Geschich­te und Zukunft der »Blau­en Moschee« in Ham­burg

Dr. Necla Kelek, Vorsitzende des Vereins Säkularer Islam Hamburg, erinnert in diesem Artikel an die Geschichte und Bedeutung des verbotenen Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) – und erklärt, warum die Blaue Moschee nie wieder ein Zentrum des Politischen Islam werden darf. Der Text basiert auf ihrem Vortrag »Das IZH-Verbot – Rückblick, aktueller Sachstand und offene Fragen«, gehalten am 24. Juli 2025 bei der Veranstaltung »Ein Jahr IZH-Verbot – Bilanz und Perspektiven« in Hamburg.

Das Isla­mi­sche Zen­trum Ham­burg, kurz IZH, wur­de vor einem Jahr vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um geschlos­sen. Das war eine rich­ti­ge Akti­on der sonst so zöger­li­chen dama­li­gen Bun­des­re­gie­rung. Sie ent­spricht einer For­de­rung unse­res Ver­eins Säku­la­rer Islam. Ich möch­te Ihnen kurz die poli­ti­sche Lage und die Vor­ge­schich­te der Ent­schei­dung erläu­tern und dar­le­gen, war­um dies für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Ham­burg und die in der Bun­des­re­pu­blik leben­den Mus­li­me eine gute Ent­schei­dung war.

Wofür wir ste­hen

Zunächst zu unse­rem Ver­ein: Unser Ver­ein „Ver­ein Säku­la­rer Islam“, gegrün­det 2020, möch­te eine Stim­me in Ham­burg und für Säku­la­ris­mus sein.

War­um? Erst die Säku­la­ri­sie­rung hat Demo­kra­tie und Reli­gi­ons­frei­heit – somit auch reli­giö­se Viel­falt – über­haupt ermög­licht. Damit ver­bun­den ist die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on.

Reli­gi­on ist ein Men­schen­recht, basie­rend auf unse­rem Grund­ge­setz und der dar­in garan­tier­ten Reli­gi­ons­frei­heit. Dies bedeu­tet: Jeder Mensch hat ein Recht, reli­gi­ös-spi­ri­tu­ell zu leben und zu glau­ben; es beinhal­tet genau­so das Recht, nicht zu glau­ben und reli­gi­ös kri­tisch zu sein.

Der Ham­bur­ger Staats­ver­trag und sei­ne blin­den Fle­cken

Wir sind als Ver­ein kri­tisch gegen­über den Moscheen, die vom Aus­land finan­ziert und poli­tisch ange­lei­tet wer­den, vom Ham­bur­ger Senat und der Bür­ger­schaft mit einem Staats­ver­trag vor über zehn Jah­ren fak­tisch in den Sta­tus von aner­kann­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten erho­ben wur­den und Ansprech­part­ner der Exe­ku­ti­ve in Sachen isla­mi­sches Leben in Ham­burg sind.

Wir haben die nach zehn Jah­ren anste­hen­de Eva­lu­ie­rung des Staats­ver­tra­ges zum Anlass genom­men, die­se Kon­struk­ti­on öffent­lich kri­tisch zu hin­ter­fra­gen.

Uns feh­len The­men wie ernst­zu­neh­men­de Inte­gra­ti­on, Anti­se­mi­tis­mus, Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau oder Kin­der­rech­te. Und dass die Stadt sich mit Lip­pen­be­kennt­nis­sen der Ver­ei­ne und Ver­bän­de begnügt – obwohl sich neben, mit und unter dem Schutz des Staats­ver­trags in Ham­burg eine isla­mis­ti­sche Sze­ne – Stich­wort Mus­lim Inter­ak­tiv – ent­wi­ckeln konn­te, der es mühe­los gelingt, inner­halb einer Woche 2.000 Demons­tran­ten für ein Kali­fat auf die Stra­ße zu brin­gen.

Statt Sor­ge und Anfor­de­rung steht im neu­en Koali­ti­ons­ver­trag des Senats ein gro­ßes Lob für die lan­ge gute Zusam­men­ar­beit – für ein fried­li­ches, tole­ran­tes Zusam­men­le­ben!

Für uns ist es offen­sicht­lich, dass der Senat sich mit den Pro­ble­men des Poli­ti­schen Islam und des Isla­mis­mus nicht wirk­lich aus­ein­an­der­set­zen will. Das wird auch in der Hal­tung zum IZH und der „Blau­en Moschee“ und ihrer Geschich­te deut­lich.

