»Kali­fat nach Plan« von Flo­rence Ber­geaud-Black­ler. Über den Fré­ris­mus (Mus­lim­bru­der­schaft) und sei­ne Netz­wer­ke in Euro­pa

Die islamistische Strömung, die aus der Internationalisie­rung der Bewegung der Muslimbruderschaft hervorgegangen ist, definiert Florence Bergeaud-Blackler als »Frérismus«.

In dem Sach­buch-Best­sel­ler aus Frank­reich erforscht Flo­rence Ber­geaud-Black­ler den Ursprung der Bewe­gung, ihre dok­tri­nä­re Grund­la­ge, Orga­ni­sa­ti­on und Vor­ge­hens­wei­se sowie die Metho­den der Rekru­tie­rung und Indok­tri­na­ti­on. Sie zeigt, wie der Fré­ris­mus sei­nen Ein­fluss bis ins Herz der europä­ischen Gesell­schaf­ten aus­dehnt, indem er sich auf deren Institu­tionen stützt, die Wer­te der Men­schen­rech­te unter­gräbt oder das Wis­sen »isla­mi­siert«. Das Buch wur­de mit dem Prix Sci­ence et Laï­ci­té 2023 aus­ge­zeich­net.

Flo­rence Ber­geaud-Black­ler ist Anthro­po­lo­gin, For­schungs­be­auf­trag­te am Cent­re Natio­nal de la Recher­che Sci­en­ti­fi­que (CNRS) und Direk­to­rin des Cent­re Euro­pé­en de Recher­che et d’In­for­ma­ti­on sur le Fré­ris­me (CERIF).

Bewer­tung

Für den isla­mi­schen Extre­mis­mus bil­det die 1928 ent­stan­de­ne Mus­lim­bru­der­schaft die Mut­ter­or­ga­ni­sa­ti­on. Aus ihr gin­gen ande­re isla­mis­ti­sche Grup­pie­run­gen mehr oder min­der her­vor. Zumin­dest hin­sicht­lich der ideo­lo­gi­schen Ein­stel­lun­gen ori­en­tier­te man sich an der Mus­lim­bru­der­schaft, was eben­so für das stra­te­gi­sche Vor­ge­hen gilt. Das macht auch die Ent­wick­lung in Euro­pa deut­lich, ent­stan­den doch dort in der Fol­ge von Migra­ti­on ent­spre­chen­de Struk­tu­ren. Die Anhän­ger der Mus­lim­bru­der­schaft bekann­ten sich aber dabei meist nicht öffent­lich zu ihrer Orga­ni­sa­ti­on, denn die gemein­ten Grup­pen gaben sich eher als reli­giö­se oder sozia­le Inter­es­sen­ver­tre­ter. Dadurch konn­te ein infor­mel­ler Ein­fluss­ge­winn erhöht wer­den, was aber häu­fig nicht in die öffent­li­che Wahr­neh­mung geriet. Auch die ein­schlä­gi­ge For­schung erwei­ter­te ent­spre­chen­de Kennt­nis­se nicht unbe­dingt. Aus Frank­reich kommt jetzt aber eine neue Stu­die zum The­ma: Kali­fat nach Plan. Fré­ris­mus und sei­ne Netz­wer­ke in Euro­pa lau­tet der Titel der deut­schen Über­set­zung.

Die Autorin ist Flo­rence Ber­geaud-Black­ler, eine pro­mo­vier­te Anthro­po­lo­gin, die für renom­mier­te For­schungs­in­sti­tu­te arbei­tet und in Paris als Pro­fes­so­rin lehrt. In dem genann­ten Buch geht es ihr dar­um, die Ein­fluss­stra­te­gien der Mus­lim­bru­der­schaft dar­zu­stel­len. Ein der­ar­ti­ges Ansin­nen zieht schnell Behaup­tun­gen an, wonach es sich um Kon­spi­ra­ti­ons­vor­stel­lun­gen han­delt. Die­sen kon­tert die Autorin bereits im Vor­wort: »Die his­to­ri­sche und detail­lier­te Ana­ly­se der Prin­zi­pi­en und Hand­lun­gen einer ideo­lo­gi­schen Bewe­gung, die sich in einen his­to­ri­schen Ver­lauf ein­fügt und ein vor­pro­gram­mier­tes Ende der Geschich­te anstrebt, ist das genaue Gegen­teil eines ver­schwö­rungs­theo­re­ti­schen Ansat­zes« (S. 22). Eine sol­che Fehl­deu­tung wird nicht nur abge­lehnt, gibt es doch beleg­ba­re Kon­spi­ra­tio­nen, was auf­ge­fun­de­ne Plä­ne ver­an­schau­li­chen. Bevor die Autorin aber in der fol­gen­den Dar­stel­lung dar­auf ein­geht, lie­fert sie Basis­in­for­ma­tio­nen zur Mus­lim­bru­der­schaft. Dabei geht es zurück bis zur frü­hen Grün­dung und hin bis zum gegen­wär­ti­gen Stand.

