Diagnose: Debatte im »Zeitalter des Empörialismus«
Schmidt-Salomon eröffnet mit einer Diagnose der Debattenkultur. Er beschreibt ein »Zeitalter des Empörialismus«: Auf der »richtigen Seite« zu stehen und »aufrichtig empört« zu sein zähle oftmals mehr als die Fähigkeit, Sichtweisen unvoreingenommen abzuwägen. Wer auf die Gefahren des Politischen Islam hinweist, gelte rasch als »Rassist«; wer betont, dass die meisten Muslime friedlich leben wollen, würde als »unverbesserlicher Gutmensch« vorgeführt. Die Devise laute »Stimmung statt Argumente!«.
Gegen die üblichen Toleranzappelle setzt er eine Grundthese: Toleranz ist kein Wert an sich. Wo Menschenrechte systematisch verletzt werden, verrate Duldsamkeit die Ideale der Aufklärung, aus denen die Toleranzprinzipien hervorgegangen sind. Toleranz und Respekt dürften daher gerade nicht »nach dem Gießkannenprinzip« verteilt werden. Das zentrale Problem der Gegenwart liegt für ihn, wörtlich, »nicht in einem Mangel an Toleranz, sondern in einem Übermaß an Ignoranz« (S. 10): der verbreiteten Unfähigkeit oder Unwilligkeit, zwischen Humanem und Inhumanem, Wahrheit und Propaganda zu unterscheiden. Als Gegenmittel kündigt er ein Konzept an, das er auf die Formel »Abschreckung durch Freiheit« bringt (S. 11).
Zwei Feindbilder blockieren die Islamdebatte
Das erste Kapitel führt in die »Abgründe der Islamdebatte«. Ausgangspunkt ist der Januar 2015: der Anschlag auf Charlie Hebdo und, zwei Tage später, die öffentliche Auspeitschung des saudischen Bloggers Raif Badawi, der zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt worden war, weil er Muslime, Juden, Christen und Atheisten als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder betrachtete (S. 12 bis 15). Das doppelzüngige Agieren Saudi-Arabiens, das den Pariser Terror verurteilte und zeitgleich Badawi auspeitschen ließ, schien jenen recht zu geben, die Muslimen generell unterstellen, mit gezinkten Karten zu spielen. Schmidt-Salomon zerlegt an dieser Stelle die in rechtspopulistischen Kreisen beliebte Taqiyya-These, wonach fromme Muslime ihre wahren Ziele grundsätzlich verbergen. Diese Denkfigur sei gegen jede Form von Kritik immunisiert: Bekennen sich Muslime offen zum Dschihad, bestätigt das den Verdacht; widersprechen sie, gilt der Widerspruch als Täuschung. Ein solcher Generalverdacht macht aus seiner Sicht jede rationale Debatte zunichte (S. 16).
Anschließend rekonstruiert der Autor die Genealogie beider Feindbilder. Das »Feindbild Islam« verfolgt er von der aus rechtsextremen Strukturen hervorgegangenen Gruppierung Pro Köln über die Website Politically Incorrect bis zu Udo Ulfkotte, dessen im Kopp-Verlag erschienene Bestseller die These der »schleichenden Islamisierung Europas« popularisierten und thematisch vieles vorwegnahmen, womit AfD und Pegida ab 2014 die politische Landschaft aufmischten (S. 17 bis 20). Dem stellt er das »Feindbild Islamkritik« gegenüber, exemplarisch vertreten durch den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, der Islamfeindlichkeit mit dem Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts verglich. Schmidt-Salomon würdigt diese Analyse in einem Punkt: In der neurechten Bewegung habe das »Feindbild Muslim« tatsächlich das »Feindbild Jude« ersetzt, und die Ausgrenzungsstrategien ähneln sich. Zugleich hält er den Vergleich für überzogen. Die »Protokolle der Weisen von Zion« beschrieben eine erfundene Verschwörung ohne jede empirische Basis. Die Muslimbruderschaft existiert dagegen real und verfolgt tatsächlich das Ziel einer Islamisierung der Welt; Ulfkotte sei vorzuwerfen, dass er die Realisierungschancen dieses Plans grotesk überschätzte (S. 21 bis 23).
