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»Poli­ti­scher Islam – eine hybri­de Bedro­hung Euro­pas« von Hei­nisch / Scholz / Gus­ten­au

Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav E. Gustenau legen mit »Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ›Civilization Jihad‹ der Muslimbruderschaft« eine umfassende strategische Analyse der Muslimbruderschaft in Europa vor. Das bei Nomos erschienene Werk verbindet Ideologieanalyse, historische Netzwerkrekonstruktion und sicherheitspolitische Szenarienbildung zu einem Gesamtbild, das Bestrebungen des Politischen Islam erstmals systematisch als hybride Konfliktform beschreibt.
Heiko Heinisch | Nina Scholz | Gustav E. Gustenau: Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der »Civilization Jihad« der Muslimbruderschaft. Nomos, Baden-Baden, 2026.

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Fra­ge­stel­lung und Metho­dik

Die Stu­die geht von der Beob­ach­tung aus, dass die Mus­lim­bru­der­schaft (MB) seit fast einem Jahr­hun­dert ein mes­sia­nisch auf­ge­la­de­nes Pro­jekt ver­folgt: die Errich­tung einer isla­mi­schen Welt­ord­nung, die als Herr­schaft Allahs auf Erden ver­stan­den wird. Die Stra­te­gie der MB, die von ihren Kadern als »Civi­liza­ti­on Jiha­dist Pro­cess« bezeich­net wird, soll durch sozia­le Diens­te, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, Infil­tra­ti­on, poli­ti­sche Ein­fluss­nah­me und Netz­werk­ar­beit in west­li­chen Demo­kra­tien ope­ra­ti­ve Wirk­sam­keit ent­fal­ten. Das Vor­ge­hen ist dabei selbst für poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger und Sicher­heits­be­hör­den nicht immer offen­sicht­lich, da die MB im Wes­ten gegen­wär­tig weder offen feind­lich noch gewalt­sam agiert. Die Stu­die greift zudem die tür­ki­sche Mil­li-Görüş-Bewe­gung als ideo­lo­gi­sche Part­ne­rin und stra­te­gi­sche Ver­bün­de­te der Bru­der­schaft auf. Damit trägt sie der Rea­li­tät Rech­nung, dass der Poli­ti­sche Islam nicht allein von ara­bisch­stäm­mi­gen Netz­wer­ken getra­gen wird, son­dern gera­de in Län­dern mit gro­ßer tür­ki­scher Dia­spo­ra wie Deutsch­land und Öster­reich auch über die IGMG und ihre Regio­nal­ver­bän­de ope­riert.

Vor die­sem Hin­ter­grund stel­len die Autoren eine zen­tra­le Fra­ge: Han­delt es sich bei der MB ledig­lich um eine schwer greif­ba­re, aber letzt­lich hin­nehm­ba­re Orga­ni­sa­ti­on im Spek­trum des orga­ni­sier­ten Islam – oder um ein stra­te­gi­sches Risi­ko, dem aktiv begeg­net wer­den muss? Die Fak­ten­la­ge spre­che für Letz­te­res: Die Akti­vi­tä­ten der MB folg­ten kei­nem spon­ta­nen oder situa­tiv wech­seln­den Mus­ter, son­dern einer lang­fris­tig ange­leg­ten Stra­te­gie mit klar defi­nier­ten Zie­len. Die­se Stra­te­gie beru­he auf der Vor­stel­lung eines umfas­sen­den gesell­schaft­li­chen Gegen­ent­wurfs zur libe­ra­len Demo­kra­tie, des­sen Tota­li­tät an die Uto­pien ande­rer ideo­lo­gi­scher Bewe­gun­gen des 20. Jahr­hun­derts erin­ne­re. In die­sem Sin­ne stel­le die MB eine ideo­lo­gi­sche Bedro­hung dar, die den Gesell­schaf­ten, in denen sie aktiv wird, einen kul­tu­rel­len und nor­ma­ti­ven Kon­flikt – einen Kul­tur­kampf – auf­zwin­ge.

