Ausgerichtet wurde der Abend vom AK Polis – Arbeitskreis Politischer Islam, zu Gast im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in der Münchner Lazarettstraße. Die Veranstaltung griff zugleich eine aktuelle politische Debatte auf: Die CSU-Landtagsfraktion hatte mit ihrer am 12. Januar 2026 in Kloster Banz verabschiedeten Resolution »Klare Kante gegen islamistischen Extremismus – für Religionsfreiheit und Sicherheit« ein nachdrückliches Vorgehen gegen islamistische Einflussnahme gefordert. Das gilt laut Resolution auch für Dachverbände, Vereine und Organisationen, die demokratische Institutionen ablehnen oder unterwandern wollen.
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Impuls: »Islamistisches Denken verstehen«
Den Auftakt machte Thomas Haslböck, Referatsleiter für Gesellschaftlichen Zusammenhalt und Interkulturellen Dialog in der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung. Sein Ausgangspunkt: Der Islamismus umfasst eine Fülle nur lose verbundener Phänomene und Akteure; was sie eint, ist die Ideologie. »Wer den Islamismus verstehen und Gegenmaßnahmen ergreifen will, der muss das islamistische Denken verstehen.«
Als Referenz wählte Haslböck den Chefideologen der ägyptischen Muslimbrüder, Sayyid Qutb (1906 bis 1966), und arbeitete an dessen Schrift »Milestones/Wegmarken« drei Kernelemente heraus. Erstens ein unversöhnliches Freund-Feind-Denken: Weil der Islam in dieser Logik Teil der natürlichen Ordnung sei, entspreche »die bloße Existenz der Ungläubigen bereits einem Angriff auf den Islam – und zwar ganz unabhängig davon, wie sich diese Ungläubigen konkret verhalten«. Damit befänden sich Islamisten in einer permanenten Notwehrsituation, die vom taktischen Kompromiss bis zur terroristischen Gewalt alle Mittel rechtfertige. Zweitens eine Immunisierung gegen Kritik: Da jede Interpretation des Korans als Verunreinigung durch menschengemachtes Denken gelte, sei kein Dialog möglich; als Konsequenz folge der Rückzug in eine nach den Regeln des Korans organisierte Parallelgesellschaft. »Geradezu kunstfertig zieht der Islamismus auf diese Weise eine geistige Mauer um die Köpfe seiner Anhänger.« Drittens ein totaler Herrschaftsanspruch: Erst müssten die menschengemachten Systeme durch die Scharia ersetzt werden, dann würden die Vorzüge des Islam für die Massen sichtbar. Ob dies auf dschihadistischem oder auf legalistischem Weg geschehe, sei dabei nachrangig.
Haslböcks zog den Schluss: Der Islamismus reiht sich in die Riege der großen totalitären Ideologien ein und fordert die freie Gesellschaft auch geistig heraus. »Die Feinde der Freiheit wissen genau, wogegen sie kämpfen. Wir sollten daher wissen, wofür.«
Vortrag: Adameks Recherchen zur Unterwanderung
Sascha Adamek stellte seinem Vortrag zwei Klarstellungen voran. Religion sei sein Thema nicht: »Kritik an Muslimen ist für mich etwas anderes als Kritik am Islamismus.« Muslimfeindlichkeit sei beklagenswert und zu verurteilen. Der Politische Islam wiederum sei ein wissenschaftlicher Begriff. Er setze dort an, wo die private Glaubensausübung endet und der Versuch beginnt, »unsere Gesetze so zu verändern, dass sie Scharia-konform werden«. Der Titel »Unterwanderung« beschreibe die aktive Seite eines Doppelphänomens; dessen Gegenstück nannte Adamek die »Unterwerfung«, eine unbedingte Multikulti-Toleranz, die noch die kritikwürdigsten Auswüchse dulde.
Das Datum der Buchvorstellung griff Adamek eingangs selbst auf: Der 20. April sei der Geburtstag des »bekanntesten deutschen Verbrechers der Weltgeschichte«. Die historische Verbindung zwischen Muslimbruderschaft und Nationalsozialismus, bis hin zur vom Großmufti von Jerusalem geförderten SS-Division »Handschar«, zeige, dass der Judenhass »in der DNA dieser Ideologie« liege und lange vor dem aktuellen Nahost-Konflikt entstanden sei.
