Die Annahme und ihr wissenschaftlicher Verstärker
Den Beginn setzt Murat Kayman mit einer Grundannahme der deutschen Religionspolitik: Die Anbindung an eine Moscheegemeinde bewahre junge Menschen vor extremistischer Ideologie. Auf dieser Annahme ruhen aus seiner Sicht die Deutsche Islamkonferenz (DIK), die Staatsverträge und Beiräte der Länder sowie das Ende 2023 geschlossene Abkommen mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet und der DITIB, das die Entsendung türkischer Staatsbediensteter durch die Ausbildung von jährlich 100 Imamen in Deutschland ablösen soll.
Diese Annahme erklärt nach Kayman erst die Logik solcher Maßnahmen. Man müsse sie kennen, »um zu verstehen, warum eine Bundesregierung die Ausbildung von Geistlichen für deutsche Gemeinden in die Hand einer ausländischen Religionsbehörde und ihres deutschen Ablegers legt und das für einen sicherheitspolitischen Fortschritt hält«. Dasselbe gelte für Kirchen, die ihre muslimischen Partner gegen Kritik aus den muslimischen Gemeinschaften selbst verteidigen: »Diesen Maßnahmen liegt kein böser Wille, sondern eben diese positive Annahme zugrunde.« Die muslimischen Organisationen halten es nach Kaymans Beobachtung ebenso. Sie beschreiben sich »als das authentische und wichtigste Angebot gegen Radikalisierung und sie tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Nachweis für nötig hält«.
Als prägnantesten Fürsprecher dieser Annahme identifiziert Kayman den politischen Soziologen Özgür Özvatan, der sie binnen einer Woche zweimal öffentlich formulierte: am 28. Juli im »Freitag« und am 3. August im Deutschlandfunk. Kayman begründet, warum er sich an Özvatan als Fürsprecher abarbeitet: »Ich beziehe mich auf ihn, weil er diese Annahme besser formuliert als die Verbände selbst und weil sein wissenschaftliches Profil sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem unbestrittenen Befund gerinnen lässt.«
Dabei legt Kayman eine Spannung zwischen beiden Auftritten offen. Im »Freitag« erscheint Religion als Motiv unerheblich, denn Radikalisierung beginne meist mit Einsamkeit. Im Radiogespräch gilt dann fehlende religiöse Bildung als zentrale Anfälligkeit. Kayman hält beides für vereinbar, zieht daraus aber eine Konsequenz, die Özvatan auslässt:
»Wenn fehlende religiöse Bildung anfällig macht, dann ist religiöse Bildung eine Größe, die auf den Verlauf einer möglichen Radikalisierung einwirkt. Und was einwirken kann, kann in beide Richtungen einwirken.«
Die Reihenfolge der Argumente hält er für aufschlussreich: »Wer zuerst erklärt, am Anfang stehe nicht der Glaube, hat sich das Nachfragen nach den religiösen Inhalten erspart. Wer sich das erspart hat, kann anschließend dieselben religiösen Inhalte als Heilmittel empfehlen, ohne sie je konkret durchleuchten und benennen zu müssen.«
Der Begriffsstreit um das Wort »Islamismus«
Özvatan spricht von »religiös begründetem Extremismus«, um die Ideologie von der Weltreligion zu trennen. Kayman hält diese Wortwahl für kontraproduktiv, weil sie das Gegenteil des Beabsichtigten bewirke: »Die Formulierung Özvatans vermeidet den Namen und behält die Behauptung.« Das Wort »Islamismus« leiste die eingeforderte Trennung dagegen tatsächlich: »Die Endung macht aus einem Gegenstand eine Lehre über ihn, so wie Klerikalismus nicht der Klerus ist und nicht mit ihm verwechselt wird.« Wer dieses Wort aufgebe, so Kayman, »gibt die Kategorie auf, in der sich diese Grenze überhaupt ziehen ließe«.
