SPD-Staats­mi­nis­ter a. D. Micha­el Roth for­dert im IPG-Jour­nal eine lin­ke Debat­te über den isla­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus

Michael Roth (SPD), Staatsminister im Auswärtigen Amt von 2013 bis 2021 und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages von 2021 bis 2025, benennt sechs Gründe für das Schweigen des eigenen Lagers, kritisiert den Begriff des antimuslimischen Rassismus und warnt die Sozialdemokratie vor einem Vertrauensverlust bis tief in die eigene Wählerschaft.

Unter dem Titel »Der blin­de Fleck der Pro­gres­si­ven« erschien am 30. Juli 2026 im Debat­ten­por­tal IPG der Fried­rich-Ebert-Stif­tung ein Text, in dem Roth der poli­ti­schen Lin­ken vor­wirft, die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem isla­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus zu mei­den, zu ver­harm­lo­sen oder allen­falls defen­siv zu füh­ren.

Den Anschlag auf den Chris­to­pher Street Day stellt Roth in eine Rei­he mit den Atten­ta­ten von Paris, Wien, Dres­den, Mann­heim und Solin­gen. Wäh­rend die gesell­schaft­li­chen Kon­flik­te um Moschee­ver­ei­ne, deren aus­län­di­sche Finan­ziers und die Gel­tung des Grund­ge­set­zes in geschlos­se­nen Milieus zunäh­men, hal­te sich aus­ge­rech­net die Lin­ke aus der Debat­te her­aus. Roths zen­tra­le War­nung: Die Aus­ein­an­der­set­zung fin­de ohne­hin statt. Wer sie ande­ren über­las­se, über­las­se Natio­na­lis­ten und Popu­lis­ten die Deu­tungs­ho­heit samt Voka­bu­lar.

Sechs Grün­de für die Zurück­hal­tung

Inter­es­sant ist der Text vor allem des­halb, weil Roth die Ursa­chen der lin­ken Sprach­lo­sig­keit in Über­zeu­gun­gen sucht, die er als Sozi­al­de­mo­krat aus­drück­lich teilt. Sechs Moti­ve arbei­tet er her­aus.

Ers­tens defi­nie­re sich das pro­gres­si­ve Ver­ständ­nis von Zuge­hö­rig­keit über gemein­sa­me Wer­te; Eth­nie und Reli­gi­on trä­ten dahin­ter zurück. Wer über isla­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus spre­che, tref­fe des­halb unwei­ger­lich auch die Mil­lio­nen Mus­li­min­nen und Mus­li­me, die damit nichts zu tun haben und ohne­hin Skep­sis bis hin zu offe­ner Ableh­nung erle­ben. Die­se Sor­ge hält Roth für berech­tigt. Sie dür­fe aber nicht zum Ver­schwei­gen rea­ler Miss­stän­de füh­ren.

Zwei­tens wirkt die Erfah­rung der gro­ßen Flucht­be­we­gun­gen nach. Aus huma­ni­tä­rer Ver­pflich­tung habe man seit 2014 und 2015 Mil­lio­nen von Men­schen auf­ge­nom­men, ohne nach ihrem Glau­ben zu fra­gen. Dar­aus sei eine still­schwei­gen­de Über­ein­kunft gewor­den, über reli­gi­ös begrün­de­te Kon­flik­te lie­ber gar nicht erst zu spre­chen. Ver­ges­sen wür­den dabei aus­ge­rech­net jene, die selbst vor den Tali­ban, dem soge­nann­ten Isla­mi­schen Staat oder dem Regime in Tehe­ran geflo­hen sind. Wer aus Angst vor Pau­scha­li­sie­rung schwei­ge, über­hö­re gera­de sie.

Als drit­ten Grund dia­gnos­ti­ziert Roth einen wach­sen­den reli­giö­sen Analpha­be­tis­mus. Eine weit­ge­hend säku­la­re Gesell­schaft tref­fe auf Men­schen, für die Reli­gi­on der zen­tra­le Ori­en­tie­rungs­punkt ihres Lebens ist; für eine respekt­vol­le und zugleich kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung feh­le häu­fig schon das Voka­bu­lar. Der fran­zö­si­sche Lai­zis­mus die­ne als War­nung: Wo Reli­gi­on aus dem öffent­li­chen Raum ver­drängt wer­de, ent­ste­he ein Vaku­um, das isla­mis­ti­sche Ideo­lo­gen zur Radi­ka­li­sie­rung jun­ger Men­schen nutz­ten.