Die Muslimbruderschaft selbst beschrieb Adamek als klandestines Netzwerk: »Die Muslimbruderschaft ist kein Kegelverein, wo irgendwo Mitgliederlisten existieren.« Vergleichbar sei die Struktur am ehesten mit dem Opus Dei: wenige Personen, maximaler gesellschaftlicher Einfluss. Umso bedeutsamer sei ein Aktenfund, den er im Buch vollständig dokumentiert: ein bei einer Wirtschaftsermittlung sichergestellter »Vierjahresplan« der Bruderschaft (2008 bis 2011), den mehrere Sicherheitsbehörden für valide halten und zu dem es in Frankreich ähnliche Funde gab. Das Papier beschreibt die gezielte Annäherung an Eliten in Politik und Medien, die Kooperation mit Globalisierungsgegnern, ein Anforderungsprofil für neue Mitglieder und den Anspruch, Regierungen dazu zu bringen, »die islamische Option zu ertragen, die Herrschaft der Islamisten über ihre Länder«, wie Adamek aus dem Dokument zitierte.
Wie weit die Einflussnahme reicht, illustrierte Adamek mit einer Bilderfolge: die Trauerkundgebung nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 auf dem Breitscheidplatz, bei der damals vom Verfassungsschutz beobachtete Organisationen gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister auftraten; Fotos von Spitzenpolitikern mit Funktionären, deren Nähe zu extremistischen Strukturen sich teils mit einem Blick ins Vereinsregister recherchieren ließ; ein Benefizessen, bei dem Prominente wie der spätere Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für Islamic Relief sammelten, eine Organisation, die die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage hin dem Geflecht der extremistischen Muslimbruderschaft zuordnete. Adameks Vergleich: »Ich will mir nicht vorstellen, wenn wir solche Bilder von Julia Klöckner bei einem Frühstück bei den Reichsbürgern auffinden würden, was in der Medienlandschaft Deutschlands los wäre.«
Als Beispiel jenseits Bayerns diente eine mit 4,2 Millionen Euro vom Berliner Senat geförderte Kita in Nord-Neukölln. Dass deren Geschäftsführer zuvor Funktionen in einem Verband innehatte, dem Sicherheitsbehörden eine Nähe zum schiitischen Islamismus attestieren, sei »keine Glanzleistung des investigativen Journalismus« gewesen; ein Blick in Handels- und Vereinsregister habe genügt. Adamek legte zudem ein religiöses Rechtsgutachten vor, das die Unterschrift des Geschäftsführers neben der des mittlerweile abgeschobenen Leiters des verbotenen Mullah-Zentrums in Hamburg trägt, sowie Fatwas des Großayatollahs al-Sistani, die er als menschenverachtend und mit dem Grundgesetz unvereinbar bewertet. Die Betroffenen weisen die Vorhalte zurück. Adamek verlas das Schreiben des Anwalts, wonach die Mandantschaft »überzeugt von der freiheitlich-demokratischen Werteordnung des Grundgesetzes« sei und danach lebe und handle. Der Geschäftsführer erklärte auf Anfrage, die Fatwa nicht zu kennen; inzwischen sei er aus der Geschäftsführung zurückgetreten. Gerichte haben die Berichterstattung bestätigt. Das ausgezahlte Fördergeld des Landes Berlin sei gleichwohl, so Adamek, unwiederbringlich weg.

Schwerpunkt Bayern: Söder, Herrmann und der Fall Penzberg
Ins Zentrum des Münchner Abends rückte Adamek den Fall, dem er in seinem Buch ein eigenes Kapitel widmet (»Der Lieblings-Imam der Polit-Schickeria«): den Penzberger Imam Benjamin Idriz. Ministerpräsident Markus Söder und Innenminister Joachim Herrmann statteten dessen Moschee erst kürzlich einen Besuch zum Iftar ab, der nach Adameks Worten in den sozialen Medien gefeiert wurde. Man könne das als gelebten Dialog verstehen, sagte Adamek. Im Fall Idriz habe die Sache allerdings eine Vorgeschichte, die er »sehr irritierend« finde.
