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Isla­mi­sche Viel­falt, Ift­ar und Start der Akzep­tanz­kam­pa­gne »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min«

In der Berliner Ibn Rushd-Goethe-Moschee trafen sich am Freitagabend rund 70 Gäste zu einer Veranstaltung über die Vielfalt muslimischen Lebens in Deutschland und zum Start der Akzeptanzkampagne »Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin«. Eingeladen hatten die Moschee, der Arbeitskreis Politischer Islam sowie das Mernissi–de Gouges Bildungs- und Sozialwerk. Ein Bericht von Astrid Warburg-Manthey in hpd.de.
Von links: Staatssekretär Falko Liecke (CDU), Moscheegründerin Seyran Ateş, Bundestagsmitglied Max Lucks (Bündnis 90/Die Grünen) am 6. März 2026 (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redaktionellen Verwendung)

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Bereits der äuße­re Rah­men mach­te deut­lich, unter wel­chen Bedin­gun­gen libe­ra­le mus­li­mi­sche Initia­ti­ven in Deutsch­land arbei­ten: Ein deut­li­ches Poli­zei­auf­ge­bot sicher­te die Ver­an­stal­tung. Die Moschee-Grün­de­rin Sey­ran Ateş steht seit Jah­ren unter Poli­zei­schutz.

Trotz kurz­fris­ti­ger Absa­gen der ange­kün­dig­ten Gäs­te Raed Saleh (SPD) und Ali Ertan Toprak – letz­te­rer erreich­te Ber­lin wegen mas­si­ver Bahn­ver­spä­tun­gen erst ver­spä­tet – war das Podi­um pro­mi­nent besetzt. Neben Ateş dis­ku­tier­ten Fal­ko Liecke (CDU), Max Lucks (Bünd­nis 90/Die Grü­nen), Kati­na Schu­bert (Die Lin­ke) sowie die Ber­li­ner Super­in­ten­den­tin Dr. Sil­ke Rado­sh-Hin­der. Der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Kai Weg­ner rich­te­te eine Video­bot­schaft an das Publi­kum. Mode­riert wur­de die Ver­an­stal­tung vom Jour­na­lis­ten Jan Fed­der­sen (taz).

Reli­giö­se Viel­falt als demo­kra­ti­sche Her­aus­for­de­rung

In sei­ner Video­bot­schaft unter­strich Kai Weg­ner die Bedeu­tung Ber­lins als reli­gi­ös-plu­ra­ler Metro­po­le. Die Viel­falt reli­giö­ser Aus­drucks­for­men sei Teil der demo­kra­ti­schen Rea­li­tät der Stadt – und müs­se ent­spre­chend geschützt wer­den. Auch der Islam sei durch eine inne­re Viel­falt geprägt, die als Teil der demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung aner­kannt wer­den müs­se.

Weg­ner ver­wies zugleich auf die para­do­xe Situa­ti­on libe­ra­ler mus­li­mi­scher Initia­ti­ven: Wäh­rend sie für reli­giö­se Offen­heit und demo­kra­ti­sche Wer­te ein­tre­ten, sind ihre Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter häu­fig mas­si­ven Dro­hun­gen aus­ge­setzt. Die dau­er­haf­te Gefähr­dung von Sey­ran Ateş, die seit Jah­ren rund um die Uhr unter Per­so­nen­schutz steht, gilt dabei als Sym­bol die­ser Kon­flikt­la­ge.

Libe­ra­le Reform­be­we­gun­gen inner­halb reli­giö­ser Tra­di­tio­nen wie des Islam bewe­gen sich häu­fig zwi­schen zwei Kon­flikt­li­ni­en – inner­re­li­giö­ser Ableh­nung und poli­ti­scher Instru­men­ta­li­sie­rung von außen.

