Sammel-Beobachtungsobjekt »Milli Görüş-Bewegung« (MGB)
Geführt wird die IGMG im Bericht als Teil des Sammel-Beobachtungsobjekts »Milli Görüş-Bewegung« (MGB). Unter diesem Dach fasst der Verfassungsschutz mehrere Vereinigungen zusammen, die sich auf das ideologisch-religiöse Konzept des Gründers Necmettin Erbakan beziehen: neben der IGMG die Partei »Saadet Partisi« (SP), die Tageszeitung »Milli Gazete«, die Vereinigung »Ismail Aga Cemaati« (IAC) sowie die Erbakan-Stiftung. Erstmals taucht die MGB dabei auch in der Statistik auf – mit einem extremistischen Personenpotenzial von 40 Personen in Niedersachsen, das im Vorjahr noch nicht gesondert ausgewiesen war.1
Zur Begründung heißt es: »Die Milli Görüs-Bewegung strebt nach der Einführung einer islamistischen Gesellschaftsordnung und lehnt westliche Systeme demokratischer Prägung als >nichtige Systeme< entschieden ab, sodass sie eine gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebung im Sinne des § 3 Abs. 1 Nr. 1 NVerfSchG darstellt. Ferner zeigt sich ein ausgeprägter Antisemitismus innerhalb der Bewegung, der zu einer Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen jüdischen Glaubens führt. Das läuft den Menschenrechten sowie dem Gleichheitsgrundsatz zuwider. Mit diesem Bestreben richtet sich die Milli Görüs-Bewegung ebenso gegen den Gedanken der Völkerverständigung und das friedliche Zusammenleben der Völker (Art. 9 Abs. 2 und 26 Abs. 1 GG) und wird daher auch nach § 3 Abs. 1 Nr. 4 NVerfSchG beobachtet. Mit dem Beobachtungsobjekt der Milli Görüs-Bewegung werden unterschiedliche in der ideologisch-religiösen Lehre des türkischen islamistischen Politikers Necmettin Erbakan verhaftete Bestrebungen als Sammel-Beobachtungsobjekt zusammengefasst und beobachtet.«
Warum die eigenständige Beobachtung 2014 endete
In Niedersachsen wurde die IGMG seit 2014 nicht mehr als eigenständiges Beobachtungsobjekt geführt. Den Ausschlag gab damals, so der Verfassungsschutzbericht auf S. 288, ein wahrnehmbarer Bedeutungsverlust der extremistischen Milli-Görüş-Ideologie im Landes- beziehungsweise Regionalverband sowie eine Distanzierung vom Bundesverband. Diese Entwicklung verlief nicht in allen Landesverbänden gleich – beim Bund und in anderen Ländern blieb die IGMG deshalb weiter unter Beobachtung.
Vollständig aus dem Blick geriet die Organisation in Niedersachsen aber auch danach nicht: Erkenntnisse zu einzelnen Moscheevereinen und Angehörigen mit belegbarer Nähe zur Lehre Erbakans seien seither in die Bearbeitung des Sammel-Beobachtungsobjekts MGB eingeflossen.
Die Neubewertung
Die Annahme von 2014 ist nach Lesart des Berichts überholt. Nach aktueller Bewertung weist die IGMG in Niedersachsen als Teil der bundesweiten Strukturen »wahrnehmbar wieder engere Verbindungen zur Bundeszentrale der IGMG in Köln« auf. Auch eine Nähe zu Necmettin Erbakan und seinen ideologischen Grundlagen sei teilweise wieder feststellbar.
