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Ideo­lo­gi­sche Ver­bin­dun­gen: Mus­lim­bru­der­schaft, Hamas und Juden­hass

Dieser Beitrag von Nina Scholz ist Teil des Dossiers zur Dokumentation der Veranstaltung »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten« am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin.
Nina Scholz am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin auf der Veranstaltung »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten« (Bild: Philip Schunke / AK Polis)

Inhaltsverzeichnis

Ursprung und Ideo­lo­gie der Mus­lim­bru­der­schaft

Die 1928 vom ägyp­ti­schen Leh­rer Hassan al-Ban­na gegrün­de­te Mus­lim­bru­der­schaft ist heu­te die größ­te und ein­fluss­reichs­te glo­bal ver­netz­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on der Welt. Sie ver­steht sich als Mas­sen­be­we­gung und ist über­all dort aktiv, wo Mus­li­me leben. Auch in Deutsch­land hat sie den orga­ni­sier­ten Islam maß­geb­lich mit­ge­stal­tet. Erklär­tes Ziel ist die Umge­stal­tung der Gesell­schaft nach isla­mi­schen Regeln.

Das Logo der Mus­lim­bru­der­schaft zeigt den Koran, dar­un­ter zwei gekreuz­te Schwer­ter und den Schrift­zug »Seid bereit«.

Das, was wir heu­te unter isla­mis­ti­scher Ideo­lo­gie ver­ste­hen, geht wesent­lich auf die Den­ker der Mus­lim­bru­der­schaft zurück. Gegen­über ande­ren Grup­pie­run­gen ver­füg­te sie von Beginn an über drei ent­schei­den­de Ele­men­te:
ers­tens über die Uto­pie der Wie­der­errich­tung des Kali­fats und die welt­wei­te Herr­schaft des Islam zum Heil der gesam­ten Mensch­heit;
zwei­tens über eine kol­lek­ti­ve Iden­ti­tät durch die Gemein­schaft der Mus­li­me, die dem »wah­ren« Islam folgt;
und drit­tens – und das unter­schei­det sie von eini­gen ande­ren Kali­fats­ver­fech­tern, die in jüngs­ter Zeit auf Deutsch­lands Stra­ßen auf sich auf­merk­sam machen – über eine kon­kre­te Stra­te­gie zur Infil­tra­ti­on und Trans­for­ma­ti­on von Gesell­schaf­ten mit­tels einer Gras­wur­zel­be­we­gung.

Auf die Ideo­lo­gie der Mus­lim­bru­der­schaft bezie­hen sich Isla­mis­ten jeg­li­cher Cou­leur, von lega­lis­ti­schen bis hin zu gewalt­tä­ti­gen dschi­ha­dis­ti­schen Strö­mun­gen.

Die west­li­che Ent­wick­lung hin zu Frei­heit, Plu­ra­lis­mus, Säku­la­ris­mus und unver­äu­ßer­li­chen Men­schen­rech­ten, die durch­aus auch in Tei­len der isla­mi­schen Welt Anklang fand, betrach­tet die Mus­lim­bru­der­schaft als unmit­tel­ba­ren Angriff auf den Kern des Islam und mus­li­mi­scher Gesell­schaf­ten. Sie trägt den Kampf dage­gen seit eini­gen Jahr­zehn­ten, seit Mus­li­me in den Wes­ten ein­ge­wan­dert sind, auch in die Dia­spo­ra und begreift ihn als Kul­tur­kampf. Ihr Gegen­mo­dell baut auf einem dicho­to­men Welt­bild auf, das die Welt hier­ar­chisch in Gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge trennt, in Mus­li­me und Fein­de der­sel­ben. Die Spal­tung der Gesell­schaft ist damit vor­pro­gram­miert und gewollt.

Die uni­ver­sa­lis­ti­sche Uto­pie vom Pri­mat des Islam und sei­ner welt­wei­ten Durch­set­zung als Herr­schafts­mo­dell ist durch­aus ver­gleich­bar mit der Uto­pie von der kom­mu­nis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on.

