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»Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min« – Akzep­tanz­kam­pa­gne für Viel­falt und Selbst­be­stim­mung im Islam gestar­tet

Heute ist die Akzeptanzkampagne »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin« offiziell gestartet. Getragen wird sie vom Mernissi-de Gouges Bildungs- und Sozialwerk, der Ibn Rushd-Goethe Moschee und dem Arbeitskreis Politischer Islam (AK Polis). Die Staffel 1 zeigt vier Motive: eine muslimische Lehrerin ohne Kopftuch, eine interkulturelle Familie, ein schwules Paar und eine gesellige Szene mit Alkohol. Damit setzt sie ein Zeichen für Selbstbestimmung und innerislamischen Pluralismus. Zugleich will sie über die Hegemoniekonzepte der »Islamfeindlichkeit« und »Islamophobie« sowie über den Islamismus als wichtigste Ursache der Muslimenfeindlichkeit aufklären.

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Die Akti­on wird in Ber­lin auf Groß­pla­ka­ten zu sehen sein. Außer­dem wird sie auf Post­kar­ten in über 300 gas­tro­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen, Kinos sowie in den sozia­len Medi­en gezeigt. Die Initia­to­ren leis­ten damit einen Bei­trag zu dem erst­mals in Ber­lin geplan­ten Akti­ons­tag gegen Islam­feind­lich­keit am 15. März 2026 – berei­chern die­sen jedoch um eine ganz­heit­li­che, frei­heit­li­che Deu­tung. Unter dem Mot­to »Isla­mi­sche Viel­falt leben – Frei­heit schüt­zen« machen sie Plu­ra­lis­mus im Islam sicht­bar. Mit ihrem Bekennt­nis zur indi­vi­du­el­len Glau­bens­frei­heit und zur Selbst­be­stim­mung ertei­len sie isla­mis­ti­schen Macht­an­sprü­chen und der Koope­ra­ti­on mit ver­fas­sungs­feind­li­chen Akteu­ren eine deut­li­che Absa­ge – und wer­den dabei von Ber­lins Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter Kai Weg­ner mit einer Video­bot­schaft unter­stützt.

Sicht­bar­keit der wirk­li­chen Viel­falt im Islam

Pro­jekt­lei­ter der Akzep­tanz­kam­pa­gne ist Tugay Saraç von der »Anlauf­stel­le für Islam & Diver­si­ty (AID)«. Saraç erläu­tert die vier Moti­ve, die die Akzep­tanz­kam­pa­gne in Staf­fel 1 zeigt: eine mus­li­mi­sche Leh­re­rin ohne Kopf­tuch, eine inter­kul­tu­rel­le Fami­lie west­li­cher Prä­gung mit mus­li­mi­scher Mut­ter, ein schwu­les Paar sowie eine gesel­li­ge Sze­ne mit Rakı.

Tugay Saraç sagt zur Aus­wahl der Moti­ve:

»Wir zei­gen mus­li­mi­sche Men­schen, wie sie tat­säch­lich leben. Mus­li­min­nen und Mus­li­me sind kei­ne homo­ge­ne Grup­pe. Viel­falt im Islam ist Nor­ma­li­tät – das macht die Akzep­tanz­kam­pa­gne sicht­bar.«

Gesel­lig­keit jen­seits isla­mis­ti­scher Nor­men – auch mit Alko­hol

»Ich bin Mus­lim« in einer gesel­li­gen Run­de mit Rakı steht für Freu­de am Leben und den Genuss von Alko­hol jen­seits isla­mis­ti­scher Ver­hal­tens­nor­men. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Zum Motiv des Mus­lims mit Alko­hol sagt Saraç: »Rakı steht hier für Gesel­lig­keit, für Gesprä­che, für Freu­de am Leben. Mus­li­mi­sche Iden­ti­tät lässt sich nicht auf ein rigi­des Alko­hol­ver­bot redu­zie­ren, wie es von isla­mis­ti­schen Grup­pen ver­langt wird. Der Genuss von Alko­hol hat in vie­len mus­li­misch gepräg­ten Gesell­schaf­ten eine lan­ge Tra­di­ti­on.«

