Inhaltsverzeichnis

»Unter­wan­de­rung« und die Fol­gen in Mün­chen: Der Poli­ti­sche Islam und die Fra­ge, was jetzt zu tun ist

Am 20. April 2026 stellte der investigative Journalist Sascha Adamek in der Hanns-Seidel-Stiftung in München sein Buch »Unterwanderung. Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch« vor. Einen Schwerpunkt bildete Bayern mit dem Fall des Penzberger Imams Benjamin Idriz und dem jüngsten Besuch von Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann in dessen Moschee. Nach einem Impuls von Thomas Haslböck (Hanns-Seidel-Stiftung) diskutierten Adamek, die Politikwissenschaftlerin Gülden Hennemann und Justizminister a. D. Prof. Dr. Winfried Bausback (CSU), moderiert von Joseph Röhmel (BR/ARD/Deutschlandfunk). Alle drei Teile des Abends sind als Video verfügbar.
Auf dem Podium, von links: Prof. Dr. Winfried Bausback, Sascha Adamek, Moderator Joseph Röhmel und Gülden Hennemann, am 20. April 2026 im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in München. (Bild: AK Polis. Frei zur redaktionellen Verwendung)

Inhaltsverzeichnis

Aus­ge­rich­tet wur­de der Abend vom AK Polis – Arbeits­kreis Poli­ti­scher Islam, zu Gast im Kon­fe­renz­zen­trum der Hanns-Sei­del-Stif­tung in der Münch­ner Laza­rett­stra­ße. Die Ver­an­stal­tung griff zugleich eine aktu­el­le poli­ti­sche Debat­te auf: Die CSU-Land­tags­frak­ti­on hat­te mit ihrer am 12. Janu­ar 2026 in Klos­ter Banz ver­ab­schie­de­ten Reso­lu­ti­on »Kla­re Kan­te gegen isla­mis­ti­schen Extre­mis­mus – für Reli­gi­ons­frei­heit und Sicher­heit« ein nach­drück­li­ches Vor­ge­hen gegen isla­mis­ti­sche Ein­fluss­nah­me gefor­dert. Das gilt laut Reso­lu­ti­on auch für Dach­ver­bän­de, Ver­ei­ne und Orga­ni­sa­tio­nen, die demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen ableh­nen oder unter­wan­dern wol­len.

+++ Hier kli­cken für You­Tube-Vide­os vom 20. April 2026 +++

Impuls: »Isla­mis­ti­sches Den­ken ver­ste­hen«

Den Auf­takt mach­te Tho­mas Hasl­böck, Refe­rats­lei­ter für Gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt und Inter­kul­tu­rel­len Dia­log in der Aka­de­mie für Poli­tik und Zeit­ge­sche­hen der Hanns-Sei­del-Stif­tung. Sein Aus­gangs­punkt: Der Isla­mis­mus umfasst eine Fül­le nur lose ver­bun­de­ner Phä­no­me­ne und Akteu­re; was sie eint, ist die Ideo­lo­gie. »Wer den Isla­mis­mus ver­ste­hen und Gegen­maß­nah­men ergrei­fen will, der muss das isla­mis­ti­sche Den­ken ver­ste­hen.«

Als Refe­renz wähl­te Hasl­böck den Chef­ideo­lo­gen der ägyp­ti­schen Mus­lim­brü­der, Sayy­id Qutb (1906 bis 1966), und arbei­te­te an des­sen Schrift »Milestones/Wegmarken« drei Kern­ele­men­te her­aus. Ers­tens ein unver­söhn­li­ches Freund-Feind-Den­ken: Weil der Islam in die­ser Logik Teil der natür­li­chen Ord­nung sei, ent­spre­che »die blo­ße Exis­tenz der Ungläu­bi­gen bereits einem Angriff auf den Islam – und zwar ganz unab­hän­gig davon, wie sich die­se Ungläu­bi­gen kon­kret ver­hal­ten«. Damit befän­den sich Isla­mis­ten in einer per­ma­nen­ten Not­wehr­si­tua­ti­on, die vom tak­ti­schen Kom­pro­miss bis zur ter­ro­ris­ti­schen Gewalt alle Mit­tel recht­fer­ti­ge. Zwei­tens eine Immu­ni­sie­rung gegen Kri­tik: Da jede Inter­pre­ta­ti­on des Korans als Ver­un­rei­ni­gung durch men­schen­ge­mach­tes Den­ken gel­te, sei kein Dia­log mög­lich; als Kon­se­quenz fol­ge der Rück­zug in eine nach den Regeln des Korans orga­ni­sier­te Par­al­lel­ge­sell­schaft. »Gera­de­zu kunst­fer­tig zieht der Isla­mis­mus auf die­se Wei­se eine geis­ti­ge Mau­er um die Köp­fe sei­ner Anhän­ger.« Drit­tens ein tota­ler Herr­schafts­an­spruch: Erst müss­ten die men­schen­ge­mach­ten Sys­te­me durch die Scha­ria ersetzt wer­den, dann wür­den die Vor­zü­ge des Islam für die Mas­sen sicht­bar. Ob dies auf dschi­ha­dis­ti­schem oder auf lega­lis­ti­schem Weg gesche­he, sei dabei nach­ran­gig.

