Ein Kopf­tuch fällt – und eine Sze­ne läuft Sturm: Der Fall Nur El-Huda Che­ha­de

Die Kölner Influencerin Nur El-Huda Chehade legte Anfang Mai nach 17 Jahren ihr Kopftuch ab – und erhält seither Morddrohungen. Für die Publizistin und Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balcı ist der Fall, wie sie in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung schreibt, kein Einzelereignis, sondern Symptom einer Radikalisierung, die sich vor allem über die Kontrolle des weiblichen Körpers organisiert. Der Fall hat internationale Kreise gezogen.

Als Nur El-Huda Che­ha­de Anfang Mai 2026 in einem Video erklär­te, ihren Hijab künf­tig nicht mehr zu tra­gen, fiel die Reso­nanz zunächst über­wie­gend posi­tiv aus. Die 26-Jäh­ri­ge, die auf Tik­Tok und Insta­gram mehr als 100.000 Men­schen erreicht und dort seit Jah­ren über den Islam, reli­giö­sen Miss­brauch und die Situa­ti­on von Frau­en spricht, hat­te das Kopf­tuch stets als frei­wil­li­ge, bewuss­te Ent­schei­dung ver­tei­digt – und begrün­de­te auch das Able­gen als rein per­sön­li­chen Schritt, der an ihren reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen nichts ände­re. Doch bin­nen weni­ger Tage kipp­te die Stim­mung: Radi­ka­le und kon­ser­va­ti­ve Islam-Influen­cer war­fen ihr vor, jun­ge Mus­li­min­nen vom Glau­ben weg­zu­füh­ren, Fol­lower wand­ten sich ab, und schließ­lich gin­gen Mord­dro­hun­gen ein. Selbst Nut­zer, die ihr öffent­lich bei­stan­den, berich­te­ten von Anfein­dun­gen.

Güner Bal­cı hat den Fall in der Süd­deut­schen Zei­tung zum Anlass genom­men, die Mecha­nik hin­ter die­sem Empö­rungs­sturm frei­zu­le­gen. Die mus­li­mi­sche Gemein­schaft, die soge­nann­te Umma, tre­te nach ihrer Beob­ach­tung immer dann auf den Plan, wenn jemand aus­schert und damit ein archai­sches Frau­en­bild samt der dar­an hän­gen­den Ungleich­be­hand­lung zur Dis­po­si­ti­on stellt. Ihr zen­tra­ler Befund: Ein abge­leg­tes Kopf­tuch gilt in die­ser Logik nicht als indi­vi­du­el­le Ent­schei­dung, son­dern als »ein Angriff auf alle, ein Angriff auf Gott«. Die Sexu­al­mo­ral beschreibt Bal­cı als Grund­pfei­ler, viel­leicht sogar als exis­ten­zi­ells­ten Pfei­ler der reak­tio­när-mus­li­mi­schen Leh­re. Sie äuße­re sich in einer maß­lo­sen Über­hö­hung der Frau, die als Hüte­rin der rei­nen Leh­re geprie­sen wer­de – doch die Macht die­ser ehr­ba­ren, got­tes­fürch­ti­gen Frau erwach­se allein aus ihrer ver­meint­li­chen Rein­heit, und die Kehr­sei­te der mora­li­schen Auto­ri­tät sei die Dro­hung: Über die Unver­sehrt­heit der Frau ent­schei­de ihre Regel­treue. Ver­hül­lung kön­ne als Aus­druck von Fröm­mig­keit gel­ten, das Able­gen des Schlei­ers dage­gen wer­de schnell als Ver­rat gele­sen und fin­de in der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen einen star­ken Reso­nanz­raum. Trans­por­tiert wer­de die­se Moral nicht nur in Frei­tags­pre­dig­ten, son­dern auch in reli­giö­ser Pop­kul­tur: Bal­cı zitiert Nas­heeds, from­me Lie­der, in denen Frau­en als Hoff­nung und leuch­ten­des Vor­bild der Gläu­bi­gen besun­gen wer­den, wäh­rend freie Klei­der­wahl als Inbe­griff von Cha­os und Sit­ten­ver­fall erscheint. Die unbe­deck­te Schul­ter wer­de so zur Bedro­hung der Ord­nung erklärt und der weib­li­che Kör­per zu dem, was gebän­digt wer­den muss, zur Not eben per Beklei­dungs­re­gel.

