Jacobs geht von der Beobachtung aus, dass Politik und Propaganda in Bezug auf den Islam »oft übersehene Komponenten der russischen Bemühungen um die Instrumentalisierung von Religion im Angriffskrieg gegen die Ukraine« seien. Während die Debatte auf die Russisch-Orthodoxe Kirche fokussiert sei, spielten der Islam und die schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Muslime in Russland sowohl innen- als auch außenpolitisch eine nicht unerhebliche Rolle – auch nach dem islamistischen Terroranschlag bei Moskau im März 2024.
Die russische Islampolitik spielt nach Einschätzung von Jacobs im Angriffskrieg »keineswegs eine nachgeordnete Rolle«. Sie stelle religiöse Legitimität her, sichere Kontrolle, biete einen Rahmen zur Bekämpfung innenpolitischer Gegner und versorge die Streitkräfte mit Kämpfern. Sie berge jedoch Risiken: Die Ausnutzung innermuslimischer Rivalitäten lasse ethnische und konfessionelle Konflikte wieder erstarken und rufe dschihadistische Terroristen auf den Plan, »die im ›russischen Islam‹ eine Gotteslästerung sehen«. Für westliche Interessen sei relevant, dass russischen Nationalismus und islamische Propaganda »die starken antiwestlichen Bezüge« einten – für die Stabilisierung des postsowjetischen und nahöstlichen Raums »keine gute Nachricht«.
„Islam und Muslime im russischen Angriffskrieg: Dschihad gegen die Ukraine?“
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) March 18, 2025
Andreas Jacobs (KAS) analysiert Putins „Brückennarrative“, die islamische & christliche Orthodoxie gezielt für den Krieg einsetzen. Ab S. 89 in:https://t.co/t343Hn55l9 pic.twitter.com/lhiqKtJps5
Vom »Islam in Russland« zum »russischen Islam«
Die Präsenz von Muslimen auf dem heutigen russischen Staatsgebiet sei bereits im 7. Jahrhundert nachweisbar – zwei Jahrhunderte vor dem Christentum. Mit der von Katharina der Großen 1788 gegründeten »Orenburger Muslimischen Geistlichen Versammlung« (OMGV) seien Russlands Verbindungen zur islamischen Kultur erstmals institutionalisiert worden. Eine Befriedung des Nordkaukasus sei dadurch nicht erreicht worden – ein Spannungsverhältnis, das in den Tschetschenienkriegen der 1990er Jahre und in der Rolle Ramsan Kadyrows nachwirke.
Organisatorisch beruhe die Islampolitik bis heute auf den »Muftiaten«, die jede muslimisch geprägte Teilrepublik unterhalte. Deren Konkurrenz untereinander werde staatlicherseits durch Privilegien und Finanzhilfen »als Instrument der Loyalitätspolitik aktiv gefördert«. Eine besondere Rolle spiele das spätsowjetische, KGB-kontrollierte Netzwerk des Muftiats in Ufa, das »bis heute von der Kreml-Präsidialverwaltung gesteuert wird«.
Russische Islampolitik unter Putin
Die staatliche Kontrolle der Muftiate sei vor allem vor dem Hintergrund der Nordkaukasus-Kriege und der Anschläge von Budjonnowsk (1995), Moskau (2002) und Beslan (2004) zu verstehen. Die Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser hätten Putin 1999 »den willkommenen Anlass zur Profilierung als hart durchgreifenden ›Retter Russlands‹« geboten.
Ein Kern der islamistischen Kämpfer aus dem postsowjetischen Raum sei in den 2010er Jahren zum »Islamischen Staat« nach Syrien und Irak gegangen – prominentestes Beispiel sei der Tschetschene Tarchan Batiraschwili (Abu Omar al-Shishani) gewesen, der nach seinem Tod 2016 durch einen ehemaligen Oberbefehlshaber der russischen Sonderpolizei als »Kriegsminister« des IS ersetzt worden sei. Diese Konstellation erkläre teilweise auch das russische Eingreifen in Syrien: Hier habe sich die Gelegenheit geboten, gegen potenzielle Rückkehrer außerhalb des eigenen Territoriums vorzugehen.
Parallel sei unter Putin eine weitgehende »Verstaatlichung« islamischer Institutionen erfolgt. Putin selbst stelle den Islam wiederholt als »integralen (›traditionellen‹) Bestandteil der russischen Kultur und Geschichte« heraus und grenze ihn von einem »ausländischen« und »radikalen« Islam ab. In Analogie zur »Russki Mir«-Ideologie sei so eine Erzählung des »Russki Islam« etabliert worden.
Kadyrowismus
Eine zentrale Rolle spiele Ramsan Kadyrow. Mit einer »habituellen und rhetorischen Vereinnahmung des Islam« habe er eine spezifische Form von Islamauslegung und Putin-Loyalität etabliert, die als »Kadyrowismus« bezeichnet werde. Dessen Doppelstrategie von Islamisierung und »Loyalisierung« beruhe weniger auf Sympathie als auf einer »Kongruenz machtpolitischer Interessen«: Für Putin sei Kadyrow »die ideale Figur, um einerseits die muslimischen und ethnischen Gruppen in der Kaukasusregion zu kontrollieren und andererseits im In- und Ausland die Fiktion eines ›islamfreundlichen‹ Russland zu konstruieren«; für Kadyrow bedeute die Allianz »einen erheblichen Machtzuwachs im innertschetschenischen Machtkampf«.
