Ursprung und Ideologie der Muslimbruderschaft
Die 1928 vom ägyptischen Lehrer Hassan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft ist heute die größte und einflussreichste global vernetzte islamistische Organisation der Welt. Sie versteht sich als Massenbewegung und ist überall dort aktiv, wo Muslime leben. Auch in Deutschland hat sie den organisierten Islam maßgeblich mitgestaltet. Erklärtes Ziel ist die Umgestaltung der Gesellschaft nach islamischen Regeln.
Das Logo der Muslimbruderschaft zeigt den Koran, darunter zwei gekreuzte Schwerter und den Schriftzug »Seid bereit«.
Das, was wir heute unter islamistischer Ideologie verstehen, geht wesentlich auf die Denker der Muslimbruderschaft zurück. Gegenüber anderen Gruppierungen verfügte sie von Beginn an über drei entscheidende Elemente:
erstens über die Utopie der Wiedererrichtung des Kalifats und die weltweite Herrschaft des Islam zum Heil der gesamten Menschheit;
zweitens über eine kollektive Identität durch die Gemeinschaft der Muslime, die dem »wahren« Islam folgt;
und drittens – und das unterscheidet sie von einigen anderen Kalifatsverfechtern, die in jüngster Zeit auf Deutschlands Straßen auf sich aufmerksam machen – über eine konkrete Strategie zur Infiltration und Transformation von Gesellschaften mittels einer Graswurzelbewegung.
Auf die Ideologie der Muslimbruderschaft beziehen sich Islamisten jeglicher Couleur, von legalistischen bis hin zu gewalttätigen dschihadistischen Strömungen.
Die westliche Entwicklung hin zu Freiheit, Pluralismus, Säkularismus und unveräußerlichen Menschenrechten, die durchaus auch in Teilen der islamischen Welt Anklang fand, betrachtet die Muslimbruderschaft als unmittelbaren Angriff auf den Kern des Islam und muslimischer Gesellschaften. Sie trägt den Kampf dagegen seit einigen Jahrzehnten, seit Muslime in den Westen eingewandert sind, auch in die Diaspora und begreift ihn als Kulturkampf. Ihr Gegenmodell baut auf einem dichotomen Weltbild auf, das die Welt hierarchisch in Gläubige und Ungläubige trennt, in Muslime und Feinde derselben. Die Spaltung der Gesellschaft ist damit vorprogrammiert und gewollt.
Die universalistische Utopie vom Primat des Islam und seiner weltweiten Durchsetzung als Herrschaftsmodell ist durchaus vergleichbar mit der Utopie von der kommunistischen Weltrevolution.
Der »Kampf um Palästina«
Im Konzept der Muslimbruderschaft gehört Judenhass stets zum Kern der Ideologie, verbunden mit dem »Kampf um Palästina«. Das gilt auch für all ihre Ableger, die seit den 1950er Jahren hier in Europa und in Nordamerika nach und nach Fuß fassen konnten.
Zu den Vätern dieser Bewegung zählt neben dem Gründer der Muslimbruderschaft Hasan al-Banna auch der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini. Er wurde in den 1930er Jahren vom Gründer der Muslimbruderschaft persönlich zum Führer der Bruderschaft im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina ernannt und arbeitete eng mit den Nationalsozialisten zusammen. Zu seinen Aufgaben gehörte die Aufstellung muslimischer SS-Einheiten in Bosnien, die an der Seite Deutschlands kämpften. Auf Aufnahmen sieht man ihn an der Seite Adolf Hitlers.

Bereits seit Beginn der 1920er Jahre hatte er als Großmufti von Jerusalem gewalttätige Angriffe auf die autochthonen jüdischen Viertel von Jerusalem, Jaffa, Hebron und anderen Orten organisiert. Zu den blutigsten Ausschreitungen dieser Zeit gehören die Massaker in Hebron und Safed im Jahr 1929 mit insgesamt 133 Toten. Im Gegensatz zu den neu eingewanderten und sich verteidigenden Zionisten waren die autochthonen Judengemeinden ein leichtes Ziel.
Zu den Führern der Terrorgruppen zählte bald auch Izz ad-Din al-Qassam, der es sich mit seinen bewaffneten Kleingruppen zur Aufgabe machte, so viele Juden wie möglich zu töten. Der Name al-Qassam wird Ihnen bekannt vorkommen, denn die bis heute operierenden bewaffneten Einheiten der Hamas tragen ihn: die Al-Qassam-Brigaden.
