Poli­ti­scher Islam und Lai­zis­mus in der Tür­kei – die Rol­le der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen CHP

Der Journalist und frühere Cumhuriyet-Chefredakteur Can Dündar analysiert die Neupositionierung der türkischen Oppositionspartei CHP zwischen Laizismus und Islamismus im Machtgefüge der Erdoğan-Ära.
Dr. Can Dündar (Bild: Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons)

Die Repu­bli­ka­ni­sche Volks­par­tei (CHP – Cum­hu­ri­y­et Halk Par­ti­si) ist heu­te eine der stärks­ten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en Euro­pas – womög­lich sogar die stärks­te. Bei den Kom­mu­nal­wah­len 2024 erziel­te sie mit 37,8 Pro­zent ihr bes­tes Ergeb­nis seit 1977. Der neue Par­tei­vor­sit­zen­de Özgür Özel kom­men­tier­te die­sen Erfolg mit den Wor­ten: »Wir haben die glä­ser­ne Decke von 25 Pro­zent durch­bro­chen.« Tat­säch­lich war es der CHP seit dem Mili­tär­putsch von 1980 bei kei­ner Wahl gelun­gen, die­se Schwel­le zu über­schrei­ten. Aktu­el­le Umfra­gen deu­ten zudem dar­auf hin, dass sie bei den nächs­ten Par­la­ments­wah­len erst­mals über 30 Pro­zent kom­men könn­te.

Wie kam es zu die­sem Erfolg? Was hat die CHP anders gemacht, sodass sie die AKP von Prä­si­dent Recep Tayyip Erdoğan, die sich seit nahe­zu einem Vier­tel­jahr­hun­dert an der Macht befin­det, hin­ter sich las­sen konn­te?

Auf­stieg aus der Oppo­si­ti­on

Die Grün­de sind viel­fäl­tig: ein ent­schlos­se­ner Par­tei­vor­sit­zen­der, neue Füh­rungs­ka­der und ein zeit­ge­mä­ßes Pro­gramm; erfolg­rei­che kom­mu­na­le Regie­rungs­ar­beit, eine hohe Mobi­li­sie­rung der Anhän­ger­schaft, das Auf­bre­chen des Images einer »zur Oppo­si­ti­on ver­ur­teil­ten Par­tei« und die Wie­der­be­le­bung der Hoff­nung, eine rea­le Regie­rungs­al­ter­na­ti­ve zu sein. Hin­zu kom­men neue poli­ti­sche Bünd­nis­se, der muti­ge Wider­stand gegen die Ein-Mann-Herr­schaft, die Abkehr von iden­ti­täts- hin zu klas­sen­po­li­ti­schen Ansät­zen sowie die enge Zusam­men­ar­beit mit euro­päi­schen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Part­nern. So wirkt sie in der Pro­gres­si­ven Alli­anz mit und ist Schwes­ter­par­tei der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands (SPD). Bei­de Par­tei­en haben ihre Zusam­men­ar­beit in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus­ge­baut und den poli­ti­schen Dia­log zu Fra­gen von Demo­kra­tie, Frie­den und den Bezie­hun­gen zwi­schen der Tür­kei und der Euro­päi­schen Uni­on inten­si­viert. Die enge Ver­bin­dung zeig­te sich auch dar­in, dass CHP-Vor­sit­zen­der Özgür Özel im Juni 2025 als Gast­red­ner auf dem SPD-Bun­des­par­tei­tag auf­trat.

