Der Autor bringt für dieses Thema eine seltene doppelte Nähe mit. Er wurde im Libanon geboren, wuchs dort in christlich-französischen Internaten auf und schildert im Vorwort aus eigener Erinnerung, dass Schiiten im öffentlichen Sprachgebrauch seiner Jugend als eigene Gruppe kaum vorkamen: Man nannte sie abschätzig »Mutawalli«, ein Stigma aus Armut, Analphabetismus und Unterordnung unter wenige Großgrundbesitzerfamilien, das viele Betroffene bis zur Verleugnung der eigenen Identität zu verbergen suchten. Neriah verließ das Land im Juli 1968 und kehrte während der israelischen Invasion 1982 zurück. Der promovierte Historiker war später außenpolitischer Berater von Ministerpräsident Jitzhak Rabin sowie Oberst und stellvertretender Leiter der Auswertung im israelischen Militärnachrichtendienst. Für die historischen Teile schöpft er aus dieser jahrzehntelangen Befassung mit der schiitischen Gemeinschaft; die Kapitel zu den jüngsten Ereignissen stützen sich auf arabischsprachige Medien, Interviews und Dokumentationen, die nach dem Tod von Hassan Nasrallah im September 2024 zugänglich wurden. Statistisches Material lieferte das Alma-Forschungszentrum von Sarit Zehavi, Dokumente zum Invasionsplan der Hisbollah stellte die israelische Armee bereit; der Politikwissenschaftler Arno Tausch beriet das Projekt.
Das Geleitwort stammt von Dan Diker, Präsident des Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, an dem Neriah heute als Forscher tätig ist. Diker stellt darin heraus, dass Nasrallahs Modell die iranische Stellvertreterstrategie in Reinform verkörpert habe: die Kombination aus Sozialdienstleistungen, politischer Teilhabe, militärischer Übermacht und landesweiter Einschüchterung bei ideologischer Treue zu einer fremden Macht. Ihre Schwachstellen zu verstehen sei für den Umgang mit verwandten Formationen wie den Volksmobilisierungskräften im Irak oder den Huthis im Jemen unerlässlich. Diker hebt zudem hervor, dass westliche Medien und Teile der Wissenschaft Nasrallahs Selbstinszenierung als unbesiegbarer Stratege lange übernommen und damit Teherans psychologische Abschreckung mitgetragen hätten.
Der Hauptteil löst dieses Programm in zwei Strängen ein. Der erste ist strukturell: Neriah versteht die Hisbollah als ideologisches Exportprojekt Teherans. Gegründet wurde sie 1982 unter direkter Anleitung von 1500 in die Bekaa-Ebene entsandten Ausbildern der Revolutionsgarden; ihr eigentlicher Zweck lag in der Doktrin der »Herrschaft des Rechtsgelehrten« (Welāyat‑e Faqih), also im Aufbau eines schiitisch-theokratischen Brückenkopfs mit absoluter Loyalität zum Obersten Führer in Teheran. Der Widerstandsanspruch gegen Israel diente vor allem als Legitimationsfassade für die Aufrüstung. Pointiert ist Neriahs Folgerung im Schlusskapitel: Das Treuebekenntnis zur Rechtsgelehrtenherrschaft sei nur einen Schritt vom Eingeständnis entfernt, dass libanesische Jurisdiktion für die Organisation gar nicht gilt. Die religiöse Doktrin fungiert damit als Exterritorialitätsanspruch mitten im Staat. Wie eng geistliche Autorität und Finanzströme verflochten sind, zeigt die Figur des Klerikers Mohammad Yazbek, der als persönlicher religiöser Beauftragter Khameneis im Libanon die religiösen Abgaben (Khums) aus dessen Büro verteilt und daraus zugleich spirituelle und finanzielle Macht bezieht.
Die Machtstellung im Libanon beschreibt Neriah als »Entführung des Staates« (kidnapping): eine doppelte Kontrolle, militärisch über dem Staat und politisch in ihm, die die Hisbollah zum »Staat im Staate« machte, abgesichert durch Vetomacht im Kabinett, Schlüsselministerien und das 2006 in der Kirche von Mar Mikhael besiegelte Bündnis mit dem maronitischen General Michel Aoun, das 2016 in dessen Wahl zum Präsidenten mündete und der Hisbollah faktisch Zugriff auf alle drei Spitzenämter des konfessionellen Systems verschaffte. Gesichert wurde diese Stellung durch strategische Gewalt nach innen. Der Autor dokumentiert eine Mordserie, die weiter zurückreicht als die bekannte Kette seit 2005: Bereits in den 1980er Jahren ließ die Organisation Intellektuelle der unter Schiiten verankerten Kommunistischen Partei wie den Philosophen Hussein Mroué und Hassan Hamdan, den »arabischen Gramsci«, ermorden. Auf das Attentat auf Rafik Hariri 2005 folgt eine von Neriah aufgelistete lange Reihe von Anschlägen und Anschlagsversuchen auf Journalisten, Abgeordnete, Offiziere und Kritiker, von Samir Kassir und Gibran Tueni über Wissam al-Hassan und Mohamad Chatah bis zu Lokman Slim und zuletzt Pascal Sleiman im April 2024. Instruktiv ist die Binnendifferenzierung der Mitgliedschaft in ideologische Kader, denen jahrelange religiöse Konditionierung den Sieg im Leben wie im Tod verheißt, und Profiteure, deren Loyalität an Dollargehältern und Statusgewinnen hängt. Hinzu kommt die Analyse der Schattenökonomie (Geldwäsche, Captagon-Handel bis nach Europa, Parallelbank al-Qard al-Hassan mit inzwischen 40 Filialen), die die Organisation von iranischen Zuwendungen teilweise unabhängig machte. Auch die Explosion im Hafen von Beirut 2020 ordnet Neriah in dieses Bild ein: 2750 Tonnen unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat in einem von Hisbollah-nahen Institutionen kontrollierten Hafen, anschließend die systematische Obstruktion der Untersuchung.