Im Wortlaut heißt es im Bericht:
»Islamische Gemeinschaft Milli Görüs« (IGMG)
Die »Islamische Gemeinschaft Milli Görüs« (IGMG) wird der Milli Görüs-Bewegung zugeordnet und versteht sich als religiöse Organisation, die ihren Schwerpunkt auf Aktivitäten im Bildungsbereich legt. Ihr politischer Anspruch wird durch regelmäßige Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Themen sichtbar. In Niedersachsen wird die IGMG seit 2014 nicht mehr als eigenständiges Beobachtungsobjekt vom Niedersächsischen Verfassungsschutz bearbeitet. Die Beendigung der Beobachtung der IGMG durch den Niedersächsischen Verfassungsschutz ging dabei auf den wahrnehmbaren Bedeutungsverlust der extremistischen Milli-Görüs-Ideologie im Landes- bzw. Regionalverband Niedersachsen und einer Distanzierung vom Bundesverband zurück. Diese Entwicklung hat damals nicht in allen Landesverbänden in diesem Ausmaß stattgefunden und somit steht die IGMG bei Verfassungsschutzbehörden des Bundes und anderer Bundesländer weiterhin unter Beobachtung. Seitdem fließen in Niedersachsen allerdings Erkenntnisse zu einzelnen Moscheevereinen und Angehörigen der IGMG bei einer belegbaren Nähe zur Lehre von Erbakan im Rahmen des Sammelbeobachtungsobjekts MGB in dessen Bearbeitung mit ein.
Nach aktueller Bewertung weist die IGMG in Niedersachsen als Teil der bundesweiten Strukturen wahrnehmbar wieder engere Verbindungen zur Bundeszentrale der IGMG in Köln auf. Auch eine Nähe zu Necmettin Erbakan und seinen ideologischen Grundlagen ist teilweise weiter feststellbar.
Die IGMG erhebt den Anspruch, einen Großteil der außerhalb der Türkei lebenden Menschen türkischer Abstammung zu repräsentieren. Ihre Vorläuferorganisation, die »Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e. V.« (nach dem türkischen Original AMGT abgekürzt), gründete sich 1985 in Köln. Die AMGT spaltete sich 1995 in die IGMG, deren Aufgaben sich auf die Bereiche Religion, Sozialwesen und Kultur konzentrieren, und in die »Europäische Moscheebau- und Unterstützungsgesellschaft e. V.« (EMUG), die für die Verwaltung des umfangreichen Immobilienbesitzes der Organisation zuständig ist.
In Deutschland ist die IGMG mit verschiedenen islamischen Organisationen und Dachverbänden verflochten. Verbindungen bestehen z. B. zur Schura Niedersachsen. Die IGMG bestreitet, eine Form des Islams zu propagieren, die gegen die politisch-gesellschaftliche Integration der in der Bundesrepublik lebenden Menschen türkischer Herkunft gerichtet ist. Auffällig ist aber, dass die IGMG ihren Anhängern ein alle Lebensbereiche umfassendes Dienstleistungsangebot macht: Mit Korankursen, Hausaufgabenbetreuung, Ferienlagern, Sportaktivitäten sowie u. a. einer Wallfahrtsorganisation, einem Vertrieb für religiöse Literatur, einem muslimischen Sozialwerk, einem Bestattungsfonds und Handelsgesellschaften für den Im- und Export von Lebensmitteln bindet die IGMG ihre Anhänger an sich.
Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 2025, Kapitel 5.4.5, S. 288 f.
Quelle
Niedersächsisches Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung, Abteilung Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2025, vorgestellt am 11. Juni 2026, Kapitel 5.4.5 »Milli Görüş-Bewegung (MGB)«, S. 286–291. Online verfügbar unter: LINK
Weiterführende Informationen
Heiko Heinisch (23. September 2025): Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Entstehung, Ideologie und Einfluss. In: AK Polis »Dossier zur Dokumentation der Veranstaltung >Die Muslimbruderschaft (MB) – Agenda, Strukturen und politische Antworten< am 12. September 2025 im Willy-Brandt-Haus in Berlin«. Online verfügbar unter: LINK
Heiko Heinisch / Hüseyin Çiçek / Jan-Markus Vömel (Oktober 2023): Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş. Geschichte, Ideologie, Organisation und gegenwärtige Situation. Hrsg. von der Dokumentationsstelle Politischer Islam, Wien (Studie 04). Online verfügbar unter: LINK und bei AK Polis: LINK