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Die Isla­mis­mus-Defi­ni­ti­on des 9/11 Memo­ri­al & Muse­um

Das National September 11 Memorial & Museum in New York City steht bei der Darstellung der Anschläge vor einer heiklen Aufgabe: Es muss erklären, wer die Täter waren und was sie antrieb, und es muss dabei vermeiden, eine Weltreligion mit rund zwei Milliarden Anhängern unter Generalverdacht zu stellen. Die historische Ausstellung löst diese Aufgabe über ein System klar getrennter Begriffe. Zwei Tafeln und eine Grafik definieren Islam, Islamismus, Salafismus und Dschihadismus als vier Ebenen, von denen jede eine kleine Teilmenge der vorherigen bildet.
Das Südbecken des 9/11 Memorial an der Stelle des Südturms: In die Brüstung sind die Namen der Todesopfer gefasst. (Bild: AK Polis, September 2026)

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Islam, Isla­mis­mus, Sala­fis­mus, Dschi­ha­dis­mus: vier Begrif­fe, vier Ebe­nen

Die ers­te der bei­den Tafeln, »Isla­mism and the Roots of al-Qaeda«, leis­tet die defi­ni­to­ri­sche Kern­ar­beit in fünf Sät­zen. Voll­stän­dig lau­tet die Pas­sa­ge in Über­set­zung:

»Der Islam ist eine der gro­ßen Welt­re­li­gio­nen. Die Anhän­ger des Islam wer­den als Mus­li­me bezeich­net. Der Isla­mis­mus ist eine poli­ti­sche Bewe­gung, die gel­tend macht, Mus­li­me müss­ten strikt nach isla­mi­schem Recht, der Scha­ria, regiert wer­den. Isla­mis­ten stre­ben die poli­ti­sche und reli­giö­se Kon­trol­le über mehr­heit­lich mus­li­mi­sche Län­der an. Unter Isla­mis­ten gibt es unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen dar­über, wann und ob Gewalt ein­ge­setzt wer­den kann, um ihre Zie­le zu errei­chen.«

(Im Ori­gi­nal: »Islam is one of the world’s major reli­gi­ons. Adher­ents of Islam are known as Mus­lims. Isla­mism is a poli­ti­cal move­ment asser­ting that Mus­lims should be gover­ned strict­ly accor­ding to Isla­mic law, known as sha­ria. Isla­mists seek poli­ti­cal and reli­gious con­trol of Mus­lim-majo­ri­ty count­ries. The­re are dif­fe­ring per­spec­ti­ves among Isla­mists about when and if vio­lence can be used to achie­ve their aims.«)

Die Tafel beginnt bei der Reli­gi­on und wech­selt im drit­ten Satz die Kate­go­rie: Der Isla­mis­mus wird als poli­ti­sche Bewe­gung gefasst und über ein Herr­schafts­ziel defi­niert, die Kon­trol­le mehr­heit­lich mus­li­mi­scher Län­der nach Maß­ga­be der Scha­ria. Der fünf­te Satz ver­mei­det die Gleich­set­zung von Isla­mis­mus und Ter­ro­ris­mus und fasst den Ter­ror als eine mög­li­che Kon­se­quenz der Ideo­lo­gie.

Die Aus­stel­lungs­wand zur Ein­ord­nung al-Qai­das mit den bei­den Defi­ni­ti­ons­ta­feln und der West-Point-Gra­fik. Dar­über zitiert das Muse­um aus einem al-Qai­da-Trai­nings­hand­buch, das im Mai 2000 in Man­ches­ter sicher­ge­stellt wur­de; links erläu­tert eine Text­ta­fel die Umschrift ara­bi­scher Begrif­fe nach den Stan­dards der 9/11-Kom­mis­si­on, des Coun­cil on For­eign Rela­ti­ons und des Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter. (Bild: AK Polis, Sep­tem­ber 2026)