Hasl­böcks zog den Schluss: Der Isla­mis­mus reiht sich in die Rie­ge der gro­ßen tota­li­tä­ren Ideo­lo­gien ein und for­dert die freie Gesell­schaft auch geis­tig her­aus. »Die Fein­de der Frei­heit wis­sen genau, woge­gen sie kämp­fen. Wir soll­ten daher wis­sen, wofür.«

Vor­trag: Ada­meks Recher­chen zur Unter­wan­de­rung

Sascha Ada­mek stell­te sei­nem Vor­trag zwei Klar­stel­lun­gen vor­an. Reli­gi­on sei sein The­ma nicht: »Kri­tik an Mus­li­men ist für mich etwas ande­res als Kri­tik am Isla­mis­mus.« Mus­lim­feind­lich­keit sei bekla­gens­wert und zu ver­ur­tei­len. Der Poli­ti­sche Islam wie­der­um sei ein wis­sen­schaft­li­cher Begriff. Er set­ze dort an, wo die pri­va­te Glau­bens­aus­übung endet und der Ver­such beginnt, »unse­re Geset­ze so zu ver­än­dern, dass sie Scha­ria-kon­form wer­den«. Der Titel »Unter­wan­de­rung« beschrei­be die akti­ve Sei­te eines Dop­pel­phä­no­mens; des­sen Gegen­stück nann­te Ada­mek die »Unter­wer­fung«, eine unbe­ding­te Mul­ti­kul­ti-Tole­ranz, die noch die kri­tik­wür­digs­ten Aus­wüch­se dul­de.

Das Datum der Buch­vor­stel­lung griff Ada­mek ein­gangs selbst auf: Der 20. April sei der Geburts­tag des »bekann­tes­ten deut­schen Ver­bre­chers der Welt­ge­schich­te«. Die his­to­ri­sche Ver­bin­dung zwi­schen Mus­lim­bru­der­schaft und Natio­nal­so­zia­lis­mus, bis hin zur vom Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem geför­der­ten SS-Divi­si­on »Hand­schar«, zei­ge, dass der Juden­hass »in der DNA die­ser Ideo­lo­gie« lie­ge und lan­ge vor dem aktu­el­len Nah­ost-Kon­flikt ent­stan­den sei.

Die Mus­lim­bru­der­schaft selbst beschrieb Ada­mek als klan­des­ti­nes Netz­werk: »Die Mus­lim­bru­der­schaft ist kein Kegel­ver­ein, wo irgend­wo Mit­glie­der­lis­ten exis­tie­ren.« Ver­gleich­bar sei die Struk­tur am ehes­ten mit dem Opus Dei: weni­ge Per­so­nen, maxi­ma­ler gesell­schaft­li­cher Ein­fluss. Umso bedeut­sa­mer sei ein Akten­fund, den er im Buch voll­stän­dig doku­men­tiert: ein bei einer Wirt­schafts­er­mitt­lung sicher­ge­stell­ter »Vier­jah­res­plan« der Bru­der­schaft (2008 bis 2011), den meh­re­re Sicher­heits­be­hör­den für vali­de hal­ten und zu dem es in Frank­reich ähn­li­che Fun­de gab. Das Papier beschreibt die geziel­te Annä­he­rung an Eli­ten in Poli­tik und Medi­en, die Koope­ra­ti­on mit Glo­ba­li­sie­rungs­geg­nern, ein Anfor­de­rungs­pro­fil für neue Mit­glie­der und den Anspruch, Regie­run­gen dazu zu brin­gen, »die isla­mi­sche Opti­on zu ertra­gen, die Herr­schaft der Isla­mis­ten über ihre Län­der«, wie Ada­mek aus dem Doku­ment zitier­te.