Der Weg zum Ver­bot

Wir haben mit Demons­tra­tio­nen vor der Moschee immer wie­der auf die Funk­ti­on des IZH als Außen­stel­le des Irans hin­ge­wie­sen und letzt­lich nicht nur CDU und FDP, son­dern auch Tei­le der Grü­nen und der SPD gewon­nen, sich gegen eine Zusam­men­ar­beit mit dem IZH zu posi­tio­nie­ren. Um den Staats­ver­trag nicht zu gefähr­den, dräng­ten die ande­ren SCHURA-Ver­bän­de das IZH, die Mit­glied­schaft in der SCHURA ruhen zu las­sen. Das IZH klag­te dage­gen, im Ham­bur­ger Ver­fas­sungs­schutz­be­richt erwähnt und als vom Iran gesteu­er­te Orga­ni­sa­ti­on benannt zu wer­den – und ver­lor.

Mit der Ermor­dung von Jina Mah­sa Ami­ni im Sep­tem­ber 2022 wur­de der Wider­stand unter dem Slo­gan „Frau­en – Leben – Frei­heit“ gegen das Mul­lah-Regime grö­ßer, und die For­de­rung, das IZH zu schlie­ßen – d. h. den poli­ti­schen Ein­fluss zu been­den – wur­de immer lau­ter und schließ­lich auch von den ver­ant­wort­li­chen Poli­ti­kern der SPD, wie dem Ham­bur­ger Bür­ger­meis­ter Tsch­ent­scher und der Innen­mi­nis­te­rin Nan­cy Fae­ser, in Taten umge­setzt. Das IZH wur­de im Juli 2024 geschlos­sen.

Die Blaue Moschee: Schalt­zen­tra­le des ira­ni­schen Isla­mis­mus

Die Imam-Ali-Moschee, genannt die Blaue Moschee an der Schö­nen Aus­sicht an Ham­burgs Außen­als­ter, ist nicht irgend­ei­ne Moschee.

Das beein­dru­cken­de Gebäu­de wur­de in den 1960er Jah­ren mit Unter­stüt­zung des deut­schen Kon­ver­ti­ten Abdul­ka­rim Grimm (Uren­kel eines der Brü­der Grimm) von schii­ti­schen Mus­li­men – meist Kauf­leu­ten und Stu­den­ten – mit Geneh­mi­gung der theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le in Ghom (Iran, süd­lich von Tehe­ran) geplant und finan­ziert. Von Beginn an waren hohe Wür­den­trä­ger des schii­ti­schen Islam aus dem Iran Ima­me an der Als­ter – wie Moham­mad Behesch­ti, IZH-Lei­ter von 1965 bis 1970.

Er wur­de nach der Revo­lu­ti­on zum Obers­ten Rich­ter Irans ernannt und war dar­an betei­ligt, die Scha­ria mit ihren frau­en­feind­li­chen Vor­schrif­ten durch­zu­set­zen. Wie der Spie­gel sei­ner­zeit recher­chier­te, benutz­te er sein Amt, um Fami­li­en ver­ur­teil­ter Regime­geg­ner Schmier­gel­der abzu­pres­sen und die Delin­quen­ten dann doch hin­rich­ten zu las­sen. In der Fol­ge ließ er meh­re­re Mil­lio­nen Mark über die Bank Mel­li Iran dem IZH gut­schrei­ben, die anschlie­ßend von einem Ver­trau­ten Behesch­tis auf ein Kon­to bei einer deut­schen Bank wei­ter­ge­lei­tet wur­den.

Moham­mad Chā­ta­mi, IZH-Lei­ter von 1978 bis 1980, stieg 1997 zum ira­ni­schen Staats­prä­si­den­ten auf. Unter sei­ner Lei­tung wur­den in Ham­burg, in der Blau­en Moschee, die Scha­ria-Geset­ze – vor allem das Gebot der Zwangs­ver­schleie­rung von Frau­en – aus­ge­ar­bei­tet, die dann aus­ge­rech­net am 8. März 1979 von Kho­mei­ni in einer Rede öffent­lich ver­kün­det wur­den.

Die Stel­lung des Vor­be­ters in der Imam-Ali-Moschee war von Beginn an die wich­tigs­te Posi­ti­on des schii­ti­schen Islam in Euro­pa – und für alle ein Kar­rie­re­sprung­brett.