Kayman verweist darauf, dass auch die großen Verbände den Begriff seit 25 Jahren zurückweisen, und sieht in der Konvergenz mit Özvatan eine folgenreiche Entwicklung: »Am Ende steht für den Anschlag von Berlin kein Wort zur Verfügung, mit dem Muslime ihre Religion überzeugend von einer extremistischen Ideologie trennen könnten.«
Aus der Selbstbeschreibung der Verbände als Präventionsinstanz leitet Kayman zudem eine Zwickmühle ab. Wer Radikalisierung verhindere, setze eine Anfälligkeit voraus, deren Zusammenhang mit der Religion dieselben Organisationen seit 2001 bestreiten. Kayman formuliert es so:
»Man kann nicht der Garant gegen eine Gefahr sein, deren Existenz man leugnet.«
Özvatan habe diese Zwickmühle vorgefunden, verschärfe sie jedoch, »weil es sie autorisiert und Politik und Zivilgesellschaft davon überzeugt, dass die Moscheeverbände in ihrem gegenwärtigen Zustand schon gute Verbündete im Kampf gegen Radikalisierung seien«.
Was die Daten des MOTRA-Verbunds zeigen
Den empirischen Kern des Beitrags bilden Befunde von Peter Wetzels und Katrin Brettfeld (Universität Hamburg, Forschungsverbund MOTRA). Danach steigt mit der Stärke der religiösen Bindung die Häufigkeit islamistischer Einstellungen; der Effekt übertrifft im statistischen Modell jene von Alter und Bildung deutlich. Kayman betont die Grenzen dieser Daten: Es handelt sich um Selbstauskünfte zu Einstellungen, der Moscheebesuch wird als Einzelmerkmal gar nicht gesondert ausgewertet, und formale Bildung zeigt bei islamismusaffinen Einstellungen keinen klaren Schutzeffekt. Aus der ersten Einschränkung leitet er ab, was er ausdrücklich behauptet und was er ausdrücklich offenlässt:
»Religiöse Bindung schützt als solche nicht. Wer gehofft hat, die Präventionsvermutung finde in den Daten ihre Bestätigung, findet sie dort jedenfalls nicht.«
Der aus seiner Sicht entscheidende Befund liegt in der Typologie der Glaubensverständnisse. Unter fest Gläubigen, die anderen Muslimen ihre Auslegung zugestehen, sind islamistische Einstellungen extrem selten. Unter jenen, die wörtliche Befolgung zur Bedingung echten Muslimseins erklären und Modernisierung als Zerstörung der wahren Lehre betrachten, findet sich fast ein Drittel mit islamistischen Einstellungen. Kayman fasst zusammen: »Sobald aus dem eigenen Glauben ein Maßstab wird, mit dem man anderen die Zugehörigkeit abspricht, vervielfacht sich die Wahrscheinlichkeit islamistischer Einstellungen.« Und weiter: »Nicht die Frömmigkeit trägt den Befund, sondern das, was in ihr transportiert wird.« Diskriminierungserfahrungen erhöhen das Risiko zusätzlich, der Zusammenhang zwischen Glaubensverständnis und islamistischer Einstellung bleibt jedoch auch nach deren Herausrechnung bestehen: »Die Abstoßung kommt zum religiösen Befund hinzu, sie ersetzt ihn nicht.«
Kayman warnt zugleich vor einem Generalverdacht. Auch in der strengsten Gruppe lehnen zwei von drei Befragten islamistische Positionen ab: »Ein Befund über Verhältnisse ist kein Verdacht gegen Personen und wer das eine in das andere übersetzt, macht die Sache schlimmer.« Die kursierende Zahl von 45 Prozent islamismusaffinen jungen Muslimen fasse einen harten Kern von gut 11 Prozent mit einem gewachsenen, lediglich offenen Vorfeld zusammen: »Beunruhigend ist nicht die Zahl der Überzeugten, sondern die Verbreiterung des Randes, an dem rekrutiert wird.«
Die Praxis der Verbände als Prüfstein
Özvatans These von der liberalen, vielfältigen Mehrheit der Gemeinden hält Kayman für unbelegt. Als prüfbares Dokument zieht er die Freitagspredigten heran. In der Woche nach dem Anschlag von Berlin predigte die DITIB über Halal-Verdienst, im Gleichklang mit einer Themensetzung der Diyanet in Ankara; das Geschehen in Deutschland kam darin nicht vor. Zum Vergleich verweist Kayman auf das Erdbeben von Kahramanmaraş 2023, nach dem der Verbandsapparat binnen vier Tagen eine bundesweite Trauerpredigt samt Totengebet organisierte. Sein Urteil über die Berliner Leerstelle fällt entsprechend aus:
»Was er im Juli 2026 nach dem Anschlag in Berlin nicht getan hat, hat er nicht etwa nicht gekonnt. Er hat es nicht gewollt.«
Den Kontrast zwischen der ausführlichen Trauer um die Türkei und dem Schweigen zu Berlin nennt er »die Geografie der Fremdheit«.