Die zwei­te Tafel, »Al-Qaeda in the con­text of the broa­der Mus­lim world«, ver­fei­nert das Bild. Ihr ers­ter Satz setzt die Pro­por­tio­nen: »Al-Qai­da reprä­sen­tiert einen win­zi­gen Bruch­teil der welt­wei­ten mus­li­mi­schen Gemein­schaft« (im Ori­gi­nal: »Al-Qaeda repres­ents a tiny frac­tion of the glo­bal Mus­lim com­mu­ni­ty«). Dann folgt die zwei­te Defi­ni­ti­on: »Das Ziel, die mus­li­mi­schen Gesell­schaf­ten zu rei­ni­gen, ist zen­tral für eine isla­mi­sche Bewe­gung, die als Sala­fis­mus bekannt ist und die die mus­li­mi­sche Gesell­schaft refor­mie­ren will, indem sie zu einer aus ihrer Sicht authen­ti­sche­ren Pra­xis des Islam zurück­kehrt« (im Ori­gi­nal: »The objec­ti­ve of puri­fy­ing Mus­lim socie­ties is cen­tral to an Isla­mic move­ment known as Sala­fism, which seeks to reform Mus­lim socie­ty by retur­ning to what it con­siders a more authen­tic prac­ti­ce of Islam«).

Auch hier dif­fe­ren­ziert der Text aus­drück­lich: »Die meis­ten Sala­fis­ten befür­wor­ten kei­ne Gewalt, um die­ses Ziel zu errei­chen« (im Ori­gi­nal: »Most Sala­fis do not advo­ca­te vio­lence to achie­ve this end«). Zugleich hält die Tafel fest: »Auch wo der Sala­fis­mus kei­ne Gewalt befür­wor­tet, pre­digt er oft Feind­se­lig­keit gegen­über Nicht­mus­li­men wie auch gegen­über ande­ren Mus­li­men, die sei­ne Über­zeu­gun­gen nicht tei­len« (im Ori­gi­nal: »Even when Sala­fism does not advo­ca­te vio­lence, it often pre­a­ches hosti­li­ty toward non-Mus­lims as well as other Mus­lims who do not share its beliefs«). Al-Qai­da ist eine von meh­re­ren sala­fis­ti­schen Grup­pen, die sich einer akti­ven Stra­te­gie des gewalt­sa­men Dschi­had zuge­wandt hat.

Das Zwie­bel­mo­dell aus West Point

Anschau­lich wird die­se Abstu­fung durch eine Gra­fik, die das Muse­um vom Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter der Mili­tär­aka­de­mie West Point adap­tiert hat. Sie zeigt inein­an­der lie­gen­de Ellip­sen: Die größ­te steht für den Islam ins­ge­samt, dar­in der Sun­nis­mus, dem bis zu 90 Pro­zent aller Mus­li­me ange­hö­ren, dar­in der Isla­mis­mus. Der Sala­fis­mus über­lappt den Isla­mis­mus an des­sen unte­rem Rand und reicht teil­wei­se über ihn hin­aus. Auf der Schnitt­zo­ne bei­der sitzt als klei­ne wei­ße Flä­che der gewalt­tä­ti­ge Dschi­ha­dis­mus, an sei­nem Rand al-Qai­da als Punkt.

Die Gra­fik »Al-Qaeda in the con­text of Sun­ni Islam, cir­ca 2000«: Al-Qai­da erscheint als Punkt zwi­schen ein­an­der über­lap­pen­den Ellip­sen. Adap­ti­on durch das 9/11 Muse­um einer Dar­stel­lung des Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter at West Point. (Gra­fik: AK Polis)

Die Vor­la­ge ent­stand in West Point: Das Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter ver­öf­fent­lich­te im Novem­ber 2006 die Stu­die »Mili­tant Ideo­lo­gy Atlas«, die auf einer Zita­ti­ons­ana­ly­se der meist­ge­le­se­nen Tex­te der zen­tra­len Online-Biblio­thek al-Qai­das beruht. Ihr Schau­bild »Dia­gram 1: Jiha­di Con­sti­tuen­ci­es« ord­net die­sel­ben Kon­sti­tuen­zen als inein­an­der lie­gen­de Krei­se an, außen die Mus­li­me, dann Isla­mis­ten und Sala­fis­ten, innen die Dschi­ha­dis­ten; aus­drück­lich hält die Stu­die fest, die meis­ten Sala­fis­ten sei­en kei­ne Dschi­ha­dis­ten. Das Muse­um hat die­se Dar­stel­lung über­nom­men, den Sun­nis­mus als eige­ne Ebe­ne ergänzt, Sala­fis­mus und Isla­mis­mus als ein­an­der über­lap­pen­de Flä­chen gezeich­net und al-Qai­da als Punkt an deren Schnitt­zo­ne ver­or­tet.1 Jede Ebe­ne ist eine klei­ne Teil­men­ge der vor­he­ri­gen. Die Gra­fik ver­deut­licht auch einen wei­te­ren wich­ti­gen Aspekt: Wer von al-Qai­da auf »die Mus­li­me« schließt, über­springt drei die­ser Ebe­nen.

