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Isla­mis­mus, Ter­ror und ver­schwun­de­ne Steu­er­mil­lio­nen im Jemen: WELT deckt den wohl größ­ten Betrugs­skan­dal der GIZ auf

Mehr als 100 Millionen Euro deutsches Steuergeld flossen seit 2015 in Jemen-Projekte der bundeseigenen GIZ – zu großen Teilen in Gebiete der Huthi-Terrormiliz. Intern spricht der Vorstand vom »systematischen bandenmäßigen Betrug«, doch der Aufsichtsrat erfuhr über das Ausmaß erst Jahre später, und Projektakten wurden mit Zustimmung des BMZ vernichtet. Eine Recherche der WELT wirft Fragen auf nach Veruntreuung, Vertuschung und politischer Verantwortung.

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Das Bun­des­un­ter­neh­men Deut­sche Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) GmbH war über Jah­re mit deut­schem Steu­er­geld im Nord­je­men tätig – einem Gebiet unter Kon­trol­le der Hut­hi-Miliz, die von den USA als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft wird. Seit 2015 wand­te die GIZ nach der von WELT-AM-SONN­TAG-Redak­teur Lenn­art Pfah­ler ver­öf­fent­lich­ten Recher­che mehr als 100 Mil­lio­nen Euro für Jemen-Pro­jek­te auf.

Die Hut­his zäh­len zur von Tehe­ran gestütz­ten Ach­se mit His­bol­lah und Hamas. Ein Droh­nen­an­griff auf Abu Dha­bi erfolg­te 2022, seit Okto­ber 2023 beschießt die Miliz Isra­el mit hun­der­ten Rake­ten und Droh­nen und atta­ckier­te über hun­dert Schif­fe im Roten Meer. Ihr Leit­spruch lau­tet: »Gott ist groß, Tod Ame­ri­ka, Tod Isra­el, Fluch über die Juden, Sieg dem Islam«.

Fin­gier­te Semi­na­re, erfun­de­ne Fahr­ten, mani­pu­lier­te Wäh­rungs­kur­se

Der Betrug lief nach dem WELT-Bericht über Jah­re und nach wie­der­keh­ren­den Mus­tern: Natio­na­le Mit­ar­bei­ter kas­sier­ten deut­sches Steu­er­geld für Semi­na­re, die nie statt­fan­den, und lie­ßen sich im gro­ßen Stil Tank­rech­nun­gen für Fahr­ten erstat­ten, die es nicht gab. Hin­zu kom­men Wäh­rungs­ma­ni­pu­la­tio­nen, frag­wür­di­ge Ver­ga­be­ver­fah­ren und Zuschüs­se, die teil­wei­se in die Taschen von Ent­wick­lungs­hel­fern oder deren Ver­trau­ten geflos­sen sein sol­len. Ers­te Hin­wei­se gin­gen im Herbst 2022 ein. Im Früh­jahr 2023 spra­chen Ver­ant­wort­li­che im GIZ-Intra­net von »kauf­män­ni­schen Unge­reimt­hei­ten im Jemen« – bei jener Sprach­re­ge­lung ist es öffent­lich bis heu­te geblie­ben. In einer inter­nen Tele­fon­schal­te war dage­gen schon damals von Betrug die Rede, in ver­trau­li­cher Vor­stands­run­de spä­ter vom »sys­te­ma­ti­schen ban­den­mä­ßi­gen Betrug«. 24 Mit­ar­bei­ter wur­den frei­ge­stellt; drei Son­der­prü­fun­gen wur­den ange­sto­ßen, unter ande­rem durch die Bera­tungs­fir­ma KPMG.

Kon­trol­le per Unter­schrift aus 5.000 Kilo­me­tern Ent­fer­nung

Mög­lich wur­de der Betrug und die Scha­dens­hö­he durch eine Kon­troll­ar­chi­tek­tur, die die­sen Namen offen­bar kaum ver­dient. Seit 2014 steu­ert die GIZ ihre Jemen-Pro­jek­te aus Sicher­heits­grün­den »per Fern­steue­rung« von hes­si­schen Esch­born aus; deut­sche Mit­ar­bei­ter waren übli­cher­wei­se nicht vor Ort. Anders als die KfW, die laut WELT in Pro­jekt­län­dern unab­hän­gi­ge Prü­fun­gen durch Drit­te eta­bliert hat, ver­ließ sich die GIZ auf die Anga­ben ihrer loka­len Beschäf­tig­ten und bestä­tig­te die ver­meint­li­che Rich­tig­keit ein­ge­reich­ter Bele­ge schlicht per Unter­schrift.