Dass es sich dabei nicht um ein Rand­phä­no­men han­delt, belegt Bal­cı mit dem aktu­el­len MOTRA-Moni­tor, einer von meh­re­ren Bun­des­mi­nis­te­ri­en geför­der­ten Bestands­auf­nah­me der Radi­ka­li­sie­rungs­ten­den­zen in Deutsch­land: Immer mehr jun­ge Mus­li­me begeis­tern sich dem­nach für eine wort­ge­treue Aus­le­gung jahr­hun­der­te­al­ter reli­giö­ser Regeln. His­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung gilt in die­sen Milieus als unis­la­misch. Eben­so wird die Vor­stel­lung abge­lehnt, eine Frau kön­ne das Kopf­tuch je nach Situa­ti­on frei tra­gen oder able­gen. Ohne die Obses­si­on mit dem weib­li­chen Kör­per, so Bal­cıs Zuspit­zung, hät­te man­cher Kali­fats­traum wohl kaum Bestand. Kaum ein auto­ri­tä­res Reli­gi­ons­ver­ständ­nis kom­me ohne die­se Fixie­rung aus: kei­ne Hei­li­ge ohne ihre ver­fem­te Gegen­fi­gur, die ver­folgt und aus­ge­löscht wer­den soll. Die Furcht vor Kon­troll­ver­lust ange­sichts weib­li­cher Sexua­li­tät benennt Bal­cı als zen­tra­le Trieb­kraft von Gewalt gegen Mäd­chen und Frau­en – sel­ten offen arti­ku­liert, meist unbe­wusst und inter­na­li­siert. Sie knüpft dabei an die marok­ka­ni­sche Sozio­lo­gin Fati­ma Mer­nis­si an, die die sexua­li­sier­ten Macht­vor­stel­lun­gen der mus­li­mi­schen Welt wie kaum eine ande­re seziert hat: Die Frau sei in der isla­mi­schen Gesell­schaft ver­schlei­ert wor­den, »weil der Mann Angst vor ihr hat­te«. Die­ser Satz, so Bal­cı, habe bis heu­te nichts an Aktua­li­tät ein­ge­büßt. Kleid­erre­geln zeig­ten stets den Zustand der gesell­schaft­li­chen Ord­nung, und weib­li­che Auto­no­mie stel­le männ­li­che Auto­ri­tät infra­ge. Für eman­zi­pier­te Män­ner hät­te in Mer­nis­sis Ana­ly­se sogar ein Aus­weg gele­gen: die Befrei­ung vom Bild des ewig Ver­führ­ba­ren, der sei­ne eige­nen Trie­be nicht beherrscht. Doch dazu, dia­gnos­ti­ziert Bal­cı, kam es nicht. Das Bild der Frau blei­be an den angeb­lich all­mäch­ti­gen Sexu­al­trieb des Man­nes gekop­pelt, ihre Sub­jek­ti­vi­tät zäh­le nur in die­sem Ver­hält­nis. Je enger die Kon­trol­le über die Frau, des­to deut­li­cher tre­te die Schwä­che der Män­ner her­vor, die sie aus­üben. Frau­en mögen das Kopf­tuch aus eige­ner Über­zeu­gung auf­set­zen; eben­so frei wie­der able­gen kön­nen sie es offen­kun­dig nicht immer.

Der Fall hat unter­des­sen inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit gefun­den: Medi­en in der Schweiz und in Öster­reich berich­ten über die Mord­dro­hun­gen gegen Che­ha­de, eng­lisch­spra­chi­ge Zusam­men­schnit­te auf Tik­Tok und You­Tube tra­gen die Debat­te über Zwang, Frei­wil­lig­keit und sozia­le Kon­trol­le weit über den deutsch­spra­chi­gen Raum hin­aus. Che­ha­de selbst zeigt sich öffent­lich unbe­irrt und fin­det zuneh­mend Unter­stüt­zung auch unter jun­gen Mus­li­men. Damit trifft sie sich mit Bal­cıs Schluss­ap­pell: Es brau­che mehr sol­cher Frau­en – und mehr Män­ner aus mus­li­mi­schen Kon­tex­ten –, die den radi­ka­len Moral­wäch­tern öffent­lich wider­spre­chen. Wer sich sei­ner selbst sicher ist, müs­se weder den Wind in den Haa­ren noch den Blick auf freie Schul­tern fürch­ten.


Wei­ter­le­sen:

Güner Bal­cı (25. Juni 2026): Die Angst vor frei­en Schul­tern. Kopf­tuch-Debat­te um die Hijab-Influen­ce­rin Nur El-Huda Che­ha­de. In: Süd­deut­sche Zei­tung. Online ver­füg­bar unter: LINK