Der »Kampf um Paläs­ti­na«

Im Kon­zept der Mus­lim­bru­der­schaft gehört Juden­hass stets zum Kern der Ideo­lo­gie, ver­bun­den mit dem »Kampf um Paläs­ti­na«. Das gilt auch für all ihre Able­ger, die seit den 1950er Jah­ren hier in Euro­pa und in Nord­ame­ri­ka nach und nach Fuß fas­sen konn­ten.

Zu den Vätern die­ser Bewe­gung zählt neben dem Grün­der der Mus­lim­bru­der­schaft Hasan al-Ban­na auch der Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem, Moham­med Amin al-Huss­ei­ni. Er wur­de in den 1930er Jah­ren vom Grün­der der Mus­lim­bru­der­schaft per­sön­lich zum Füh­rer der Bru­der­schaft im dama­li­gen bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na ernannt und arbei­te­te eng mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten zusam­men. Zu sei­nen Auf­ga­ben gehör­te die Auf­stel­lung mus­li­mi­scher SS-Ein­hei­ten in Bos­ni­en, die an der Sei­te Deutsch­lands kämpf­ten. Auf Auf­nah­men sieht man ihn an der Sei­te Adolf Hit­lers.

Moham­med Amin al-Huss­ei­ni, Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem und Vor­sit­zen­der des Obers­ten Isla­mi­schen Rates, mit Adolf Hit­ler am 28. Novem­ber 1941 (Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1987-004–09A / Hein­rich Hoff­mann / CC-BY-SA 3.0)

Bereits seit Beginn der 1920er Jah­re hat­te er als Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem gewalt­tä­ti­ge Angrif­fe auf die auto­chtho­nen jüdi­schen Vier­tel von Jeru­sa­lem, Jaf­fa, Hebron und ande­ren Orten orga­ni­siert. Zu den blu­tigs­ten Aus­schrei­tun­gen die­ser Zeit gehö­ren die Mas­sa­ker in Hebron und Safed im Jahr 1929 mit ins­ge­samt 133 Toten. Im Gegen­satz zu den neu ein­ge­wan­der­ten und sich ver­tei­di­gen­den Zio­nis­ten waren die auto­chtho­nen Juden­ge­mein­den ein leich­tes Ziel.

Zu den Füh­rern der Ter­ror­grup­pen zähl­te bald auch Izz ad-Din al-Qas­sam, der es sich mit sei­nen bewaff­ne­ten Klein­grup­pen zur Auf­ga­be mach­te, so vie­le Juden wie mög­lich zu töten. Der Name al-Qas­sam wird Ihnen bekannt vor­kom­men, denn die bis heu­te ope­rie­ren­den bewaff­ne­ten Ein­hei­ten der Hamas tra­gen ihn: die Al-Qas­sam-Bri­ga­den.

Der Kampf gegen die Juden Ägyp­tens

Auch in Ägyp­ten orga­ni­sier­te die Mus­lim­bru­der­schaft Ende der 1930er-Jah­re Pogro­me und Demons­tra­tio­nen gegen die jüdi­sche Bevöl­ke­rung. Mit Paro­len wie »Nie­der mit den Juden« und »Juden raus aus Ägyp­ten« zogen Anhän­ger der Bewe­gung durch die Stra­ßen, grif­fen Juden an, ver­letz­ten und töte­ten sie, zer­stör­ten ihre Häu­ser und Geschäf­te.

Par­al­lel dazu betrieb die Bru­der­schaft mit ihrer Zei­tung al-Nad­hir, die sich selbst ein poli­ti­sches isla­mi­sches Wochen­blatt nann­te, kon­ti­nu­ier­lich Pro­pa­gan­da gegen die Juden Ägyp­tens. In einer regel­mä­ßi­gen Kolum­ne wur­de unter der Über­schrift »Die Gefähr­lich­keit der Juden von Ägyp­ten« Stim­mung gegen Juden gemacht. Ziel war die Ver­trei­bung der alt­ein­ge­ses­se­nen jüdi­schen Gemein­den. Die dar­in ver­brei­te­ten Anfein­dun­gen und Ver­schwö­rungs­theo­rien ähneln heu­ti­gen anti­se­mi­ti­schen Nar­ra­ti­ven in erschre­cken­der Wei­se.

