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Die Indi­vi­dua­li­sie­rung des isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus

Einzeltäter bedrohen Europa, aber der »Islamische Staat« bleibt die größte Gefahr, schreibt Guido Steinberg im SWP-Aktuell 2024/A 56 vom 6. November 2024.

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Meh­re­re jiha­dis­ti­sche Anschlä­ge haben in den letz­ten Mona­ten gezeigt, dass sich die Gefahr durch isla­mis­ti­sche Ter­ro­ris­ten in Euro­pa ver­schärft. Die meis­ten »erfolg­reichen« Atten­ta­te wur­den von Ein­zel­tä­tern ver­übt, die über kei­ne oder nur schwa­che Ver­bin­dun­gen zu Orga­ni­sa­tio­nen wie dem »Isla­mi­schen Staat« (IS) ver­füg­ten, sich aber von sei­ner Pro­pa­gan­da hat­ten inspi­rie­ren las­sen. Es ist ein Indiz für die Frag­mentierung des jiha­dis­ti­schen Milieus und die Schwä­che jiha­dis­ti­scher Organisatio­nen, dass sie auf Ein­zel­tä­ter set­zen müs­sen, die meist nur begrenz­ten Scha­den an­richten. Um die Wirk­sam­keit von Anschlä­gen zu erhö­hen, ver­su­chen Grup­pie­run­gen wie der IS, poten­ti­el­le Ter­ro­ris­ten ein­zeln oder in Grup­pen bei der Pla­nung, Organi­sation und Durch­füh­rung der Aktio­nen vir­tu­ell anzu­lei­ten. Bis­her wur­den die­se Ver­suche meist ver­ei­telt, doch Orga­ni­sa­tio­nen wie der IS Kho­ra­san sind in den letz­ten Jah­ren erstarkt. Setzt sich die­ser Trend fort, dürf­te die Bedro­hung wei­ter stei­gen. Ein­zel­tä­ter­an­schlä­ge wer­den dann wie­der nur eine unter meh­re­ren Operations­weisen sein. Die wach­sen­de Gefahr erfor­dert eine rasche und umfas­sen­de Stär­kung der deut­schen Ter­ro­ris­mus­ab­wehr.

Der isla­mis­ti­sche Ein­zel­tä­ter­ter­ro­ris­mus hat sich in Euro­pa in Pha­sen ent­wi­ckelt. Solan­ge al-Qai­da das jiha­dis­ti­sche Milieu be­herrschte (bis 2011/2012), ver­such­te sie fast aus­schließ­lich, Anschlä­ge durch eige­ne Mit­glieder zu bege­hen, die aus Paki­stan oder Afgha­ni­stan geschickt wur­den. Ein­zel­tä­ter ohne enge Anbin­dung an eine Orga­ni­sa­ti­on waren Aus­nah­men.

Eine zwei­te Pha­se begann noch wäh­rend der Hoch­zeit des IS, die von 2014 bis 2017 dau­er­te. Auch die­se Grup­pie­rung ent­sand­te Ter­ro­ris­ten nach Euro­pa, die meh­re­re An­schläge ver­üb­ten, doch rief sie par­al­lel Anhän­ger im Aus­land dazu auf, Atten­ta­te mit ein­fa­chen Mit­teln zu ver­üben. Vie­le Jiha­dis­ten folg­ten dem Auf­ruf, und die Zahl der Ein­zel­tä­ter­an­schlä­ge nahm zu. Seit 2017 hat es in Euro­pa kei­ne grö­ße­ren An­griffe des IS mehr gege­ben. Statt­des­sen hat sich in einer drit­ten Pha­se seit 2020 der Anteil von Ein­zel­tä­tern noch deut­lich wei­ter erhöht. Dass es sich bei Einzeltäter­anschlägen um eine wach­sen­de Gefahr han­deln könn­te, zeig­te sich erst­mals im Herbst 2020, als Frank­reich, Deutsch­land und Öster­reich von einer Wel­le einschlä­giger Atten­ta­te er­schüttert wur­den.

Die neu­en Ein­zel­tä­ter

Den Anfang mach­te am 4. Okto­ber 2020 der Syrer Abdul­lah al‑H., der in Dres­den zwei homo­se­xu­el­le Män­ner mit einem Mes­ser angriff, einen von ihnen töte­te und den zwei­ten schwer ver­letz­te. Am 16. Okto­ber ent­haup­te­te der Tsche­tsche­ne Abdul­lah Ansor­ow in einem Pari­ser Vor­ort den Leh­rer Samu­el Paty, der im Unter­richt Karika­turen des Pro­phe­ten Muham­mad gezeigt hat­te. In Niz­za wur­den am 29. Okto­ber drei Per­so­nen beim Kirch­gang getö­tet, als der erst weni­ge Wochen zuvor in Euro­pa an­gekommene Tune­si­er Bra­him A. sie mit einem Mes­ser angriff. Am 2. Novem­ber schlug der öster­rei­chisch-nord­ma­ze­do­ni­­sche Dop­pel­staat­ler Kuj­tim Fej­zu­lai in der Wie­ner Innen­stadt zu. Er erschoss vier Pas­san­ten, nach­dem er erfolg­los ver­sucht hat­te, sich Zutritt zu einem Kon­zert in einer Kir­che zu ver­schaf­fen.

Nach die­sen dra­ma­ti­schen Ereig­nis­sen in kur­zer zeit­li­cher Fol­ge ebb­te die Gewalt etwas ab. In den fol­gen­den Jah­ren gab es aber immer wie­der Atten­ta­te ähnli­cher Art, die mitt­ler­wei­le als Tei­le eines Trends er­kennbar sind. Beson­ders häu­fig betrof­fen waren Frank­reich und Deutsch­land, doch auch klei­ne­re Län­der wie Bel­gien und Öster­reich und die skandinavi­schen Staa­ten ver­zeich­ne­ten ter­ro­ris­ti­sche Akti­vi­tä­ten. Es zeig­te sich schnell, dass die Anschlags­wel­le von Herbst 2020 vie­le Cha­rakteristika der fol­gen­den Jah­re vor­weg­nahm.

