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Poli­ti­scher Islam als Prüf­stein: »Die Gren­zen der Tole­ranz« von Micha­el Schmidt-Salo­mon

Der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, hat 2016 bei Piper eine Streitschrift zur deutschen Islamdebatte vorgelegt. Sie liefert belastbare Definitionen, historische Belege und ein dreistufiges Prüfschema für den Umgang mit dem Politischen Islam. Wer verstehen will, warum die Rede vom »Politischen Islam« analytisch tragfähig ist und wo zugleich die Fallstricke der Islamkritik liegen, findet hier bis heute eine der klarsten Grundlegungen.

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Dia­gno­se: Debat­te im »Zeit­al­ter des Empö­ria­lis­mus«

Schmidt-Salo­mon eröff­net mit einer Dia­gno­se der Debat­ten­kul­tur. Er beschreibt ein »Zeit­al­ter des Empö­ria­lis­mus«: Auf der »rich­ti­gen Sei­te« zu ste­hen und »auf­rich­tig empört« zu sein zäh­le oft­mals mehr als die Fähig­keit, Sicht­wei­sen unvor­ein­ge­nom­men abzu­wä­gen. Wer auf die Gefah­ren des Poli­ti­schen Islam hin­weist, gel­te rasch als »Ras­sist«; wer betont, dass die meis­ten Mus­li­me fried­lich leben wol­len, wür­de als »unver­bes­ser­li­cher Gut­mensch« vor­ge­führt. Die Devi­se lau­te »Stim­mung statt Argu­men­te!«.

Gegen die übli­chen Tole­ran­z­ap­pel­le setzt er eine Grund­the­se: Tole­ranz ist kein Wert an sich. Wo Men­schen­rech­te sys­te­ma­tisch ver­letzt wer­den, ver­ra­te Duld­sam­keit die Idea­le der Auf­klä­rung, aus denen die Tole­ranz­prin­zi­pi­en her­vor­ge­gan­gen sind. Tole­ranz und Respekt dürf­ten daher gera­de nicht »nach dem Gieß­kan­nen­prin­zip« ver­teilt wer­den. Das zen­tra­le Pro­blem der Gegen­wart liegt für ihn, wört­lich, »nicht in einem Man­gel an Tole­ranz, son­dern in einem Über­maß an Igno­ranz« (S. 10): der ver­brei­te­ten Unfä­hig­keit oder Unwil­lig­keit, zwi­schen Huma­nem und Inhu­ma­nem, Wahr­heit und Pro­pa­gan­da zu unter­schei­den. Als Gegen­mit­tel kün­digt er ein Kon­zept an, das er auf die For­mel »Abschre­ckung durch Frei­heit« bringt (S. 11).

Zwei Feind­bil­der blo­ckie­ren die Islam­de­bat­te

Das ers­te Kapi­tel führt in die »Abgrün­de der Islam­de­bat­te«. Aus­gangs­punkt ist der Janu­ar 2015: der Anschlag auf Char­lie Heb­do und, zwei Tage spä­ter, die öffent­li­che Aus­peit­schung des sau­di­schen Blog­gers Raif Bad­a­wi, der zu zehn Jah­ren Haft und 1000 Stock­hie­ben ver­ur­teilt wor­den war, weil er Mus­li­me, Juden, Chris­ten und Athe­is­ten als gleich­wer­ti­ge Gesell­schafts­mit­glie­der betrach­te­te (S. 12 bis 15). Das dop­pel­zün­gi­ge Agie­ren Sau­di-Ara­bi­ens, das den Pari­ser Ter­ror ver­ur­teil­te und zeit­gleich Bad­a­wi aus­peit­schen ließ, schien jenen recht zu geben, die Mus­li­men gene­rell unter­stel­len, mit gezink­ten Kar­ten zu spie­len. Schmidt-Salo­mon zer­legt an die­ser Stel­le die in rechts­po­pu­lis­ti­schen Krei­sen belieb­te Taqi­y­ya-The­se, wonach from­me Mus­li­me ihre wah­ren Zie­le grund­sätz­lich ver­ber­gen. Die­se Denk­fi­gur sei gegen jede Form von Kri­tik immu­ni­siert: Beken­nen sich Mus­li­me offen zum Dschi­had, bestä­tigt das den Ver­dacht; wider­spre­chen sie, gilt der Wider­spruch als Täu­schung. Ein sol­cher Gene­ral­ver­dacht macht aus sei­ner Sicht jede ratio­na­le Debat­te zunich­te (S. 16).