Zur Iden­ti­fi­zie­rung und Bewer­tung die­ser Bedro­hung bedür­fe es eines metho­di­schen Instru­men­ta­ri­ums, das klas­si­sche Bedro­hungs­ana­ly­sen mit stra­te­gi­scher Vor­aus­schau und Metho­den zur Ana­ly­se hybri­der Kon­flik­te kom­bi­nie­re. Eine sol­che Ana­ly­se umfas­se sowohl struk­tu­rel­le als auch ope­ra­tio­nel­le Fak­to­ren: Ideo­lo­gie, Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien, Infil­tra­ti­ons­me­cha­nis­men, inter­na­tio­na­le Netz­wer­ke sowie gesell­schaft­li­che Reso­nanz. Die MB ver­fol­ge eine lang­fris­ti­ge, in Pha­sen geglie­der­te Stra­te­gie, in der sie je nach Pha­se ande­re Mit­tel, Metho­den und Schwer­punk­te ein­set­ze – fle­xi­bel und oppor­tu­nis­tisch, aber stets auf das über­ge­ord­ne­te Ziel aus­ge­rich­tet, ihre ideo­lo­gi­sche Agen­da lang­fris­tig zu ver­an­kern.

Die Ana­ly­se stüt­zen Hei­nisch, Scholz und Gus­ten­au auf die SPHEE­RE-Metho­de. Dabei han­delt es sich um einen vom Wie­ner Euro­pean Insti­tu­te for Coun­ter Ter­ro­rism and Con­flict Pre­ven­ti­on (EICTP) ent­wi­ckel­ten soft­ware­ge­stütz­ten Ansatz, der Ele­men­te der stra­te­gi­schen Zukunfts­ana­ly­se mit der Kon­flikt­ana­ly­se und der Stra­te­gie­ent­wick­lung ver­bin­det. Die­ses Modell ver­knüpft Sze­na­ri­en­ana­ly­se mit der Theo­rie hybri­der Kon­flik­te und erlaubt es, die Akti­vi­tä­ten der MB ent­lang von fünf auf­ein­an­der auf­bau­en­den stra­te­gi­schen Pha­sen und elf Hand­lungs­fel­dern zu erfas­sen.

Die Ent­wick­lung der Stra­te­gie­op­tio­nen erfolgt in drei defi­nier­ten Schrit­ten und wird abschlie­ßend in einer Stra­te­gie-Land­kar­te visua­li­siert. Die Stu­die stützt sich dabei auf Pri­mär­quel­len der MB – dar­un­ter die inter­nen Stra­te­gie­pa­pie­re von 1982 und 1991 – sowie auf Schrif­ten ihrer zen­tra­len Ideo­lo­gen, ins­be­son­de­re Hasan al-Ban­na und Yus­uf al-Qara­da­wi.

Die Mus­lim­bru­der­schaft als Kern­ak­teur

Ein­gangs zeich­net das Buch die Ent­wick­lung der MB von ihrer Grün­dung 1928 in Ägyp­ten über ihre euro­päi­sche Expan­si­on seit den 1950er Jah­ren nach. Eine Schlüs­sel­rol­le spiel­te Said Rama­dan, der als Schwie­ger­sohn al-Ban­nas das Isla­mi­sche Zen­trum in Mün­chen auf­bau­te und damit die ers­te insti­tu­tio­nel­le Basis der Bru­der­schaft in Euro­pa schuf. Von dort aus ent­stand ein trans­na­tio­na­les Netz­werk, dem die Autoren heu­te rund 200 Orga­ni­sa­tio­nen in Euro­pa zurech­nen – von unmit­tel­ba­ren Mus­lim­bru­der­or­ga­ni­sa­tio­nen über Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen bis hin zu Struk­tu­ren, die von der MB beein­flusst wer­den.

Zen­tral ist die Unter­schei­dung, die die Autoren zwi­schen der MB und dem gewalt­be­rei­ten Dschi­ha­dis­mus tref­fen: Die Bru­der­schaft ver­fol­ge eine Stra­te­gie des »Civi­liza­ti­on Jihad« – einer umfas­sen­den kul­tu­rel­len, poli­ti­schen und reli­giö­sen Trans­for­ma­ti­on bestehen­der gesell­schaft­li­cher Ord­nun­gen, die nicht auf offe­ne Kon­fron­ta­ti­on, son­dern auf schritt­wei­se sys­te­mi­sche Ver­än­de­rung unter­halb klas­si­scher Eska­la­ti­ons­schwel­len setzt. Die Autoren spre­chen in Anleh­nung an die For­schung von Flo­rence Ber­geaud-Black­ler auch vom »Fre­ris­mus«, um die­se spe­zi­fi­sche Spiel­art des Poli­ti­schen Islam begriff­lich von ande­ren isla­mis­ti­schen Strö­mun­gen abzu­gren­zen.