Diese Vorgeschichte, die Adamek im Buch anhand von Gerichtsakten nachzeichnet, reicht weit zurück. Die Islamische Gemeinde Penzberg (IGP) wurde von 2007 bis 2010 regelmäßig im Bericht des Bayerischen Verfassungsschutzes erwähnt, 2010 sogar, nachdem sie erfolglos gegen die Veröffentlichung geklagt hatte. In diesem Verfahren führte der Verfassungsschutz Abhörprotokolle aus einem polizeilichen Ermittlungsverfahren ein. Sie belegten aus seiner Sicht strategische Absprachen mit Personen aus dem islamistischen Umfeld und ein Unterordnungsverhältnis zu Organisationen wie der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş. Aktenkundig wurde auch die amtliche Erklärung des Landesamts vom 26. August 2009, wonach Idriz Anhänger der radikal-extremistischen Muslimbruderschaft sei und 2005 an einer Veranstaltung mit deren Chefideologen Yusuf al-Qaradawi teilgenommen habe. Der damalige Innenminister war derselbe, der jetzt in Penzberg zu Gast war: Joachim Herrmann warf Idriz seinerzeit in einem WELT-Interview vor, er habe »einfach gelogen«; entgegen seinen Beteuerungen habe er »persönlich in ständigem telefonischen Kontakt mit Spitzen dieser radikalen Organisationen« gestanden. Ob Idriz gegen diese Aussage juristisch vorgegangen ist, beantwortete er auf Adameks Anfrage nicht. Seit 2011 taucht der Verein in keinem Verfassungsschutzbericht des Freistaats mehr auf, obwohl der Verfassungsschutz den Prozess gewonnen hatte. Aus Kreisen der Sicherheitsbehörden zitiert Adamek die Einschätzung, das Thema sei damals wie eine »heiße Kartoffel« behandelt worden; der politische Druck sei evident gewesen.
Dazu legte Adamek eigene Rechercheergebnisse: die theologische Ausbildung am Institut Européen des Sciences Humaines in Château-Chinon, das Sicherheitsbehörden als Kaderschmiede der Muslimbruderschaft betrachten, sowie ein Bittschreiben vom 28. Mai 2014 an die Qatar Charity, mit dem Idriz Geld für sein Moscheevorhaben einwerben wollte. Illustriert war es mit Fotos, die ihn unter anderem mit dem Münchner Oberbürgermeister, Horst Seehofer und Christian Wulff zeigen. »Diese Fotos sind Geld wert«, so Adameks Deutung: Sie signalisierten Geldgebern am Golf Relevanz und Einfluss. Genau darin liege die Aktualität des Söder-Herrmann-Besuchs. Solche Aufnahmen bedeuteten für Akteure dieses Spektrums eben »nicht nur Handshake und Dialogbereitschaft«. Geschadet hat die Vorgeschichte Idriz bislang nicht: 2019 lobte Bundespräsident Steinmeier die Gemeinde bei einem Besuch als »modellhaft«, im Oktober 2025 erhielt Idriz den Thomas-Dehler-Preis.
Idriz bestreitet die Vorwürfe. Gegenüber Adamek erklärte er schriftlich: »Ich war niemals Mitglied einer solchen oder einer ähnlichen Organisation, noch stand oder stehe ich in irgendeiner Form unter deren Einfluss«; auch die Erklärung des Verfassungsschutzes sei ihm nicht bekannt. Adameks konkrete Nachfragen, etwa zu möglichen Treffen mit al-Qaradawi oder zu einem Social-Media-Beitrag nach dem 7. Oktober zu einem Israel/IS-Vergleich, der auch das Podium noch beschäftigen sollte, blieben in der Sache unbeantwortet.
