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»Islam und Mus­li­me im rus­si­schen Angriffs­krieg: Dschi­had gegen die Ukrai­ne?« von Andre­as Jacobs

Mit dem Kapitel »Islam und Muslime im russischen Angriffskrieg: Dschihad gegen die Ukraine?« legt Andreas Jacobs in dem von Richard Ottinger herausgegebenen Sammelband »Religiöse Elemente im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine« (ibidem-Verlag, Stuttgart 2024) eine Analyse der russischen Islampolitik im Kontext des Krieges gegen die Ukraine vor. Jacobs leitet in der Konrad-Adenauer-Stiftung die Abteilung Gesellschaftlicher Zusammenhalt und ist Gründungsmitglied der Experteninitiative Religionspolitik (EIR).

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Jacobs geht von der Beob­ach­tung aus, dass Poli­tik und Pro­pa­gan­da in Bezug auf den Islam »oft über­se­he­ne Kom­po­nen­ten der rus­si­schen Bemü­hun­gen um die Instru­men­ta­li­sie­rung von Reli­gi­on im Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne« sei­en. Wäh­rend die Debat­te auf die Rus­sisch-Ortho­do­xe Kir­che fokus­siert sei, spiel­ten der Islam und die schät­zungs­wei­se 15 bis 20 Mil­lio­nen Mus­li­me in Russ­land sowohl innen- als auch außen­po­li­tisch eine nicht uner­heb­li­che Rol­le – auch nach dem isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlag bei Mos­kau im März 2024.

Die rus­si­sche Islam­po­li­tik spielt nach Ein­schät­zung von Jacobs im Angriffs­krieg »kei­nes­wegs eine nach­ge­ord­ne­te Rol­le«. Sie stel­le reli­giö­se Legi­ti­mi­tät her, siche­re Kon­trol­le, bie­te einen Rah­men zur Bekämp­fung innen­po­li­ti­scher Geg­ner und ver­sor­ge die Streit­kräf­te mit Kämp­fern. Sie ber­ge jedoch Risi­ken: Die Aus­nut­zung inner­mus­li­mi­scher Riva­li­tä­ten las­se eth­ni­sche und kon­fes­sio­nel­le Kon­flik­te wie­der erstar­ken und rufe dschi­ha­dis­ti­sche Ter­ro­ris­ten auf den Plan, »die im ›rus­si­schen Islam‹ eine Got­tes­läs­te­rung sehen«. Für west­li­che Inter­es­sen sei rele­vant, dass rus­si­schen Natio­na­lis­mus und isla­mi­sche Pro­pa­gan­da »die star­ken anti­west­li­chen Bezü­ge« ein­ten – für die Sta­bi­li­sie­rung des post­so­wje­ti­schen und nah­öst­li­chen Raums »kei­ne gute Nach­richt«.

Vom »Islam in Russ­land« zum »rus­si­schen Islam«

Die Prä­senz von Mus­li­men auf dem heu­ti­gen rus­si­schen Staats­ge­biet sei bereits im 7. Jahr­hun­dert nach­weis­bar – zwei Jahr­hun­der­te vor dem Chris­ten­tum. Mit der von Katha­ri­na der Gro­ßen 1788 gegrün­de­ten »Oren­bur­ger Mus­li­mi­schen Geist­li­chen Ver­samm­lung« (OMGV) sei­en Russ­lands Ver­bin­dun­gen zur isla­mi­schen Kul­tur erst­mals insti­tu­tio­na­li­siert wor­den. Eine Befrie­dung des Nord­kau­ka­sus sei dadurch nicht erreicht wor­den – ein Span­nungs­ver­hält­nis, das in den Tsche­tsche­ni­en­krie­gen der 1990er Jah­re und in der Rol­le Ramsan Kady­rows nach­wir­ke.