Reli­gi­on im öffent­li­chen Raum

Die Super­in­ten­den­tin Dr. Sil­ke Rado­sh-Hin­der (Evan­ge­li­sche Kir­che) zeich­ne­te eine reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve. Sie ver­wies auf eine zuneh­men­de Re-Sakra­li­sie­rung, in der reli­giö­se Gemein­schaf­ten in urba­nen Gesell­schaf­ten wie­der sicht­ba­rer wür­den.

Mit die­ser Sicht­bar­keit näh­men jedoch auch Kon­flik­te zu. Umso wich­ti­ger sei – in Anleh­nung an Han­nah Are­ndt – die Fähig­keit zur poli­ti­schen Freund­schaft: die Bereit­schaft, die Per­spek­ti­ve ande­rer anzu­er­ken­nen und Kon­flik­te aus­zu­hal­ten, um eine gemein­sa­me demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit zu gestal­ten.

Rado­sh-Hin­der wür­dig­te aus­drück­lich das Enga­ge­ment von Sey­ran Ateş. Dass die Moschee trotz jah­re­lan­ger Bedro­hun­gen geöff­net blei­be, zei­ge, wel­che spi­ri­tu­el­le Kraft auch im Islam lie­gen kön­ne.

Super­in­ten­den­tin Dr. Sil­ke Rado­sh-Hin­der, Evan­ge­li­sche Kir­che. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Sey­ran Ateş: Gegen die Vor­stel­lung eines mono­li­thi­schen Islam

Sey­ran Ateş wider­sprach der ver­brei­te­ten Vor­stel­lung eines homo­ge­nen Islam ent­schie­den. Der Islam sei his­to­risch und kul­tu­rell plu­ral – eine Rea­li­tät, die sich auch in der sprach­li­chen Viel­falt mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten wider­spie­ge­le.

Mus­li­me leb­ten ihren Glau­ben auf Ara­bisch, Tür­kisch, Kur­disch, Far­si, Eng­lisch oder Deutsch – und in sehr unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten.

Ihre eige­ne Bio­gra­fie macht die poli­ti­schen Kon­flik­te inner­halb die­ser Debat­ten sicht­bar: Ateş über­leb­te 1984 einen Anschlag, bei dem sie schwer ver­letzt wur­de. Seit Jahr­zehn­ten erhält sie Mord­dro­hun­gen.

Dass die Moschee den­noch wei­ter­be­stehe, sei Aus­druck eines bewuss­ten poli­ti­schen Pro­jekts: einen libe­ra­len Islam sicht­bar zu machen.

Reli­gi­ons­frei­heit und Kul­tur­re­la­ti­vis­mus

Der Grü­nen-Abge­ord­ne­te Max Lucks beton­te eine indi­vi­du­al­recht­li­che Per­spek­ti­ve auf Reli­gi­ons­frei­heit. Nicht reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen oder Ver­bän­de sei­en Trä­ger die­ses Grund­rechts, son­dern die ein­zel­nen Gläu­bi­gen.

Die Ibn Rushd-Goe­the Moschee mache daher sicht­bar, was poli­tisch lan­ge unter­schätzt wor­den sei: die Viel­falt mus­li­mi­scher Lebens­rea­li­tä­ten.

Fed­der­sen kri­ti­sier­te wie Lucks auch einen in poli­ti­schen Debat­ten ver­brei­te­ten Kul­tur­re­la­ti­vis­mus, der pro­ble­ma­ti­sche Ent­wick­lun­gen inner­halb reli­giö­ser Milieus lan­ge nur zöger­lich the­ma­ti­siert habe.

Kon­flikt­fel­der im urba­nen All­tag

Die Lin­ken-Poli­ti­ke­rin Kati­na Schu­bert wür­dig­te das Kon­zept eines libe­ra­len Islam, wies jedoch zugleich auf den mas­si­ven gesell­schaft­li­chen Druck hin, unter dem Akteu­re wie Ateş ste­hen.