Dies betraf ers­tens die Ziel­aus­wahl. Vie­le Anschlä­ge und Anschlags­pla­nun­gen gal­ten Got­tes­häu­sern oder aber Perso­nen, die aus Sicht der Jiha­dis­ten den Pro­pheten Muham­mad oder den Islam belei­digt hat­ten. Letzte­res könn­te indi­rek­tes Motiv für einen tune­sischen Jiha­dis­ten gewe­sen sein, der am 16. Okto­ber 2023 in Brüs­sel zwei schwedi­sche Fuß­ball­fans er­schoss, denn in Schwe­den waren im Lau­fe des Jah­res mehr­mals Kora­ne öffent­lich ver­brannt wor­den. Oft such­ten sich die Isla­mis­ten auch Kon­zer­te aus, um mög­lichst vie­le an einem Ort ver­sammelte Men­schen zu töten. So hat­te ein öster­rei­chisch-nord­ma­ze­do­ni­scher Doppel­staatler im August 2024 vor, bei einem der drei ange­kündigten (dann jedoch abgesag­ten) Auf­tritte von Tay­lor Swift in Wien ein Blut­bad unter den Besu­chern anzu­rich­ten. Auch Homo­se­xu­el­le wur­den mehr­fach ins Visier genom­men, so etwa bei Pla­nun­gen, die Wie­ner Pri­de-Para­de vom 17. Juni 2023 anzu­grei­fen. Die Ver­däch­ti­gen in die­sem Fall waren Jugend­li­che, die aus Tschetsche­nien und Bos­ni­en stamm­ten.

Zwei­tens zeig­ten die Anschlä­ge von 2020 das Pro­fil eines neu­en Ein­zel­tä­ter­typs. Im Gegen­satz zur Hoch­pha­se des Terroris­mus von al-Qai­da (2001–2012) und IS (2014–2017) han­del­te es sich bei den Ter­roristen fast nie um Rück­keh­rer aus den jihadisti­schen Kriegs­ge­bie­ten. Das war um­so bemer­kenswerter, als Letz­te­re bei den europäi­schen Sicher­heits­be­hör­den lan­ge als Gefah­renquelle Num­mer eins gal­ten. Die neu­en Ein­zel­tä­ter waren zur Haupt­zeit des IS meist noch zu jung, um nach Syri­en, in den Irak, nach Liby­en oder Afgha­ni­stan zu rei­sen und sich dort den Jiha­dis­ten anzu­schlie­ßen. Statt­des­sen ent­schie­den sie sich spä­ter dazu, den zahl­rei­chen Auf­ru­fen von IS oder auch al-Qai­da zu fol­gen und Atten­tate in ihren Hei­mat- oder Aufnahmelän­dern zu ver­üben.

Noch zahl­rei­cher unter den Ein­zel­tä­tern der letz­ten Jah­re waren aber Per­so­nen, die mit den Flücht­lings­be­we­gun­gen seit Mit­te der letz­ten Deka­de gekom­men waren. Bis 2015 gehör­ten die meis­ten isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten in Euro­pa zur zwei­ten oder drit­ten Gene­ra­ti­on von Zuwan­de­rern. Seit­dem ist die ers­te Gene­ra­ti­on auf dem Vor­marsch; gera­de erst ange­kom­me­ne Flücht­linge aus Syri­en, Afgha­ni­stan und Nord­afrika mit bereits gefes­tig­ten jiha­dis­ti­schen Über­zeu­gun­gen stel­len die über­wie­gen­de Mehr­heit der Ein­zel­tä­ter.

Die­se Ent­wick­lung ist vor allem für jene euro­päi­schen Län­der fol­gen­reich, die seit 2014/2015 beson­ders vie­le Flücht­lin­ge auf­genommen haben. Das zeigt sich am Bei­spiel Deutsch­lands, das bereits 2016 eine Wel­le von vier klei­ne­ren IS-Anschlä­gen ohne Todes­op­fer und einem gro­ßen auf dem Ber­li­ner Breit­scheid­platz ver­zeich­ne­te – drei davon durch kurz zuvor angekom­mene Flücht­lin­ge. Es han­del­te sich hier um ein neu­es Phä­no­men, weil Deutsch­land bis 2015 sel­te­ner von jiha­dis­ti­scher Gewalt betrof­fen war als euro­päi­sche Län­der wie Frank­reich, Bel­gi­en oder Groß­bri­tan­ni­en. Wich­tigs­ter Grund dafür war die bis zur Flucht­wel­le 2014–2016 nied­ri­ge­re Zahl von Mus­li­men ins­ge­samt und die schwa­che Prä­senz sol­cher mus­li­mi­scher Nationalitä­ten und Her­künf­te, die sich zur Hoch­zeit des IS als beson­ders anfäl­lig für jihadisti­sche Ideo­lo­gie zeig­ten – vor allem Marok­kaner und Tune­si­er. Unter den vor­ma­li­gen Umstän­den gab es damit für Jiha­dis­ten in Deutsch­land auch einen klei­ne­ren Rekru­tierungspool.

Seit 2020 sind sehr viel mehr Syrer und Afgha­nen unter den isla­mis­ti­schen Terroris­ten in Euro­pa ver­tre­ten, als Fol­ge der An­kunft gro­ßer Flücht­lings­kon­tin­gen­te aus den bei­den Län­dern. Seit­her erleb­te Deutsch­land – das mehr­heit­lich Flücht­linge aus die­sen Län­dern auf­ge­nom­men hat – eine Rei­he von Anschlä­gen durch Einzel­täter.

