Im Gespräch mit Florian Markl erläutert Heiko Heinisch zentrale Thesen des Buches »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft«, das er gemeinsam mit Nina Scholz und Gustav E. Gustenau veröffentlicht hat.
Im Zentrum steht die Analyse der Muslimbruderschaft als hybrider Akteur: nicht als klassische Terrororganisation, sondern als weit verzweigtes Netzwerk aus Kadern, Organisationen, ideologischen Milieus und internationalen Unterstützern. Heinisch beschreibt eine Strategie, die auf langfristige gesellschaftliche Transformation zielt – über Bildungsarbeit, Lobbying, religiöse Infrastruktur, NGOs, Medien und politische Netzwerke.
Der Begriff »Civilization Jihad« stammt aus internen Strategiepapieren der Muslimbruderschaft. Gemeint sei ein kultureller und gesellschaftlicher Transformationsprozess, der westliche Gesellschaften schrittweise verändern soll. Gerade weil die Bewegung häufig nicht offen konfrontativ auftrete, sondern sich als moderater Ansprechpartner präsentiere, sei ihr in einer freiheitlichen Demokratie schwer zu begegnen.
Besonders deutlich werde die Wirkung islamistischer Einflussnahme in Schulen, Universitäten und in bestimmten muslimischen Communities. Heinisch verweist auf Konflikte um Sexualkunde, Evolutionstheorie, Holocaust-Unterricht, Geschlechterrollen, Kopftuch, Ramadan und religiöse Normen im Alltag. Diese Fragen seien nicht nur Ausdruck individueller Religiosität, sondern auch Teil gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, in denen islamistische Akteure Einfluss gewinnen wollten.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die institutionelle Vernetzung: Parteien, Gewerkschaften, NGOs, Kirchen und staatliche Dialogformate können laut Heinisch zu Feldern werden, auf denen Akteure des Politischen Islam politische Freiräume gewinnen. Dem Begriff »Islamophobie« komme dabei besondere Bedeutung zu, weil er häufig genutzt werde, um Kritik an islamistischer Einflussnahme als antimuslimischen Rassismus zu delegitimieren.
Auch die Rolle islamischer Verbände wird thematisiert. Heinisch verweist insbesondere auf Organisationen und Milieus aus dem Umfeld von Millî Görüş sowie auf die Frage, wen Politik und Staat als Ansprechpartner für »den Islam« akzeptieren. Daraus ergibt sich eine zentrale demokratietheoretische Frage: Verhandeln staatliche Akteure tatsächlich mit repräsentativen muslimischen Stimmen – oder mit Vertretern des Politischen Islam?
Das Gespräch macht deutlich: Der Politische Islam ist keine kurzfristige Sicherheitsfrage, sondern eine langfristige Herausforderung für liberale Demokratien und staatliche Souveränität.
Florian Markl interviewt Heiko Heinisch: »Die Gesellschaft an den Islam gewöhnen« | Mena-Watch-Talk | 1:01:31 Min.