Betrug, ille­ga­le Spen­den­wer­bung, Sank­ti­ons­ver­stoß: Die Vor­wür­fe von Isla­mic Reli­ef USA gegen Isla­mic Reli­ef World­wi­de (IRW)

Mit ihrer Klage vor dem Bundesgericht in New York will Islamic Relief USA sich von der Mutterorganisation lossagen – und legt dabei Vorwürfe offen, die von illegaler Spendenwerbung über gefälschte Waisenpaten-Unterlagen bis zu einem mutmaßlichen Verstoß gegen US-Sanktionsrecht reichen. Lorenzo Vidino ordnet ein, warum der Schritt nicht nur die globale Struktur von Islamic Relief Worldwide (IRW) erschüttert, sondern auch Regierungen und Spendern weltweit Anlass zu einer erneuten Prüfung ihrer Partnerschaften gibt.

Von Loren­zo Vidi­no, Lei­ter des »Pro­gram on Extre­mism« an der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­ty

Isla­mic Reli­ef World­wi­de (IRW) zählt zu den welt­weit »größ­ten Hilfs- und Ent­wick­lungs­or­ga­ni­sa­tio­nen«. Sie ver­fügt über ein Jah­res­bud­get von annä­hernd 400 Mil­lio­nen US-Dol­lar, unter­hält Part­ner­schaf­ten mit inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen wie dem UN-Flücht­lings­hoch­kom­mis­sa­ri­at (UNHCR) und dem Welt­ernäh­rungs­pro­gramm (WFP) und ist in mehr als hun­dert Län­dern tätig.

Zugleich steht die IRW seit Län­ge­rem wegen ihrer Füh­rungs­struk­tu­ren und ihrer Finan­zie­rung in der Kri­tik. Meh­re­re Staa­ten des Nahen Ostens haben die Orga­ni­sa­ti­on als ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung ein­ge­stuft und ihr die Tätig­keit auf ihrem Hoheits­ge­biet for­mell unter­sagt. Kri­ti­ker wer­fen der IRW vor, Ver­bin­dun­gen zur Mus­lim­bru­der­schaft zu unter­hal­ten und extre­mis­ti­sche Posi­tio­nen zu för­dern – Vor­wür­fe, die IRW stets ent­schie­den zurück­ge­wie­sen hat.

Eine neue Kla­ge, die der US-ame­ri­ka­ni­sche Zweig der IRW vor dem Bun­des­ge­richt für den Sou­thern Dis­trict of New York ein­ge­reicht hat, gewährt Spen­dern und Part­nern der Orga­ni­sa­ti­on auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke in deren inter­ne Abläu­fe. Kon­kret strebt Isla­mic Reli­ef USA (IRUSA), eine der größ­ten und finanz­stärks­ten Sek­tio­nen der IRW, die Auf­lö­sung der Ver­bin­dun­gen zur Mut­ter­or­ga­ni­sa­ti­on an – unter Beru­fung auf mut­maß­li­chen Betrug, ille­ga­le Spen­den­ak­qui­se und poten­zi­el­le Ver­stö­ße gegen US-Sank­ti­ons­recht. In der IRUSA-Kla­ge­schrift heißt es (eige­ne Über­set­zung):

