Die für Gesundheit zuständige Berliner Senatsverwaltung bewilligte dem Projekt »Muslimisches SeelsorgeTelefon« von Islamic Relief Deutschland e. V. (IRD) von 2022 bis 2026 Zuwendungen von jeweils 135.000 Euro pro Jahr – insgesamt also 675.000 Euro. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Schriftliche Anfrage des CDU-Abgeordneten Burkard Dregger hervor (Drucksache 19/26484).1 Nach einem Bericht der BILD, die sich auf den Geschäftsbericht des Vereins beruft, ist das Land Berlin bundesweit der einzige staatliche Geldgeber.2
Eine parallele Anfrage der AfD-Abgeordneten Jeannette Auricht (Drucksache 19/26449) förderte weitere Details zutage: 2024 wurden die bewilligten 135.000 Euro vollständig ausgezahlt, 2025 waren es 131.562,06 Euro. Für 2026 sind erneut 135.000 Euro bewilligt, ausdrücklich ohne besondere Auflagen. Für 2027 existiere noch keine verbindliche Planung.3 Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) ließ auf BILD-Anfrage ausrichten: »Eine Einstellung der Förderung ist derzeit nicht geplant.«4
Ein Träger mit aktenkundigen Bezügen zur Muslimbruderschaft
Die Bezüge von Islamic Relief Deutschland zur Muslimbruderschaft sind seit Jahren aktenkundig. 2019 stellte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion fest, dass sowohl Islamic Relief Worldwide als auch Islamic Relief Deutschland über »signifikante personelle Verbindungen« zur Muslimbruderschaft oder ihr nahestehenden Organisationen verfügen.5
Im selben Jahr beendete das Auswärtige Amt seine millionenschwere Förderung des Vereins. Wie der Bundesrechnungshof diese Förderpraxis beurteilt hatte, wurde erst im Mai 2026 bekannt, nachdem die Rechtsanwältin Seyran Ateş die Herausgabe zweier Prüfberichte eingeklagt hatte. Der erste Bericht empfahl dem Amt, die Förderung einzustellen. Der zweite kommt zu dem Ergebnis, das Amt habe Islamic Relief Deutschland weitgehend »im Blindflug« gefördert.6 Eine ausführliche Analyse der Prüfberichte ist auf ak-polis.de erschienen.7
Das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigte 2026 auf Medienanfrage, dass »nach wie vor signifikante personelle Verflechtungen zwischen Islamic Relief Deutschland und der Muslimbruderschaft« bestehen. Der Verein weist eine Verbindung zur Muslimbruderschaft zurück.8
Der Berliner Senat ordnet in seiner Antwort auf die Dregger-Anfrage dem legalistisch-islamistischen Spektrum in der Hauptstadt die Muslimbruderschaft mit rund 200 Personen sowie die Millî-Görüş-Bewegung mit rund 450 Personen zu. Aufklärung über die Strategien des legalistischen Islamismus sei »von entscheidender Bedeutung«. Was der Berliner Verfassungsschutz über IRD weiß, legt der Senat unter Verweis auf Geheimhaltungsinteressen nicht offen. Die Antwort soll in nicht-öffentlicher Ausschusssitzung erteilt werden. Von der im Internet zugänglichen Fassung des Rechnungshofberichts hat der Senat nach eigener Angabe erst nach der Bewilligung der Zuwendung für 2026 Kenntnis erhalten.9
Nach Ansicht der Grünen Neukölln haben sie das verursacht. Sie schrieben am 3.12.2025 zur Finanzierung von MuTeS — mit Islamic Relief als »starkem Partner«:
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) July 17, 2026
»Im ersten Haushaltsentwurf waren keine Mittel vorgesehen. Unsere Abgeordnete Susanna Kahlefeld hat sich eingesetzt, damit… pic.twitter.com/P2GwSKQcNR
Grüne Neukölln feiern die Rettung der Förderung im Adventskalender
Dass die Berliner Finanzierung weiterläuft, verbuchen die Grünen Neukölln als eigenen Erfolg. Am 3. Dezember 2025 verkündeten sie im »Türchen 3« ihres »Grünen Adventskalenders« unter dem Hashtag #GuteGrüneNachrichten: »Muslimisches SeelsorgeTelefon gerettet!« Hinter dem Angebot stünden »drei starke Partner: Islamic Relief, Caritas und Diakonie«. Und weiter: »Im ersten Haushaltsentwurf waren keine Mittel vorgesehen. Unsere Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld hat sich eingesetzt, damit die Finanzierung nicht wegbricht.«10
Nach dieser Eigendarstellung enthielt der erste Haushaltsentwurf keine Mittel für das Projekt, und erst der Einsatz einer Oppositionsabgeordneten brachte sie zurück. Beschlossen hat den Haushalt die Koalitionsmehrheit aus CDU und SPD. Die Verantwortung für die Fortsetzung der Förderung liegt damit bei der Koalition, die Grünen beanspruchen den Anstoß. In ihrer Erfolgsbilanz firmiert der Verein unkommentiert als »starker Partner« neben Caritas und Diakonie. Es ist derselbe Verein, dem Bundesregierung und Bundesamt für Verfassungsschutz signifikante personelle Verflechtungen mit der Muslimbruderschaft attestieren und dessen Förderung durch das Auswärtige Amt der Bundesrechnungshof gerügt hat. Das ist bezeichnend für den distanzlosen Umgang von Teilen der Berliner Politik mit dem legalistischen Islamismus.