Orga­ni­sa­to­risch beru­he die Islam­po­li­tik bis heu­te auf den »Muf­tia­ten«, die jede mus­li­misch gepräg­te Teil­re­pu­blik unter­hal­te. Deren Kon­kur­renz unter­ein­an­der wer­de staat­li­cher­seits durch Pri­vi­le­gi­en und Finanz­hil­fen »als Instru­ment der Loya­li­täts­po­li­tik aktiv geför­dert«. Eine beson­de­re Rol­le spie­le das spät­so­wje­ti­sche, KGB-kon­trol­lier­te Netz­werk des Muf­ti­ats in Ufa, das »bis heu­te von der Kreml-Prä­si­di­al­ver­wal­tung gesteu­ert wird«.

Rus­si­sche Islam­po­li­tik unter Putin

Die staat­li­che Kon­trol­le der Muf­tia­te sei vor allem vor dem Hin­ter­grund der Nord­kau­ka­sus-Krie­ge und der Anschlä­ge von Bud­jon­nowsk (1995), Mos­kau (2002) und Beslan (2004) zu ver­ste­hen. Die Anschlä­ge auf Mos­kau­er Wohn­häu­ser hät­ten Putin 1999 »den will­kom­me­nen Anlass zur Pro­fi­lie­rung als hart durch­grei­fen­den ›Ret­ter Russ­lands‹« gebo­ten.

Ein Kern der isla­mis­ti­schen Kämp­fer aus dem post­so­wje­ti­schen Raum sei in den 2010er Jah­ren zum »Isla­mi­schen Staat« nach Syri­en und Irak gegan­gen – pro­mi­nen­tes­tes Bei­spiel sei der Tsche­tsche­ne Tar­chan Bati­ra­schwi­li (Abu Omar al-Shisha­ni) gewe­sen, der nach sei­nem Tod 2016 durch einen ehe­ma­li­gen Ober­be­fehls­ha­ber der rus­si­schen Son­der­po­li­zei als »Kriegs­mi­nis­ter« des IS ersetzt wor­den sei. Die­se Kon­stel­la­ti­on erklä­re teil­wei­se auch das rus­si­sche Ein­grei­fen in Syri­en: Hier habe sich die Gele­gen­heit gebo­ten, gegen poten­zi­el­le Rück­keh­rer außer­halb des eige­nen Ter­ri­to­ri­ums vor­zu­ge­hen.

Par­al­lel sei unter Putin eine weit­ge­hen­de »Ver­staat­li­chung« isla­mi­scher Insti­tu­tio­nen erfolgt. Putin selbst stel­le den Islam wie­der­holt als »inte­gra­len (›tra­di­tio­nel­len‹) Bestand­teil der rus­si­schen Kul­tur und Geschich­te« her­aus und gren­ze ihn von einem »aus­län­di­schen« und »radi­ka­len« Islam ab. In Ana­lo­gie zur »Rus­ski Mir«-Ideologie sei so eine Erzäh­lung des »Rus­ski Islam« eta­bliert wor­den.

Kady­ro­wis­mus

Eine zen­tra­le Rol­le spie­le Ramsan Kady­row. Mit einer »habi­tu­el­len und rhe­to­ri­schen Ver­ein­nah­mung des Islam« habe er eine spe­zi­fi­sche Form von Islamaus­le­gung und Putin-Loya­li­tät eta­bliert, die als »Kady­ro­wis­mus« bezeich­net wer­de. Des­sen Dop­pel­stra­te­gie von Isla­mi­sie­rung und »Loya­li­sie­rung« beru­he weni­ger auf Sym­pa­thie als auf einer »Kon­gru­enz macht­po­li­ti­scher Inter­es­sen«: Für Putin sei Kady­row »die idea­le Figur, um einer­seits die mus­li­mi­schen und eth­ni­schen Grup­pen in der Kau­ka­sus­re­gi­on zu kon­trol­lie­ren und ande­rer­seits im In- und Aus­land die Fik­ti­on eines ›islam­freund­li­chen‹ Russ­land zu kon­stru­ie­ren«; für Kady­row bedeu­te die Alli­anz »einen erheb­li­chen Macht­zu­wachs im innert­sche­tsche­ni­schen Macht­kampf«.