Die Pro­pa­gan­da der Mus­lim­bru­der­schaft konn­te an die viru­len­ten juden­feind­li­chen Inhal­te aus der isla­mi­schen Über­lie­fe­rung in Koran und Sun­na anknüp­fen. In der reli­gi­ös begrün­de­ten Juden­feind­schaft lie­gen die Wur­zeln des über­lie­fer­ten Has­ses. Der über Jahr­hun­der­te tra­dier­te Kor­pus konn­te jeder­zeit nach Belie­ben mit moder­nen anti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen und aktu­el­len Anschul­di­gun­gen ver­schmol­zen wer­den.

Arti­kel 7 der Char­ta der Hamas aus dem Jahr 1988 ver­weist expli­zit auf das frü­he Wir­ken der Mus­lim­bru­der­schaft in Ägyp­ten und im Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na. Die Hamas bezeich­net sich dar­in als Glied einer Ket­te des Dschi­hads im Kampf gegen die Juden von den 1930er Jah­ren bis heu­te. Die Char­ta lässt kei­nen Zwei­fel dar­an, dass es um die Aus­lö­schung der Juden welt­weit geht.

Ver­bot und Exil

Nach zuneh­men­den Kon­flik­ten mit der ägyp­ti­schen Regie­rung und einem Atten­tats­ver­such eines Mus­lim­bru­ders auf Prä­si­dent Nas­ser wur­de die Mus­lim­bru­der­schaft 1954 ver­bo­ten. Das säku­lar ori­en­tier­te, dem Pan­ara­bis­mus zuge­neig­te Regime woll­te die poli­ti­schen Ambi­tio­nen und Desta­bi­li­sie­rungs­ver­su­che der Bru­der­schaft end­gül­tig unter­bin­den. In der Fol­ge kam es zu mas­si­ver Repres­si­on gegen Isla­mis­ten.

Vie­le Kader und Anhän­ger flo­hen nach Euro­pa, erhiel­ten Asyl und began­nen dort mit dem Auf­bau neu­er Struk­tu­ren. Das Isla­mi­sche Zen­trum Mün­chen und Isla­mi­sche Gemein­schaft in Deutsch­land (heu­te: Deut­sche Mus­li­mi­sche Gemein­schaft – DMG) gehen auf die­se Zeit zurück. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich über Jahr­zehn­te ein weit­ver­zweig­tes Netz­werk von Moscheen, Ver­ei­nen, NGOs, Bil­dungs- und Kul­tur­ein­rich­tun­gen.

Bei einer Haus­durch­su­chung in Cam­pio­ne d’I­ta­lia, einer ita­lie­ni­schen Enkla­ve im Schwei­zer Kan­ton Tes­sin, wur­de im Zuge der Ermitt­lun­gen der 9/11-Anschlä­ge in der Vil­la des Mus­lim­bru­ders Yous­sef Nada ein Stra­te­gie­pa­pier von 1982 gefun­den. Dar­in wer­den im Rah­men eines Plans zur Her­stel­lung der welt­wei­ten Herr­schaft des Islams Ziel und Metho­de der Mus­lim­bru­der­schaft im Wes­ten beschrie­ben: die Infil­tra­ti­on poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Insti­tu­tio­nen, der geziel­te Auf­bau von Ein­fluss in Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten und Ent­schei­dungs­gre­mi­en – der »Marsch durch die Insti­tu­tio­nen«.

In dem Stra­te­gie­pa­pier nimmt der »Kampf um Paläs­ti­na« eine zen­tra­le Rol­le ein. Er wird als Schlüs­sel zur Renais­sance der ara­bi­schen Welt bezeich­net. Die Anhän­ger der Bru­der­schaft soll­ten »Zel­len für den Dschi­had« auf­bau­en. Fünf Jah­re nach dem Stra­te­gie­pa­pier, 1987, grün­de­te die Mus­lim­bru­der­schaft in Paläs­ti­na ihren mili­tan­ten Able­ger, die Hamas.