Wie weit die Ein­fluss­nah­me reicht, illus­trier­te Ada­mek mit einer Bil­der­fol­ge: die Trau­er­kund­ge­bung nach dem Anschlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt 2016 auf dem Breit­scheid­platz, bei der damals vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­te­te Orga­ni­sa­tio­nen gemein­sam mit dem Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter auf­tra­ten; Fotos von Spit­zen­po­li­ti­kern mit Funk­tio­nä­ren, deren Nähe zu extre­mis­ti­schen Struk­tu­ren sich teils mit einem Blick ins Ver­eins­re­gis­ter recher­chie­ren ließ; ein Bene­fi­zes­sen, bei dem Pro­mi­nen­te wie der spä­te­re Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er für Isla­mic Reli­ef sam­mel­ten, eine Orga­ni­sa­ti­on, die die Bun­des­re­gie­rung auf eine par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge hin dem Geflecht der extre­mis­ti­schen Mus­lim­bru­der­schaft zuord­ne­te. Ada­meks Ver­gleich: »Ich will mir nicht vor­stel­len, wenn wir sol­che Bil­der von Julia Klöck­ner bei einem Früh­stück bei den Reichs­bür­gern auf­fin­den wür­den, was in der Medi­en­land­schaft Deutsch­lands los wäre.«

Als Bei­spiel jen­seits Bay­erns dien­te eine mit 4,2 Mil­lio­nen Euro vom Ber­li­ner Senat geför­der­te Kita in Nord-Neu­kölln. Dass deren Geschäfts­füh­rer zuvor Funk­tio­nen in einem Ver­band inne­hat­te, dem Sicher­heits­be­hör­den eine Nähe zum schii­ti­schen Isla­mis­mus attes­tie­ren, sei »kei­ne Glanz­leis­tung des inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus« gewe­sen; ein Blick in Han­dels- und Ver­eins­re­gis­ter habe genügt. Ada­mek leg­te zudem ein reli­giö­ses Rechts­gut­ach­ten vor, das die Unter­schrift des Geschäfts­füh­rers neben der des mitt­ler­wei­le abge­scho­be­nen Lei­ters des ver­bo­te­nen Mul­lah-Zen­trums in Ham­burg trägt, sowie Fat­was des Großaya­tol­lahs al-Sista­ni, die er als men­schen­ver­ach­tend und mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar bewer­tet. Die Betrof­fe­nen wei­sen die Vor­hal­te zurück. Ada­mek ver­las das Schrei­ben des Anwalts, wonach die Man­dant­schaft »über­zeugt von der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Wer­te­ord­nung des Grund­ge­set­zes« sei und danach lebe und hand­le. Der Geschäfts­füh­rer erklär­te auf Anfra­ge, die Fat­wa nicht zu ken­nen; inzwi­schen sei er aus der Geschäfts­füh­rung zurück­ge­tre­ten. Gerich­te haben die Bericht­erstat­tung bestä­tigt. Das aus­ge­zahl­te För­der­geld des Lan­des Ber­lin sei gleich­wohl, so Ada­mek, unwie­der­bring­lich weg.

Sascha Ada­mek im Kon­fe­renz­zen­trum der Hanns-Sei­del-Stif­tung in Mün­chen. (Bild: AK Polis. Frei zur redak­tio­nel­len Ver­wen­dung)

Schwer­punkt Bay­ern: Söder, Herr­mann und der Fall Penz­berg

Ins Zen­trum des Münch­ner Abends rück­te Ada­mek den Fall, dem er in sei­nem Buch ein eige­nes Kapi­tel wid­met (»Der Lieb­lings-Imam der Polit-Schi­cke­ria«): den Penz­ber­ger Imam Ben­ja­min Idriz. Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder und Innen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann stat­te­ten des­sen Moschee erst kürz­lich einen Besuch zum Ift­ar ab, der nach Ada­meks Wor­ten in den sozia­len Medi­en gefei­ert wur­de. Man kön­ne das als geleb­ten Dia­log ver­ste­hen, sag­te Ada­mek. Im Fall Idriz habe die Sache aller­dings eine Vor­ge­schich­te, die er »sehr irri­tie­rend« fin­de.

