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Kon­zept: »Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung« (DEVI 2021)

Das DEVI-Konzept zur »Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative Religionsbekundung« beschreibt erstmals systematisch, wie religiös begründetes Dominanz- und Konfliktverhalten den Schulalltag beeinflusst und wie darauf reagiert werden kann. Es bündelt empirische Beobachtungen, entwickelt eine klare Definition des Phänomens und schlägt eine institutionelle Struktur zur Dokumentation und Prävention vor.

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Her­kunft des Begriffs

Der Begriff »kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung« tauch­te erst­mals 2013 in einem inter­nen Ver­merk des Ham­bur­ger Lan­des­in­sti­tuts für Leh­rer­bil­dung auf. Das Papier beschreibt »reli­gi­ös gefärb­te Kon­flikt­la­gen«, aus­ge­löst durch zuneh­men­de »isla­mis­ti­sche Akti­vi­tä­ten« in Stadt­teil­schu­len. Dort wur­den sala­fis­ti­sche Ori­en­tie­run­gen bei Schü­le­rin­nen und Eltern beob­ach­tet. Die Rede ist von deut­li­cher Anspan­nung und Besorg­nis in den Kol­le­gi­en und Schul­ge­mein­schaf­ten. Der Schul­all­tag ver­lie­re in sol­chen Schu­len rasant an Sicher­heit glei­cher­ma­ßen für Leh­rer und Schü­ler.

Der Ver­ein »DEVI e. V. – Demo­kra­tie und Viel­falt in Schu­le und beruf­li­cher Bil­dung« defi­niert den Begriff wie folgt:

»Unter kon­fron­ta­ti­ver Reli­gi­ons­be­kun­dung an Schu­len ver­ste­hen wir reli­giö­se Pra­xen sowie reli­gi­ös kon­no­tier­tes (Alltags)Verhalten, die in der (Schul-) Öffent­lich­keit aus­ge­lebt und aus­agiert wer­den, auf die Her­stel­lung von Auf­merk­sam­keit zie­len, pro­vo­zie­ren wol­len, ernied­ri­gen und/oder Domi­nanz her­stel­len sol­len.«

Viel­schich­ti­ge Kon­flik­te in urba­nen Schul­mi­lieus

DEVI erar­bei­te­te für eine Fort­bil­dungs­rei­he von »Beratungslehrer*innen für welt­an­schau­li­che und reli­giö­se Viel­falt« einen Ansatz zur Bear­bei­tung die­ses Phä­no­mens. Einer Befra­gung zufol­ge füh­len sich Lehr­kräf­te oft über­for­dert und ver­mie­den die The­men von Welt­an­schau­un­gen und Reli­gi­on aus Angst. Schü­le­rin­nen und Schü­lern feh­le dem­nach die Gele­gen­heit, sich mit ande­ren Mei­nun­gen sowie ande­ren reli­giö­sen und nicht-reli­giö­sen Welt­an­schau­un­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Es wur­den ver­schie­de­ne Kon­flikt­for­men in Schu­len mit stark divers zusam­men­ge­setz­ten Schü­ler­schaf­ten beob­ach­tet, die Lehr­kräf­te, Schul­so­zi­al­ar­beit und Schul­lei­tun­gen regel­mä­ßig beschäf­ti­gen. Dazu zäh­len:

  • Stell­ver­tre­ter­kon­flik­te, die Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus Her­kunfts­kon­flik­ten mit­brin­gen – etwa Russland/Ukraine, Türkei/Kurden, poli­ti­sche Span­nun­gen seit dem Putsch­ver­such in der Tür­kei 2016 oder Kon­flikt­li­ni­en aus dem syri­schen Bür­ger­krieg.
  • Reli­giö­se Kon­flik­te, sowohl inner­mus­li­misch (Sunniten/Schiiten, kon­ser­va­ti­ve vs. libe­ra­le Strö­mun­gen) als auch inter­re­li­gi­ös (»Gläu­bi­ge« vs. »Ungläu­bi­ge«).
  • Kon­flik­te rund um reli­giö­ses Ver­hal­ten, etwa Aus­ein­an­der­set­zun­gen über »halal« und »haram«, Fas­ten­re­geln im Rama­dan, Kopf­tuch­fra­gen, Gebets­räu­me oder reli­giö­se Ein­wän­de gegen Musik, Kunst­un­ter­richt, Koedu­ka­ti­on und Sport.
  • Anti­se­mi­tisch moti­vier­te Kon­flik­te.
  • Sexis­tisch oder miso­gyn moti­vier­te Span­nun­gen, etwa abwer­ten­de Spra­che gegen­über Mäd­chen und Leh­re­rin­nen, stark nor­mier­te Vor­stel­lun­gen weib­li­cher Lebens­we­ge oder Ein­schrän­kun­gen von puber­täts­be­ding­ter Ent­wick­lung.
  • Homo- und trans­pho­be Kon­flik­te, die sich gegen ein­zel­ne Schüler*innen oder schu­li­sche Inhal­te rich­ten.