Im Novem­ber 2021 griff der aus Syri­en geflüch­te­te Paläs­ti­nen­ser Abdal­rah­man A. in einem ICE zwi­schen Pas­sau und Nürn­berg Fahr­gäs­te mit einem Mes­ser an und ver­letz­te drei von ihnen schwer. Anfang April 2023 erstach der Syrer Maan D. in Duis­burg einen Pas­san­ten, bevor er weni­ge Tage spä­ter ein Fit­ness­stu­dio stürm­te, in dem er vier Män­ner schwer ver­letz­te. Ende Mai 2024 ver­such­te der Afgha­ne Sulai­man A. in Mann­heim, den rechts­po­pu­lis­ti­schen Islam­kri­ti­ker Micha­el Stür­zen­ber­ger zu er­morden, und erstach einen her­bei­ge­eil­ten Poli­zis­ten. Ende August 2024 töte­te der Syrer Issa al‑H. in Solin­gen mit einem Mes­ser drei Men­schen auf einem Kon­zert und ver­letz­te acht wei­te­re. In Mün­chen schließ­lich tauch­te im Sep­tem­ber 2024 der tür­kisch- und bos­nisch­stäm­mi­ge Öster­rei­cher Emrah Ibra­hi­mo­vic mit einem Gewehr vor dem israe­li­schen Gene­ral­kon­su­lat auf, wo er um sich schoss und selbst getö­tet wur­de, bevor er Scha­den anrich­ten konn­te. Die Täter wie­sen zwar alle eine isla­mis­ti­sche Moti­va­ti­on auf und wur­den mehr­heit­lich durch den IS beein­flusst, doch gab es bei ihnen kei­ne oder kaum Hin­wei­se auf Kon­takte zu der Orga­ni­sa­ti­on.

Die Frag­men­tie­rung des jihadis­tischen Milieus

Die hohe Zahl von Ein­zel­tä­tern ohne enge Ver­bin­dun­gen zu star­ken Orga­ni­sa­tio­nen spie­gelt eine jiha­dis­ti­sche Sze­ne wider, die seit den spä­ten 2010er Jah­ren deut­lich frag­mentiert und des­halb geschwächt ist. Seit der Nie­der­la­ge des IS im Irak 2017 und in Syri­en 2019 gibt es kei­ne Grup­pie­rung mehr, der es gelun­gen wäre, gro­ße Anschlä­ge in der west­li­chen Welt zu orga­ni­sie­ren. Die IS-Ideo­lo­gie ist zwar unter Jiha­dis­ten welt­weit wei­ter­hin attrak­tiv, doch feh­len die Struk­tu­ren, die inter­na­tio­na­len Terroris­mus mög­lich machen. Ein wich­ti­ger Grund für die Zer­split­te­rung ist das gro­ße Schis­ma zwi­schen IS und al-Qai­da, das die jihadisti­sche Bewe­gung seit den Jah­ren 2013/2014 prägt. Die bei­den Orga­ni­sa­tio­nen sehen ein­an­der als Tod­fein­de, bekämp­fen sich er­bittert und schwä­chen sich so gegen­sei­tig.

Der Nie­der­gang von al-Qai­da

Al-Qai­da war bis 2011/2012 die welt­weit domi­nie­ren­de jiha­dis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, aber schon damals stark dezi­miert. Dass ihre Zen­tra­le in Paki­stan trotz amerikani­schen Drucks nach den Anschlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 über­haupt noch eine Rol­le im inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus spiel­te, lag auch dar­an, dass sie ab 2003 ein Netz von Regio­nal­or­ga­ni­sa­tio­nen auf­bau­te. Dazu gehör­ten neben dem IS-Vor­läu­fer al-Qai­da im Irak (gegrün­det 2004) auch Able­ger in Sau­di-Ara­bi­en (2003), in Alge­ri­en und Mali (2007) und im Jemen (2009). Das jewei­li­ge Aus­maß der Bin­dung die­ser Grup­pen an die al-Qai­da-Zen­tra­le vari­ier­te stark, doch orien­tierten sich alle mit Aus­nah­me der iraki­schen al-Qai­da – die sich rasch unab­hängig mach­te – an den ideo­lo­gi­schen und strate­gischen Vor­ga­ben der Gesamt­or­ga­ni­sa­ti­on. Die al-Qai­da-Zen­tra­le war aller­dings so schwach, dass sie nur ein­ge­schränkt Kon­trolle über die Able­ger aus­üben konn­te, wes­halb rasch eine Frag­men­tie­rung des jiha­dis­ti­schen Milieus ein­setz­te.

Ab 2005/2006 kämpf­te die al-Qai­da-Zen­­tra­le um ihr Über­le­ben. Sie hat­te die Krisen­jahre ab 2001 durch ihr Bünd­nis mit den afgha­ni­schen Tali­ban über­stan­den, von denen die Füh­rung al-Qai­das und gro­ße Tei­le der Orga­ni­sa­ti­on in den pakistani­schen Stam­mes­ge­bie­ten beher­bergt wur­den. Den­noch konn­ten die USA zwi­schen 2009 und 2012 die wich­tigs­ten al-Qai­da-Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten in Paki­stan durch Droh­nen­an­grif­fe und den Ein­satz von Spe­zi­al­kräf­ten töten. Zwar gelang es dem Bin-Laden-Nach­fol­ger Aiman al-Zawa­hi­ri, sich dem Zugriff der Ame­ri­ka­ner bis 2022 zu ent­zie­hen, doch schaff­te es die al‑­Qai­da-Zen­tra­le nach 2005 nicht mehr, grö­ßere Anschlä­ge auf west­li­che Zie­le zu ver­üben. Es kam dem Ein­ge­ständ­nis eige­ner Schwä­che gleich, dass al-Qai­da im Juni 2011 ein Pro­pa­gan­da­vi­deo ver­öf­fent­lich­te, in dem Zawa­hi­ri und ande­re Gran­den der Orga­ni­sa­ti­on ihre Anhän­ger welt­weit zu Ein­zel­tä­ter­at­ta­cken auf­rie­fen.

