»Mus­li­me als Men­schen ers­ter Klas­se – und alle ande­ren als min­der­wer­tig«: Pro­fes­sor Mouha­nad Khor­chi­de warnt

Im WELT-Interview vom 18. Mai 2026 äußert sich der Direktor des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster und Gründungsdekan der dort zum 1. Juli 2026 errichteten Islamisch-Theologischen Fakultät, Mouhanad Khorchide, zur Attraktivität des Islamismus bei jungen Muslimen, zu Spaltungsnarrativen im digitalen Raum, zu seinem eigenen Verständnis eines weltoffenen Islam und zum Politischen Islam.

Khor­chi­de wird in dem von Phil­ipp Wol­din geführ­ten Inter­view zunächst auf eine Zahl aus dem MOTRA-Moni­tor des BKA ange­spro­chen. Dem­nach fin­det fast jeder zwei­te Mus­lim unter 40 in Deutsch­land Isla­mis­mus attrak­tiv; vie­le wol­len reli­giö­se Regeln des Islam als Grund­la­ge der gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ord­nung ver­an­kert sehen. Sei­ne Ant­wort:

»Sol­che Ent­wick­lun­gen besor­gen mich. Reli­giö­ser Dis­kurs darf nicht mit einem Abso­lut­heits­an­spruch begin­nen. Wenn der Islam zur ein­zig wah­ren Ord­nung erklärt wird, ist die Gefahr groß, ein Den­ken in Hier­ar­chien zu ver­an­kern: Mus­li­me als Men­schen ers­ter Klas­se – und alle ande­ren dar­un­ter ste­hend, als min­der­wer­tig.«

Auf die Fra­ge, wel­che isla­mi­schen Inhal­te bei Tik­Tok und ver­gleich­ba­ren Platt­for­men domi­nie­ren, sagt er:

»Zu oft pro­ble­ma­ti­sche Inhal­te, die auf Spal­tung set­zen: der ›böse‹ Wes­ten und die ›unter­drück­ten‹ Mus­li­me. Jugend­li­chen wird ein­ge­re­det, sie sei­en ein Opfer die­ser Gesell­schaft und müss­ten sich abgren­zen. Die Bot­schaft ist: Schlie­ße dich mit ande­ren Mus­li­men gegen die Gefahr von außen zusam­men. Phä­no­me­ne wie Mus­lim­feind­lich­keit oder anti­mus­li­mi­scher Ras­sis­mus wer­den dabei von die­sen Influen­cern instru­men­ta­li­siert und über­zo­gen dar­ge­stellt.«

Die Wir­kung die­ser Inhal­te, so Khor­chi­de an ande­rer Stel­le des Inter­views, tref­fe vor allem Jugend­li­che, die sich »vom cha­ris­ma­ti­schen Auf­tritt und ver­meint­li­cher Auto­ri­tät blen­den« lie­ßen, weil ihnen Anlauf­stel­len mit ech­tem Fach­wis­sen fehl­ten. Seit dem Über­fall der Hamas auf Isra­el habe die­se Dyna­mik zuge­nom­men.

Die­sen Spal­tungs­er­zäh­lun­gen setzt Khor­chi­de ein eige­nes Kon­zept ent­ge­gen, den »welt­of­fe­nen Islam«:

»Ein welt­of­fe­ner Islam ist ein Islam, der sich als berei­chern­der Teil der Gesell­schaft ver­steht, nicht als Gegen­ent­wurf. Er ist anschluss­fä­hig an demo­kra­ti­sche Wer­te, an Plu­ra­li­tät und an das Zusam­men­le­ben in Viel­falt. Ich ver­tre­te seit Jah­ren eine Theo­lo­gie, die stark von der Idee der Barm­her­zig­keit geprägt ist und den Men­schen in den Mit­tel­punkt stellt.«

Zur Rol­le von Gen­der­ge­rech­tig­keit und Frau­en­for­schung:

»Gleich­be­rech­ti­gung ist kein Wider­spruch zum Islam, wie ich ihn ver­ste­he – im Gegen­teil. Vie­le Quel­len las­sen sich so inter­pre­tie­ren, dass sie die Wür­de und Rech­te von Frau­en stär­ken. Die­se Per­spek­ti­ven müs­sen wir stär­ker erfor­schen und sicht­bar machen.«

Das Ziel die­ser Arbeit an der Uni­ver­si­tät Müns­ter sei die »Nor­ma­li­sie­rung im Zusam­men­le­ben der Viel­falt«:

»Wir wol­len zei­gen, wie ein zeit­ge­mä­ßer Islam in Euro­pa gelebt und gedacht wer­den kann. Wir bil­den hier Ima­me und Reli­gi­ons­päd­ago­gen aus, die spä­ter Mul­ti­pli­ka­to­ren sind. Sie tra­gen die­ses Ver­ständ­nis von Islam in Gemein­den, Schu­len und die Öffent­lich­keit. Wenn wir hier einen reflek­tier­ten, offe­nen Zugang ver­mit­teln, wirkt sich das lang­fris­tig auf die gesam­te Gesell­schaft aus.«

Auf die abschlie­ßen­de Fra­ge nach sei­ner Arbeit im Isla­mis­mus-Bera­ter­kreis des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums ant­wor­tet Khor­chi­de:

»Zen­tra­le Auf­ga­be die­ses Bera­ter­krei­ses ist die Prä­ven­ti­on von Isla­mis­mus und die Bekämp­fung isla­mis­ti­scher Struk­tu­ren und Ideo­lo­gien. Dabei ste­hen heu­te nicht nur gewalt­be­rei­te Erschei­nungs­for­men im Fokus, son­dern auch ein poli­ti­scher Islam, der sich hin­ter einer demo­kra­ti­schen Fas­sa­de prä­sen­tiert und dar­auf abzielt, die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Ord­nung von innen her­aus aus­zu­höh­len.«


Mouha­nad Khor­chi­de im Inter­view mit Phil­ipp Wol­din, WELT vom 18. Mai 2026, »Die Bot­schaft: Schlie­ße dich mit ande­ren Mus­li­men gegen die Gefahr von außen zusam­men«. LINK (archi­viert)