Die Kon­flik­te betref­fen laut DEVI häu­fig nicht nur Kin­der, son­dern wer­den durch Eltern­häu­ser oder poli­tisch-isla­mi­sche Umfel­der ver­stärkt. Sie grei­fen oft tief in das sozia­le Mit­ein­an­der ein.

Kon­flikt­in­ten­si­tä­ten: Drei Stu­fen

Wo reli­gi­ös begrün­de­te Kon­flik­te auf­tre­ten, unter­schei­det DEVI drei Inten­si­täts­stu­fen:

  • Kate­go­rie I: »Gut und Böse« – Schü­le­rin­nen und Schü­ler neh­men eine Kate­go­ri­sie­rung vor.
  • Kate­go­rie II: »Gut und Böse« mit Andro­hung von Kon­se­quenz – Schü­le­rin­nen und Schü­ler kate­go­ri­sie­ren, beschrei­ben Kon­se­quen­zen für das »Böse/ Fal­sche« und abwei­chen­des Ver­hal­ten wird mit dro­hen­den reli­giö­sen Fol­gen ver­bun­den.
  • Kate­go­rie III: »Gut und Böse« mit akti­ver nega­ti­ver Kon­se­quenz – Schü­le­rin­nen und Schü­ler wer­den selbst zu Akteur*innen, üben Druck aus oder grei­fen zu Gewalt.

Bereits jüngs­te Schüler*innen wür­den mit Dis­kri­mi­nie­run­gen und reli­gi­ös begrün­de­ten Abwer­tungs­er­fah­run­gen kon­fron­tiert wer­den. Ungleich­wer­tig­keits­vor­stel­lun­gen und reli­gi­ös begrün­de­te Demü­ti­gun­gen kom­men
nach der Befra­gung häu­fig in Schu­len vor, in denen die Eltern sehr kon­ser­va­ti­ve Islamaus­le­gun­gen ver­tre­ten und/oder Moscheen besu­chen, die vom Ver­fas­sungs­schutz über­wacht wur­den oder wer­den. Die­se Eltern für Gesprä­che zu errei­chen oder die Betei­li­gung an schu­li­schen Pro­zes­sen zu gewin­nen, gestal­te sich schwie­rig.

Bei älte­ren Schüler*innen stei­ge das Radi­ka­li­sie­rungs­ri­si­ko erheb­lich, wo kei­ne päd­ago­gi­schen Kon­zep­te zur Bear­bei­tung die­ser Pro­blem­la­gen grei­fen. Sie bezö­gen ihre Infor­ma­tio­nen wesent­lich aus den zen­tra­len Sozia­li­sa­ti­ons­in­stan­zen, und in stei­gen­dem Alter stei­ge auch die Bedeu­tung der Peer-Groups. Oft sei­en das Inter­net und hier ins­be­son­de­re ein­schlä­gi­ge Web­sei­ten und Social-Media-Kanä­le zen­tra­le, gele­gent­lich aus­schließ­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len.