Sie beton­te die Rol­le zivil­ge­sell­schaft­li­cher Initia­ti­ven als sta­bi­li­sie­ren­de Fak­to­ren urba­ner Gesell­schaf­ten. Gleich­zei­tig plä­dier­te sie dafür, poli­ti­sche Span­nun­gen offen zu dis­ku­tie­ren – auch im Kon­text der gesell­schaft­li­chen Pola­ri­sie­run­gen seit dem Ter­ror­an­griff der Hamas auf Isra­el am 7. Okto­ber 2023. Hier warf Fed­der­sen ihr und der Par­tei Die Lin­ke ein teils schwer aus­halt­ba­res Ver­hal­ten in der Koope­ra­ti­on mit paläs­ti­nen­si­schen Demons­trie­ren­den vor, die wie­der­holt gemein­sam mit anti­se­mi­ti­schen Paro­len auf die Stra­ße gin­gen. Kati­na Schu­bert zeig­te sich dabei indif­fe­rent, was Fed­der­sen ihr auch als »Rum­ei­ern« vor­hielt.

Von links: Jan Fed­der­sen, Max Lucks, Kati­na Schu­bert, Fal­ko Liecke und Gast­ge­be­rin Sey­ran Ateş. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Der Neu­köll­ner CDU-Poli­ti­ker Fal­ko Liecke ver­wies auf kon­kre­te Her­aus­for­de­run­gen im Bil­dungs­be­reich. Inter­na­tio­na­le Kon­flik­te spie­gel­ten sich zuneh­mend im All­tag von Schu­len und Kitas wider – etwa in Form von Anti­se­mi­tis­mus, reli­giö­sen Kon­flik­ten oder Gewalt­phä­no­me­nen. Er stell­te die libe­ra­le Moschee als wich­ti­gen Gegen­pol zu pro­ble­ma­ti­schen Ent­wick­lun­gen in Tei­len ande­rer Gemein­den dar.

Trotz der Her­aus­for­de­run­gen im schu­li­schen All­tag kön­ne er die Pro­fes­sio­na­li­tät von Lehr­kräf­ten und Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und ‑arbei­tern wür­di­gen, die täg­lich mit die­sen Kon­flik­ten umge­hen müs­sen.

Schu­le als Kon­flik­t­are­na

In die­sem Zusam­men­hang stell­te Fal­ko Liecke eine aktu­ell lau­fen­de ber­lin­wei­te Gewalt­stu­die vor, die von Uni­ver­si­tä­ten aus Wup­per­tal und Bie­le­feld beglei­tet wird. Die Unter­su­chung ana­ly­siert unter ande­rem reli­gi­ös kon­no­tier­te Kon­flik­te im Schul­all­tag, Que­er­feind­lich­keit und sexua­li­sier­te Gewalt.

Ziel ist eine erst­mals empi­risch fun­dier­te Grund­la­ge für poli­ti­sche Maß­nah­men im Bil­dungs­be­reich, da Schu­len zuneh­mend zu Orten wer­den, an denen reli­giö­se Iden­ti­tät, Geschlech­ter­po­li­tik und gesell­schaft­li­che Nor­men auf­ein­an­der­tref­fen.

Feh­len­de Räu­me für que­e­re Mus­li­me

Ein wie­der­keh­ren­des The­ma der Dis­kus­si­on war der Man­gel an diver­si­täts­sen­si­blen sozia­len Räu­men, ins­be­son­de­re für que­e­re Mus­li­me.

Mode­ra­tor Jan Fed­der­sen ver­wies auf das Feh­len eines schwul-les­bi­schen Zen­trums in Neu­kölln und die dar­aus resul­tie­ren­de Unsicht­bar­keit quee­rer mus­li­mi­scher Lebens­rea­li­tä­ten. Ateş plä­dier­te des­halb für den Auf­bau wei­te­rer libe­ra­ler reli­giö­ser Räu­me, die über ihre Moschee hin­aus­ge­hen.