Begriffsarbeit: vom »Kulturrassismus« zum »Antimuslimismus«
Im weiteren liefert Schmidt-Salomon eine Kritik der »großen Begriffsverwirrung«. Er definiert Rassismus als biologistische Ausgrenzungsideologie, die Diskriminierung über die Zuweisung eines angeblich minderwertigen Biostatus legitimiert (S. 25). Den Begriff des »Kulturrassismus« verwirft er als in sich widersprüchlich: Muslime bilden weder eine Ethnie noch eine biologisch definierbare Population, Glaubensüberzeugungen sind wandelbar und gerade keine Geburtsmerkmale. Der Kunstbegriff vermische biologische und kulturelle Kategorien und wiederhole damit ausgerechnet das Denkmuster, das für rassistische Argumentationen typisch ist (S. 26 f.). Für die reale und besorgniserregende Abwertung von Menschen allein wegen ihres muslimischen Glaubens schlägt er die Begriffe »Antimuslimismus« oder »Muslimenfeindlichkeit« vor, analog zu Antisemitismus und Judenfeindlichkeit (S. 28). Am Fall der iranischstämmigen Menschenrechtlerin Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, die vor dem Mullah-Regime floh, deren erster Mann hingerichtet wurde und die selbst in Abwesenheit zum Tode verurteilt ist, zeigt Schmidt-Salomon die Absurdität des »Rassismus«-Vorwurfs gegen entschiedene Islamkritik.
Der islamische Faschismus: Ideologie und Geschichte
Ausführlich verteidigt Schmidt-Salomon die These von Hamed Abdel-Samad, der Islamismus sei als faschistische Bewegung zu werten. Er prüft den Begriff des »islamischen Faschismus« mit denselben Kriterien, die es rechtfertigen, den ursprünglich auf Italien bezogenen Faschismusbegriff auf andere totalitäre Bewegungen auszudehnen: ideologische Gemeinsamkeiten und historische Bezüge. Beide Fragen beantwortet er mit einem klaren Ja (S. 35 bis 37). Ideologisch treffen die Kennzeichen des Faschismus nach Abdel-Samads Definition (Besitzanspruch auf absolute Wahrheit, unfehlbarer Führer, Freund-Feind-Denken, Hass auf Moderne, Aufklärung und Juden, Glorifizierung des Opfertodes) auch auf den Islamismus zu. Beide Bewegungen entstanden zudem in den 1920er-Jahren aus einem Gefühl der Demütigung: hier die »Schmach von Versailles«, dort das Ende des Kalifats 1924 und die Erfahrung kolonialer Unterlegenheit (S. 38 f.).
Die historischen Verflechtungen belegt das Buch quellennah: Der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, bot den Nationalsozialisten bereits 1933 seine Unterstützung an, residierte ab 1941 in Berlin, verbreitete über den NS-Propagandasender Radio Zeesen einen religiös begründeten Judenhass in der arabischen Welt, baute mit Himmler muslimische Einheiten der Waffen-SS auf (darunter die Division Handschar) und verhinderte 1943 die Freilassung von 5000 jüdischen Kindern (S. 39 bis 41). Hassan al-Banna, Gründer der Muslimbruderschaft, verehrte Hitler und Mussolini, organisierte seinen »geheimen Apparat« nach dem Vorbild der Gestapo und seine Milizen nach dem der SA (S. 41 f.). Ajatollah Khomeini schließlich setzte nach 1979 alle wesentlichen Elemente dieses Programms im Iran um: Führerkult, Gleichschaltung, Scharia statt säkularem Recht, Verfolgung der Gegner, eliminatorischer Judenhass, Märtyrerkult (S. 42 f.). Das Fazit des Autors: Der Begriff des »islamischen Faschismus« ist ein nützliches Werkzeug der Erkenntnis (S. 43).
