Sebas­ti­an Schnel­les »Gemein­sam gegen die moder­ne Welt«: Der Isla­mis­mus als reak­tio­nä­re Absa­ge an Demo­kra­tie und Gleich­be­rech­ti­gung

Von der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 bis zu den Propagandamagazinen von IS und Al-Qaida legt der Philosoph und »Vorpolitisch«-Podcaster Sebastian Schnelle die Konstanten einer Ideologie frei: Dekadenzerzählung, Frauenverachtung, Sehnsucht nach einem Goldenen Zeitalter.

Schnel­le ver­steht sein im Ali­bri Ver­lag erschie­ne­nes Buch als Ver­tei­di­gung der »offe­nen Gesell­schaft« im Sin­ne Karl Pop­pers und beschreibt Isla­mis­mus und Rechts­extre­mis­mus als ein­an­der ähn­li­che reak­tio­nä­re Ant­wor­ten auf die Moder­ne, ver­bun­den durch Tra­di­ti­ons­kult und Demo­kra­tie­feind­schaft. Das Buch­co­ver zeigt das ara­bi­sche Wort ad-daw­la (»Staat«) und einen Teil des Sie­gels der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Isla­mi­scher Staat – mit einem mög­li­cher­wei­se ange­deu­te­ten Haken­kreuz. Drei The­sen tra­gen das Buch: Die Ableh­nung der Moder­ne wur­ze­le im Fest­hal­ten an ewi­gen Wahr­hei­ten, wei­se Kon­ti­nui­tä­ten zu reli­giö­sen und eso­te­ri­schen Quel­len auf und gehe stets mit der Unter­ord­nung der Frau ein­her. Bestimm­ten Akteu­ren der Lin­ken und Libe­ra­len, die des­sen ultrare­ak­tio­nä­ren Cha­rak­ter ver­ken­nen, hält Schnel­le Judith But­lers Lob für Hamas und His­bol­lah als pro­gres­si­ve Bewe­gun­gen und Hei­di Rei­chin­n­eks For­de­rung einer »pro­gram­ma­ti­schen Ein­be­zie­hung« von Isla­mis­ten ent­ge­gen: Wer kei­ne Zusam­men­ar­beit mit Faschis­ten wol­le, müs­se auch jede mit Isla­mis­ten ableh­nen.

Die Par­al­le­li­tät bei­der Lager ent­wi­ckelt Schnel­le an einer Schlüs­sel­fi­gur: dem rus­si­schen Phi­lo­so­phen und Poli­ti­ker Alex­an­der Dugin. Dugin erklärt die west­li­che Moder­ne zum »Sym­bol des abso­lut Bösen« und die offe­ne Gesell­schaft zum Haupt­feind; im poli­ti­schen Islam sieht er ein »Boll­werk« gegen die Glo­ba­li­sie­rung und einen Part­ner sei­nes anti­mo­der­nen Pro­jekts. An ihm liest Schnel­le ab, woge­gen sich Isla­mis­ten und Rechts­extre­mis­ten glei­cher­ma­ßen rich­ten: Libe­ra­lis­mus, Par­la­men­ta­ris­mus, Men­schen­rech­te, Gleich­be­rech­ti­gung.

Von al-Ban­na bis al-Suri: Kon­ti­nui­tät einer Ideo­lo­gie

Die Ent­ste­hung des Isla­mis­mus ver­or­tet das Buch in der Kri­se nach dem Zer­fall des Osma­ni­schen Rei­ches und der Abschaf­fung des Kali­fats 1924, mit dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Fethi Bens­lama gedeu­tet als kol­lek­ti­ves »Trau­ma«, das die Ideo­lo­gie mit der Fan­ta­sie reli­gi­ös erneu­er­ter All­macht beant­wor­tet. Hasan al-Ban­nā grün­de­te 1928 die Mus­lim­bru­der­schaft, um Ägyp­ten von »west­li­cher Deka­denz«, der »Wel­le des Athe­is­mus und der Aus­schwei­fung«, zu befrei­en; bezeich­nen­der­wei­se arbei­te­te er sich dabei an der Theo­so­phi­schen Gesell­schaft in Kai­ro ab, im sel­ben Ton wie der dort leben­de Eso­te­ri­ker René Gué­non, Stich­wort­ge­ber der euro­päi­schen Tra­di­tio­na­lis­ten. Al-Ban­nās Pro­gramm: Ein­heit von Reli­gi­on und Poli­tik, Beschrän­kung der Frau auf Ehe und Mut­ter­schaft samt Ver­schleie­rungs­pflicht, ein theo­kra­ti­sches Regie­rungs­sys­tem als Gegen­mo­dell zum angeb­lich »in Rui­nen« lie­gen­den Wes­ten, dazu Mär­ty­rer­kult und 1946 eine Lob­re­de auf den Hit­ler-Kol­la­bo­ra­teur und Groß­muf­ti al-Huss­ei­ni.

Sayy­id Qutb, der den Wes­ten nach sei­nem USA-Auf­ent­halt um 1950 als deka­dent kari­kier­te, ergänz­te das Kon­zept der Dscha­hi­li­y­ya: Heu­ti­ge Gesell­schaf­ten sei­en in vor­is­la­mi­sche »Unwis­sen­heit« zurück­ge­fal­len und durch den Dschi­had zu befrei­en. Zugleich ver­tei­dig­te er scha­ria­recht­li­che Rege­lun­gen, nach denen Frau­en nur der hal­be Erb­teil und die hal­be Zeug­nis­kraft vor Gericht zukommt. Mit Faradschs Pam­phlet »Die ver­nach­läs­sig­te Pflicht« (1981) rich­te­te sich der bewaff­ne­te Kampf auch gegen die eige­nen, als unis­la­misch gel­ten­den Herr­scher. Schnel­les Zwi­schen­fa­zit: Isla­mi­sche und euro­päi­sche Anti­mo­der­nis­ten tei­len Deka­denz­er­zäh­lung und Gol­de­nes Zeit­al­ter; der Islam­wis­sen­schaft­ler Wil­fred Cant­well Smith nann­te die Bru­der­schaft schon früh einen »neu­ro­ti­schen Faschis­mus«.

