Schnelle versteht sein im Alibri Verlag erschienenes Buch als Verteidigung der »offenen Gesellschaft« im Sinne Karl Poppers und beschreibt Islamismus und Rechtsextremismus als einander ähnliche reaktionäre Antworten auf die Moderne, verbunden durch Traditionskult und Demokratiefeindschaft. Das Buchcover zeigt das arabische Wort ad-dawla (»Staat«) und einen Teil des Siegels der Terrororganisation Islamischer Staat – mit einem möglicherweise angedeuteten Hakenkreuz. Drei Thesen tragen das Buch: Die Ablehnung der Moderne wurzele im Festhalten an ewigen Wahrheiten, weise Kontinuitäten zu religiösen und esoterischen Quellen auf und gehe stets mit der Unterordnung der Frau einher. Bestimmten Akteuren der Linken und Liberalen, die dessen ultrareaktionären Charakter verkennen, hält Schnelle Judith Butlers Lob für Hamas und Hisbollah als progressive Bewegungen und Heidi Reichinneks Forderung einer »programmatischen Einbeziehung« von Islamisten entgegen: Wer keine Zusammenarbeit mit Faschisten wolle, müsse auch jede mit Islamisten ablehnen.
Die Parallelität beider Lager entwickelt Schnelle an einer Schlüsselfigur: dem russischen Philosophen und Politiker Alexander Dugin. Dugin erklärt die westliche Moderne zum »Symbol des absolut Bösen« und die offene Gesellschaft zum Hauptfeind; im politischen Islam sieht er ein »Bollwerk« gegen die Globalisierung und einen Partner seines antimodernen Projekts. An ihm liest Schnelle ab, wogegen sich Islamisten und Rechtsextremisten gleichermaßen richten: Liberalismus, Parlamentarismus, Menschenrechte, Gleichberechtigung.
Von al-Banna bis al-Suri: Kontinuität einer Ideologie
Die Entstehung des Islamismus verortet das Buch in der Krise nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Abschaffung des Kalifats 1924, mit dem Psychoanalytiker Fethi Benslama gedeutet als kollektives »Trauma«, das die Ideologie mit der Fantasie religiös erneuerter Allmacht beantwortet. Hasan al-Bannā gründete 1928 die Muslimbruderschaft, um Ägypten von »westlicher Dekadenz«, der »Welle des Atheismus und der Ausschweifung«, zu befreien; bezeichnenderweise arbeitete er sich dabei an der Theosophischen Gesellschaft in Kairo ab, im selben Ton wie der dort lebende Esoteriker René Guénon, Stichwortgeber der europäischen Traditionalisten. Al-Bannās Programm: Einheit von Religion und Politik, Beschränkung der Frau auf Ehe und Mutterschaft samt Verschleierungspflicht, ein theokratisches Regierungssystem als Gegenmodell zum angeblich »in Ruinen« liegenden Westen, dazu Märtyrerkult und 1946 eine Lobrede auf den Hitler-Kollaborateur und Großmufti al-Husseini.
Sayyid Qutb, der den Westen nach seinem USA-Aufenthalt um 1950 als dekadent karikierte, ergänzte das Konzept der Dschahiliyya: Heutige Gesellschaften seien in vorislamische »Unwissenheit« zurückgefallen und durch den Dschihad zu befreien. Zugleich verteidigte er schariarechtliche Regelungen, nach denen Frauen nur der halbe Erbteil und die halbe Zeugniskraft vor Gericht zukommt. Mit Faradschs Pamphlet »Die vernachlässigte Pflicht« (1981) richtete sich der bewaffnete Kampf auch gegen die eigenen, als unislamisch geltenden Herrscher. Schnelles Zwischenfazit: Islamische und europäische Antimodernisten teilen Dekadenzerzählung und Goldenes Zeitalter; der Islamwissenschaftler Wilfred Cantwell Smith nannte die Bruderschaft schon früh einen »neurotischen Faschismus«.
Für die Gegenwart konstatiert Schnelle einen unveränderten ideologischen Kern. Die Frauenverachtung belegt er drastisch, etwa mit dem Imam al-Houeni, für den der Kopf der Frau »die Vulva ihrer Vagina« sei, oder mit Hani Ramadan: »Eine Frau ohne Schleier ist wie eine Zwei-Euro-Münze.« Personelle Kontinuitäten reichen über das von al-Bannas Schwiegersohn Said Ramadan gegründete Islamische Zentrum Genf bis in die europäischen Strukturen der Muslimbruderschaft.
Im Endziel eines islamischen Staates einig, unterscheiden sich die Strömungen im Weg dorthin. Die Bruderschaft setzt auf legalistische Unterwanderung und bezeichnet die Demokratie intern als nutzbares »System der Kuffar«. Al-Qaida und IS wählten die Militanz, deren innere Logik Schnelle aus den Originalquellen entschlüsselt: Der Stratege Abu Mus’ab al-Suri entwickelte den »Führerlosen Dschihad« unverbundener Einzeltäter (»System, nicht Organisation«) und empfahl schon 2004/2005 Messerattentate sowie Angriffe auf Zivilisten und Medienvertreter, eine Blaupause für den Anschlag auf Charlie Hebdo. Der Dabiq-Artikel »The Extinction of the Grayzone« (2015) erklärt Anschläge im Westen zum Mittel, gemäßigte Positionen zu vernichten, bis nur »zwei Lager ohne etwas dazwischen« bleiben; das Inspire-Magazin lieferte 2016 mit »O Knife Revolution« die taktische Anleitung. Der »Messer-Dschihad« ist demnach eine von den Dschihadisten selbst ausgerufene Strategie, die soziale Medien als Radikalisierungsmotor nutzt.
Was bei Dugin programmatisch angelegt ist, findet Schnelle auch bei deutschen Akteuren wieder. Der AfD-Politiker Björn Höcke erklärte: »Der Islam ist nicht mein Feind, unser größter Feind ist die Dekadenz.« Der neurechte Publizist Frederic Höfer schlug eine »traditionale Ökumene« mit traditionsorientierten Muslimen vor, und der AfD-Politiker Maximilian Krah wirbt für »politische Partnerschaften mit Einwanderergruppen gegen die Regenbogen-Agenda«, wobei ihm bestimmte Muslime vorschweben. Für Schnelle bestätigt das seine These, dass der Politische Islam ein radikal rechtes Projekt darstellt. Das Nachwort begrüßt entsprechend die Wende von gescheiterten Dialogformaten hin zu Organisationsverboten wie dem des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH).
Kurzbewertung
Die Stärke des Buches ist die Bündelung verstreuter Forschung zu einer gut lesbaren, quellengesättigten Ideologiegeschichte, die Islamismus und Rechtsextremismus als parallele Reaktionen auf die Moderne lesbar macht. Schnelle verortet den Islamismus damit klar im ultrareaktionären Lager und erteilt linker wie liberaler Verharmlosung mehrfache Absagen. Er liefert eine kompakte Einführung in einem sich als links verstehenden Verlag, besonders geeignet für jene, die den Islamismus noch für ein Randphänomen oder für einen möglichen Bündnispartner emanzipatorischer Politik halten.

Sebastian Schnelle: »Gemeinsam gegen die moderne Welt – Wie Rechtsradikalismus und religiöser Fundamentalismus die offene Gesellschaft bedrohen«. Aschaffenburg (Alibri), 2026, 129 Seiten, ISBN 978–3‑86569–432‑4