Hin­zu kommt ein Deu­tungs­mus­ter, das aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nach Euro­pa geschwappt sei: die Ein­tei­lung der Welt in pri­vi­le­gier­te Unter­drü­cker und dis­kri­mi­nier­te Unter­drück­te. In des­sen ver­kürz­ter Les­art erschei­ne das Chris­ten­tum als Unter­drü­cker­re­li­gi­on und der Islam pau­schal als Reli­gi­on der Unter­drück­ten. His­to­risch hält Roth das für unhalt­bar; es habe isla­mi­schen Kolo­nia­lis­mus gege­ben, und bis heu­te gebe es isla­misch legi­ti­mier­te Unter­drü­ckung in Tei­len Afri­kas und Asi­ens. Ihre per­fi­des­te Aus­prä­gung fin­de die­se Geschichts­klit­te­rung im israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus, der Jüdin­nen und Juden zu wei­ßen Kolo­ni­sa­to­ren erklä­re.

Unter­schätzt habe die Lin­ke zudem, wo die eigent­li­che Gefahr des Fun­da­men­ta­lis­mus liegt:

»Wir haben zudem unter­schätzt, wo die eigent­li­che Gefahr des isla­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus liegt. Sie geht weni­ger von Ter­ror­an­schlä­gen aus als von sys­te­ma­ti­scher Unter­wan­de­rung. Ver­ei­ne, Ver­bän­de und Orga­ni­sa­tio­nen – bis hin­ein in poli­ti­sche Par­tei­en – wur­den über Jah­re hin­weg durch­drun­gen und für fun­da­men­ta­lis­ti­sche Zie­le genutzt. Wo das gelingt, wird vie­les, was mit pro­gres­si­ver Poli­tik unver­ein­bar ist, bei­sei­te­ge­scho­ben, weil sich Tei­le der poli­ti­schen Lin­ken als Ver­bün­de­te einer ver­meint­lich unter­drück­ten mus­li­mi­schen Gemein­schaft ver­ste­hen.«

Und schließ­lich spie­le die Wahl­arith­me­tik eine Rol­le. Abge­ord­ne­te von SPD, Grü­nen und Lin­ken ver­trä­ten Wahl­krei­se mit vie­len mus­li­mi­schen Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern, deren Stim­men nie­mand leicht­fer­tig aufs Spiel set­zen wol­le. Das fin­det Roth nach­voll­zieh­bar. Pro­ble­ma­tisch wer­de es dort, wo wahl­tak­ti­sche Rück­sicht­nah­me in poli­ti­sches Schwei­gen umschla­ge.

Kri­tik am Begriff des »anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus«

Deut­lich posi­tio­niert sich Roth auch begriffs­po­li­tisch. Den Ter­mi­nus des anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus sieht er kri­tisch, weil er den Ras­sis­mus­be­griff bis zur Trenn­schär­fel­o­sig­keit deh­ne. Die­se Kri­tik wer­de nach sei­ner Beob­ach­tung auch von vie­len libe­ra­len Mus­li­min­nen und Mus­li­men geteilt. Reli­gi­ons­kri­tik gehö­re zur Geschich­te der Lin­ken, von der Empö­rung über kirch­li­che Posi­tio­nen zur Homo­se­xua­li­tät in den acht­zi­ger Jah­ren bis zur Auf­ar­bei­tung der Ver­stri­ckun­gen der evan­ge­li­schen Kir­che in den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Nie­mand sei damals auf die Idee gekom­men, von anti­christ­li­chem Ras­sis­mus zu spre­chen. Wer den Ras­sis­mus­vor­wurf nut­ze, um kri­ti­sche Fra­gen im Keim zu ersti­cken, beschä­di­ge Reli­gi­ons­frei­heit und Reli­gi­ons­kri­tik glei­cher­ma­ßen.

Für die Sozi­al­de­mo­kra­tie hält Roth das Schwei­gen für brand­ge­fähr­lich. Wenn Bür­ge­rin­nen und Bür­ger den Ein­druck gewön­nen, ihre rea­len Sor­gen wür­den nicht mehr wahr­ge­nom­men, ver­lö­ren pro­gres­si­ve Par­tei­en ihr Ver­trau­en. Das gel­te bis hin zu quee­ren Men­schen, die sich inzwi­schen kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en oder der AfD zuwen­de­ten, weil sie sich von der Lin­ken nicht mehr ver­tre­ten fühl­ten. Roths Schluss­fol­ge­rung knüpft an das eman­zi­pa­to­ri­sche Selbst­ver­ständ­nis der Lin­ken an: Wer Gleich­stel­lung und die Über­win­dung des Patri­ar­chats zu Recht vom ›alten wei­ßen Mann‹ ein­for­de­re, müs­se dies auch von ein­ge­wan­der­ten Mus­li­men tun. Das sei weder rechts noch islam­feind­lich. Sein Fazit greift Ador­nos berühm­te For­mel auf: Die Sozi­al­de­mo­kra­tie müs­se »einer Gesell­schaft ver­pflich­tet blei­ben, in der alle Men­schen ohne Angst ver­schie­den sein kön­nen«:

»Gera­de des­halb darf sie die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem isla­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus nicht ande­ren über­las­sen.«