Gui­do Stein­berg zum 25. Jah­res­tag von 9/11: Deutsch­land ist zum neu­en Epi­zen­trum des dschi­ha­dis­ti­schen Ter­ro­ris­mus in Euro­pa gewor­den

Zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 hat der Council on Foreign Relations (CFR) am 8. September 2026 unter dem Titel »The War on Terrorism: Global Experts Reflect on Lessons Learned Twenty-Five Years After 9/11« Einschätzungen von Guido Steinberg von der Berliner SWP sowie von fünfzehn weiteren Fachleuten aus fünfzehn Ländern versammelt.
Die am 11. September 2001 am Ground Zero gehisste US-Flagge, ausgestellt im 9/11 Memorial and Museum in New York (Bild: AK Polis, September 2026, frei zur redaktionellen Verwendung)

Die Autoren bilan­zie­ren Erfol­ge, Fehl­schlä­ge und ver­pass­te Gele­gen­hei­ten des »War on Ter­ror«; eines Kamp­fes, der bis heu­te andau­ert. Für Deutsch­land schreibt Gui­do Stein­berg von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP Ber­lin). Sein Bei­trag trägt den Titel »Ger­ma­ny Is a New Epi­cen­ter of Jiha­dist Ter­ro­rism in Euro­pe« und fällt in der Dar­stel­lung nüch­tern, in der Sache alar­mie­rend aus.

Von weni­gen Dut­zend zu mehr als tau­send Dschi­ha­dis­ten

Stein­berg zeich­net zunächst die quan­ti­ta­ti­ve Ent­wick­lung nach. Die Zahl der Dschi­ha­dis­ten aus und in Deutsch­land stieg von eini­gen Dut­zend im Jahr 2001 auf einen Höchst­stand von mehr als tau­send Anfang der 2010er Jah­re und bleibt auf wei­ter­hin hohem Stand in den 2020er Jah­ren. Par­al­lel wuchs die Zahl der Anschlags­plä­ne, von denen die Behör­den vie­le ver­ei­tel­ten, dar­un­ter die Sau­er­land-Grup­pe von 2007. Er beschreibt, wie das Land seit der Migra­ti­ons­kri­se eine Anschlags­wel­le erleb­te, die im Dezem­ber 2016 jenes Jah­res in dem Breit­scheid­platz-Anschlag auf einen Ber­li­ner Weih­nachts­markt vor­läu­fig gip­fel­te.

Als Trei­ber die­ser Radi­ka­li­sie­rung benennt Stein­berg das Ent­ste­hen neu­er Rekru­tie­rungs­pools, die his­to­risch jeweils auf den Beginn von Krie­gen in der mus­li­mi­schen Welt folg­ten: Tsche­tsche­ni­en 1999, Afgha­ni­stan 2001, Irak 2003, Soma­lia 2006. Der Bür­ger­krieg in Syri­en bewog nach sei­ner Zäh­lung schließ­lich mehr als tau­send jun­ge Mus­li­me aus Deutsch­land, sich dschi­ha­dis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen im Kampf gegen das Assad-Regime anzu­schlie­ßen, dar­un­ter dem »Isla­mi­schen Staat«.

Migra­ti­ons­po­li­ti­scher Kon­troll­ver­lust und Anschlags­wel­len

Bis in die spä­ten Nuller­jah­re lag Deutsch­land bei der dschi­ha­dis­ti­schen Mobi­li­sie­rung weit hin­ter sei­nen euro­päi­schen Nach­barn; nach 2014 ran­gier­te es an zwei­ter Stel­le hin­ter Frank­reich. Bemer­kens­wert ist Stein­bergs Befund zu den Tätern der Wel­le von 2016: Vie­le Fach­leu­te hat­ten Rück­keh­rer aus Syri­en und dem Irak als größ­te Gefahr ein­ge­stuft. Tat­säch­lich gin­gen die Anschlä­ge über­wie­gend auf Flücht­lin­ge zurück, die kurz zuvor aus dem Nahen Osten und Nord­afri­ka ein­ge­reist waren. Mit­te der 2010er Jah­re öff­ne­te Deutsch­land sei­ne Gren­zen für mehr als zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge aus Kriegs­län­dern wie Afgha­ni­stan, Irak und Syri­en; die­ser Zuzug hat die dschi­ha­dis­ti­sche Sze­ne nach Stein­bergs Ana­ly­se gestärkt.

2017 und 2018 ent­spann­te sich die Lage deut­lich, weil der »Isla­mi­sche Staat« im Irak und in Syri­en unter mas­si­ven Druck geriet und die euro­päi­schen Sicher­heits­be­hör­den die Bedro­hung in den Griff beka­men. Genau dar­in sieht Stein­berg eine mög­li­che Erklä­rung dafür, dass die fol­gen­den Bun­des­re­gie­run­gen den Zusam­men­hang zwi­schen Kon­flik­ten in der mus­li­mi­schen Welt, dschi­ha­dis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen und der Radi­ka­li­sie­rung in Euro­pa wei­ter igno­rier­ten. Seit 2016 wur­den die meis­ten dschi­ha­dis­ti­schen Anschlä­ge in Deutsch­land von Flücht­lin­gen aus nah­öst­li­chen Kon­flikt­zo­nen ver­übt, vor allem aus Syri­en. Die­ser Trend trat mit einer neu­en Anschlags­wel­le ab 2020 offen zuta­ge, die sich 2022 und 2023 ver­schärf­te. Von den Atten­tä­tern und Pla­nern war ledig­lich eine Min­der­heit in Deutsch­land gebo­ren oder hier auf­ge­wach­sen.

Pro­gno­se: Kei­ne Kon­trol­le über das dschi­ha­dis­ti­sche Ter­ror­mi­lieu ohne ener­gi­sche­re innen­po­li­ti­sche Sicher­heits­kam­pa­gne

Die Regie­rung von Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz geht nach Stein­bergs Dar­stel­lung hart gegen dschi­ha­dis­ti­sche Flücht­lin­ge vor. Die Bedro­hung wer­de den­noch auf abseh­ba­re Zeit bestehen blei­ben, schon weil der Zuzug aus Afgha­ni­stan, Irak und Syri­en in den frü­hen 2020er Jah­ren anhielt. Dar­un­ter befan­den sich Hun­der­te ehe­ma­li­ge Kämp­fer des »Isla­mi­schen Staats« aus dem Irak, die 2022 und 2023 nach Deutsch­land kamen. Stein­bergs Schluss­satz lässt an Deut­lich­keit wenig zu wün­schen übrig: Ohne eine weit ener­gi­sche­re innen­po­li­ti­sche Sicher­heits­kam­pa­gne wer­de Deutsch­land die Kon­trol­le über das dschi­ha­dis­ti­sche Ter­ror­mi­lieu ver­feh­len. Für die deut­sche Debat­te lie­fert er damit eine Dia­gno­se, die den Zusam­men­hang von Flucht­be­we­gun­gen und Anschlags­ge­sche­hen ins Zen­trum rückt und die Poli­tik der ver­gan­ge­nen Jah­re als zöger­lich bewer­tet.


Gui­do Stein­berg (8. Sep­tem­ber 2026): Ger­ma­ny Is a New Epi­cen­ter of Jiha­dist Ter­ro­rism in Euro­pe. Bei­trag in: The War on Ter­ro­rism. Glo­bal Experts Reflect on Les­sons Lear­ned Twen­ty-Five Years After 9/11. In: Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons (Rei­he »Glo­bal Per­spec­ti­ves«). Online ver­füg­bar unter: LINK