Mus­li­mi­sche Frau für freie Part­ner­wahl

»Ich bin Mus­li­min« in einer inter­kul­tu­rel­len Fami­lie steht für Selbst­be­stim­mung mus­li­mi­scher Frau­en bei der Part­ner­wahl und die Nor­ma­li­tät viel­fäl­ti­ger Lebens­ent­wür­fe. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Das Motiv der inter­kul­tu­rel­len Fami­lie fin­det Saraç aus­ge­spro­chen wich­tig: »Für vie­le Men­schen ist das eine ganz nor­ma­le Fami­lie. Und genau das ist der Punkt. Den­noch erle­ben wir immer wie­der, dass inter­kul­tu­rel­le Ehen – ins­be­son­de­re wenn eine mus­li­mi­sche Frau einen nicht-mus­li­mi­schen Part­ner wählt – von auto­ri­tä­ren und radi­ka­len Strö­mun­gen im Islam stark abge­lehnt wer­den. Lei­der haben die­se Hal­tun­gen auch in Deutsch­land Fuß gefasst. In nicht weni­gen Fäl­len führt die­ses Ver­ständ­nis von ›Ehre‹ zu Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen und Gewalt. Wir set­zen mit die­sem Motiv ein Zei­chen für die Selbst­be­stim­mung von Frau­en. Über ihr Leben und ihren Ehe­part­ner darf sie selbst bestim­men – nicht ihr Vater, nicht ihr Onkel und nicht ihre Brü­der.«

Schwu­les mus­li­mi­sches Paar für glei­che Rech­te

»Ich bin Mus­lim« in einer gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaft steht für glei­che Rech­te und die Sicht­bar­keit quee­rer Mus­li­min­nen und Mus­li­me in einer frei­en Gesell­schaft. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Mit Blick auf das Motiv eines schwu­len Paa­res erklärt Saraç: »Que­e­re Mus­li­min­nen und Mus­li­me sind Teil unse­rer Gesell­schaft. Dies ist eine Errun­gen­schaft unse­rer Gesell­schaft in Deutsch­land. Wer offen homo­se­xu­ell leben will, erlebt in bestimm­ten Ber­li­ner mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ties jedoch zuneh­mend mas­si­ve Ableh­nung – bis hin zu Mob­bing und Bedro­hun­gen. Der Fall des Leh­rers Oziel Iná­cio-Stech an der Carl-Bol­le-Grund­schu­le in Ber­lin hat gezeigt, wel­cher Druck auf­ge­baut wur­de, als mus­li­mi­sche Schü­ler und Eltern sei­ne Homo­se­xua­li­tät nicht akzep­tier­ten. Ihm und ande­ren quee­ren Per­so­nen die glei­che Wür­de und glei­che Rech­te abzu­spre­chen, wider­spricht sowohl den Men­schen­rech­ten als auch dem Ver­ständ­nis von Allah als barm­her­zi­gem Schöp­fer. Einen Men­schen wegen sei­ner sexu­el­len Ori­en­tie­rung zu mob­ben, anzu­grei­fen oder gar zu töten, ist men­schen­feind­lich – und aus mei­ner Sicht auch mit dem Islam gänz­lich unver­ein­bar.«

Mus­li­mi­sche Leh­re­rin für staat­li­che Neu­tra­li­tät

»Ich bin Mus­li­min« als Leh­re­rin im staat­li­chen Schul­dienst steht für die Ein­hal­tung der reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät des Staa­tes und die Viel­falt mus­li­mi­scher Lebens­rea­li­tä­ten in Deutsch­land. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Beson­ders deut­lich wird die Stoß­rich­tung der Akzep­tanz­kam­pa­gne beim The­ma Kopf­tuch: »Etwa ein Drit­tel der mus­li­mi­schen Frau­en in Deutsch­land trägt ein Kopf­tuch. Den­noch wer­den Mus­li­min­nen in Wer­bung und Kam­pa­gnen fast aus­schließ­lich mit Kopf­tuch dar­ge­stellt. Isla­mis­ti­sche Grup­pen ver­su­chen seit Jah­ren, immer stren­ge­re Ver­schleie­rungs­nor­men in Deutsch­land durch­zu­set­zen – vom Kopf­tuch über den Gesichts­schlei­er bis hin zur Voll­ver­schleie­rung mit Bur­ka oder Niqab.« Saraç sagt: »Es ist ein Mar­ker des Kol­lek­ti­vis­mus. Unse­re Kam­pa­gne zeigt, dass mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land wesent­lich viel­fäl­ti­ger und frei­er ist. War­um soll­ten 30 Pro­zent die ver­meint­li­che Norm reprä­sen­tie­ren, wäh­rend 70 Pro­zent unsicht­bar blei­ben?«

