»Hassan Nas­ral­lah – The Last Days of Hezbollah’s Chief« von Jac­ques Neriah

Jacques Neriah legt mit »Hassan Nasrallah – The Last Days of Hezbollah's Chief« eine biografisch-strategische Studie über Aufstieg, Herrschaft und Ende des langjährigen Hisbollah-Generalsekretärs vor. Das bei Springer erschienene Werk verbindet nachrichtendienstliche Innenkenntnis, die historische Analyse der schiitischen Emanzipation im Libanon und die Rekonstruktion der israelischen Kampagne von 2024 zu einem Gesamtbild der Hisbollah als iranischem Stellvertreterprojekt, dessen Macht wesentlich auf einem sorgsam gepflegten Mythos beruhte.

Der Autor bringt für die­ses The­ma eine sel­te­ne dop­pel­te Nähe mit. Er wur­de im Liba­non gebo­ren, wuchs dort in christ­lich-fran­zö­si­schen Inter­na­ten auf und schil­dert im Vor­wort aus eige­ner Erin­ne­rung, dass Schii­ten im öffent­li­chen Sprach­ge­brauch sei­ner Jugend als eige­ne Grup­pe kaum vor­ka­men: Man nann­te sie abschät­zig »Muta­wal­li«, ein Stig­ma aus Armut, Analpha­be­tis­mus und Unter­ord­nung unter weni­ge Groß­grund­be­sit­zer­fa­mi­li­en, das vie­le Betrof­fe­ne bis zur Ver­leug­nung der eige­nen Iden­ti­tät zu ver­ber­gen such­ten. Neriah ver­ließ das Land im Juli 1968 und kehr­te wäh­rend der israe­li­schen Inva­si­on 1982 zurück. Der pro­mo­vier­te His­to­ri­ker war spä­ter außen­po­li­ti­scher Bera­ter von Minis­ter­prä­si­dent Jitz­hak Rabin sowie Oberst und stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Aus­wer­tung im israe­li­schen Mili­tär­nach­rich­ten­dienst. Für die his­to­ri­schen Tei­le schöpft er aus die­ser jahr­zehn­te­lan­gen Befas­sung mit der schii­ti­schen Gemein­schaft; die Kapi­tel zu den jüngs­ten Ereig­nis­sen stüt­zen sich auf ara­bisch­spra­chi­ge Medi­en, Inter­views und Doku­men­ta­tio­nen, die nach dem Tod von Hassan Nas­ral­lah im Sep­tem­ber 2024 zugäng­lich wur­den. Sta­tis­ti­sches Mate­ri­al lie­fer­te das Alma-For­schungs­zen­trum von Sarit Zeha­vi, Doku­men­te zum Inva­si­ons­plan der His­bol­lah stell­te die israe­li­sche Armee bereit; der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Arno Tausch beriet das Pro­jekt.

Das Geleit­wort stammt von Dan Diker, Prä­si­dent des Jeru­sa­lem Cen­ter for Secu­ri­ty and For­eign Affairs, an dem Neriah heu­te als For­scher tätig ist. Diker stellt dar­in her­aus, dass Nas­ral­lahs Modell die ira­ni­sche Stell­ver­tre­ter­stra­te­gie in Rein­form ver­kör­pert habe: die Kom­bi­na­ti­on aus Sozi­al­dienst­leis­tun­gen, poli­ti­scher Teil­ha­be, mili­tä­ri­scher Über­macht und lan­des­wei­ter Ein­schüch­te­rung bei ideo­lo­gi­scher Treue zu einer frem­den Macht. Ihre Schwach­stel­len zu ver­ste­hen sei für den Umgang mit ver­wand­ten For­ma­tio­nen wie den Volks­mo­bi­li­sie­rungs­kräf­ten im Irak oder den Hut­his im Jemen uner­läss­lich. Diker hebt zudem her­vor, dass west­li­che Medi­en und Tei­le der Wis­sen­schaft Nas­ral­lahs Selbst­in­sze­nie­rung als unbe­sieg­ba­rer Stra­te­ge lan­ge über­nom­men und damit Tehe­rans psy­cho­lo­gi­sche Abschre­ckung mit­ge­tra­gen hät­ten.