Ein wei­te­rer, nicht min­der wich­ti­ger Fak­tor ist, dass es der CHP gelun­gen ist, Auf­merk­sam­keit in Erdoğans bis­lang als uner­schüt­ter­lich gel­ten­der Wäh­ler­ba­sis zu gene­rie­ren. Özgür Özel tritt bewusst in kon­ser­va­ti­ven Städ­ten auf, in denen über Jah­re und Jahr­zehn­te hin­weg fast aus­schließ­lich die AKP gewählt wur­de, spricht natio­na­lis­ti­sche und reli­giö­se Wäh­ler an und for­dert Erdoğan auf des­sen eige­nem Ter­rain her­aus. Dabei bewegt sich der jun­ge Par­tei­vor­sit­zen­de mehr oder min­der auf einem Minen­feld: Auf der einen Sei­te ste­hen die tra­di­tio­nel­len, strikt lai­zis­ti­schen Par­tei­krei­se, auf der ande­ren die Not­wen­dig­keit, neue Wäh­ler­schich­ten zu erschlie­ßen. Letz­te­res ver­langt unbe­dingt eine Revi­si­on der poli­ti­schen Hal­tung der CHP gegen­über dem Islam und dem Poli­ti­schen Islam – ein risi­ko­rei­ches Unter­fan­gen, das eine genaue­re Betrach­tung ver­dient.

Lai­zis­mus im Wan­del

Die Geschich­te der CHP ist geprägt von ideo­lo­gi­schen Wen­dun­gen im Umgang mit Reli­gi­on und ihrer Rol­le im öffent­li­chen Leben. In den frü­hen Jah­ren der Repu­blik wur­den har­te lai­zis­ti­sche Maß­nah­men durch­ge­setzt, um die Reli­gi­on aus ihrer domi­nie­ren­den Stel­lung im öffent­li­chen Raum in den pri­va­ten Bereich des Gewis­sens zurück­zu­drän­gen. Mit dem Über­gang zum Mehr­par­tei­en­sys­tem ab 1946 jedoch zwan­gen poli­ti­scher Wett­be­werb und Wäh­ler­druck die CHP dazu, von die­ser wenig frei­heit­li­chen, har­ten Lai­zis­mus­li­nie abzu­rü­cken und Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen. Frei­wil­li­ger Reli­gi­ons­un­ter­richt wur­de ein­ge­führt, und unter der Bezeich­nung »imam-hatip-kurs­ları«1 ent­stan­den die ers­ten Grund­pfei­ler jener »Imam-Hatip-Schu­len«, die spä­ter zu Hoch­bur­gen des poli­ti­schen Islam wer­den soll­ten. Die­se Zuge­ständ­nis­se bezüg­lich der Auf­wei­chung des Lai­zis­mus­ver­ständ­nis­ses brach­ten der CHP nicht nur kei­ne zusätz­li­chen Stim­men, sie stärk­ten viel­mehr ihre kon­ser­va­ti­ven Riva­len und ebne­ten der Instru­men­ta­li­sie­rung der Reli­gi­on in der Poli­tik den Weg.

Wäh­rend der Erdoğan-Ära zeig­te die CHP zeit­wei­se erneut eine har­te lai­zis­ti­sche Linie und unter­stütz­te in die­ser Fra­ge das Mili­tär: Par­tei­ver­bot für die AKP, Ein­schrän­kung der Imam-Hatip-Schu­len, staat­li­che Kon­trol­le über die Korankur­se und die Stu­den­ten­hei­me der reli­giö­sen Orden sowie das Kopf­tuch­ver­bot an Uni­ver­si­tä­ten. Dabei agier­te sie im Schul­ter­schluss mit dem Mili­tär. Doch die reli­giö­sen Gene­ra­tio­nen, die seit den 1950er-Jah­ren aus den Imam-Hatip-Schu­len her­vor­ge­gan­gen waren und spä­ter die Wäh­ler­ba­sis des Poli­ti­schen Islam bil­de­ten, reagier­ten auf die­sen auto­ri­tä­ren Lai­zis­mus mit Ableh­nung, wie die CHP an den Wahl­er­geb­nis­sen spü­ren konn­te.

Aus die­sen Erfah­run­gen zog die heu­ti­ge CHP-Füh­rung ihre Leh­ren und ent­wi­ckel­te eine fle­xi­ble­re Posi­ti­on zum Lai­zis­mus. Die­se möch­te ich fol­gen­der­ma­ßen zusam­men­fas­sen: Kampf gegen den Poli­ti­schen Islam, ohne gläu­bi­ge Mus­li­me aus­zu­gren­zen.