Zugleich hat das Modell eine klar umris­se­ne Gren­ze: Es bil­det Zuge­hö­rig­kei­ten ab und trifft kei­ne Aus­sa­ge über Ein­stel­lun­gen. Die Zustim­mung zu bin Laden reich­te nach den Anschlä­gen weit über den Kreis der Orga­ni­sa­ti­on hin­aus. Das Pew Rese­arch Cen­ter maß 2003 Ver­trau­ens­wer­te für den al-Qai­da-Füh­rer von 72 Pro­zent in den paläs­ti­nen­si­schen Gebie­ten, 59 Pro­zent in Indo­ne­si­en und 56 Pro­zent in Jor­da­ni­en; in Paki­stan lag der Wert 2005 bei 52 Pro­zent. Erst im Lauf des fol­gen­den Jahr­zehnts, auch unter dem Ein­druck der Anschlä­ge al-Qai­das auf mus­li­mi­sche Zivi­lis­ten, bra­chen die­se Wer­te ein.2

Die Ideo­lo­gie al-Qai­das

Al-Qai­da, 1988 vom sau­di­schen Staats­bür­ger Osa­ma bin Laden gegrün­det, so beschreibt es die Aus­stel­lungs­ta­fel, sei von einer Strö­mung isla­mis­ti­schen Den­kens des 20. Jahr­hun­derts beein­flusst wor­den, die den lan­gen Nie­der­gang der kol­lek­ti­ven Macht der Mus­li­me auf deren Abwei­chung vom reli­giö­sen Gesetz zurück­führ­te. Die Orga­ni­sa­ti­on habe Gewalt ein­ge­setzt, um Mus­li­me welt­weit zu über­zeu­gen, sie könn­ten den Ein­fluss des Wes­tens und ins­be­son­de­re der USA in mehr­heit­lich mus­li­mi­schen Län­dern bre­chen. Das End­ziel der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on fasst die Tafel in einem ein­zi­gen Satz:

»Für al-Qai­da wer­den Mus­li­me erst dann, wenn sie voll­stän­dig inner­halb des isla­mi­schen Rechts leben – nöti­gen­falls unter Rück­griff auf Gewalt, um ihre Geg­ner zu besie­gen –, die Bestim­mung des Islam zu Füh­rung und Ein­fluss in der Welt­ord­nung zurück­er­lan­gen kön­nen« (im Ori­gi­nal: »For al-Qaeda, only when Mus­lims live ful­ly within Isla­mic law—if neces­sa­ry, resort­ing to vio­lence to defeat their opponents—will they be able to recla­im Islam’s desti­ny of lea­der­ship and influence in the world order«).

Auch die Recht­fer­ti­gungs­rhe­to­rik der Ter­ro­ris­ten wird benannt, aller­dings mit sprach­li­cher Distanz: Al-Qai­da füh­re »per­cei­ved inju­s­ti­ces« an, also wahr­ge­nom­me­ne Unge­rech­tig­kei­ten, um ihre Gewalt zu legi­ti­mie­ren. Genannt wer­den die Unter­drü­ckung von Mus­li­men durch US-gestütz­te Regime, die ame­ri­ka­ni­sche Unter­stüt­zung Isra­els und der kor­rup­te Umgang ara­bi­scher Staa­ten mit Ölreich­tum.

