Islam, Islamismus, Salafismus, Dschihadismus: vier Begriffe, vier Ebenen
Die erste der beiden Tafeln, »Islamism and the Roots of al-Qaeda«, leistet die definitorische Kernarbeit in fünf Sätzen. Vollständig lautet die Passage in Übersetzung:
»Der Islam ist eine der großen Weltreligionen. Die Anhänger des Islam werden als Muslime bezeichnet. Der Islamismus ist eine politische Bewegung, die geltend macht, Muslime müssten strikt nach islamischem Recht, der Scharia, regiert werden. Islamisten streben die politische und religiöse Kontrolle über mehrheitlich muslimische Länder an. Unter Islamisten gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wann und ob Gewalt eingesetzt werden kann, um ihre Ziele zu erreichen.«
(Im Original: »Islam is one of the world’s major religions. Adherents of Islam are known as Muslims. Islamism is a political movement asserting that Muslims should be governed strictly according to Islamic law, known as sharia. Islamists seek political and religious control of Muslim-majority countries. There are differing perspectives among Islamists about when and if violence can be used to achieve their aims.«)
Die Tafel beginnt bei der Religion und wechselt im dritten Satz die Kategorie: Der Islamismus wird als politische Bewegung gefasst und über ein Herrschaftsziel definiert, die Kontrolle mehrheitlich muslimischer Länder nach Maßgabe der Scharia. Der fünfte Satz vermeidet die Gleichsetzung von Islamismus und Terrorismus und fasst den Terror als eine mögliche Konsequenz der Ideologie.

Die zweite Tafel, »Al-Qaeda in the context of the broader Muslim world«, verfeinert das Bild. Ihr erster Satz setzt die Proportionen: »Al-Qaida repräsentiert einen winzigen Bruchteil der weltweiten muslimischen Gemeinschaft« (im Original: »Al-Qaeda represents a tiny fraction of the global Muslim community«). Dann folgt die zweite Definition: »Das Ziel, die muslimischen Gesellschaften zu reinigen, ist zentral für eine islamische Bewegung, die als Salafismus bekannt ist und die die muslimische Gesellschaft reformieren will, indem sie zu einer aus ihrer Sicht authentischeren Praxis des Islam zurückkehrt« (im Original: »The objective of purifying Muslim societies is central to an Islamic movement known as Salafism, which seeks to reform Muslim society by returning to what it considers a more authentic practice of Islam«).
Auch hier differenziert der Text ausdrücklich: »Die meisten Salafisten befürworten keine Gewalt, um dieses Ziel zu erreichen« (im Original: »Most Salafis do not advocate violence to achieve this end«). Zugleich hält die Tafel fest: »Auch wo der Salafismus keine Gewalt befürwortet, predigt er oft Feindseligkeit gegenüber Nichtmuslimen wie auch gegenüber anderen Muslimen, die seine Überzeugungen nicht teilen« (im Original: »Even when Salafism does not advocate violence, it often preaches hostility toward non-Muslims as well as other Muslims who do not share its beliefs«). Al-Qaida ist eine von mehreren salafistischen Gruppen, die sich einer aktiven Strategie des gewaltsamen Dschihad zugewandt hat.
Das Zwiebelmodell aus West Point
Anschaulich wird diese Abstufung durch eine Grafik, die das Museum vom Combating Terrorism Center der Militärakademie West Point adaptiert hat. Sie zeigt ineinander liegende Ellipsen: Die größte steht für den Islam insgesamt, darin der Sunnismus, dem bis zu 90 Prozent aller Muslime angehören, darin der Islamismus. Der Salafismus überlappt den Islamismus an dessen unterem Rand und reicht teilweise über ihn hinaus. Auf der Schnittzone beider sitzt als kleine weiße Fläche der gewalttätige Dschihadismus, an seinem Rand al-Qaida als Punkt.