Ins­be­son­de­re die ein­her­ge­hen­de Trans­na­tio­na­li­sie­rung steht dabei im Zen­trum. Einer ihrer frü­he­ren Ideo­lo­gen, gemeint ist Yus­uf al-Qara­da­wi, hat­te ein­schlä­gi­ge Ziel­set­zun­gen offen ein­ge­räumt: »Die Erobe­rung durch die Da’­wa ist das, was wir uns erhof­fen. Wir wer­den Euro­pa erobern, wir wer­den Ame­ri­ka erobern! Nicht durch das Schwert, son­dern durch die Da’­wa, das heißt die Ein­la­dung, die Bekeh­rung …« (S. 107). Das hier Gemein­te wird dann anhand von ver­schie­de­nen The­men ver­an­schau­licht: Man fin­det etwa Anga­ben zu ein­schlä­gi­gen Insti­tu­tio­nen, Kon­tak­ten in das intel­lek­tu­el­le Milieu hin­ein oder zu Koope­ra­ti­ons­part­nern in unter­schied­li­chen Zusam­men­hän­gen. Dabei sind auch immer wie­der Details von beson­de­rem Inter­es­se, etwa bezo­gen auf »Islamophobie«-Kampagnen gegen Kri­ti­ker oder die mit poli­tisch Lin­ken ein­her­ge­hen­de Zusam­men­ar­beit. Deut­lich machen dabei die vie­len Bei­spie­le, dass es eben nicht um eine Kon­spi­ra­ti­ons­ideo­lo­gie geht, die nicht-öffent­li­chen Hand­lun­gen las­sen sich sehr wohl bele­gen und ver­an­schau­li­chen.

Das Buch lös­te in Frank­reich eine grö­ße­re Kon­tro­ver­se aus: Eini­ge Kri­ti­ker ver­wie­sen auf Pole­mi­ken und Unge­nau­ig­kei­ten, war doch hier auch eine Akti­vis­tin als Autorin mit ent­spre­chen­den Über­spit­zun­gen unter­wegs. Es gab eben­so poli­tisch moti­vier­te Angrif­fe bis hin zu Mord­dro­hun­gen. Dadurch geriet die Debat­te zu einem pole­mi­schen Hin und Her, die eigent­li­che Fak­ten­la­ge wie die kri­tik­wür­di­gen Gesichts­punk­te waren dann kein The­ma mehr. Vie­le Aus­sa­gen im Buch sind kei­nes­wegs neu oder unge­wöhn­lich, man fin­det sol­che Ein­ord­nun­gen auch in der aber über­schau­ba­ren Fach­li­te­ra­tur zur Mus­lim­bru­der­schaft. Statt poli­ti­sche Empö­rung vor­zu­tra­gen, könn­te man mit Fak­ten dage­gen argu­men­tie­ren. Umge­kehrt hät­te aber auch Ber­geaud-Black­ler auf brei­te­rer Grund­la­ge ihre Inter­pre­ta­tio­nen ent­wi­ckeln kön­nen, darf man doch von einem kom­ple­xen Modell bei der Mus­lim­bru­der­schaft und ihrem Netz­werk aus­ge­hen. Dafür müss­ten sich nicht nur eher kon­ser­va­ti­ve Betrach­ter inter­es­sie­ren, eigent­lich könn­ten auch ten­den­zi­ell lin­ke Kom­men­ta­to­ren hier kri­ti­scher sein.

Armin Pfahl-Traugh­ber, ver­öf­fent­licht am 11. August 2025 im hpd.de


Flo­rence Ber­geaud-Black­ler: Kali­fat nach Plan. Fré­ris­mus und sei­ne Netz­wer­ke in Euro­pa (= INÂRAH Mono­gra­fien: Schrif­ten zur Islam­ge­schich­te und zum Koran, Band 4), Schi­ler & Mücke, Tübin­gen 2025. ISBN 978–3‑89930–465‑7