Der Haupt­teil löst die­ses Pro­gramm in zwei Strän­gen ein. Der ers­te ist struk­tu­rell: Neriah ver­steht die His­bol­lah als ideo­lo­gi­sches Export­pro­jekt Tehe­rans. Gegrün­det wur­de sie 1982 unter direk­ter Anlei­tung von 1500 in die Bekaa-Ebe­ne ent­sand­ten Aus­bil­dern der Revo­lu­ti­ons­gar­den; ihr eigent­li­cher Zweck lag in der Dok­trin der »Herr­schaft des Rechts­ge­lehr­ten« (Welāyat‑e Faqih), also im Auf­bau eines schii­tisch-theo­kra­ti­schen Brü­cken­kopfs mit abso­lu­ter Loya­li­tät zum Obers­ten Füh­rer in Tehe­ran. Der Wider­stands­an­spruch gegen Isra­el dien­te vor allem als Legi­ti­ma­ti­ons­fas­sa­de für die Auf­rüs­tung. Poin­tiert ist Neriahs Fol­ge­rung im Schluss­ka­pi­tel: Das Treue­be­kennt­nis zur Rechts­ge­lehr­ten­herr­schaft sei nur einen Schritt vom Ein­ge­ständ­nis ent­fernt, dass liba­ne­si­sche Juris­dik­ti­on für die Orga­ni­sa­ti­on gar nicht gilt. Die reli­giö­se Dok­trin fun­giert damit als Exter­ri­to­ri­a­li­täts­an­spruch mit­ten im Staat. Wie eng geist­li­che Auto­ri­tät und Finanz­strö­me ver­floch­ten sind, zeigt die Figur des Kle­ri­kers Moham­mad Yaz­bek, der als per­sön­li­cher reli­giö­ser Beauf­trag­ter Kha­men­eis im Liba­non die reli­giö­sen Abga­ben (Khums) aus des­sen Büro ver­teilt und dar­aus zugleich spi­ri­tu­el­le und finan­zi­el­le Macht bezieht.

Die Macht­stel­lung im Liba­non beschreibt Neriah als »Ent­füh­rung des Staa­tes« (kid­nap­ping): eine dop­pel­te Kon­trol­le, mili­tä­risch über dem Staat und poli­tisch in ihm, die die His­bol­lah zum »Staat im Staa­te« mach­te, abge­si­chert durch Veto­macht im Kabi­nett, Schlüs­sel­mi­nis­te­ri­en und das 2006 in der Kir­che von Mar Mik­ha­el besie­gel­te Bünd­nis mit dem maro­ni­ti­schen Gene­ral Michel Aoun, das 2016 in des­sen Wahl zum Prä­si­den­ten mün­de­te und der His­bol­lah fak­tisch Zugriff auf alle drei Spit­zen­äm­ter des kon­fes­sio­nel­len Sys­tems ver­schaff­te. Gesi­chert wur­de die­se Stel­lung durch stra­te­gi­sche Gewalt nach innen. Der Autor doku­men­tiert eine Mord­se­rie, die wei­ter zurück­reicht als die bekann­te Ket­te seit 2005: Bereits in den 1980er Jah­ren ließ die Orga­ni­sa­ti­on Intel­lek­tu­el­le der unter Schii­ten ver­an­ker­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei wie den Phi­lo­so­phen Hus­sein Mroué und Hassan Hamd­an, den »ara­bi­schen Gramsci«, ermor­den. Auf das Atten­tat auf Rafik Hari­ri 2005 folgt eine von Neriah auf­ge­lis­te­te lan­ge Rei­he von Anschlä­gen und Anschlags­ver­su­chen auf Jour­na­lis­ten, Abge­ord­ne­te, Offi­zie­re und Kri­ti­ker, von Samir Kas­sir und Gibran Tue­ni über Wis­sam al-Hassan und Moha­mad Chat­ah bis zu Lok­man Slim und zuletzt Pas­cal Slei­man im April 2024. Instruk­tiv ist die Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung der Mit­glied­schaft in ideo­lo­gi­sche Kader, denen jah­re­lan­ge reli­giö­se Kon­di­tio­nie­rung den Sieg im Leben wie im Tod ver­heißt, und Pro­fi­teu­re, deren Loya­li­tät an Dol­lar­ge­häl­tern und Sta­tus­ge­win­nen hängt. Hin­zu kommt die Ana­ly­se der Schat­ten­öko­no­mie (Geld­wä­sche, Cap­ta­gon-Han­del bis nach Euro­pa, Par­al­lel­bank al-Qard al-Hassan mit inzwi­schen 40 Filia­len), die die Orga­ni­sa­ti­on von ira­ni­schen Zuwen­dun­gen teil­wei­se unab­hän­gig mach­te. Auch die Explo­si­on im Hafen von Bei­rut 2020 ord­net Neriah in die­ses Bild ein: 2750 Ton­nen unsach­ge­mäß gela­ger­tes Ammo­ni­um­ni­trat in einem von His­bol­lah-nahen Insti­tu­tio­nen kon­trol­lier­ten Hafen, anschlie­ßend die sys­te­ma­ti­sche Obstruk­ti­on der Unter­su­chung.