Ift­ar als poli­ti­sches Sym­bol

Der ers­te Teil der Ver­an­stal­tung ende­te mit dem gemein­sa­men Fas­ten­bre­chen zum Rama­dan (Ift­ar). Das Team um Sey­ran Ateş hat­te eine Viel­zahl war­mer und kal­ter, süßer und sal­zi­ger Köst­lich­kei­ten bereit­ge­stellt.

Das Ift­ar fun­gier­te dabei nicht nur als reli­giö­ses Ritu­al, son­dern auch als sym­bo­li­scher Akt poli­ti­scher Gemein­schaft. Die Moschee stell­te an die­sem Abend einen Ort dar, an dem reli­giö­se Viel­falt sicht­bar gemacht und gesell­schaft­li­che Kon­flik­te öffent­lich ver­han­delt wer­den kön­nen. Gera­de dar­in liegt ihre poli­ti­sche Bedeu­tung: Sie steht exem­pla­risch für den Ver­such, einen libe­ra­len Islam inner­halb einer plu­ra­len, demo­kra­ti­schen Öffent­lich­keit zu ver­or­ten.

Kam­pa­gnen­start: »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min«

Nach dem gemein­sa­men Fas­ten­bre­chen launch­te Tugay Saraç, Pro­jekt­lei­ter im Mer­nis­si-de Gou­ges Bil­dungs- und Sozi­al­werk, die neue Akzep­tanz­kam­pa­gne »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min«. Sie soll den neu­en Ber­li­ner Gedenk­tag gegen Islam­feind­lich­keit am 15. März unter­stüt­zen.

Zum Auf­takt wur­den vier Bild­mo­ti­ve ent­wi­ckelt, die sowohl als Pla­ka­te als auch als kos­ten­lo­se Post­kar­ten ver­brei­tet wer­den sol­len. Die Dis­tri­bu­ti­on ori­en­tiert sich bewusst an eta­blier­ten urba­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­ma­ten wie den in vie­len Städ­ten ver­brei­te­ten Gra­tis-Post­kar­ten­stän­dern in Bars, Cafés und Restau­rants, wie sie etwa durch die soge­nann­ten »Edgar Cards« bekannt gewor­den sind.

Ziel die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie ist eine nied­rig­schwel­li­ge Sicht­bar­keit im öffent­li­chen Raum. Die Bot­schaf­ten sol­len dort prä­sent sein, wo sich eine jun­ge, gesell­schaft­lich und poli­tisch inter­es­sier­te Stadt­öf­fent­lich­keit bewegt – etwa in Knei­pen, Restau­rants, Cafés oder Clubs. Die Kam­pa­gne nutzt damit bewusst infor­mel­le Räu­me öffent­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on, um gesell­schaft­li­che Debat­ten über reli­giö­se Iden­ti­tät aus insti­tu­tio­nel­len oder poli­ti­sier­ten Kon­tex­ten in all­täg­li­che Begeg­nungs­räu­me zu ver­la­gern.

Die Kam­pa­gne ver­folgt das Ziel, mus­li­mi­sche Iden­ti­tät nicht als homo­ge­nes reli­giö­ses Kol­lek­tiv dar­zu­stel­len, son­dern als plu­ra­len Bestand­teil einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft. Damit reagiert die Initia­ti­ve auf zwei ver­brei­te­te Ver­kür­zun­gen öffent­li­cher Debat­ten: zum einen auf die Vor­stel­lung eines ein­heit­li­chen »Islam«, zum ande­ren auf ste­reo­ty­pe Zuschrei­bun­gen mus­li­mi­scher Lebens­wei­sen.