Anschlie­ßend rekon­stru­iert der Autor die Genea­lo­gie bei­der Feind­bil­der. Das »Feind­bild Islam« ver­folgt er von der aus rechts­extre­men Struk­tu­ren her­vor­ge­gan­ge­nen Grup­pie­rung Pro Köln über die Web­site Poli­ti­cal­ly Incor­rect bis zu Udo Ulfkot­te, des­sen im Kopp-Ver­lag erschie­ne­ne Best­sel­ler die The­se der »schlei­chen­den Isla­mi­sie­rung Euro­pas« popu­la­ri­sier­ten und the­ma­tisch vie­les vor­weg­nah­men, womit AfD und Pegi­da ab 2014 die poli­ti­sche Land­schaft auf­misch­ten (S. 17 bis 20). Dem stellt er das »Feind­bild Islam­kri­tik« gegen­über, exem­pla­risch ver­tre­ten durch den Anti­se­mi­tis­mus­for­scher Wolf­gang Benz, der Islam­feind­lich­keit mit dem Anti­se­mi­tis­mus des frü­hen 20. Jahr­hun­derts ver­glich. Schmidt-Salo­mon wür­digt die­se Ana­ly­se in einem Punkt: In der neu­rech­ten Bewe­gung habe das »Feind­bild Mus­lim« tat­säch­lich das »Feind­bild Jude« ersetzt, und die Aus­gren­zungs­stra­te­gien ähneln sich. Zugleich hält er den Ver­gleich für über­zo­gen. Die »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion« beschrie­ben eine erfun­de­ne Ver­schwö­rung ohne jede empi­ri­sche Basis. Die Mus­lim­bru­der­schaft exis­tiert dage­gen real und ver­folgt tat­säch­lich das Ziel einer Isla­mi­sie­rung der Welt; Ulfkot­te sei vor­zu­wer­fen, dass er die Rea­li­sie­rungs­chan­cen die­ses Plans gro­tesk über­schätz­te (S. 21 bis 23).

Begriffs­ar­beit: vom »Kul­tur­ras­sis­mus« zum »Anti­mus­li­mis­mus«

Im wei­te­ren lie­fert Schmidt-Salo­mon eine Kri­tik der »gro­ßen Begriffs­ver­wir­rung«. Er defi­niert Ras­sis­mus als bio­lo­gis­ti­sche Aus­gren­zungs­ideo­lo­gie, die Dis­kri­mi­nie­rung über die Zuwei­sung eines angeb­lich min­der­wer­ti­gen Bio­sta­tus legi­ti­miert (S. 25). Den Begriff des »Kul­tur­ras­sis­mus« ver­wirft er als in sich wider­sprüch­lich: Mus­li­me bil­den weder eine Eth­nie noch eine bio­lo­gisch defi­nier­ba­re Popu­la­ti­on, Glau­bens­über­zeu­gun­gen sind wan­del­bar und gera­de kei­ne Geburts­merk­ma­le. Der Kunst­be­griff ver­mi­sche bio­lo­gi­sche und kul­tu­rel­le Kate­go­rien und wie­der­ho­le damit aus­ge­rech­net das Denk­mus­ter, das für ras­sis­ti­sche Argu­men­ta­tio­nen typisch ist (S. 26 f.). Für die rea­le und besorg­nis­er­re­gen­de Abwer­tung von Men­schen allein wegen ihres mus­li­mi­schen Glau­bens schlägt er die Begrif­fe »Anti­mus­li­mis­mus« oder »Mus­li­men­feind­lich­keit« vor, ana­log zu Anti­se­mi­tis­mus und Juden­feind­lich­keit (S. 28). Am Fall der ira­nisch­stäm­mi­gen Men­schen­recht­le­rin Mina Aha­di, Vor­sit­zen­de des Zen­tral­rats der Ex-Mus­li­me, die vor dem Mul­lah-Regime floh, deren ers­ter Mann hin­ge­rich­tet wur­de und die selbst in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt ist, zeigt Schmidt-Salo­mon die Absur­di­tät des »Rassismus«-Vorwurfs gegen ent­schie­de­ne Islam­kri­tik.