Podiumsrunde
Die anschließende Diskussion eröffnete Moderator Joseph Röhmel mit der Frage, wie man einen Muslimbruder enttarnt. Ein Patentrezept gebe es laut Adamek nicht, wohl aber Indizien: »Katar finanziert nicht irgendwen.« Wo ein Finanzstrang aus Katar zu einer Moscheegemeinde führe, sei die Wahrscheinlichkeit hoch. Dazu lohne der Blick in Biografien: Wer seine Ausbildung an einer Einrichtung absolviert habe, die darauf ausgerichtet sei, Muslimbrüder hervorzubringen, gebe zumindest Anlass zum Verdacht. Ein Beleg sei das nicht: »Es gibt keine Mitgliederlisten.« Seriös lasse sich nur sagen, jemand stehe der Ideologie der Muslimbruderschaft nahe. Gülden Hennemann ergänzte: Es gebe Zweige unterschiedlicher Herkunft, ägyptisch, syrisch, bosnisch, »im Ergebnis ist da kein Unterschied«: Am Ende stehe eine antidemokratische Überzeugung. Optisch erkenne man Extremisten nicht, schon gar nicht »diese strategisch angepassten Islamisten«. Ihre Chance sehe sie im richtig geführten Gespräch. Mit den richtigen Fragen könne man solche Akteure argumentativ in die Enge treiben, »dann müssen sie sich nackig machen«. Das bedeute aber nicht, »dass Herr Söder sich mit Herrn Idriz abbilden lässt«; über Inhalte solle man »fernab von jeglicher Öffentlichkeit« sprechen. Bei Idriz würde sie bei al-Qaradawi ansetzen, bei dessen Fatwas und Schriften, und von dort zu den Werten kommen: Geschlechtergleichstellung, sexuelle Selbstbestimmung. »Ich bin mir sicher, dass es da in den Punkten schon sehr schwammig werden würde.«
Der Israel/IS-Vergleich
Deutlich wurde Winfried Bausback bei der Einordnung von Idriz’ Äußerung zum zweiten Jahrestag des 7. Oktober, in der Adamek eine Gleichsetzung Israels mit dem Islamischen Staat sieht. Bausback sagte: »Der Vergleich entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Der Islamische Staat war rechtlich kein Staat.« Es fehlten Elemente der Staatlichkeit. Israel sei ein demokratischer Staat. Das zeige sich allein daran, dass dort offene Kritik an der Kriegsführung möglich sei, während im Herrschaftsbereich der Hamas Menschen hingerichtet worden seien, weil sie sich gegen deren Maßnahmen wandten. Sein Fazit: »Wer das auf die gleiche Ebene setzt, der verharmlost auch eine verbrecherische, terroristische Organisation, wie der IS es war. Und deshalb geht dieser Vergleich gar nicht.« Adamek erinnerte daran, dass die Hamas »die Ausgründung schlechthin der Muslimbruderschaft« sei, die Muslimbruderschaft in Palästina. Die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ist strafbar, wie Bausback mit Verweis auf die 2017 in München eingerichtete Zentralstelle zur Extremismusbekämpfung erläuterte.
Verfassungsschutzbericht bietet kein »demokratisches TÜV-Siegel«
Hennemann räumte mit einem verbreiteten Missverständnis auf: Der Verfassungsschutzbericht sei kein »demokratisches TÜV-Siegel«. Wer darin nicht auftauche, werde unter Umständen trotzdem nachrichtendienstlich bearbeitet. Als eigentliches Problem beschrieb sie die jahrelange Verengung des Blicks der Dienste auf den gewalttätigen Terrorismus, aus Angst der Politik vor Anschlägen und den dazugehörigen Bildern; die gewaltfrei agierenden Bestrebungen seien darüber in den Hintergrund geraten. Als sie den Abschluss des ersten Hamburger Staatsvertrags miterlebte, habe der dortige Verfassungsschutz die politische Ebene gewarnt, im Schura-Rat säßen Islamisten: »Das hat niemanden interessiert.« Zugleich zog sie die rechtsstaatliche Linie: »Es ist nicht verboten, Extremist zu sein in diesem Land.« Erst wenn aus einer Haltung eine Bestrebung werde, komme das System aus Verfassungsschutz, strafrechtlicher Prüfung und gegebenenfalls Gerichtsurteilen in Gang.