Neue Linie gegen­über Reli­gi­on und Poli­ti­schem Islam

Wäh­rend Sozi­al­de­mo­kra­ten wei­ter­hin ent­schie­den gegen die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung der Reli­gi­on ein­tre­ten, beto­nen sie nun stär­ker die zuvor ver­nach­läs­sig­te Reli­gi­ons- und Glau­bens­frei­heit. Respekt vor reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen und Spi­ri­tua­li­tät zu zei­gen und zugleich klar zu ver­hin­dern, dass Reli­gi­on für poli­ti­sche Zwe­cke miss­braucht wird – oder Poli­tik reli­gi­ös instru­men­ta­li­siert wird –, die­se Hal­tung bil­det den Kern die­ser neu­en Linie.

Im Pro­gramm­ent­wurf der CHP mit dem Titel »Auf­ruf zum zwei­ten Jahr­hun­dert«2 wird der Lai­zis­mus aus­drück­lich nicht als reli­gi­ons­feind­li­ches Prin­zip defi­niert. Viel­mehr gilt er als Garan­tie der Reli­gi­ons­frei­heit und als Grund­la­ge für das fried­li­che Zusam­men­le­ben unter­schied­li­cher Glau­bens­rich­tun­gen in gegen­sei­ti­ger Tole­ranz. Lai­zis­mus wird als Frei­heits­prin­zip beschrie­ben, das den Glau­ben der Bür­ger vor poli­ti­schem Druck schützt und damit gesell­schaft­li­chen Frie­den sichert. Die Rol­le des Staa­tes wird dar­in klar bestimmt: Äqui­di­stanz zu allen Glau­bens­rich­tun­gen.

Das neue Pro­gramm ver­zich­tet bewusst auf Begrif­fe wie »geri­ci­lik« oder »irti­ca«,3 die frü­he­re Debat­ten geprägt hat­ten, und beruft sich statt­des­sen auf den uni­ver­sel­len Wert der Glau­bens­frei­heit. Auch bei der Ver­tei­di­gung der staat­li­chen Reli­gi­ons­be­hör­de Diya­net wird betont, dass eine Über­tra­gung reli­giö­ser Dienst­leis­tun­gen an die Zivil­ge­sell­schaft von­stat­ten­ge­hen muss, aller­dings erst, wenn jeg­li­che Bedro­hung des Lai­zis­mus dau­er­haft über­wun­den ist. Dahin­ter steht die Sor­ge, dass Moscheen andern­falls unter die Kon­trol­le noch pro­ble­ma­ti­sche­rer Orga­ni­sa­tio­nen gera­ten könn­ten.

Der strikt lai­zis­ti­sche Par­tei­flü­gel kri­ti­siert das neue Pro­gramm als zu libe­ral. Moniert wird, dass zen­tra­le For­de­run­gen feh­len: eine Begren­zung der Macht der Diya­net,4 die Abschaf­fung des ver­pflich­ten­den Reli­gi­ons­un­ter­richts, die Rück­füh­rung der Imam-Hatip-Schu­len auf ihren Cha­rak­ter als reli­giö­se Berufs­schu­len, die Schlie­ßung ille­ga­ler Korankur­se sowie ein reli­gi­ons­kund­li­cher Unter­richt, der Wis­sen über ver­schie­de­ne Glau­bens­rich­tun­gen ver­mit­telt statt Bekennt­nis­un­ter­richt. Zudem wird befürch­tet, dass die Beto­nung, nie­mand dür­fe wegen Lebens­stil oder Glau­ben dis­kri­mi­niert wer­den, das Kopf­tuch im öffent­li­chen Raum legi­ti­miert oder poli­ti­sche Insze­nie­run­gen mit dem Koran in der Hand unter dem Deck­man­tel von Frei­heit und Inklu­si­on schützt. Auch die Neu­tra­li­tät des Staa­tes gegen­über Glau­bens­ge­mein­schaf­ten wird als poten­zi­el­les Ein­falls­tor für eine stär­ke­re Orga­ni­sie­rung von Orden und reli­giö­sen Netz­wer­ken gese­hen.