Der isla­mi­sche Faschis­mus: Ideo­lo­gie und Geschich­te

Aus­führ­lich ver­tei­digt Schmidt-Salo­mon die The­se von Hamed Abdel-Samad, der Isla­mis­mus sei als faschis­ti­sche Bewe­gung zu wer­ten. Er prüft den Begriff des »isla­mi­schen Faschis­mus« mit den­sel­ben Kri­te­ri­en, die es recht­fer­ti­gen, den ursprüng­lich auf Ita­li­en bezo­ge­nen Faschis­mus­be­griff auf ande­re tota­li­tä­re Bewe­gun­gen aus­zu­deh­nen: ideo­lo­gi­sche Gemein­sam­kei­ten und his­to­ri­sche Bezü­ge. Bei­de Fra­gen beant­wor­tet er mit einem kla­ren Ja (S. 35 bis 37). Ideo­lo­gisch tref­fen die Kenn­zei­chen des Faschis­mus nach Abdel-Sama­ds Defi­ni­ti­on (Besitz­an­spruch auf abso­lu­te Wahr­heit, unfehl­ba­rer Füh­rer, Freund-Feind-Den­ken, Hass auf Moder­ne, Auf­klä­rung und Juden, Glo­ri­fi­zie­rung des Opfer­to­des) auch auf den Isla­mis­mus zu. Bei­de Bewe­gun­gen ent­stan­den zudem in den 1920er-Jah­ren aus einem Gefühl der Demü­ti­gung: hier die »Schmach von Ver­sailles«, dort das Ende des Kali­fats 1924 und die Erfah­rung kolo­nia­ler Unter­le­gen­heit (S. 38 f.).

Die his­to­ri­schen Ver­flech­tun­gen belegt das Buch quel­len­nah: Der Groß­muf­ti von Jeru­sa­lem, Amin al-Huss­ei­ni, bot den Natio­nal­so­zia­lis­ten bereits 1933 sei­ne Unter­stüt­zung an, resi­dier­te ab 1941 in Ber­lin, ver­brei­te­te über den NS-Pro­pa­gan­da­sen­der Radio Zeesen einen reli­gi­ös begrün­de­ten Juden­hass in der ara­bi­schen Welt, bau­te mit Himm­ler mus­li­mi­sche Ein­hei­ten der Waf­fen-SS auf (dar­un­ter die Divi­si­on Hand­schar) und ver­hin­der­te 1943 die Frei­las­sung von 5000 jüdi­schen Kin­dern (S. 39 bis 41). Hassan al-Ban­na, Grün­der der Mus­lim­bru­der­schaft, ver­ehr­te Hit­ler und Mus­so­li­ni, orga­ni­sier­te sei­nen »gehei­men Appa­rat« nach dem Vor­bild der Gesta­po und sei­ne Mili­zen nach dem der SA (S. 41 f.). Aja­tol­lah Kho­mei­ni schließ­lich setz­te nach 1979 alle wesent­li­chen Ele­men­te die­ses Pro­gramms im Iran um: Füh­rer­kult, Gleich­schal­tung, Scha­ria statt säku­la­rem Recht, Ver­fol­gung der Geg­ner, eli­mi­na­to­ri­scher Juden­hass, Mär­ty­rer­kult (S. 42 f.). Das Fazit des Autors: Der Begriff des »isla­mi­schen Faschis­mus« ist ein nütz­li­ches Werk­zeug der Erkennt­nis (S. 43).

Wie irra­tio­nal die deut­sche Debat­te dar­über ver­lau­fe, zeigt das Buch am Bei­spiel einer Debat­te aus dem Jahr 2016. Bea­trix von Storchs Satz »Die größ­te Bedro­hung für Demo­kra­tie und Frei­heit geht heu­te vom poli­ti­schen Islam aus« wur­de nahe­zu uni­so­no ver­ris­sen, teils unter Bestrei­tung der Exis­tenz des Poli­ti­schen Islam. Schmidt-Salo­mon hält fest: Über den Super­la­tiv lässt sich strei­ten, die Ein­stu­fung als eine der größ­ten Bedro­hun­gen steht für ihn außer Fra­ge. Einen dpa-»Faktencheck«, der den sau­di­schen Wah­ha­bis­mus mit der Todes­stra­fe ein­zel­ner US-Bun­des­staa­ten par­al­le­li­sier­te, zer­legt er anhand der sau­di­schen Rea­li­tät aus Reli­gi­ons­po­li­zei, Män­ner­vor­mund­schaft und Aus­peit­schun­gen. Als Hamed Abdel-Samad am 18. April 2016 im ARD-Nacht­ma­ga­zin die The­se von der Unver­ein­bar­keit von Islam und Demo­kra­tie »grund­sätz­lich nicht falsch« nann­te und sie auf die poli­ti­sche Ideo­lo­gie und die tra­dier­te Rechts­ord­nung bezie­hen woll­te, unter­brach ihn die Mode­ra­to­rin ent­geis­tert. Schmidt-Salo­mons Kom­men­tar dazu: »Eine Wahr­heit wird nicht zur Lüge, nur weil Lüg­ner sie gebrau­chen.« Die reflex­haf­te Ver­wei­ge­rung jeder Zustim­mung habe die AfD gestärkt und ver­de­cke zudem, wie viel die Par­tei mit ultra­kon­ser­va­ti­ven Mus­li­men teilt. Mina Aha­di schrieb dazu an Frau­ke Petry, wie Schmidt-Salo­mon erwähnt, bei­de Sei­ten redu­zier­ten Men­schen auf Grup­pen­iden­ti­tä­ten und träum­ten »den glei­chen fun­da­men­ta­lis­ti­schen Traum«.