Yus­uf al-Qara­da­wi – der Spi­ri­tus Rec­tor

Von den 1970er-Jah­ren bis zu sei­nem Tod 2022 in Katar war Yus­uf al-Qara­da­wi der wich­tigs­te Vor­den­ker der Mus­lim­bru­der­schaft. Mit sei­ner Sen­dung auf al-Jaze­era, in der er sei­nem Juden­hass immer wie­der frei­en Lauf ließ, avan­cier­te er zum ein­fluss­reichs­ten Fern­seh­pre­di­ger der isla­mi­schen Welt mit einem Mil­lio­nen­pu­bli­kum. Dass er sei­nen Wir­kungs­ort nach Katar ver­leg­te, wun­dert nicht, denn Katar ist neben der Tür­kei ein Haupt­un­ter­stüt­zer der Mus­lim­bru­der­schaft. Al-Jaze­era kann als deren Pro­pa­gan­da­or­gan betrach­tet wer­den.

In sei­ner pro­gram­ma­ti­schen Schrift »Prio­ri­ties of the Isla­mic Move­ment in the Coming Pha­se« schreibt al-Qara­da­wi, die Befrei­ung allen mus­li­mi­schen Lan­des von Fremd­herr­schaft sei die Haupt­mis­si­on der Bru­der­schaft, um letzt­lich das welt­wei­te Kali­fat zu errich­ten. Unter »mus­li­mi­sches Land« ver­steht er auch Spa­ni­en und den gesam­ten Bal­kan, also Gebie­te frü­he­rer isla­mi­scher Herr­schaft. Die »Befrei­ung Paläs­ti­nas« sei dabei die ers­te und wich­tigs­te Pflicht aller Mus­li­me.

2009 sag­te al-Qara­da­wi in einem Inter­view auf al-Jaze­era:

»Wäh­rend der Geschich­te hat Allah das [jüdi­sche] Volk wegen sei­ner Ver­kom­men­heit gestraft. Die letz­te Stra­fe wur­de von Hit­ler voll­zo­gen. Durch all die Din­ge, die er ihnen getan hat (…) gelang es ihm, sie auf ihren Platz zu ver­wei­sen. Das war ihre gött­li­che Bestra­fung. So Gott will, wird das nächs­te Mal die­se durch die Hand der Gläu­bi­gen erfol­gen.«

Er ver­tei­dig­te in Fat­was Selbst­mord­at­ten­ta­te gegen Isra­el und pro­pa­gier­te einen dop­pel­ten Ansatz: lega­lis­ti­sche Unter­wan­de­rung west­li­cher Gesell­schaf­ten einer­seits, bewaff­ne­ter Dschi­had ande­rer­seits.

Im kata­ri­schen Fern­se­hen erklär­te er unver­blümt:

»Ich erwar­te, dass der Islam Euro­pa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf grei­fen zu müs­sen – mit­tels Dawa [Mis­sio­nie­rung, Anm.] und durch die Ideo­lo­gie.«

Die Mus­li­me müss­ten, so al-Qara­da­wi, begin­nen zu han­deln, um die­se Welt zu erobern. Mit al-Qara­da­wi haben wir einen der bekann­tes­ten und nach wie vor hoch­ver­ehr­ten isla­mi­schen Gelehr­ten vor uns, des­sen Able­ben im Jahr 2022 von Mil­lio­nen Anhän­gern welt­weit betrau­ert wur­de und des­sen Andenken in Mus­lim­bru­der­schafts­krei­sen hoch­ge­hal­ten wird. Sei­ne Schrif­ten fin­den sich regel­mä­ßig in denen der Mus­lim­bru­der­schaft nahe­ste­hen­den Moscheen und Orga­ni­sa­tio­nen, auch in Deutsch­land. Sie lie­gen auch in tür­ki­scher und deut­scher Über­set­zung vor und wer­den in Euro­pa über den mus­li­mi­schen Buch­han­del ver­trie­ben.

Al-Qara­da­wi betont die Wich­tig­keit der Prä­senz von Mus­li­men im Wes­ten. Weil der Wes­ten die Welt­po­li­tik maß­geb­lich beein­flus­se, sei es not­wen­dig, ihn isla­misch zu beein­flus­sen.