Wie irrational die deutsche Debatte darüber verlaufe, zeigt das Buch am Beispiel einer Debatte aus dem Jahr 2016. Beatrix von Storchs Satz »Die größte Bedrohung für Demokratie und Freiheit geht heute vom politischen Islam aus« wurde nahezu unisono verrissen, teils unter Bestreitung der Existenz des Politischen Islam. Schmidt-Salomon hält fest: Über den Superlativ lässt sich streiten, die Einstufung als eine der größten Bedrohungen steht für ihn außer Frage. Einen dpa-»Faktencheck«, der den saudischen Wahhabismus mit der Todesstrafe einzelner US-Bundesstaaten parallelisierte, zerlegt er anhand der saudischen Realität aus Religionspolizei, Männervormundschaft und Auspeitschungen. Als Hamed Abdel-Samad am 18. April 2016 im ARD-Nachtmagazin die These von der Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie »grundsätzlich nicht falsch« nannte und sie auf die politische Ideologie und die tradierte Rechtsordnung beziehen wollte, unterbrach ihn die Moderatorin entgeistert. Schmidt-Salomons Kommentar dazu: »Eine Wahrheit wird nicht zur Lüge, nur weil Lügner sie gebrauchen.« Die reflexhafte Verweigerung jeder Zustimmung habe die AfD gestärkt und verdecke zudem, wie viel die Partei mit ultrakonservativen Muslimen teilt. Mina Ahadi schrieb dazu an Frauke Petry, wie Schmidt-Salomon erwähnt, beide Seiten reduzierten Menschen auf Gruppenidentitäten und träumten »den gleichen fundamentalistischen Traum«.
Der Begriff »Politischer Islam«
Den Politischen Islam definiert Schmidt-Salomon als Sammelbegriff für Ideologien und Bewegungen, die Staat und Gesellschaft auf Basis einer bestimmten Lesart von Koran, Hadithen und Scharia organisieren wollen. Das Spektrum reiche von eindeutig faschistischen Formen wie Khomeinis Iran bis zu »demokratisch kaschierten Diktaturen« wie der Türkei unter Erdoğan. Mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft kollidieren auch die milderen Varianten. Er schreibt wie folgt (S. 56):
»Der Begriff ›politischer Islam‹ (bzw. ›Islamismus‹) kennzeichnet Ideologien bzw. politische Bewegungen, die darauf ausgerichtet sind, Staat und Gesellschaft auf der Basis islamischer Prinzipien zu organisieren, welche aus einer bestimmten Lesart des Koran, der Hadithe und der islamischen Rechtstradition (Scharia) abgeleitet werden. Das Spektrum des politischen Islam reicht dabei von eindeutig faschistischen Formen (wie in Khomeinis Iran) bis hin zu gemäßigteren Varianten, die man als ›autoritär gelenkte Demokratien‹ bzw. als ›demokratisch kaschierte Diktaturen‹ bezeichnen könnte (etwa die Türkei unter Erdogan). Mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft sind – hier muss man Beatrix von Storch zustimmen – selbst die harmloseren Varianten des politischen Islam nicht zu vereinbaren, wie man an der Einschränkung der Meinungs‑, Kunst- und Pressefreiheit in der Türkei erkennen kann.«
Der islamische Humanismus: die andere Lesart
Vor einer essentialistischen Verwendung des Faschismus-Begriffs warnt das Buch ausdrücklich. Aus dem Faschismus der Führergestalten folge kein Wesensurteil über den Islam: Bibel und Kirchengeschichte liefern vergleichbar gewaltgesättigtes Material, und noch in den 1930er Jahren trugen deutsche Christen das NS-Regime weithin mit; die humanitäre Kehrtwende der Kirchen kam erst danach. Wenn Christen diese Wende gelang, so Schmidt-Salomon, steht sie Muslimen ebenso offen. Symbolfigur dafür ist Gamal al-Banna, der Bruder des Muslimbrüder-Gründers, der einen liberalen, wissenschaftsfreundlichen Islam vertrat, die Scharia ablehnte und die Trennung von Staat und Religion forderte.
Als zeitgenössische Verkörperung dieser Lesart porträtiert das Buch den Münsteraner Islamtheologen Mouhanad Khorchide, zu dessen Werk »Gott glaubt an den Menschen« Schmidt-Salomon nach einer Begegnung 2014 befürwortend auftritt. Khorchide verstehe Allah als »absoluten Humanisten« und lese problematische Koranstellen historisch-kontextuell. Zugleich bestreite er den Befund keineswegs, dass Hass auf »die Anderen« tief in der islamischen Tradition verankert sei und sich Extremisten auf Mainstream-Gelehrte berufen können. Genau darin sehe er das Reformproblem. Lebenspraktisch entscheidet die Lesart über alles: Der Glaube an Khomeinis Gott führt in den Gottesstaat, der Glaube an Khorchides Gott stärkt die offene Gesellschaft. Die öffentlichen Streitgespräche zwischen Abdel-Samad und Khorchide gelten Schmidt-Salomon als Beleg, dass produktiver Streit trotz schärfster Differenzen gelingen kann.