Visu­el­le Stra­te­gie der Kam­pa­gne

Die vier Kam­pa­gnen­mo­ti­ve fol­gen einer kla­ren kom­mu­ni­ka­ti­ven Struk­tur. Im Zen­trum ste­hen bewusst for­mu­lier­te Ich-Bot­schaf­ten, die indi­vi­du­el­le Selbst­be­schrei­bun­gen in den Vor­der­grund stel­len und kol­lek­ti­ve Zuschrei­bun­gen ver­mei­den. Anstel­le abs­trak­ter reli­giö­ser Kate­go­rien wer­den kon­kre­te All­tags­si­tua­tio­nen gezeigt. Die Bild­spra­che ver­zich­tet bewusst auf kon­flikt­ori­en­tier­te Dar­stel­lun­gen und kon­zen­triert sich statt­des­sen auf all­täg­li­che Sze­nen sozia­len Lebens.

Die Kam­pa­gne knüpft damit an Stra­te­gien der Diver­si­täts- und Min­der­hei­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on an, wie sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren etwa in Kam­pa­gnen zur LGBTQIA*-Akzeptanz, im Kon­text anti­ras­sis­ti­scher Öffent­lich­keits­ar­beit oder in Gleich­stel­lungs­kam­pa­gnen ent­wi­ckelt wur­den. Ziel ist es, gesell­schaft­li­che Viel­falt sicht­bar zu machen und Min­der­hei­ten­iden­ti­tä­ten nicht pri­mär über Kon­flikt- oder Pro­blem­nar­ra­ti­ve zu defi­nie­ren.

Im Zen­trum der Kam­pa­gne steht die Dar­stel­lung unter­schied­li­cher Lebens­rea­li­tä­ten mus­li­mi­scher Men­schen. Reli­giö­se Pra­xis, kul­tu­rel­le Iden­ti­tät und indi­vi­du­el­ler Lebens­stil fal­len in moder­nen Gesell­schaf­ten häu­fig nicht deckungs­gleich zusam­men. Die Kam­pa­gne ver­sucht, die­se Dif­fe­renz sicht­bar zu machen und damit zu einem dif­fe­ren­zier­te­ren gesell­schaft­li­chen Ver­ständ­nis mus­li­mi­scher Lebens­wel­ten bei­zu­tra­gen.

Die vier Kam­pa­gnen­mo­ti­ve

Ers­tes Motiv: »Ich bin Mus­lim. Und trin­ke Rakı.«

»Ich bin Mus­lim« in einer gesel­li­gen Run­de mit Rakı steht für Freu­de am Leben und den Genuss von Alko­hol jen­seits isla­mis­ti­scher Ver­hal­tens­nor­men. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Das ers­te Bild­mo­tiv zeigt einen Mann, der ent­spannt in einer Bar oder einem Restau­rant sitzt, lacht und dem Betrach­ter mit einem Glas Rakı in der Hand zupros­tet. Die Bild­aus­sa­ge wird durch eine mini­ma­lis­ti­sche Bot­schaft ergänzt: »Ich bin Mus­lim.«

Gera­de die Reduk­ti­on auf die­se kur­ze Selbst­be­schrei­bung erzeugt eine bewuss­te Irri­ta­ti­on gegen­über ver­brei­te­ten Erwar­tungs­hal­tun­gen. In vie­len isla­mi­schen Rechts­tra­di­tio­nen gilt Alko­hol­kon­sum als haram, also reli­gi­ös unter­sagt. Gleich­zei­tig gehört Alko­hol­kon­sum in zahl­rei­chen mus­li­misch gepräg­ten Gesell­schaf­ten zum sozia­len All­tag.

Das Motiv ver­weist damit auf eine zen­tra­le Erkennt­nis der Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie: Reli­giö­se Nor­men und geleb­te Pra­xis fal­len in moder­nen Gesell­schaf­ten häu­fig aus­ein­an­der. Reli­giö­se Iden­ti­tät wird nicht aus­schließ­lich über nor­ma­ti­ve Vor­schrif­ten defi­niert, son­dern auch über kul­tu­rel­le Zuge­hö­rig­keit, indi­vi­du­el­le Lebens­sti­le und situa­ti­ve For­men reli­giö­ser Pra­xis.