Senat verteidigt sich mit Projektlogik
Der Senat betont, eine »generelle Zusammenarbeit« mit Islamic Relief Deutschland finde nicht statt. Gefördert werde ausschließlich das konkrete Projekt MuTeS als psychosoziales Versorgungsangebot für Berlinerinnen und Berliner mit muslimischen Bezügen.11 Gegen diese Trennung spricht, dass die Zuwendung an den Verein als Zuwendungsempfänger fließt und ihm staatliche Anerkennung verschafft.
Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Günter Krings, sagte der BILD: »Islamisten sind sicher nicht die richtigen Empfänger einer staatlichen Förderung.« Es sei ein merkwürdiges Verständnis, wenn die SPD-Gesundheitssenatorin meine, Muslime in seelischen Notlagen würden am besten durch einen Verein mit islamistischen Bezügen betreut.12
Ein legitimes Anliegen, ein ungeeigneter Träger
Seelsorge für Muslime in Krisensituationen ist ein legitimes und sinnvolles Anliegen. Umso schwerer wiegt die Wahl des Trägers. Die Bundesregierung bescheinigt Islamic Relief Deutschland signifikante personelle Verbindungen zur Muslimbruderschaft, das Bundesamt für Verfassungsschutz hat diesen Befund 2026 bekräftigt. Beide Einschätzungen sind öffentlich zugänglich. Der Senat erklärt die Aufklärung über den legalistischen Islamismus selbst für »von entscheidender Bedeutung«. Zugleich bewilligt er demselben Träger 675.000 Euro und verweist die Frage nach den Erkenntnissen des Berliner Verfassungsschutzes in eine nicht-öffentliche Ausschusssitzung.
Drei Fragen bleiben damit offen. Welche sicherheitsbehördlichen Erkenntnisse lagen der Gesundheitsverwaltung vor, als sie die Zuwendung bewilligte? Weshalb wird die Förderung beibehalten, obwohl dem Senat der Bericht des Bundesrechnungshofs inzwischen bekannt ist? Und hat der Senat geprüft, ob ein anderer Träger das Seelsorgetelefon übernehmen könnte?
Für 2027 gibt es nach Auskunft des Senats noch keine verbindliche Planung. Die Entscheidung steht also bevor. Sie bietet die Gelegenheit, das Angebot zu erhalten und in eine Trägerschaft zu überführen, deren Förderung sich öffentlich begründen lässt.
Endnoten
- Abgeordnetenhaus von Berlin: Antwort des Senats auf die Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Burkard Dregger (CDU) »Mögliche Verbindungen zwischen dem Islamic Relief Humanitäre Organisation in Deutschland e. V. und dem Netzwerk der Muslimbruderschaft sowie anderer islamistischer Gruppierungen«, Drucksache 19/26484 vom 9. Juli 2026. LINK ↩︎
- BILD (16. Juli 2026): Berlin zahlt Islamisten 675.000 Euro für Telefon-Seelsorge. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Abgeordnetenhaus von Berlin: Antwort des Senats auf die Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Jeannette Auricht (AfD) »Islamic Relief Deutschland – Fortlaufende Berliner Landesförderung nach Bundesrechnungshof-Rüge«, Drucksache 19/26449 vom 7. Juli 2026. LINK ( ↩︎
- BILD (16. Juli 2026): Berlin zahlt Islamisten 675.000 Euro für Telefon-Seelsorge. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion »Ausmaß ausländischer Einflussnahme auf Religionsgemeinschaften, religiöse Vereine und sonstige religiöse Organisationen«, Drucksache 19/9415 vom 15. April 2019. LINK ↩︎
- Frederik Schindler / Philipp Reichert (23. Mai 2026): »Im Blindflug«: Rechnungshof rügt Auswärtiges Amt für Förderung muslimischer Hilfsorganisation. In: WELT am Sonntag. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Seyran Ateş / Sigrid Herrmann (23. Mai 2026): Deutsche Steuermillionen »im Blindflug« in die Kriegsregion Nahost. In: AK Polis. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Frederik Schindler / Philipp Reichert (23. Mai 2026): »Im Blindflug«: Rechnungshof rügt Auswärtiges Amt für Förderung muslimischer Hilfsorganisation. In: WELT am Sonntag. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Abgeordnetenhaus von Berlin: Antwort des Senats auf die Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Burkard Dregger (CDU) »Mögliche Verbindungen zwischen dem Islamic Relief Humanitäre Organisation in Deutschland e. V. und dem Netzwerk der Muslimbruderschaft sowie anderer islamistischer Gruppierungen«, Drucksache 19/26484 vom 9. Juli 2026. LINK ↩︎
- Grüne Neukölln (3. Dezember 2025): Türchen 3 im Grünen Adventskalender: Muslimisches SeelsorgeTelefon gerettet! Facebook-Beitrag. Online verfügbar unter: LINK (archiviert) ↩︎
- Abgeordnetenhaus von Berlin: Antwort des Senats auf die Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Burkard Dregger (CDU) »Mögliche Verbindungen zwischen dem Islamic Relief Humanitäre Organisation in Deutschland e. V. und dem Netzwerk der Muslimbruderschaft sowie anderer islamistischer Gruppierungen«, Drucksache 19/26484 vom 9. Juli 2026. LINK ↩︎
- BILD (16. Juli 2026): Berlin zahlt Islamisten 675.000 Euro für Telefon-Seelsorge. Online verfügbar unter: LINK ↩︎