Vor dem Hin­ter­grund der Atta­cken auf das Neu­tra­li­täts­ge­setz in Ber­lin habe man sich bewusst für das Motiv einer Leh­re­rin ohne Kopf­tuch ent­schie­den. Saraç: »Wir zei­gen eine mus­li­mi­sche Leh­re­rin, die Ver­ant­wor­tung im staat­li­chen Bil­dungs­sys­tem über­nimmt – ohne Kopf­tuch. Ob sie pri­vat eines trägt, zeigt das Bild nicht, und das ist auch nicht ent­schei­dend. Ent­schei­dend ist, dass sie im staat­li­chen Raum reli­gi­ös und welt­an­schau­lich neu­tral auf­tritt.«

Saraç betont abschlie­ßend: »Unse­re Moti­ve ste­hen für Indi­vi­du­en mit unter­schied­li­chen Bio­gra­fien und frei­heit­li­chen Lebens­ent­wür­fen. Sie unter­schei­den sich deut­lich von kol­lek­ti­vis­ti­schen Iden­ti­täts­mo­del­len, wie sie von isla­mis­ti­schen Akteu­ren ver­tre­ten wer­den. Wir zei­gen die wirk­li­che Viel­falt in Deutsch­land. Mus­li­min­nen und Mus­li­me sind kei­ne homo­ge­ne Grup­pe. Viel­falt ist Nor­ma­li­tät.«

War­um KI-gene­rier­te Moti­ve?

Die in der Akzep­tanz­kam­pa­gne gezeig­ten Per­so­nen sind mit Hil­fe von KI erstellt wor­den. Die­ser Ent­schei­dung ging eine sorg­fäl­ti­ge Abwä­gung vor­aus.

Erfah­run­gen aus frü­he­ren Pro­jek­ten – etwa der Kam­pa­gne »Lie­be ist Halal« – haben gezeigt, wel­chen enor­men Risi­ken die gezeig­ten Per­so­nen aus­ge­setzt sind. Ein­zel­ne Mit­wir­ken­de erhiel­ten tau­sen­de Dro­hun­gen. Ein sol­cher Zustand ist zwar mit einer offe­nen Gesell­schaft unver­ein­bar, aber Teil der inner­is­la­mi­schen Rea­li­tät. 

Die Ent­schei­dung für KI-gene­rier­te Moti­ve dient daher dem Schutz von Men­schen. Sicht­bar­keit darf nur in einem ver­tret­ba­ren Maße mit per­sön­li­cher Gefähr­dung ver­bun­den sein. Schon das Bei­spiel eines schwu­len Leh­rers aus Ber­lin-Mit­te, der sich nicht dem isla­mis­ti­schen Nor­mal­druck gebeugt hat, zeigt, wie rasch die­ses Maß über­schrit­ten wer­den kann.

Dabei geht es nicht um feh­len­de rea­le Vor­bil­der. Allein in Ber­lin leben zehn­tau­sen­de freie, eman­zi­pier­te und huma­nis­tisch gepräg­te Mus­li­min­nen und Mus­li­me. Die Kam­pa­gne macht deut­lich: Viel­falt im Islam exis­tiert – auch wenn sie im öffent­li­chen Dis­kurs häu­fig unsicht­bar bleibt.

Die Fra­ge, war­um die­se Viel­falt oft über­se­hen wird, rich­tet sich nicht an Ein­zel­ne, son­dern an die Gesell­schaft ins­ge­samt. Wel­che Bil­der von Mus­li­min­nen und Mus­li­men prä­gen unser Ver­ständ­nis? Wel­che Nar­ra­ti­ve domi­nie­ren? Und wel­che Rea­li­tä­ten blei­ben unbe­ach­tet?

