Die International General Assembly (IGA), das oberste Gremium der Islamic-Relief-Föderation, hat Islamic Relief USA (IRUSA) am 12. September 2026 mit sofortiger Wirkung aus dem Verbund ausgeschlossen.1 Nach Angaben von Islamic Relief Worldwide (IRW), dem im britischen Birmingham ansässigen Sekretariat und globalen Zentrum der Föderation, fiel der Beschluss auf einer außerordentlichen Sitzung einstimmig. Die Föderation selbst ist ein Verbund rechtlich eigenständiger nationaler Mitgliedsorganisationen; IRW hält die Marke und die zentralen Strukturen. Einberufen worden war die Sitzung auf Verlangen von Länderbüros, die sich über das Vorgehen des US-Zweigs und dessen Folgen für die Arbeit des Verbunds besorgt zeigten. IRUSA darf demnach ab sofort Namen und Vermögenswerte von Islamic Relief so lange nicht mehr nutzen, bis ein Modell steht, das den Governance-Vereinbarungen der Föderation entspricht. Haroun Atallah, Vorsitzender des IRW-Kuratoriums, erklärte, das Verhalten von IRUSA habe »broken that trust and damaged the work of the entire federation«.2 Die Generalversammlung vollzieht damit förmlich einen Bruch, den der US-Zweig selbst betrieben hatte: Bereits am 12. Oktober 2025 hatte IRUSA der Mutterorganisation angekündigt, alle Beziehungen zu suspendieren.3
Drei Vorwürfe vor einem New Yorker Bundesgericht
Der offene Konflikt begann am 23. März 2026, als IRUSA vor dem Bundesbezirksgericht in New York Klage gegen IRW einreichte. Die Klageschrift stützt sich auf drei zentrale Vorwürfe. Erstens habe IRW unerlaubt Spenden von US-Bürgern in mehreren Bundesstaaten eingeworben, obwohl ihr das dort untersagt war. Zweitens habe IRW Unterlagen gefälscht und das E‑Mail-Konto eines IRUSA-Mitarbeiters missbraucht, um den falschen Eindruck zu erwecken, IRUSA beende Leistungen für Waisenkinder. Drittens habe IRW gegen ihre vertragliche Pflicht zur Einhaltung von US-Recht verstoßen, indem sie für ein Projekt Güter aus dem Iran nach Afghanistan exportierte; IRUSA wertet dies als möglichen Sanktionsverstoß. Der US-Zweig verlangte eine Prüfung des Projekts und die Rückzahlung nicht verwendeter Mittel; in der förmlichen Trennungsanzeige vom 7. Dezember 2025 hielt er IRW zudem die Behinderung von Prüfungen vor und bezifferte die Restmittel auf mindestens 3,6 Millionen US-Dollar.4
Der Druck aus Washington als Impuls
Samantha Wampold und Leonel Caraciki vom Program on Extremism der George Washington University ordnen die Klage als Abwehrmanöver ein.5 Der Ausgangspunkt der Auseinandersetzung liege früher: in einem Schreiben vom 24. September 2024, mit dem Jason Smith, Vorsitzender des Steuerausschusses (Ways and Means Committee) im US-Repräsentantenhaus, den damaligen IRS-Chef Daniel Werfel aufforderte, IRUSA zu überprüfen und ihr gegebenenfalls den Gemeinnützigkeitsstatus zu entziehen. Das Schreiben warf IRUSA ein Verhalten vor, das auf »support for a designated terrorist organization« hindeute.