»Bestimm­te Vor­wür­fe gegen das Ver­hal­ten der IRW wür­den von zustän­di­gen staat­li­chen und ande­ren Stel­len sowie Ein­rich­tun­gen so ver­stan­den, als sei­en sie IRUSA zure­chen­bar, und ein sol­ches mut­maß­li­ches Ver­hal­ten wür­de sich nach­tei­lig auf den wohl­ver­dien­ten guten Ruf von IRUSA in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten aus­wir­ken. Ein Repu­ta­ti­ons­ver­lust wür­de wie­der­um die Fähig­keit von IRUSA gefähr­den, huma­ni­tä­re Hil­fe in den USA und welt­weit zu finan­zie­ren und bereit­zu­stel­len. IRUSA wur­de von US-Regie­rungs­stel­len dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ihr Sta­tus als steu­er­be­frei­te Orga­ni­sa­ti­on gefähr­det wäre, soll­te sie irgend­wel­che ope­ra­ti­ven oder insti­tu­tio­nel­len Bezie­hun­gen zu IRW auf­recht­erhal­ten. IRUSA hat IRW ein­ge­hend über die­se Risi­ken infor­miert, doch IRW hat es nicht nur abge­lehnt, an Schrit­ten zur Abwen­dung sol­cher exis­ten­zi­el­len Risi­ken mit­zu­wir­ken, son­dern dar­über hin­aus wei­te­re Schrit­te unter­nom­men, die die­se Risi­ken für IRUSA ver­schärft haben – mit der Fol­ge, dass deren Fähig­keit, Hil­fe für Begüns­tig­te welt­weit bereit­zu­stel­len, bedroht ist. Das Ver­hal­ten von IRW hat IRUSA Scha­den zuge­fügt und die Dring­lich­keit erhöht, dass IRUSA die not­wen­di­gen und unver­züg­li­chen Schrit­te unter­nimmt, um sämt­li­che der­ar­ti­gen Bezie­hun­gen oder den Anschein sol­cher Bezie­hun­gen künf­tig zu been­den.«

Die Kla­ge­schrift von IRUSA führt eini­ge der mut­maß­li­chen Ver­feh­lun­gen der IRW im Ein­zel­nen auf:

  • »Ers­tens hat IRW unrecht­mä­ßig und unter Ver­stoß gegen gel­ten­des Recht Spen­den von US-Per­so­nen in meh­re­ren Bun­des­staa­ten – ein­schließ­lich des Staa­tes New York – ein­ge­wor­ben, wozu sie weder gesetz­lich noch ver­trag­lich berech­tigt ist.«
  • Zwei­tens habe IRW »in der Absicht, den Ruf von IRUSA zu schä­di­gen und IRUSA für ihre Unab­hän­gig­keit zu bestra­fen, rechts­wid­rig und in betrü­ge­ri­scher Absicht Unter­la­gen erstellt, die den fal­schen Ein­druck stüt­zen soll­ten, IRUSA habe durch eige­nes Per­so­nal aktiv Schrit­te unter­nom­men, die Betreu­ung und Paten­schaft für Hun­der­te von Wai­sen­kin­dern auf­zu­ge­ben«.
  • »Drit­tens hat IRW ihre ver­trag­li­che Ver­pflich­tung ver­letzt, US-Recht ein­zu­hal­ten – ein­schließ­lich der vom US Office of For­eign Assets Con­trol (OFAC) erlas­se­nen Geset­ze und Vor­schrif­ten –, indem sie die Aus­fuhr von Näh­ma­schi­nen aus dem Iran nach Afgha­ni­stan zur Durch­füh­rung eines Erd­be­ben-Hilfs­pro­jekts ver­an­lasst hat.«

Die 113-sei­ti­ge Kla­ge­schrift (Akten­zei­chen: Isla­mic Reli­ef USA v. Isla­mic Reli­ef World­wi­de, Inc., 1:26-cv-02367, S.D.N.Y.) führt eine Rei­he wei­te­rer mut­maß­li­cher Ver­stö­ße der IRW auf, deren Stich­hal­tig­keit das »Pro­gram on Extre­mism« an der Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­ty nicht unab­hän­gig über­prü­fen kann. […]

Die von der IRUSA in New York ein­ge­reich­te Kla­ge könn­te das Ver­hält­nis zwi­schen der IRW und ihren Tocht­er­or­ga­ni­sa­tio­nen welt­weit zusätz­lich belas­ten. Sie soll­te jedoch auch Regie­run­gen und ein­zel­ne Spen­der dazu ver­an­las­sen, ihre Bezie­hun­gen zu der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on und die ihr gege­be­nen­falls gewähr­ten Mit­tel noch ein­ge­hen­der zu prü­fen.