Spielregeln des zivilisierten Widerstreits
Toleranz bestimmt das Buch von der Wortherkunft her: »tolerare« heißt ertragen, erdulden. Politisch gewendet meint Toleranz die Fähigkeit, verstörende Formen des Andersseins auszuhalten. Auf Karl Popper geht das im Buch zitierte »Paradoxon der Toleranz« zurück, die Forderung nach »Unduldsamkeit gegenüber den Unduldsamen«. Für die Praxis formuliert Schmidt-Salomon »10 Gebote der Rationalität« (unter anderem interne und externe Widerspruchsfreiheit, Sparsamkeit, Kritisierbarkeit, Zirkelfreiheit, Willkürfreiheit und Unparteilichkeit der Argumentation) und wendet sie auf die Islamdebatte an: Der Begriff »Kulturrassismus« scheitert an der internen Widerspruchsfreiheit, die Taqiya-Verschwörungstheorie an Kritisierbarkeit und Zirkelfreiheit.
Daraus leitet er »7 Spielregeln des zivilisierten Widerstreits« ab. Sie verlangen, das gleiche Meinungsrecht aller zu akzeptieren, Mehrheiten keine Wahrheitsvermutung zuzugestehen, die eigenen Argumente denselben Rationalitätsmaßstäben zu unterwerfen, Nachsicht mit Personen zu üben, die in irrationalen Ideologien gefangen sind, Menschen als Menschen zu respektieren und menschenverachtende Ideologien mit »zivilisierter Verachtung« bloßzustellen, zivilisierte Beleidigungen als »Preis der Toleranz« zu ertragen und schließlich die entscheidende Dreiteilung vorzunehmen: dazu beizutragen, dass »das Nicht-Tolerierbare verhindert, das Nur-Tolerierbare geschwächt und das Akzeptierbare gestärkt wird«. Diese Dreiteilung ist der Kern des ganzen Toleranzkonzepts. Gemeint ist also: Jedes Phänomen – etwa eine Strömung oder Organisation innerhalb des Islam – wird in eine von drei Kategorien eingeordnet, und aus der Einordnung folgt jeweils eine andere Handlungsweise:
Erstens »Nicht-Tolerierbares« – etwa Gewalt, Zwangsheirat, die Errichtung eines Gottesstaats, also alles, was Menschenrechte systematisch verletzt – muss aktiv verhindert werden, notfalls mit staatlichen Mitteln. Hier greift Poppers Unduldsamkeit gegenüber den Unduldsamen. Zweitens »Nur-Tolerierbares« – Positionen und Praktiken, die man in einer freien Gesellschaft nicht verbieten kann, die aber mit deren Werten kollidieren (etwa ultrakonservative, aber gewaltfreie Auslegungen) – wird geduldet, soll aber durch Kritik und »zivilisierte Verachtung« geschwächt werden. Toleranz heißt hier ertragen, nicht gutheißen. Drittens »Akzeptierbares« – etwa der islamische Humanismus des Münsteraner Religionspädagogen Mouhanad Khorchide oder liberale Muslime wie Seyran Ateş – soll gezielt gestärkt und unterstützt werden.
Vier Prinzipien der offenen Gesellschaft
Die zweite Buchhälfte begründet, wofür gestritten werden soll. Ausgangspunkt ist Karl Popper, der den Entschluss zu seinem Grundlagenwerk am 13. März 1938 fasste, dem Tag des »Anschlusses« Österreichs. Aus Poppers Werk übernimmt Schmidt-Salomon drei Prinzipien der offenen Gesellschaft (Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus) und ergänzt ein viertes: den Säkularismus. Die Gegenbegriffe Paternalismus, Elitarismus, Kollektivismus und Fundamentalismus kennzeichnen geschlossene Gesellschaften. Freiheit und Gleichheit denkt das Buch als »Tauschgeschäft der Freiheit« zusammen; ein längerer ökonomischer Exkurs warnt mit Zahlen der Bundesbank und der Credit Suisse vor einem Elitarismus, der die Orientierung am Individuum untergräbt.
