Als Nur El-Huda Chehade Anfang Mai 2026 in einem Video erklärte, ihren Hijab künftig nicht mehr zu tragen, fiel die Resonanz zunächst überwiegend positiv aus. Die 26-Jährige, die auf TikTok und Instagram mehr als 100.000 Menschen erreicht und dort seit Jahren über den Islam, religiösen Missbrauch und die Situation von Frauen spricht, hatte das Kopftuch stets als freiwillige, bewusste Entscheidung verteidigt – und begründete auch das Ablegen als rein persönlichen Schritt, der an ihren religiösen Überzeugungen nichts ändere. Doch binnen weniger Tage kippte die Stimmung: Radikale und konservative Islam-Influencer warfen ihr vor, junge Musliminnen vom Glauben wegzuführen, Follower wandten sich ab, und schließlich gingen Morddrohungen ein. Selbst Nutzer, die ihr öffentlich beistanden, berichteten von Anfeindungen.
Güner Balcı hat den Fall in der Süddeutschen Zeitung zum Anlass genommen, die Mechanik hinter diesem Empörungssturm freizulegen. Die muslimische Gemeinschaft, die sogenannte Umma, trete nach ihrer Beobachtung immer dann auf den Plan, wenn jemand ausschert und damit ein archaisches Frauenbild samt der daran hängenden Ungleichbehandlung zur Disposition stellt. Ihr zentraler Befund: Ein abgelegtes Kopftuch gilt in dieser Logik nicht als individuelle Entscheidung, sondern als »ein Angriff auf alle, ein Angriff auf Gott«. Die Sexualmoral beschreibt Balcı als Grundpfeiler, vielleicht sogar als existenziellsten Pfeiler der reaktionär-muslimischen Lehre. Sie äußere sich in einer maßlosen Überhöhung der Frau, die als Hüterin der reinen Lehre gepriesen werde – doch die Macht dieser ehrbaren, gottesfürchtigen Frau erwachse allein aus ihrer vermeintlichen Reinheit, und die Kehrseite der moralischen Autorität sei die Drohung: Über die Unversehrtheit der Frau entscheide ihre Regeltreue. Verhüllung könne als Ausdruck von Frömmigkeit gelten, das Ablegen des Schleiers dagegen werde schnell als Verrat gelesen und finde in der Gemeinschaft der Gläubigen einen starken Resonanzraum. Transportiert werde diese Moral nicht nur in Freitagspredigten, sondern auch in religiöser Popkultur: Balcı zitiert Nasheeds, fromme Lieder, in denen Frauen als Hoffnung und leuchtendes Vorbild der Gläubigen besungen werden, während freie Kleiderwahl als Inbegriff von Chaos und Sittenverfall erscheint. Die unbedeckte Schulter werde so zur Bedrohung der Ordnung erklärt und der weibliche Körper zu dem, was gebändigt werden muss, zur Not eben per Bekleidungsregel.
Dass es sich dabei nicht um ein Randphänomen handelt, belegt Balcı mit dem aktuellen MOTRA-Monitor, einer von mehreren Bundesministerien geförderten Bestandsaufnahme der Radikalisierungstendenzen in Deutschland: Immer mehr junge Muslime begeistern sich demnach für eine wortgetreue Auslegung jahrhundertealter religiöser Regeln. Historische Kontextualisierung gilt in diesen Milieus als unislamisch. Ebenso wird die Vorstellung abgelehnt, eine Frau könne das Kopftuch je nach Situation frei tragen oder ablegen. Ohne die Obsession mit dem weiblichen Körper, so Balcıs Zuspitzung, hätte mancher Kalifatstraum wohl kaum Bestand. Kaum ein autoritäres Religionsverständnis komme ohne diese Fixierung aus: keine Heilige ohne ihre verfemte Gegenfigur, die verfolgt und ausgelöscht werden soll. Die Furcht vor Kontrollverlust angesichts weiblicher Sexualität benennt Balcı als zentrale Triebkraft von Gewalt gegen Mädchen und Frauen – selten offen artikuliert, meist unbewusst und internalisiert. Sie knüpft dabei an die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi an, die die sexualisierten Machtvorstellungen der muslimischen Welt wie kaum eine andere seziert hat: Die Frau sei in der islamischen Gesellschaft verschleiert worden, »weil der Mann Angst vor ihr hatte«. Dieser Satz, so Balcı, habe bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Kleiderregeln zeigten stets den Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, und weibliche Autonomie stelle männliche Autorität infrage. Für emanzipierte Männer hätte in Mernissis Analyse sogar ein Ausweg gelegen: die Befreiung vom Bild des ewig Verführbaren, der seine eigenen Triebe nicht beherrscht. Doch dazu, diagnostiziert Balcı, kam es nicht. Das Bild der Frau bleibe an den angeblich allmächtigen Sexualtrieb des Mannes gekoppelt, ihre Subjektivität zähle nur in diesem Verhältnis. Je enger die Kontrolle über die Frau, desto deutlicher trete die Schwäche der Männer hervor, die sie ausüben. Frauen mögen das Kopftuch aus eigener Überzeugung aufsetzen; ebenso frei wieder ablegen können sie es offenkundig nicht immer.
Der Fall hat unterdessen internationale Aufmerksamkeit gefunden: Medien in der Schweiz und in Österreich berichten über die Morddrohungen gegen Chehade, englischsprachige Zusammenschnitte auf TikTok und YouTube tragen die Debatte über Zwang, Freiwilligkeit und soziale Kontrolle weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Chehade selbst zeigt sich öffentlich unbeirrt und findet zunehmend Unterstützung auch unter jungen Muslimen. Damit trifft sie sich mit Balcıs Schlussappell: Es brauche mehr solcher Frauen – und mehr Männer aus muslimischen Kontexten –, die den radikalen Moralwächtern öffentlich widersprechen. Wer sich seiner selbst sicher ist, müsse weder den Wind in den Haaren noch den Blick auf freie Schultern fürchten.
Weiterlesen:
Güner Balcı (25. Juni 2026): Die Angst vor freien Schultern. Kopftuch-Debatte um die Hijab-Influencerin Nur El-Huda Chehade. In: Süddeutsche Zeitung. Online verfügbar unter: LINK
Die Kölner Hijab-Influencerin Nur El-Huda Chehade legte ihr Kopftuch ab und erntete einen Sturm der Entrüstung bis hin zu Morddrohungen.
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) June 26, 2026
Güner Balci nimmt das in der Süddeutschen Zeitung zum Anlass, die größere Entwicklung zu beschreiben:
wie sich laut MOTRA-Monitor immer mehr…