Die­se Vor­ge­schich­te, die Ada­mek im Buch anhand von Gerichts­ak­ten nach­zeich­net, reicht weit zurück. Die Isla­mi­sche Gemein­de Penz­berg (IGP) wur­de von 2007 bis 2010 regel­mä­ßig im Bericht des Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schut­zes erwähnt, 2010 sogar, nach­dem sie erfolg­los gegen die Ver­öf­fent­li­chung geklagt hat­te. In die­sem Ver­fah­ren führ­te der Ver­fas­sungs­schutz Abhör­pro­to­kol­le aus einem poli­zei­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein. Sie beleg­ten aus sei­ner Sicht stra­te­gi­sche Abspra­chen mit Per­so­nen aus dem isla­mis­ti­schen Umfeld und ein Unter­ord­nungs­ver­hält­nis zu Orga­ni­sa­tio­nen wie der Isla­mi­schen Gemein­schaft Mil­lî Görüş. Akten­kun­dig wur­de auch die amt­li­che Erklä­rung des Lan­des­amts vom 26. August 2009, wonach Idriz Anhän­ger der radi­kal-extre­mis­ti­schen Mus­lim­bru­der­schaft sei und 2005 an einer Ver­an­stal­tung mit deren Chef­ideo­lo­gen Yus­uf al-Qara­da­wi teil­ge­nom­men habe. Der dama­li­ge Innen­mi­nis­ter war der­sel­be, der jetzt in Penz­berg zu Gast war: Joa­chim Herr­mann warf Idriz sei­ner­zeit in einem WELT-Inter­view vor, er habe »ein­fach gelo­gen«; ent­ge­gen sei­nen Beteue­run­gen habe er »per­sön­lich in stän­di­gem tele­fo­ni­schen Kon­takt mit Spit­zen die­ser radi­ka­len Orga­ni­sa­tio­nen« gestan­den. Ob Idriz gegen die­se Aus­sa­ge juris­tisch vor­ge­gan­gen ist, beant­wor­te­te er auf Ada­meks Anfra­ge nicht. Seit 2011 taucht der Ver­ein in kei­nem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt des Frei­staats mehr auf, obwohl der Ver­fas­sungs­schutz den Pro­zess gewon­nen hat­te. Aus Krei­sen der Sicher­heits­be­hör­den zitiert Ada­mek die Ein­schät­zung, das The­ma sei damals wie eine »hei­ße Kar­tof­fel« behan­delt wor­den; der poli­ti­sche Druck sei evi­dent gewe­sen.

Dazu leg­te Ada­mek eige­ne Recher­che­er­geb­nis­se: die theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung am Insti­tut Euro­pé­en des Sci­en­ces Humain­es in Châ­teau-Chi­non, das Sicher­heits­be­hör­den als Kader­schmie­de der Mus­lim­bru­der­schaft betrach­ten, sowie ein Bitt­schrei­ben vom 28. Mai 2014 an die Qatar Cha­ri­ty, mit dem Idriz Geld für sein Moschee­vor­ha­ben ein­wer­ben woll­te. Illus­triert war es mit Fotos, die ihn unter ande­rem mit dem Münch­ner Ober­bür­ger­meis­ter, Horst See­ho­fer und Chris­ti­an Wulff zei­gen. »Die­se Fotos sind Geld wert«, so Ada­meks Deu­tung: Sie signa­li­sier­ten Geld­ge­bern am Golf Rele­vanz und Ein­fluss. Genau dar­in lie­ge die Aktua­li­tät des Söder-Herr­mann-Besuchs. Sol­che Auf­nah­men bedeu­te­ten für Akteu­re die­ses Spek­trums eben »nicht nur Hand­shake und Dia­log­be­reit­schaft«. Gescha­det hat die Vor­ge­schich­te Idriz bis­lang nicht: 2019 lob­te Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er die Gemein­de bei einem Besuch als »modell­haft«, im Okto­ber 2025 erhielt Idriz den Tho­mas-Deh­ler-Preis.

Idriz bestrei­tet die Vor­wür­fe. Gegen­über Ada­mek erklär­te er schrift­lich: »Ich war nie­mals Mit­glied einer sol­chen oder einer ähn­li­chen Orga­ni­sa­ti­on, noch stand oder ste­he ich in irgend­ei­ner Form unter deren Ein­fluss«; auch die Erklä­rung des Ver­fas­sungs­schut­zes sei ihm nicht bekannt. Ada­meks kon­kre­te Nach­fra­gen, etwa zu mög­li­chen Tref­fen mit al-Qara­da­wi oder zu einem Social-Media-Bei­trag nach dem 7. Okto­ber zu einem Israel/IS-Ver­gleich, der auch das Podi­um noch beschäf­ti­gen soll­te, blie­ben in der Sache unbe­ant­wor­tet.