Gleich­zei­tig setz­te die al-Qai­da-Füh­rung ihre Ver­su­che fort, sich neu auf­zu­stel­len. Ab 2013 bemüh­te sie sich, ein neu­es Haupt­quartier in Syri­en zu eta­blie­ren. Dies war mög­lich gewor­den, weil die ursprüng­lich zum IS gehö­ren­de Nus­ra-Front (Jab­hat an-Nus­ra) im Kampf gegen das Assad-Regime erstark­te und sich zu al-Qai­da bekann­te. In zwei Wel­len – 2013 und 2015 – reis­ten Anfüh­rer, Aus­bil­der und Kämp­fer von al‑Qaida nach Syri­en, wo sie sich der Nus­ra anschlos­sen und began­nen, Anschlä­ge auf den trans­at­lan­ti­schen Flug­ver­kehr zu pla­nen. Doch auch in Syri­en töte­ten die USA vie­le der Füh­rungs­per­so­nen. Hin­zu kam, dass sich die Nus­ra-Front 2017 von al-Qai­da los­sag­te, in Hai’at-Tahrir ash-Sham (Befrei­ungskomitee Syri­ens, HTS) umbe­nann­te und sich fort­an auf den Kampf in Syri­en beschränk­te. Dar­auf­hin grün­de­te al-Qai­da mit Hur­ras ad-Din (Wäch­ter der Reli­gi­on) einen neu­en Able­ger in Syri­en, der aber von den USA und von HTS erfolg­reich be­kämpft wur­de. Mit weni­gen Tau­send Kämp­fern in der Pro­vinz Idlib und Umge­bung ist die Grup­pe bis heu­te ein Rand­ak­teur ge­blieben. Bis­her hat Hur­ras ad-Din auch kei­ne Atten­tä­ter in Euro­pa mobi­li­sie­ren kön­nen.

Der einst­mals star­ke al-Qai­da-Able­ger im Jemen hat­te in den letz­ten Jah­ren eben­falls mit Pro­ble­men zu kämp­fen. Zu sei­ner Hoch­zeit 2009/2010 ver­such­te er sogar, Anschlä­ge auf den trans­at­lan­ti­schen Luft­verkehr zu ver­üben. Sein Maga­zin »Inspi­re« hat­te gro­ßen Ein­fluss auf jun­ge Jiha­dis­ten welt­weit, und der ame­ri­ka­nisch-jeme­ni­ti­­sche Predi­ger Anwar al-Aula­qi (getö­tet 2011) wur­de zu einer der wich­tigs­ten reli­gi­ös-ideo­lo­gi­­schen Füh­rungs­fi­gu­ren der jiha­dis­ti­schen Bewe­gung – mit vie­len Anhän­gern in der west­li­chen Welt. Doch ver­lor die jemeniti­sche al-Qai­da wäh­rend des Bür­ger­kriegs im Land an Stär­ke. Die Orga­ni­sa­ti­on wur­de von den Hut­his und von emi­ra­ti­schen Trup­pen bekämpft; ihre Füh­rungs­per­so­nen wur­den wie­der­holt von den USA getö­tet. Die ver­blie­be­nen 2.000 bis 3.000 Kämp­fer spie­len heu­te nur noch eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le und schaf­fen es nicht mehr, interna­tionale Atten­ta­te zu pla­nen.

Schlag­kräf­ti­ger ist al-Qai­da in Afri­ka, wo der Ein­fluss der Zen­tra­le auf die Able­ger aber schwach zu sein scheint. Dies gilt etwa für die soma­li­sche al-Shabab, die 2012 in das al-Qai­da-Netz­werk auf­ge­nom­men wur­de. Beson­ders stark ist aber die Grup­pe zur Unter­stüt­zung des Islam und der Mus­li­me (Jama’at Nus­rat al-Islam wa-l-Mus­li­min, JNIM), die zur­zeit als erfolg­reichs­ter al-Qai­da-Ab­­le­ger gilt. Sie ent­stand 2017 als Zusammen­schluss der alge­risch-mali­schen al-Qai­da im Isla­mi­schen Maghreb (AQIM) und klei­ne­rer Grup­pie­run­gen in der Saha­ra und im Sahel. JNIM ver­fügt über 5.000 bis 6.000 Kämp­fer, ope­riert vor allem in Mali, Niger und Burki­na Faso und hat sich in die­sen Län­dern als stärks­te jiha­dis­ti­sche Grup­pie­rung eta­bliert. Bis­her gibt es aber kei­ne Hin­wei­se dar­auf, dass sie inter­na­tio­na­le Anschlä­ge plant. Sie scheint in Euro­pa kaum Anhän­ger zu haben.

Die Frag­men­tie­rung des IS

Auch der IS war von der Frag­men­tie­rung der jiha­dis­ti­schen Sze­ne betrof­fen, weil er ab 2016 an ver­schie­de­nen Fron­ten unter gro­ßem Druck sei­ner Geg­ner stand und vie­le Nie­der­la­gen ein­ste­cken muss­te. Trotz­dem hat er mehr Kohä­si­on bewahrt als al-Qai­da. Es gibt eini­ge Hin­wei­se dar­auf, dass Struk­tu­ren und Ele­men­te zen­tra­ler Kontrol­le fort­be­stehen, unge­ach­tet der Schwä­che der IS-Füh­rung in Syri­en und im Irak und der Bekämp­fung der zahl­rei­chen Able­ger.

Wich­tigs­ter Grund für die pre­kä­re Stel­lung des IS seit 2017 waren die Nieder­lagen in Irak und Syri­en, wo er alle Territo­rien ver­lor, in denen er 2014 das Kali­fat ausge­rufen hat­te. Außer­dem star­ben Zehn­tau­sende Kämp­fer. Wie schwer es dem IS fällt, Struk­tu­ren auf­recht­zu­er­hal­ten, zeigt sich am Ver­lust von Führungspersönlich­keiten. Der IS-Kalif Abu Bakr al-Bagh­da­di wur­de im Okto­ber 2019 von den USA in sei­nem Ver­steck in Nord­west-Syri­en aufge­spürt und spreng­te sich in die Luft, um der Gefangen­nahme zu ent­ge­hen. Seit­dem hat der IS drei wei­te­re Anfüh­rer verlo­ren. Für den IS-Kali­­fen – aktu­ell ein Abu Hafs al-Hash­i­mi al-Qura­shi, über den kei­ne gesi­cherten Infor­mationen vor­lie­gen – dürf­te es immer schwie­ri­ger wer­den, die weitver­zweig­te Orga­ni­sa­ti­on tat­säch­lich anzu­füh­ren.

