Gül­den Hen­ne­mann im Cice­ro-Pod­cast: Lega­lis­ti­scher Isla­mis­mus als unter­schätz­te Gefahr

Gülden Hennemann warnt im Cicero-Podcast vor legalistischem Islamismus. Sie spricht über innermuslimische Ausgrenzung und Deutungsansprüche von Ahmadiyya, Muslimbruderschaft und IGMG sowie darüber, wie islamistische Milieus insbesondere seit 2015 durch Einwanderung aus dem arabischen Raum an Einfluss gewonnen haben – und warum der Staat diesen Entwicklungen bislang nur unzureichend begegnet.

Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Gül­den Hen­ne­mann warnt im Cice­ro-Pod­cast vor einer gefähr­li­chen Fehl­ein­schät­zung: Die Gefah­ren des gewalt­för­mi­gen Extre­mis­mus sei­en all­ge­mein bekannt, aber zu oft wür­den jene For­men des Isla­mis­mus igno­riert, die lang­fris­tig gesell­schaft­li­che Nor­men in ein extre­mis­ti­sches Spek­trum ver­schie­ben und Kri­tik sys­te­ma­tisch unter­drü­cken wol­len.

Sie berich­tet unter ande­rem von ihrer Ernen­nung als Mit­glied des BMI-Bera­ter­krei­ses zur Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on und Isla­mis­mus­be­kämp­fung im Novem­ber 2025. Ein Imam der Ahma­di­y­ya Mus­lim Jamaat Deutsch­land KdöR eti­ket­tier­te sie und ande­re mus­li­mi­sche Mit­glie­der des BMI-Bera­ter­krei­ses öffent­lich als »Ungläu­bi­ge« und sprach ihnen das Mus­lim­sein ab. Die Äuße­rung wirft ein Schlag­licht auf inner­is­la­mi­sche Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men mit Gewalt­po­ten­zi­al und auf ein pro­ble­ma­ti­sches Reli­gi­ons­ver­ständ­nis, das reli­giö­se Deu­tungs­ho­heit im poli­ti­schen Kon­text bean­sprucht.

Zugleich ver­weist Hen­ne­mann auf orga­ni­sier­te isla­mis­ti­sche Akteu­re wie die Mus­lim­bru­der­schaft und die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG), die in den Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten als extre­mis­ti­sche, ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen benannt wer­den. Den­noch wür­den sie wei­ter­hin häu­fig im poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Raum als legi­ti­me Ansprech­part­ner auf­ge­wer­tet.

Aus eige­ner fami­liä­rer und beruf­li­cher Erfah­rung beschreibt sie, wie reli­giö­se Mar­ker eines Kopf­tu­ches und wie reli­giö­se Zuschrei­bun­gen als Macht­in­stru­ment ein­ge­setzt wer­den, wie sich Stadt­vier­tel in Deutsch­land ins­be­son­de­re durch Ein­wan­de­rung aus dem ara­bi­schen Raum seit 2015 atmo­sphä­risch ver­än­dert haben und zuneh­mend an die Ban­lieues in Paris oder bestimm­te mus­li­mi­sche Quar­tie­re in Brüs­sel erin­nern.

Aus­ge­wähl­te Pas­sa­gen aus dem Pod­cast

»Das Label ›ungläu­big‹ ist gefähr­lich« (Min. 17:43)

»Die­ses Label ›ungläu­big‹ ist gefähr­lich, weil das heißt letzt­end­lich nichts ande­res für die Com­mu­ni­ty da drau­ßen, vor allem wenn es eine Auto­ri­täts­per­son sagt: Du bist zum Abschuss eigent­lich frei­ge­ge­ben. Und das fin­de ich sehr ver­ant­wor­tungs­los. Gleich­zei­tig freue ich mich aber, dass man­che jetzt ihr wah­res Gesicht zei­gen, weil dadurch für jeden sicht­bar wird, wel­ches Islam­ver­ständ­nis sich in Deutsch­land inzwi­schen ver­brei­tet hat.

Und des­we­gen habe ich für mich ent­schie­den, aus der Anony­mi­tät her­aus­zu­tre­ten – auch aus der Anony­mi­tät, die mir mei­ne Tätig­keit vor allem beim Ver­fas­sungs­schutz, teil­wei­se auch im Bereich des Jus­tiz­voll­zugs, ermög­licht hat – und mich ganz bewusst öffent­lich zu posi­tio­nie­ren. Ins­be­son­de­re als Frau, auch mit dem Teil der Iden­ti­tät der Mus­li­min, und zu sagen: Hey, es gibt noch ande­re Varia­tio­nen die­ser Reli­gi­on, und wir haben genau­so ein Daseins­recht. Und wir wis­sen genau­so gut, wie unse­re Reli­gi­on aus­ge­lebt wer­den kann. Es gibt nicht nur die­sen einen Weg.«

Wahr­nehm­ba­re Ver­än­de­run­gen im öffent­li­chen Raum (Min. 35:12)

»Ich unter­stüt­ze Kol­le­gen von den Sicher­heits­be­hör­den auch fach­lich, in Form von Schu­lun­gen, und bin mit ihnen dann durch Neu­kölln gelau­fen. Ich habe gesagt: Ach­tet mal dar­auf, was ihr emp­fin­det, was ihr fühlt, wel­che atmo­sphä­ri­schen Schwin­gun­gen ihr wahr­nehmt.

Und man kann wirk­lich vom May­bach­ufer bis zum Ende der Son­nen­al­lee einen kom­plet­ten Wan­del sehen – nicht nur sehen, son­dern auch wirk­lich spü­ren. Ver­ein­facht gesagt: Der tür­kisch gepräg­te Teil die­ser Stre­cke war noch okay. Dann nähert man sich dem Her­mann­platz, und es ändert sich.

Der Teil von Neu­kölln, der sehr ara­bisch geprägt ist – ich habe dort Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al gese­hen, das wir so bis­lang nicht kann­ten, in Geschäf­ten. Wir sind auch hin­ein­ge­gan­gen, und ich dach­te: Das gibt es doch nicht, dass ich so etwas mit­ten in Ber­lin sehe.«

Lega­lis­ti­scher Isla­mis­mus als unter­schätz­te Gefahr (Min. 54:05)

»Ich wür­de mir wün­schen, dass wir nicht nur auf den Gewalt­aspekt des »Poli­ti­schen Islam« ach­ten, son­dern auch auf das, was durch gesell­schaft­lich-poli­ti­sches Enga­ge­ment den Nähr­bo­den bil­det.

Dazu gehö­ren aus mei­ner Sicht die IGMG und die Mus­lim­bru­der­schaft – zwei der größ­ten Bewe­gun­gen, die wei­ter­hin sehr aktiv sind und es auch blei­ben wer­den, über die teil­wei­se viel zu wenig dis­ku­tiert wird. Ich glau­be, das liegt auch dar­an, dass vie­le gar nicht ver­ste­hen, was an ihnen so isla­mis­tisch ist, weil sie nach außen immer als per­fek­te Ansprech­part­ner gel­ten.

Ich sage immer: Wie kommt man auf die Idee, mit sol­chen Leu­ten auf Augen­hö­he spre­chen zu wol­len und sie als Koope­ra­ti­ons­part­ner für staat­li­che Ebe­nen zu sehen? Bei rechts­extre­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen wür­de man kei­ne fünf Sekun­den dar­über nach­den­ken, ob man mit ihnen zusam­men­ar­bei­tet oder nicht.«

Gül­den Hen­ne­mann im Cice­ro-Pod­cast | 22.01.2026 | 1:00:35 Min.