Ein­ge­bet­tet ist all das in die Vor­ge­schich­te: den sowje­tisch-afgha­ni­schen Krieg (1979–1989) und die »Arab Afghans« um bin Laden, die aus dem ver­meint­li­chen Sieg über eine Super­macht die Zuver­sicht zogen, auch die ver­blie­be­ne Super­macht USA her­aus­for­dern zu kön­nen. Die­se Selbst­er­mäch­ti­gung doku­men­tiert die Aus­stel­lung mit einem Wand­zi­tat aus bin Ladens Inter­view mit dem ABC-Repor­ter John Mil­ler vom Mai 1998:

»Die Sowjet­uni­on war für immer ver­schwun­den. Wir sind gewiss, dass wir – mit der Gna­de Allahs – über die Ame­ri­ka­ner und über die Juden sie­gen wer­den« (im Ori­gi­nal: »Gone was the Soviet Uni­on fore­ver. We are cer­tain that we shall—with the grace of Allah—prevail over the Ame­ri­cans and over the Jews«).

Der Aus­stel­lungs­ab­schnitt zur Vor­ge­schich­te: der sowje­tisch-afgha­ni­sche Krieg (1979–1989), die »Arab Afghans« und Osa­ma bin Laden (1957–2011), dazu das Wand­zi­tat aus bin Ladens Inter­view mit dem ABC-Repor­ter John Mil­ler vom Mai 1998. (Bild: AK Polis, Sep­tem­ber 2026)

Wer hin­ter dem Muse­um steht

Getra­gen wird das Haus von einer pri­va­ten, gemein­nüt­zi­gen Stif­tung, der Natio­nal Sep­tem­ber 11 Memo­ri­al & Muse­um at the World Trade Cen­ter Foun­da­ti­on. Den Vor­sitz des Kura­to­ri­ums führt der frü­he­re New Yor­ker Bür­ger­meis­ter Micha­el R. Bloom­berg; im Board of Trus­tees sit­zen unter ande­rem zehn Ange­hö­ri­ge von Opfern der Anschlä­ge. Seit 2022 steht die His­to­ri­ke­rin und Luft­waf­fen­ve­te­ra­nin Eliza­beth L. Hill­man dem Muse­um als Prä­si­den­tin und CEO vor; zuvor lei­te­te sie das Mills Col­lege in Oak­land, Kali­for­ni­en, bis zu des­sen Fusi­on mit der Nor­the­as­tern Uni­ver­si­ty. Sie folg­te auf Ali­ce M. Green­wald, die das Muse­um ab 2006 als Grün­dungs­di­rek­to­rin auf­ge­baut hat­te und zuvor als Asso­cia­te Muse­um Direc­tor am United Sta­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um in Washing­ton tätig gewe­sen war.

Das Gewicht der dort getrof­fe­nen Begriffs­ent­schei­dun­gen reicht weit über die Aus­stel­lung selbst hin­aus. Das Muse­um ver­steht sich, in den Wor­ten Green­walds, als »die maß­geb­li­che Auto­ri­tät zur Geschich­te der Anschlä­ge vom 11. Sep­tem­ber« (im Ori­gi­nal: »the pree­mi­nent aut­ho­ri­ty on the histo­ry of the 9/11 attacks«), es wird über den 9/11 Memo­ri­al Act mit Bun­des­mit­teln geför­dert. Wie die­ses Haus »Isla­mis­mus« defi­niert, prägt damit das Ver­ständ­nis der rund 100 Mil­lio­nen US-Ame­ri­ka­ner, die zum Zeit­punkt der Anschlä­ge noch nicht leb­ten, und dar­über hin­aus das eines welt­wei­ten Publi­kums.

End­no­ten

  1. Wil­liam McCants (Hrsg.) (Novem­ber 2006): Mili­tant Ideo­lo­gy Atlas. Exe­cu­ti­ve Report. West Point (Com­ba­ting Ter­ro­rism Cen­ter at the U.S. Mili­ta­ry Aca­de­my). Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎
  2. Pew Rese­arch Cen­ter (2. Mai 2011): Osa­ma bin Laden Lar­ge­ly Dis­credi­ted Among Mus­lim Publics in Recent Years. Online ver­füg­bar unter: LINK ↩︎

Die zitier­ten Aus­stel­lungs­tex­te stam­men von den Tafeln »Isla­mism and the Roots of al-Qaeda« und »Al-Qaeda in the con­text of the broa­der Mus­lim world« der Aus­stel­lung des Natio­nal Sep­tem­ber 11 Memo­ri­al & Muse­um, New York City, Stand Sep­tem­ber 2026 | 911memorial.org