Der Begriff »Poli­ti­scher Islam«

Den Poli­ti­schen Islam defi­niert Schmidt-Salo­mon als Sam­mel­be­griff für Ideo­lo­gien und Bewe­gun­gen, die Staat und Gesell­schaft auf Basis einer bestimm­ten Les­art von Koran, Hadi­then und Scha­ria orga­ni­sie­ren wol­len. Das Spek­trum rei­che von ein­deu­tig faschis­ti­schen For­men wie Kho­mei­nis Iran bis zu »demo­kra­tisch kaschier­ten Dik­ta­tu­ren« wie der Tür­kei unter Erdoğan. Mit den Prin­zi­pi­en der offe­nen Gesell­schaft kol­li­die­ren auch die mil­de­ren Vari­an­ten. Er schreibt wie folgt (S. 56):

»Der Begriff ›poli­ti­scher Islam‹ (bzw. ›Isla­mis­mus‹) kenn­zeich­net Ideo­lo­gien bzw. poli­ti­sche Bewe­gun­gen, die dar­auf aus­ge­rich­tet sind, Staat und Gesell­schaft auf der Basis isla­mi­scher Prin­zi­pi­en zu orga­ni­sie­ren, wel­che aus einer bestimm­ten Les­art des Koran, der Hadi­the und der isla­mi­schen Rechts­tra­di­ti­on (Scha­ria) abge­lei­tet wer­den. Das Spek­trum des poli­ti­schen Islam reicht dabei von ein­deu­tig faschis­ti­schen For­men (wie in Kho­mei­nis Iran) bis hin zu gemä­ßig­te­ren Vari­an­ten, die man als ›auto­ri­tär gelenk­te Demo­kra­tien‹ bzw. als ›demo­kra­tisch kaschier­te Dik­ta­tu­ren‹ bezeich­nen könn­te (etwa die Tür­kei unter Erdo­gan). Mit den Prin­zi­pi­en der offe­nen Gesell­schaft sind – hier muss man Bea­trix von Storch zustim­men – selbst die harm­lo­se­ren Vari­an­ten des poli­ti­schen Islam nicht zu ver­ein­ba­ren, wie man an der Ein­schrän­kung der Meinungs‑, Kunst- und Pres­se­frei­heit in der Tür­kei erken­nen kann.«

Der isla­mi­sche Huma­nis­mus: die ande­re Les­art

Vor einer essen­tia­lis­ti­schen Ver­wen­dung des Faschis­mus-Begriffs warnt das Buch aus­drück­lich. Aus dem Faschis­mus der Füh­rer­ge­stal­ten fol­ge kein Wesen­s­ur­teil über den Islam: Bibel und Kir­chen­ge­schich­te lie­fern ver­gleich­bar gewalt­ge­sät­tig­tes Mate­ri­al, und noch in den 1930er Jah­ren tru­gen deut­sche Chris­ten das NS-Regime weit­hin mit; die huma­ni­tä­re Kehrt­wen­de der Kir­chen kam erst danach. Wenn Chris­ten die­se Wen­de gelang, so Schmidt-Salo­mon, steht sie Mus­li­men eben­so offen. Sym­bol­fi­gur dafür ist Gam­al al-Ban­na, der Bru­der des Mus­lim­brü­der-Grün­ders, der einen libe­ra­len, wis­sen­schafts­freund­li­chen Islam ver­trat, die Scha­ria ablehn­te und die Tren­nung von Staat und Reli­gi­on for­der­te.

