»Huma­ni­tä­re Fas­sa­de, isla­mis­ti­scher Unter­bau«: Güner Bal­cı in der Süd­deut­schen Zei­tung über das staat­li­che Weg­se­hen im Fall Isla­mic Reli­ef

In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung am 3. Juni 2026 nimmt Güner Balcı den Fall Islamic Relief Deutschland zum Anlass, eine grundsätzliche Frage zu stellen: Wie konnte der deutsche Staat über Jahre rund 15 Millionen Euro Steuergeld an eine Organisation mit Nähe zur Hamas und Verbindungen zur Muslimbruderschaft zahlen – und tut bis heute so, als sei damit alles erledigt? Balcıs Befund ist scharf: Nicht die offene Gesellschaft sei das Problem, sondern ein Staat, der sich weigert, sie zu schützen.

Güner Bal­cı ist Jour­na­lis­tin, Fil­me­ma­che­rin, seit 2020 Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­te des Ber­li­ner Bezirks Neu­kölln, seit 2025 Mit­glied des vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um beru­fe­nen Bera­ter­krei­ses Isla­mis­mus­prä­ven­ti­on und Isla­mis­mus­be­kämp­fung und Autorin des Buches »Hei­mat­land – Zäh­ne zei­gen gegen die Fein­de der Demo­kra­tie«. Sie eröff­net ihren Text in der Süd­deut­schen Zei­tung unter der Über­schrift »Und alle schau­en weg« mit dem mus­lim­bru­der­na­hen Funk­tio­när Ibra­him El-Zayat, der jun­ge Mus­li­me einst auf­rief, Deutsch­land nach isla­mis­ti­schem Mus­ter in ein ver­meint­li­ches Para­dies auf Erden zu ver­wan­deln. In den Akten der Par­la­men­te und Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den, so Bal­cı, ste­he die­ser Satz nicht für eine Inte­gra­ti­ons­flos­kel, son­dern für ein Pro­gramm: nicht die Betei­li­gung an der bestehen­den Demo­kra­tie, son­dern deren Umbau hin zu einer reli­gi­ös begrün­de­ten Ord­nung.

Eine huma­ni­tä­re Fas­sa­de – und eine ande­re Akten­la­ge

Offi­zi­ell sei Isla­mic Reli­ef Deutsch­land (IRD) ein Hilfs­werk: Pro­jek­te in Syri­en, Gaza und Soma­lia, Brun­nen, Imp­fun­gen, Schu­len, dazu eine Selbst­dar­stel­lung von Glau­ben, Barm­her­zig­keit und huma­ni­tä­rer Ver­ant­wor­tung. Die Akten der Bun­des­re­gie­rung erzähl­ten eine ande­re Geschich­te, schreibt Bal­cı. Auf Klei­ne Anfra­gen der Oppo­si­ti­on habe die Bun­des­re­gie­rung fest­ge­hal­ten, dass IRD und die Dach­or­ga­ni­sa­ti­on Isla­mic Reli­ef World­wi­de über signi­fi­kan­te per­so­nel­le Ver­bin­dun­gen zur Mus­lim­bru­der­schaft oder ihr nahe­ste­hen­den Orga­ni­sa­tio­nen ver­füg­ten. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz spre­che von nach wie vor signi­fi­kan­ten per­so­nel­len Ver­flech­tun­gen; Isra­el habe Isla­mic-Reli­ef-Struk­tu­ren als Teil des Finanz- und Unter­stüt­zungs­ap­pa­rats der Hamas ein­ge­stuft und ver­bo­ten.

Trotz die­ser Ein­schät­zun­gen flos­sen laut Bal­cı über Jah­re rund 15 Mil­lio­nen Euro Steu­er­geld an IRD, allein aus dem Etat des Aus­wär­ti­gen Amtes, hin­zu kamen Mit­tel des Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­ums und über Bünd­nis­platt­for­men wie der »Akti­on Deutsch­land Hilft« ein­ge­wor­be­ne Gel­der. Der frei­ge­klag­te Bericht des Bun­des­rech­nungs­hofs ver­mer­ke, dass das Aus­wär­ti­ge Amt schon seit 2014 von der israe­li­schen Ein­stu­fung wuss­te – und den­noch bis 2019 wei­ter­zahl­te. In der nüch­ter­nen Prü­fer­spra­che lese sich das wie ein tech­ni­scher Befund, tat­säch­lich sei es eine Ankla­ge: unzu­rei­chen­de Eig­nungs- und Boni­täts­prü­fun­gen, ver­spä­tet akzep­tier­te Ver­wen­dungs­nach­wei­se, eine im Jahr des För­der­be­ginns ver­nich­te­te Grund­satz­ak­te. Zeit­wei­se habe das Amt nicht ein­mal ver­läss­lich gewusst, ob sei­ne Gel­der unmit­tel­bar oder mit­tel­bar in Struk­tu­ren von Hamas oder Mus­lim­bru­der­schaft flos­sen – und damit gegen die eige­ne Wei­sungs­la­ge ver­sto­ßen.