Die Akzep­tanz­kam­pa­gne leis­tet einen Bei­trag gegen Vor­ur­tei­le und für die Viel­falt des Islam: Sie zeigt rea­le Lebens­ent­wür­fe. Und schützt zugleich rea­le Men­schen.

Auf­klä­rung zum Ber­li­ner Akti­ons­tag gegen »Islam­feind­lich­keit« am 15. März

Die Begrif­fe »Islam­feind­lich­keit« und »Isla­mo­pho­bie« sind seit den 1990er Jah­ren ver­stärkt Gegen­stand inter­na­tio­na­ler poli­ti­scher Initia­ti­ven. Ins­be­son­de­re Staa­ten der Orga­ni­sa­ti­on für Isla­mi­sche Zusam­men­ar­beit (OIC) haben auf UN-Ebe­ne Reso­lu­tio­nen zur soge­nann­ten »Ver­leum­dung von Reli­gio­nen« ein­ge­bracht. Erklär­tes Ziel war es, den Islam stär­ker vor »Dif­fa­mie­rung« zu schüt­zen. In meh­re­ren der trei­ben­den Staa­ten – dar­un­ter Paki­stan, Katar, Tür­kei, Iran oder Sau­di-Ara­bi­en – konn­te jedoch deut­lich beob­ach­tet wer­den, dass Isla­mis­ten mit die­sem Ansatz vor allem Kri­tik am Poli­ti­schen Islam und sei­nem Macht­an­spruch unter­drü­cken – und dar­über hin­aus auch in Euro­pa und Deutsch­land sub­ver­siv Ein­fluss auf die Poli­tik neh­men wol­len.

Nach jah­re­lan­gem Lob­by­ing beschloss die UN-Gene­ral­ver­samm­lung im Jahr 2022 die Ein­füh­rung eines »Inter­na­tio­na­len Tages zur Bekämp­fung der Isla­mo­pho­bie«, der jähr­lich am 15. März began­gen wird – dem Jah­res­tag des Anschlags von Christ­church 2019.

Im Sep­tem­ber 2025 ver­ab­schie­de­te das Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus den Beschluss, die­sen Tag erst­mals ab 2026 als Gedenk- und Akti­ons­tag gegen »Islam­feind­lich­keit« zu bege­hen. Für die­se Initia­ti­ve hat­te sich laut Medi­en­be­rich­ten vor allem der Ber­li­ner SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Raed Saleh ein­ge­setzt. Das Land Ber­lin erklär­te, ein Eck­punk­te­pa­pier für eine lan­des­wei­te Hand­lungs­stra­te­gie zur Prä­ven­ti­on von »Islam­feind­lich­keit« zu erar­bei­ten. Dabei sol­len unter ande­rem die »Expert*innenkommission anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus Ber­lin« sowie das Forum Islam Ber­lin (FIB) ein­be­zo­gen wer­den. Ziel sei es, »kon­se­quent gegen jede Form von Extre­mis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung, grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit, Rechts­extre­mis­mus und Ras­sis­mus vor­zu­ge­hen« und »Unter­stüt­zungs­be­dar­fe« für Islam­ver­bän­de und Moschee­ge­mein­den zu ermit­teln.

Pro­jekt­lei­ter Tugay Saraç lehnt die­ses Vor­ge­hen des Lan­des Ber­lin ab:

»Zunächst war ich scho­ckiert. Denn der UN-Tag gegen ›Islam­feind­lich­keit‹ hat eine unsäg­li­che Geschich­te und wur­de von isla­mis­ti­schen Regie­run­gen vor­an­ge­trie­ben – und Ber­lin setzt gewis­ser­ma­ßen noch einen drauf: Das staat­lich geför­der­te ›Forum Islam Ber­lin‹ wird von isla­mis­ti­schen Netz­wer­ken gestal­tet. Staat­li­che Stel­len sind schlecht bera­ten, Extre­mis­mus mit Akteu­ren bekämp­fen zu wol­len, die teil­wei­se in Abhän­gig­keit von Isla­mis­ten aus dem Aus­land sind und selbst nicht ein­deu­tig auf dem Boden der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ste­hen. Per­so­nen oder Orga­ni­sa­tio­nen, die isla­mis­ti­sche Posi­tio­nen ver­tre­ten oder zu denen ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te Erkennt­nis­se vor­lie­gen, soll­ten kei­nes­falls Koope­ra­ti­ons­part­ner des Staa­tes sein! Dies soll­te selbst­ver­ständ­lich sein. Den­noch ist Ber­lin hier ein­ge­knickt. Einen grö­ße­ren Scha­den kann man unse­rer frei­heit­li­chen Gesell­schaft und den vie­len Men­schen in der mus­li­mi­schen Com­mu­ni­ty kaum antun. Mit unse­rer Akzep­tanz­kam­pa­gne gren­zen wir uns klar von die­sen isla­mis­ti­schen Akteu­ren und ihrer Aus­le­gung des Islam ab.«

Isla­mis­mus ist wich­tigs­te Ursa­che der Mus­li­men­feind­lich­keit

Die Grün­de­rin der Ibn Rushd-Goe­the Moschee, Sey­ran Ateş, betont zugleich, dass Mus­li­men­feind­lich­keit real exis­tiert:

»Raed Saleh hat recht, wenn er sagt: Kei­ner kann die Augen davor ver­schlie­ßen, dass mus­li­mi­sche Men­schen Anfein­dun­gen spü­ren und auch nicht nur ver­bal, son­dern oft in ihrem all­täg­li­chen Leben Bedro­hun­gen aus­ge­setzt sind.«

Zugleich äußert sie grund­sätz­li­che Vor­be­hal­te gegen­über der begriff­li­chen und poli­ti­schen Ver­schie­bung des The­mas – weil Islamist*innen davon pro­fi­tie­ren.

»Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn der Begriff ›Islam­feind­lich­keit‹ dort ein­ge­setzt wird, wo es Hass oder Gewalt gegen Muslim*innen gibt, denn das ist ›Muslim*innenfeindlichkeit‹. In Christ­church wur­de nicht der Islam ange­grif­fen, son­dern Muslim*innen – des­we­gen soll­te der 15. März der inter­na­tio­na­le Tag gegen Muslim*innenfeindlichkeit sein!«

Fata­les Signal für Antisemit*innen

Die Ima­nin ruft zur sprach­li­chen Genau­ig­keit auf:

»Wer die Begrif­fe ›Islam­feind­lich­keit‹ und ›Muslim*innenfeindlichkeit‹ ver­wech­selt, immu­ni­siert den Poli­ti­schen Islam gegen die not­wen­di­ge Kri­tik, weil er sie in die Nähe von rech­ten Ideo­lo­gien rückt.« Ange­sichts des isla­misch moti­vier­ten Anti­se­mi­tis­mus dür­fe dies nicht pas­sie­ren, so Ateş: »Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Okto­ber erle­ben wir mas­si­ven Juden­hass und aggres­si­ven Isla­mis­mus, vor allem auch in Ber­lin. In die­ser Situa­ti­on einen Tag gegen Islam­feind­lich­keit ein­zu­füh­ren, macht den 15. März zum Fei­er­tag für Isla­mis­mus – das ist ein fata­les Signal!«

Zugleich weist Sey­ran Ateş auf eine Tat­sa­che hin, die in der Debat­te viel zu sel­ten benannt wird:

»Die häu­figs­te Ursa­che für Muslim*innenfeindlichkeit ist Isla­mis­mus – sei­ne häu­figs­ten Opfer sind die unzäh­li­gen Mus­li­min­nen und Mus­li­me, die selbst dar­über ent­schei­den wol­len, wie sie ihre Reli­gi­on und ihr Leben gestal­ten. Die­se Feind­lich­keit wird viel zu sel­ten offen benannt und rich­tet sich ins­be­son­de­re gegen libe­ra­le, säku­la­re und eman­zi­pier­te Mus­li­min­nen und Mus­li­me. Dar­un­ter lei­den ins­be­son­de­re die Mil­lio­nen von Frau­en und Mäd­chen, die welt­weit von Zwangs­ver­schleie­rung, Zwangs­ver­hei­ra­tung und ›Ehren‹-Gewalt betrof­fen sind.«