Als zeit­ge­nös­si­sche Ver­kör­pe­rung die­ser Les­art por­trä­tiert das Buch den Müns­te­ra­ner Isl­am­theo­lo­gen Mouha­nad Khor­chi­de, zu des­sen Werk »Gott glaubt an den Men­schen« Schmidt-Salo­mon nach einer Begeg­nung 2014 befür­wor­tend auf­tritt. Khor­chi­de ver­ste­he Allah als »abso­lu­ten Huma­nis­ten« und lese pro­ble­ma­ti­sche Koran­stel­len his­to­risch-kon­tex­tu­ell. Zugleich bestrei­te er den Befund kei­nes­wegs, dass Hass auf »die Ande­ren« tief in der isla­mi­schen Tra­di­ti­on ver­an­kert sei und sich Extre­mis­ten auf Main­stream-Gelehr­te beru­fen kön­nen. Genau dar­in sehe er das Reform­pro­blem. Lebens­prak­tisch ent­schei­det die Les­art über alles: Der Glau­be an Kho­mei­nis Gott führt in den Got­tes­staat, der Glau­be an Khor­chi­des Gott stärkt die offe­ne Gesell­schaft. Die öffent­li­chen Streit­ge­sprä­che zwi­schen Abdel-Samad und Khor­chi­de gel­ten Schmidt-Salo­mon als Beleg, dass pro­duk­ti­ver Streit trotz schärfs­ter Dif­fe­ren­zen gelin­gen kann.

Spiel­re­geln des zivi­li­sier­ten Wider­streits

Tole­ranz bestimmt das Buch von der Wort­her­kunft her: »tole­r­a­re« heißt ertra­gen, erdul­den. Poli­tisch gewen­det meint Tole­ranz die Fähig­keit, ver­stö­ren­de For­men des Anders­seins aus­zu­hal­ten. Auf Karl Pop­per geht das im Buch zitier­te »Para­do­xon der Tole­ranz« zurück, die For­de­rung nach »Unduld­sam­keit gegen­über den Unduld­sa­men«. Für die Pra­xis for­mu­liert Schmidt-Salo­mon »10 Gebo­te der Ratio­na­li­tät« (unter ande­rem inter­ne und exter­ne Wider­spruchs­frei­heit, Spar­sam­keit, Kri­ti­sier­bar­keit, Zir­kel­frei­heit, Will­kürf­rei­heit und Unpar­tei­lich­keit der Argu­men­ta­ti­on) und wen­det sie auf die Islam­de­bat­te an: Der Begriff »Kul­tur­ras­sis­mus« schei­tert an der inter­nen Wider­spruchs­frei­heit, die Taqi­ya-Ver­schwö­rungs­theo­rie an Kri­ti­sier­bar­keit und Zir­kel­frei­heit.

Dar­aus lei­tet er »7 Spiel­re­geln des zivi­li­sier­ten Wider­streits« ab. Sie ver­lan­gen, das glei­che Mei­nungs­recht aller zu akzep­tie­ren, Mehr­hei­ten kei­ne Wahr­heits­ver­mu­tung zuzu­ge­ste­hen, die eige­nen Argu­men­te den­sel­ben Ratio­na­li­täts­maß­stä­ben zu unter­wer­fen, Nach­sicht mit Per­so­nen zu üben, die in irra­tio­na­len Ideo­lo­gien gefan­gen sind, Men­schen als Men­schen zu respek­tie­ren und men­schen­ver­ach­ten­de Ideo­lo­gien mit »zivi­li­sier­ter Ver­ach­tung« bloß­zu­stel­len, zivi­li­sier­te Belei­di­gun­gen als »Preis der Tole­ranz« zu ertra­gen und schließ­lich die ent­schei­den­de Drei­tei­lung vor­zu­neh­men: dazu bei­zu­tra­gen, dass »das Nicht-Tole­rier­ba­re ver­hin­dert, das Nur-Tole­rier­ba­re geschwächt und das Akzep­tier­ba­re gestärkt wird«. Die­se Drei­tei­lung ist der Kern des gan­zen Tole­ranz­kon­zepts. Gemeint ist also: Jedes Phä­no­men – etwa eine Strö­mung oder Orga­ni­sa­ti­on inner­halb des Islam – wird in eine von drei Kate­go­rien ein­ge­ord­net, und aus der Ein­ord­nung folgt jeweils eine ande­re Hand­lungs­wei­se:

Ers­tens »Nicht-Tole­rier­ba­res« – etwa Gewalt, Zwangs­hei­rat, die Errich­tung eines Got­tes­staats, also alles, was Men­schen­rech­te sys­te­ma­tisch ver­letzt – muss aktiv ver­hin­dert wer­den, not­falls mit staat­li­chen Mit­teln. Hier greift Pop­pers Unduld­sam­keit gegen­über den Unduld­sa­men. Zwei­tens »Nur-Tole­rier­ba­res« – Posi­tio­nen und Prak­ti­ken, die man in einer frei­en Gesell­schaft nicht ver­bie­ten kann, die aber mit deren Wer­ten kol­li­die­ren (etwa ultra­kon­ser­va­ti­ve, aber gewalt­freie Aus­le­gun­gen) – wird gedul­det, soll aber durch Kri­tik und »zivi­li­sier­te Ver­ach­tung« geschwächt wer­den. Tole­ranz heißt hier ertra­gen, nicht gut­hei­ßen. Drit­tens »Akzep­tier­ba­res« – etwa der isla­mi­sche Huma­nis­mus des Müns­te­ra­ner Reli­gi­ons­päd­ago­gen Mouha­nad Khor­chi­de oder libe­ra­le Mus­li­me wie Sey­ran Ateş – soll gezielt gestärkt und unter­stützt wer­den.