Abge­stimmt mit der Ter­ror-Behör­de

Wesent­li­che Ent­schei­dun­gen bei der Umset­zung der deut­schen Steu­er­gel­der im Nord­je­men wur­den mit der Hut­hi-Behör­de SCMCHA koor­di­niert. Nach Berich­ten von Human Rights Watch und des Coun­ter Extre­mism Pro­ject (CEP) nahm die­se erheb­li­chen Ein­fluss auf Per­so­nal­ent­schei­dun­gen, Pro­jekt­ge­neh­mi­gun­gen, Aus­schrei­bun­gen und die Aus­wahl der Hilfs­emp­fän­ger – als Teil eines Sys­tems der Zweck­ent­frem­dung von Gel­dern und Gütern. Selbst nach dem Hamas-Mas­sa­ker vom 7. Okto­ber 2023, als sich die Hut­his offen auf die Sei­te der Hamas-Ter­ro­ris­ten schlu­gen, nahm die GIZ soweit ersicht­lich kei­ne Neu­be­wer­tung vor; die Pro­jek­te in den Hut­hi-Gebie­ten wur­den erst spä­ter ein­ge­stellt. Insi­der hal­ten es für mög­lich, dass die Miliz von den ver­un­treu­ten Mil­lio­nen und per­so­nel­len Ver­qui­ckun­gen pro­fi­tier­te. Eine Per­son mit Kennt­nis der Pro­jek­te sag­te der WELT AM SONNTAG: »Der Nord­je­men ist bet­tel­arm. Wenn dort plötz­lich Mil­lio­nen abge­zwackt wer­den, bekom­men auch die Macht­ha­ber das mit.« Rund 20 gepan­zer­te GIZ-Fahr­zeu­ge sol­len nach Pro­jek­ten­de den Hut­his zuge­fal­len sein, was die GIZ demen­tiert.

Eine exter­ne Prü­fung emp­fahl zudem bereits 2023 drin­gend, die Geschäfts­be­zie­hung zur Yemen Kuwait Bank zu been­den. Die USA setz­ten das Insti­tut 2025 auf die Sank­ti­ons­lis­te, weil die Hut­his es zur Geld­wä­sche und für Trans­fers an ver­bün­de­te Ter­ror­grup­pen nutz­ten. Die GIZ mach­te dem Bericht zufol­ge den­noch wei­ter.

Das Schwei­gen des Vor­stands – und ver­nich­te­te Akten

Bri­sant ist der zeit­li­che Ablauf: Bereits ab Mit­te 2023 lagen dem Vor­stand um Spre­cher Thors­ten Schä­fer-Güm­bel Pro­gno­sen vor, wonach ein zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­scha­den ent­stan­den sein könn­te. Der Auf­sichts­rat wur­de im Früh­jahr 2023 zwar über die grund­sätz­li­che Pro­ble­ma­tik infor­miert. Die Scha­dens­pro­gno­se aber wur­de ihm bis vori­ge Woche vor­ent­hal­ten. Dabei ist das Gre­mi­um, auf Anteils­eig­ner­sei­te besetzt mit Staats­se­kre­tä­ren aus fünf Bun­des­mi­nis­te­ri­en und Haus­halts­po­li­ti­kern des Bun­des­ta­ges, vom Vor­stand laut gel­ten­der Recht­spre­chung mit allen Infor­ma­tio­nen zu ver­sor­gen, die es »für eine sinn­vol­le Über­wa­chung der Geschäfts­füh­rung« benö­tigt. Die GIZ ver­weist dar­auf, sie habe »zu jeder Zeit« die Vor­schrif­ten des Mit­be­stim­mungs­ge­set­zes ein­ge­hal­ten, der Auf­sichts­rat sei seit Früh­jahr 2023 regel­mä­ßig infor­miert wor­den; ent­stan­de­ne Rück­for­de­run­gen zah­le man an die Auf­trag­ge­ber zurück. Einen aus­führ­li­chen Fra­gen­ka­ta­log der WELT-Redak­ti­on ließ das Unter­neh­men in der gesetz­ten Frist unbe­ant­wor­tet. Hin­zu kommt: Als die GIZ 2025 ent­schied, den Nord­je­men zu ver­las­sen, sol­len Pro­jekt­ak­ten mit Zustim­mung des BMZ ver­nich­tet wor­den sein .

Ein Sym­ptom mit Sys­tem

Dass der Betrug jah­re­lang unent­deckt blieb, ist kein Zufall, son­dern folgt aus einer Auf­sichts­ar­chi­tek­tur, deren Defi­zi­te lan­ge bekannt sind – so die Ein­schät­zung von Frank Tet­zel, geschäfts­füh­ren­der Vor­stand der Carl Duis­berg Gesell­schaft, in einem Bei­trag für FAI­Re­co­no­mics. Tet­zel räumt ein, dass Ent­wick­lungs­hil­fe in fra­gi­len Staa­ten fun­da­men­tal schwe­rer zu kon­trol­lie­ren ist: Der Jemen ist ein Land ohne funk­tio­nie­ren­de zen­tral­staat­li­che Insti­tu­tio­nen, durch­setzt von kon­kur­rie­ren­den Mili­zen, geprägt von Sank­tio­nen und Kriegs­wirt­schaft. Doch das erklä­re nur, war­um Betrug dort wahr­schein­li­cher sei, jedoch nicht, war­um er jah­re­lang unent­deckt blieb. Ein Sys­tem, das auf fra­gi­le Kon­tex­te aus­ge­legt ist, müss­te dort »die schärfs­ten, nicht die schwächs­ten Sen­so­ren« haben. Dass Hin­wei­se so lan­ge fol­gen­los blie­ben, sei nicht dem Krieg im Jemen anzu­las­ten, son­dern der Auf­sichts­ar­chi­tek­tur in Deutsch­land.

