Khorchide wird in dem von Philipp Woldin geführten Interview zunächst auf eine Zahl aus dem MOTRA-Monitor des BKA angesprochen. Demnach findet fast jeder zweite Muslim unter 40 in Deutschland Islamismus attraktiv; viele wollen religiöse Regeln des Islam als Grundlage der gesellschaftlichen und politischen Ordnung verankert sehen. Seine Antwort:
»Solche Entwicklungen besorgen mich. Religiöser Diskurs darf nicht mit einem Absolutheitsanspruch beginnen. Wenn der Islam zur einzig wahren Ordnung erklärt wird, ist die Gefahr groß, ein Denken in Hierarchien zu verankern: Muslime als Menschen erster Klasse – und alle anderen darunter stehend, als minderwertig.«
Auf die Frage, welche islamischen Inhalte bei TikTok und vergleichbaren Plattformen dominieren, sagt er:
»Zu oft problematische Inhalte, die auf Spaltung setzen: der ›böse‹ Westen und die ›unterdrückten‹ Muslime. Jugendlichen wird eingeredet, sie seien ein Opfer dieser Gesellschaft und müssten sich abgrenzen. Die Botschaft ist: Schließe dich mit anderen Muslimen gegen die Gefahr von außen zusammen. Phänomene wie Muslimfeindlichkeit oder antimuslimischer Rassismus werden dabei von diesen Influencern instrumentalisiert und überzogen dargestellt.«
Die Wirkung dieser Inhalte, so Khorchide an anderer Stelle des Interviews, treffe vor allem Jugendliche, die sich »vom charismatischen Auftritt und vermeintlicher Autorität blenden« ließen, weil ihnen Anlaufstellen mit echtem Fachwissen fehlten. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel habe diese Dynamik zugenommen.
Diesen Spaltungserzählungen setzt Khorchide ein eigenes Konzept entgegen, den »weltoffenen Islam«:
»Ein weltoffener Islam ist ein Islam, der sich als bereichernder Teil der Gesellschaft versteht, nicht als Gegenentwurf. Er ist anschlussfähig an demokratische Werte, an Pluralität und an das Zusammenleben in Vielfalt. Ich vertrete seit Jahren eine Theologie, die stark von der Idee der Barmherzigkeit geprägt ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.«
Zur Rolle von Gendergerechtigkeit und Frauenforschung:
»Gleichberechtigung ist kein Widerspruch zum Islam, wie ich ihn verstehe – im Gegenteil. Viele Quellen lassen sich so interpretieren, dass sie die Würde und Rechte von Frauen stärken. Diese Perspektiven müssen wir stärker erforschen und sichtbar machen.«
Das Ziel dieser Arbeit an der Universität Münster sei die »Normalisierung im Zusammenleben der Vielfalt«:
»Wir wollen zeigen, wie ein zeitgemäßer Islam in Europa gelebt und gedacht werden kann. Wir bilden hier Imame und Religionspädagogen aus, die später Multiplikatoren sind. Sie tragen dieses Verständnis von Islam in Gemeinden, Schulen und die Öffentlichkeit. Wenn wir hier einen reflektierten, offenen Zugang vermitteln, wirkt sich das langfristig auf die gesamte Gesellschaft aus.«
Auf die abschließende Frage nach seiner Arbeit im Islamismus-Beraterkreis des Bundesinnenministeriums antwortet Khorchide:
»Zentrale Aufgabe dieses Beraterkreises ist die Prävention von Islamismus und die Bekämpfung islamistischer Strukturen und Ideologien. Dabei stehen heute nicht nur gewaltbereite Erscheinungsformen im Fokus, sondern auch ein politischer Islam, der sich hinter einer demokratischen Fassade präsentiert und darauf abzielt, die freiheitlich-demokratische Ordnung von innen heraus auszuhöhlen.«
Mouhanad Khorchide im Interview mit Philipp Woldin, WELT vom 18. Mai 2026, »Die Botschaft: Schließe dich mit anderen Muslimen gegen die Gefahr von außen zusammen«. LINK (archiviert)
Im WELT-Interview wird Prof. Mouhanad Khorchide (Uni Münster) auf den jüngsten MOTRA-Monitor des BKA angesprochen, wonach fast jeder zweite Muslim unter 40 in Deutschland Islamismus attraktiv findet und viele die religiösen Regeln des Islam als Grundlage der gesellschaftlichen…
— AK Polis | Arbeitskreis Politischer Islam (@AK_Polis) May 18, 2026