Zur Ana­to­mie des Extre­mis­mus gehört die Ter­ror­ge­schich­te, die der Band von den Anfän­gen an nach­zeich­net. Den ers­ten gro­ßen Selbst­mord­an­schlag gegen israe­li­sche Trup­pen ver­üb­te im Novem­ber 1982 in Tyros ein Fünf­zehn­jäh­ri­ger; 1983 folg­ten die Anschlä­ge auf die US-Bot­schaft, das Haupt­quar­tier der Mari­nes und das fran­zö­si­sche Kon­tin­gent, die den Abzug der mul­ti­na­tio­na­len Trup­pe erzwan­gen. Die Orga­ni­sa­ti­on ver­barg sich damals hin­ter Tarn­na­men wie der »Isla­mic Jihad Orga­niza­ti­on«, unter denen auch west­li­che und liba­ne­sisch-jüdi­sche Gei­seln fest­ge­hal­ten und teils hin­ge­rich­tet wur­den. Nas­ral­lahs Amts­zeit begann 1992 unmit­tel­bar mit dem Ver­gel­tungs­an­schlag auf die israe­li­sche Bot­schaft in Bue­nos Aires; die Aus­lands­ab­tei­lung Unit 910 unter Tal­al Hamieh wird mit dem AMIA-Anschlag von 1994 und dem Anschlag auf die Kho­bar-Tür­me 1996 in Ver­bin­dung gebracht. Ter­ror nach außen und Mord nach innen erschei­nen so als zwei Sei­ten des­sel­ben Herr­schafts­in­stru­ments.

Der zwei­te Strang ist stra­te­gisch. Nas­ral­lahs im Mai 2000 in Bint Dschbeil gepräg­tes Dik­tum, Isra­el sei »schwä­cher als ein Spin­nen­netz«, ver­dich­te­te sich nach Neriah zu einer Abschre­ckungs­theo­rie, die wesent­lich auf psy­cho­lo­gi­scher Ein­schüch­te­rung beruh­te und die Resi­li­enz der israe­li­schen Gesell­schaft nach dem 7. Okto­ber 2023 fun­da­men­tal ver­kann­te. Die »Unter­stüt­zungs­front« für die Hamas ana­ly­siert der Autor als stra­te­gisch inko­hä­rent: Sie hielt Druck auf­recht, ohne sich zu einer Ent­schei­dung durch­zu­rin­gen, ver­fehl­te sämt­li­che erklär­ten Zie­le und lie­fer­te Isra­el den Anlass, die Miliz sys­te­ma­tisch zu ent­haup­ten. Einen Wen­de­punkt die­ser Kam­pa­gne mar­kiert die israe­li­sche Pager-Atta­cke am 17. und 18. Sep­tem­ber 2024. Am ers­ten Tag deto­nier­ten im Liba­non und in Syri­en zeit­gleich Tau­sen­de Funk­emp­fän­ger, die His­bol­lah-Kader auf Nas­ral­lahs eige­ne Anwei­sung anstel­le ort­ba­rer Mobil­te­le­fo­ne tru­gen. Am Fol­ge­tag explo­dier­ten prä­pa­rier­te Wal­kie-Tal­kies. Struk­tu­rell bedeut­sam ist der dop­pel­te Effekt der Ope­ra­ti­on: Der als sichers­ter gel­ten­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal der Orga­ni­sa­ti­on fiel in einem Schlag aus, und zugleich war die Tie­fe der israe­li­schen Durch­drin­gung von Beschaf­fungs­we­gen und Sicher­heits­ap­pa­rat offen­ge­legt, was jede wei­te­re inter­ne Koor­di­na­ti­on unter Gene­ral­ver­dacht stell­te. Die anschlie­ßen­den Kapi­tel zu den Kom­man­deurs­tö­tun­gen und dem ver­ei­tel­ten Inva­si­ons­plan »Erobe­rung Gali­lä­as« mün­den in die minu­ten­ge­naue Rekon­struk­ti­on des israe­li­schen Luft­schlags auf den Bun­ker in Harat Hreik am 27. Sep­tem­ber 2024, bei dem Nas­ral­lah den Tod fand.

