»Halal ist nicht zer­ti­fi­zier­bar!« – Ein Bei­trag von Lale Akgün

Was, wenn Halal gar nicht das ist, was die Zertifikate auf den Warenverpackungen und in den Restaurants versprechen? Lale Akgün über die stille Verwandlung eines ethischen Anspruchs in ein Milliardengeschäft, von dem auch islamistische Organisationen profitieren.

Halal ist ursprüng­lich kein kom­mer­zi­el­les Eti­kett, son­dern ein ethi­scher Anspruch – und zwar ein denk­bar umfas­sen­der. Ein Kon­zept, das den Men­schen von der Wie­ge bis zur Bah­re beglei­ten soll und dabei weni­ger den Tel­ler als viel­mehr das Gewis­sen ins Visier nimmt. Es geht um Bezie­hun­gen, die frei sind von Betrug, Aus­beu­tung und jenem fei­nen, gesell­schaft­lich oft akzep­tier­ten Vor­teil auf Kos­ten ande­rer. Wer ein­an­der »Halal« spricht, erklärt gewis­ser­ma­ßen: Zwi­schen uns steht nichts mehr offen, mora­lisch aus­ge­gli­che­ne Bilanz, das Kon­to rein, zumin­dest fürs Ers­te. Eine bemer­kens­wert anspruchs­vol­le Idee.

Dr. Lale Akgün (Foto: vvg-koeln)

Die theo­lo­gi­sche Grund­la­ge dafür fin­det sich etwa in Sure 42: »Tadel trifft jene, die unter­drü­cken und maß­los gegen Recht ver­sto­ßen.« Ein ziem­lich kla­rer Fokus also. Nicht das, was auf dem Tel­ler liegt, ist das eigent­li­che Pro­blem, son­dern das, was zwi­schen Men­schen geschieht. Oder anders gesagt: Die Fra­ge ist weni­ger, ob das Fleisch kor­rekt zer­ti­fi­ziert wur­de, son­dern ob der Mensch sich kor­rekt ver­hält.

In Deutsch­land aller­dings hat man den Begriff mit fast schon bewun­derns­wer­ter Effi­zi­enz auf sei­ne kuli­na­ri­sche Mini­mal­ver­si­on ein­ge­dampft. Halal, das ist hier vor allem die Abwe­sen­heit von Schwei­ne­fleisch, Alko­hol und im Zwei­fels­fall ver­däch­ti­gen Gum­mi­bär­chen. Eine Art reli­gi­ös inspi­rier­te Zuta­ten­lis­te: hand­lich, über­prüf­bar, all­tags­taug­lich. Dass Halal ursprüng­lich eine ethi­sche Gesamt­hal­tung beschreibt, geht dabei unge­fähr so zuver­läs­sig ver­lo­ren wie der Kas­sen­zet­tel nach dem Ein­kauf: irgend­wo vor­han­den, aber sel­ten auf­find­bar, wenn man ihn braucht.

Denn wenn Eltern sagen, jeder Bis­sen ihrer Kin­der müs­se Halal sein, mei­nen sie im stren­ge­ren Ver­ständ­nis eben nicht nur das Fleisch. Sie mei­nen auch: Wur­de die­ses Essen ehr­lich erwor­ben? Ist das Geld »Halal«, also recht­mä­ßig ver­dient, nicht im Sin­ne wohl­klin­gen­der Finanz­pro­duk­te mit reli­giö­sem Eti­kett, son­dern ganz schlicht: Gehört es mir wirk­lich? Und wei­ter: Wie wur­de mit der Natur umge­gan­gen? Wie leb­te das Tier, bevor es geschlach­tet wur­de? Halal beginnt nicht am Hals des Tie­res, son­dern sehr viel frü­her – ein Detail, das sich lei­der nicht so leicht auf Ver­pa­ckun­gen dru­cken lässt.

Genau hier beginnt das Pro­blem, oder, je nach Per­spek­ti­ve, das Geschäft.