Fünf Pha­sen der Stra­te­gie

Den ana­ly­ti­schen Kern der Stu­die bil­det ein Fünf-Pha­sen-Modell, das die Autoren aus den Pri­mär­quel­len der MB ablei­ten und mit empi­ri­schen Befun­den aus ver­schie­de­nen euro­päi­schen Län­dern unter­le­gen.

Die ers­te Pha­se (»Sett­le­ment«, ab den 1950er Jah­ren) beschreibt die Ansied­lung und den Auf­bau ers­ter Struk­tu­ren in euro­päi­schen Län­dern. Aus­gangs­punkt waren isla­mi­sche Zen­tren und Moschee­ver­ei­ne, die als insti­tu­tio­nel­le Basis für die spä­te­re Netz­werk­bil­dung dien­ten. In die­ser Pha­se ging es pri­mär dar­um, Prä­senz auf­zu­bau­en und als Stim­me der Mus­li­me akzep­tiert zu wer­den.

Die zwei­te Pha­se (»Vor­be­rei­tung – Ein­fluss­nah­me«, ab den 1980er Jah­ren) mar­kiert den Über­gang von pas­si­ver Ansied­lung zu akti­ver gesell­schaft­li­cher Steue­rung. Die MB grün­de­te Dach­ver­bän­de wie die Fede­ra­ti­on of Isla­mic Orga­ni­sa­ti­ons in Euro­pe (FIOE, heu­te: Coun­cil of Euro­pean Mus­lims), Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die FEMYSO sowie den Euro­pean Coun­cil for Fat­wa and Rese­arch (ECFR) unter Vor­sitz al-Qara­da­wis. Die Stu­die zeigt detail­liert, wie die MB in elf Hand­lungs­fel­dern – vom »Civi­liza­ti­on Jihad« über Orga­ni­sa­ti­on, mus­li­mi­sche Bevöl­ke­rung und Gesamt­ge­sell­schaft bis hin zu Staat, Bil­dung, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Recht, Wirt­schaft, Sicher­heit und inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen – par­al­lel ope­riert. Instru­men­te sind dabei unter ande­rem die Infil­tra­ti­on zivil­ge­sell­schaft­li­cher Insti­tu­tio­nen, die Instru­men­ta­li­sie­rung von Dis­kri­mi­nie­rungs­dis­kur­sen, der stra­te­gi­sche Ein­satz von Frau­en mit Kopf­tuch im öffent­li­chen Raum und der Auf­bau eines reli­gi­ös-nor­ma­ti­ven Deu­tungs­mo­no­pols inner­halb mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten.

Die drit­te Pha­se (»Desta­bi­li­sie­rung«) beschreibt eine Eska­la­ti­on des Inter­ak­ti­ons­mus­ters. Die MB erhöht den Druck auf staat­li­che Insti­tu­tio­nen, arti­ku­liert inner­halb der mus­li­mi­schen Gemein­schaft einen Hege­mo­nie­an­spruch und ver­schärft die Aus­ein­an­der­set­zun­gen sowohl mit inner­is­la­mi­schen Geg­nern als auch mit nicht-mus­li­mi­schen Struk­tu­ren. Die Stu­die ver­weist auf die Ent­ste­hung isla­misch gepräg­ter Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, die sich staat­li­cher Kon­trol­le ent­zie­hen, sowie auf den geziel­ten Ein­satz juris­ti­scher Mit­tel (»Law­fa­re«), um Kri­tik abzu­schre­cken und isla­mi­sche Nor­men in der Recht­spre­chung zu ver­an­kern. Die Autoren sehen für Öster­reich in meh­re­ren Hand­lungs­fel­dern bereits Indi­ka­to­ren eines Über­gangs in die­se Pha­se. In Län­dern wie Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en oder Bel­gi­en sei die Desta­bi­li­sie­rungs­schwel­le bereits deut­lich über­schrit­ten.