Für die Islamdebatte zentral ist das Kapitel »Selbstbestimmung statt Gruppenzwang«. Es kritisiert die deutsche Integrationspolitik als faktische Desintegrationspolitik, weil sie Individuen auf vermeintlich stabile Gruppenidentitäten reduzierte, und fordert eine Politik der Emanzipation des Einzelnen. Scharf fällt die Kritik am »Familismus« aus, der kollektivistischen Aufwertung der Familie zulasten des Individuums: Das Buch nennt Zwangsverschleierung, jährlich einige Tausend Zwangsheiraten allein in Deutschland und weltweit rund 5000 registrierte »Ehrenmorde« pro Jahr, davon etwa 90 Prozent in islamisch geprägten Ländern. Den Beschneidungsparagrafen 1631d BGB von 2013 wertet Schmidt-Salomon als verfassungswidrige Ungleichbehandlung der Geschlechter, weil er die genitale Selbstbestimmung von Jungen religiösen Interessen opfert. Für die Schule plädiert er für ein gemeinsames Pflichtfach zu Ethik, Religion und Weltanschauung anstelle des nach Konfessionen getrennten Bekenntnisunterrichts.
Das Säkularismus-Kapitel öffnet mit Raif Badawi, der in Saudi-Arabien zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt wurde und im Gefängnis auf ein Graffito stieß: »Säkularismus ist die Lösung!« Daraus entwickelt das Buch drei Grundsätze: Die Werte des Zusammenlebens werden von den Bürgern ausgehandelt, die Rechtsnormen müssen säkular begründbar sein, und der Staat muss sein Recht auch innerhalb der Religionsgemeinschaften durchsetzen. Deutschland attestiert Schmidt-Salomon erhebliche Säkularitätsdefizite, vom Heimkinder-Skandal in konfessionellen Anstalten über das diskriminierende kirchliche Arbeitsrecht bis zu den Körperschaftsprivilegien. Weil der Staat Muslimen nicht verwehren darf, was er Christen gewährt, sieht das Buch nur zwei Wege: Ausweitung der Kirchenprivilegien auf die Islamverbände oder deren Abbau für alle. Es votiert für den Abbau. Zugleich fordert es, liberale Muslime wie das Muslimische Forum Deutschland gezielt zu stärken und den Einfluss der von Ankara gesteuerten DITIB zurückzudrängen. Die Ideologie eines »europäischen Sonderwegs« lehnt Schmidt-Salomon ab: Menschenrechte sind für ihn Früchte eines »Weltkulturerbes der Menschheit«, und er verweist auf die muslimischen Rechtsgelehrten Jasser Auda und Feisal Abdul Rauf, deren Shariah Index Project westliche Länder als »islamischer« einstufte als manchen islamischen Staat.
Zum Schluss: »Abschreckung durch Freiheit«
Sein Schlusskonzept entfaltet Schmidt-Salomon in einer Gedankenfigur, die das ganze Buch bündelt. Er fragt, wie eine Regierung, die freiheitliche Prinzipien wirklich ernst nimmt, gegenüber den anti-rationalistischen, anti-liberalen, anti-egalitären, kollektivistischen und fundamentalistischen Feinden der offenen Gesellschaft auftreten sollte, und lässt sie deren »Alleinstellungsmerkmale« wie eine gute PR-Agentur formulieren. Er nennt es »Abschreckung durch Freiheit« (S. 177). Eine offene Gesellschaft dürfe die Zuwanderung erklärter Feinde ihrer Grundwerte erschweren, müsse dabei aber ihren eigenen Prinzipien treu bleiben. Als ihr Mittel wählt Schmidt-Salomon die offensive Selbstbeschreibung: Religionen stehen unter dem Gesetz, Frauen und Männer sowie Hetero- und Homosexuelle sind gleichberechtigt, Kinder haben eigene Rechte, Evolutionslehre und Sexualaufklärung sind verbindlich.
