nach Fehlern der deutschen Terrorabwehr wurde nie systematisch untersucht. Fünf Jahre später hat dieser Befund Bestand. Eine parlamentarische Untersuchung des deutschen Vorwissens zum 11. September 2001 gibt es bis heute nicht.
Florian Flade (11. September 2021): Der Tod kam auch aus Deutschland. In: Verschlusssache. Online verfügbar unter: LINK