»Isla­mic Reli­ef World­wi­de Under Pres­su­re«: GWU-Paper doku­men­tiert Ergeb­nis­se trans­na­tio­na­ler Recher­chen

Die Autoren Lorenzo Vidino und Samantha Wampold vom Program on Extremism der George Washington University (GWU) zeichnen in einem Briefing vom 14. Juli 2026 nach, wie das weltweit operierende Organisationsnetzwerk Islamic Relief in den vergangenen Monaten in den USA, in Deutschland und in Schweden unter Druck geraten ist – ausgelöst durch weitere Transparenz bei Extremismusbezügen und Mängel bei Rechenschaftspflichten.

Der Anti­se­mi­tis­mus-Skan­dal von 2020 als öffent­li­cher Wen­de­punkt

Isla­mic Reli­ef World­wi­de (IRW) mit Sitz im bri­ti­schen Bir­ming­ham zählt zu den größ­ten glau­bens­ba­sier­ten Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Welt. Gegrün­det 1984, ver­fügt das Netz­werk über Büros in 45 Län­dern und ein Jah­res­bud­get von zuletzt 275,6 Mil­lio­nen Pfund (2024) – umge­rech­net knapp 300 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Als Aus­gangs­punkt der heu­ti­gen Ver­wer­fun­gen beschreibt das Paper den Skan­dal des Jah­res 2020. Damals mach­te die Lon­do­ner Times einem brei­ten Publi­kum publik, dass der IRW-Treu­hän­der und ‑Direk­tor Hesh­mat Kha­li­fa auf Face­book über Jah­re hin­weg viru­lent anti­se­mi­ti­sche Inhal­te ver­brei­tet und die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Hamas ver­herr­licht hat­te. Weni­ge Wochen spä­ter traf es sei­nen Nach­fol­ger an der Spit­ze des Inter­na­tio­nal Waqf Fund, Almou­taz Taya­ra – des­sen ein­schlä­gi­ge Pos­tings hat­te Sig­rid Herr­mann bereits 2017 öffent­lich rezi­pier­te, wor­auf das Paper ver­weist. Der Stif­tungs­rat von IRW trat im August 2020 zurück; eine von IRW beauf­trag­te »unab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on« unter dem frü­he­ren bri­ti­schen Gene­ral­staats­an­walt Domi­nic Grie­ve stuf­te die Vor­fäl­le Anfang 2021 als Ein­zel­fäl­le ein.

Wäh­rend sich die bri­ti­sche Cha­ri­ty Com­mis­si­on mit den zuge­sag­ten Refor­men zufrie­den­gab, zogen ande­re west­li­che Regie­run­gen laut Vidi­no und Wam­pold deut­lich ande­re Kon­se­quen­zen: Das US-Außen­mi­nis­te­ri­um been­de­te Anfang 2021 die Part­ner­schaft mit IRW, die Nie­der­lan­de stell­ten die För­de­rung des dor­ti­gen Able­gers ein, und die Bun­des­re­gie­rung strich Isla­mic Reli­ef Deutsch­land (IRD) im Jahr 2020 die För­de­rung. Dem Renom­mee bei pri­va­ten Spen­dern hat all das offen­bar wenig gescha­det: Das Bud­get von IRW hat sich zwi­schen 2020 und 2024 nahe­zu ver­dop­pelt. Der Ver­trau­ens­ver­lust bei insti­tu­tio­nel­len Geld­ge­bern jedoch wirkt bis heu­te nach und genau die­se jün­ge­ren Ent­wick­lun­gen ste­hen im Zen­trum des Papers.