Zur Anatomie des Extremismus gehört die Terrorgeschichte, die der Band von den Anfängen an nachzeichnet. Den ersten großen Selbstmordanschlag gegen israelische Truppen verübte im November 1982 in Tyros ein Fünfzehnjähriger; 1983 folgten die Anschläge auf die US-Botschaft, das Hauptquartier der Marines und das französische Kontingent, die den Abzug der multinationalen Truppe erzwangen. Die Organisation verbarg sich damals hinter Tarnnamen wie der »Islamic Jihad Organization«, unter denen auch westliche und libanesisch-jüdische Geiseln festgehalten und teils hingerichtet wurden. Nasrallahs Amtszeit begann 1992 unmittelbar mit dem Vergeltungsanschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires; die Auslandsabteilung Unit 910 unter Talal Hamieh wird mit dem AMIA-Anschlag von 1994 und dem Anschlag auf die Khobar-Türme 1996 in Verbindung gebracht. Terror nach außen und Mord nach innen erscheinen so als zwei Seiten desselben Herrschaftsinstruments.
Der zweite Strang ist strategisch. Nasrallahs im Mai 2000 in Bint Dschbeil geprägtes Diktum, Israel sei »schwächer als ein Spinnennetz«, verdichtete sich nach Neriah zu einer Abschreckungstheorie, die wesentlich auf psychologischer Einschüchterung beruhte und die Resilienz der israelischen Gesellschaft nach dem 7. Oktober 2023 fundamental verkannte. Die »Unterstützungsfront« für die Hamas analysiert der Autor als strategisch inkohärent: Sie hielt Druck aufrecht, ohne sich zu einer Entscheidung durchzuringen, verfehlte sämtliche erklärten Ziele und lieferte Israel den Anlass, die Miliz systematisch zu enthaupten. Einen Wendepunkt dieser Kampagne markiert die israelische Pager-Attacke am 17. und 18. September 2024. Am ersten Tag detonierten im Libanon und in Syrien zeitgleich Tausende Funkempfänger, die Hisbollah-Kader auf Nasrallahs eigene Anweisung anstelle ortbarer Mobiltelefone trugen. Am Folgetag explodierten präparierte Walkie-Talkies. Strukturell bedeutsam ist der doppelte Effekt der Operation: Der als sicherster geltende Kommunikationskanal der Organisation fiel in einem Schlag aus, und zugleich war die Tiefe der israelischen Durchdringung von Beschaffungswegen und Sicherheitsapparat offengelegt, was jede weitere interne Koordination unter Generalverdacht stellte. Die anschließenden Kapitel zu den Kommandeurstötungen und dem vereitelten Invasionsplan »Eroberung Galiläas« münden in die minutengenaue Rekonstruktion des israelischen Luftschlags auf den Bunker in Harat Hreik am 27. September 2024, bei dem Nasrallah den Tod fand.
Ein eigenes Kapitel widmet der Band der religiösen Mythenmaschine, und hier liegt einer seiner stärksten Beiträge zum Verständnis des Politischen Islam schiitischer Prägung. Neriah zeigt, wie systematisch Charisma sakralisiert wurde: der Sayyed-Titel als Ausweis prophetischer Abstammung, der Märtyrertod des Sohnes Hadi 1997 als Gründungsszene des Opfermythos, die vom Vater kolportierte Engelsprophezeiung über die künftige Größe des Sohnes. Nach dem Tod des Generalsekretärs verschmilzt der Kult mit der Endzeiterwartung der Zwölferschia: Anhänger tätowieren sich die Zahl 313, die Zahl der Getreuen des wiederkehrenden Mahdi; Nasrallahs Sohn nannte den Vater gar den »dreizehnten Mahdi«, und die Erzählung, der Sayyed sei nur verborgen und werde mit den 313 zurückkehren, überträgt das Okkultationsmotiv des Verborgenen Imam auf den getöteten Milizenführer. Wie greifbar diese Überhöhung ist, zeigt der makabre Epilog: Zwölf Tage lang wurde der Leichnam in einem mobilen Kühlaggregat durch das bombardierte Dahiya-Viertel gefahren und dann heimlich als »Depositum« beigesetzt; das offizielle Begräbnis folgte erst am 23. Februar 2025 in einem eigens errichteten Mausoleum auf einem Grundstück für angeblich über 40 Millionen Dollar, für einen Mann, der nach eigener Auskunft 1400 Dollar im Monat verdiente.