Podi­ums­run­de

Die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on eröff­ne­te Mode­ra­tor Joseph Röh­mel mit der Fra­ge, wie man einen Mus­lim­bru­der ent­tarnt. Ein Patent­re­zept gebe es laut Ada­mek nicht, wohl aber Indi­zi­en: »Katar finan­ziert nicht irgend­wen.« Wo ein Finanz­strang aus Katar zu einer Moschee­ge­mein­de füh­re, sei die Wahr­schein­lich­keit hoch. Dazu loh­ne der Blick in Bio­gra­fien: Wer sei­ne Aus­bil­dung an einer Ein­rich­tung absol­viert habe, die dar­auf aus­ge­rich­tet sei, Mus­lim­brü­der her­vor­zu­brin­gen, gebe zumin­dest Anlass zum Ver­dacht. Ein Beleg sei das nicht: »Es gibt kei­ne Mit­glie­der­lis­ten.« Seri­ös las­se sich nur sagen, jemand ste­he der Ideo­lo­gie der Mus­lim­bru­der­schaft nahe. Gül­den Hen­ne­mann ergänz­te: Es gebe Zwei­ge unter­schied­li­cher Her­kunft, ägyp­tisch, syrisch, bos­nisch, »im Ergeb­nis ist da kein Unter­schied«: Am Ende ste­he eine anti­de­mo­kra­ti­sche Über­zeu­gung. Optisch erken­ne man Extre­mis­ten nicht, schon gar nicht »die­se stra­te­gisch ange­pass­ten Isla­mis­ten«. Ihre Chan­ce sehe sie im rich­tig geführ­ten Gespräch. Mit den rich­ti­gen Fra­gen kön­ne man sol­che Akteu­re argu­men­ta­tiv in die Enge trei­ben, »dann müs­sen sie sich nackig machen«. Das bedeu­te aber nicht, »dass Herr Söder sich mit Herrn Idriz abbil­den lässt«; über Inhal­te sol­le man »fern­ab von jeg­li­cher Öffent­lich­keit« spre­chen. Bei Idriz wür­de sie bei al-Qara­da­wi anset­zen, bei des­sen Fat­was und Schrif­ten, und von dort zu den Wer­ten kom­men: Geschlech­ter­gleich­stel­lung, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung. »Ich bin mir sicher, dass es da in den Punk­ten schon sehr schwam­mig wer­den wür­de.«

Der Israel/IS-Ver­gleich

Deut­lich wur­de Win­fried Baus­back bei der Ein­ord­nung von Idriz’ Äuße­rung zum zwei­ten Jah­res­tag des 7. Okto­ber, in der Ada­mek eine Gleich­set­zung Isra­els mit dem Isla­mi­schen Staat sieht. Baus­back sag­te: »Der Ver­gleich ent­behrt jeder sach­li­chen Grund­la­ge. Der Isla­mi­sche Staat war recht­lich kein Staat.« Es fehl­ten Ele­men­te der Staat­lich­keit. Isra­el sei ein demo­kra­ti­scher Staat. Das zei­ge sich allein dar­an, dass dort offe­ne Kri­tik an der Kriegs­füh­rung mög­lich sei, wäh­rend im Herr­schafts­be­reich der Hamas Men­schen hin­ge­rich­tet wor­den sei­en, weil sie sich gegen deren Maß­nah­men wand­ten. Sein Fazit: »Wer das auf die glei­che Ebe­ne setzt, der ver­harm­lost auch eine ver­bre­che­ri­sche, ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, wie der IS es war. Und des­halb geht die­ser Ver­gleich gar nicht.« Ada­mek erin­ner­te dar­an, dass die Hamas »die Aus­grün­dung schlecht­hin der Mus­lim­bru­der­schaft« sei, die Mus­lim­bru­der­schaft in Paläs­ti­na. Die Mit­glied­schaft in einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung ist straf­bar, wie Baus­back mit Ver­weis auf die 2017 in Mün­chen ein­ge­rich­te­te Zen­tral­stel­le zur Extre­mis­mus­be­kämp­fung erläu­ter­te.

