Halal ist ursprünglich kein kommerzielles Etikett, sondern ein ethischer Anspruch – und zwar ein denkbar umfassender. Ein Konzept, das den Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleiten soll und dabei weniger den Teller als vielmehr das Gewissen ins Visier nimmt. Es geht um Beziehungen, die frei sind von Betrug, Ausbeutung und jenem feinen, gesellschaftlich oft akzeptierten Vorteil auf Kosten anderer. Wer einander »Halal« spricht, erklärt gewissermaßen: Zwischen uns steht nichts mehr offen, moralisch ausgeglichene Bilanz, das Konto rein, zumindest fürs Erste. Eine bemerkenswert anspruchsvolle Idee.

Die theologische Grundlage dafür findet sich etwa in Sure 42: »Tadel trifft jene, die unterdrücken und maßlos gegen Recht verstoßen.« Ein ziemlich klarer Fokus also. Nicht das, was auf dem Teller liegt, ist das eigentliche Problem, sondern das, was zwischen Menschen geschieht. Oder anders gesagt: Die Frage ist weniger, ob das Fleisch korrekt zertifiziert wurde, sondern ob der Mensch sich korrekt verhält.
In Deutschland allerdings hat man den Begriff mit fast schon bewundernswerter Effizienz auf seine kulinarische Minimalversion eingedampft. Halal, das ist hier vor allem die Abwesenheit von Schweinefleisch, Alkohol und im Zweifelsfall verdächtigen Gummibärchen. Eine Art religiös inspirierte Zutatenliste: handlich, überprüfbar, alltagstauglich. Dass Halal ursprünglich eine ethische Gesamthaltung beschreibt, geht dabei ungefähr so zuverlässig verloren wie der Kassenzettel nach dem Einkauf: irgendwo vorhanden, aber selten auffindbar, wenn man ihn braucht.
Denn wenn Eltern sagen, jeder Bissen ihrer Kinder müsse Halal sein, meinen sie im strengeren Verständnis eben nicht nur das Fleisch. Sie meinen auch: Wurde dieses Essen ehrlich erworben? Ist das Geld »Halal«, also rechtmäßig verdient, nicht im Sinne wohlklingender Finanzprodukte mit religiösem Etikett, sondern ganz schlicht: Gehört es mir wirklich? Und weiter: Wie wurde mit der Natur umgegangen? Wie lebte das Tier, bevor es geschlachtet wurde? Halal beginnt nicht am Hals des Tieres, sondern sehr viel früher – ein Detail, das sich leider nicht so leicht auf Verpackungen drucken lässt.
Genau hier beginnt das Problem, oder, je nach Perspektive, das Geschäft.
Was sich nicht standardisieren lässt, lässt sich eigentlich auch nicht zertifizieren. Und doch kleben Zertifikate heute auf Produkten oder hängen vor den Fleischtheken in Kebab-Shops und suggerieren mit bemerkenswerter Selbstsicherheit: „religiös einwandfrei geprüft”. Der Bissen wird dadurch allerdings nicht moralischer, nur teurer. Eine religiöse Pflicht zur Zertifizierung existiert nicht, wohl aber ein wachsender Markt, der genau davon lebt, dass viele das entweder glauben oder zumindest als praktische Abkürzung akzeptieren. Gewissen zum Mitnehmen, zertifiziert und bezahlt.
So entsteht ein System, in dem per Handelsware Deutungsmacht erlangt wird. Wer definiert, was Halal ist, kontrolliert nicht nur Gewissen, sondern auch Zahlungsströme. Mitunter mehr als das: Mehrere der hierzulande tätigen Stellen werden von Sicherheitsbehörden als extremistisch eingestuft – darunter die »Islamische Gemeinschaft Millî Görüş« (IGMG), vom Bundesverfassungsschutz als »aktuell größte islamistische Organisation in Deutschland« geführt, und das 2024 verbotene »Islamische Zentrum Hamburg« (IZH). Halal-Zertifikate speisen so nicht nur Frömmigkeit, sondern können auch Strukturen mitfinanzieren, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Wenn Definitionsmacht und wirtschaftliches Eigeninteresse in denselben Händen liegen, verschwimmt die Grenze zwischen Frömmigkeit und einem Geschäft, an dem auch Islamisten verdienen, mit einer Selbstverständlichkeit, die dem demokratischen Zusammenleben mehr abverlangt, als es auf Dauer tragen kann. Viele Menschen wollen ein gutes Gewissen, aber mit Islamisten nichts zu tun haben. Wer beides will, sollte genau hinsehen.
Der Halal-Markt floriert weltweit. Er umfasst heute Lebensmittel, Mode, Kosmetik, Pharma, Tourismus und Finanzdienstleistungen. Allein das Konsumvolumen über sechs dieser Sektoren wird vom aktuellen State of the Global Islamic Economy Report auf 2.400 Milliarden US-Dollar beziffert; bis 2028 sollen es rund 3.400 Milliarden werden. Das islamische Finanzwesen kommt noch einmal mit 4.900 Milliarden an Vermögenswerten hinzu. Konformität und Reinheit, so scheint es, haben beachtliche Marktanteile und Wachstumspotenziale.
Oder, um es mit dem türkischen Journalisten Uğur Mumcu zu sagen, der diesen Mechanismus schon in den 1980er Jahren in seinem Buch Tarikat, Siyaset, Ticaret (»Sekte, Politik, Handel«) beschrieb:
Wenn Politik von Wirtschaft instrumentalisiert wird, Wirtschaft von Politik – und Religion von beiden –, dann ist der Weg zur Ausbeutung nicht mehr weit.
Halal, einst ein religiöser Kompass, droht so mancherorts zum Gütesiegel mit Preisschild zu werden. Und das ist, bei aller demonstrierten Frömmigkeit, eine erstaunlich weltliche Entwicklung.
Dr. Lale Akgün ist ehem. islampolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Gründungsvorstand des Arbeitskreises Säkularität und Humanismus (AKSH) in der SPD und Mitgründerin des Arbeitskreises Politischer Islam (AK Polis). Zu ihren Veröffentlichungen zählen »Kebabweihnacht«, »Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus« und »Platz da! Hier kommen die aufgeklärten Muslime«.