Mit der Inva­si­on sei Kady­row zur wich­ti­gen Figur der Kriegs­pro­pa­gan­da gewor­den und siche­re den Angriffs­krieg reli­gi­ös als »Hei­li­gen Krieg« und »Pflicht aller Mus­li­me« ab. Wirk­mäch­ti­ger als sein reli­giö­ses Auf­tre­ten sei jedoch sei­ne »machis­mo­haf­te Selbst­in­sze­nie­rung«, die »eine Brü­cke zwi­schen ver­meint­lich rus­si­schen und mus­li­mi­schen Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen« her­stel­le. Zugleich zei­ge Kady­rows Rol­le die Gren­zen der Alli­anz: Sei­ne Anma­ßung reli­giö­ser Gelehr­sam­keit sto­ße bei Reli­gi­ons­ge­lehr­ten und innert­sche­tsche­ni­schen Riva­len auf zuneh­men­de Ableh­nung.

Rus­sisch-nah­öst­li­che Alli­an­zen

Inter­na­tio­nal wer­be Kady­row vor allem in Sau­di-Ara­bi­en mit einer Selbst­in­sze­nie­rung als »Die­ner des hei­li­gen Koran« um Unter­stüt­zung. Weder Sau­di-Ara­bi­en noch die VAE hät­ten sich nach dem Ein­marsch zu einer kla­ren Unter­stüt­zung der ame­ri­ka­ni­schen Gegen­maß­nah­men bewe­gen las­sen. Kady­rows Auf­tre­ten tra­ge dazu bei, dass sich Putin in vie­len Län­dern des Nahen Ostens »mit­hil­fe anti­im­pe­ria­lis­ti­scher und post­ko­lo­nia­ler Rhe­to­rik als Frei­heits­kämp­fer gegen ame­ri­ka­ni­sche Domi­nanz und den vom Wes­ten unter­stütz­ten jüdi­schen Prä­si­den­ten der Ukrai­ne insze­nie­ren« kön­ne.

Funk­tio­nen des Islam im Angriffs­krieg

Jacobs arbei­tet vier Funk­tio­nen her­aus, die der Islam im Krieg erfüllt:

Sta­bi­li­tät und Kon­trol­le: Durch wert­kon­ser­va­ti­ve Rhe­to­rik und akti­ve Islam­po­li­tik habe Mos­kau es geschafft, »den Groß­teil der rus­si­schen Mus­li­me zu Ver­bün­de­ten im Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne zu machen«. Die zuneh­men­de Gleich­schal­tung der Muf­tia­te kön­ne auf­grund deren gerin­ger theo­lo­gi­scher Legi­ti­mi­tät jedoch auch zum Pro­blem wer­den.

Legi­ti­ma­ti­on und Alli­anz­bil­dung: Unmit­tel­bar nach Kriegs­be­ginn hät­ten mus­li­mi­sche Auto­ri­tä­ten den Krieg isla­misch legi­ti­miert. Der tsche­tsche­ni­sche Muf­ti Salakh Mez­hiev habe den Angriff zum »Dschi­had für Pro­phe­ten und Islam« erho­ben, eine Grup­pe von Muf­tis habe die Gefal­le­nen per Fat­wa zu isla­mi­schen Mär­ty­rern erklärt. Bei Dschi­ha­dis­ten ver­fan­ge die­ses Nar­ra­tiv aller­dings nicht; hier über­wie­ge die Über­zeu­gung, dass es im Inter­es­se »des Islam« sei, wenn sich Russ­land und der Wes­ten gegen­sei­tig ver­nich­te­ten. Die Gefah­ren der Ver­ein­nah­mung hät­ten sich im Okto­ber 2022 gezeigt, als mus­li­mi­sche Sol­da­ten im Streit über die kor­rek­te Ver­wen­dung isla­mi­scher Begrif­fe min­des­tens elf Kame­ra­den erschos­sen haben sol­len.