Die vier­te Pha­se (»Offe­ne Kon­fron­ta­ti­on«) und die fünf­te Pha­se (»Trans­for­ma­ti­on«) wer­den als mög­li­che End­punk­te der stra­te­gi­schen Ent­wick­lung skiz­ziert. Die offe­ne Kon­fron­ta­ti­on umfasst eine sys­te­ma­ti­sche Infra­ge­stel­lung des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols und der rechts­staat­li­chen Ord­nung. Die Trans­for­ma­ti­ons­pha­se zielt auf die Durch­set­zung einer isla­misch defi­nier­ten Gesell­schafts­ord­nung. Bei­de Pha­sen sind in Euro­pa gegen­wär­tig nicht erreicht; die Autoren beto­nen jedoch, dass die Vor­aus­set­zun­gen für den Über­gang in die Desta­bi­li­sie­rungs­pha­se in immer mehr Berei­chen gege­ben sei­en.

Hybri­de Kon­flikt­lo­gik

Ein eigen­stän­di­ger Bei­trag der Stu­die liegt in der sys­te­ma­ti­schen Ver­knüp­fung der MB-Stra­te­gie mit der Theo­rie hybri­der Kon­flik­te. Die Autoren arbei­ten meh­re­re Merk­ma­le her­aus, die das Vor­ge­hen der Bru­der­schaft als hybri­de Bedro­hung cha­rak­te­ri­sie­ren: eine aus­ge­präg­te Eska­la­ti­ons­fle­xi­bi­li­tät, die je nach Rah­men­be­din­gun­gen zwi­schen ver­deck­ter Ein­fluss­nah­me und offe­ner Kon­fron­ta­ti­on wech­selt; stra­te­gi­sche Ambi­gui­tät, die durch bewuss­te Unschär­fe in Spra­che und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren eine ein­deu­ti­ge juris­ti­sche oder poli­ti­sche Ein­ord­nung erschwert; mul­tivek­to­ri­el­le Wir­kung über poli­ti­sche, kul­tu­rell-reli­giö­se, bil­dungs­po­li­ti­sche, juris­ti­sche und media­le Kanä­le gleich­zei­tig; sowie ein stra­te­gi­scher Lang­zeit­ef­fekt, der die Kurz­fris­tig­keit poli­ti­scher Ent­schei­dungs­zy­klen in west­li­chen Demo­kra­tien gezielt unter­lau­fe.

Beson­ders prä­gnant ist die Ana­ly­se der asym­me­tri­schen Kon­flikt­lo­gik: Die MB agie­re als nicht­staat­li­cher Akteur mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen, recht­li­chen und kom­mu­ni­ka­ti­ven Instru­men­ten, wäh­rend staat­li­che Insti­tu­tio­nen an rechts­staat­li­che Ver­fah­ren, Trans­pa­renz­pflich­ten und Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gebun­den sei­en. Die MB kön­ne stra­te­gi­sche Ziel­set­zun­gen ver­deckt ver­fol­gen, wäh­rend staat­li­che Reak­tio­nen öffent­lich legi­ti­miert sein müss­ten. Die­se Kon­stel­la­ti­on ermög­li­che es der MB, unter­halb staat­li­cher Reak­ti­ons­schwel­len wirk­sam zu blei­ben und Gegen­maß­nah­men als über­zo­gen dar­zu­stel­len.

Stra­te­gie­land­kar­te zur Ver­or­tung der Stra­te­gie­op­tio­nen der Mus­lim­bru­der­schaft im Kon­text hybri­der Kon­flikt­füh­rung (Gra­fik: Hei­nisch / Scholz / Gus­ten­au: Poli­ti­scher Islam, Nomos 2026, S. 203)

Stra­te­gie­pro­gno­se und Schluss­fol­ge­rung

Die Stu­die kommt zu dem Ergeb­nis, dass eine wei­te­re Eska­la­ti­on in Deutsch­land und Öster­reich wahr­schein­lich ist. Begüns­ti­gen­de Fak­to­ren sei­en unter ande­rem Defi­zi­te im staat­li­chen Umgang mit lega­lis­tisch-isla­mis­ti­schen Struk­tu­ren, zuneh­men­de gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung, der demo­gra­fi­sche Wan­del sowie inter­na­tio­na­le Refe­renz­er­eig­nis­se, die isla­mis­ti­schen Akteu­ren als Quel­le stra­te­gi­scher Zuver­sicht dien­ten. Die Autoren ver­wei­sen auf den unter ande­rem vom Bun­des­kri­mi­nal­amt her­aus­ge­ge­be­nen MOTRA-Moni­tor, wonach 45,1 Pro­zent der unter 40-jäh­ri­gen Mus­li­me in Deutsch­land laten­te oder mani­fes­te isla­mis­ti­sche Ein­stel­lun­gen auf­wei­sen. Die grund­le­gen­de Visi­on der MB sei weder abge­schwächt noch auf­ge­ge­ben wor­den; zugleich fehl­ten sicht­ba­re alter­na­ti­ve Islam­vor­stel­lun­gen, die eine Ver­ein­bar­keit isla­mi­scher Leh­ren mit den zen­tra­len Wer­ten west­li­cher Demo­kra­tien ermög­lich­ten.