Mit der Invasion sei Kadyrow zur wichtigen Figur der Kriegspropaganda geworden und sichere den Angriffskrieg religiös als »Heiligen Krieg« und »Pflicht aller Muslime« ab. Wirkmächtiger als sein religiöses Auftreten sei jedoch seine »machismohafte Selbstinszenierung«, die »eine Brücke zwischen vermeintlich russischen und muslimischen Männlichkeitsvorstellungen« herstelle. Zugleich zeige Kadyrows Rolle die Grenzen der Allianz: Seine Anmaßung religiöser Gelehrsamkeit stoße bei Religionsgelehrten und innertschetschenischen Rivalen auf zunehmende Ablehnung.
Russisch-nahöstliche Allianzen
International werbe Kadyrow vor allem in Saudi-Arabien mit einer Selbstinszenierung als »Diener des heiligen Koran« um Unterstützung. Weder Saudi-Arabien noch die VAE hätten sich nach dem Einmarsch zu einer klaren Unterstützung der amerikanischen Gegenmaßnahmen bewegen lassen. Kadyrows Auftreten trage dazu bei, dass sich Putin in vielen Ländern des Nahen Ostens »mithilfe antiimperialistischer und postkolonialer Rhetorik als Freiheitskämpfer gegen amerikanische Dominanz und den vom Westen unterstützten jüdischen Präsidenten der Ukraine inszenieren« könne.
Funktionen des Islam im Angriffskrieg
Jacobs arbeitet vier Funktionen heraus, die der Islam im Krieg erfüllt:
Stabilität und Kontrolle: Durch wertkonservative Rhetorik und aktive Islampolitik habe Moskau es geschafft, »den Großteil der russischen Muslime zu Verbündeten im Angriffskrieg gegen die Ukraine zu machen«. Die zunehmende Gleichschaltung der Muftiate könne aufgrund deren geringer theologischer Legitimität jedoch auch zum Problem werden.
Legitimation und Allianzbildung: Unmittelbar nach Kriegsbeginn hätten muslimische Autoritäten den Krieg islamisch legitimiert. Der tschetschenische Mufti Salakh Mezhiev habe den Angriff zum »Dschihad für Propheten und Islam« erhoben, eine Gruppe von Muftis habe die Gefallenen per Fatwa zu islamischen Märtyrern erklärt. Bei Dschihadisten verfange dieses Narrativ allerdings nicht; hier überwiege die Überzeugung, dass es im Interesse »des Islam« sei, wenn sich Russland und der Westen gegenseitig vernichteten. Die Gefahren der Vereinnahmung hätten sich im Oktober 2022 gezeigt, als muslimische Soldaten im Streit über die korrekte Verwendung islamischer Begriffe mindestens elf Kameraden erschossen haben sollen.
Kämpfer und Kanonenfutter: Die russische Armeeführung schicke bevorzugt junge Männer aus muslimisch geprägten Peripherieregionen an die Front und habe so den Krieg »länger von der russischen Kernbevölkerung fernhalten« können. Die Vermutung, dass hierdurch zugleich eine »potenziell unruhestiftende Bevölkerungsgruppe, die ›von der Mehrheit der Bevölkerung nicht vermisst wird‹«, verheizt werden solle, bleibe Spekulation.
Ukrainische Islampolitik (Exkurs): Auch auf ukrainischer Seite spielten muslimische Kämpfer eine Rolle. Zahlreiche Tschetschenen hätten sich »aus Hass gegen Russland« den ukrainischen Truppen angeschlossen; oppositionelle Zentralasiaten, Tataren sowie ehemalige Syrien-Kämpfer kämpften ebenfalls auf ukrainischer Seite. Die wichtigsten muslimischen Religionsgelehrten der Ukraine hätten zur Verteidigung des Landes aufgerufen. Beobachter sprächen von einem »Stellvertreterkrieg«.
Kurzbewertung
Der Beitrag schließt eine Lücke in der vorrangig auf die Russisch-Orthodoxe Kirche fokussierten Debatte um die religiöse Dimension des russischen Angriffskriegs. Sein besonderer Wert liegt darin, die russische Islampolitik nicht als Randphänomen, sondern als integralen Bestandteil der Kriegführung mit klar identifizierbaren innen‑, sicherheits- und außenpolitischen Funktionen zu beschreiben. Die historische Einbettung und die Skizze des »Kadyrowismus« geben ein analytisches Raster an die Hand, mit dem sich Einzelphänomene – von Fatwen über Rekrutierungsmuster bis zur Nahost-Diplomatie Kadyrows – in einem kohärenten Zusammenhang lesen lassen.
Überzeugend ist die nüchterne Trennung zwischen belegbarer Empirie und Spekulation: Wo die Quellenlage dünn ist, benennt Jacobs dies. Angesichts des knappen Umfangs bleibt die Darstellung an mehreren Stellen skizzenhaft – die innermuslimischen Rivalitäten, die Rolle einzelner Muftiate und die theologischen Implikationen der staatlich kontrollierten Dschihad-Rhetorik wären jeweils eigene Vertiefungen wert. Insgesamt bietet der Beitrag eine konzise, gut belegte Analyse, die einen in der deutschsprachigen Debatte bislang unterbelichteten Aspekt sichtbar macht.

Andreas Jacobs: Islam und Muslime im russischen Angriffskrieg: Dschihad gegen die Ukraine?, in: Richard Ottinger (Hg.): Religiöse Elemente im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. ibidem-Verlag, Stuttgart 2024, S. 89–98.