Das Bundesunternehmen Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH war über Jahre mit deutschem Steuergeld im Nordjemen tätig – einem Gebiet unter Kontrolle der Huthi-Miliz, die von den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Seit 2015 wandte die GIZ nach der von WELT-AM-SONNTAG-Redakteur Lennart Pfahler veröffentlichten Recherche mehr als 100 Millionen Euro für Jemen-Projekte auf.
Die Huthis zählen zur von Teheran gestützten Achse mit Hisbollah und Hamas. Ein Drohnenangriff auf Abu Dhabi erfolgte 2022, seit Oktober 2023 beschießt die Miliz Israel mit hunderten Raketen und Drohnen und attackierte über hundert Schiffe im Roten Meer. Ihr Leitspruch lautet: »Gott ist groß, Tod Amerika, Tod Israel, Fluch über die Juden, Sieg dem Islam«.
Fingierte Seminare, erfundene Fahrten, manipulierte Währungskurse
Der Betrug lief nach dem WELT-Bericht über Jahre und nach wiederkehrenden Mustern: Nationale Mitarbeiter kassierten deutsches Steuergeld für Seminare, die nie stattfanden, und ließen sich im großen Stil Tankrechnungen für Fahrten erstatten, die es nicht gab. Hinzu kommen Währungsmanipulationen, fragwürdige Vergabeverfahren und Zuschüsse, die teilweise in die Taschen von Entwicklungshelfern oder deren Vertrauten geflossen sein sollen. Erste Hinweise gingen im Herbst 2022 ein. Im Frühjahr 2023 sprachen Verantwortliche im GIZ-Intranet von »kaufmännischen Ungereimtheiten im Jemen« – bei jener Sprachregelung ist es öffentlich bis heute geblieben. In einer internen Telefonschalte war dagegen schon damals von Betrug die Rede, in vertraulicher Vorstandsrunde später vom »systematischen bandenmäßigen Betrug«. 24 Mitarbeiter wurden freigestellt; drei Sonderprüfungen wurden angestoßen, unter anderem durch die Beratungsfirma KPMG.
Kontrolle per Unterschrift aus 5.000 Kilometern Entfernung
Möglich wurde der Betrug und die Schadenshöhe durch eine Kontrollarchitektur, die diesen Namen offenbar kaum verdient. Seit 2014 steuert die GIZ ihre Jemen-Projekte aus Sicherheitsgründen »per Fernsteuerung« von hessischen Eschborn aus; deutsche Mitarbeiter waren üblicherweise nicht vor Ort. Anders als die KfW, die laut WELT in Projektländern unabhängige Prüfungen durch Dritte etabliert hat, verließ sich die GIZ auf die Angaben ihrer lokalen Beschäftigten und bestätigte die vermeintliche Richtigkeit eingereichter Belege schlicht per Unterschrift.
Abgestimmt mit der Terror-Behörde
Wesentliche Entscheidungen bei der Umsetzung der deutschen Steuergelder im Nordjemen wurden mit der Huthi-Behörde SCMCHA koordiniert. Nach Berichten von Human Rights Watch und des Counter Extremism Project (CEP) nahm diese erheblichen Einfluss auf Personalentscheidungen, Projektgenehmigungen, Ausschreibungen und die Auswahl der Hilfsempfänger – als Teil eines Systems der Zweckentfremdung von Geldern und Gütern. Selbst nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, als sich die Huthis offen auf die Seite der Hamas-Terroristen schlugen, nahm die GIZ soweit ersichtlich keine Neubewertung vor; die Projekte in den Huthi-Gebieten wurden erst später eingestellt. Insider halten es für möglich, dass die Miliz von den veruntreuten Millionen und personellen Verquickungen profitierte. Eine Person mit Kenntnis der Projekte sagte der WELT AM SONNTAG: »Der Nordjemen ist bettelarm. Wenn dort plötzlich Millionen abgezwackt werden, bekommen auch die Machthaber das mit.« Rund 20 gepanzerte GIZ-Fahrzeuge sollen nach Projektende den Huthis zugefallen sein, was die GIZ dementiert.
Eine externe Prüfung empfahl zudem bereits 2023 dringend, die Geschäftsbeziehung zur Yemen Kuwait Bank zu beenden. Die USA setzten das Institut 2025 auf die Sanktionsliste, weil die Huthis es zur Geldwäsche und für Transfers an verbündete Terrorgruppen nutzten. Die GIZ machte dem Bericht zufolge dennoch weiter.
Das Schweigen des Vorstands – und vernichtete Akten
Brisant ist der zeitliche Ablauf: Bereits ab Mitte 2023 lagen dem Vorstand um Sprecher Thorsten Schäfer-Gümbel Prognosen vor, wonach ein zweistelliger Millionenschaden entstanden sein könnte. Der Aufsichtsrat wurde im Frühjahr 2023 zwar über die grundsätzliche Problematik informiert. Die Schadensprognose aber wurde ihm bis vorige Woche vorenthalten. Dabei ist das Gremium, auf Anteilseignerseite besetzt mit Staatssekretären aus fünf Bundesministerien und Haushaltspolitikern des Bundestages, vom Vorstand laut geltender Rechtsprechung mit allen Informationen zu versorgen, die es »für eine sinnvolle Überwachung der Geschäftsführung« benötigt. Die GIZ verweist darauf, sie habe »zu jeder Zeit« die Vorschriften des Mitbestimmungsgesetzes eingehalten, der Aufsichtsrat sei seit Frühjahr 2023 regelmäßig informiert worden; entstandene Rückforderungen zahle man an die Auftraggeber zurück. Einen ausführlichen Fragenkatalog der WELT-Redaktion ließ das Unternehmen in der gesetzten Frist unbeantwortet. Hinzu kommt: Als die GIZ 2025 entschied, den Nordjemen zu verlassen, sollen Projektakten mit Zustimmung des BMZ vernichtet worden sein .
