In ihrer Analyse setzt Herrmann bei der Kritik an der personellen Zusammensetzung des neu eingerichteten »Beraterkreises Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung« beim Bundesministerium des Innern (BMI) an. Sie argumentiert, dass die Vorwürfe gegen die Neuausrichtung und einzelne Mitglieder weniger auf fachlichen Kriterien als auf politischen und (anonym vorgebrachten) organisationsbezogenen Interessen beruhen.
Herrmann widerspricht insbesondere der Darstellung, bei der Auseinandersetzung mit Islamismus handele es sich primär um einen innerreligiösen oder theologischen Diskurs. Vielmehr sei der Aufgabenbereich eindeutig im Feld der Extremismusbekämpfung und der Verteidigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu verorten. Wörtlich hält sie fest: »Das ist kein ›hochreligiöser Bereich‹, sondern Extremismus.«
Vor diesem Hintergrund ordnet Herrmann auch die Bilanz der bisherigen Präventionspolitik ein. Trotz erheblicher öffentlicher Mittel für Präventionsprojekte, externer Dienstleister und umfangreicher sozialpädagogischer Programme konnte der Islamismus in Deutschland nicht zurückgedrängt werden. Islamistisches Gedankengut finde zunehmend breite Resonanz, insbesondere im digitalen Raum. Herrmann verweist darauf, dass diese Entwicklung auch mit konzeptionellen Fehlannahmen zusammenhängen könne. Teile der bisherigen Beratung hätten Islamismus vor allem als Reaktion auf Diskriminierung und Ausgrenzung in westlichen Gesellschaften interpretiert. Die Ideologie selbst sowie die Orte und Netzwerke, in denen sie vermittelt werde, seien dabei vielfach ausgeblendet worden – ebenso der Umstand, dass islamistische Hassprediger auch in mehrheitlich islamischen Ländern Millionen Anhänger mobilisieren. Diese Perspektive habe einer Politik entsprochen, die davon ausging, die Angebote einer offenen Gesellschaft würden langfristig ausreichen, um islamistische Milieus zu integrieren. Herrmann bezeichnet dies als Fehleinschätzung: Gesellschaftliche Angebote müssten auch angenommen werden wollen. Für viele Muslime sei die Bedingung, Gleiche unter Gleichen zu sein, selbstverständlich akzeptabel – für Islamisten hingegen nicht. Diese verstünden sich als Sachwalter einer göttlichen Ordnung und strebten deren Durchsetzung auch im Diesseits an.
Ein weiterer zentraler Punkt der Analyse betrifft die Rolle von Präventionsakteuren und bislang staatlich geförderten Nichtregierungsorganisationen, in denen sie organisiert seien. Herrmann macht darauf aufmerksam, dass Teile der etablierten Präventionslandschaft Kooperationen mit Organisationen eingegangen sind, die dem Umfeld der Muslimbruderschaft oder der türkisch-rechtsextremistischen Bewegung der Grauen Wölfe (vom Verfassungsschutz beobachtet) zugerechnet werden. Dennoch seien sie von den nun aus dem BMI-Gremium verabschiedeten Akteuren für »so unproblematisch« gehalten werden, dass man »mit ihnen munter gemeinsame Sache machen kann – auch gegen die Regierung.« Nicht übernommen in den neuen Beraterkreis wurden Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen, die der Bundesarbeitsgemeinschaft gegen religiösen Extremismus (BAG RelEx) angehören.
Vor diesem Hintergrund bewertet Herrmann die personelle Neuaufstellung des Beraterkreises als Kurskorrektur. Die Auswahl der Mitglieder folge dem Ziel, Interessenkonflikte zu reduzieren und eine klare analytische Distanz zu islamistischen Akteuren zu gewährleisten. Sie hält fest: »Es gibt also für die Neuaufstellung gute Gründe. Die Neuorientierung vermeidet überwiegend Interessenkonflikte und lässt auch Personen außen vor, die den politischen Islam eher legitimierten denn anmahnten.«
In der öffentlichen Debatte wird häufig der Eindruck eines vollständigen personellen Bruchs erzeugt. Tatsächlich lassen sich jedoch auch Linien der Kontinuität erkennen. So gehört der Professor für islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide sowohl der unter Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) eingerichteten »Task Force Islamismusprävention« (2024–2025) als auch dem neuen Beraterkreis unter Alexander Dobrindt (CSU) und Christoph de Vries (CDU) an. Khorchide steht zudem seit mehreren Jahren dem wissenschaftlichen Beirat der österreichischen Dokumentationsstelle Politischer Islam vor.
Insgesamt kommt Herrmann zu dem Schluss, dass die personelle Kritik am neuen Beraterkreis Ausdruck des Verlusts etablierter Einflusspositionen und staatlicher Förderung durch Steuergelder sei. Die Neuausrichtung stelle keinen Angriff auf Religionsfreiheit oder auf Muslime als Gruppe dar, sondern einen Versuch, Islamismusprävention in einem ganzheitlichen Ansatz mit Islamismusbekämpfung zu verbinden und eindeutig als staatliche Aufgabe im Bereich der Extremismusbekämpfung zu verankern.
- Sigrid Herrmann: Warum die personelle Kritik am »Beraterkreis Islamismus« unbegründet ist, 19.12.2025, in: Blog Islamismus und Gesellschaft, Link (archiviert)