Vier Prin­zi­pi­en der offe­nen Gesell­schaft

Die zwei­te Buch­hälf­te begrün­det, wofür gestrit­ten wer­den soll. Aus­gangs­punkt ist Karl Pop­per, der den Ent­schluss zu sei­nem Grund­la­gen­werk am 13. März 1938 fass­te, dem Tag des »Anschlus­ses« Öster­reichs. Aus Pop­pers Werk über­nimmt Schmidt-Salo­mon drei Prin­zi­pi­en der offe­nen Gesell­schaft (Libe­ra­lis­mus, Ega­li­ta­ris­mus, Indi­vi­dua­lis­mus) und ergänzt ein vier­tes: den Säku­la­ris­mus. Die Gegen­be­grif­fe Pater­na­lis­mus, Eli­ta­ris­mus, Kol­lek­ti­vis­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus kenn­zeich­nen geschlos­se­ne Gesell­schaf­ten. Frei­heit und Gleich­heit denkt das Buch als »Tausch­ge­schäft der Frei­heit« zusam­men; ein län­ge­rer öko­no­mi­scher Exkurs warnt mit Zah­len der Bun­des­bank und der Cre­dit Suis­se vor einem Eli­ta­ris­mus, der die Ori­en­tie­rung am Indi­vi­du­um unter­gräbt.

Für die Islam­de­bat­te zen­tral ist das Kapi­tel »Selbst­be­stim­mung statt Grup­pen­zwang«. Es kri­ti­siert die deut­sche Inte­gra­ti­ons­po­li­tik als fak­ti­sche Des­in­te­gra­ti­ons­po­li­tik, weil sie Indi­vi­du­en auf ver­meint­lich sta­bi­le Grup­pen­iden­ti­tä­ten redu­zier­te, und for­dert eine Poli­tik der Eman­zi­pa­ti­on des Ein­zel­nen. Scharf fällt die Kri­tik am »Fami­lis­mus« aus, der kol­lek­ti­vis­ti­schen Auf­wer­tung der Fami­lie zulas­ten des Indi­vi­du­ums: Das Buch nennt Zwangs­ver­schleie­rung, jähr­lich eini­ge Tau­send Zwangs­hei­ra­ten allein in Deutsch­land und welt­weit rund 5000 regis­trier­te »Ehren­mor­de« pro Jahr, davon etwa 90 Pro­zent in isla­misch gepräg­ten Län­dern. Den Beschnei­dungs­pa­ra­gra­fen 1631d BGB von 2013 wer­tet Schmidt-Salo­mon als ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ungleich­be­hand­lung der Geschlech­ter, weil er die geni­tale Selbst­be­stim­mung von Jun­gen reli­giö­sen Inter­es­sen opfert. Für die Schu­le plä­diert er für ein gemein­sa­mes Pflicht­fach zu Ethik, Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung anstel­le des nach Kon­fes­sio­nen getrenn­ten Bekennt­nis­un­ter­richts.