Vom IZH aus wur­de ein gro­ßes Netz­werk des Iran-Regimes orga­ni­siert: Schu­len, Aka­de­mien, Sport­ver­ei­ne wur­den ein­ge­rich­tet, finan­ziert und kon­trol­liert. Über das IZH wur­de die Zusam­men­ar­beit mit isla­mis­ti­schen Ver­bün­de­ten im Nahen Osten orga­ni­siert, Spen­den akqui­riert, der Al-Quds-Tag in Ber­lin initi­iert. Über das IZH wur­den aus dem Iran Geflüch­te­te über­wacht, bespit­zelt und bedroht.

Der „Mus­lim-Markt“ der Brü­der Özo­guz, der klein­krä­me­ri­sche Arm des Mul­lah-Regimes, ver­sorgt die Umma mit dem nöti­gen ideo­lo­gi­schen wie schlei­er­haf­ten Out­fit.

Das IZH war – und sei­ne Neben­or­ga­ni­sa­tio­nen sind es noch – Teil des orga­ni­sier­ten Poli­ti­schen Islam in Deutsch­land.
Das Isla­mi­sche Zen­trum Mün­chen, das IZH und die aus dem IZH her­vor­ge­gan­ge­ne „Isla­mi­sche Gemein­schaft der schii­ti­schen Gemein­den Deutsch­lands“ (IGS) sind im „Zen­tral­rat der Mus­li­me in Deutsch­land“ (ZMD) ver­tre­ten.

Der Bun­des­ver­fas­sungs­schutz ord­ne­te erst­mals offi­zi­ell im Jahr 2020 den ZMD-Mit­glieds­ver­band – zugleich Grün­dungs­mit­glied des ZMD – ATIB (Uni­on der Tür­kisch-Isla­mi­schen Kul­tur­ver­ei­ne in Euro­pa) der tür­kisch-rechts­extre­men Ülkü­cü-Bewe­gung, den „Grau­en Wöl­fen“, zu.

Beim letz­ten, inzwi­schen aus­ge­wie­se­nen Lei­ter des IZH, Moham­mad Hadi Mofatteh, wur­den bei der Ein­rei­se umfang­rei­che poli­ti­sche Anwei­sun­gen des „Obers­ten Füh­rers“ beschlag­nahmt.

Ein Ort für Erin­ne­rung, Viel­falt und Frei­heit – nicht für poli­ti­schen Miss­brauch

Aktu­ell ist die Blaue Moschee bis zum heu­ti­gen Tag geschlos­sen, das Ver­eins­ver­mö­gen ein­ge­zo­gen. Die Staats­an­walt­schaft sich­tet das in der Moschee beschlag­nahm­te Mate­ri­al. Gegen das Ver­bots­ver­fah­ren hat das IZH Kla­ge vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­reicht. Wann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dar­über ent­schei­det? Unklar. Es kann Jah­re dau­ern.

Nötig ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung, die sich ein­deu­tig gegen den poli­ti­schen Miss­brauch von Reli­gi­on und reli­giö­sen Sym­bo­len wen­det.

Das Isla­mi­sche Zen­trum Ham­burg muss Geschich­te sein.

Die Blaue Moschee muss ein Ort der Mah­nung für die Frei­heit und die Men­schen­rech­te wer­den
– an dem an die Opfer des reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus gedacht wird, deren pro­mi­nen­tes­tes Opfer Jina Mah­sa Ami­ni ist. Ihr Name steht für die Bewe­gung »Frau­en – Leben – Frei­heit«.
– ein Ort, an dem die gro­ße kul­tu­rel­le Viel­falt der ira­ni­schen Völ­ker und Kul­tu­ren einen Platz fin­det, an dem gefei­ert und dis­ku­tiert wird, und ein Ort, an dem auch am Frei­tag gebe­tet wer­den kann.
– Die Behaup­tung, die Mus­li­me hät­ten kei­nen Platz zum Beten in Ham­burg und for­der­ten des­halb die Öff­nung der Moschee, ist nicht rich­tig.
– Es gibt in Ham­burg offi­zi­ell 66 Moscheen und Gebets­räu­me. Nie­mand ver­bie­tet irgend­je­man­dem das Beten oder Gläu­bi­gen den Got­tes­dienst.

Die Blaue Moschee soll­te als Kul­tur­in­sti­tu­ti­on – unter wel­cher Auf­sicht auch immer – nie wie­der ein Zen­trum des Poli­ti­schen Islam sein.

Dr. Necla Kelek ist Vor­sit­zen­de des Ver­eins Säku­la­rer Islam Ham­burg (VSIHH)

Video des Vor­trags von Dr. Necla Kelek: Das IZH-Ver­bot – Rück­blick, aktu­el­ler Sach­stand und offe­ne Fra­gen