Die Politikwissenschaftlerin Gülden Hennemann warnt im Cicero-Podcast vor einer gefährlichen Fehleinschätzung: Die Gefahren des gewaltförmigen Extremismus seien allgemein bekannt, aber zu oft würden jene Formen des Islamismus ignoriert, die langfristig gesellschaftliche Normen in ein extremistisches Spektrum verschieben und Kritik systematisch unterdrücken wollen.
Sie berichtet unter anderem von ihrer Ernennung als Mitglied des BMI-Beraterkreises zur Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung im November 2025. Ein Imam der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland KdöR etikettierte sie und andere muslimische Mitglieder des BMI-Beraterkreises öffentlich als »Ungläubige« und sprach ihnen das Muslimsein ab. Die Äußerung wirft ein Schlaglicht auf innerislamische Ausgrenzungsmechanismen mit Gewaltpotenzial und auf ein problematisches Religionsverständnis, das religiöse Deutungshoheit im politischen Kontext beansprucht.
Zugleich verweist Hennemann auf organisierte islamistische Akteure wie die Muslimbruderschaft und die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die in den Verfassungsschutzberichten als extremistische, verfassungsfeindliche Bestrebungen benannt werden. Dennoch würden sie weiterhin häufig im politischen und gesellschaftlichen Raum als legitime Ansprechpartner aufgewertet.
Aus eigener familiärer und beruflicher Erfahrung beschreibt sie, wie religiöse Marker eines Kopftuches und wie religiöse Zuschreibungen als Machtinstrument eingesetzt werden, wie sich Stadtviertel in Deutschland insbesondere durch Einwanderung aus dem arabischen Raum seit 2015 atmosphärisch verändert haben und zunehmend an die Banlieues in Paris oder bestimmte muslimische Quartiere in Brüssel erinnern.
Ausgewählte Passagen aus dem Podcast
»Das Label ›ungläubig‹ ist gefährlich« (Min. 17:43)
»Dieses Label ›ungläubig‹ ist gefährlich, weil das heißt letztendlich nichts anderes für die Community da draußen, vor allem wenn es eine Autoritätsperson sagt: Du bist zum Abschuss eigentlich freigegeben. Und das finde ich sehr verantwortungslos. Gleichzeitig freue ich mich aber, dass manche jetzt ihr wahres Gesicht zeigen, weil dadurch für jeden sichtbar wird, welches Islamverständnis sich in Deutschland inzwischen verbreitet hat.
Und deswegen habe ich für mich entschieden, aus der Anonymität herauszutreten – auch aus der Anonymität, die mir meine Tätigkeit vor allem beim Verfassungsschutz, teilweise auch im Bereich des Justizvollzugs, ermöglicht hat – und mich ganz bewusst öffentlich zu positionieren. Insbesondere als Frau, auch mit dem Teil der Identität der Muslimin, und zu sagen: Hey, es gibt noch andere Variationen dieser Religion, und wir haben genauso ein Daseinsrecht. Und wir wissen genauso gut, wie unsere Religion ausgelebt werden kann. Es gibt nicht nur diesen einen Weg.«
Wahrnehmbare Veränderungen im öffentlichen Raum (Min. 35:12)
»Ich unterstütze Kollegen von den Sicherheitsbehörden auch fachlich, in Form von Schulungen, und bin mit ihnen dann durch Neukölln gelaufen. Ich habe gesagt: Achtet mal darauf, was ihr empfindet, was ihr fühlt, welche atmosphärischen Schwingungen ihr wahrnehmt.
Und man kann wirklich vom Maybachufer bis zum Ende der Sonnenallee einen kompletten Wandel sehen – nicht nur sehen, sondern auch wirklich spüren. Vereinfacht gesagt: Der türkisch geprägte Teil dieser Strecke war noch okay. Dann nähert man sich dem Hermannplatz, und es ändert sich.
Der Teil von Neukölln, der sehr arabisch geprägt ist – ich habe dort Propagandamaterial gesehen, das wir so bislang nicht kannten, in Geschäften. Wir sind auch hineingegangen, und ich dachte: Das gibt es doch nicht, dass ich so etwas mitten in Berlin sehe.«
Legalistischer Islamismus als unterschätzte Gefahr (Min. 54:05)
»Ich würde mir wünschen, dass wir nicht nur auf den Gewaltaspekt des »Politischen Islam« achten, sondern auch auf das, was durch gesellschaftlich-politisches Engagement den Nährboden bildet.
Dazu gehören aus meiner Sicht die IGMG und die Muslimbruderschaft – zwei der größten Bewegungen, die weiterhin sehr aktiv sind und es auch bleiben werden, über die teilweise viel zu wenig diskutiert wird. Ich glaube, das liegt auch daran, dass viele gar nicht verstehen, was an ihnen so islamistisch ist, weil sie nach außen immer als perfekte Ansprechpartner gelten.
Ich sage immer: Wie kommt man auf die Idee, mit solchen Leuten auf Augenhöhe sprechen zu wollen und sie als Kooperationspartner für staatliche Ebenen zu sehen? Bei rechtsextremistischen Gruppierungen würde man keine fünf Sekunden darüber nachdenken, ob man mit ihnen zusammenarbeitet oder nicht.«
Gülden Hennemann im Cicero-Podcast | 22.01.2026 | 1:00:35 Min.