Gleich­zei­tig exis­tie­ren inner­halb mus­li­mi­scher Gemein­schaf­ten star­ke sozia­le Kon­troll­me­cha­nis­men. Men­schen, die reli­giö­se Nor­men nicht befol­gen, kön­nen Aus­gren­zung oder mora­li­sche Sank­tio­nen erfah­ren. Die Dar­stel­lung eines alko­hol­trin­ken­den mus­li­mi­schen Man­nes ver­weist somit auch auf inner­ge­mein­schaft­li­che Kon­flik­te zwi­schen nor­ma­ti­ven reli­giö­sen Erwar­tun­gen und indi­vi­du­el­len Lebens­ent­schei­dun­gen.

Zwei­tes Motiv: »Ich bin Mus­li­min. Selbst­be­stimmt in einer Fami­lie.«

»Ich bin Mus­li­min« in einer inter­kul­tu­rel­len Fami­lie steht für Selbst­be­stim­mung mus­li­mi­scher Frau­en bei der Part­ner­wahl und die Nor­ma­li­tät viel­fäl­ti­ger Lebens­ent­wür­fe. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Das zwei­te Motiv zeigt eine jun­ge Frau ohne Kopf­tuch, gemein­sam mit ihrem Part­ner und ihren Kin­dern in einer all­täg­li­chen fami­liä­ren Situa­ti­on. Die Bot­schaft lau­tet schlicht: »Ich bin Mus­li­min.« Part­ner und Kin­der sind offen­sicht­lich mit­tel- bis nord­eu­ro­päi­schen Phä­no­typs.

Das Motiv reagiert zunächst auf eine ver­brei­te­te Sym­bo­li­sie­rung mus­li­mi­scher Frau­en in öffent­li­chen Debat­ten, in denen das Kopf­tuch häu­fig als zen­tra­les Iden­ti­täts­merk­mal dar­ge­stellt wird. Die Prä­sen­ta­ti­on einer unver­schlei­er­ten Frau ver­weist dar­auf, dass mus­li­mi­sche Iden­ti­tät nicht aus­schließ­lich über sicht­ba­re reli­giö­se Mar­ker defi­niert wer­den kann.

Dar­über hin­aus the­ma­ti­siert das Bild nor­ma­ti­ve Erwar­tun­gen inner­halb kon­ser­va­ti­ver reli­giö­ser Milieus: In tra­di­tio­nel­len isla­mi­schen Rechts­auf­fas­sun­gen wird häu­fig erwar­tet, dass mus­li­mi­sche Frau­en einen mus­li­mi­schen Part­ner hei­ra­ten. Inter­re­li­giö­se Part­ner­schaf­ten kön­nen daher in tra­di­tio­nel­len Fami­li­en­struk­tu­ren erheb­li­chen sozia­len Druck erzeu­gen.

Sey­ran Ateş berich­te­te über Bera­tungs­fäl­le aus der Pra­xis, bei denen deut­lich wur­de, dass sol­che Kon­flik­te nicht sel­ten mit Fra­gen fami­liä­rer Ehre und sozia­ler Kon­trol­le ver­bun­den sind. In extre­men Fäl­len kann der Bruch mit fami­liä­ren Erwar­tun­gen zu mas­si­ven Sank­tio­nen füh­ren. Als tra­gi­sches Bei­spiel sol­cher Dyna­mi­ken wird häu­fig der Mord an Hatun Sürücü im Jahr 2005 genannt, die von ihrem jün­ge­ren, min­der­jäh­ri­gen Bru­der im Auf­trag der Fami­lie und im Namen der soge­nann­ten Fami­li­en­eh­re getö­tet wur­de.

Das Motiv adres­siert also Span­nungs­fel­der zwi­schen indi­vi­du­el­ler Part­ner­wahl, fami­liä­ren Erwar­tun­gen und reli­giö­sen Nor­men.

