Am 25. Juli 2026 tötete ein Islamist auf dem Christopher Street Day in Berlin eine Frau und verletzte 29 Menschen, einige von ihnen lebensgefährlich. In einem Gastbeitrag für den SPIEGEL vom 1. August geht die Journalistin Ninve Ermagan der Frage nach, warum es Teilen der linken und queeren Community derart schwerfällt, die Gefahr klar zu benennen, die von radikalen Muslimen ausgeht.
Den Auftakt ihres Textes bildet eine Szene von der Gedenkveranstaltung vor dem Brandenburger Tor. Eine Rednerin bekannte dort auf offener Bühne: »Das Erste, was ich gedacht habe: Hoffentlich ist es kein Kanake.« Sie habe sich einen christlichen, weißen Täter gewünscht. Ermagan sieht in diesem Auftritt eine Verhöhnung aller Opfer des Islamismus. Die Rednerin scheine vor allem deshalb betroffen, weil der Täter ihrem Weltbild widerspreche.
Im Zentrum der Kritik stehen Äußerungen des Berliner Queer-Beauftragten Alfonso Pantisano (SPD). Dieser erklärte gegenüber dem RBB, die queere Community werde in erster Linie von rechts und von konservativen Kräften angegriffen. Auf Nachfrage eines Reporters bekräftigte er diese Sicht und ordnete die Islamisten den konservativen Kräften zu, da er dazu alle religiösen Gruppen zähle, die ein Problem mit queeren Menschen hätten. Sein Bruder, der Linken-Vorsitzende Luigi Pantisano, bezeichnete Islamisten im SPIEGEL-Interview als Teil der extremen Rechten. Ermagan hält beiden eine bemerkenswerte Umdeutung vor und fragt, wie jemand Homophobie glaubwürdig bekämpfen wolle, der es versäumt, die Ideologie konkret zu benennen, in deren Namen Homosexuelle weltweit verfolgt, gefoltert und ermordet werden.
Als weiteres Beispiel führt sie ein Instagram-Statement des Neuköllner Bezirksverbands der Linken an. Der Verband spricht den Opfern seine Solidarität aus und lenkt den Blick unmittelbar danach auf das Erstarken rechter und antifeministischer Kräfte, die den Boden für solche Angriffe bereitet hätten. Die reflexhaft mitgelieferte Warnung vor einer Instrumentalisierung der Tat deutet Ermagan als Ablenkungsmanöver, das die Auseinandersetzung mit der Bedrohung durch radikale Muslime erspart. Ihre Warnung ist deutlich: Wer das Problem selbst nach einer solchen Tat verschweigt, verweigert die Suche nach Lösungen und riskiert Wiederholungstaten.
Ermagan beschreibt, dass Homophobie aus mehreren Richtungen kommt. Rechtsextreme riefen zum Protest gegen den Berliner CSD auf, im Netz tobe ein rechter Mob, und Muslime müssten fürchten, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Für unangemessen hält sie jedoch, dass sich manche Stimmen unmittelbar nach der Tat vor allem an CDU und CSU abarbeiten, allen voran an Ministerin Karin Prien (CDU) wegen der geplanten Streichung von Vielfalt als eigenständigem Förderziel im Programm »Demokratie leben«. Der Unmut darüber sei nachvollziehbar, die Härte und der Zeitpunkt der Kritik seien es angesichts der Tat nicht.
Zur Einordnung der Bedrohungslage verweist die Autorin auf Zahlen: 2024 führte der Generalbundesanwalt 125 neue Verfahren im Bereich des islamistischen Terrorismus, gegenüber fünf Verfahren im rechtsextremen und acht im linksextremen Spektrum. Das Bundeskriminalamt stufte 410 Personen als islamistische Gefährder ein, 65 als rechtsextreme und 17 als linksextreme. Der Extremismusforscher Peter R. Neumann sieht im Islamismus derzeit die größte Terrorbedrohung.
Dass queere Menschen wiederholt ins Visier von Islamisten geraten, belegt die Chronik, die Ermagan aufführt: der Messerangriff auf ein schwules Paar in Dresden am 4. Oktober 2020, bei dem ein Mann starb und sein Partner schwer verletzt wurde; die Festnahme dreier islamistisch gesinnter Jugendlicher in Österreich 2023 wegen mutmaßlicher Anschlagspläne gegen die Wiener Regenbogenparade; die Festnahme zweier Jugendlicher in der Schweiz 2024 nach mutmaßlichen Anschlagsdrohungen gegen die Zürich Pride; der Anschlag auf den Club Pulse in Florida 2016 mit 49 Ermordeten.
Ihr Fazit richtet die Autorin an die Progressiven. Sie fragt, wie viele Opfer und wie viel Terror es noch braucht, bis diese die Gefahr ernst nehmen. Homosexualität sei in weiten Teilen der islamischen Welt tabuisiert, die maßgeblichen sunnitischen Rechtsschulen verböten es, sie auszuleben, und wer aus diesen Ländern fliehe, bringe die dort erlernten Moralvorstellungen mitunter mit. Das auszusprechen betrachtet Ermagan als Voraussetzung dafür, queere Menschen wirksam zu schützen. Fortgesetzte Relativierung stärke im Ergebnis die Rechten, denen das Feld überlassen werde. Am lautesten mahnten derzeit queere Geflüchtete sowie Angehörige religiöser Minderheiten, zu denen die Autorin als assyrische Christin selbst gehört.
Der Beitrag legt einen Mechanismus offen, der über den Einzelfall hinausweist. Die Einsortierung des Islamismus als Spielart des Konservatismus oder der extremen Rechten fügt die Tat in ein vertrautes Deutungsschema ein und hält das eigene Weltbild intakt. Der Preis dafür ist hoch. Eine Prävention, die den ideologischen Kern der Bedrohung ausblendet, greift ins Leere, und die Kritik am Islamismus bleibt jenen überlassen, die sie für pauschale Ressentiments gegen Muslime nutzen. Ermagans Text führt vor, dass präzise Benennung und Differenzierung zusammengehören: Sie schützt queere Menschen und bewahrt zugleich die große Mehrheit der Muslime vor dem Generalverdacht.
Warum fällt es manchen in der linken und queeren Community so schwer, klar zu benennen, welche Gefahr von radikalen Muslimen ausgeht? https://t.co/cGg0e6eYhh
— DER SPIEGEL (@derspiegel) August 1, 2026