Die kon­fron­ta­ti­ven Reli­gi­ons­be­kun­dun­gen fin­den oft auch in einem vor­po­li­ti­schen Raum statt, etwa in fol­gen­den
Ver­hal­tens­wei­sen:

  • Kon­flik­te um reli­giö­se Klei­dung
  • For­de­rung von Gebets­zei­ten und –räu­men
  • Nicht­teil­nah­me an schu­li­schen Akti­vi­tä­ten
  • Ver­wei­ge­rung von Auf­ga­ben­stel­lun­gen
  • Bean­spru­chung von Son­der­rech­ten
  • Sys­te­ma­ti­sche und lang anhal­ten­de Demü­ti­gun­gen und Belei­di­gun­gen ent­lang von reli­giö­sen The­men
    bzw. reli­gi­ös kon­no­tier­tem All­tags­ver­hal­ten
  • Anpas­sungs­druck (beson­ders auf mus­li­mi­sche Schü­le­rin­nen)
  • Stell­ver­tre­ter­kon­flik­te

Die Kon­flik­te in die­sen The­men­fel­dern wür­den daher von reli­gi­ös kon­no­tier­tem All­tags­ver­hal­ten über durch­aus jugend­ty­pi­sche Pro­blem­la­gen, die von den Jugend­li­chen reli­gi­ös aus­ge­deu­tet wer­den, bis zu hoch pro­ble­ma­ti­schen Ideo­lo­gi­sie­rungs­pro­zes­sen rei­chen.

Ent­wick­lung des Kon­zepts

In Ber­lin-Neu­kölln wur­de die Kon­zept­ent­wick­lung zur Bear­bei­tung die­ses Phä­no­mens, u. a. in Form einer Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le, von Bezirks­bür­ger­meis­ter Mar­tin Hikel (SPD), Jugend­stadt­rat Fal­ko Liecke (CDU) und Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­ter Güner Yase­min Bal­cı unter­stützt. Der Rah­men wur­de gebil­det von der »Part­ner­schaft für Demo­kra­tie« (PfD) in Neu­kölln. Im Bun­des­pro­gramm »Demo­kra­tie Leben« wur­den für drei Mona­te die Erstel­lung der unten ver­link­ten Bro­schü­re zur Kon­zept­ent­wick­lung sowie die Doku­men­ta­ti­on der Bestands­auf­nah­me bewil­ligt. Die vor­ge­schla­ge­ne Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le soll:

  • sys­te­ma­tisch Vor­fäl­le erfas­sen,
  • Schu­len bera­ten und unter­stüt­zen,
  • das Aus­maß des Phä­no­mens sicht­bar machen,
  • und demo­kra­tie­feind­li­chen Ten­den­zen vor­beu­gen.

In Zusam­men­ar­beit zwi­schen DEVI, Bezirks­ver­wal­tung, Ber­li­ner Schul­lei­tun­gen und Fach­stel­len wur­de das Kon­zept der Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le bean­tra­gungs­fä­hig gemacht, wel­ches jedoch nicht die für eine Rea­li­sie­rung erfor­der­li­che För­de­rung durch ande­re öffent­li­che Stel­len erfuhr. DEVI resü­mier­te im Dezem­ber 2021: »Fest­zu­hal­ten ist daher, dass sich der hege­mo­nia­le Main­stream der Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on anstatt die objek­ti­ve Gefähr­dung zu the­ma­ti­sie­ren, die vom Isla­mis­mus aus­geht, es vor­zieht, die ein­schlä­gi­gen Opfer­n­ar­ra­ti­ve in der Prä­ven­ti­ons­ar­beit auf­zu­grei­fen.«

Doku­men­ta­ti­on

  • Bestands­auf­nah­me Kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dun­gen in Neu­kölln. Vor­ab­ver­si­on vor­ge­legt für das Bezirks­amt Neu­kölln, Dezem­ber 2021 (archi­viert)
  • Micha­el Ham­mer­ba­cher: Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung. Vor­wort von Mar­tin Hikel, Bezirks­bür­ger­meis­ter Ber­lin-Neu­kölln, DEVI e. V. – Ver­ein für Demo­kra­tie und Viel­falt in Schu­le und beruf­li­cher Bil­dung, Dezem­ber 2021 (archi­viert)
  • Susan­ne Schrö­ter: Eva­lua­ti­on des Vor­ha­bens der Ein­rich­tung einer »Anlauf- und Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung in Ber­lin-Neu­kölln« durch den Ver­ein für Demo­kra­tie und Viel­falt e.V. (DEVI). 2022 (archi­viert)
  • Cars­ten Frerk: Kon­fron­ta­ti­ve Reli­gi­ons­be­kun­dung. For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid), 3. Febru­ar 2022 (archi­viert)
  • Ana­ly­se­tool und Arbeits­bo­gen: Umgang mit Isla­mis­mus und kon­fron­ta­ti­ver Reli­gi­ons­be­kun­dung in der Schu­le