Ein Teil die­ser Kri­tik ist nicht unbe­grün­det. Den­noch lässt sich fest­stel­len, dass die neue CHP-Füh­rung dar­auf abzielt, den Ein­fluss des poli­ti­schen Islam auf den Staat zurück­zu­drän­gen, ohne gläu­bi­ge Men­schen zu ver­let­zen oder aus­zu­gren­zen. Özgür Özel ver­sucht, gegen­über einem Prä­si­den­ten, der Poli­tik von der Kan­zel betreibt, eine »from­me Gene­ra­ti­on« pro­pa­giert und sei­ne Geg­ner mit reli­giö­sen Sym­bo­len dif­fa­miert, eine ratio­na­le Gegen­li­nie zu ent­wi­ckeln. Dabei bemüht er sich, zwi­schen ech­ter Reli­gio­si­tät und reli­giö­sem Macht­miss­brauch zu dif­fe­ren­zie­ren.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Regie­rung in den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren ihre isla­mis­ti­sche Basis sys­te­ma­tisch über Diya­net, Korankur­se, Imam-Hatip-Schu­len, Moscheen, Uni­ver­si­tä­ten und Medi­en immer wei­ter aus­ge­baut hat, ist es offen­sicht­lich, wie schwie­rig es ist, mit einem star­ren lai­zis­ti­schen Ansatz Wah­len zu gewin­nen. In die­sem poli­ti­schen Kli­ma braucht es ein sen­si­bles Gleich­ge­wicht, um den Unter­schied zwi­schen Reli­gi­ons­frei­heit und reli­giö­ser Herr­schaft klar zu benen­nen. Genau das ver­sucht die CHP.

Dies jedoch pau­schal als Zuge­ständ­nis an den Poli­ti­schen Islam zu bezeich­nen, wäre ver­kürzt und unge­recht gegen­über der CHP.

Als im ver­gan­ge­nen Som­mer das Sati­re­ma­ga­zin Leman, oft als »Char­lie Heb­do der Tür­kei« bezeich­net, wegen einer Moham­med-Kari­ka­tur von fana­ti­schen Grup­pen ange­grif­fen wur­de5, ent­schie­den sich vie­le Poli­ti­ker – dar­un­ter auch pro­mi­nen­te sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Bür­ger­meis­ter aus Anka­ra und Istan­bul – für den ein­fa­chen Weg und ver­ur­teil­ten das Maga­zin. Özgür Özel hin­ge­gen ging bewusst ein Risi­ko ein und ver­tei­dig­te Leman:

»Ich hät­te mich der auf­ge­brach­ten Men­ge anschlie­ßen kön­nen, ohne mir die Kari­ka­tur anzu­se­hen – das wäre der ein­fa­che Weg gewe­sen. Ich appel­lie­re an die gewis­sen­haf­ten Kon­ser­va­ti­ven: Geht und schaut euch die Kari­ka­tur an. Ich dul­de weder Respekt­lo­sig­keit gegen­über dem Pro­phe­ten Moham­med noch gesell­schaft­li­chen Lynch­mob wegen einer Respekt­lo­sig­keit, die gar nicht statt­ge­fun­den hat. Jeder muss begrei­fen, dass er an der rich­ti­gen Stel­le ste­hen soll­te.«

Vor dem Hin­ter­grund frü­he­rer Zuge­ständ­nis­se der CHP an poli­ti­sche Isla­mis­ten, um reli­giö­se Wäh­ler nicht zu ver­un­si­chern, mar­kiert die­se Hal­tung einen Wen­de­punkt. Trotz aller Kri­tik deu­tet das neue Par­tei­pro­gramm auf eine zeit­ge­mä­ße Linie hin: glau­bens­freund­lich, ohne den Lai­zis­mus preis­zu­ge­ben. Gelingt es der CHP, die durch reli­giö­se Pro­pa­gan­da ver­eng­ten Tei­le der Gesell­schaft davon zu über­zeu­gen, dass der Lai­zis­mus auch die Gläu­bi­gen schützt, könn­te sich für die Tür­kei tat­säch­lich das Tor zu einer neu­en Epo­che öff­nen.