Die Schlusskapitel bilanzieren die Folgen: eine dezimierte Organisation unter Naim Qassem, der Verlust des syrischen Nachschubkorridors nach dem Sturz Assads sowie die innenpolitische Wende mit der Wahl des Armeechefs Joseph Aoun zum Präsidenten im Januar 2025. Zugleich formuliert Neriah hier seine vielleicht wichtigste Prognose zur Natur der Organisation. Ihre Entwaffnung erklärte die Hisbollah zur »schweren Sünde«, Qassem beschwor die Opferbereitschaft von Kerbela herauf. Eine Umwandlung in eine gewöhnliche politische Partei käme nach Neriah einem politischen Selbstmord gleich, weil sie der religiösen Gründungsidentität widerspräche; im Zweifel wählte die Organisation den suizidalen Kampf nach dem Muster des »Karbala-Syndroms«. Als alternatives Szenario skizziert der Autor die legale Machtübernahme: Die Hisbollah bestreitet inzwischen offen die demografische Grundlage des Konfessionsproporzes, beziffert den Christenanteil auf nur noch 15,7 Prozent und könnte bei einer Neuverteilung der Ämter den Staat gewissermaßen erben und als Provinz der Islamischen Republik neu gründen. Der Politische Islam iranischer Prägung erscheint damit in doppelter Gestalt: als Gewaltapparat und als geduldige demografisch-institutionelle Übernahmestrategie.
Kurzbewertung
Die Stärke des Bandes liegt in der Verbindung von nachrichtendienstlicher Innenkenntnis, biografischer Nähe zum Land und arabischsprachigen Quellen. Die Rekonstruktion von Nasrallahs Endphase, die Strukturanalyse des hybriden Herrschaftsmodells und das Kapitel über die Mythenproduktion gehören zu den stärksten Passagen. Neriahs zentrale Erkenntnis reicht über den Einzelfall hinaus: Die Macht der Hisbollah beruhte im Kern auf einem sorgsam gepflegten Mythos, der psychologische Einschüchterung, soziale Abhängigkeit und religiöse Überhöhung zu einem Herrschaftsinstrument verband; die reale militärische Substanz hielt dieser Selbstdarstellung im Ernstfall nicht stand. Als der Mythos im Herbst 2024 in der Pager-Attacke zerbrach, zerfiel binnen Wochen, was über drei Jahrzehnte unangreifbar schien. Ideologischer Eifer allein, so das nüchterne Fazit, trägt keinen militärischen Erfolg.
Dabei würdigt Neriah durchaus die historische Dimension von Nasrallahs Lebensleistung. Kein Schiit vor ihm habe in der modernen libanesischen Geschichte eine vergleichbare Machtfülle und Popularität erreicht; er vollendete die von Musa al-Sadr begonnene Emanzipation der einst verachteten »Mutawalli« und machte die schiitische Gemeinschaft zur bestimmenden Kraft des Landes. Mit dem erzwungenen israelischen Abzug im Jahr 2000 gelang erstmals einem nichtstaatlichen arabischen Akteur ein bedingungsloser israelischer Rückzug, was Nasrallah zeitweise zu einer der populärsten Figuren der arabischen Welt machte. Neriah stellt ihn in eine Reihe mit Fachr ad-Din, Baschir Schihab II. und dem Maronitenführer Youssef Karam und zeigt zugleich die tragische Kehrseite: Der Emanzipator wurde zum Totengräber des libanesischen Staates, seine Erfolge nährten eine Hybris, die ihn alle Warnungen überhören ließ, zuletzt sogar jene aus Nadschaf, Teheran und Damaskus, und im Bunker von Harat Hreik endete. Der panarabische Nimbus war freilich schon am Syrien-Einsatz zerbrochen, der aus dem übersektiererischen Widerstandshelden in arabischen Augen einen Agenten der iranisch-schiitischen Achse machte.
Fair fällt die Kritik an die eigene Adresse aus: Israel habe innerlibanesische Kräfte von Beginn an falsch gelesen, die Chance einer Stärkung der rivalisierenden Amal-Bewegung vertan, sich in der »Sicherheitszone« festgesetzt und mit der Tötung Abbas Musawis 1992 unfreiwillig erst den Aufstieg Nasrallahs ermöglicht. Wo sich der Autor auf einzelne Zeugen und unbestätigte Berichte stützt, etwa in den reportagehaften Szenen um Nasrallahs letzte Stunden, macht er dies kenntlich; die Leserschaft sollte diese Passagen als plausible, quellenkritisch noch offene Rekonstruktion lesen. Als Fallstudie zur Anatomie des von Teheran getragenen Politischen Islam ist das Buch lesenswert, gerade weil vergleichbares Material bislang kaum greifbar ist.

Jacques Neriah: Hassan Nasrallah – The Last Days of Hezbollah’s Chief (Reihe: Contributions to Security and Defence Studies). Cham (Springer Nature Switzerland), 2026, ISBN 978–3‑032–22840‑6