Die Autoren bilanzieren Erfolge, Fehlschläge und verpasste Gelegenheiten des »War on Terror«; eines Kampfes, der bis heute andauert. Für Deutschland schreibt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP Berlin). Sein Beitrag trägt den Titel »Germany Is a New Epicenter of Jihadist Terrorism in Europe« und fällt in der Darstellung nüchtern, in der Sache alarmierend aus.
Von wenigen Dutzend zu mehr als tausend Dschihadisten
Steinberg zeichnet zunächst die quantitative Entwicklung nach. Die Zahl der Dschihadisten aus und in Deutschland stieg von einigen Dutzend im Jahr 2001 auf einen Höchststand von mehr als tausend Anfang der 2010er Jahre und bleibt auf weiterhin hohem Stand in den 2020er Jahren. Parallel wuchs die Zahl der Anschlagspläne, von denen die Behörden viele vereitelten, darunter die Sauerland-Gruppe von 2007. Er beschreibt, wie das Land seit der Migrationskrise eine Anschlagswelle erlebte, die im Dezember 2016 jenes Jahres in dem Breitscheidplatz-Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt vorläufig gipfelte.
Als Treiber dieser Radikalisierung benennt Steinberg das Entstehen neuer Rekrutierungspools, die historisch jeweils auf den Beginn von Kriegen in der muslimischen Welt folgten: Tschetschenien 1999, Afghanistan 2001, Irak 2003, Somalia 2006. Der Bürgerkrieg in Syrien bewog nach seiner Zählung schließlich mehr als tausend junge Muslime aus Deutschland, sich dschihadistischen Organisationen im Kampf gegen das Assad-Regime anzuschließen, darunter dem »Islamischen Staat«.
Migrationspolitischer Kontrollverlust und Anschlagswellen
Bis in die späten Nullerjahre lag Deutschland bei der dschihadistischen Mobilisierung weit hinter seinen europäischen Nachbarn; nach 2014 rangierte es an zweiter Stelle hinter Frankreich. Bemerkenswert ist Steinbergs Befund zu den Tätern der Welle von 2016: Viele Fachleute hatten Rückkehrer aus Syrien und dem Irak als größte Gefahr eingestuft. Tatsächlich gingen die Anschläge überwiegend auf Flüchtlinge zurück, die kurz zuvor aus dem Nahen Osten und Nordafrika eingereist waren. Mitte der 2010er Jahre öffnete Deutschland seine Grenzen für mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aus Kriegsländern wie Afghanistan, Irak und Syrien; dieser Zuzug hat die dschihadistische Szene nach Steinbergs Analyse gestärkt.
2017 und 2018 entspannte sich die Lage deutlich, weil der »Islamische Staat« im Irak und in Syrien unter massiven Druck geriet und die europäischen Sicherheitsbehörden die Bedrohung in den Griff bekamen. Genau darin sieht Steinberg eine mögliche Erklärung dafür, dass die folgenden Bundesregierungen den Zusammenhang zwischen Konflikten in der muslimischen Welt, dschihadistischen Organisationen und der Radikalisierung in Europa weiter ignorierten. Seit 2016 wurden die meisten dschihadistischen Anschläge in Deutschland von Flüchtlingen aus nahöstlichen Konfliktzonen verübt, vor allem aus Syrien. Dieser Trend trat mit einer neuen Anschlagswelle ab 2020 offen zutage, die sich 2022 und 2023 verschärfte. Von den Attentätern und Planern war lediglich eine Minderheit in Deutschland geboren oder hier aufgewachsen.
Prognose: Keine Kontrolle über das dschihadistische Terrormilieu ohne energischere innenpolitische Sicherheitskampagne
Die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz geht nach Steinbergs Darstellung hart gegen dschihadistische Flüchtlinge vor. Die Bedrohung werde dennoch auf absehbare Zeit bestehen bleiben, schon weil der Zuzug aus Afghanistan, Irak und Syrien in den frühen 2020er Jahren anhielt. Darunter befanden sich Hunderte ehemalige Kämpfer des »Islamischen Staats« aus dem Irak, die 2022 und 2023 nach Deutschland kamen. Steinbergs Schlusssatz lässt an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig: Ohne eine weit energischere innenpolitische Sicherheitskampagne werde Deutschland die Kontrolle über das dschihadistische Terrormilieu verfehlen. Für die deutsche Debatte liefert er damit eine Diagnose, die den Zusammenhang von Fluchtbewegungen und Anschlagsgeschehen ins Zentrum rückt und die Politik der vergangenen Jahre als zögerlich bewertet.
Guido Steinberg (8. September 2026): Germany Is a New Epicenter of Jihadist Terrorism in Europe. Beitrag in: The War on Terrorism. Global Experts Reflect on Lessons Learned Twenty-Five Years After 9/11. In: Council on Foreign Relations (Reihe »Global Perspectives«). Online verfügbar unter: LINK