Im Irak und in Syri­en hält der militäri­sche Druck auf den IS an. Die Orga­ni­sa­ti­on stell­te in bei­den Län­dern ab 2017/2019 dar­auf um, den bewaff­ne­ten Kampf aus dem Unter­grund zu füh­ren. Heu­te sol­len noch etwa 1.500 bis 3.000 Kämp­fer in den zwei Län­dern ope­rie­ren, wobei der IS in Syri­en stär­ker ist als im Irak. In Syri­en pro­fi­tiert die Orga­ni­sa­ti­on von der anhal­ten­den Insta­bi­li­tät des Lan­des, das fak­tisch in ver­schiedene Regio­nen auf­ge­teilt ist, die von kon­kur­rie­ren­den Kräf­ten kon­trol­liert wer­den. Seit 2019 zielt der IS dar­auf ab, die rund 9.000 in syrisch-kur­di­schen Gefäng­nissen inhaf­tier­ten IS-Kämp­fer (dar­un­ter 2.000 Aus­län­der) zu befrei­en und sei­ne Schlag­kraft auf die­se Wei­se zu erhö­hen. Bis­her schei­ter­ten die meis­ten die­ser Versu­che an der Über­le­gen­heit der syri­schen Kur­den, die von den USA unter­stützt wer­den.

Mit der All­ge­mei­nen Ver­wal­tung der Pro­vin­zen (al-Idara al-Amma li-l-Wila­yat) hat der IS aber eine Stel­le bewahrt, die Füh­rungsaufgaben über­nimmt. Dabei han­delt es sich um einen Teil der IS-Ver­wal­tung, der gegrün­det wur­de, um die zen­tra­le Kon­trolle der ab Novem­ber 2014 geschaf­fe­nen IS-Able­ger außer­halb des Irak und Syri­ens zu gewähr­leis­ten. Nach dem Ver­lust der letz­ten Ter­ri­to­ri­en in Syri­en im März 2019 und dem Tod des ers­ten IS-Kali­fen al-Bag­h­­d­a­di wenig spä­ter scheint die All­ge­mei­ne Ver­wal­tung der Pro­vin­zen zu einer beson­ders wich­ti­gen Stel­le in der IS-Kom­man­do­­struk­tur gewor­den zu sein. Unter ande­rem dürf­te sie dafür ver­ant­wort­lich sein, die Orga­ni­sa­ti­on welt­weit zu finan­zie­ren.

Um sei­ne Zen­tral­stel­len­funk­ti­on bes­ser aus­fül­len zu kön­nen, grün­de­te der IS spä­testens 2019 Regio­nal­bü­ros, die der Allge­meinen Ver­wal­tung der Pro­vin­zen unter­stehen. Die wich­tigs­ten sind Makt­ab al-Ard al-Muba­ra­ka für den Irak und Syri­en, Makt­ab as-Sadiq für Süd­asi­en, Afgha­ni­stan und Iran, Makt­ab al-Faruq für den Kau­ka­sus, Russ­land, die Tür­kei und Euro­pa, Makt­ab al-Fur­qan für West­afri­ka und die Sahel­zo­ne sowie Makt­ab al-Kar­rar für Soma­lia und ande­re Tei­le Afri­kas. Zwar ist im Detail unklar, wie effek­tiv die All­ge­mei­ne Ver­wal­tung der Pro­vin­zen und die Regio­nal­bü­ros arbei­ten kön­nen. Be­sonders die häu­fi­gen Ver­lus­te an Führungs­personal dürf­ten die­se Stel­len geschwächt haben. Doch gibt es Hin­wei­se dar­auf, dass es dem IS wei­ter­hin gelun­gen ist, wich­ti­ge Funk­tio­nen wie die Finan­zie­rung der ein­zelnen Able­ger und die Öffentlichkeits­arbeit zen­tral zu steu­ern. Für gro­ßen Ein­fluss auf die IS-Pro­vin­zen spricht, dass die­se sich meist an die ideo­lo­gi­schen und strate­gischen Vor­ga­ben des IS hal­ten, wie sie in zen­tra­len Publi­ka­tio­nen wie den Audio­botschaften des jewei­li­gen Kali­fen und sei­nes Spre­chers vor­ge­ge­ben wer­den. Hier­zu gehört bei­spiels­wei­se die unver­söhn­li­che Feind­schaft gegen­über den Schii­ten, die von allen IS-Able­gern geteilt wird.

Beson­ders wich­tig für die Füh­rung der Orga­ni­sa­ti­on waren in den letz­ten Jah­ren der IS-Able­ger in Soma­lia (namens Wila­yat as-Sumal) und das al-Kar­rar-Büro, das sich eben­falls in Soma­lia befin­den soll. Das ist vor allem des­halb erstaun­lich, weil der IS in die­sem Land offen­bar nur über eini­ge Hun­dert Kämp­fer – die Schät­zun­gen schwan­ken zwi­schen 100 und 500 – ver­fügt und der Able­ger dort zah­len­mä­ßig also eher schwach ist. Trotz­dem ist es ihm gelun­gen, zur viel­leicht wich­tigs­ten Dreh­schei­be bei der Finan­zie­rung der IS-Able­ger ins­ge­samt zu wer­den, wobei er sogar Geld an den IS nach Afgha­ni­stan schickt. Dementspre­chend haben die USA ihre Bekämpfungs­maßnahmen im nord­so­ma­li­schen Punt­land – wo sich die meis­ten IS-Kämp­fer des Lan­des auf­hal­ten – 2023 und 2024 ver­stärkt. Es ist daher unklar, ob der IS Soma­lia sei­ne Zen­tral­stel­len­funk­ti­on im Netz­werk der Orga­ni­sa­ti­on wei­ter wahr­neh­men kann.