Wer einen Gottesstaat errichten will, so das Kalkül, wird sein Glück außerhalb Europas suchen. Wer für sich und seine Angehörigen einen Ort der Freiheit sucht, den sollen die Europäer mit offenen Armen empfangen, aus Humanität und angesichts der drohenden Überalterung des Kontinents auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse (S. 176). Eine offene Gesellschaft solle ihre Werte demnach selbstbewusst vertreten statt sie schamhaft zu verhüllen, denn Rationalität, Freiheit, Gleichheit, Individualität und Säkularität sind für Schmidt-Salomon die wichtigsten Motoren des zivilisatorischen Fortschritts. Diese Zumutung gilt ausdrücklich auch für inländische christliche Traditionalisten, die das Konzept an die Grenzen ihrer eigenen Toleranz bringen wird: Das ist der Preis der Mitgliedschaft in einer offenen Gesellschaft. Das Profil dieser Gesellschaft möchte der Autor so unmissverständlich zuspitzen, dass jedem Traditionalisten beim bloßen Gedanken an Europa ein imaginäres Begrüßungsplakat vor dem geistigen Auge erscheint: »Herzlich willkommen in Europa – Wir verderben Ihre Kinder!«. Er schreibt (S. 177):
Die »Freiheitsandrohungen« der offenen Gesellschaft
Dies ist das Land, in dem Ihre Kinder nicht automatisch Juden, Christen, Muslime sind, bloß weil Sie einer dieser Religionen angehören! Dies ist das Land, in dem Sie nicht das Recht haben, an den Genitalien ihrer Kinder herumzuschneiden, weil sie sich einem archaischen Initiationsritual verpflichtet fühlen! Dies ist das Land, in dem Sie glauben dürfen, was immer sie wollen, in dem wir Ihren Kinder aber von der Pike auf beibringen werden, dass nur solche Weltanschauungen akzeptabel sind, die die Menschenrechte in vollem Umfang anerkennen! Dies ist das Land, in dem Sie behaupten dürfen, die Erde sei erst vor 6000 Jahren erschaffen worden, in dem Ihre Kinder aber schon in der Grundschule die Tatsache der Evolution erfahren, damit Sie nicht den gleichen Irrtümern aufsitzen! Dies ist das Land, in dem auch Kinder Rechte haben, die Sie nicht übergehen dürfen, in dem Sie es hinnehmen müssen, dass Männer und Frauen, Religiöse und Nichtreligiöse, Hetero‑, Homo- und Transsexuelle gleichberechtigt sind, auch wenn Sie in Ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung womöglich so sehr geschädigt wurden, dass Sie diesen einfachen ethischen Gleichheitsgrundsatz nicht nachvollziehen können! Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem sie Ihre eigenen Sexualneurosen pflegen dürfen, solange Sie damit niemanden schädigen, in dem Ihre Kinder aber rechtzeitig aufgeklärt werden, damit sie die Chance haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen!
Kurzbewertung
Die Streitschrift liefert der Islamdebatte ein Handwerkszeug: aufschlussreiche Begriffsarbeit (Rassismus, Antimuslimismus, Politischer Islam, offene Gesellschaft), die Dreiteilung in Akzeptables, bloß Tolerierbares und Nicht-Tolerierbares sowie eine Kritik, die alle politischen Lager mit denselben Rationalitätsmaßstäben misst. Das historische Kapitel zum islamischen Faschismus ist quellengesättigt und macht die Kontinuitätslinie von al-Husseini über al-Banna zu Khomeini konkret nachvollziehbar.
Hingegen bleibt die »zivilisierte Verachtung« als Strategie unterbestimmt: Wo sie endet und wo bloße Provokation beginnt, scheint im Zweifel der Geschmack zu entscheiden. Die Gleichsetzung der Bedrohungslagen von Islamismus und christlichem Fundamentalismus wirkt in ihrer Symmetrie gelegentlich forciert, auch wenn der Autor die Unterschiede benennt. Als Klärung der Grundbegriffe, als Plädoyer für eine rationale Streitkultur und als Kompass für den Umgang mit dem Politischen Islam hat »Die Grenzen der Toleranz« jedoch auch zehn Jahre nach Erscheinen wenig an Relevanz verloren. Die Kernbotschaft trägt: Verteidigt wird die offene Gesellschaft durch klare Haltung gegenüber ihren Feinden und durch entschlossene Solidarität mit deren ersten Opfern, den liberalen und säkularen Muslimen.

Michael Schmidt-Salomon: »Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen«. München (Piper), 2016, ISBN 978–3‑492–31031‑4.