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Nie­der­sach­sen führt die »Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­li Görüş« (IGMG) nach über zehn Jah­ren wie­der im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt

Der niedersächsische Verfassungsschutzbericht 2025 führt im Kapitel der »Milli Görüs-Bewegung« (MGB) die »Islamische Gemeinschaft Milli Görüş« (IGMG) nach 2014 erstmals wieder auf. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) stellte den Bericht am 11. Juni 2026 in Hannover vor.

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Sam­mel-Beob­ach­tungs­ob­jekt »Mil­li Görüş-Bewe­gung« (MGB)

Geführt wird die IGMG im Bericht als Teil des Sam­mel-Beob­ach­tungs­ob­jekts »Mil­li Görüş-Bewe­gung« (MGB). Unter die­sem Dach fasst der Ver­fas­sungs­schutz meh­re­re Ver­ei­ni­gun­gen zusam­men, die sich auf das ideo­lo­gisch-reli­giö­se Kon­zept des Grün­ders Nec­mett­in Erbak­an bezie­hen: neben der IGMG die Par­tei »Saa­det Par­ti­si« (SP), die Tages­zei­tung »Mil­li Gaze­te«, die Ver­ei­ni­gung »Ismail Aga Cemaa­ti« (IAC) sowie die Erbak­an-Stif­tung. Erst­mals taucht die MGB dabei auch in der Sta­tis­tik auf – mit einem extre­mis­ti­schen Per­so­nen­po­ten­zi­al von 40 Per­so­nen in Nie­der­sach­sen, das im Vor­jahr noch nicht geson­dert aus­ge­wie­sen war.1

Zur Begrün­dung heißt es: »Die Mil­li Görüs-Bewe­gung strebt nach der Ein­füh­rung einer isla­mis­ti­schen Gesell­schafts­ord­nung und lehnt west­li­che Sys­te­me demo­kra­ti­scher Prä­gung als >nich­ti­ge Sys­te­me< ent­schie­den ab, sodass sie eine gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung gerich­te­te Bestre­bung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 Nr. 1 NVerfSchG dar­stellt. Fer­ner zeigt sich ein aus­ge­präg­ter Anti­se­mi­tis­mus inner­halb der Bewe­gung, der zu einer Aus­gren­zung und Benach­tei­li­gung von Men­schen jüdi­schen Glau­bens führt. Das läuft den Men­schen­rech­ten sowie dem Gleich­heits­grund­satz zuwi­der. Mit die­sem Bestre­ben rich­tet sich die Mil­li Görüs-Bewe­gung eben­so gegen den Gedan­ken der Völ­ker­ver­stän­di­gung und das fried­li­che Zusam­men­le­ben der Völ­ker (Art. 9 Abs. 2 und 26 Abs. 1 GG) und wird daher auch nach § 3 Abs. 1 Nr. 4 NVerfSchG beob­ach­tet. Mit dem Beob­ach­tungs­ob­jekt der Mil­li Görüs-Bewe­gung wer­den unter­schied­li­che in der ideo­lo­gisch-reli­giö­sen Leh­re des tür­ki­schen isla­mis­ti­schen Poli­ti­kers Nec­mett­in Erbak­an ver­haf­te­te Bestre­bun­gen als Sam­mel-Beob­ach­tungs­ob­jekt zusam­men­ge­fasst und beob­ach­tet.«

War­um die eigen­stän­di­ge Beob­ach­tung 2014 ende­te

In Nie­der­sach­sen wur­de die IGMG seit 2014 nicht mehr als eigen­stän­di­ges Beob­ach­tungs­ob­jekt geführt. Den Aus­schlag gab damals, so der Ver­fas­sungs­schutz­be­richt auf S. 288, ein wahr­nehm­ba­rer Bedeu­tungs­ver­lust der extre­mis­ti­schen Mil­li-Görüş-Ideo­lo­gie im Lan­des- bezie­hungs­wei­se Regio­nal­ver­band sowie eine Distan­zie­rung vom Bun­des­ver­band. Die­se Ent­wick­lung ver­lief nicht in allen Lan­des­ver­bän­den gleich – beim Bund und in ande­ren Län­dern blieb die IGMG des­halb wei­ter unter Beob­ach­tung.

Voll­stän­dig aus dem Blick geriet die Orga­ni­sa­ti­on in Nie­der­sach­sen aber auch danach nicht: Erkennt­nis­se zu ein­zel­nen Moschee­ver­ei­nen und Ange­hö­ri­gen mit beleg­ba­rer Nähe zur Leh­re Erbak­ans sei­en seit­her in die Bear­bei­tung des Sam­mel-Beob­ach­tungs­ob­jekts MGB ein­ge­flos­sen.

Die Neu­be­wer­tung

Die Annah­me von 2014 ist nach Les­art des Berichts über­holt. Nach aktu­el­ler Bewer­tung weist die IGMG in Nie­der­sach­sen als Teil der bun­des­wei­ten Struk­tu­ren »wahr­nehm­bar wie­der enge­re Ver­bin­dun­gen zur Bun­des­zen­tra­le der IGMG in Köln« auf. Auch eine Nähe zu Nec­mett­in Erbak­an und sei­nen ideo­lo­gi­schen Grund­la­gen sei teil­wei­se wie­der fest­stell­bar.