USA: Steu­er­pri­vi­leg auf dem Prüf­stand – und eine Frik­ti­on im eige­nen Netz­werk

Isla­mic Reli­ef USA (IRUSA), mit rund 150 Mil­lio­nen US-Dol­lar Jah­res­ein­nah­men die größ­te mus­li­mi­sche Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­ti­on der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, steu­er­te 2024 gut 50 Mil­lio­nen Pfund und damit fast ein Fünf­tel der welt­wei­ten IRW-Ein­nah­men bei. Im Sep­tem­ber 2024 for­der­te der Vor­sit­zen­de des Steu­er­aus­schus­ses des US-Reprä­sen­tan­ten­hau­ses, Jason Smith, die Bun­des­steu­er­be­hör­de IRS auf, IRUSA den Gemein­nüt­zig­keits­sta­tus zu ent­zie­hen; im Okto­ber 2025 leg­te er mit einem Schrei­ben an das Finanz­mi­nis­te­ri­um nach. Kurz zuvor hat­te Prä­si­dent Trump per Sicher­heits­di­rek­ti­ve ange­ord­net, dass kei­ne steu­er­be­frei­te Orga­ni­sa­ti­on direkt oder indi­rekt poli­ti­sche Gewalt oder Ter­ro­ris­mus finan­zie­ren dür­fe.

Unter die­sem Druck kam es zu einer Frik­ti­on inner­halb des Netz­werks: Im März 2026 ver­klag­te IRUSA die eige­ne Mut­ter­or­ga­ni­sa­ti­on vor einem Bun­des­ge­richt in New York. Die US-Toch­ter wirft IRW unter ande­rem unau­to­ri­sier­te Spen­den­wer­bung auf dem ame­ri­ka­ni­schen Markt, gefälsch­te Unter­la­gen zu Wai­sen­pa­ten­schaf­ten, die Ver­wei­ge­rung ver­ein­bar­ter Audits sowie einen mög­li­chen Iran-Sank­ti­ons­ver­stoß bei einem Pro­jekt in Afgha­ni­stan vor. Bereits im Dezem­ber 2025 hat­te IRUSA die for­ma­le Tren­nung von IRW erklärt. IRW wie­der­um bestrei­tet die Vor­wür­fe, ver­langt ein Schieds­ver­fah­ren in Bir­ming­ham und bezeich­net die Kla­ge als Effekt­ha­sche­rei mit Blick auf US-Kon­gress und Medi­en.

Deutsch­land: Die frei­ge­klag­ten Prüf­be­rich­te

Das Kapi­tel zu Deutsch­land (Sei­ten 13 bis 16) stützt sich auf die Recher­che »Deut­sche Steu­er­mil­lio­nen ›im Blind­flug‹ in die Kriegs­re­gi­on Nah­ost«, die Sey­ran Ateş und Sig­rid Herr­mann im Mai 2026 bei AK Polis vor­ge­legt haben und die frei­ge­klag­ten Prüf­be­rich­te des Bun­des­rech­nungs­hofs. Die Bun­des­re­gie­rung hat­te die Her­aus­ga­be der Berich­te zunächst ver­wei­gert – unter ande­rem mit dem Argu­ment, eine Ver­öf­fent­li­chung kön­ne zu einer irre­füh­ren­den öffent­li­chen Dar­stel­lung füh­ren und Dis­kus­sio­nen dem Wohl des Bun­des abträg­lich sein. Erst eine Kla­ge von Ateş mach­te die Unter­la­gen öffent­lich zugäng­lich.

Das Paper doku­men­tiert, dass IRD zwi­schen 2011 und 2025 rund 152 Mil­lio­nen Euro an IRW trans­fe­rier­te und dass die Bun­des­re­gie­rung dem Netz­werk etwa 16 Mil­lio­nen Euro zukom­men ließ – davon allein rund 15 Mil­lio­nen Euro des Aus­wär­ti­gen Amts für Syri­en-Pro­jek­te zwi­schen 2013 und 2020. Die mit der Prü­fung beauf­trag­te GIZ stell­te zahl­rei­che Ver­stö­ße gegen das Zuwen­dungs­recht fest: feh­len­de Bele­ge, nicht nach­voll­zieh­ba­re Zah­lun­gen, undo­ku­men­tier­te Aus­ga­ben. Wo Letzt­emp­fän­ger in der Tür­kei und in Syri­en über­haupt kei­ne Unter­la­gen ein­reich­ten, unter­stell­te die GIZ schlicht zuguns­ten des Zuwen­dungs­emp­fän­gers, IRD wer­de intern schon alles geprüft haben. Für Bar­geld­trans­fers per Kurier über die Tür­kei in Höhe von 240.000 Euro fehl­te jeder Nach­weis über den Ver­bleib der Mit­tel. Im Jahr 2013, in dem die ers­ten Aus­zah­lun­gen erfolg­ten, wur­de zudem eine Grund­satz­ak­te im Aus­wär­ti­gen Amt ver­nich­tet.