Bausback beschrieb, dass unter der neuen Bundesregierung Vereinsverbote konsequenter angesetzt würden. Für Bayern verwies er auf eine bewusste Sonderstellung: Problematischen muslimischen Verbänden seien »mit guten juristischen Gründen« bislang keine Körperschaftsrechte verliehen worden, anders als in Hamburg mit dem Staatsvertrag. Statt eines verbandsgeprägten Religionsunterrichts gebe es in Bayern ein eigenes Modell des Islamunterrichts ohne verbandlichen Einfluss. Den Schlüssel verortete Bausback außerhalb des Strafrechts. Unter Berufung auf Karl Poppers Toleranz-Paradox fragte er, wie weit die Offene Gesellschaft gehen dürfe, »damit nicht die Intoleranten die Toleranz nutzen, um eben diese abzuschaffen«, und antwortete: »Der Kern ist nicht das Strafrecht, sondern die Frage, wie immun ist die demokratische Gesellschaft? Wie überzeugt sind wir von der Freiheit?« Demokraten müssten sich der Diskussion mit Extremisten stellen, ob Islamisten, Rechts- oder Linksextreme: »Die, die bei so einer Diskussion Angst haben müssen, sind die Extremisten.«
Kirchen als Fürsprecher
Über die Reaktionen auf seine Berichterstattung zur Berliner Trauerfeier nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz berichtete Adamek: Beschwert hätten sich bei ihm zwei Vertreter der Kirchen, der Gedächtniskirche und des Bistums, mit dem Tenor, das sei »so ein dialogbereiter Imam«. Von den betroffenen islamischen Akteuren selbst habe er nichts gehört. Auch bei Idriz falle ihm die Nähe zu den Kirchen auf. Dessen gemeinsam mit einem katholischen Theologen herausgegebenes Buch entwerfe einen fortschrittlich klingenden Euro-Islam und schlage zugleich einen islamischen Rat aller Gemeinden mit einem Bundesmufti an der Spitze vor, unter Einbeziehung von damals wie heute vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestufter Islamverbände. Spekulieren wolle er nicht, aber es sei »gesellschaftspolitisch auffällig, dass gerade christliche Amtskirchen diesen Menschen oft zur Seite springen«. Bausback verwahrte sich als »überzeugter Christ und Katholik« gegen jede Gleichsetzung kirchlicher Strukturen mit denen der Muslimbruderschaft. Die Kirchen hätten die Entwicklung in die demokratische Gesellschaft vollzogen und stünden hinter dem freiheitlichen Rechtsstaat, der im Sinne des Böckenförde-Diktums von Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht garantieren könne. Adamek stellte klar, es gehe ihm nicht um Gleichsetzung, sondern seine Irritation komme daher, »dass ausgerechnet christliche Kirchen sich zum Förderer und Fürsprecher machen«.
Kopftuch, Kinder, Frauenbild
Gülden Hennemann sprach über das Frauenbild hinter den Symbolen. Hinter Kopftuch und verweigertem Handschlag stehe ein Reinheitskonzept: Der Mann werde durch den Kontakt mit einer unverschleierten Frau »unrein«. Mit Respekt habe das nichts zu tun. Wenn heute als selbstverständlich hingenommen werde, dass Kinder Kopftuch tragen, habe sie »Sorge um unsere Gesellschaft«. In keinem Teil ihrer Religion, betonte die Muslimin, sei ein Kopftuchzwang vorgesehen, »erst recht nicht für Kinder«. Zum Penzberg-Besuch sagte sie: »Unser Ministerpräsident ist nicht zufällig vorbeigefahren. Er nimmt sich Zeit, und dann stellt er sich hin und sagt: diese Gemeinde, Vorbild. Und ich weiß, dass in dieser Gemeinde teilweise Kinder mit Kopftuch rennen. Da frage ich mich: Welcher Teil davon deckt sich mit unserem Werteverständnis als Demokraten?« Die großen Verbände beanspruchten, die rund sechs Millionen Muslime in Deutschland zu vertreten: »Sie vertreten sicher nicht diese sechs Millionen, nicht mal die Hälfte.« Wen sie verträten, seien Fundamentalisten. Wer als kritischer Muslim widerspreche, werde »als Erstes mundtot gemacht«. Ihr Maßstab sei die Äquidistanz zu allen Extremismen: Die Staatsregierung würde ja »auch nicht zum Weihnachtsessen vom Dritten Weg gehen.« Ihr Befund fiel überparteilich aus: »Jede Partei hat da versagt, jede.« Adamek wollte der Politik keine Absicht unterstellen, wohl aber »einen Mangel an Wissen und einen Mangel an Wissbegier«; man wolle sich das Problem vom Hals halten.