Drit­tes Motiv: »Ich bin Mus­lim. Und que­er.«

»Ich bin Mus­lim« in einer gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaft steht für glei­che Rech­te und die Sicht­bar­keit quee­rer Mus­li­min­nen und Mus­li­me in einer frei­en Gesell­schaft. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Das drit­te Motiv zeigt ein gleich­ge­schlecht­li­ches Paar, das hei­ra­tet. Die Bot­schaft lau­tet: »Ich bin Mus­lim. Und que­er.« Damit the­ma­ti­siert die Kam­pa­gne eine Lebens­rea­li­tät, die in öffent­li­chen Debat­ten häu­fig unsicht­bar bleibt: die Exis­tenz quee­rer mus­li­mi­scher Lebens­wel­ten. Das Motiv wider­spricht der ver­brei­te­ten Annah­me, reli­giö­se Iden­ti­tät und sexu­el­le Viel­falt sei­en grund­sätz­lich unver­ein­bar.

Gleich­zei­tig macht es auf die sozia­len Kon­flik­te auf­merk­sam, mit denen homo­se­xu­el­le Mus­li­me häu­fig kon­fron­tiert sind. In vie­len reli­gi­ös gepräg­ten Milieus exis­tiert ein erheb­li­cher sozia­ler Druck zur Anpas­sung an hete­ro­nor­ma­ti­ve Lebens­mo­del­le. Dies kann zu arran­gier­ten oder erzwun­ge­nen Ehen füh­ren, die lang­fris­tig dys­funk­tio­na­le Part­ner­schaf­ten her­vor­brin­gen. Auch schwu­le Män­ner wer­den manch­mal zwangs­ver­hei­ra­tet, um die Fami­li­en­eh­re zu schüt­zen. Gleich­zei­tig stellt Homo­se­xua­li­tät in mus­li­mi­schen Com­mu­ni­tys ein Tabu­the­ma dar, sofern sie nicht – wie in dem Miss­brauch afgha­ni­scher Jun­gen, den Bacha bazi – gesell­schaft­lich-tra­di­tio­nell kana­li­siert wird.

Das Motiv zielt dar­auf ab, die Exis­tenz sexu­el­ler Viel­falt inner­halb mus­li­mi­scher Lebens­wel­ten sicht­bar zu machen und deren gesell­schaft­li­che Aner­ken­nung zu the­ma­ti­sie­ren.

Vier­tes Motiv: »Ich bin Mus­li­min. Und Leh­re­rin.«

»Ich bin Mus­li­min« als Leh­re­rin im staat­li­chen Schul­dienst steht für die Ein­hal­tung der reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät des Staa­tes und die Viel­falt mus­li­mi­scher Lebens­rea­li­tä­ten in Deutsch­land. (Bild: MDG / IRGM / AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Das vier­te Motiv zeigt eine Frau mit offe­nen Haa­ren ohne reli­giö­se Ver­schleie­rung vor einer Schul­ta­fel. Auch hier lau­tet die Bot­schaft schlicht: »Ich bin Mus­li­min.« Ziel die­ses Motivs ist die Nor­ma­li­sie­rung unver­schlei­er­ter mus­li­mi­scher Frau­en im gesell­schaft­li­chen All­tag. Es betont Zuge­hö­rig­keit statt Dif­fe­renz und posi­tio­niert mus­li­mi­sche Iden­ti­tät als selbst­ver­ständ­li­chen Bestand­teil einer plu­ra­len Gesell­schaft.

Gleich­zei­tig ver­weist das Motiv auf eine gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lung in öffent­li­chen Dar­stel­lun­gen mus­li­mi­scher Frau­en. In Medi­en, Wer­bung und poli­ti­schen Debat­ten wer­den mus­li­mi­sche Frau­en zuneh­mend über sicht­ba­re reli­giö­se Klei­dung wie das Kopf­tuch reprä­sen­tiert. Dadurch ent­steht häu­fig eine ste­reo­ty­pe Dar­stel­lung mus­li­mi­scher Weib­lich­keit.