Kämp­fer und Kano­nen­fut­ter: Die rus­si­sche Armee­füh­rung schi­cke bevor­zugt jun­ge Män­ner aus mus­li­misch gepräg­ten Peri­phe­rie­re­gio­nen an die Front und habe so den Krieg »län­ger von der rus­si­schen Kern­be­völ­ke­rung fern­hal­ten« kön­nen. Die Ver­mu­tung, dass hier­durch zugleich eine »poten­zi­ell unru­he­stif­ten­de Bevöl­ke­rungs­grup­pe, die ›von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nicht ver­misst wird‹«, ver­heizt wer­den sol­le, blei­be Spe­ku­la­ti­on.

Ukrai­ni­sche Islam­po­li­tik (Exkurs): Auch auf ukrai­ni­scher Sei­te spiel­ten mus­li­mi­sche Kämp­fer eine Rol­le. Zahl­rei­che Tsche­tsche­nen hät­ten sich »aus Hass gegen Russ­land« den ukrai­ni­schen Trup­pen ange­schlos­sen; oppo­si­tio­nel­le Zen­tral­asia­ten, Tata­ren sowie ehe­ma­li­ge Syri­en-Kämp­fer kämpf­ten eben­falls auf ukrai­ni­scher Sei­te. Die wich­tigs­ten mus­li­mi­schen Reli­gi­ons­ge­lehr­ten der Ukrai­ne hät­ten zur Ver­tei­di­gung des Lan­des auf­ge­ru­fen. Beob­ach­ter sprä­chen von einem »Stell­ver­tre­ter­krieg«.

Kurz­be­wer­tung

Der Bei­trag schließt eine Lücke in der vor­ran­gig auf die Rus­sisch-Ortho­do­xe Kir­che fokus­sier­ten Debat­te um die reli­giö­se Dimen­si­on des rus­si­schen Angriffs­kriegs. Sein beson­de­rer Wert liegt dar­in, die rus­si­sche Islam­po­li­tik nicht als Rand­phä­no­men, son­dern als inte­gra­len Bestand­teil der Krieg­füh­rung mit klar iden­ti­fi­zier­ba­ren innen‑, sicher­heits- und außen­po­li­ti­schen Funk­tio­nen zu beschrei­ben. Die his­to­ri­sche Ein­bet­tung und die Skiz­ze des »Kady­ro­wis­mus« geben ein ana­ly­ti­sches Ras­ter an die Hand, mit dem sich Ein­zel­phä­no­me­ne – von Fat­wen über Rekru­tie­rungs­mus­ter bis zur Nah­ost-Diplo­ma­tie Kady­rows – in einem kohä­ren­ten Zusam­men­hang lesen las­sen.

Über­zeu­gend ist die nüch­ter­ne Tren­nung zwi­schen beleg­ba­rer Empi­rie und Spe­ku­la­ti­on: Wo die Quel­len­la­ge dünn ist, benennt Jacobs dies. Ange­sichts des knap­pen Umfangs bleibt die Dar­stel­lung an meh­re­ren Stel­len skiz­zen­haft – die inner­mus­li­mi­schen Riva­li­tä­ten, die Rol­le ein­zel­ner Muf­tia­te und die theo­lo­gi­schen Impli­ka­tio­nen der staat­lich kon­trol­lier­ten Dschi­had-Rhe­to­rik wären jeweils eige­ne Ver­tie­fun­gen wert. Ins­ge­samt bie­tet der Bei­trag eine kon­zi­se, gut beleg­te Ana­ly­se, die einen in der deutsch­spra­chi­gen Debat­te bis­lang unter­be­lich­te­ten Aspekt sicht­bar macht.


Andre­as Jacobs: Islam und Mus­li­me im rus­si­schen Angriffs­krieg: Dschi­had gegen die Ukrai­ne?, in: Richard Ottin­ger (Hg.): Reli­giö­se Ele­men­te im rus­si­schen Angriffs­krieg gegen die Ukrai­ne. ibi­dem-Ver­lag, Stutt­gart 2024, S. 89–98.