Nach dem isla­mis­ti­schen Anschlag auf den CSD Ber­lin: Thier­ry Cher­vel über »jene müh­sam erkämpf­te Frei­heit«

Thierry Chervel hat im Perlentaucher einen Kommentar zum islamistischen Anschlag auf den CSD Berlin veröffentlicht. Darin zeigt er am Beispiel des schwulen Paares aus der Akzeptanzkampagne für Vielfalt im Islam und der abwertenden Reaktion des Islamratsvorsitzenden Burhan Kesici (»Abnormalitäten«), dass es um die sexuelle Freiheit geht – dieselbe Freiheit, die der Attentäter angegriffen hat.

Thier­ry Cher­vel ist Mit­grün­der des Kul­tur­ma­ga­zins Per­len­tau­cher. Am 28. Juli 2026 hat er dort eine Inter­ven­ti­on ver­öf­fent­licht, die nicht die nahe­lie­gen­de Rich­tung der Dis­kus­si­on ein­schlägt. Die Bericht­erstat­tung nach dem isla­mis­ti­schen Anschlag vom 25. Juli 2026 auf den Ber­li­ner CSD fra­ge vor allem nach Ver­säum­nis­sen der Sicher­heits­be­hör­den. Zu die­sem Zeit­punkt zu Recht, schreibt Cher­vel. Er rich­tet den Blick trotz­dem auf die Jah­re davor. Der Täter Abdul Ball­out besuch­te deut­sche Schu­len, deut­sche Leh­rer unter­rich­te­ten ihn, auch die deut­sche Sozi­al­ar­beit war mit ihm befasst. Wer trotz die­ser Sozia­li­sa­ti­on im Ter­ror endet, wer­fe kei­ne poli­zei­li­che Fra­ge auf, son­dern eine an die Qua­li­tät der Sozia­li­sa­ti­on selbst.

Wer das Pro­blem an den Staat wei­ter­reicht

Cher­vels Vor­wurf gilt einer Denk­fi­gur, die er für bequem hält. Medi­en, Kir­chen und Poli­tik behan­deln den Fall als Sicher­heits­fra­ge. Damit rei­chen sie ihn von der Gesell­schaft an Regie­rung und Behör­den wei­ter. Als dras­ti­sches Bei­spiel nennt er einen Bei­trag Niklas Maaks in der FAZ. Maak denkt drei Tage nach der Tat über die ästhe­ti­sche Gestal­tung von Pol­lern nach. Mil­lio­nen für Absper­run­gen, aber kei­ne Debat­te über das Kopf­tuch bei Mäd­chen unter vier­zehn – so fasst Cher­vel das Miss­ver­hält­nis zusam­men. Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer nimmt er aus­drück­lich in Schutz. Sie müs­sen den Schul­all­tag aus­ba­den. Das Pro­blem sei eines der gan­zen Gesell­schaft.

In der Tra­di­ti­on auf­ge­klär­ter Reli­gi­ons­kri­tik fragt er, ob nicht schon der Islam selbst isla­mis­ti­sche Züge tra­ge. Er ver­weist dabei auf die Geschich­te reli­giö­ser Min­der­hei­ten in mehr­heit­lich mus­li­mi­schen Län­dern. Zugleich hält er fest: Die über­gro­ße Mehr­heit der Mus­li­min­nen und Mus­li­me lebe fried­lich und respek­tie­re die hie­si­gen Regeln.