Kam­pa­gnen wie »Free­dom is my Hijab« oder der »World Hijab Day« tra­gen zusätz­lich zur poli­ti­schen Sym­bo­li­sie­rung reli­giö­ser Klei­dung bei. Kri­ti­ke­rin­nen argu­men­tie­ren, dass sol­che Kam­pa­gnen auch sozia­len Druck auf Mäd­chen und Frau­en ver­stär­ken kön­nen, reli­giö­se Klei­dung zu tra­gen. Auch die Mode­indus­trie hat kon­ser­va­ti­ve Mus­li­min­nen als poten­ti­el­le Käu­fe­rin­nen ent­deckt und macht mit Wer­bung für »mode­st Fashion« gro­ße Umsät­ze.

Hin­zu kommt die poli­ti­sche Debat­te über staat­li­che Neu­tra­li­tät im öffent­li­chen Dienst. In Ber­lin exis­tier­te lan­ge das Neu­tra­li­täts­ge­setz, das reli­giö­se Sym­bo­le in bestimm­ten staat­li­chen Funk­tio­nen unter­sag­te. Beam­tin­nen in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen sowie Poli­zei und Jus­tiz durf­ten kei­ne isla­mi­sche Ver­schleie­rung tra­gen. Lei­der wur­de das bun­des­weit ein­zig­ar­ti­ge Gesetz zuneh­mend unter­lau­fen, und 2025 durch die schwarz-rote Regie­rung refor­miert. In der Pra­xis bedeu­tet das, dass bei­spiels­wei­se Leh­re­rin­nen im Unter­richt Hijab tra­gen dür­fen. Kri­ti­ker befürch­ten, dass dies zu neu­en sozia­len Erwar­tungs­hal­tun­gen gegen­über Schü­le­rin­nen füh­ren könn­te, da Leh­re­rin­nen auch Vor­bil­der für Schü­le­rin­nen sind.

Poli­ti­sche Ein­ord­nung

Die Kam­pa­gne bewegt sich im Span­nungs­feld aktu­el­ler Integrations‑, Reli­gi­ons- und Iden­ti­täts­de­bat­ten. Sie greift ein zen­tra­les Argu­ment der poli­ti­schen Theo­rie plu­ra­ler Gesell­schaf­ten auf: Iden­ti­tät ist nicht mono­li­thisch, son­dern mehr­di­men­sio­nal.

Mus­li­mi­sche Lebens­rea­li­tä­ten umfas­sen unter­schied­li­che Dimen­sio­nen: reli­giö­se Pra­xis, kul­tu­rel­le Tra­di­ti­on, indi­vi­du­el­le Lebens­sti­le, poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen. Die Kam­pa­gne ver­sucht, die­se Viel­falt sicht­bar zu machen und damit eine Debat­te zu ver­schie­ben, die in Deutsch­land häu­fig zwi­schen zwei ver­ein­fach­ten Polen geführt wird: einer kul­tu­rel­len Homo­ge­ni­sie­rung auf der einen Sei­te und einer reli­giö­sen Essen­tia­li­sie­rung auf der ande­ren.

Indem sie indi­vi­du­el­le Lebens­rea­li­tä­ten in den Mit­tel­punkt stellt, ver­steht sich die Kam­pa­gne als Bei­trag zu einer dif­fe­ren­zier­te­ren öffent­li­chen Wahr­neh­mung mus­li­mi­scher Gegen­warts­ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land.

Der Abend mit zahl­rei­chen Prot­ago­nis­tIn­nen aus Theo­rie und Pra­xis kann als wich­ti­ger Bei­trag in der gemein­sa­men Aus­ein­an­der­set­zung um die Bedeu­tung des Islam für Inte­gra­ti­on und Demo­kra­tie bezeich­net wer­den.


  • Erst­ver­öf­fent­li­chung am 10. März 2026 in hpd.de