Wie sehr die Frag­men­tie­rung des Milieus auch den IS betrifft, zeigt sich an einem sei­ner Able­ger, der sich nicht voll­stän­dig an die stra­te­gi­schen Vor­ga­ben der Organisa­tion zu hal­ten scheint. Es han­delt sich um den IS in der Groß­sa­ha­ra (ISGS, auch Wila­yat as-Sahil oder Sahel-Pro­vinz), der in Mali, Niger und Bur­ki­na Faso ope­riert. Zwi­schen 2017 und 2019 arbei­te­te der ISGS wieder­holt mit JNIM zusam­men, so dass in Sicher­heitskreisen und For­schung schnell von der »Sahe­li­an excep­ti­on« die Rede war, einer Aus­nah­me von dem ansons­ten tödli­chen Kon­flikt zwi­schen IS und al-Qai­da. Nach­dem sich bei­de Orga­ni­sa­tio­nen eini­ge Jah­re dann aber auch in der Sahel­zone be­kämpft haben, set­zen sie heu­te auf Ent­span­nung. In Mali, Niger und Bur­ki­na Faso schei­nen sie Ein­fluss­zo­nen abge­steckt zu haben, die von bei­den Sei­ten respek­tiert wer­den.

Der IS Kho­ra­san in Euro­pa

Die Dees­ka­la­ti­on zwi­schen dem IS und al-Qai­da in der Sahel­zo­ne ist ein Hin­weis, dass das jiha­dis­ti­sche Milieu nicht dau­er­haft frag­men­tiert blei­ben muss. Doch auch dort, wo die alte Feind­schaft fort­be­steht, kön­nen schlag­kräf­ti­ge Grup­pie­run­gen ent­ste­hen, die zur Gefahr wer­den. Seit 2022 hat sich mit dem Isla­mi­schen Staat Kho­ra­san ein IS-Able­ger als beson­ders star­ke jiha­dis­ti­sche Grup­pie­rung eta­bliert. Er hat sein Opera­tionsgebiet von Afgha­ni­stan über Paki­stan, Iran und die Tür­kei nach Russ­land ausge­weitet und wie­der­holt ver­sucht, Anschlä­ge in der west­li­chen Welt zu ver­üben. Zwar ist es dem IS Kho­ra­san bis­her offen­bar nicht gelun­gen, aus­ge­bil­de­te Kämp­fer nach Euro­pa zu schi­cken; doch lei­ten Anschlagspla­ner von Afgha­ni­stan aus Ein­zel­tä­ter und klei­ne Grup­pen in Euro­pa dazu an, Atten­tate zu bege­hen.

Der IS Kho­ra­san pro­fi­tier­te 2021 vom Rück­zug der US-Trup­pen aus Afgha­ni­stan, die bis dahin die Orga­ni­sa­ti­on par­al­lel zu den Tali­ban bekämpft hat­ten (zur Situa­ti­on bis Anfang des fol­gen­den Jah­res vgl. SWP-Aktu­ell 8/2022). Zwar konn­ten die Tali­ban seit­dem vie­le Erfol­ge im Kampf gegen den IS Kho­ra­san ver­zeich­nen, so dass die Zahl der von ihm began­ge­nen Anschlä­ge in Afgha­ni­stan bis 2023 stark ab­nahm. Den­noch ver­üb­te die Orga­ni­sa­ti­on wei­ter­hin ein­zel­ne auf­se­hen­er­re­gen­de Atten­ta­te im Land, dar­un­ter meh­re­re gegen schii­ti­sche Zie­le im Herbst und Win­ter 2023/2024. Zu­gleich wich der IS-Able­ger unter wachsen­dem Druck nach Paki­stan aus, wo er – im Schat­ten der un­gleich stär­ke­ren Pakistani­schen Tali­ban (TTP), die den afgha­ni­schen Tali­ban und al‑Qaida nahe­ste­hen – ab 2022 zahl­rei­che ver­hee­ren­de Anschlä­ge beging. Sei­ne Kämp­ferzahl wird heu­te auf 2.000 bis 6.000 ge­schätzt, wobei die zwei­te Zahl viel zu hoch gegrif­fen sein dürf­te.

Die Aus­wei­tung des bewaff­ne­ten Kamp­fes auf Paki­stan fiel dem IS Kho­ra­san vor allem des­halb leicht, weil ihm neben Afgha­nen vie­le Paki­sta­ner ange­hö­ren. Die Füh­rungsspitze der Orga­ni­sa­ti­on bestand in den ers­ten Jah­ren mehr­heit­lich aus Pasch­tunen aus den paki­sta­ni­schen Stammes­gebieten Bajaur, Orak­zai und Khy­ber, in denen der IS auch heu­te noch stark ist. Die Aus­deh­nung der Ope­ra­tio­nen nach Iran wie­der­um – dort ver­üb­te der IS Kho­ra­san zuletzt im Janu­ar 2024 ein Atten­tat auf einen Trau­er­zug in Ker­man anläss­lich des vier­ten Todes­tags von Quds-Korps-Kom­man­­dant Qas­sem Sol­ei­ma­ni – wur­de mög­lich, weil sich eini­ge ira­ni­sche Sun­ni­ten dem IS Kho­ra­san ange­schlos­sen hat­ten. Über­dies mach­te sich bemerk­bar, dass in den Rei­hen des IS vie­le Tadschi­ken ver­tre­ten sind, die eine dem Per­si­schen ver­wand­te Spra­che spre­chen. Unter den eth­nisch-tadschi­ki­­schen Afgha­nen, die es in Iran in gro­ßer Zahl gibt, kön­nen sie sich pro­blem­los be­wegen. Wie stark Tadschi­ken im IS Khora­san ver­tre­ten sind, zeig­te sich bei dem An­schlag auf ein Kon­zert­ge­bäu­de nahe Mos­kau am 22. März 2024, bei dem mehr als 140 Men­schen getö­tet wur­den. Alle Attentä­ter waren Tadschi­ken. Sie sol­len vor der Tat in die Tür­kei gereist sein, was auf die be­sondere Bedeu­tung des Lan­des für den IS Kho­ra­san (und den IS ins­ge­samt) hin­weist. Istan­bul dient der Orga­ni­sa­ti­on als ein wich­ti­ger Kno­ten­punkt für die Anrei­se aus­ländischer Kämp­fer nach Afgha­ni­stan, für die Finan­zie­rung und viel­leicht eben­so für Anschlags­pla­nun­gen.