Das Säku­la­ris­mus-Kapi­tel öff­net mit Raif Bad­a­wi, der in Sau­di-Ara­bi­en zu zehn Jah­ren Haft und 1000 Stock­hie­ben ver­ur­teilt wur­de und im Gefäng­nis auf ein Graf­fi­to stieß: »Säku­la­ris­mus ist die Lösung!« Dar­aus ent­wi­ckelt das Buch drei Grund­sät­ze: Die Wer­te des Zusam­men­le­bens wer­den von den Bür­gern aus­ge­han­delt, die Rechts­nor­men müs­sen säku­lar begründ­bar sein, und der Staat muss sein Recht auch inner­halb der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten durch­set­zen. Deutsch­land attes­tiert Schmidt-Salo­mon erheb­li­che Säku­la­ri­täts­de­fi­zi­te, vom Heim­kin­der-Skan­dal in kon­fes­sio­nel­len Anstal­ten über das dis­kri­mi­nie­ren­de kirch­li­che Arbeits­recht bis zu den Kör­per­schafts­pri­vi­le­gi­en. Weil der Staat Mus­li­men nicht ver­weh­ren darf, was er Chris­ten gewährt, sieht das Buch nur zwei Wege: Aus­wei­tung der Kir­chen­pri­vi­le­gi­en auf die Islam­ver­bän­de oder deren Abbau für alle. Es votiert für den Abbau. Zugleich for­dert es, libe­ra­le Mus­li­me wie das Mus­li­mi­sche Forum Deutsch­land gezielt zu stär­ken und den Ein­fluss der von Anka­ra gesteu­er­ten DITIB zurück­zu­drän­gen. Die Ideo­lo­gie eines »euro­päi­schen Son­der­wegs« lehnt Schmidt-Salo­mon ab: Men­schen­rech­te sind für ihn Früch­te eines »Welt­kul­tur­er­bes der Mensch­heit«, und er ver­weist auf die mus­li­mi­schen Rechts­ge­lehr­ten Jas­ser Auda und Fei­sal Abdul Rauf, deren Sha­riah Index Pro­ject west­li­che Län­der als »isla­mi­scher« ein­stuf­te als man­chen isla­mi­schen Staat.

Zum Schluss: »Abschre­ckung durch Frei­heit«

Sein Schluss­kon­zept ent­fal­tet Schmidt-Salo­mon in einer Gedan­ken­fi­gur, die das gan­ze Buch bün­delt. Er fragt, wie eine Regie­rung, die frei­heit­li­che Prin­zi­pi­en wirk­lich ernst nimmt, gegen­über den anti-ratio­na­lis­ti­schen, anti-libe­ra­len, anti-ega­li­tä­ren, kol­lek­ti­vis­ti­schen und fun­da­men­ta­lis­ti­schen Fein­den der offe­nen Gesell­schaft auf­tre­ten soll­te, und lässt sie deren »Allein­stel­lungs­merk­ma­le« wie eine gute PR-Agen­tur for­mu­lie­ren. Er nennt es »Abschre­ckung durch Frei­heit« (S. 177). Eine offe­ne Gesell­schaft dür­fe die Zuwan­de­rung erklär­ter Fein­de ihrer Grund­wer­te erschwe­ren, müs­se dabei aber ihren eige­nen Prin­zi­pi­en treu blei­ben. Als ihr Mit­tel wählt Schmidt-Salo­mon die offen­si­ve Selbst­be­schrei­bung: Reli­gio­nen ste­hen unter dem Gesetz, Frau­en und Män­ner sowie Hete­ro- und Homo­se­xu­el­le sind gleich­be­rech­tigt, Kin­der haben eige­ne Rech­te, Evo­lu­ti­ons­leh­re und Sexu­al­auf­klä­rung sind ver­bind­lich.

Wer einen Got­tes­staat errich­ten will, so das Kal­kül, wird sein Glück außer­halb Euro­pas suchen. Wer für sich und sei­ne Ange­hö­ri­gen einen Ort der Frei­heit sucht, den sol­len die Euro­pä­er mit offe­nen Armen emp­fan­gen, aus Huma­ni­tät und ange­sichts der dro­hen­den Über­al­te­rung des Kon­ti­nents auch aus wohl­ver­stan­de­nem Eigen­in­ter­es­se (S. 176). Eine offe­ne Gesell­schaft sol­le ihre Wer­te dem­nach selbst­be­wusst ver­tre­ten statt sie scham­haft zu ver­hül­len, denn Ratio­na­li­tät, Frei­heit, Gleich­heit, Indi­vi­dua­li­tät und Säku­la­ri­tät sind für Schmidt-Salo­mon die wich­tigs­ten Moto­ren des zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts. Die­se Zumu­tung gilt aus­drück­lich auch für inlän­di­sche christ­li­che Tra­di­tio­na­lis­ten, die das Kon­zept an die Gren­zen ihrer eige­nen Tole­ranz brin­gen wird: Das ist der Preis der Mit­glied­schaft in einer offe­nen Gesell­schaft. Das Pro­fil die­ser Gesell­schaft möch­te der Autor so unmiss­ver­ständ­lich zuspit­zen, dass jedem Tra­di­tio­na­lis­ten beim blo­ßen Gedan­ken an Euro­pa ein ima­gi­nä­res Begrü­ßungs­pla­kat vor dem geis­ti­gen Auge erscheint: »Herz­lich will­kom­men in Euro­pa – Wir ver­der­ben Ihre Kin­der!«. Er schreibt (S. 177):

