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Isla­mis­mus in Ost­deutsch­land – Hand­rei­chung des Ver­fas­sungs­schut­zes für Kom­mu­nen, Lan­des­be­hör­den und Prä­ven­ti­ons­ak­teu­re

In der Handreichung »Islamismus in Sachsen-Anhalt« beschreibt der Verfassungsschutz Besonderheiten islamistischer Strukturen in Ostdeutschland und formuliert konkrete Präventionsansätze. Dabei wird die vom staatlich geförderten Netzwerk »KN:IX« verbreitete These ausdrücklich als empirisch nicht belegbar zurückgewiesen, wonach angeblich spezifische Diskriminierungs- und Benachteiligungserfahrungen von Muslimen in Ostdeutschland zu einer besonderen islamistischen Radikalisierungsdynamik führen würden.

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Das Innen­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Sach­sen-Anhalt (Abtei­lung Ver­fas­sungs­schutz) hat eine 25-sei­ti­ge Hand­rei­chung für »Kom­mu­nen, Lan­des­be­hör­den und Prä­ven­ti­ons­ak­teu­re zu den Beson­der­hei­ten der isla­mis­ti­schen Sze­ne in Ost­deutsch­land und den Her­aus­for­de­run­gen für die Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on« ver­öf­fent­licht.

Isla­mis­mus als tota­li­tä­re Ideo­lo­gie und Beson­der­hei­ten in Ost­deutsch­land

Die Publi­ka­ti­on »Isla­mis­mus in Sach­sen-Anhalt« unter­schei­det aus­drück­lich zwi­schen »isla­misch« und »isla­mis­tisch« und defi­niert Isla­mis­mus als poli­ti­sche Ideo­lo­gie mit tota­li­tä­rem Anspruch:

»Isla­mis­ti­sche« Islam­vor­stel­lun­gen behar­ren dar­auf, die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on auf­zu­he­ben, um mit der Reli­gi­on des Islam eine poli­tisch nor­ma­ti­ve Ord­nungs­funk­ti­on aus­üben und das öffent­li­che Leben nach reli­giö­sen Vor­ga­ben umge­stal­ten zu kön­nen. Damit sind oft tota­li­tä­re und auto­ri­tä­re Ambi­tio­nen ver­bun­den, die den Vor­stel­lun­gen eines libe­ra­len, demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes zuwi­der­lau­fen. Der Unter­schied zwi­schen »isla­misch« und »isla­mis­tisch« betrifft dem­nach zum einen die Fra­ge nach dem öffent­lich-recht­li­chen Gel­tungs­be­reich reli­giö­ser Ein­stel­lungs- und Ver­hal­tens­nor­men. Zum ande­ren ist es die Fra­ge, inwie­weit man als Muslim/Muslima einer poli­ti­schen Bestre­bung zuge­hö­rig ist, die aktiv für die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Durch­set­zung von islam­recht­li­chen Nor­men kämpft – und dies unab­hän­gig davon, ob die­ses Ziel mit gewalt­sa­men oder gewalt­lo­sen Mit­teln erreicht wer­den soll. Mus­li­me, die aktiv an sol­chen Bestre­bun­gen betei­ligt sind, wer­den als Isla­mis­ten bezeich­net.

Grund­le­gend heißt es wei­ter:

Der Isla­mis­mus hat zum Ziel, eine theo­kra­ti­sche Staats- und Gesell­schafts­ord­nung zu errich­ten (arab.: an-nizam al-isla­mi). Die­se Ord­nung soll ein demo­kra­tisch ver­fass­tes Gemein­we­sen – mit­hin die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung – erset­zen, das Prin­zip der Volks­sou­ve­rä­ni­tät abschaf­fen, die Unab­hän­gig­keit der Gerich­te been­den, Mei­nungs­frei­heit, Wer­te­plu­ra­lis­mus sowie das Mehr­par­tei­en­prin­zip und das Recht auf Oppo­si­ti­on auf­he­ben. Der Isla­mis­mus ist somit weni­ger eine Wie­der­be­le­bung vor­mo­der­ner Reli­gio­si­tät, son­dern viel­mehr eine Wider­le­gung der Prin­zi­pi­en, die dem moder­nen, demo­kra­ti­schen Rechts­staat zugrun­de lie­gen.