Auch in Euro­pa haben der IS Kho­ra­san und der IS (die genaue Zuord­nung wird oft nicht deut­lich) zahl­rei­che Anschlä­ge ge­plant und orga­ni­siert. Sie pro­fi­tie­ren hier von einer gro­ßen Anhän­ger­schaft unter jun­gen Isla­mis­ten, doch wirkt sich die natio­na­le Zusam­men­set­zung des IS Khora­san bis nach Deutsch­land, Frank­reich, Bene­lux, Skandi­navien und Öster­reich aus. Überproportio­nal vie­le Ter­ro­ris­ten und Ter­ror­ver­däch­ti­ge der letz­ten Jah­re stam­men eben­falls aus Zen­tral­asi­en und dem Kau­ka­sus, zuletzt vor allem aus Tadschikis­tan und Tschetsche­nien. Vie­le von ihnen sind – so wie die meis­ten jiha­dis­ti­schen Ein­zel­tä­ter – mit den Flücht­lings­wel­len von 2014 bis 2016 und ab 2022 nach Euro­pa gekom­men. Da Deutsch­land beson­ders vie­le Flücht­lin­ge aus die­sen Regio­nen aufgenom­men hat, ist es auch von Anschlagsplanun­gen häu­fig betrof­fen. Beson­de­res Auf­se­hen erreg­te zu­letzt eine Grup­pe von zwei Tad­schiken, einem Tsche­tsche­nen und einer Tür­kin, die Atten­ta­te auf den Köl­ner Dom und den Ste­phans­dom in Wien geplant haben soll. Es gab auch War­nun­gen der deut­schen und fran­zö­si­schen Behör­den vor Atta­cken des IS Kho­ra­san wäh­rend der Fuß­­ball-EM und der Olym­pi­schen Spie­le im Som­mer 2024 – Groß­ereig­nis­se, bei denen die befürch­te­ten Gewalt­ta­ten aber aus­blie­ben.

Trotz aller Hin­wei­se auf Gefah­ren wirkt die Bedro­hung dif­fus, weil sich in Euro­pa das Feh­len einer star­ken Orga­ni­sa­ti­on be­merkbar macht, der es gelin­gen könn­te, über Kon­ti­nen­te hin­weg Anschlä­ge zu pla­nen, zu orga­ni­sie­ren und durch­zu­füh­ren. Schon seit den Angrif­fen in Paris und Brüs­sel 2015/2016 ist es dem IS nicht mehr ge­lungen, vor­ab aus­ge­bil­de­te Atten­tä­ter aus dem Nahen Osten in die west­li­che Welt zu ent­sen­den, damit sie grö­ße­re »orga­ni­sier­te« Anschlä­ge ver­üben. Statt­des­sen setz­te der IS ab 2015 auch auf »ange­lei­te­te« Atten­ta­te. Dabei neh­men Pro­pa­gan­dis­ten und Pla­ner der Orga­ni­sa­ti­on, die sich in Syri­en, Afgha­nistan oder anders­wo auf­hal­ten, über Mes­sengerdienste wie vor allem Tele­gram Kon­takt zu poten­ti­el­len Ter­ro­ris­ten auf und be­raten sie bei Pla­nung und Orga­ni­sa­ti­on eines Anschlags. Der­ge­stalt ange­bahn­te Atta­cken haben aus IS-Sicht meist den Vor­teil, dass sie mehr Opfer for­dern und damit effekti­ver sind als rei­ne Ein­zel­tä­ter­an­schlä­ge. Der IS ver­üb­te schon 2016 zahl­rei­che »angelei­tete« Atten­ta­te, dar­un­ter am 19. Dezem­ber den Lkw-Angriff auf den Weih­nachts­markt am Ber­li­ner Breit­scheid­platz.

Der IS Kho­ra­san über­nahm die­se Tak­tik ab 2019, als der IS infol­ge sei­ner Nie­der­la­ge in Syri­en stark geschwächt schien. Unter euro­päi­schen Jiha­dis­ten hat­te die afghani­sche Grup­pie­rung schon damals Anhän­ger gewon­nen, von denen eini­ge 2017 versuch­ten, an den Hin­du­kusch zu rei­sen und sich dort der Orga­ni­sa­ti­on anzu­schlie­ßen – fast immer erfolg­los. Wie ein­fluss­reich der IS Kho­ra­san auch in Deutsch­land ist, zeig­te sich erst­mals 2019/2020, als eine Grup­pe von sie­ben Tadschi­ken in Nord­rhein-Wes­t­­fa­len ver­haf­tet wur­de und ihre Mit­glie­der spä­ter wegen ver­schie­de­ner ter­ro­ris­ti­scher Delik­te teils län­ge­re Haft­stra­fen erhiel­ten. Die Grup­pe hat­te unter ande­rem Ver­bin­dung zu einem tadschi­ki­schen IS-Kho­ra­san-Funk­tio­när in Afgha­ni­stan, der sie ideolo­gisch schul­te.