Ori­gi­nal­ver­öf­fent­li­chung: Loren­zo Vidi­no, »New Lawsu­it Against Isla­mic Reli­ef World­wi­de (IRW) Rai­ses Fresh Ques­ti­ons About Charity’s Ope­ra­ti­ons«, The Thre­at – Pro­gram on Extre­mism, 25. März 2026. Online: https://thethreat.substack.com/p/new-lawsuit-against-islamic-relief – Nach­ver­öf­fent­li­chung mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.


Anmer­kung der Redak­ti­on (Stand: 25. Mai 2026):

Seit Erschei­nen des Ori­gi­nal­bei­trags am 25. März 2026 sind drei Ent­wick­lun­gen zu ver­zeich­nen.

Ers­tens wur­de aus Medi­en­be­rich­ten das Aus­maß der mut­maß­lich mani­pu­lier­ten Paten­schafts­kün­di­gun­gen genau­er fass­bar: Betrof­fen waren laut Kla­ge­schrift 645 zuvor über IRUSA finan­zier­te Kin­der in neun Län­dern (Äthio­pi­en, Alba­ni­en, Ban­gla­desch, Bos­ni­en, Indo­ne­si­en, Irak, Mala­wi, Mali, Paki­stan). Dane­ben for­dert IRUSA die Rück­zah­lung von 6,4 Mil­lio­nen US-Dol­lar zurück­ge­hal­te­ner Pro­jekt­mit­tel und bezif­fert den Rück­gang der dies­jäh­ri­gen Rama­dan-Spen­den infol­ge der unrecht­mä­ßi­gen Wer­bung in den USA auf 50 Pro­zent.1

Zwei­tens rekla­mier­te am 30. März 2026 der Vor­sit­zen­de des Finanz­aus­schus­ses des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses (House Ways and Means Com­mit­tee), Jason Smith (R‑Missouri), den Erfolg der Kla­ge: Des­sen wie­der­hol­te Ver­wei­se an die Steu­er­be­hör­de IRS – begin­nend im Sep­tem­ber 2024 mit dem for­mel­len Antrag, den Gemein­nüt­zig­keits­sta­tus der IRUSA und wei­te­rer Orga­ni­sa­tio­nen zu prü­fen, erneu­ert in einem Schrei­ben vom 6. Okto­ber 2025 (PDF) – hät­ten die US-Toch­ter zur Tren­nung von IRW gedrängt.2

Drit­tens reich­te IRW am 23. April 2026 beim Bun­des­ge­richt für den Sou­thern Dis­trict of New York ein Memo­ran­dum ein und bean­trag­te, den Streit in ein ver­trau­li­ches Schieds­ver­fah­ren zu ver­wei­sen oder die Kla­ge man­gels ört­li­cher Zustän­dig­keit des Gerichts abzu­wei­sen. IRW bezeich­net die Kla­ge als »Publi­ci­ty-Stunt« und »jah­re­lan­ge Ver­leum­dungs­kam­pa­gne« und beruft sich auf die in den Mit­glieds­ver­trä­gen vor­ge­se­he­ne Schieds­klau­sel.3

End­no­ten

  1. Tariq Tahir, »UK cha­ri­ty sued by its US branch over alle­ged Mus­lim Brot­her­hood links«, The Natio­nal (Abu Dha­bi), 27. März 2026 (archi­viert). ↩︎
  2. Pres­se­mit­tei­lung des House Ways and Means Com­mit­tee, »Ways & Means Inves­ti­ga­ti­on Leads to Tax-Exempt Orga­niza­ti­on Cut­ting Ties with Ter­ro­rist-Affi­lia­ted Group«, 30. März 2026 (archi­viert). ↩︎
  3. Dex­ter Van Zile, »Isla­mic Reli­ef World­wi­de Seeks Pri­va­te Arbi­tra­ti­on in Lawsu­it with Ame­ri­can Affi­lia­te«, Midd­le East Forum / Focus on Wes­tern Isla­mism, 11. Mai 2026 (archi­viert). ↩︎