Der Kampf gegen die Juden Ägyptens
Auch in Ägypten organisierte die Muslimbruderschaft Ende der 1930er-Jahre Pogrome und Demonstrationen gegen die jüdische Bevölkerung. Mit Parolen wie »Nieder mit den Juden« und »Juden raus aus Ägypten« zogen Anhänger der Bewegung durch die Straßen, griffen Juden an, verletzten und töteten sie, zerstörten ihre Häuser und Geschäfte.
Parallel dazu betrieb die Bruderschaft mit ihrer Zeitung al-Nadhir, die sich selbst ein politisches islamisches Wochenblatt nannte, kontinuierlich Propaganda gegen die Juden Ägyptens. In einer regelmäßigen Kolumne wurde unter der Überschrift »Die Gefährlichkeit der Juden von Ägypten« Stimmung gegen Juden gemacht. Ziel war die Vertreibung der alteingesessenen jüdischen Gemeinden. Die darin verbreiteten Anfeindungen und Verschwörungstheorien ähneln heutigen antisemitischen Narrativen in erschreckender Weise.
Die Propaganda der Muslimbruderschaft konnte an die virulenten judenfeindlichen Inhalte aus der islamischen Überlieferung in Koran und Sunna anknüpfen. In der religiös begründeten Judenfeindschaft liegen die Wurzeln des überlieferten Hasses. Der über Jahrhunderte tradierte Korpus konnte jederzeit nach Belieben mit modernen antisemitischen Stereotypen und aktuellen Anschuldigungen verschmolzen werden.
Artikel 7 der Charta der Hamas aus dem Jahr 1988 verweist explizit auf das frühe Wirken der Muslimbruderschaft in Ägypten und im Mandatsgebiet Palästina. Die Hamas bezeichnet sich darin als Glied einer Kette des Dschihads im Kampf gegen die Juden von den 1930er Jahren bis heute. Die Charta lässt keinen Zweifel daran, dass es um die Auslöschung der Juden weltweit geht.
Verbot und Exil
Nach zunehmenden Konflikten mit der ägyptischen Regierung und einem Attentatsversuch eines Muslimbruders auf Präsident Nasser wurde die Muslimbruderschaft 1954 verboten. Das säkular orientierte, dem Panarabismus zugeneigte Regime wollte die politischen Ambitionen und Destabilisierungsversuche der Bruderschaft endgültig unterbinden. In der Folge kam es zu massiver Repression gegen Islamisten.
Viele Kader und Anhänger flohen nach Europa, erhielten Asyl und begannen dort mit dem Aufbau neuer Strukturen. Das Islamische Zentrum München und Islamische Gemeinschaft in Deutschland (heute: Deutsche Muslimische Gemeinschaft – DMG) gehen auf diese Zeit zurück. Daraus entwickelte sich über Jahrzehnte ein weitverzweigtes Netzwerk von Moscheen, Vereinen, NGOs, Bildungs- und Kultureinrichtungen.
Bei einer Hausdurchsuchung in Campione d’Italia, einer italienischen Enklave im Schweizer Kanton Tessin, wurde im Zuge der Ermittlungen der 9/11-Anschläge in der Villa des Muslimbruders Youssef Nada ein Strategiepapier von 1982 gefunden. Darin werden im Rahmen eines Plans zur Herstellung der weltweiten Herrschaft des Islams Ziel und Methode der Muslimbruderschaft im Westen beschrieben: die Infiltration politischer und gesellschaftlicher Institutionen, der gezielte Aufbau von Einfluss in Parteien, Gewerkschaften und Entscheidungsgremien – der »Marsch durch die Institutionen«.
In dem Strategiepapier nimmt der »Kampf um Palästina« eine zentrale Rolle ein. Er wird als Schlüssel zur Renaissance der arabischen Welt bezeichnet. Die Anhänger der Bruderschaft sollten »Zellen für den Dschihad« aufbauen. Fünf Jahre nach dem Strategiepapier, 1987, gründete die Muslimbruderschaft in Palästina ihren militanten Ableger, die Hamas.