Was sich nicht stan­dar­di­sie­ren lässt, lässt sich eigent­lich auch nicht zer­ti­fi­zie­ren. Und doch kle­ben Zer­ti­fi­ka­te heu­te auf Pro­duk­ten oder hän­gen vor den Fleisch­the­ken in Kebab-Shops und sug­ge­rie­ren mit bemer­kens­wer­ter Selbst­si­cher­heit: „reli­gi­ös ein­wand­frei geprüft”. Der Bis­sen wird dadurch aller­dings nicht mora­li­scher, nur teu­rer. Eine reli­giö­se Pflicht zur Zer­ti­fi­zie­rung exis­tiert nicht, wohl aber ein wach­sen­der Markt, der genau davon lebt, dass vie­le das ent­we­der glau­ben oder zumin­dest als prak­ti­sche Abkür­zung akzep­tie­ren. Gewis­sen zum Mit­neh­men, zer­ti­fi­ziert und bezahlt.

So ent­steht ein Sys­tem, in dem per Han­dels­wa­re Deu­tungs­macht erlangt wird. Wer defi­niert, was Halal ist, kon­trol­liert nicht nur Gewis­sen, son­dern auch Zah­lungs­strö­me. Mit­un­ter mehr als das: Meh­re­re der hier­zu­lan­de täti­gen Stel­len wer­den von Sicher­heits­be­hör­den als extre­mis­tisch ein­ge­stuft – dar­un­ter die »Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş« (IGMG), vom Bun­des­ver­fas­sungs­schutz als »aktu­ell größ­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land« geführt, und das 2024 ver­bo­te­ne »Isla­mi­sche Zen­trum Ham­burg« (IZH). Halal-Zer­ti­fi­ka­te spei­sen so nicht nur Fröm­mig­keit, son­dern kön­nen auch Struk­tu­ren mit­fi­nan­zie­ren, die sich gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung rich­ten. Wenn Defi­ni­ti­ons­macht und wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se in den­sel­ben Hän­den lie­gen, ver­schwimmt die Gren­ze zwi­schen Fröm­mig­keit und einem Geschäft, an dem auch Isla­mis­ten ver­die­nen, mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit, die dem demo­kra­ti­schen Zusam­men­le­ben mehr abver­langt, als es auf Dau­er tra­gen kann. Vie­le Men­schen wol­len ein gutes Gewis­sen, aber mit Isla­mis­ten nichts zu tun haben. Wer bei­des will, soll­te genau hin­se­hen.

Der Halal-Markt flo­riert welt­weit. Er umfasst heu­te Lebens­mit­tel, Mode, Kos­me­tik, Phar­ma, Tou­ris­mus und Finanz­dienst­leis­tun­gen. Allein das Kon­sum­vo­lu­men über sechs die­ser Sek­to­ren wird vom aktu­el­len Sta­te of the Glo­bal Isla­mic Eco­no­my Report auf 2.400 Mil­li­ar­den US-Dol­lar bezif­fert; bis 2028 sol­len es rund 3.400 Mil­li­ar­den wer­den. Das isla­mi­sche Finanz­we­sen kommt noch ein­mal mit 4.900 Mil­li­ar­den an Ver­mö­gens­wer­ten hin­zu. Kon­for­mi­tät und Rein­heit, so scheint es, haben beacht­li­che Markt­an­tei­le und Wachs­tums­po­ten­zia­le.

Oder, um es mit dem tür­ki­schen Jour­na­lis­ten Uğur Mum­cu zu sagen, der die­sen Mecha­nis­mus schon in den 1980er Jah­ren in sei­nem Buch Tari­kat, Siya­set, Tica­ret (»Sek­te, Poli­tik, Han­del«) beschrieb:

Wenn Poli­tik von Wirt­schaft instru­men­ta­li­siert wird, Wirt­schaft von Poli­tik – und Reli­gi­on von bei­den –, dann ist der Weg zur Aus­beu­tung nicht mehr weit.

Halal, einst ein reli­giö­ser Kom­pass, droht so man­cher­orts zum Güte­sie­gel mit Preis­schild zu wer­den. Und das ist, bei aller demons­trier­ten Fröm­mig­keit, eine erstaun­lich welt­li­che Ent­wick­lung.


Dr. Lale Akgün ist ehem. islam­po­li­ti­sche Spre­che­rin der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Grün­dungs­vor­stand des Arbeits­krei­ses Säku­la­ri­tät und Huma­nis­mus (AKSH) in der SPD und Mit­grün­de­rin des Arbeits­krei­ses Poli­ti­scher Islam (AK Polis). Zu ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen zäh­len »Keb­ab­weih­nacht«, »Auf­stand der Kopf­tuch­mäd­chen. Deut­sche Mus­li­min­nen weh­ren sich gegen den Isla­mis­mus« und »Platz da! Hier kom­men die auf­ge­klär­ten Mus­li­me«.