Was die Politik tut
Dem Vorwurf der Untätigkeit widersprach Bausback: »Es wird auch immer gleichzeitig gesagt, die Politik macht nichts. Das ist definitiv falsch.« Er zählte auf: einen Gesetzentwurf im Bundesinnenministerium zur Offenlegung der Finanzen von Auslandsvereinen; einen einstimmigen Beschluss der Innenministerkonferenz, Transparenz über die Auslandsfinanzierung von Moscheegemeinden herzustellen (»rechtlich nicht ganz banal, aber wir sind auf dem Weg«); die Überprüfung von Buchspenden auf radikale Inhalte im bayerischen Strafvollzug, weil seit den Anschlägen von Brüssel bekannt sei, dass Radikalisierung auch im Vollzug stattfindet; einen Gesetzentwurf gegen Kinderehen, der den Bundestag passierte; dazu in Bayern die Zentralstelle für Extremismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München, ein Netzwerk gegen Salafismus und Islamismus, Präventionsprojekte wie Ahmad Mansours Mind Prevention und eine Anlaufstelle für Lehrkräfte, die extremistische Äußerungen an Schulen wahrnehmen. Auf die Publikumsfrage, ob Deutschland eine Dokumentations- beziehungsweise Beratungsstelle Politischer Islam brauche, antwortete Bausback: »Ich fände das nicht schlecht.« Er verwies auf die Grundlagenarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung. Beim Thema Imamausbildung kam Bausback auf die eingangs erwähnte Resolution von Kloster Banz zurück, die die Fraktion im Austausch mit Seyran Ateş verabschiedet hatte, der Mitbegründerin der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Ziel sei, dass Imame möglichst im Inland ausgebildet werden. Juristisch sei das angesichts des Assoziierungsrechts mit der Türkei anspruchsvoll; die frühere Privilegierung religiöser Lehrer bei der Einreise sei bereits abgeschafft. Adamek zeigte sich beim Stichwort Auslandsfinanzierung optimistisch. Würden nach dem Prinzip »follow the money« die Finanzströme offengelegt, müsste sich etwa die DITIB, deren Imame ihr Gehalt von der türkischen Religionsbehörde Diyanet beziehen, in Deutschland unabhängig finanzieren, »und das dürfte schon einige Probleme aufwerfen«. Anerkennend hieß es auf dem Podium, der unter »enormen persönlichen Opfern« erkämpfte Weg von Seyran Ateş stehe für ein Modell, das zu einem liberalen, europäischen Islam beitragen könnte.
Die Rolle der Frauen
Auf die Publikumsfrage nach der Rolle der Frauen antwortete Hennemann mit einer, wie sie selbst sagte, steilen These aus ihrer Berufserfahrung seit 2009: »Die Frauen, die ich erlebt habe als Extremistinnen, gleich welcher Art, die waren teilweise radikaler als die Männer.« Frauen trügen das System mit; ein Patriarchat bestehe nicht nur aus Männern. Gerade deshalb sei es so schwer, Frauen zu finden, die ausbrechen und offen sprechen. In der Muslimbruderschaft seien Frauen oft hochgebildet, ihren Männern ebenbürtige Beraterinnen und zuständig für die möglichst elitäre Ausbildung der nächsten Generation. Ihren Hoffnungsschimmer fand sie auf TikTok. Dort beobachte sie eine wachsende Bubble muslimischer Mini-Influencerinnen, die Prediger und frauenfeindliche Männer offen kritisieren: »Das ist natürlich das Beste, was uns passieren kann. Wenn wir von zehn Leuten zwei erreichen: wunderbar.« Bausback nannte Beispiele aktiver Protagonistinnen des Spektrums, etwa das Gerichtsverfahren einer Studentin in Kiel, die ihre Vollverschleierung im Seminar durchsetzen wollte und dabei von einschlägigen Verbänden gestützt wurde. Er schloss mit einer Anregung an den Gast des Abends: Radikalisierung finde heute weniger in der Moschee als online statt; eine investigative Recherche zu den Strukturen der Radikalisierung im Netz wäre »eine schöne Arbeit« für die rechtspolitische Diskussion. »Da würde ich mich freuen, wenn Sie das nächste Buch vielleicht darüber schreiben.«
In den Publikumsfragen ging es außerdem um die internationale Dimension. Adamek beschrieb Brückenschläge zwischen Katar und dem Iran, zwischen Sunniten und Schiiten unter Beteiligung von Akteuren der Muslimbruderschaft, und nannte den türkischen Präsidenten Erdoğan Teil dieser Achse, deren Organisationen inzwischen direkt kooperierten.