Ideen, Identitäten, Institutionen: Matthias Basedau über die Operationalisierung des Religionsbegriffs im »Handbuch Religion in Konflikten und Friedensprozessen«

Wer empirisch untersuchen will, wann Religion Gewalt befördert und wann sie Frieden stiftet, braucht zunächst einen präzisen, messbaren Religionsbegriff. Der Friedens- und Konfliktforscher Matthias Basedau zerlegt Religion dafür in drei sozial relevante Hauptdimensionen und zeigt entlang des Forschungsstandes, über welche Mechanismen jede von ihnen auf Frieden oder Gewalt wirken kann. Sein Beitrag ist im ersten Band des von Ines-Jacqueline Werkner herausgegebenen Handbuchs erschienen und liefert zugleich eine Bestandsaufnahme der Datenlücken, an denen die quantitative Forschung bis heute leidet.
Nach dem islamistischen Anschlag auf den CSD Berlin: Murat Kayman widerspricht der Deutung der Moscheeverbände als Präventionsakteure

Der Jurist und frühere DITIB-Verbandsfunktionär Murat Kayman nimmt zwei Interviews des Berliner Soziologen Özgür Özvatan im »Freitag« und im Deutschlandfunk zum Ausgangspunkt einer Grundsatzkritik. Er konfrontiert die These von den Gemeinden als wirksamen Schutzräumen mit Befunden des Forschungsverbunds MOTRA und mit der Predigtpraxis der staatlichen Partnerverbände. Sein Fazit: Ob religiöse Bildung vor Radikalisierung schützt, entscheidet sich an ihrem Inhalt, und genau diese Frage bleibt in der Debatte unbeantwortet.
Was hat Clankriminalität mit dem Islam zu tun?

»Ich beschreibe das Milieu, in dem so etwas wächst.« So antwortete der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban am 20. Mai 2026 auf dem Podium der Friedrich-Naumann-Stiftung, als ihn der Berliner Grünen-Innenpolitiker Vasili Franco nach dem Zusammenhang von Clankriminalität und Islam fragte. In diesem Artikel führt Ghadban die Antwort aus. Er beschreibt die Großfamilie als Sozialsystem, das Scharia-Familienrecht, die Ehrenkultur samt Blutrache, den politisch privilegierten Verbandsislam sowie die Parallelgesellschaft. Erst aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren ergebe sich, warum das Phänomen so robust ist – und welche Hebel im Sinne einer Auflösung wirken könnten.
DPI-Studie über die Finanzoperationen der Hisbollah in Europa

Rund ein Drittel ihres Jahresbudgets von mehr als einer Milliarde US-Dollar erwirtschaftet die schiitisch-islamistische Organisation aus illegalen Geschäften. Europa dient ihr dabei als Drehscheibe für Drogenhandel, Geldwäsche und den Schmuggel von Luxusgütern. Anhand von Fallstudien aus mehreren europäischen Ländern, darunter Österreich, zeigt die Analyse von Lina Khatib für die österreichische Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI), wie legale und illegale Aktivitäten ineinandergreifen und welche Lücken die europäische Terrorismusbekämpfung bislang offenlässt.
»Hassan Nasrallah – The Last Days of Hezbollah’s Chief« von Jacques Neriah

Jacques Neriah legt mit »Hassan Nasrallah – The Last Days of Hezbollah’s Chief« eine biografisch-strategische Studie über Aufstieg, Herrschaft und Ende des langjährigen Hisbollah-Generalsekretärs vor. Das bei Springer erschienene Werk verbindet nachrichtendienstliche Innenkenntnis, die historische Analyse der schiitischen Emanzipation im Libanon und die Rekonstruktion der israelischen Kampagne von 2024 zu einem Gesamtbild der Hisbollah als iranischem Stellvertreterprojekt, dessen Macht wesentlich auf einem sorgsam gepflegten Mythos beruhte.
Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne): Vorschlag »Gedenkstätte für Opfer des Islamismus« hat »etwas sehr Versöhnliches«

Am 24. Juli 2026 jährt sich zum zweiten Mal das Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH). Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Bündnis 90/Die Grünen) unterstützt die Idee, die IZH-Liegenschaften an der Außenalster als Ort des Gedenkens weiterzuentwickeln, und den Vorschlag einer »Gedenkstätte für die Opfer des Islamismus«. Auch aus der Hamburgischen Bürgerschaft kommt grüne Unterstützung.
»Islamic Relief Worldwide Under Pressure«: GWU-Paper dokumentiert Ergebnisse transnationaler Recherchen

Die Autoren Lorenzo Vidino und Samantha Wampold vom Program on Extremism der George Washington University (GWU) zeichnen in einem Briefing vom 14. Juli 2026 nach, wie das weltweit operierende Organisationsnetzwerk Islamic Relief in den vergangenen Monaten in den USA, in Deutschland und in Schweden unter Druck geraten ist – ausgelöst durch weitere Transparenz bei Extremismusbezügen und Mängel bei Rechenschaftspflichten.
Shahram Akbarzadehs Auftaktkapitel im »Routledge Handbook of Political Islam«: Der islamistische Zugriff auf den Staat im Namen göttlicher Souveränität

Das 2021 in zweiter Auflage erschienene Standardwerk eröffnet mit einer konzeptionellen Ortsbestimmung. Der Herausgeber definiert den Politischen Islam als Reaktionsphänomen des 20. Jahrhunderts, benennt seine zwei Angriffsziele, legt zwei innere Widersprüche der islamistischen Programmatik frei und spannt ein Spektrum auf, das vom Jihadismus bis zur tunesischen Ennahda reicht. Am Ende steht ein Plädoyer für begriffliche Beweglichkeit in der Islamismusforschung.
Bassam Tibis »Euro-Islam«: Die Europäisierung des Islam als Ausweg aus dem Zivilisationskonflikt

Im Jahr 2009 legte der syrisch-deutsche Sozial- und Politikwissenschaftler Bassam Tibi sein seit Anfang der 1990er Jahre entwickeltes Konzept des Euro-Islam erstmals als Buch in deutscher Sprache vor, geschrieben an der Cornell University und in der Endfassung in Yale. Er begründet darin, warum die Integration muslimischer Zuwanderer aus seiner Sicht die Ablösung von Schari’a und Djihad voraussetzt, und stellt Europa vor eine Wahl: Integration der Muslime als europäische Bürger oder Verfestigung islamischer Enklaven. Bleibenden Wert hat das Buch, weil es mit den fünf Elementen des Euro-Islam einen präzisen Maßstab formuliert, an dem sich jede Islampolitik und jeder muslimische Reformanspruch bis heute messen lassen.
Selektiv entkonkretisiert: Zehnjahresvergleich der Islamismus-Berichterstattung des Berliner Verfassungsschutzes (2016–2025)

Der Berliner Senat legte vor wenigen Wochen seinen ersten Islamismus-Monitor vor und stieß damit auf fachliche Kritik: Die Darstellung des legalistischen Spektrums sei über die Jahre unkonkreter geworden. Daraufhin hat der AK Polis einen indikatorgestützten Zehnjahresvergleich (2016–2025) durchgeführt. In den Blick rücken mehrere Mängel, insgesamt 20 verschlechterte Indikatoren, fünf Kernbefunde und ein Widerspruch: Der Verfassungsschutz zählt mehr Extremisten, benennt die konkreten Berliner Strukturen aber nicht mehr. Ein gestiegenes Personenpotenzial bei verschwundener Benennung lässt sich nicht mit nachlassender Gefahr erklären. Die Entkonkretisierung trifft dabei nur das legalistische islamistische Spektrum.