Unter dem Titel »Der blinde Fleck der Progressiven« erschien am 30. Juli 2026 im Debattenportal IPG der Friedrich-Ebert-Stiftung ein Text, in dem Roth der politischen Linken vorwirft, die Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus zu meiden, zu verharmlosen oder allenfalls defensiv zu führen.
Den Anschlag auf den Christopher Street Day stellt Roth in eine Reihe mit den Attentaten von Paris, Wien, Dresden, Mannheim und Solingen. Während die gesellschaftlichen Konflikte um Moscheevereine, deren ausländische Finanziers und die Geltung des Grundgesetzes in geschlossenen Milieus zunähmen, halte sich ausgerechnet die Linke aus der Debatte heraus. Roths zentrale Warnung: Die Auseinandersetzung finde ohnehin statt. Wer sie anderen überlasse, überlasse Nationalisten und Populisten die Deutungshoheit samt Vokabular.
Sechs Gründe für die Zurückhaltung
Interessant ist der Text vor allem deshalb, weil Roth die Ursachen der linken Sprachlosigkeit in Überzeugungen sucht, die er als Sozialdemokrat ausdrücklich teilt. Sechs Motive arbeitet er heraus.
Erstens definiere sich das progressive Verständnis von Zugehörigkeit über gemeinsame Werte; Ethnie und Religion träten dahinter zurück. Wer über islamischen Fundamentalismus spreche, treffe deshalb unweigerlich auch die Millionen Musliminnen und Muslime, die damit nichts zu tun haben und ohnehin Skepsis bis hin zu offener Ablehnung erleben. Diese Sorge hält Roth für berechtigt. Sie dürfe aber nicht zum Verschweigen realer Missstände führen.
Zweitens wirkt die Erfahrung der großen Fluchtbewegungen nach. Aus humanitärer Verpflichtung habe man seit 2014 und 2015 Millionen von Menschen aufgenommen, ohne nach ihrem Glauben zu fragen. Daraus sei eine stillschweigende Übereinkunft geworden, über religiös begründete Konflikte lieber gar nicht erst zu sprechen. Vergessen würden dabei ausgerechnet jene, die selbst vor den Taliban, dem sogenannten Islamischen Staat oder dem Regime in Teheran geflohen sind. Wer aus Angst vor Pauschalisierung schweige, überhöre gerade sie.
Als dritten Grund diagnostiziert Roth einen wachsenden religiösen Analphabetismus. Eine weitgehend säkulare Gesellschaft treffe auf Menschen, für die Religion der zentrale Orientierungspunkt ihres Lebens ist; für eine respektvolle und zugleich kritische Auseinandersetzung fehle häufig schon das Vokabular. Der französische Laizismus diene als Warnung: Wo Religion aus dem öffentlichen Raum verdrängt werde, entstehe ein Vakuum, das islamistische Ideologen zur Radikalisierung junger Menschen nutzten.
Hinzu kommt ein Deutungsmuster, das aus den Vereinigten Staaten nach Europa geschwappt sei: die Einteilung der Welt in privilegierte Unterdrücker und diskriminierte Unterdrückte. In dessen verkürzter Lesart erscheine das Christentum als Unterdrückerreligion und der Islam pauschal als Religion der Unterdrückten. Historisch hält Roth das für unhaltbar; es habe islamischen Kolonialismus gegeben, und bis heute gebe es islamisch legitimierte Unterdrückung in Teilen Afrikas und Asiens. Ihre perfideste Ausprägung finde diese Geschichtsklitterung im israelbezogenen Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden zu weißen Kolonisatoren erkläre.
Unterschätzt habe die Linke zudem, wo die eigentliche Gefahr des Fundamentalismus liegt:
»Wir haben zudem unterschätzt, wo die eigentliche Gefahr des islamischen Fundamentalismus liegt. Sie geht weniger von Terroranschlägen aus als von systematischer Unterwanderung. Vereine, Verbände und Organisationen – bis hinein in politische Parteien – wurden über Jahre hinweg durchdrungen und für fundamentalistische Ziele genutzt. Wo das gelingt, wird vieles, was mit progressiver Politik unvereinbar ist, beiseitegeschoben, weil sich Teile der politischen Linken als Verbündete einer vermeintlich unterdrückten muslimischen Gemeinschaft verstehen.«
Und schließlich spiele die Wahlarithmetik eine Rolle. Abgeordnete von SPD, Grünen und Linken verträten Wahlkreise mit vielen muslimischen Wählerinnen und Wählern, deren Stimmen niemand leichtfertig aufs Spiel setzen wolle. Das findet Roth nachvollziehbar. Problematisch werde es dort, wo wahltaktische Rücksichtnahme in politisches Schweigen umschlage.
Kritik am Begriff des »antimuslimischen Rassismus«
Deutlich positioniert sich Roth auch begriffspolitisch. Den Terminus des antimuslimischen Rassismus sieht er kritisch, weil er den Rassismusbegriff bis zur Trennschärfelosigkeit dehne. Diese Kritik werde nach seiner Beobachtung auch von vielen liberalen Musliminnen und Muslimen geteilt. Religionskritik gehöre zur Geschichte der Linken, von der Empörung über kirchliche Positionen zur Homosexualität in den achtziger Jahren bis zur Aufarbeitung der Verstrickungen der evangelischen Kirche in den Nationalsozialismus. Niemand sei damals auf die Idee gekommen, von antichristlichem Rassismus zu sprechen. Wer den Rassismusvorwurf nutze, um kritische Fragen im Keim zu ersticken, beschädige Religionsfreiheit und Religionskritik gleichermaßen.
Für die Sozialdemokratie hält Roth das Schweigen für brandgefährlich. Wenn Bürgerinnen und Bürger den Eindruck gewönnen, ihre realen Sorgen würden nicht mehr wahrgenommen, verlören progressive Parteien ihr Vertrauen. Das gelte bis hin zu queeren Menschen, die sich inzwischen konservativen Parteien oder der AfD zuwendeten, weil sie sich von der Linken nicht mehr vertreten fühlten. Roths Schlussfolgerung knüpft an das emanzipatorische Selbstverständnis der Linken an: Wer Gleichstellung und die Überwindung des Patriarchats zu Recht vom ›alten weißen Mann‹ einfordere, müsse dies auch von eingewanderten Muslimen tun. Das sei weder rechts noch islamfeindlich. Sein Fazit greift Adornos berühmte Formel auf: Die Sozialdemokratie müsse »einer Gesellschaft verpflichtet bleiben, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein können«:
»Gerade deshalb darf sie die Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus nicht anderen überlassen.«
Der islamische Fundamentalismus greift alles an, wofür Progressive je gekämpft haben:Gleichberechtigung der Geschlechter, Freiheit, Rechte von Minderheiten. Trotzdem lassen wir die Debatte darüber rechts liegen.
— Michael Roth 🇪🇺🇺🇦🇮🇱🇬🇪 (@MiRo_SPD) July 30, 2026
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