Herr­mann: War­um die per­so­nel­le Kri­tik am Isla­mis­mus-Bera­ter­kreis des BMI unbe­grün­det ist

In einer Analyse auf dem Blog »Islamismus und Gesellschaft« zur Negativ-Kampagne gegen Mitglieder des neuen Islamismus-Beraterkreises des Bundesinnenministeriums benennt Sigrid Herrmann Schwächen, blinde Flecken und Interessenskonflikte der vorgebrachten Kritik.
Auftaktsitzung des BMI-Beraterkreises Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung am 15. Dezember 2025 (Foto: BMI / Henning Schacht)

In ihrer Ana­ly­se setzt Herr­mann bei der Kri­tik an der per­so­nel­len Zusam­men­set­zung des neu ein­ge­rich­te­ten »Bera­ter­krei­ses Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on und Isla­mis­mus­be­kämp­fung« beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern (BMI) an. Sie argu­men­tiert, dass die Vor­wür­fe gegen die Neu­aus­rich­tung und ein­zel­ne Mit­glie­der weni­ger auf fach­li­chen Kri­te­ri­en als auf poli­ti­schen und (anonym vor­ge­brach­ten) orga­ni­sa­ti­ons­be­zo­ge­nen Inter­es­sen beru­hen.

Herr­mann wider­spricht ins­be­son­de­re der Dar­stel­lung, bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit Isla­mis­mus han­de­le es sich pri­mär um einen inner­re­li­giö­sen oder theo­lo­gi­schen Dis­kurs. Viel­mehr sei der Auf­ga­ben­be­reich ein­deu­tig im Feld der Extre­mis­mus­be­kämp­fung und der Ver­tei­di­gung der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung zu ver­or­ten. Wört­lich hält sie fest: »Das ist kein ›hoch­re­li­giö­ser Bereich‹, son­dern Extre­mis­mus.«

Vor die­sem Hin­ter­grund ord­net Herr­mann auch die Bilanz der bis­he­ri­gen Prä­ven­ti­ons­po­li­tik ein. Trotz erheb­li­cher öffent­li­cher Mit­tel für Prä­ven­ti­ons­pro­jek­te, exter­ner Dienst­leis­ter und umfang­rei­cher sozi­al­päd­ago­gi­scher Pro­gram­me konn­te der Isla­mis­mus in Deutsch­land nicht zurück­ge­drängt wer­den. Isla­mis­ti­sches Gedan­ken­gut fin­de zuneh­mend brei­te Reso­nanz, ins­be­son­de­re im digi­ta­len Raum. Herr­mann ver­weist dar­auf, dass die­se Ent­wick­lung auch mit kon­zep­tio­nel­len Fehl­an­nah­men zusam­men­hän­gen kön­ne. Tei­le der bis­he­ri­gen Bera­tung hät­ten Isla­mis­mus vor allem als Reak­ti­on auf Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung in west­li­chen Gesell­schaf­ten inter­pre­tiert. Die Ideo­lo­gie selbst sowie die Orte und Netz­wer­ke, in denen sie ver­mit­telt wer­de, sei­en dabei viel­fach aus­ge­blen­det wor­den – eben­so der Umstand, dass isla­mis­ti­sche Hass­pre­di­ger auch in mehr­heit­lich isla­mi­schen Län­dern Mil­lio­nen Anhän­ger mobi­li­sie­ren. Die­se Per­spek­ti­ve habe einer Poli­tik ent­spro­chen, die davon aus­ging, die Ange­bo­te einer offe­nen Gesell­schaft wür­den lang­fris­tig aus­rei­chen, um isla­mis­ti­sche Milieus zu inte­grie­ren. Herr­mann bezeich­net dies als Fehl­ein­schät­zung: Gesell­schaft­li­che Ange­bo­te müss­ten auch ange­nom­men wer­den wol­len. Für vie­le Mus­li­me sei die Bedin­gung, Glei­che unter Glei­chen zu sein, selbst­ver­ständ­lich akzep­ta­bel – für Isla­mis­ten hin­ge­gen nicht. Die­se ver­stün­den sich als Sach­wal­ter einer gött­li­chen Ord­nung und streb­ten deren Durch­set­zung auch im Dies­seits an.