Das Paper hält eben­so fest, dass das Syri­en-Refe­rat des Aus­wär­ti­gen Amts im Okto­ber 2018 intern vor einer unbe­ab­sich­tig­ten För­de­rung kari­ta­ti­ver Struk­tu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft in Syri­en gewarnt hat­te – und dass auch BND und Ver­fas­sungs­schutz gewarnt hat­ten. Die Zah­lun­gen lie­fen den­noch wei­ter. Das Kapi­tel schließt mit dem Auf­tritt des frü­he­ren Staats­mi­nis­ters im Aus­wär­ti­gen Amt, Micha­el Roth (SPD), bei einer Ver­an­stal­tung von AK Polis am 24. Juni 2026: Roth erklär­te dort, Mit­ar­bei­ter des Aus­wär­ti­gen Amts hät­ten gegen die Wei­sun­gen des eige­nen Hau­ses gehan­delt und offen­kun­dig gewusst, was sie taten. Vidi­no und Wam­pold zitie­ren die­se Aus­sa­ge nach der Auf­zeich­nung aus der Ver­an­stal­tung.

Schwe­den: SIDA dreht den Geld­hahn zu

Der schwe­di­sche Able­ger Isla­mic Reli­ef Sveri­ge (IRS) steu­er­te 2024 16,6 Mil­lio­nen Pfund zu den welt­wei­ten IRW-Ein­nah­men bei; zugleich erhielt IRS über das ver­gan­ge­ne Jahr­zehnt umge­rech­net rund 133 Mil­lio­nen US-Dol­lar von der staat­li­chen Ent­wick­lungs­agen­tur SIDA – zuletzt mach­ten die SIDA-Mit­tel etwa 70 Pro­zent der Gesamt­ein­nah­men aus. Am 20. Janu­ar 2026 ver­kün­de­te SIDA, kei­ne neu­en För­der­mit­tel mehr zu bewil­li­gen. Die Agen­tur konn­te nach einer Über­prü­fung durch das schwe­di­sche Zen­trum zur Prä­ven­ti­on gewalt­be­rei­ten Extre­mis­mus (CVE) nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit aus­schlie­ßen, dass Ver­bin­dun­gen zu gewalt­be­rei­tem Extre­mis­mus oder anti­de­mo­kra­ti­schen Milieus bestehen. Das CVE hat­te bei ein­zel­nen Per­so­nen im Umfeld von IRS und zwei­er ver­bun­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen ent­spre­chen­de Bezü­ge iden­ti­fi­ziert. IRS weist die Befun­de zurück und betont einen rein huma­ni­tä­ren Auf­trag.

Vidi­no und Wam­pold kom­men zu dem Schluss, dass der Druck auf das Isla­mic-Reli­ef-Netz­werk ange­sichts die­ser Bilanz und des ver­stärk­ten Augen­merks der US-Regie­rung auf isla­mis­ti­sche Struk­tu­ren und ein­schlä­gi­ge Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen kaum nach­las­sen dürf­te. Dass die deut­sche Dimen­si­on des Falls dabei anhand der frei­ge­klag­ten Prüf­be­rich­te und der Ana­ly­se von Sey­ran Ateş und Sig­rid Herr­mann rekon­stru­iert wird, zeigt die Rele­vanz der Trans­pa­renz­be­mü­hun­gen auch außer­halb Deutsch­lands.


Loren­zo Vidi­no / Saman­tha Wam­pold (14. Juli 2026): Isla­mic Reli­ef World­wi­de Under Pres­su­re. In: Pro­gram on Extre­mism, The Geor­ge Washing­ton Uni­ver­si­ty. Online ver­füg­bar unter: LINK (archiviert)