Ver­fas­sungs­schutz­be­richt bie­tet kein »demo­kra­ti­sches TÜV-Sie­gel«

Hen­ne­mann räum­te mit einem ver­brei­te­ten Miss­ver­ständ­nis auf: Der Ver­fas­sungs­schutz­be­richt sei kein »demo­kra­ti­sches TÜV-Sie­gel«. Wer dar­in nicht auf­tau­che, wer­de unter Umstän­den trotz­dem nach­rich­ten­dienst­lich bear­bei­tet. Als eigent­li­ches Pro­blem beschrieb sie die jah­re­lan­ge Ver­en­gung des Blicks der Diens­te auf den gewalt­tä­ti­gen Ter­ro­ris­mus, aus Angst der Poli­tik vor Anschlä­gen und den dazu­ge­hö­ri­gen Bil­dern; die gewalt­frei agie­ren­den Bestre­bun­gen sei­en dar­über in den Hin­ter­grund gera­ten. Als sie den Abschluss des ers­ten Ham­bur­ger Staats­ver­trags mit­er­leb­te, habe der dor­ti­ge Ver­fas­sungs­schutz die poli­ti­sche Ebe­ne gewarnt, im Schura-Rat säßen Isla­mis­ten: »Das hat nie­man­den inter­es­siert.« Zugleich zog sie die rechts­staat­li­che Linie: »Es ist nicht ver­bo­ten, Extre­mist zu sein in die­sem Land.« Erst wenn aus einer Hal­tung eine Bestre­bung wer­de, kom­me das Sys­tem aus Ver­fas­sungs­schutz, straf­recht­li­cher Prü­fung und gege­be­nen­falls Gerichts­ur­tei­len in Gang.

Baus­back beschrieb, dass unter der neu­en Bun­des­re­gie­rung Ver­eins­ver­bo­te kon­se­quen­ter ange­setzt wür­den. Für Bay­ern ver­wies er auf eine bewuss­te Son­der­stel­lung: Pro­ble­ma­ti­schen mus­li­mi­schen Ver­bän­den sei­en »mit guten juris­ti­schen Grün­den« bis­lang kei­ne Kör­per­schafts­rech­te ver­lie­hen wor­den, anders als in Ham­burg mit dem Staats­ver­trag. Statt eines ver­bands­ge­präg­ten Reli­gi­ons­un­ter­richts gebe es in Bay­ern ein eige­nes Modell des Islam­un­ter­richts ohne ver­band­li­chen Ein­fluss. Den Schlüs­sel ver­or­te­te Baus­back außer­halb des Straf­rechts. Unter Beru­fung auf Karl Pop­pers Tole­ranz-Para­dox frag­te er, wie weit die Offe­ne Gesell­schaft gehen dür­fe, »damit nicht die Into­le­ran­ten die Tole­ranz nut­zen, um eben die­se abzu­schaf­fen«, und ant­wor­te­te: »Der Kern ist nicht das Straf­recht, son­dern die Fra­ge, wie immun ist die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft? Wie über­zeugt sind wir von der Frei­heit?« Demo­kra­ten müss­ten sich der Dis­kus­si­on mit Extre­mis­ten stel­len, ob Isla­mis­ten, Rechts- oder Links­extre­me: »Die, die bei so einer Dis­kus­si­on Angst haben müs­sen, sind die Extre­mis­ten.«

Kir­chen als Für­spre­cher

Über die Reak­tio­nen auf sei­ne Bericht­erstat­tung zur Ber­li­ner Trau­er­fei­er nach dem Ter­ror­an­schlag auf dem Breit­scheid­platz berich­te­te Ada­mek: Beschwert hät­ten sich bei ihm zwei Ver­tre­ter der Kir­chen, der Gedächt­nis­kir­che und des Bis­tums, mit dem Tenor, das sei »so ein dia­log­be­rei­ter Imam«. Von den betrof­fe­nen isla­mi­schen Akteu­ren selbst habe er nichts gehört. Auch bei Idriz fal­le ihm die Nähe zu den Kir­chen auf. Des­sen gemein­sam mit einem katho­li­schen Theo­lo­gen her­aus­ge­ge­be­nes Buch ent­wer­fe einen fort­schritt­lich klin­gen­den Euro-Islam und schla­ge zugleich einen isla­mi­schen Rat aller Gemein­den mit einem Bun­des­muf­ti an der Spit­ze vor, unter Ein­be­zie­hung von damals wie heu­te vom Ver­fas­sungs­schutz als extre­mis­tisch ein­ge­stuf­ter Islam­ver­bän­de. Spe­ku­lie­ren wol­le er nicht, aber es sei »gesell­schafts­po­li­tisch auf­fäl­lig, dass gera­de christ­li­che Amts­kir­chen die­sen Men­schen oft zur Sei­te sprin­gen«. Baus­back ver­wahr­te sich als »über­zeug­ter Christ und Katho­lik« gegen jede Gleich­set­zung kirch­li­cher Struk­tu­ren mit denen der Mus­lim­bru­der­schaft. Die Kir­chen hät­ten die Ent­wick­lung in die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft voll­zo­gen und stün­den hin­ter dem frei­heit­li­chen Rechts­staat, der im Sin­ne des Böcken­för­de-Dik­tums von Vor­aus­set­zun­gen lebe, die er selbst nicht garan­tie­ren kön­ne. Ada­mek stell­te klar, es gehe ihm nicht um Gleich­set­zung, son­dern sei­ne Irri­ta­ti­on kom­me daher, »dass aus­ge­rech­net christ­li­che Kir­chen sich zum För­de­rer und Für­spre­cher machen«.