Deren Kern­pro­blem hat der Bun­des­rech­nungs­hof benannt: Das BMZ – Ver­tre­ter des Bun­des als Allein­ei­gen­tü­mer und Vor­sit­zen­der des GIZ-Auf­sichts­rats – kann die Wirt­schaft­lich­keit der GIZ mit sei­nen eige­nen Instru­men­ten gar nicht beur­tei­len. Die zen­tra­le Steue­rungs­kenn­zahl ist zu ver­dich­tet, um Kos­ten­trei­ber zu erken­nen, ein Ver­gleichs­maß­stab zu ähn­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen fehlt, und die Effi­zi­enz-Ziel­wer­te für die varia­ble Ver­gü­tung gel­ten als wenig ambi­tio­niert. Tet­zels Schluss­fol­ge­rung: Wenn der Eigen­tü­mer struk­tu­rell nicht erken­nen kann, ob sei­ne wich­tigs­te Durch­füh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on wirt­schaft­lich arbei­tet, ist Betrug im Jemen kein Aus­rei­ßer, son­dern die vor­her­seh­ba­re Kon­se­quenz einer Auf­sicht, die im Aggre­gat blind ist.

Ver­schärft wird das Pro­blem laut Tet­zel durch eine Per­so­nal­po­li­tik, die das orga­ni­sa­tio­na­le Gedächt­nis zer­stört hat: Seit Beginn des Jahr­tau­sends setz­te in BMZ wie GIZ eine schnel­le Stel­len­ro­ta­ti­on ein, aus­ge­rech­net als Maß­nah­me gegen Kor­rup­ti­on gedacht. Dabei kam es auch zu gegen­tei­li­gen Effek­ten: Weil nie­mand lan­ge genug bleibt, um Mus­ter zu durch­schau­en, die sich über Jah­re auf­bau­en, kann Rota­ti­on Kor­rup­ti­on sogar erleich­tern. Hin­zu kommt eine Com­pli­ance, die das Klei­ne kon­trol­liert und das Gro­ße über­sieht, ein Sys­tem, so Tezel, das tau­sen­de Kleinst­be­le­ge prüft, über­sah im Jemen über Jah­re Betrug in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he.

Wie wenig die GIZ ihre eige­nen Pro­zes­se beherrscht, zeig­te zuletzt auch die Umstel­lung auf SAP S/4HANA zum Jah­res­wech­sel 2025/26: Sie kos­te­te 101,6 Mil­lio­nen Euro – davon 60,2 Mil­lio­nen für exter­ne Bera­ter – und führ­te zunächst zu einem wochen­lan­gen Zah­lungs­still­stand in allen Ein­satz­län­dern. Für Tet­zel ver­bin­det bei­des die­sel­be Fra­ge: ob die­se Orga­ni­sa­ti­on ihre eige­nen Pro­zes­se über­haupt beherrscht.

Wer trägt die Ver­ant­wor­tung?

Die kri­ti­schen Pro­jek­te lie­fen jah­re­lang unter BMZ-Minis­ter Gerd Mül­ler (CSU, 2013–2021) und GIZ-Che­fin Tan­ja Gön­ner (CDU, bis 2022, heu­te BDI-Haupt­ge­schäfts­füh­re­rin). Heu­te tra­gen GIZ-Chef Thors­ten Schä­fer-Güm­bel (SPD) und Ent­wick­lungs­mi­nis­te­rin Reem Ala­ba­li-Rado­van (SPD) die Ver­ant­wor­tung. Für die Recher­cheu­re der WELT-Redak­ti­on war die SPD – Par­tei der Minis­te­rin wie des GIZ-Chefs – für eine Stel­lung­nah­me nicht zu errei­chen.

Der AK Polis hat inter­na­tio­na­le Netz­werk­part­ner über den Sach­ver­halt infor­miert und zwei Fra­gen for­mu­liert:

  • Wann sorgt Minis­te­rin Ala­ba­li-Rado­van für Trans­pa­renz und öffent­li­che Rechen­schaft?
  • Hat der Bun­des­rech­nungs­hof den Fall geprüft – wenn ja, wann wer­den die Ergeb­nis­se öffent­lich?