»Der Tod kam auch aus Deutsch­land«: Flo­ri­an Flades Rekon­struk­ti­on des deut­schen Behör­den­wis­sens vor 9/11 im Blog »Ver­schluss­sa­che«

Fünfundzwanzig Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 lohnt der Blick auf eine Recherche zum zwanzigsten Jahrestag. Sie zeichnet nach, wie dicht Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt zeitweise an der Hamburger Zelle waren, und leuchtet aus, warum eine parlamentarische Aufarbeitung bis heute aussteht.

Der auf Sicher­heits­the­men spe­zia­li­sier­te Jour­na­list Flo­ri­an Fla­de ver­öf­fent­lich­te am 11. Sep­tem­ber 2021 auf sei­nem Blog »Ver­schluss­sa­che« eine aus­führ­li­che Rekon­struk­ti­on der deut­schen Spu­ren der Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001. Sein Aus­gangs­punkt: Drei der vier Todes­pi­lo­ten, Moham­med Atta, Mar­wan al-Shehhi und Ziad Jar­rah, gehör­ten zur »Ham­bur­ger Zel­le«. Deren Kern bil­de­te eine Wohn­ge­mein­schaft in der Ham­bur­ger Mari­en­stra­ße 54, in die im Novem­ber 1998 auch Said Baha­ji ein­zog und in der zeit­wei­se Atta, Ram­zi Binal­shibh und al-Shehhi leb­ten. Die Grup­pe hat­te nach Flades Dar­stel­lung zunächst erwo­gen, in den Kau­ka­sus zu zie­hen, und gelang­te schließ­lich in die Aus­bil­dungs­la­ger von Al-Qai­da in Afgha­ni­stan.

Flades zen­tra­le Fest­stel­lung lau­tet: Deut­sche Sicher­heits­be­hör­den kann­ten das Umfeld der spä­te­ren Atten­tä­ter, eine öffent­li­che Auf­ar­bei­tung mög­li­cher Ver­säum­nis­se hat es jedoch nie gege­ben. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nahm 2002 die »Natio­nal Com­mis­si­on on Ter­ro­rist Attacks Upon the United Sta­tes« ihre Arbeit auf und leg­te im Juli 2004 einen 567 Sei­ten star­ken Abschluss­be­richt vor, der auch die Akti­vi­tä­ten der Zel­le in Deutsch­land behan­delt. In der Bun­des­re­pu­blik befass­te sich ledig­lich der BND-Unter­su­chungs­aus­schuss des Bun­des­ta­ges von 2006 bis 2009 mit angren­zen­den Fra­gen. Er unter­such­te die Zeit nach den Anschlä­gen, etwa die Rol­le des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes im Irak­krieg und bei den CIA-Ver­schlep­pungs­flü­gen. Die Erkennt­nis­la­ge der deut­schen Behör­den vor dem 11. Sep­tem­ber 2001 blieb auf jeder par­la­men­ta­ri­schen Ebe­ne unbe­leuch­tet.

Dabei doku­men­tiert Fla­de, wie dicht die Behör­den zeit­wei­se an der Zel­le dran waren. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz star­te­te 1997 die Ope­ra­ti­on »Zart­heit« zur Über­wa­chung des Ham­bur­ger Pre­di­gers Moham­med Hay­dar Zammar, der als Anwer­ber für Al-Qai­da galt und in der Al-Quds-Moschee ver­kehr­te, dem Treff­punkt auch der spä­te­ren Atten­tä­ter. Am 17. Febru­ar 1999 hör­ten die Ver­fas­sungs­schüt­zer ein Tele­fo­nat an Zammars Anschluss mit: Ein Anru­fer erhielt die Aus­kunft, Zammar hal­te sich in Ham­burg-Har­burg bei »Moham­med, Ram­zi und Said« auf, also offen­bar in der Woh­nung in der Mari­en­stra­ße 54. Dem Hin­weis ging der Dienst nach Flades Recher­chen nicht wei­ter nach, weil er damals als wenig rele­vant galt.

Auch das Bun­des­kri­mi­nal­amt hat­te früh Berüh­rungs­punk­te. Im Sep­tem­ber 1998 nah­men deut­sche Ermitt­ler in Mün­chen den Suda­ne­sen Mamd­uh Mah­mud Salim fest, einen Mit­be­grün­der und Finan­zier des Al-Qai­da-Netz­werks, der an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten aus­ge­lie­fert wur­de und dort eine lebens­lan­ge Haft­stra­fe ver­büßt. Eine Kon­to­spur führ­te zu einem deutsch-syri­schen Geschäfts­mann in Ham­burg, der wie­der­um mit Zammar in Ver­bin­dung gestan­den haben soll. Für Fest­nah­men reich­ten die gesam­mel­ten Erkennt­nis­se dem Gene­ral­bun­des­an­walt nicht aus.

Fla­de benennt dafür auch struk­tu­rel­le Grün­de. Die Prio­ri­tä­ten der Sicher­heits­be­hör­den lagen in den 1990er Jah­ren bei Rechts­extre­mis­mus, RAF-Nach­fol­ge­struk­tu­ren sowie paläs­ti­nen­si­schem und kur­di­schem Extre­mis­mus; Deutsch­land galt in Bezug auf Dschi­ha­dis­ten als Rück­zugs­raum, das Gefah­ren­po­ten­zi­al wur­de unter­schätzt. Hin­zu kam die Rechts­la­ge: Der heu­ti­ge § 129b Straf­ge­setz­buch, der Mit­glied­schaft in einer aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung und deren Unter­stüt­zung unter Stra­fe stellt, exis­tier­te noch nicht. Nach damals herr­schen­der Auf­fas­sung war eine Straf­bar­keit an inlän­di­sche Orga­ni­sa­tio­nen gebun­den, sodass die Unter­stüt­zung von Al-Qai­da im Aus­land viel­fach fol­gen­los blieb. Inzwi­schen ist bereits die Absicht straf­bar, sich im Aus­land ter­ro­ris­tisch aus­bil­den zu las­sen.