Ibn Rushd-Goe­the Moschee muss nicht vor deut­schen Rechts­extre­men beschützt wer­den

Ateş beschreibt die­ses Phä­no­men als »inner­is­la­mi­sche Muslim*innenfeindlichkeit«, was eine Aus­prä­gung grup­pen­be­zo­ge­ner Men­schen­feind­lich­keit sei, die bis­lang zu wenig gesell­schaft­li­che Auf­merk­sam­keit erfah­re. Mit Blick auf die Erfah­run­gen der Ibn Rushd-Goe­the Moschee for­mu­liert sie deut­lich:

»Die Poli­zei muss unse­re Moschee nicht vor urdeut­schen Rechts­extre­men und vor Nicht-Muslim*innen beschüt­zen – son­dern zu 100 Pro­zent vor Islamist*innen und rechts­extre­men Muslim*innen. Sie rei­sen teil­wei­se extra aus dem Aus­land an, um gewalt­sam zu ver­hin­dern, dass in unse­rer Moschee alle zusam­men beten: Frau­en und Män­ner, Schwu­le und Les­ben, Sun­ni­ten, Schii­ten, Ale­vi­ten und vie­le ande­re mehr.«

Poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Dekon­struk­ti­on der Hege­mo­nie­kon­zep­te der »Islam­feind­lich­keit« und »Isla­mo­pho­bie«

Die aktu­el­le Dis­kus­si­on um Islam­feind­lich­keit wird zusätz­lich durch begriff­li­che Unschär­fen erschwert. Neben »Islam­feind­lich­keit« ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ins­be­son­de­re der Begriff »Isla­mo­pho­bie« sowie in Deutsch­land zuneh­mend der Ter­mi­nus »anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus« in den Vor­der­grund gerückt.

Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Armin Pfahl-Traugh­ber hat bereits im Jahr 2020 in einer grund­le­gen­den Ana­ly­se (»Isla­mo­pho­bie« und »Anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus« – Dekon­struk­ti­on zwei­er Hege­mo­nie­kon­zep­te aus men­schen­recht­li­cher Per­spek­ti­ve) dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bei­de Begrif­fe häu­fig nicht prä­zi­se defi­niert wer­den. Eine kla­re Abgren­zung zwi­schen legi­ti­mer Reli­gi­ons­kri­tik, Isla­mis­mus­kri­tik und tat­säch­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung von Mus­li­min­nen und Mus­li­men feh­le viel­fach.

Armin Pfahl-Traugh­ber: »›Isla­mo­pho­bie‹ und ›Anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus‹ — Dekon­struk­ti­on zwei­er Hege­mo­nie­kon­zep­te aus men­schen­recht­li­cher Per­spek­ti­ve.« In: Zeit­schrift für Poli­tik, 67. Jahr­gang, Heft 2 (Juni 2020), S. 133–152.

Pfahl-Traugh­ber betont, dass Dis­kri­mi­nie­rung von Men­schen auf­grund ihrer Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit selbst­ver­ständ­lich eine Ver­let­zung von Men­schen­rech­ten dar­stellt. Pro­ble­ma­tisch wer­de es jedoch dort, wo auch die Kri­tik an reli­giö­sen Leh­ren oder an isla­mis­ti­schen Ideo­lo­gien pau­schal als »ras­sis­tisch« oder »isla­mo­phob« eti­ket­tiert wer­de.

Eine sol­che Aus­wei­tung kön­ne dazu füh­ren, dass:

  • men­schen­recht­lich moti­vier­te Kri­tik an Frau­en­un­ter­drü­ckung oder Homo­se­xu­el­len­feind­lich­keit dele­gi­ti­miert wird,
  • inner­is­la­mi­sche Reform­stim­men unter Gene­ral­ver­dacht gera­ten,
  • und isla­mis­ti­sche Akteu­re sich hin­ter einem Schutz­schild gegen Kri­tik ver­schan­zen kön­nen.