Es folg­ten wei­te­re Fäl­le, in denen die Grup­pen oft klei­ner und die Täter sehr jung, häu­fig noch min­der­jäh­rig waren. Paradig­ma­tisch für die Vor­ge­hens­wei­se des IS Kho­ra­san war der Fall zwei­er Anhän­ger aus Bre­merhaven und Iser­lohn. Sie wur­den im Sep­tember 2022 ver­haf­tet, als sich die Anzei­chen ver­dichte­ten, dass sich der Iser­loh­ner Jiha­dist zu Angrif­fen auf Poli­zis­ten ent­schlossen hat­te. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on fand über Tele­gram statt, wo die Jiha­dis­ten ver­schiedene Chat­gruppen unter­hiel­ten. Bei dem Pla­ner han­del­te es sich um einen Tadschi­ken beim IS Khora­san in Afghani­stan, bei den Jiha­dis­ten in Deutsch­land um einen Tsche­tschenen und einen Deutsch-Koso­va­ren, die 17 und 18 Jah­re alt waren. Mög­lich wur­de die Fest­nah­me der Terroris­ten, weil die USA deren Kommuni­kation abge­fan­gen und die deut­schen Be­hörden gewarnt hat­ten.

Schwie­ri­ge Bekämp­fung

Die wach­sen­de Zahl von Anschlä­gen durch Ein­zel­tä­ter stellt die Sicherheits­be­hörden in Deutsch­land und Euro­pa schon jetzt vor gro­ße Pro­ble­me. Wenn dar­über hin­aus auch Orga­ni­sa­tio­nen wie der IS oder JNIM in West­afri­ka erstar­ken, wird die terroris­tische Bedro­hung noch stär­ker zuneh­men.

Ein­zel­tä­te­rat­ten­ta­te sind in libe­ra­len Demo­kra­tien schwie­rig zu ver­hin­dern, und die Häu­fung der letz­ten Jah­re zeigt, wie schwer sich Poli­zei und Diens­te damit hier­zulande tun. Dabei ist auf­fäl­lig, dass es sich bei den Tätern in den meis­ten Fäl­len um Flücht­lin­ge han­delt, die mehr­heit­lich aus Syri­en und häu­fig aus Nord­afri­ka und Afgha­ni­stan stam­men. Auch wenn es sich bei den Jiha­dis­ten nur um eine klei­ne Min­derheit han­delt, zei­gen sich hier die sicher­heitspoliti­schen Fol­gen weit­ge­hend unkon­trollierter Migra­ti­on aus Kriegs­ge­bie­ten und Län­dern mit hoher ter­ro­ris­ti­scher Mobilisie­rung. Nur wenn Deutsch­land und Euro­pa die in den letz­ten Jah­ren fast unge­hin­der­te Ein­reise von Ter­ro­ris­ten stop­pen, besteht die Mög­lich­keit, dass sich die Situa­ti­on wie­der ver­bes­sert. Aber auch ohne wei­te­ren Zuzug wird es Jah­re dau­ern, bis Poli­zei und Diens­te die bereits ange­kom­me­nen Bevöl­e­rungsgruppen so gut ken­nen, dass sie terro­ristische Ein­zel­tä­ter frü­her identifi­zie­ren kön­nen. Es ist des­halb drin­gend not­wendig, die deut­schen Sicher­heits­be­hör­den und vor allem die Nach­rich­ten­diens­te bei der Früh­erkennung zu stär­ken.

Es wäre außer­dem wün­schens­wert, dass Deutsch­land und Euro­pa durch Auslands­einsätze jiha­dis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen in Nah­ost, Süd- und Zen­tral­asi­en sowie Afri­ka mili­tä­risch bekämp­fen, um deren Erstar­ken und Angrif­fe auf Euro­pa schon im Vor­feld zu ver­hin­dern. Dies ist in den letz­ten Jah­ren fast unmög­lich gewor­den, weil infol­ge der Abzü­ge aus Afgha­ni­stan, Mali und Niger kaum mehr west­li­che Trup­pen in den Gebie­ten sta­tio­niert sind, in denen mit IS Kho­ra­san und JNIM beson­ders gefähr­li­che Grup­pie­run­gen ope­rie­ren. Hin­zu kommt, dass 2024 auch die USA längst nicht mehr so prä­sent sind wie frü­her. Es zeigt sich jetzt schon, dass Jiha­dis­ten die­se Gelegen­heit nut­zen, um wei­ter vor­zu­drin­gen. Des­halb dürf­te es in Zukunft immer wie­der not­wen­dig wer­den, gegen Ter­ro­ris­ten weit jen­seits des euro­päi­schen Kon­ti­nents militä­risch und geheim­dienst­lich vor­zu­ge­hen. Deutsch­land und Euro­pa soll­ten also ihre mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten beim Lufttrans­port und dem Ein­satz von Spe­zi­al­kräf­ten bewah­ren und wei­ter aus­bau­en.

Wo sich Anschlä­ge in Euro­pa ver­ei­teln lie­ßen, wur­de dar­über hin­aus deut­lich, wie wich­tig die US-Behör­den bei der Terroris­musbekämpfung auf dem Kon­ti­nent sind. In allen bekann­ten Fäl­len der letz­ten Jah­re kam die ers­te Infor­ma­ti­on von FBI, NSA oder CIA. Das ist nicht nur ein Hin­weis auf die ein­zig­ar­ti­ge Qua­li­tät der amerikani­schen Stel­len, son­dern auch auf die fehlen­den Fähig­kei­ten der Euro­pä­er. Deutsch­land macht im Ver­gleich zu Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en durch beson­ders schwa­che Diens­te auf sich auf­merk­sam. Wie wehr­los die Euro­pä­er ohne ame­ri­ka­ni­sche Hil­fe sind, zeig­te sich zwi­schen 2014 und 2017, als die US-Behör­den selbst Pro­ble­me mit der tech­ni­schen Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung hat­ten und eine ver­hee­ren­de Anschlags­wel­le des IS die Fol­ge war. Es ist des­halb drin­gend gebo­ten, die deut­schen Nach­rich­ten­diens­te vor allem in der Über­wa­chung von Tele­kommunikation zu stär­ken.

Die­ser Text wur­de von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP) ver­öf­fent­licht unter der Lizenz CC BY 4.0.