»Wer heu­te noch wie­der­holt, dass der Isla­mis­mus nichts mit dem Islam zu tun habe, beweist nur, dass ihm am Sta­tus Quo gele­gen ist. In der Tat gibt es gro­ße Grup­pen in der hie­si­gen Gesell­schaft, die von einem Arran­ge­ment mit dem Islam – der heu­te in den meis­ten Fäl­len ein >poli­ti­scher Islam< ist – pro­fi­tie­ren. Par­tei­en wer­ben um mus­li­mi­sche Wäh­ler, auch um den Preis eines israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus, Kir­chen unter­stüt­zen den Anspruch von Mus­li­men auf einen kon­fes­si­ons­ge­bun­de­nen Reli­gi­ons­un­ter­richt, weil sie um ihren eige­nen Sta­tus fürch­ten, Medi­en, vor allem öffent­lich-recht­li­che, wür­den es nie­mals wagen, die­se Kon­sen­se in Fra­ge zu stel­len. Dis­si­den­tIn­nen des Islam wie Güner Bal­ci, Ahmad Man­sour, Necla Kelek und eini­ge ande­re wei­sen seit Jahr­zehn­ten auf die­se Wider­sprü­che hin. Es ist nicht so, dass ihre Stim­men nicht gehört wer­den – aber wer­den sie ver­stan­den?«

»Abnor­ma­li­tä­ten«! Was der Islam­rats­vor­sit­zen­de Kesi­ci im ZDF erklärt

Von dort kommt Cher­vel auf die Akzep­tanz­kam­pa­gne »Ich bin Mus­lim / Ich bin Mus­li­min«. Sie lässt Mus­li­min­nen und Mus­li­me selbst spre­chen. Sie macht Inte­gra­ti­on und geleb­te Viel­falt sicht­bar, im öffent­li­chen Raum eben­so wie in Knei­pen und in den sozia­len Medi­en. Eines der Moti­ve zeigt ein schwu­les mus­li­mi­sches Paar. Die Bil­der sind KI-gene­riert, damit kei­ne rea­len Per­so­nen gefähr­det wer­den. Cher­vel ver­merkt das eigens. Für sich genom­men ist es schon ein Befund.

Der Islam­rats­vor­sit­zen­de Bur­han Kesi­ci erklär­te im ZDF, er hal­te die Kam­pa­gne für schwach. Auch die gewähl­ten The­men sei­en pro­ble­ma­tisch. Kam­pa­gnen sei­en gut, aber nicht in einer Form, die »Abnor­ma­li­tä­ten als nor­mal« dar­stel­le. Wie die­se Äuße­rung ein­zu­ord­nen ist, ist an ande­rer Stel­le aus­führ­lich dar­ge­legt.

Ele­fan­ten im Raum sind gefähr­lich

Cher­vel nimmt Kesi­ci ab, dass die­ser Gewalt gegen die deut­sche Gesell­schaft ableh­ne. Doch die »Abnor­ma­li­tät«, die der Islam­rats­vor­sit­zen­de von sich wei­se, sei »jene müh­sam erkämpf­te sexu­el­le Frei­heit« demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten. Es sei die­sel­be Frei­heit, in die der isla­mis­ti­sche Ter­ro­rist Abdul Ball­out sein Auto beim CSD steu­er­te, um mög­lichst vie­le Men­schen zu töten.

Eine Gleich­set­zung ist das nicht, und Cher­vel for­mu­liert sie auch nicht. Er beschreibt ein Kon­ti­nu­um, wie er es für jeden Extre­mis­mus annimmt. Cher­vels Schluss ist ein Plä­doy­er gegen die Kon­flikt­ver­mei­dung. Es sei zu spät, den Streit erst zu suchen, wenn er sich als Sicher­heits­fra­ge stellt. Dann las­se er sich kaum noch zivi­li­siert füh­ren. Demo­kra­tie sei insti­tu­tio­na­li­sier­ter Streit. Wo er ver­mie­den wer­de, ste­he er als Ele­fant im Raum. Und Ele­fan­ten im Raum, so sein letz­ter Satz, sind gefähr­lich.


Thier­ry Cher­vel (28. Juli 2026): Jene müh­sam erkämpf­te Frei­heit. Nach dem CSD-Atten­tat soll­te nicht nur über Sicher­heits­fra­gen dis­ku­tiert wer­den. In: Per­len­tau­cher. Online ver­füg­bar unter: LINK