Als zen­tra­len Unter­schied nennt er:

  • Mus­li­men­feind­lich­keit rich­tet sich gegen Men­schen.
  • Reli­gi­ons­kri­tik rich­tet sich gegen Ideen.

In einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie stün­den indi­vi­du­el­le Grund- und Men­schen­rech­te über reli­giö­sen Norm­an­sprü­chen. Die­se Prio­ri­sie­rung sei kein Aus­druck von Feind­lich­keit gegen­über Reli­gi­on, son­dern Kern des säku­la­ren Ver­fas­sungs­staa­tes.

Pfahl-Traugh­ber warnt zudem vor einem kul­tu­ra­lis­ti­schen Kol­lek­ti­vis­mus, der »die Mus­li­me« als homo­ge­ne Grup­pe kon­stru­iert. Gera­de dadurch wür­den die inner­is­la­mi­schen Unter­schie­de zwi­schen extre­mis­ti­schen, radi­ka­len, kon­ser­va­ti­ven, libe­ra­len, säku­la­ren oder reform­ori­en­tier­ten Mus­li­min­nen und Mus­li­men unsicht­bar gemacht.

Fazit: Viel­falt schüt­zen heißt Frei­heit ver­tei­di­gen

Die Akzep­tanz­kam­pa­gne »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min« setzt genau hier an. Sie ver­steht sich als Ein­la­dung zur Debat­te, so Pro­jekt­lei­ter Tugay Saraç. Er sagt zusam­men­fas­send:

»Die Akzep­tanz­kam­pa­gne rich­tet sich gegen jede Form von Dis­kri­mi­nie­rung gegen­über Mus­li­min­nen und Mus­li­men. Zugleich wen­det sie sich gegen isla­mis­ti­sche Ver­ein­nah­mung und poli­ti­sche The­men­ver­schie­bun­gen – wie sie auch von den Prot­ago­nis­ten des Ber­li­ner ›Tags zur Bekämp­fung der Islam­feind­lich­keit‹ für den 15. März vor­an­ge­trie­ben wer­den.

Sie macht sicht­bar, was im öffent­li­chen Dis­kurs häu­fig aus­ge­blen­det wird – nicht zuletzt vom staat­lich geför­der­ten ›Forum Islam Ber­lin‹ bei der Vor­be­rei­tung die­ses ›Islamfeindlichkeit‹-Aktionstages: Mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land ist viel­fäl­tig. Genau wie unter den in Deutsch­land leben­den Chris­tin­nen und Chris­ten gibt es auch unter Mus­li­min­nen und Mus­li­men vie­le ver­schie­de­ne Hal­tun­gen und Lebens­wei­sen – und auch sehr unter­schied­li­che Stel­len­wer­te ihrer Reli­gi­on: Für die einen ist der Glau­be in allen Lebens­be­rei­chen extrem wich­tig, für ande­re wie­der­um ist er eher eine kul­tu­rel­le Ange­le­gen­heit, die im All­tag kaum eine Rol­le spielt. Mus­li­mi­sches Leben in Deutsch­land ist spi­ri­tu­ell, säku­lar, libe­ral, que­er, inter­kul­tu­rell sowie frei­heits­lie­bend und west­lich geprägt.

Isla­mis­ti­sche Ideo­lo­gien ken­nen kei­ne Viel­falt. Doch in einer Demo­kra­tie ist Viel­falt kei­ne Bedro­hung, son­dern Aus­druck von Frei­heit.«

Die heu­te gestar­te­te Staf­fel 1 der Akzep­tanz­kam­pa­gne ist als Auf­takt ange­legt. Wei­te­re Moti­ve und The­men für Staf­fel 2 sind bereits in Vor­be­rei­tung.

Zugleich soll der Initia­tiv­kreis erwei­tert wer­den. Orga­ni­sa­tio­nen, Initia­ti­ven und Ein­zel­per­so­nen, die sich für Reli­gi­ons­frei­heit, inner­is­la­mi­schen Plu­ra­lis­mus, Selbst­be­stim­mung und demo­kra­ti­sche Wer­te ein­set­zen möch­ten, sind ein­ge­la­den, sich zu betei­li­gen. Kon­takt: post@mdg-bildungswerk.de