Ein eige­nes Kapi­tel wid­met der Band der reli­giö­sen Mythen­ma­schi­ne, und hier liegt einer sei­ner stärks­ten Bei­trä­ge zum Ver­ständ­nis des Poli­ti­schen Islam schii­ti­scher Prä­gung. Neriah zeigt, wie sys­te­ma­tisch Cha­ris­ma sakra­li­siert wur­de: der Say­y­ed-Titel als Aus­weis pro­phe­ti­scher Abstam­mung, der Mär­ty­rer­tod des Soh­nes Hadi 1997 als Grün­dungs­sze­ne des Opfer­my­thos, die vom Vater kol­por­tier­te Engels­pro­phe­zei­ung über die künf­ti­ge Grö­ße des Soh­nes. Nach dem Tod des Gene­ral­se­kre­tärs ver­schmilzt der Kult mit der End­zeit­er­war­tung der Zwöl­fer­s­chia: Anhän­ger täto­wie­ren sich die Zahl 313, die Zahl der Getreu­en des wie­der­keh­ren­den Mah­di; Nas­ral­lahs Sohn nann­te den Vater gar den »drei­zehn­ten Mah­di«, und die Erzäh­lung, der Say­y­ed sei nur ver­bor­gen und wer­de mit den 313 zurück­keh­ren, über­trägt das Okkul­ta­ti­ons­mo­tiv des Ver­bor­ge­nen Imam auf den getö­te­ten Mili­zen­füh­rer. Wie greif­bar die­se Über­hö­hung ist, zeigt der maka­bre Epi­log: Zwölf Tage lang wur­de der Leich­nam in einem mobi­len Kühl­ag­gre­gat durch das bom­bar­dier­te Dahi­ya-Vier­tel gefah­ren und dann heim­lich als »Depo­si­tum« bei­gesetzt; das offi­zi­el­le Begräb­nis folg­te erst am 23. Febru­ar 2025 in einem eigens errich­te­ten Mau­so­le­um auf einem Grund­stück für angeb­lich über 40 Mil­lio­nen Dol­lar, für einen Mann, der nach eige­ner Aus­kunft 1400 Dol­lar im Monat ver­dien­te.

Die Schluss­ka­pi­tel bilan­zie­ren die Fol­gen: eine dezi­mier­te Orga­ni­sa­ti­on unter Naim Qas­sem, der Ver­lust des syri­schen Nach­schub­kor­ri­dors nach dem Sturz Assads sowie die innen­po­li­ti­sche Wen­de mit der Wahl des Armee­chefs Joseph Aoun zum Prä­si­den­ten im Janu­ar 2025. Zugleich for­mu­liert Neriah hier sei­ne viel­leicht wich­tigs­te Pro­gno­se zur Natur der Orga­ni­sa­ti­on. Ihre Ent­waff­nung erklär­te die His­bol­lah zur »schwe­ren Sün­de«, Qas­sem beschwor die Opfer­be­reit­schaft von Ker­be­la her­auf. Eine Umwand­lung in eine gewöhn­li­che poli­ti­sche Par­tei käme nach Neriah einem poli­ti­schen Selbst­mord gleich, weil sie der reli­giö­sen Grün­dungs­iden­ti­tät wider­sprä­che; im Zwei­fel wähl­te die Orga­ni­sa­ti­on den sui­zi­da­len Kampf nach dem Mus­ter des »Kar­ba­la-Syn­droms«. Als alter­na­ti­ves Sze­na­rio skiz­ziert der Autor die lega­le Macht­über­nah­me: Die His­bol­lah bestrei­tet inzwi­schen offen die demo­gra­fi­sche Grund­la­ge des Kon­fes­si­ons­pro­por­zes, bezif­fert den Chris­ten­an­teil auf nur noch 15,7 Pro­zent und könn­te bei einer Neu­ver­tei­lung der Ämter den Staat gewis­ser­ma­ßen erben und als Pro­vinz der Isla­mi­schen Repu­blik neu grün­den. Der Poli­ti­sche Islam ira­ni­scher Prä­gung erscheint damit in dop­pel­ter Gestalt: als Gewalt­ap­pa­rat und als gedul­di­ge demo­gra­fisch-insti­tu­tio­nel­le Über­nah­me­stra­te­gie.