Ein­ge­stellt, aber nicht been­det

Bal­cıs zen­tra­ler Punkt: Der Skan­dal ende nicht mit der letz­ten Über­wei­sung. Wäh­rend der Bun­des­rech­nungs­hof emp­feh­le, IRD nicht wei­ter zu för­dern, blie­ben die insti­tu­tio­nel­len Türen offen. IRD sit­ze bis heu­te im Koor­di­nie­rungs­aus­schuss Huma­ni­tä­re Hil­fe, dem zen­tra­len Abstim­mungs­fo­rum zwi­schen Bun­des­re­gie­rung und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen beim Aus­wär­ti­gen Amt – obwohl inter­ne Wei­sun­gen vor­sä­hen, Trä­ger mit extre­mis­ti­schen Bezü­gen von sol­chen pri­vi­le­gier­ten Rol­len aus­zu­schlie­ßen. Direkt­zu­wen­dun­gen aus dem AA-Haus­halt sei­en zwar ein­ge­stellt, doch auf euro­päi­scher Ebe­ne lie­fen Pro­jek­te mit IRD-Betei­li­gung wei­ter, etwa im Rah­men von Eras­mus+, und Deutsch­land blei­be als größ­ter Net­to­zah­ler Teil des Finan­zie­rungs­rah­mens.

Die Ver­tei­di­gung klin­ge ver­traut: Man habe die Kri­tik geprüft, Leh­ren gezo­gen, die För­der­pra­xis wei­ter­ent­wi­ckelt. IRD selbst ver­wei­se auf einen umfang­rei­chen Reform­pro­zess, neue Sat­zung, neue Com­pli­ance-Regeln, per­so­nel­le Ver­än­de­run­gen, und bestrei­te über die Kanz­lei Höcker jede Nähe zur Mus­lim­bru­der­schaft wie zur Hamas. All das ände­re nichts dar­an, so Bal­cı, dass Sicher­heits­be­hör­den, aus­län­di­sche Part­ner und Rech­nungs­prü­fer auf ihren Befun­den beharr­ten – und dass die Zusam­men­ar­beit nicht been­det, son­dern nur ver­la­gert sei.

Auf­ge­klärt nicht von den Minis­te­ri­en

Beson­ders deut­lich wer­de der Preis die­ses Weg­se­hens, wenn man fra­ge, wer über­haupt für die Ver­öf­fent­li­chung des Berichts gesorgt habe. Es sei­en nicht die Minis­te­ri­en gewe­sen, die Trans­pa­renz such­ten, son­dern eine Anwäl­tin, Isla­mis­mus­exper­ten und säku­la­re Akti­vis­ten – allen vor­an Sey­ran Ateş und das Insti­tut für Welt­an­schau­ungs­recht (ifw), die seit Jah­ren im Visier isla­mis­ti­scher Milieus ste­he und Poli­zei­schutz brau­che.

  • Die Vor­ge­schich­te des Berichts und sei­ne Befun­de im Detail – igno­rier­te War­nun­gen, ver­nich­te­te Akten, ver­schlepp­te Prü­fun­gen und ver­schwen­de­te Steu­er­gel­der bis zur För­de­rung »im Blind­flug« – haben Sey­ran Ateş und Sig­rid Herr­mann für AK Polis aus­führ­lich nach­ge­zeich­net. Wer die wei­ter­füh­ren­den Hin­ter­grün­de nach­voll­zie­hen möch­te, fin­det die Auf­ar­bei­tung hier.

Der Fall, so Bal­cıs Schluss­fol­ge­rung, gehe über indi­vi­du­el­le Fehl­ent­schei­dun­gen hin­aus. In den Schnitt­stel­len von Außen­po­li­tik, Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit und Zivil­ge­sell­schaft habe sich ein Bio­top gebil­det, in dem Isla­mis­ten ando­cken könn­ten: mit per­fek­ten För­der­an­trä­gen, ein­wand­frei­er Öffent­lich­keits­ar­beit und dem Ver­spre­chen, das Land posi­tiv zu ver­än­dern – im Sin­ne eines Pro­jekts, das mit plu­ra­lis­ti­scher Demo­kra­tie wenig, mit El-Zayats Vor­stel­lung vom Para­dies auf Erden sehr viel zu tun habe. Ihre For­mel dafür ist knapp: »Huma­ni­tä­re Fas­sa­de, isla­mis­ti­scher Unter­bau«.

Die gro­ßen Sum­men sind längst geflos­sen, der Bericht des Bun­des­rech­nungs­hofs ist geschrie­ben – und doch sitzt Isla­mic Reli­ef Deutsch­land im Koor­di­nie­rungs­aus­schuss wei­ter mit am Tisch. Wer das ermög­licht und ver­tei­digt habe, schreibt Bal­cı, arbei­te nicht an der Wehr­haf­tig­keit die­ser Demo­kra­tie, son­dern an ihrer Selbst­täu­schung. Solan­ge die Ver­ant­wort­li­chen im Amt blie­ben und die Koope­ra­ti­on mit isla­mis­ti­schen Struk­tu­ren wei­ter­lau­fe, sei nicht die offe­ne Gesell­schaft das Pro­blem, son­dern der Staat, der sich wei­ge­re, sie zu schüt­zen.


Wei­ter­le­sen:

Güner Bal­cı (3. Juni 2026): Und alle schau­en weg. Gast­bei­trag zum Fall Isla­mic Reli­ef Deutsch­land. In: Süd­deut­sche Zei­tung. Online ver­füg­bar unter: LINK