  • Aus dem Tür­ki­schen über­setzt von Lale Akgün.


Can Dündar ist Jour­na­list und Doku­men­tar­fil­mer. Er war Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung Cum­hu­ri­y­et, die von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung (BPB) zu die­ser Zeit als »sä­ku­la­res Qua­li­täts­blatt« und als »eine der letz­ten oppo­si­tio­nel­len Zei­tun­gen« der Tür­kei ein­ge­ord­net wur­de und 2016 den Alter­na­ti­ven Nobel­preis (Right Liveli­hood Award) erhielt. Nach mas­si­ven Bedro­hun­gen und Repres­sio­nen unter Prä­si­dent Recep Tayyip Erdoğan lebt Dündar seit 2016 im Exil in Deutsch­land. Er setzt sich wei­ter­hin publi­zis­tisch für Pres­se­frei­heit, Demo­kra­tie und gegen auto­kra­ti­sche und isla­mis­ti­sche Bestre­bun­gen ein.


Neu­es Buch im Okto­ber 2025 erschie­nen

Dündar, Can: Ich traf mei­nen Mör­der. Ein Jour­na­list und die dunk­len Sei­ten der Macht. Aus dem Tür­ki­schen von Sabi­ne Ada­te­pe. Ber­lin: Galia­ni Ber­lin 2025. ISBN 978–3‑86971–291‑8