Eine ähn­li­che Argu­men­ta­ti­on fin­det sich in einem Stra­te­gie­pa­pier der in den USA akti­ven Mus­lim­bru­der­schaft aus dem Jahr 1991. Dar­in wer­den die USA als wich­tigs­tes Ziel der isla­mi­schen Mis­si­on benannt. Ein Sieg des Islam in den USA sei der wich­tigs­te Sieg auf dem Weg zur Welt­herr­schaft.

Eine gan­ze Rei­he glo­ba­ler und euro­päi­scher Orga­ni­sa­tio­nen der Mus­lim­bru­der­schaft geht auf die Initia­ti­ve von al-Qara­da­wi zurück. Ich kann aus Zeit­grün­den hier nur eine benen­nen, die ich aller­dings für beson­ders bemer­kens­wert hal­te: den Euro­päi­schen Rat für Fat­wa und For­schung (Euro­pean Coun­cil for Fat­wa and Rese­arch) mit Sitz in Dublin/Irland und einer Depen­dance in Deutsch­land, näm­lich in Frank­furt am Main.

Die­ser euro­päi­sche Fat­wa-Rat hat es sich zur Auf­ga­be gemacht, die Anwen­dung isla­mi­scher Nor­men auf euro­päi­sche Ver­hält­nis­se zu über­tra­gen, also hier leben­den Mus­li­men Rat­schlä­ge zu ertei­len und Rechts­gut­ach­ten (Fat­was) zu erstel­len. Es gibt auch eine ent­spre­chen­de Fat­wa-App für hier leben­de Mus­li­me. Jede Mus­li­min und jeder Mus­lim kann Anfra­gen stel­len.

Screen­shot der Face­book-Sei­te (Screen­shot: https://www.facebook.com/fatwarat)

Und wie al-Qara­da­wis Schrif­ten wer­den auch die Fat­was des Rates von vie­len Islam­ver­bän­den im Wes­ten ver­brei­tet und beein­flus­sen so hier leben­de Com­mu­ni­ties. In vie­len Fat­was wird offen die Segre­ga­ti­on von der Rest­be­völ­ke­rung argu­men­tiert. Mus­li­me, so schrieb al-Qara­da­wi schon in sei­nem Werk »Prio­ri­ties of the Isla­mic Move­ment in the Coming Pha­se«, sol­len ihre nicht-mus­li­mi­sche Umge­bung beein­flus­sen, ohne sich beein­flus­sen zu las­sen und ohne ihre Umge­bung zu imi­tie­ren.

Gemein­sam mit mei­nem Kol­le­gen Hei­ko Hei­nisch habe ich mir die­se Fat­wa-Samm­lun­gen genau­er ange­schaut. Dabei stie­ßen wir unter ande­rem auf ein Rechts­gut­ach­ten, das aus­drück­lich das Recht isla­mi­scher Staa­ten legi­ti­miert, Apo­sta­ten (vom Glau­ben Abge­fal­le­ne) nach der Scha­ria zu ver­ur­tei­len und hin­zu­rich­ten. Die Abwen­dung vom Islam sei ein Übel und eine Gefahr für die Gemein­schaft, heißt es in die­ser Fat­wa als Ant­wort auf die Fra­ge eines Mus­lims. Der Ein­zel­ne habe nicht das Recht, frei über sei­nen Glau­ben zu ent­schei­den. Zur Recht­fer­ti­gung wird argu­men­tiert, dass Apo­sta­sie dem Delikt Hoch­ver­rat glei­che, das demo­kra­ti­sche Län­der schließ­lich auch ken­nen wür­den. (Hei­nisch, Hei­ko / Scholz, Nina: »Dschi­had auf dem Bil­dungs­weg«. FAZ, 06.11.2020)

Bei die­sem Bei­spiel möch­te ich es aus Zeit­grün­den belas­sen. Dass Irland und Deutsch­land die­sen Fat­wa-Rat dul­den, ist viel­leicht das eigent­li­che Pro­blem.

Fazit

Von ihren Anfän­gen bis heu­te strebt die Mus­lim­bru­der­schaft die Trans­for­ma­ti­on demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten in nach isla­mi­schem Recht geform­te Sys­te­me an. Ihre Uto­pie ist eine isla­mi­sche Welt­herr­schaft, ein welt­wei­tes Kali­fat.