Nach den Anschlä­gen rich­te­te das Bun­des­kri­mi­nal­amt mit der Beson­de­ren Auf­bau­or­ga­ni­sa­ti­on »USA« sei­ne bis heu­te größ­te Son­der­kom­mis­si­on ein, in der zeit­wei­se über 600 Ermitt­ler arbei­te­ten und die allein im ers­ten Monat mehr als 8.500 Hin­wei­se bear­bei­te­te. Das bis­lang ein­zi­ge rechts­kräf­ti­ge Urteil gegen einen Hel­fer der Atten­tä­ter erging in Deutsch­land: Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg ver­ur­teil­te Mounir el-Motas­sa­deq im Janu­ar 2007 zu 15 Jah­ren Haft wegen Bei­hil­fe zum Mord in 246 Fäl­len, ent­spre­chend der Zahl der getö­te­ten Pas­sa­gie­re der vier ent­führ­ten Maschi­nen. Ein ers­tes Urteil von Febru­ar 2003 wegen Bei­hil­fe zum Mord in 3.066 Fäl­len hat­te der Bun­des­ge­richts­hof auf­ge­ho­ben. El-Motas­sa­deq wur­de am 15. Okto­ber 2018 nach Marok­ko abge­scho­ben und darf bis 2064 nicht nach Deutsch­land ein­rei­sen. Ein Nach­spiel hat­te die Haft­ent­las­sung für die Jus­tiz selbst: Weil die Ham­bur­ger Jus­tiz­ver­wal­tung dem Ver­ur­teil­ten 7.194,43 Euro von sei­nem Häft­lings­kon­to aus­zahl­te, ermit­tel­te die Staats­an­walt­schaft wegen eines Ver­sto­ßes gegen das Außen­wirt­schafts­ge­setz; das Ver­fah­ren ende­te 2019 mit Straf­be­feh­len gegen meh­re­re Beam­te der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Fuhls­büt­tel.

Der mut­maß­li­che Logis­ti­ker der Zel­le, der 1975 in Haselün­ne gebo­re­ne Said Baha­ji, ent­zog sich der Straf­ver­fol­gung. Er flog am 3. Sep­tem­ber 2001 von Ham­burg über Istan­bul nach Kara­chi und ver­schwand anschlie­ßend in der Regi­on Quet­ta. Ziel­fahn­der des Bun­des­kri­mi­nal­amts such­ten ihn 2005 gemein­sam mit dem paki­sta­ni­schen Geheim­dienst ISI erfolg­los in den Stam­mes­ge­bie­ten. 2009 fand die paki­sta­ni­sche Armee in Wazi­ristan sei­nen deut­schen Pass, 2011 berich­te­te ein in Paki­stan fest­ge­nom­me­ner Ham­bur­ger Isla­mist den Ermitt­lern, Baha­ji lebe dort unter dem Kampf­na­men »Zuhair al-Maghri­bi« und arbei­te für die Pro­pa­gan­da­ab­tei­lung As-Sahab. Deut­sche Sicher­heits­be­hör­den gehen inzwi­schen davon aus, dass Baha­ji im Sep­tem­ber 2013 im afgha­nisch-paki­sta­ni­schen Grenz­ge­biet ums Leben kam, wohl bei einem Droh­nen­an­griff. Zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben ist er beim Bun­des­kri­mi­nal­amt bis heu­te.

Zammar wie­der­um wur­de im Okto­ber 2001 in Casa­blan­ca fest­ge­nom­men, von der CIA nach Syri­en ver­schleppt und dort in einem Fol­ter­ge­fäng­nis in Damas­kus inhaf­tiert. Nach sei­ner Frei­las­sung schloss er sich dem soge­nann­ten Isla­mi­schen Staat an, wur­de im April 2018 von kur­di­schen Kräf­ten gefan­gen genom­men und saß nach Flades Stand von 2021 in Nord­sy­ri­en ein; ame­ri­ka­ni­sche Stel­len hat­ten dem­nach Inter­es­se bekun­det, ihn in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten vor Gericht zu stel­len.

Flades Bilanz zum Jah­res­tag fällt nüch­tern aus: Hin­wei­se auf die Gefahr exis­tier­ten, sie blie­ben ohne Kon­se­quenz, und die Fra­ge nach Feh­lern der deut­schen Ter­ror­ab­wehr wur­de nie sys­te­ma­tisch unter­sucht. Fünf Jah­re spä­ter hat die­ser Befund Bestand. Eine par­la­men­ta­ri­sche Unter­su­chung des deut­schen Vor­wis­sens zum 11. Sep­tem­ber 2001 gibt es bis heu­te nicht.


Flo­ri­an Fla­de (11. Sep­tem­ber 2021): Der Tod kam auch aus Deutsch­land. In: Ver­schluss­sa­che. Online ver­füg­bar unter: LINK