End­no­ten

  1. Anmer­kung der Über­set­ze­rin: »Imam- und Pre­di­ger­kur­se« – so die gän­gi­ge Über­set­zung – wur­den in der Tür­kei 1949 ein­ge­führt, um den Bedarf an Ima­men und Pre­di­gern zu decken. Eta­bliert wur­den sie jedoch erst ab 1951 unter der kon­ser­va­tiv-isla­mi­schen »Demo­krat Par­ti­si« (Demo­kra­ti­sche Par­tei) als »imam-hatip-lise­l­e­ri«, also als »Imam- und Pre­di­ger­gym­na­si­en«. Am 17. Okto­ber 1951 wur­den in sie­ben Städ­ten, dar­un­ter Istan­bul, die ers­ten sie­ben die­ser Schu­len eröff­net. Heu­te gibt es in der Tür­kei rund 4.500 Imam- und Pre­di­ger-Mit­tel- und ‑Gym­na­si­en. Das Aus­maß der Ver­brei­tung reli­giö­ser Erzie­hung im Schul­we­sen zeigt sich auch dar­an, dass es im Jahr 2010 erst 952 die­ser Schu­len gab. Die genann­ten Zah­len stam­men aus offi­zi­el­len Anga­ben des tür­ki­schen Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums. ↩︎
  2. Anm. d. Übers.: Die tür­ki­sche Repu­blik wur­de 1923 gegrün­det und ist somit im zwei­ten Jahr­hun­dert ihres Bestehens. ↩︎
  3. Anm. d. Übers.: Bei­de Begrif­fe bedeu­ten »Reak­tio­nis­mus« und bezie­hen sich in der tür­ki­schen Lai­zis­mus­de­bat­te auf den Islam. Wäh­rend sich »geri­ci­lik« auf Per­so­nen bezieht, die eine ableh­nen­de Hal­tung gegen­über dem lai­zis­ti­schen Staat ein­neh­men, wird »irti­ca« als For­de­rung ver­stan­den, den bestehen­den demo­kra­ti­schen Rechts­staat durch einen isla­mi­schen Staat zu erset­zen. Als his­to­ri­sches Vor­bild dient dabei das Osma­ni­sche Reich. ↩︎
  4. Anm. d. Übers.: Die Diya­net İşl­eri Baş­k­an­lığı (deutsch: »Prä­si­di­um für Reli­gi­ons­an­ge­le­gen­hei­ten«), meist kurz als »Diya­net« bezeich­net, ist eine staat­li­che Ein­rich­tung zur Ver­wal­tung reli­giö­ser Ange­le­gen­hei­ten in der Tür­kei und direkt Prä­si­dent Erdoğan unter­stellt. Das Bud­get der Diya­net betrug im Jahr 2025 130,01 Mrd. Tür­ki­sche Lira, was rund 2,6 Mil­li­ar­den Euro ent­spricht. Damit über­steigt es die zusam­men­ge­rech­ne­ten Bud­gets des Innen­mi­nis­te­ri­ums, des Außen­mi­nis­te­ri­ums, des Ener­gie­mi­nis­te­ri­ums sowie des Kul­tur- und Tou­ris­mus­mi­nis­te­ri­ums. Der Per­so­nal­be­stand der Diya­net umfasst mehr als 140.000 Per­so­nen. ↩︎
  5. Anm. d. Übers.: Am 26. Juni 2025 ver­öf­fent­lich­te das tür­ki­sche Sati­re­ma­ga­zin Leman eine Kari­ka­tur, auf der zwei Per­so­nen, schwe­bend über einer bom­bar­dier­ten Stadt, ein­an­der mit den Wor­ten »Sela­mün aley­küm, ich bin Muham­med« und »Aley­hem scha­lom, ich bin Moses« begrü­ßen (ara­bisch bzw. hebrä­isch: »Frie­de sei mit dir«). Nach der Ver­öf­fent­li­chung wur­den der Kari­ka­tu­rist sowie lei­ten­de Mit­ar­bei­ter der Zeit­schrift unter Beru­fung auf Arti­kel 216 des tür­ki­schen Straf­ge­setz­bu­ches (»Auf­sta­che­lung zu Hass und Feind­se­lig­keit oder Her­ab­wür­di­gung der Bevöl­ke­rung«) fest­ge­nom­men, da isla­mis­ti­sche Akteu­re in der dar­ge­stell­ten Figur eine Dar­stel­lung des Pro­phe­ten Moham­med sahen.
    Die Betrof­fe­nen wie­sen die Vor­wür­fe zurück, erklär­ten sich für nicht schul­dig und beton­ten, es hand­le sich nicht um den Pro­phe­ten Moham­med, son­dern um eine fik­ti­ve Per­son mit dem weit ver­brei­te­ten Vor­na­men Moham­med; welt­weit tra­gen über 200 Mil­lio­nen Men­schen die­sen Namen. Zudem gehe es in der Kari­ka­tur nicht um Reli­gi­on, son­dern um den Krieg in Gaza.
    Am 30. Juni 2025 kam es nach Auf­ru­fen isla­mis­ti­scher Krei­se zu einer Pro­test­ak­ti­on vor dem Redak­ti­ons­ge­bäu­de von Leman, bei der Demons­trie­ren­de ver­such­ten, in das Gebäu­de ein­zu­drin­gen. In sozia­len Medi­en ver­brei­te­te Video­auf­nah­men zei­gen, wie aus der Men­ge Paro­len wie »Hoch die Scha­ria« skan­diert und unter »Allahu-akbar«-Rufen Gebe­te abge­hal­ten wur­den.
    Prä­si­dent Erdoğan bezeich­ne­te die Kari­ka­tur als »eine Respekt­lo­sig­keit gegen­über unse­rem Pro­phe­ten, began­gen von sit­ten­lo­sen Men­schen ohne die Wer­te der Nati­on, die weder Anstand noch Moral ken­nen«, und erklär­te wei­ter: »Die­je­ni­gen, die unse­rem Gesand­ten Got­tes und unse­ren ande­ren Pro­phe­ten gegen­über respekt­los sind, wer­den dafür vor dem Gesetz zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Wir wer­den dem nach­ge­hen. Solan­ge wir die­se Ämter inne­ha­ben, wer­den wir in die­sem Land nicht zulas­sen, dass unter wel­chem Vor­wand auch immer unser Hei­ligs­tes belei­digt wird.« ↩︎