Juden­hass zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschich­te der Bewe­gung. Mit die­sem Hass wer­den neben mus­li­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Com­mu­ni­ties auch Uni­ver­si­tä­ten und Schu­len in Deutsch­land von Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Umfeld der Bru­der­schaft beein­flusst. Neben Rechts- und Links­extre­mis­mus stellt die hier beschrie­be­ne Ideo­lo­gie eine wei­te­re und bis­lang unter­schätz­te Bedro­hung der libe­ra­len Demo­kra­tie und eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für das fried­li­che Zusam­men­le­ben dar.

Was tun?

Fol­gen­de Maß­nah­men sind zu emp­feh­len:

  • Kei­ne För­der­mit­tel an Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Umfeld der Mus­lim­bru­der­schaft und ande­rer isla­mis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen, weder auf kom­mu­na­ler noch auf natio­na­ler oder euro­päi­scher Ebe­ne. Fein­de der Demo­kra­tie dür­fen nicht mit Steu­er­gel­dern finan­ziert wer­den, auch dann nicht, wenn sie Poli­tik und Gesell­schaft mit dem Vor­wurf der »Isla­mo­pho­bie« oder des »anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus« unter Druck set­zen.
  • Kei­ne Koope­ra­ti­on staat­li­cher Stel­len mit isla­mis­ti­schen Akteu­ren. Kei­ne Besu­che von Poli­ti­kern in Moscheen oder Ver­ei­nen, die vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet wer­den.
  • Trans­pa­renz­pflicht für Ver­ei­ne, ins­be­son­de­re in deren Finan­zie­rungs­struk­tur und Finan­zie­rungs­quel­len.
  • Ein­rich­tung von Lehr­stüh­len, For­schungs­in­sti­tu­tio­nen und Doku­men­ta­ti­ons­stel­len, die Wis­sen über lega­lis­tisch ope­rie­ren­den Isla­mis­mus gene­rie­ren und Poli­tik, Wis­sen­schaft, Medi­en sowie einer inter­es­sier­ten Gesell­schaft zur Ver­fü­gung stel­len, wie das etwa in ande­ren Extre­mis­mus­be­rei­chen der Fall ist. In Öster­reich hat vor eini­gen Jah­ren die staat­li­che »Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam« als Fonds mit eige­ner Rechts­per­sön­lich­keit ihre Arbeit auf­ge­nom­men, die für Deutsch­land bei­spiel­ge­bend sein könn­te.
  • Par­tei­en schüt­zen: Durch Unver­ein­bar­keits­be­schlüs­se ist sicher­zu­stel­len, dass isla­mis­ti­sche Akteu­re kei­ne Mit­glied­schaft in Par­tei­en erlan­gen und die poli­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­se der Par­tei­en vor MB-Netz­wer­ken geschützt wer­den.

Die vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men im Umgang mit der Mus­lim­bru­der­schaft soll­ten nicht auf die­se Orga­ni­sa­ti­on beschränkt blei­ben. Sie sind eben­so auf ande­re, ver­gleich­ba­re Grup­pie­run­gen anzu­wen­den – etwa auf die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG), die in Köln ihre Welt­zen­tra­le hat (520 Moscheen welt­weit, davon 323 in Deutsch­land) und u. a. durch den Ver­fas­sungs­schutz NRW der nach­rich­ten­dienst­li­chen Beob­ach­tung unter­liegt. Sie wird dem Spek­trum des »lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus« zuge­rech­net. Stu­di­en ver­wei­sen auf Über­schnei­dun­gen mit dem Netz­werk der Mus­lim­bru­der­schaft in Ver­an­stal­tun­gen, Bil­dungs­an­ge­bo­ten und Publi­ka­tio­nen. Eben­so ist die Ülkü­cü-Bewe­gung (»Graue Wöl­fe«) zu nen­nen, die als größ­te rechts­extre­me Orga­ni­sa­ti­on in Deutsch­land gilt und tür­kisch-völ­ki­schen Natio­na­lis­mus mit isla­mis­ti­schen Ele­men­ten ver­bin­det (vgl. Kapi­tel IV »Aus­lands­be­zo­ge­ner Extre­mis­mus« im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2024).

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