Die Vorbehalte gegen das Islamic-Relief-Netzwerk sind älter und reichen über die USA hinaus. Die deutsche Bundesregierung bestätigte im April 2019 »signifikante personelle Verbindungen« von IRW und ihrem deutschen Ableger zur Muslimbruderschaft oder ihr nahestehenden Organisationen. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel haben Islamic Relief bereits 2014 als Terrororganisation eingestuft und verboten; IRW weist sämtliche Vorwürfe zurück.6
Am 6. Oktober 2025 legte der Ausschuss mit einem Schreiben an US-Finanzminister Scott Bessent, damals zugleich kommissarischer Leiter der Steuerbehörde IRS, und IRS-Geschäftsführer Frank Bisignano nach und drängte darauf, die zur Aberkennung überwiesenen Fälle vorrangig zu prüfen. Sechs Tage später, am 12. Oktober 2025, stellte der IRUSA-Vorstand fest, jede weitere Zusammenarbeit mit der Mutterorganisation berge eine unmittelbare Gefahr für Ruf, Integrität und Betrieb der eigenen Organisation; der Beschluss nannte die Überweisung des Ausschusses ausdrücklich. Wampold und Caraciki sehen darin das treibende Motiv: die existenzielle Sorge um den Gemeinnützigkeitsstatus nach 501(c)(3). Für eine Organisation, die jährlich zweistellige Millionenbeträge von Spendern einwirbt, die auf die steuerliche Abzugsfähigkeit vertrauen, wäre die Aberkennung nach Einschätzung der Autoren katastrophal gewesen. Die Bindung an IRW sei zu einer Belastung geworden, die den Wert der Marke überwog.7
Ausschluss mitten im laufenden Verfahren
Vor Gericht liegt der Streit derweil auf Eis. IRW beantragte, den Fall in ein Schiedsverfahren zu verweisen; das Mitgliederabkommen der Föderation sieht dafür Birmingham vor, den Sitz der Organisation. Wampold und Caraciki halten fest, ein Schiedsverfahren würde den Streit einem US-Bundesgericht entziehen: Dort könnte die Beweiserhebung interne Korrespondenz von IRW offenlegen, und der Sanktionsvorwurf würde nach amerikanischem Recht geprüft. Beides habe IRW allen Grund zu vermeiden.8 In der Anhörung vom 15. Juli 2026 wies das Gericht beide Parteien an, zunächst die vertraglich vereinbarten Streitbeilegungsmechanismen auszuschöpfen. Sechs Monate nach Klageeinreichung ist damit weiterhin offen, wo der Fall überhaupt verhandelt wird. Mit dem Ausschluss hat IRW den Konflikt nun außerhalb des Gerichtssaals vorangetrieben. Der US-Zweig reagierte noch am 12. September 2026 mit einer scharfen Stellungnahme: IRW habe die Abstimmung in der Generalversammlung erzwungen, während das gerichtlich angeordnete Verfahren lief; der Schritt sei ein Manöver in böser Absicht, das die von IRUSA eingeforderte Rechenschaft umgehen solle und ins Leere gehe. Die Trennung habe man seit mehr als zwei Jahren selbst betrieben, und zwar auf Drängen der US-Regierung als der eigenen Aufsichtsinstanz.9
Neuer Name ohne ein Wort zum Ausschluss
Die Trennung hat für beide Seiten einen hohen Preis. IRUSA verliert eine Marke, unter der sie seit ihrer Gründung 1993 firmierte. Am 15. September 2026, drei Tage nach dem Ausschluss, gab die Organisation ihren neuen Namen bekannt: IDEA, ausgeschrieben Islamic Development & Empowerment in America.10 Den Wandel begründet sie mit einer strategischen Verlagerung von der Nothilfe hin zu langfristiger Entwicklungsarbeit und mit der Betonung ihrer eigenständigen amerikanisch-muslimischen Identität. Rechtlich bleibt nach eigener Darstellung alles beim Alten: dieselbe 501(c)(3)-Körperschaft, dieselbe Steuernummer (EIN 95–4453134), dieselbe Führung. Geschäftsführer Ahmed Shehata schrieb, die Organisation sei ihrem alten Namen entwachsen; sie sei von Regulierungsbehörden und institutionellen Partnern beständig mit der britischen IRW verwechselt worden, und der neue Name räume diese Mehrdeutigkeit aus.11 Die Umbenennung selbst kommunizierte die Organisation ohne jeden Hinweis auf den Ausschluss. Ihre Stellungnahme vom Tag der Abstimmung hatte die Trennung noch offensiv begründet: mit der anhaltenden Überprüfung der Mutterorganisation durch ausländische wie amerikanische Behörden, Finanzinstitute und internationale humanitäre Gremien, von Terrorvorwürfen über antisemitische Äußerungen der Führung bis zu Kontoschließungen und Einstufungen durch ausländische Regierungen. Es bleibt als entscheidende Frage zu beobachten, wem die Spendengelder aus den USA von IDEA künftig zufließen.