Ein wei­te­rer zen­tra­ler Punkt der Ana­ly­se betrifft die Rol­le von Prä­ven­ti­ons­ak­teu­ren und bis­lang staat­lich geför­der­ten Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, in denen sie orga­ni­siert sei­en. Herr­mann macht dar­auf auf­merk­sam, dass Tei­le der eta­blier­ten Prä­ven­ti­ons­land­schaft Koope­ra­tio­nen mit Orga­ni­sa­tio­nen ein­ge­gan­gen sind, die dem Umfeld der Mus­lim­bru­der­schaft oder der tür­kisch-rechts­extre­mis­ti­schen Bewe­gung der Grau­en Wöl­fe (vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet) zuge­rech­net wer­den. Den­noch sei­en sie von den nun aus dem BMI-Gre­mi­um ver­ab­schie­de­ten Akteu­ren für »so unpro­ble­ma­tisch« gehal­ten wer­den, dass man »mit ihnen mun­ter gemein­sa­me Sache machen kann – auch gegen die Regie­rung.« Nicht über­nom­men in den neu­en Bera­ter­kreis wur­den Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter von Orga­ni­sa­tio­nen, die der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft gegen reli­giö­sen Extre­mis­mus (BAG RelEx) ange­hö­ren.

Vor die­sem Hin­ter­grund bewer­tet Herr­mann die per­so­nel­le Neu­auf­stel­lung des Bera­ter­krei­ses als Kurs­kor­rek­tur. Die Aus­wahl der Mit­glie­der fol­ge dem Ziel, Inter­es­sen­kon­flik­te zu redu­zie­ren und eine kla­re ana­ly­ti­sche Distanz zu isla­mis­ti­schen Akteu­ren zu gewähr­leis­ten. Sie hält fest: »Es gibt also für die Neu­auf­stel­lung gute Grün­de. Die Neu­ori­en­tie­rung ver­mei­det über­wie­gend Inter­es­sen­kon­flik­te und lässt auch Per­so­nen außen vor, die den poli­ti­schen Islam eher legi­ti­mier­ten denn anmahn­ten.«

In der öffent­li­chen Debat­te wird häu­fig der Ein­druck eines voll­stän­di­gen per­so­nel­len Bruchs erzeugt. Tat­säch­lich las­sen sich jedoch auch Lini­en der Kon­ti­nui­tät erken­nen. So gehört der Pro­fes­sor für isla­mi­sche Reli­gi­ons­päd­ago­gik Mouha­nad Khor­chi­de sowohl der unter Bun­des­in­nen­mi­nis­te­rin Nan­cy Fae­ser (SPD) ein­ge­rich­te­ten »Task Force Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on« (2024–2025) als auch dem neu­en Bera­ter­kreis unter Alex­an­der Dob­rindt (CSU) und Chris­toph de Vries (CDU) an. Khor­chi­de steht zudem seit meh­re­ren Jah­ren dem wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat der öster­rei­chi­schen Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam vor.

Ins­ge­samt kommt Herr­mann zu dem Schluss, dass die per­so­nel­le Kri­tik am neu­en Bera­ter­kreis Aus­druck des Ver­lusts eta­blier­ter Ein­fluss­po­si­tio­nen und staat­li­cher För­de­rung durch Steu­er­gel­der sei. Die Neu­aus­rich­tung stel­le kei­nen Angriff auf Reli­gi­ons­frei­heit oder auf Mus­li­me als Grup­pe dar, son­dern einen Ver­such, Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on in einem ganz­heit­li­chen Ansatz mit Isla­mis­mus­be­kämp­fung zu ver­bin­den und ein­deu­tig als staat­li­che Auf­ga­be im Bereich der Extre­mis­mus­be­kämp­fung zu ver­an­kern.

  • Sig­rid Herr­mann: War­um die per­so­nel­le Kri­tik am »Bera­ter­kreis Isla­mis­mus« unbe­grün­det ist, 19.12.2025, in: Blog Isla­mis­mus und Gesell­schaft, Link (archi­viert)