Im Wort­laut heißt es im Bericht:

»Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­li Görüs« (IGMG)

Die »Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­li Görüs« (IGMG) wird der Mil­li Görüs-Bewe­gung zuge­ord­net und ver­steht sich als reli­giö­se Orga­ni­sa­ti­on, die ihren Schwer­punkt auf Akti­vi­tä­ten im Bil­dungs­be­reich legt. Ihr poli­ti­scher Anspruch wird durch regel­mä­ßi­ge Stel­lung­nah­men zu gesell­schafts­po­li­ti­schen The­men sicht­bar. In Nie­der­sach­sen wird die IGMG seit 2014 nicht mehr als eigen­stän­di­ges Beob­ach­tungs­ob­jekt vom Nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sungs­schutz bear­bei­tet. Die Been­di­gung der Beob­ach­tung der IGMG durch den Nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sungs­schutz ging dabei auf den wahr­nehm­ba­ren Bedeu­tungs­ver­lust der extre­mis­ti­schen Mil­li-Görüs-Ideo­lo­gie im Lan­des- bzw. Regio­nal­ver­band Nie­der­sach­sen und einer Distan­zie­rung vom Bun­des­ver­band zurück. Die­se Ent­wick­lung hat damals nicht in allen Lan­des­ver­bän­den in die­sem Aus­maß statt­ge­fun­den und somit steht die IGMG bei Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den des Bun­des und ande­rer Bun­des­län­der wei­ter­hin unter Beob­ach­tung. Seit­dem flie­ßen in Nie­der­sach­sen aller­dings Erkennt­nis­se zu ein­zel­nen Moschee­ver­ei­nen und Ange­hö­ri­gen der IGMG bei einer beleg­ba­ren Nähe zur Leh­re von Erbak­an im Rah­men des Sam­mel­be­ob­ach­tungs­ob­jekts MGB in des­sen Bear­bei­tung mit ein.

Nach aktu­el­ler Bewer­tung weist die IGMG in Nie­der­sach­sen als Teil der bun­des­wei­ten Struk­tu­ren wahr­nehm­bar wie­der enge­re Ver­bin­dun­gen zur Bun­des­zen­tra­le der IGMG in Köln auf. Auch eine Nähe zu Nec­mett­in Erbak­an und sei­nen ideo­lo­gi­schen Grund­la­gen ist teil­wei­se wei­ter fest­stell­bar.

Die IGMG erhebt den Anspruch, einen Groß­teil der außer­halb der Tür­kei leben­den Men­schen tür­ki­scher Abstam­mung zu reprä­sen­tie­ren. Ihre Vor­läu­fer­or­ga­ni­sa­ti­on, die »Ver­ei­ni­gung der Neu­en Welt­sicht in Euro­pa e. V.« (nach dem tür­ki­schen Ori­gi­nal AMGT abge­kürzt), grün­de­te sich 1985 in Köln. Die AMGT spal­te­te sich 1995 in die IGMG, deren Auf­ga­ben sich auf die Berei­che Reli­gi­on, Sozi­al­we­sen und Kul­tur kon­zen­trie­ren, und in die »Euro­päi­sche Moschee­bau- und Unter­stüt­zungs­ge­sell­schaft e. V.« (EMUG), die für die Ver­wal­tung des umfang­rei­chen Immo­bi­li­en­be­sit­zes der Orga­ni­sa­ti­on zustän­dig ist.

In Deutsch­land ist die IGMG mit ver­schie­de­nen isla­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen und Dach­ver­bän­den ver­floch­ten. Ver­bin­dun­gen bestehen z. B. zur Schura Nie­der­sach­sen. Die IGMG bestrei­tet, eine Form des Islams zu pro­pa­gie­ren, die gegen die poli­tisch-gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on der in der Bun­des­re­pu­blik leben­den Men­schen tür­ki­scher Her­kunft gerich­tet ist. Auf­fäl­lig ist aber, dass die IGMG ihren Anhän­gern ein alle Lebens­be­rei­che umfas­sen­des Dienst­leis­tungs­an­ge­bot macht: Mit Korankur­sen, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung, Feri­en­la­gern, Sport­ak­ti­vi­tä­ten sowie u. a. einer Wall­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on, einem Ver­trieb für reli­giö­se Lite­ra­tur, einem mus­li­mi­schen Sozi­al­werk, einem Bestat­tungs­fonds und Han­dels­ge­sell­schaf­ten für den Im- und Export von Lebens­mit­teln bin­det die IGMG ihre Anhän­ger an sich.

Ver­fas­sungs­schutz­be­richt Nie­der­sach­sen 2025, Kapi­tel 5.4.5, S. 288 f.


Quel­le

Nie­der­säch­si­sches Minis­te­ri­um für Inne­res, Sport und Digi­ta­li­sie­rung, Abtei­lung Ver­fas­sungs­schutz: Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2025, vor­ge­stellt am 11. Juni 2026, Kapi­tel 5.4.5 »Mil­li Görüş-Bewe­gung (MGB)«, S. 286–291. Online ver­füg­bar unter: LINK

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen

Hei­ko Hei­nisch (23. Sep­tem­ber 2025): Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­lî Görüş (IGMG). Ent­ste­hung, Ideo­lo­gie und Ein­fluss. In: AK Polis »Dos­sier zur Doku­men­ta­ti­on der Ver­an­stal­tung >Die Mus­lim­bru­der­schaft (MB) – Agen­da, Struk­tu­ren und poli­ti­sche Ant­wor­ten< am 12. Sep­tem­ber 2025 im Wil­ly-Brandt-Haus in Ber­lin«. Online ver­füg­bar unter: LINK

Hei­ko Hei­nisch / Hüsey­in Çiçek / Jan-Mar­kus Vömel (Okto­ber 2023): Die Isla­mi­sche Gemein­schaft Mil­li Görüş. Geschich­te, Ideo­lo­gie, Orga­ni­sa­ti­on und gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on. Hrsg. von der Doku­men­ta­ti­ons­stel­le Poli­ti­scher Islam, Wien (Stu­die 04). Online ver­füg­bar unter: LINK und bei AK Polis: LINK