Kurz­be­wer­tung

Die Stär­ke des Ban­des liegt in der Ver­bin­dung von nach­rich­ten­dienst­li­cher Innen­kennt­nis, bio­gra­fi­scher Nähe zum Land und ara­bisch­spra­chi­gen Quel­len. Die Rekon­struk­ti­on von Nas­ral­lahs End­pha­se, die Struk­tur­ana­ly­se des hybri­den Herr­schafts­mo­dells und das Kapi­tel über die Mythen­pro­duk­ti­on gehö­ren zu den stärks­ten Pas­sa­gen. Neriahs zen­tra­le Erkennt­nis reicht über den Ein­zel­fall hin­aus: Die Macht der His­bol­lah beruh­te im Kern auf einem sorg­sam gepfleg­ten Mythos, der psy­cho­lo­gi­sche Ein­schüch­te­rung, sozia­le Abhän­gig­keit und reli­giö­se Über­hö­hung zu einem Herr­schafts­in­stru­ment ver­band; die rea­le mili­tä­ri­sche Sub­stanz hielt die­ser Selbst­dar­stel­lung im Ernst­fall nicht stand. Als der Mythos im Herbst 2024 in der Pager-Atta­cke zer­brach, zer­fiel bin­nen Wochen, was über drei Jahr­zehn­te unan­greif­bar schien. Ideo­lo­gi­scher Eifer allein, so das nüch­ter­ne Fazit, trägt kei­nen mili­tä­ri­schen Erfolg.

Dabei wür­digt Neriah durch­aus die his­to­ri­sche Dimen­si­on von Nas­ral­lahs Lebens­leis­tung. Kein Schi­it vor ihm habe in der moder­nen liba­ne­si­schen Geschich­te eine ver­gleich­ba­re Macht­fül­le und Popu­la­ri­tät erreicht; er voll­ende­te die von Musa al-Sadr begon­ne­ne Eman­zi­pa­ti­on der einst ver­ach­te­ten »Muta­wal­li« und mach­te die schii­ti­sche Gemein­schaft zur bestim­men­den Kraft des Lan­des. Mit dem erzwun­ge­nen israe­li­schen Abzug im Jahr 2000 gelang erst­mals einem nicht­staat­li­chen ara­bi­schen Akteur ein bedin­gungs­lo­ser israe­li­scher Rück­zug, was Nas­ral­lah zeit­wei­se zu einer der popu­lärs­ten Figu­ren der ara­bi­schen Welt mach­te. Neriah stellt ihn in eine Rei­he mit Fachr ad-Din, Baschir Schi­hab II. und dem Maro­ni­ten­füh­rer Yous­sef Karam und zeigt zugleich die tra­gi­sche Kehr­sei­te: Der Eman­zi­pa­tor wur­de zum Toten­grä­ber des liba­ne­si­schen Staa­tes, sei­ne Erfol­ge nähr­ten eine Hybris, die ihn alle War­nun­gen über­hö­ren ließ, zuletzt sogar jene aus Nad­schaf, Tehe­ran und Damas­kus, und im Bun­ker von Harat Hreik ende­te. Der pan­ara­bi­sche Nim­bus war frei­lich schon am Syri­en-Ein­satz zer­bro­chen, der aus dem über­sek­tie­re­ri­schen Wider­stands­hel­den in ara­bi­schen Augen einen Agen­ten der ira­nisch-schii­ti­schen Ach­se mach­te.

Fair fällt die Kri­tik an die eige­ne Adres­se aus: Isra­el habe inner­li­ba­ne­si­sche Kräf­te von Beginn an falsch gele­sen, die Chan­ce einer Stär­kung der riva­li­sie­ren­den Amal-Bewe­gung ver­tan, sich in der »Sicher­heits­zo­ne« fest­ge­setzt und mit der Tötung Abbas Mus­a­wis 1992 unfrei­wil­lig erst den Auf­stieg Nas­ral­lahs ermög­licht. Wo sich der Autor auf ein­zel­ne Zeu­gen und unbe­stä­tig­te Berich­te stützt, etwa in den repor­ta­ge­haf­ten Sze­nen um Nas­ral­lahs letz­te Stun­den, macht er dies kennt­lich; die Leser­schaft soll­te die­se Pas­sa­gen als plau­si­ble, quel­len­kri­tisch noch offe­ne Rekon­struk­ti­on lesen. Als Fall­stu­die zur Ana­to­mie des von Tehe­ran getra­ge­nen Poli­ti­schen Islam ist das Buch lesens­wert, gera­de weil ver­gleich­ba­res Mate­ri­al bis­lang kaum greif­bar ist.


Jac­ques Neriah: Hassan Nas­ral­lah – The Last Days of Hezbollah’s Chief (Rei­he: Con­tri­bu­ti­ons to Secu­ri­ty and Defence Stu­dies). Cham (Sprin­ger Natu­re Switz­er­land), 2026, ISBN 978–3‑032–22840‑6