Kopf­tuch, Kin­der, Frau­en­bild

Gül­den Hen­ne­mann sprach über das Frau­en­bild hin­ter den Sym­bo­len. Hin­ter Kopf­tuch und ver­wei­ger­tem Hand­schlag ste­he ein Rein­heits­kon­zept: Der Mann wer­de durch den Kon­takt mit einer unver­schlei­er­ten Frau »unrein«. Mit Respekt habe das nichts zu tun. Wenn heu­te als selbst­ver­ständ­lich hin­ge­nom­men wer­de, dass Kin­der Kopf­tuch tra­gen, habe sie »Sor­ge um unse­re Gesell­schaft«. In kei­nem Teil ihrer Reli­gi­on, beton­te die Mus­li­min, sei ein Kopf­tuch­zwang vor­ge­se­hen, »erst recht nicht für Kin­der«. Zum Penz­berg-Besuch sag­te sie: »Unser Minis­ter­prä­si­dent ist nicht zufäl­lig vor­bei­ge­fah­ren. Er nimmt sich Zeit, und dann stellt er sich hin und sagt: die­se Gemein­de, Vor­bild. Und ich weiß, dass in die­ser Gemein­de teil­wei­se Kin­der mit Kopf­tuch ren­nen. Da fra­ge ich mich: Wel­cher Teil davon deckt sich mit unse­rem Wer­te­ver­ständ­nis als Demo­kra­ten?« Die gro­ßen Ver­bän­de bean­spruch­ten, die rund sechs Mil­lio­nen Mus­li­me in Deutsch­land zu ver­tre­ten: »Sie ver­tre­ten sicher nicht die­se sechs Mil­lio­nen, nicht mal die Hälf­te.« Wen sie ver­trä­ten, sei­en Fun­da­men­ta­lis­ten. Wer als kri­ti­scher Mus­lim wider­spre­che, wer­de »als Ers­tes mund­tot gemacht«. Ihr Maß­stab sei die Äqui­di­stanz zu allen Extre­mis­men: Die Staats­re­gie­rung wür­de ja »auch nicht zum Weih­nachts­es­sen vom Drit­ten Weg gehen.« Ihr Befund fiel über­par­tei­lich aus: »Jede Par­tei hat da ver­sagt, jede.« Ada­mek woll­te der Poli­tik kei­ne Absicht unter­stel­len, wohl aber »einen Man­gel an Wis­sen und einen Man­gel an Wiss­be­gier«; man wol­le sich das Pro­blem vom Hals hal­ten.