Yusuf al-Qaradawi – der Spiritus Rector
Von den 1970er-Jahren bis zu seinem Tod 2022 in Katar war Yusuf al-Qaradawi der wichtigste Vordenker der Muslimbruderschaft. Mit seiner Sendung auf al-Jazeera, in der er seinem Judenhass immer wieder freien Lauf ließ, avancierte er zum einflussreichsten Fernsehprediger der islamischen Welt mit einem Millionenpublikum. Dass er seinen Wirkungsort nach Katar verlegte, wundert nicht, denn Katar ist neben der Türkei ein Hauptunterstützer der Muslimbruderschaft. Al-Jazeera kann als deren Propagandaorgan betrachtet werden.
In seiner programmatischen Schrift »Priorities of the Islamic Movement in the Coming Phase« schreibt al-Qaradawi, die Befreiung allen muslimischen Landes von Fremdherrschaft sei die Hauptmission der Bruderschaft, um letztlich das weltweite Kalifat zu errichten. Unter »muslimisches Land« versteht er auch Spanien und den gesamten Balkan, also Gebiete früherer islamischer Herrschaft. Die »Befreiung Palästinas« sei dabei die erste und wichtigste Pflicht aller Muslime.
2009 sagte al-Qaradawi in einem Interview auf al-Jazeera:
»Während der Geschichte hat Allah das [jüdische] Volk wegen seiner Verkommenheit gestraft. Die letzte Strafe wurde von Hitler vollzogen. Durch all die Dinge, die er ihnen getan hat (…) gelang es ihm, sie auf ihren Platz zu verweisen. Das war ihre göttliche Bestrafung. So Gott will, wird das nächste Mal diese durch die Hand der Gläubigen erfolgen.«
Er verteidigte in Fatwas Selbstmordattentate gegen Israel und propagierte einen doppelten Ansatz: legalistische Unterwanderung westlicher Gesellschaften einerseits, bewaffneter Dschihad andererseits.
Im katarischen Fernsehen erklärte er unverblümt:
»Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa [Missionierung, Anm.] und durch die Ideologie.«
Die Muslime müssten, so al-Qaradawi, beginnen zu handeln, um diese Welt zu erobern. Mit al-Qaradawi haben wir einen der bekanntesten und nach wie vor hochverehrten islamischen Gelehrten vor uns, dessen Ableben im Jahr 2022 von Millionen Anhängern weltweit betrauert wurde und dessen Andenken in Muslimbruderschaftskreisen hochgehalten wird. Seine Schriften finden sich regelmäßig in denen der Muslimbruderschaft nahestehenden Moscheen und Organisationen, auch in Deutschland. Sie liegen auch in türkischer und deutscher Übersetzung vor und werden in Europa über den muslimischen Buchhandel vertrieben.
Al-Qaradawi betont die Wichtigkeit der Präsenz von Muslimen im Westen. Weil der Westen die Weltpolitik maßgeblich beeinflusse, sei es notwendig, ihn islamisch zu beeinflussen.
Eine ähnliche Argumentation findet sich in einem Strategiepapier der in den USA aktiven Muslimbruderschaft aus dem Jahr 1991. Darin werden die USA als wichtigstes Ziel der islamischen Mission benannt. Ein Sieg des Islam in den USA sei der wichtigste Sieg auf dem Weg zur Weltherrschaft.
Eine ganze Reihe globaler und europäischer Organisationen der Muslimbruderschaft geht auf die Initiative von al-Qaradawi zurück. Ich kann aus Zeitgründen hier nur eine benennen, die ich allerdings für besonders bemerkenswert halte: den Europäischen Rat für Fatwa und Forschung (European Council for Fatwa and Research) mit Sitz in Dublin/Irland und einer Dependance in Deutschland, nämlich in Frankfurt am Main.
Dieser europäische Fatwa-Rat hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Anwendung islamischer Normen auf europäische Verhältnisse zu übertragen, also hier lebenden Muslimen Ratschläge zu erteilen und Rechtsgutachten (Fatwas) zu erstellen. Es gibt auch eine entsprechende Fatwa-App für hier lebende Muslime. Jede Muslimin und jeder Muslim kann Anfragen stellen.

Und wie al-Qaradawis Schriften werden auch die Fatwas des Rates von vielen Islamverbänden im Westen verbreitet und beeinflussen so hier lebende Communities. In vielen Fatwas wird offen die Segregation von der Restbevölkerung argumentiert. Muslime, so schrieb al-Qaradawi schon in seinem Werk »Priorities of the Islamic Movement in the Coming Phase«, sollen ihre nicht-muslimische Umgebung beeinflussen, ohne sich beeinflussen zu lassen und ohne ihre Umgebung zu imitieren.