Die »Frei­heits­an­dro­hun­gen« der offe­nen Gesell­schaft

Dies ist das Land, in dem Ihre Kin­der nicht auto­ma­tisch Juden, Chris­ten, Mus­li­me sind, bloß weil Sie einer die­ser Reli­gio­nen ange­hö­ren! Dies ist das Land, in dem Sie nicht das Recht haben, an den Geni­ta­li­en ihrer Kin­der her­um­zu­schnei­den, weil sie sich einem archai­schen Initia­ti­ons­ri­tu­al ver­pflich­tet füh­len! Dies ist das Land, in dem Sie glau­ben dür­fen, was immer sie wol­len, in dem wir Ihren Kin­der aber von der Pike auf bei­brin­gen wer­den, dass nur sol­che Welt­an­schau­un­gen akzep­ta­bel sind, die die Men­schen­rech­te in vol­lem Umfang aner­ken­nen! Dies ist das Land, in dem Sie behaup­ten dür­fen, die Erde sei erst vor 6000 Jah­ren erschaf­fen wor­den, in dem Ihre Kin­der aber schon in der Grund­schu­le die Tat­sa­che der Evo­lu­ti­on erfah­ren, damit Sie nicht den glei­chen Irr­tü­mern auf­sit­zen! Dies ist das Land, in dem auch Kin­der Rech­te haben, die Sie nicht über­ge­hen dür­fen, in dem Sie es hin­neh­men müs­sen, dass Män­ner und Frau­en, Reli­giö­se und Nicht­re­li­giö­se, Hetero‑, Homo- und Trans­se­xu­el­le gleich­be­rech­tigt sind, auch wenn Sie in Ihrer emo­tio­na­len und kogni­ti­ven Ent­wick­lung womög­lich so sehr geschä­digt wur­den, dass Sie die­sen ein­fa­chen ethi­schen Gleich­heits­grund­satz nicht nach­voll­zie­hen kön­nen! Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem sie Ihre eige­nen Sexu­al­neu­ro­sen pfle­gen dür­fen, solan­ge Sie damit nie­man­den schä­di­gen, in dem Ihre Kin­der aber recht­zei­tig auf­ge­klärt wer­den, damit sie die Chan­ce haben, ein frei­es, selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren!

Kurz­be­wer­tung

Die Streit­schrift lie­fert der Islam­de­bat­te ein Hand­werks­zeug: auf­schluss­rei­che Begriffs­ar­beit (Ras­sis­mus, Anti­mus­li­mis­mus, Poli­ti­scher Islam, offe­ne Gesell­schaft), die Drei­tei­lung in Akzep­ta­bles, bloß Tole­rier­ba­res und Nicht-Tole­rier­ba­res sowie eine Kri­tik, die alle poli­ti­schen Lager mit den­sel­ben Ratio­na­li­täts­maß­stä­ben misst. Das his­to­ri­sche Kapi­tel zum isla­mi­schen Faschis­mus ist quel­len­ge­sät­tigt und macht die Kon­ti­nui­täts­li­nie von al-Huss­ei­ni über al-Ban­na zu Kho­mei­ni kon­kret nach­voll­zieh­bar.

Hin­ge­gen bleibt die »zivi­li­sier­te Ver­ach­tung« als Stra­te­gie unter­be­stimmt: Wo sie endet und wo blo­ße Pro­vo­ka­ti­on beginnt, scheint im Zwei­fel der Geschmack zu ent­schei­den. Die Gleich­set­zung der Bedro­hungs­la­gen von Isla­mis­mus und christ­li­chem Fun­da­men­ta­lis­mus wirkt in ihrer Sym­me­trie gele­gent­lich for­ciert, auch wenn der Autor die Unter­schie­de benennt. Als Klä­rung der Grund­be­grif­fe, als Plä­doy­er für eine ratio­na­le Streit­kul­tur und als Kom­pass für den Umgang mit dem Poli­ti­schen Islam hat »Die Gren­zen der Tole­ranz« jedoch auch zehn Jah­re nach Erschei­nen wenig an Rele­vanz ver­lo­ren. Die Kern­bot­schaft trägt: Ver­tei­digt wird die offe­ne Gesell­schaft durch kla­re Hal­tung gegen­über ihren Fein­den und durch ent­schlos­se­ne Soli­da­ri­tät mit deren ers­ten Opfern, den libe­ra­len und säku­la­ren Mus­li­men.


Micha­el Schmidt-Salo­mon: »Die Gren­zen der Tole­ranz – War­um wir die offe­ne Gesell­schaft ver­tei­di­gen müs­sen«. Mün­chen (Piper), 2016, ISBN 978–3‑492–31031‑4.