Die Hand­rei­chung unter­schei­det sala­fis­ti­schen, jiha­dis­ti­schen und lega­lis­ti­schen Isla­mis­mus und beschreibt deren Auf­tre­ten in Ost­deutsch­land. Zu den Unter­schie­den zwi­schen Ost und West wird unter ande­rem fest­ge­stellt: Wäh­rend in west­deut­schen Bun­des­län­dern »tür­kisch gepräg­te isla­mis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen aktiv sind (Kali­fats­staat, Mil­li Görüs, DITIB, Fur­kan-Gemein­schaft), spie­len die­se in Ost­deutsch­land kei­ne Rol­le. Viel­mehr domi­nie­ren hier Akteu­re ins­be­son­de­re mit einem ara­bi­schen oder tsche­tsche­ni­schen Migra­ti­ons­hin­ter­grund.«

Her­vor­ge­ho­ben wird, dass es im Osten bis­lang nur eine gerin­ge Zahl an als extre­mis­tisch ein­ge­stuf­ten Moschee­ver­ei­nen gebe. Zugleich wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Anteil von Isla­mis­ten, die erst seit 2015 mit der Migra­ti­ons­be­we­gung nach Deutsch­land gekom­men sind, in Ost­deutsch­land beson­ders hoch ist. Dazu zäh­len ins­be­son­de­re ehe­ma­li­ge Kämp­fer von jiha­dis­ti­schen Kampf­bri­ga­den aus Syri­en und Irak, aber vor allem tsche­tsche­ni­sche Akteu­re, die teil­wei­se an meh­re­ren Kampf­plät­zen im Aus­land im Ein­satz waren.

KN:IX-These über isla­mis­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung in Ost­deutsch­land nicht empi­risch beleg­bar

Aus­drück­lich wider­spricht der Ver­fas­sungs­schutz einer The­se, die von einem Netz­werk aus Inter­es­sen­grup­pen im Bereich der Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on ver­tre­ten wird, näm­lich dass »der sozi­al­po­li­ti­sche Kon­text in Ost­deutsch­land eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung für die Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on sei: das Erstar­ken rechts­extre­mis­ti­scher und rechts­po­pu­lis­ti­scher Strö­mun­gen, Sym­pa­thien für mus­lim­feind­li­che und isla­mo­pho­be Ein­stel­lun­gen in Tei­len der ost­deut­schen Bevöl­ke­rung. Dis­kri­mi­nie­rungs- und Benach­tei­li­gungs­er­fah­run­gen von Mus­li­men in Ost­deutsch­land wür­den das Risi­ko erhö­hen, dass die­se mehr als anders­wo in die Fän­ge isla­mis­ti­scher Pro­pa­gan­da und von deren Mis­sio­na­ren gerie­ten.«

In die­sem Zusam­men­hang ver­weist der Ver­fas­sungs­schutz kri­tisch auf Ver­an­stal­tungs­bei­trä­ge und Ver­öf­fent­li­chun­gen des Netz­werks »Isla­mis­ti­scher Extre­mis­mus (KN:IX)«,1 einem von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft reli­gi­ös begrün­de­ter Extre­mis­mus (BAG RelEx), dem Vio­lence Pre­ven­ti­on Net­work (VPN) und ufuq.de getra­ge­nen bun­des­wei­ten Ver­eins- und Unter­neh­mens­ver­bund, der umfang­rei­che öffent­li­che För­de­rung durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung, Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend (BMBFSFJ) im Rah­men des Bun­des­pro­gramms »Demo­kra­tie leben!« erhielt.

In aller Deut­lich­keit der Ableh­nung stellt der Ver­fas­sungs­schutz an zwei Stel­len in der Hand­rei­chung fest:

  • »Die­se Aus­sa­ge lässt sich empi­risch nicht bele­gen.«
  • »Die oben erwähn­te Annah­me, die beson­de­ren Kon­text­be­din­gun­gen (Mus­lim­feind­lich­keit und Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen etc.) wür­den im Ergeb­nis dazu füh­ren, dass sich rela­tiv betrach­tet in Ost­deutsch­land mehr Mus­li­me in Ost­deutsch­land dem Isla­mis­mus zuwen­den als in West­deutsch­land, trifft somit nicht zu. Die­se beson­de­ren Kon­text­be­din­gun­gen machen also gera­de nicht die Spe­zi­fik Ost­deutsch­lands aus.«

Kon­kre­te Hand­lungs­fel­der

In der Hand­rei­chung wird auf Erkennt­nis­se aus der von der Giord­a­no-Bru­no-Stif­tung (GBS) unter­stütz­ten Umfra­ge »Islam und Isla­mis­mus« des Insti­tuts für Demo­sko­pie (IfD) Allens­bach aus dem Jahr 2021 ein­ge­gan­gen:

Bei der Berück­sich­ti­gung regio­na­ler und loka­ler Beson­der­hei­ten soll­te bei Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men in Ost­deutsch­land die Melan­ge aus religionskritischen/atheistischen bzw. reli­gi­ons­fer­nen Ein­stel­lun­gen in der Bevöl­ke­rung eine Rol­le spie­len. Umfra­gen haben erge­ben, dass älte­re und sozi­al benach­tei­lig­te Men­schen beson­ders häu­fig zu nega­ti­ven Pau­scha­li­sie­run­gen in Bezug auf die isla­mi­sche Reli­gi­on nei­gen und eher gerin­ges Wis­sen über inner­is­la­mi­sche Bin­nen­dif­fe­ren­zie­run­gen besit­zen. Hier könn­ten bestimm­te For­ma­te der Öffent­lich­keits­ar­beit (Sen­si­bi­li­sie­rungs- und Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen) hel­fen, die nicht-extre­mis­ti­sche Aus­prä­gun­gen des Islam genau­so zu the­ma­ti­sie­ren wie isla­mi­sche Viel­falt und Man­nig­fal­tig­keit, was Pau­scha­li­sie­run­gen ent­ge­gen­wir­ken kann. Gleich­zei­tig wird so auch der Blick geschult für Ver­hal­tens­wei­sen, die nicht mehr in den isla­misch-reli­giö­sen Bereich gehö­ren, son­dern bereits Anzei­chen einer isla­mis­ti­schen Radi­ka­li­sie­rung dar­stel­len.

Abschlie­ßend for­mu­liert die Hand­rei­chung kon­kre­te Hand­lungs­fel­der für eine wirk­sa­me Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on in ost­deut­schen Bun­des­län­dern. Grund­la­ge müs­se eine pra­xis- und empi­rie­ge­lei­te­te Betrach­tung des Phä­no­mens »Isla­mis­mus in Ost­deutsch­land« sein, um Erkennt­nis­se gezielt für Maß­nah­men­um­set­zung und Res­sour­cen­ein­satz nutz­bar zu machen. Als Bei­spiel wird der hohe Anteil tsche­tsche­ni­scher Fami­li­en­ver­bän­de genannt.

Zugleich warnt die Bro­schü­re davor, Kon­zep­te und Maß­nah­men unre­flek­tiert aus west­deut­schen Bun­des­län­dern zu über­neh­men. Denn: Ori­en­tier­ten sich Maß­nah­men aus­schließ­lich an dor­ti­gen Erfah­run­gen, könn­ten sie ins Lee­re lau­fen. Wäh­rend etwa in west­deut­schen Län­dern Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten als zen­tra­le Rekru­tie­rungs­or­te im Fokus stün­den, hät­ten Gefäng­nis­se in ost­deut­schen Bun­des­län­dern bis­lang nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le bei Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen gespielt. Statt­des­sen sei fach­lich zu prü­fen, inwie­weit eige­ne Prä­ven­ti­ons­schwer­punk­te an tat­säch­li­chen Brenn­punk­ten aus­ge­rich­tet wer­den müss­ten – etwa in Kampf­sport­ver­ei­nen, Fami­li­en­ver­bün­den oder im schu­li­schen Umfeld.


  • Minis­te­ri­um für Inne­res und Sport des Lan­des Sach­sen-Anhalt (Janu­ar 2025): Isla­mis­mus in Sach­sen-Anhalt. Unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Situa­ti­on mus­li­mi­schen Lebens in Ost­deutsch­land. Online abruf­bar als PDF unter: LINK


End­no­ten

  1. Auf S. 20 schreibt der Ver­fas­sungs­schutz: »Beson­ders dezi­diert wur­de die­ser Ansatz von Orga­ni­sa­to­ren der Fach­ta­gung: Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on – im Osten was Neu­es? (2021) ver­tre­ten«; zusam­men­ge­fasst in: Saki­na Abu­shi (ufuq.de) und Hans Gol­den­baum (Mul­ti­kul­tu­rel­les Zen­trum Des­sau), Im Osten was Neu­es? Prä­ven­ti­ons­pra­xis in Ost­deutsch­land, in: KN:IX-Report 2021, S. 68–73. Und: »Bereits der Zusam­men­hang zwi­schen >anti­mus­li­mi­schem Ras­sis­mus< und isla­mis­ti­schen Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen wird zumeist nur behaup­tet, aber nicht belegt.« Wie bei­spiels­wei­se in: Rüdi­ger José Hamm (BAG RelEx), Anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus: Aus­wir­kun­gen auf Demo­kra­tie­för­de­rung und Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on, in: KN:IX-Report 2021, S. 52–57. Lite­ra­tur­hin­wei­se auf den KN:IX-Report in den Fuß­no­ten 38 und 39. ↩︎