Für die Gegen­wart kon­sta­tiert Schnel­le einen unver­än­der­ten ideo­lo­gi­schen Kern. Die Frau­en­ver­ach­tung belegt er dras­tisch, etwa mit dem Imam al-Hou­e­ni, für den der Kopf der Frau »die Vul­va ihrer Vagi­na« sei, oder mit Hani Rama­dan: »Eine Frau ohne Schlei­er ist wie eine Zwei-Euro-Mün­ze.« Per­so­nel­le Kon­ti­nui­tä­ten rei­chen über das von al-Ban­nas Schwie­ger­sohn Said Rama­dan gegrün­de­te Isla­mi­sche Zen­trum Genf bis in die euro­päi­schen Struk­tu­ren der Mus­lim­bru­der­schaft.

Im End­ziel eines isla­mi­schen Staa­tes einig, unter­schei­den sich die Strö­mun­gen im Weg dort­hin. Die Bru­der­schaft setzt auf lega­lis­ti­sche Unter­wan­de­rung und bezeich­net die Demo­kra­tie intern als nutz­ba­res »Sys­tem der Kuf­far«. Al-Qai­da und IS wähl­ten die Mili­tanz, deren inne­re Logik Schnel­le aus den Ori­gi­nal­quel­len ent­schlüs­selt: Der Stra­te­ge Abu Mus’ab al-Suri ent­wi­ckel­te den »Füh­rer­lo­sen Dschi­had« unver­bun­de­ner Ein­zel­tä­ter (»Sys­tem, nicht Orga­ni­sa­ti­on«) und emp­fahl schon 2004/2005 Mes­ser­at­ten­ta­te sowie Angrif­fe auf Zivi­lis­ten und Medi­en­ver­tre­ter, eine Blau­pau­se für den Anschlag auf Char­lie Heb­do. Der Dabiq-Arti­kel »The Extinc­tion of the Gray­zo­ne« (2015) erklärt Anschlä­ge im Wes­ten zum Mit­tel, gemä­ßig­te Posi­tio­nen zu ver­nich­ten, bis nur »zwei Lager ohne etwas dazwi­schen« blei­ben; das Inspi­re-Maga­zin lie­fer­te 2016 mit »O Kni­fe Revo­lu­ti­on« die tak­ti­sche Anlei­tung. Der »Mes­ser-Dschi­had« ist dem­nach eine von den Dschi­ha­dis­ten selbst aus­ge­ru­fe­ne Stra­te­gie, die sozia­le Medi­en als Radi­ka­li­sie­rungs­mo­tor nutzt.

Was bei Dugin pro­gram­ma­tisch ange­legt ist, fin­det Schnel­le auch bei deut­schen Akteu­ren wie­der. Der AfD-Poli­ti­ker Björn Höcke erklär­te: »Der Islam ist nicht mein Feind, unser größ­ter Feind ist die Deka­denz.« Der neu­rech­te Publi­zist Fre­de­ric Höfer schlug eine »tra­di­tio­na­le Öku­me­ne« mit tra­di­ti­ons­ori­en­tier­ten Mus­li­men vor, und der AfD-Poli­ti­ker Maxi­mi­li­an Krah wirbt für »poli­ti­sche Part­ner­schaf­ten mit Ein­wan­de­rer­grup­pen gegen die Regen­bo­gen-Agen­da«, wobei ihm bestimm­te Mus­li­me vor­schwe­ben. Für Schnel­le bestä­tigt das sei­ne The­se, dass der Poli­ti­sche Islam ein radi­kal rech­tes Pro­jekt dar­stellt. Das Nach­wort begrüßt ent­spre­chend die Wen­de von geschei­ter­ten Dia­log­for­ma­ten hin zu Orga­ni­sa­ti­ons­ver­bo­ten wie dem des Isla­mi­schen Zen­trums Ham­burg (IZH).

Kurz­be­wer­tung

Die Stär­ke des Buches ist die Bün­de­lung ver­streu­ter For­schung zu einer gut les­ba­ren, quel­len­ge­sät­tig­ten Ideo­lo­gie­ge­schich­te, die Isla­mis­mus und Rechts­extre­mis­mus als par­al­le­le Reak­tio­nen auf die Moder­ne les­bar macht. Schnel­le ver­or­tet den Isla­mis­mus damit klar im ultrare­ak­tio­nä­ren Lager und erteilt lin­ker wie libe­ra­ler Ver­harm­lo­sung mehr­fa­che Absa­gen. Er lie­fert eine kom­pak­te Ein­füh­rung in einem sich als links ver­ste­hen­den Ver­lag, beson­ders geeig­net für jene, die den Isla­mis­mus noch für ein Rand­phä­no­men oder für einen mög­li­chen Bünd­nis­part­ner eman­zi­pa­to­ri­scher Poli­tik hal­ten.


Sebas­ti­an Schnel­le: »Gemein­sam gegen die moder­ne Welt – Wie Rechts­ra­di­ka­lis­mus und reli­giö­ser Fun­da­men­ta­lis­mus die offe­ne Gesell­schaft bedro­hen«. Aschaf­fen­burg (Ali­bri), 2026, 129 Sei­ten, ISBN 978–3‑86569–432‑4