Millionenverlust und die offene Frage der Gemeinnützigkeit
IRW wiederum verliert laut ihrem Jahresbericht 2025 ihre zweitgrößte Einnahmequelle: IRUSA steuerte 36,8 Millionen Pfund bei, rund 13 Prozent der Gesamteinnahmen der Föderation. Nur Großbritannien lag mit 54,2 Millionen Pfund (20 Prozent) darüber, darunter staatliche Mittel des Foreign, Commonwealth and Development Office.12
Zugleich bleibt die IRS-Prüfung, die Überprüfung des Gemeinnützigkeitsstatus, die den Bruch auslöste, anhängig. Der Ways-and-Means-Ausschuss hatte seine Vorwürfe am Verhalten von IRUSA selbst festgemacht und wertete bereits die Klage vom März 2026 als Erfolg der eigenen Aufsichtsarbeit.13 IRUSA liest die Vorgeschichte anders: Der Ausschuss habe ihr kein eigenes Fehlverhalten vorgehalten und sich ausschließlich auf die Vorwürfe gegen IRW gestützt.14 Der Wortlaut des Schreibens vom September 2024, das IRUSA ein Verhalten zur mutmaßlichen Unterstützung einer als terroristisch eingestuften Organisation zuschrieb, steht dieser Darstellung entgegen. Ob dem Ausschuss die Trennung von IRW genügt, ist deshalb ungewiss.
Zum Weiterlesen
Bei AK Polis zum internationalen Islamic-Relief-Netzwerk erschienen:
- »Islamic Relief Worldwide Under Pressure«: GWU-Paper dokumentiert Ergebnisse transnationaler Recherchen (15. Juli 2026)
- Betrug, illegale Spendenwerbung, Sanktionsverstoß: Die Vorwürfe von Islamic Relief USA gegen Islamic Relief Worldwide (IRW) (27. Mai 2026)
- Sigrid Herrmann: Islamic Relief: Strukturen, Förderung und Verflechtungen mit der Muslimbruderschaft, Teil des Dossiers zur Dokumentation der Veranstaltung »Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten« am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin (22. Dezember 2025)
Zum anhängigen deutschen Förderskandal um Islamic Relief:
- Seyran Ateş / Sigrid Herrmann: Aufdeckung des Falles Auswärtiges Amt und Islamic Relief: Deutsche Steuermillionen »im Blindflug« (Rechnungshof) in die Kriegsregion Nahost (23. Mai 2026)
- Sachstand AK Polis Nr. 4: »Im Blindflug« – Steuermillionen an Islamic Relief vom Auswärtigen Amt (10. Juni 2026)
- »Humanitäre Fassade, islamistischer Unterbau«: Güner Balcı in der Süddeutschen Zeitung über das staatliche Wegsehen im Fall Islamic Relief (3. Juni 2026)
- Synopse zur Antwort der Bundesregierung zu Islamic Relief (Drs. 21/7057) und bekannten Sachverhalten (13. Juli 2026)
- 12er-Katalog unzulässiger Antworttechniken der Bundesregierung vor dem Deutschen Bundestag (7. August 2026)
Endnoten
- Islamic Relief Worldwide (12. September 2026): Islamic Relief Worldwide’s International General Assembly votes to remove Islamic Relief USA from the federation. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Islamic Relief Worldwide (12. September 2026): Islamic Relief Worldwide’s International General Assembly votes to remove Islamic Relief USA from the federation. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Samantha Wampold / Leonel Caraciki (15. September 2026): Islamic Relief Worldwide Severs Ties with U.S. Branch. In: The Threat. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Vgl. 3. Zudem: AK Polis (15. Juli 2026): »Islamic Relief Worldwide Under Pressure«. GWU-Paper dokumentiert Ergebnisse transnationaler Recherchen. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Vgl. 3. ↩︎
- Seyran Ateş / Sigrid Herrmann (23. Mai 2026): Aufdeckung des Falles Auswärtiges Amt und Islamic Relief. Deutsche Steuermillionen »im Blindflug« (Rechnungshof) in die Kriegsregion Nahost. In: AK Polis. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Samantha Wampold / Leonel Caraciki (15. September 2026): Islamic Relief Worldwide Severs Ties with U.S. Branch. In: The Threat. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Samantha Wampold / Leonel Caraciki (15. September 2026): Islamic Relief Worldwide Severs Ties with U.S. Branch. In: The Threat. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Islamic Relief USA (12. September 2026): Islamic Relief USA statement on IRW federation membership status. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- IDEA (15. September 2026): Islamic Relief USA announces rebrand to IDEA. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- IDEA (15. September 2026): Why IDEA. A Message From the CEO. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Samantha Wampold / Leonel Caraciki (15. September 2026): Islamic Relief Worldwide Severs Ties with U.S. Branch. In: The Threat. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- U.S. House Committee on Ways and Means (30. März 2026): Ways & Means Investigation Leads to Tax-Exempt Organization Cutting Ties with Terrorist-Affiliated Group. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Islamic Relief USA (12. September 2026): Islamic Relief USA statement on IRW federation membership status. Online verfügbar unter: LINK ↩︎