Als Schluss­fol­ge­rung for­mu­lie­ren Hei­nisch, Scholz und Gus­ten­au die Not­wen­dig­keit einer inte­grier­ten Gegen­stra­te­gie, die lang­fris­tig ange­legt, pha­sen­über­grei­fend kohä­rent und domä­nen­über­grei­fend abge­stimmt sein müs­se. Die MB dür­fe nicht län­ger als punk­tu­el­ler Stör­fak­tor behan­delt wer­den, son­dern müs­se als stra­te­gi­scher Akteur mit trans­for­ma­ti­ver Agen­da ver­stan­den wer­den, der eine lang­fris­ti­ge sicher­heits­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung für libe­ra­le Demo­kra­tien dar­stel­le.

Kurz­be­wer­tung

Die Stu­die von Hei­nisch, Scholz und Gus­ten­au ist die ers­te öffent­li­che Ana­ly­se, die das Vor­ge­hen der Mus­lim­bru­der­schaft in Euro­pa sys­te­ma­tisch als hybri­de Kon­flikt­form model­liert. Die Stär­ke des Buches liegt in der Ver­bin­dung von drei Per­spek­ti­ven, die in der bis­he­ri­gen For­schung in die­ser Form noch nicht zusam­men­ge­führt wur­den: eine detail­lier­te Ideo­lo­gie­ana­ly­se auf Basis von Pri­mär­quel­len, eine empi­risch fun­dier­te Rekon­struk­ti­on der euro­päi­schen Netz­wer­ke und eine sicher­heits­po­li­ti­sche Risi­ko­be­wer­tung.

Beson­ders über­zeu­gend ist die metho­di­sche Inno­va­ti­on einer sys­te­ma­ti­schen Erfas­sung der MB-Akti­vi­tä­ten über ver­schie­de­ne Hand­lungs­fel­der und Pha­sen hin­weg. Damit lie­fern die Autoren ein ana­ly­ti­sches Instru­men­ta­ri­um, das die oft dis­pa­rat behan­del­ten Ein­zel­phä­no­me­ne – von der Infil­tra­ti­on zivil­ge­sell­schaft­li­cher Insti­tu­tio­nen über den Auf­bau von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten bis zur recht­li­chen Instru­men­ta­li­sie­rung – in einen kohä­ren­ten stra­te­gi­schen Zusam­men­hang stellt. Der Ansatz, die Akti­vi­tä­ten der MB nicht als Sum­me iso­lier­ter Ein­zel­hand­lun­gen, son­dern als Aus­druck einer lang­fris­ti­gen, koor­di­nier­ten Stra­te­gie zu lesen, ist ana­ly­tisch frucht­bar und schließt eine Lücke in der sicher­heits­po­li­ti­schen Debat­te. Kri­tisch anzu­mer­ken ist, dass die Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung inner­halb der MB-nahen Orga­ni­sa­tio­nen, die regio­nal erheb­lich vari­ie­ren kann, gegen­über dem über­grei­fen­den Stra­te­gie­mo­dell teil­wei­se in den Hin­ter­grund tritt.

Ins­ge­samt ist das Buch ein Grund­la­gen­werk für die sicher­heits­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Poli­ti­schen Islam. Es zeigt die stra­te­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen auf, die sich für libe­ra­le Demo­kra­tien erge­ben und macht deut­lich, dass eine wirk­sa­me Ant­wort ein grund­le­gen­des Umden­ken in der poli­ti­schen und insti­tu­tio­nel­len Pra­xis erfor­dert.


Hei­ko Hei­nisch | Nina Scholz | Gus­tav E. Gus­ten­au: Poli­ti­scher Islam – eine hybri­de Bedro­hung Euro­pas. Der »Civi­liza­ti­on Jihad« der Mus­lim­bru­der­schaft. Nomos, Baden-Baden, 2026. 228 Sei­ten. ISBN: 978–3‑7560–4077‑3. Open Access: https://doi.org/10.5771/9783748970033