Gemeinsam mit meinem Kollegen Heiko Heinisch habe ich mir diese Fatwa-Sammlungen genauer angeschaut. Dabei stießen wir unter anderem auf ein Rechtsgutachten, das ausdrücklich das Recht islamischer Staaten legitimiert, Apostaten (vom Glauben Abgefallene) nach der Scharia zu verurteilen und hinzurichten. Die Abwendung vom Islam sei ein Übel und eine Gefahr für die Gemeinschaft, heißt es in dieser Fatwa als Antwort auf die Frage eines Muslims. Der Einzelne habe nicht das Recht, frei über seinen Glauben zu entscheiden. Zur Rechtfertigung wird argumentiert, dass Apostasie dem Delikt Hochverrat gleiche, das demokratische Länder schließlich auch kennen würden. (Heinisch, Heiko / Scholz, Nina: »Dschihad auf dem Bildungsweg«. FAZ, 06.11.2020)
Bei diesem Beispiel möchte ich es aus Zeitgründen belassen. Dass Irland und Deutschland diesen Fatwa-Rat dulden, ist vielleicht das eigentliche Problem.
Fazit
Von ihren Anfängen bis heute strebt die Muslimbruderschaft die Transformation demokratischer Gesellschaften in nach islamischem Recht geformte Systeme an. Ihre Utopie ist eine islamische Weltherrschaft, ein weltweites Kalifat.
Judenhass zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bewegung. Mit diesem Hass werden neben muslimischen Organisationen und Communities auch Universitäten und Schulen in Deutschland von Organisationen aus dem Umfeld der Bruderschaft beeinflusst. Neben Rechts- und Linksextremismus stellt die hier beschriebene Ideologie eine weitere und bislang unterschätzte Bedrohung der liberalen Demokratie und eine der größten Herausforderungen für das friedliche Zusammenleben dar.
Was tun?
Folgende Maßnahmen sind zu empfehlen:
- Keine Fördermittel an Organisationen aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft und anderer islamistischer Organisationen, weder auf kommunaler noch auf nationaler oder europäischer Ebene. Feinde der Demokratie dürfen nicht mit Steuergeldern finanziert werden, auch dann nicht, wenn sie Politik und Gesellschaft mit dem Vorwurf der »Islamophobie« oder des »antimuslimischen Rassismus« unter Druck setzen.
- Keine Kooperation staatlicher Stellen mit islamistischen Akteuren. Keine Besuche von Politikern in Moscheen oder Vereinen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
- Transparenzpflicht für Vereine, insbesondere in deren Finanzierungsstruktur und Finanzierungsquellen.
- Einrichtung von Lehrstühlen, Forschungsinstitutionen und Dokumentationsstellen, die Wissen über legalistisch operierenden Islamismus generieren und Politik, Wissenschaft, Medien sowie einer interessierten Gesellschaft zur Verfügung stellen, wie das etwa in anderen Extremismusbereichen der Fall ist. In Österreich hat vor einigen Jahren die staatliche »Dokumentationsstelle Politischer Islam« als Fonds mit eigener Rechtspersönlichkeit ihre Arbeit aufgenommen, die für Deutschland beispielgebend sein könnte.
- Parteien schützen: Durch Unvereinbarkeitsbeschlüsse ist sicherzustellen, dass islamistische Akteure keine Mitgliedschaft in Parteien erlangen und die politischen Willensbildungsprozesse der Parteien vor MB-Netzwerken geschützt werden.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen im Umgang mit der Muslimbruderschaft sollten nicht auf diese Organisation beschränkt bleiben. Sie sind ebenso auf andere, vergleichbare Gruppierungen anzuwenden – etwa auf die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG), die in Köln ihre Weltzentrale hat (520 Moscheen weltweit, davon 323 in Deutschland) und u. a. durch den Verfassungsschutz NRW der nachrichtendienstlichen Beobachtung unterliegt. Sie wird dem Spektrum des »legalistischen Islamismus« zugerechnet. Studien verweisen auf Überschneidungen mit dem Netzwerk der Muslimbruderschaft in Veranstaltungen, Bildungsangeboten und Publikationen. Ebenso ist die Ülkücü-Bewegung (»Graue Wölfe«) zu nennen, die als größte rechtsextreme Organisation in Deutschland gilt und türkisch-völkischen Nationalismus mit islamistischen Elementen verbindet (vgl. Kapitel IV »Auslandsbezogener Extremismus« im Verfassungsschutzbericht 2024).