Was die Poli­tik tut

Dem Vor­wurf der Untä­tig­keit wider­sprach Baus­back: »Es wird auch immer gleich­zei­tig gesagt, die Poli­tik macht nichts. Das ist defi­ni­tiv falsch.« Er zähl­te auf: einen Gesetz­ent­wurf im Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um zur Offen­le­gung der Finan­zen von Aus­lands­ver­ei­nen; einen ein­stim­mi­gen Beschluss der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz, Trans­pa­renz über die Aus­lands­fi­nan­zie­rung von Moschee­ge­mein­den her­zu­stel­len (»recht­lich nicht ganz banal, aber wir sind auf dem Weg«); die Über­prü­fung von Buch­spen­den auf radi­ka­le Inhal­te im baye­ri­schen Straf­voll­zug, weil seit den Anschlä­gen von Brüs­sel bekannt sei, dass Radi­ka­li­sie­rung auch im Voll­zug statt­fin­det; einen Gesetz­ent­wurf gegen Kin­der­ehen, der den Bun­des­tag pas­sier­te; dazu in Bay­ern die Zen­tral­stel­le für Extre­mis­mus bei der Gene­ral­staats­an­walt­schaft Mün­chen, ein Netz­werk gegen Sala­fis­mus und Isla­mis­mus, Prä­ven­ti­ons­pro­jek­te wie Ahmad Man­sours Mind Pre­ven­ti­on und eine Anlauf­stel­le für Lehr­kräf­te, die extre­mis­ti­sche Äuße­run­gen an Schu­len wahr­neh­men. Auf die Publi­kums­fra­ge, ob Deutsch­land eine Doku­men­ta­ti­ons- bezie­hungs­wei­se Bera­tungs­stel­le Poli­ti­scher Islam brau­che, ant­wor­te­te Baus­back: »Ich fän­de das nicht schlecht.« Er ver­wies auf die Grund­la­gen­ar­beit der Hanns-Sei­del-Stif­tung. Beim The­ma Ima­maus­bil­dung kam Baus­back auf die ein­gangs erwähn­te Reso­lu­ti­on von Klos­ter Banz zurück, die die Frak­ti­on im Aus­tausch mit Sey­ran Ateş ver­ab­schie­det hat­te, der Mit­be­grün­de­rin der Ber­li­ner Ibn-Rushd-Goe­the-Moschee. Ziel sei, dass Ima­me mög­lichst im Inland aus­ge­bil­det wer­den. Juris­tisch sei das ange­sichts des Asso­zi­ie­rungs­rechts mit der Tür­kei anspruchs­voll; die frü­he­re Pri­vi­le­gie­rung reli­giö­ser Leh­rer bei der Ein­rei­se sei bereits abge­schafft. Ada­mek zeig­te sich beim Stich­wort Aus­lands­fi­nan­zie­rung opti­mis­tisch. Wür­den nach dem Prin­zip »fol­low the money« die Finanz­strö­me offen­ge­legt, müss­te sich etwa die DITIB, deren Ima­me ihr Gehalt von der tür­ki­schen Reli­gi­ons­be­hör­de Diya­net bezie­hen, in Deutsch­land unab­hän­gig finan­zie­ren, »und das dürf­te schon eini­ge Pro­ble­me auf­wer­fen«. Aner­ken­nend hieß es auf dem Podi­um, der unter »enor­men per­sön­li­chen Opfern« erkämpf­te Weg von Sey­ran Ateş ste­he für ein Modell, das zu einem libe­ra­len, euro­päi­schen Islam bei­tra­gen könn­te.

Die Rol­le der Frau­en

Auf die Publi­kums­fra­ge nach der Rol­le der Frau­en ant­wor­te­te Hen­ne­mann mit einer, wie sie selbst sag­te, stei­len The­se aus ihrer Berufs­er­fah­rung seit 2009: »Die Frau­en, die ich erlebt habe als Extre­mis­tin­nen, gleich wel­cher Art, die waren teil­wei­se radi­ka­ler als die Män­ner.« Frau­en trü­gen das Sys­tem mit; ein Patri­ar­chat bestehe nicht nur aus Män­nern. Gera­de des­halb sei es so schwer, Frau­en zu fin­den, die aus­bre­chen und offen spre­chen. In der Mus­lim­bru­der­schaft sei­en Frau­en oft hoch­ge­bil­det, ihren Män­nern eben­bür­ti­ge Bera­te­rin­nen und zustän­dig für die mög­lichst eli­tä­re Aus­bil­dung der nächs­ten Gene­ra­ti­on. Ihren Hoff­nungs­schim­mer fand sie auf Tik­Tok. Dort beob­ach­te sie eine wach­sen­de Bubble mus­li­mi­scher Mini-Influen­ce­rin­nen, die Pre­di­ger und frau­en­feind­li­che Män­ner offen kri­ti­sie­ren: »Das ist natür­lich das Bes­te, was uns pas­sie­ren kann. Wenn wir von zehn Leu­ten zwei errei­chen: wun­der­bar.« Baus­back nann­te Bei­spie­le akti­ver Prot­ago­nis­tin­nen des Spek­trums, etwa das Gerichts­ver­fah­ren einer Stu­den­tin in Kiel, die ihre Voll­ver­schleie­rung im Semi­nar durch­set­zen woll­te und dabei von ein­schlä­gi­gen Ver­bän­den gestützt wur­de. Er schloss mit einer Anre­gung an den Gast des Abends: Radi­ka­li­sie­rung fin­de heu­te weni­ger in der Moschee als online statt; eine inves­ti­ga­ti­ve Recher­che zu den Struk­tu­ren der Radi­ka­li­sie­rung im Netz wäre »eine schö­ne Arbeit« für die rechts­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on. »Da wür­de ich mich freu­en, wenn Sie das nächs­te Buch viel­leicht dar­über schrei­ben.«

In den Publi­kums­fra­gen ging es außer­dem um die inter­na­tio­na­le Dimen­si­on. Ada­mek beschrieb Brü­cken­schlä­ge zwi­schen Katar und dem Iran, zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten unter Betei­li­gung von Akteu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft, und nann­te den tür­ki­schen Prä­si­den­ten Erdoğan Teil die­ser Ach­se, deren Orga­ni­sa­tio­nen inzwi­schen direkt koope­rier­ten.