Hinzu kommt die Struktur der religiösen Bildung selbst. In DITIB-Gemeinden ist der Imam türkischer Staatsbediensteter, und nach der im Mai 2024 vorgestellten Umsetzung des Imamausbildungsabkommens sollen 75 der 100 jährlichen Absolventen weiterhin aus türkischen Theologiefakultäten kommen. Das Abkommen, so Kayman, »verlagert also den Ort der praktischen Ausbildung, nicht der theologischen und lässt offen, was in ihr vermittelt wird«.
Am Ende des Radiogesprächs sieht Kayman die Konstruktion an ihrem schwächsten Punkt. Auf die Frage nach Gemeinden, die Homosexualität als Sünde predigen oder tabuisieren, verweist Özvatan auf eine liberale Mehrheit der Gemeinden. Kayman hält dem entgegen: »Das Schweigen ist die monistische Auslegung in ihrer wirksamsten Form, weil es nicht einmal als Position auftritt, gegen die sich etwas einwenden ließe.« Und über die Betroffenen:
»Wer als queerer Mensch nur um den Preis der Unsichtbarkeit zur Gemeinde gehören darf, gehört nicht zur Gemeinde. Er befindet sich nur in einer Moschee.«
Kayman, der 16 Jahre in muslimischen Verbandsstrukturen gearbeitet hat, berichtet zudem aus eigener Anschauung von internen Positionspapieren zur Homosexualität und von Karrieren ihrer Verfasser. Sein Fazit zur Mehrheitsbehauptung:
»Wer den Satz von der liberalen Mehrheit sagt, beschreibt nicht die Gemeinden. Er beschreibt, wie sie sein müssten, damit der Rest seines Arguments trägt.«
Kaymans Folgerung
Kayman unterscheidet abschließend zwei Aussagen: die Forderung, muslimische Gemeinschaften müssten Teil der Lösung werden, und die Behauptung, sie seien es bereits. Die erste hält er für richtig und anspruchsvoll, die zweite für bequem und entlastend, für Verbände, Politik, Forschung und Kirchen gleichermaßen: »Ein Argument, das so vielen so viel Arbeit abnimmt, verdient unser aller Misstrauen.« Wer Gemeinden reflexhaft zur funktionierenden Präventionsinstanz erkläre, ohne hinzusehen, riskiere deren Glaubwürdigkeit:
»Denn nachsehen wird irgendwann jemand. Es wird vermutlich nicht wohlwollend geschehen und dann kommt diese Wunschvorstellung mitsamt allem, was an ihr richtig war, unter die Räder.«
Dass Kayman kein Interesse am Scheitern der Gemeinden hat, betont er selbst: »Die Moscheegemeinde kann das Wirksamste sein, was wir gegen Radikalisierung haben. Kann.« Sein Schlusssatz benennt die Distanz zwischen Anspruch und Zustand: »Wir sind weit davon entfernt und wir bewegen uns gerade zügig in die andere Richtung.«
Murat Kayman (7. August 2026): Unterschätzte Player. In: murat-kayman.de. Online verfügbar unter: LINK (archiviert)