Die Vorlage entstand in West Point: Das Combating Terrorism Center veröffentlichte im November 2006 die Studie »Militant Ideology Atlas«, die auf einer Zitationsanalyse der meistgelesenen Texte der zentralen Online-Bibliothek al-Qaidas beruht. Ihr Schaubild »Diagram 1: Jihadi Constituencies« ordnet dieselben Konstituenzen als ineinander liegende Kreise an, außen die Muslime, dann Islamisten und Salafisten, innen die Dschihadisten; ausdrücklich hält die Studie fest, die meisten Salafisten seien keine Dschihadisten. Das Museum hat diese Darstellung übernommen, den Sunnismus als eigene Ebene ergänzt, Salafismus und Islamismus als einander überlappende Flächen gezeichnet und al-Qaida als Punkt an deren Schnittzone verortet.1 Jede Ebene ist eine kleine Teilmenge der vorherigen. Die Grafik verdeutlicht auch einen weiteren wichtigen Aspekt: Wer von al-Qaida auf »die Muslime« schließt, überspringt drei dieser Ebenen.
Zugleich hat das Modell eine klar umrissene Grenze: Es bildet Zugehörigkeiten ab und trifft keine Aussage über Einstellungen. Die Zustimmung zu bin Laden reichte nach den Anschlägen weit über den Kreis der Organisation hinaus. Das Pew Research Center maß 2003 Vertrauenswerte für den al-Qaida-Führer von 72 Prozent in den palästinensischen Gebieten, 59 Prozent in Indonesien und 56 Prozent in Jordanien; in Pakistan lag der Wert 2005 bei 52 Prozent. Erst im Lauf des folgenden Jahrzehnts, auch unter dem Eindruck der Anschläge al-Qaidas auf muslimische Zivilisten, brachen diese Werte ein.2
Die Ideologie al-Qaidas
Al-Qaida, 1988 vom saudischen Staatsbürger Osama bin Laden gegründet, so beschreibt es die Ausstellungstafel, sei von einer Strömung islamistischen Denkens des 20. Jahrhunderts beeinflusst worden, die den langen Niedergang der kollektiven Macht der Muslime auf deren Abweichung vom religiösen Gesetz zurückführte. Die Organisation habe Gewalt eingesetzt, um Muslime weltweit zu überzeugen, sie könnten den Einfluss des Westens und insbesondere der USA in mehrheitlich muslimischen Ländern brechen. Das Endziel der Terrororganisation fasst die Tafel in einem einzigen Satz:
»Für al-Qaida werden Muslime erst dann, wenn sie vollständig innerhalb des islamischen Rechts leben – nötigenfalls unter Rückgriff auf Gewalt, um ihre Gegner zu besiegen –, die Bestimmung des Islam zu Führung und Einfluss in der Weltordnung zurückerlangen können« (im Original: »For al-Qaeda, only when Muslims live fully within Islamic law—if necessary, resorting to violence to defeat their opponents—will they be able to reclaim Islam’s destiny of leadership and influence in the world order«).
Auch die Rechtfertigungsrhetorik der Terroristen wird benannt, allerdings mit sprachlicher Distanz: Al-Qaida führe »perceived injustices« an, also wahrgenommene Ungerechtigkeiten, um ihre Gewalt zu legitimieren. Genannt werden die Unterdrückung von Muslimen durch US-gestützte Regime, die amerikanische Unterstützung Israels und der korrupte Umgang arabischer Staaten mit Ölreichtum.
Eingebettet ist all das in die Vorgeschichte: den sowjetisch-afghanischen Krieg (1979–1989) und die »Arab Afghans« um bin Laden, die aus dem vermeintlichen Sieg über eine Supermacht die Zuversicht zogen, auch die verbliebene Supermacht USA herausfordern zu können. Diese Selbstermächtigung dokumentiert die Ausstellung mit einem Wandzitat aus bin Ladens Interview mit dem ABC-Reporter John Miller vom Mai 1998:
»Die Sowjetunion war für immer verschwunden. Wir sind gewiss, dass wir – mit der Gnade Allahs – über die Amerikaner und über die Juden siegen werden« (im Original: »Gone was the Soviet Union forever. We are certain that we shall—with the grace of Allah—prevail over the Americans and over the Jews«).

Wer hinter dem Museum steht
Getragen wird das Haus von einer privaten, gemeinnützigen Stiftung, der National September 11 Memorial & Museum at the World Trade Center Foundation. Den Vorsitz des Kuratoriums führt der frühere New Yorker Bürgermeister Michael R. Bloomberg; im Board of Trustees sitzen unter anderem zehn Angehörige von Opfern der Anschläge. Seit 2022 steht die Historikerin und Luftwaffenveteranin Elizabeth L. Hillman dem Museum als Präsidentin und CEO vor; zuvor leitete sie das Mills College in Oakland, Kalifornien, bis zu dessen Fusion mit der Northeastern University. Sie folgte auf Alice M. Greenwald, die das Museum ab 2006 als Gründungsdirektorin aufgebaut hatte und zuvor als Associate Museum Director am United States Holocaust Memorial Museum in Washington tätig gewesen war.
Das Gewicht der dort getroffenen Begriffsentscheidungen reicht weit über die Ausstellung selbst hinaus. Das Museum versteht sich, in den Worten Greenwalds, als »die maßgebliche Autorität zur Geschichte der Anschläge vom 11. September« (im Original: »the preeminent authority on the history of the 9/11 attacks«), es wird über den 9/11 Memorial Act mit Bundesmitteln gefördert. Wie dieses Haus »Islamismus« definiert, prägt damit das Verständnis der rund 100 Millionen US-Amerikaner, die zum Zeitpunkt der Anschläge noch nicht lebten, und darüber hinaus das eines weltweiten Publikums.
Endnoten
- William McCants (Hrsg.) (November 2006): Militant Ideology Atlas. Executive Report. West Point (Combating Terrorism Center at the U.S. Military Academy). Online verfügbar unter: LINK ↩︎
- Pew Research Center (2. Mai 2011): Osama bin Laden Largely Discredited Among Muslim Publics in Recent Years. Online verfügbar unter: LINK ↩︎
Die zitierten Ausstellungstexte stammen von den Tafeln »Islamism and the Roots of al-Qaeda« und »Al-Qaeda in the context of the broader Muslim world« der Ausstellung des National September 11 Memorial & Museum, New York City, Stand September 2026 | 911memorial.org