Ein Symptom mit System
Dass der Betrug jahrelang unentdeckt blieb, ist kein Zufall, sondern folgt aus einer Aufsichtsarchitektur, deren Defizite lange bekannt sind – so die Einschätzung von Frank Tetzel, geschäftsführender Vorstand der Carl Duisberg Gesellschaft, in einem Beitrag für FAIReconomics. Tetzel räumt ein, dass Entwicklungshilfe in fragilen Staaten fundamental schwerer zu kontrollieren ist: Der Jemen ist ein Land ohne funktionierende zentralstaatliche Institutionen, durchsetzt von konkurrierenden Milizen, geprägt von Sanktionen und Kriegswirtschaft. Doch das erkläre nur, warum Betrug dort wahrscheinlicher sei, jedoch nicht, warum er jahrelang unentdeckt blieb. Ein System, das auf fragile Kontexte ausgelegt ist, müsste dort »die schärfsten, nicht die schwächsten Sensoren« haben. Dass Hinweise so lange folgenlos blieben, sei nicht dem Krieg im Jemen anzulasten, sondern der Aufsichtsarchitektur in Deutschland.
Deren Kernproblem hat der Bundesrechnungshof benannt: Das BMZ – Vertreter des Bundes als Alleineigentümer und Vorsitzender des GIZ-Aufsichtsrats – kann die Wirtschaftlichkeit der GIZ mit seinen eigenen Instrumenten gar nicht beurteilen. Die zentrale Steuerungskennzahl ist zu verdichtet, um Kostentreiber zu erkennen, ein Vergleichsmaßstab zu ähnlichen Organisationen fehlt, und die Effizienz-Zielwerte für die variable Vergütung gelten als wenig ambitioniert. Tetzels Schlussfolgerung: Wenn der Eigentümer strukturell nicht erkennen kann, ob seine wichtigste Durchführungsorganisation wirtschaftlich arbeitet, ist Betrug im Jemen kein Ausreißer, sondern die vorhersehbare Konsequenz einer Aufsicht, die im Aggregat blind ist.
Verschärft wird das Problem laut Tetzel durch eine Personalpolitik, die das organisationale Gedächtnis zerstört hat: Seit Beginn des Jahrtausends setzte in BMZ wie GIZ eine schnelle Stellenrotation ein, ausgerechnet als Maßnahme gegen Korruption gedacht. Dabei kam es auch zu gegenteiligen Effekten: Weil niemand lange genug bleibt, um Muster zu durchschauen, die sich über Jahre aufbauen, kann Rotation Korruption sogar erleichtern. Hinzu kommt eine Compliance, die das Kleine kontrolliert und das Große übersieht, ein System, so Tezel, das tausende Kleinstbelege prüft, übersah im Jemen über Jahre Betrug in zweistelliger Millionenhöhe.
Wie wenig die GIZ ihre eigenen Prozesse beherrscht, zeigte zuletzt auch die Umstellung auf SAP S/4HANA zum Jahreswechsel 2025/26: Sie kostete 101,6 Millionen Euro – davon 60,2 Millionen für externe Berater – und führte zunächst zu einem wochenlangen Zahlungsstillstand in allen Einsatzländern. Für Tetzel verbindet beides dieselbe Frage: ob diese Organisation ihre eigenen Prozesse überhaupt beherrscht.
Wer trägt die Verantwortung?
Die kritischen Projekte liefen jahrelang unter BMZ-Minister Gerd Müller (CSU, 2013–2021) und GIZ-Chefin Tanja Gönner (CDU, bis 2022, heute BDI-Hauptgeschäftsführerin). Heute tragen GIZ-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) und Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD) die Verantwortung. Für die Rechercheure der WELT-Redaktion war die SPD – Partei der Ministerin wie des GIZ-Chefs – für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Der AK Polis hat internationale Netzwerkpartner über den Sachverhalt informiert und zwei Fragen formuliert:
- Wann sorgt Ministerin Alabali-Radovan für Transparenz und öffentliche Rechenschaft?
- Hat der Bundesrechnungshof den Fall geprüft – wenn ja, wann werden die Ergebnisse öffentlich?
Islamismus, Terror und verschwundenes deutsches Steuergeld im Jemen:
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 21, 2026
Heute hat WELT AM SONNTAG (@LennartPfahler) den wohl größten Betrugsskandal in der Geschichte des Bundesunternehmens @giz_gmbh aufgedeckt.
Über Jahre war die staatliche GIZ mit deutschem Steuergeld in einem…
Islamism, terrorism, and diverted German state funding in Yemen:
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 21, 2026
Today WELT AM SONNTAG (part of Axel Springer, by @LennartPfahler) exposed the biggest fraud scandal in the history of GIZ — roughly Germany’s USAID.
GIZ ran projects — over €100M since 2015 in Yemen — inside… pic.twitter.com/riEPWTVL7h